Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Situation mit vier Personen am Kaffeetisch

9. Januar 87

Ich starre aus dem Küchenfenster und beobachte die Regentropfen, die von der Wäscheleine hängen wie Lichterketten der durchsichtigen Art, als das Telefon klingelt.

"Ich bin auffem Pott!" schreit Karlos.

Als würde er ans Telefon gehen, wenn er nicht auf dem Pott säße. Er geht ja nicht mal ran, wenn er allein zu Hause ist und jemand lässt ohne Ende durchläuten. Karlos hasst es zu telefonieren. Er kann Telefone nicht ab. Ein Telefon ist für ihn Teufelsware. Was schreit er dann so? Erwartet er einen Anruf?

Der dicke Hansen ist am Apparat.

"Was is los bei euch?"

"Was soll sein. Karlos ist auf dem Scheisshaus, ich sitz in der Küche."

"Wir kommen auf einen Sprung vorbei. Können wir schön einen rund machen."

Bevor ich grünes Licht geben kann, hat Hansen schon aufgelegt. Keine fünf Minuten später stehen er und Gina vor der Tür.

"Wer isn da?" schnauft Karlos, der immer noch Sitzung hält.

"Der dicke Hansen und Gina", sag ich.

"Mh", meint Karlos, und brütet weiter.

Ich nehme mein nagelneues Diktiergerät, drücke record und verstecke es hinter der Yucca-Palme auf der Fensterbank, dann öffne ich die Tür. Das Diktiergerät hab ich mir tags zuvor im Kaufhof zugelegt, um heimlich Leute aufzunehmen. Das ist mein Plan. Ein vorläufiger Geniestreich. Mal sehen.

Dummerweise dauert es keine halbe Minute, schon hat der dicke Hansen, immer neugierig, immer am schnuppern, seine Griffel auf der Fensterbank und macht einen Strich durch den Plan.

"He! Was haben wir denn hier schönes..?" Er zieht das Diktiergerät hinter der Palme hervor. "Micro Notizbuch..? Sanyo. Hm, bestimmt von dir, Glumm, oder? He, das Gerät ist ja an! Das läuft ja!!"

"Der Glumm spioniert uns aus", kichert Gina.

Sie sieht ein bißchen aus wie Meg Ryan, genauso wasserstoffblond, ist aber nicht so puppig, dafür bekiffter. Sie studiert Reklame in Düsseldorf und amüsiert sich gern. Dass der dicke Hansen sie Wurst nennt, so wie früher alles ULLAH war für ihn, stört sie nicht weiter.

"Wo isn der Karlos? Nich da?" fragt sie lächelnd.

"Doch, sicher", sag ich, "am kacken."

Der dicke Hansen holt sein Piece raus und dreht eine Tüte. Es gibt Leute, die sind Pechvögel, also richtige Pechvögel, die nur einen Schluck Wasser trinken wollen und dann die ganze Bude unter Wasser setzen. Und weil sie das wissen, dass sie richtige Pechvögel sind, sehen sie sich vor, und es gibt Leute, die sind Pechvögel, tun aber so, als wäre alles in bester Ordnung. Der dicke Hansen ist Kategorie 2.

Mindestens einmal im Jahr wird er an den entlegensten Plätzen beim Kiffen ertappt. Am Canyon, einem einsamen Baggerloch nahe Düsseldorf, läuft er der einzigen Polizei-Fußstreife des ganzen Sommers in die Arme, mit einer dampfenden Riesen-Lolle im Maul. Während eines USA-Trips in New Orleans wird er im Hotel verhaftet, als er von einem getarnten Drogenfahnder Marihuana kaufen will. Nach einer Nacht in der Zelle läßt der zuständige Sheriff ihn genervt laufen, fat stupid german, go ahead, go your way.

Während Hansen am Kaffeetisch schön einen rund macht, spricht er bekifftes Zeugs in das eingebaute Mikrofon des Diktiergeräts.

"Dummes Zeugs aufnehmen, asoziale Cornflakes.. futtern und nach Fisch stinken, so kenn ich den Glumm!" Er guckt mich an. "Kann man da mal durchwischen?"

"Wo?"

Er zeigt auf meinen Kopf. "Na, da. Mit dem feuchten Aufnehmer. Keine große Sache. Nur ma durchwischen. Was sagen Sie dazu?"

Aus Versehen stößt er mit dem Ärmel gegen die halb volle Kaffeetasse, die seit Tagen auf dem Küchentisch steht und irgendwie keinem gehört, und der kalte Kaffee ergiesst sich über den Tisch.

"Och nö! Der schöne Joint! Der ist ganz nass!" ruf ich.

"Kannst du doch trocken föhnen", meint Gina, praktisch veranlagt wie alle Frauen.

"Der Föhn ist im Bad", sag ich, "da kommst du nicht ran, solange Karlos am kacken ist."

"Nee, dann besser nich", meint Gina.

"Mach hin, Karlos!" ruft Hansen. "Notfall! WIR BRAUCHEN DEN FÖHN, DU RÖHRENWURM!"

"Kannst du dir abholen", gibt Karlos schnaubend zurück, überlegt es sich aber schnell anders. Er will keinen Besuch auf dem WC. Das ist schlimmer als Telefon. "Oder nee, Moment noch.. ein Minütchen noch."

Er betätigt die Klospülung dreimal hintereinander und zwar so laut, dass sich jeder von uns eine Weile mit sich selbst beschäftigen muss, um nicht die dicke Kackwurst vor Augen zu haben, die sich da gerade schwer tut, in der Kanalisation zu verschwinden. Die nicht durch das Abflussrohr passt. Ein Monster von einem Kackhaufen.

"Mann, ist der Karlos laut", sagt Gina. "Macht der immer son Krach?"

Ich vermute, dass der erste und der letzte Sinneseindruck im Leben eines Menschen ein Geräusch ist. Deshalb ist das auch so feierlich manchmal, wenn irgendetwo etwas leise vonstatten geht. Leise ist ein schönes Geräusch. Leise und bekifft vor sich hindenken, das ist nett, wie eine Meduse, die durch die Tiefsee stromert und sachte Klingelmännchen spielt am Riff bei den Röhrenwürmern.

Die Klotür schwingt auf. Karlos stromert in die Küche. Er riecht frisch gewaschen. Auf dem Weg zum Klo muss ich jede Nacht an seinem Zimmer vorbei und höre sein Herz strampeln.

"Vorsicht. Man kann mich nicht ärgern, ich weiß, wie ich ausseh", spielt Karlos auf den Röhrenwurm an. Er grüsst Gina, hallöchen, und zeigt mit dem frisch gewaschenen Zeigefinger auf den dicken Hansen. Die Beiden sind seit jeher ein bisschen wie Katz und Maus. "Na, da schau her. Der fette Bub ist auch da."

Hansen läßt sich nicht aus dem Konzept bringen.

"Ich bin nicht fett, ich bin gemäßigt breit", meint er und wendet sich mir zu, mit dem Diktiergerät. "Wo waren wir stehengeblieben..?"

"Keine Ahnung."

"Richtig. Eine Wurst ohne Pelle ist keine reguläre Wurst. Ich mein, wenn ich in eine Metzgerei geh, Entschuldigung, ich hätte gern ein viertel Pfund von der groben Leberwurst, dann.."

"Moment mal..". sag ich und nehm Hansen das Diktiergerät aus der Hand. "Da stimmt was nicht. Das läuft ja gar nicht. Das ist ja gar nicht an!" Ich fummle hektisch an den chromblitzenden Tasten herum, bekomm das Ding aber nicht ans Laufen. "Scheiße. Ist das Mistding schon kaputt!"

"Nee! Is wahr?" meint Gina.

Karlos reisst mir das Diktiergerät aus der Hand. "Das kann man ja nicht mitansehen!" Er drückt eject, entnimmt die Micro-Cassette, legt sie wieder ein, drückt record. "Die Cassette war am Ende, du Null! Das war alles! Musst du nur umdrehen, wenn die Seite voll ist!"

Alles lacht.

"Kaputt, das Gerät.. kaputt!" prustet Karlos vergnügt. "Oh, das wär mir jetzt aber peinlich, Sie Spion, Sie!"

"Ist es mir auch", sag ich. "Andererseits muss ich aber sagen: Es ist mir sehr, sehr peinlich."

Karlos faucht das Diktiergerät an: "Schade, dass du nicht kaputt bist! So kaputt wie der Glumm!"

Der dicke Hansen sitzt im Bad, um den Joint trocken zu föhnen. Stößt dabei im engen Badezimmer Flaschen um, Wasch-Lotionen etc. Es scheppert reichlich.

"He, Hansen! Mach nich son Lärm!" schreit Karlos. "Du bist nicht nur dick, du bist auch schwerfällig!"

Hansen föhnt ungerührt weiter. Kommt zurück in die Küche.

Karlos: "Ist der Johann trocken?"

Hansen: "Ist fast trocken."

Karlos: "Fast? Wieso fast? Wieso föhnst du nicht solange weiter, bis er ganz trocken ist?"

Hansen: "Der ist zu heiß geworden, euer Sport-Föhn. Der muss eine Runde nickern. Abkühlen. Der ist ja schon alt. Hinfällig. Ein hinfälliger alter Sport-Föhn."

"Ihr habt ne Macke", wirft Gina ein.

Karlos (gähnt): "Schade." (Überlegt). "Na schön. Wir können uns ja solange gegenseitig mit Papier bewerfen, ohne Schaden zu nehmen, bis der Föhn wieder bläst."

"Was ist eigentlich mit eurem Interview?" fragt Gina. "Ist schon zu Ende?"

So was muss man Hansen nicht zweimal sagen. Er reibt mir das laufende Diktiergerät unter die Nase.

"Womit begründen Sie Ihre Abneigung gegen das Durchwischen im eigenen Schädel, Herr?"

"Keine Ahnung. Ich.."

Karlos verdreht die Augen.

"Wenn ihr so einen Stuss auf Band aufnehmt, könnt ihr mir das Diktiergerät auch gleich mit aufs Klo geben, für ne schöne Sitzung. Ich hab jeden Sound, den ihr braucht, verschiedene Knattertöne beim Einkoten, ich kann fiepen wie ein Topf Muscheln, alles!"

"Bei mir wär das gefährlich mit dem Diktiergerät, ich hab von Zeit zu Zeit gefährlichen Spritzkot", wirft Hansen ein.

"Aber akustisch hochinteressant", sag ich.

"Gut, aber darfst du dir nicht direkt durch den Arsch wischen", giffelt Gina, "mit dem Gerät in der Hand."

Alle: "Ja, das wär schlecht!"

Ich erkläre das Interview für beendet. Hansen fummelt an der Telefonanlage rum, dem legendären Modell Hamburg mit den Riesentasten für Sehbehinderte.

"Hört mal, Kinder. Wir können ja den Telefonweckdienst anrufen, der soll uns in fünf Minuten wecken", schlägt er vor. "Wir sagen aber nicht unsere Nummer. Und wenn der Typ nach der Nummer fragt, sagen wir, was geht Sie unsere Telefonnummer an?? Unverschämtheit!"

"Dienstaufsichtsbeschwerde!" ruf ich.

"Disziplinarverfahren!" (Karlos.)

Zwei Tüten später ist endlich Stille in der Bude, alle Schnauzen sind still gekifft.

Karlos (in die Stille rein): "Ginalein, lass du dir doch noch einen Scherz entpurzeln, hm.."

Die dritte Tüte.

Hansen: "Gina, sag: Wie sind die Frauen?"

Sie (lässt sich Zeit mit der Antwort). Dann, leise giggelnd: "Bekifft."

Ich: "Versteh ich." (Pause.) Dann: "He! Ich werde verrückt! Ich versteh die Frauen! Endlich!"

Karlos: "Machen wir ein Fass zu!"

(Vorhanf.)

5.8.15 17:15
 
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