Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Datenschutz
  Impressum
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   
   Wer war 500beine
   Glumm auf Wordpress
   Susanne Eggerts Citronenbusen
   Blogroll
   Twitter 500beine

kostenloser Counter



https://myblog.de/500beine

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Das weiße Zimmer

Ich war volljährig und seit wenigen Monaten mit Lena zusammen, sie war süße wie scharfe fünfzehn, das war das Problem. Ihre Mutter fürchtete, dass man sie wegen des Kuppelei-Paragraphen 180 drankriegte und untersagte uns den Sex in ihren vier Wänden, auch wenn sie ansonsten nichts dagegen einzuwenden hatte, sie besorgte ihrer Tochter sogar die Pille.

"Geht meinetwegen in den Park und treibt es im Gebüsch, aber nicht in meinem Haus! Nicht, solange Lena keine sechzehn ist!"

Lenas Mutter war eine resolute und etwas anstrengende Person, frisch geschieden. Den Vater hatte ich ein einziges Mal kurz gesehen, als er unmittelbar vor dem Auszug aus dem gemeinsamen Reihenhaus nahe der Nussbaumstrasse auf dem Wohnzimmerteppich kniete und irgendwelche Dinge hin-und herschob, die ich auf die Schnelle nicht identifizieren konnte - ein Mann Mitte vierzig, mit traurigen erstickten Augen.

Es waren keine Matchboxautos.

Lenas Mutter wusste natürlich, was ihre jüngste Tochter für ein Früchtchen war, das machte die Sache nicht einfacher. Wir mussten ganz schön tricksen, bis Lena endlich ihren sechzehnten Geburtstag feierte und sie auch ganz offiziell den Mann bumsen durfte, den sie erst zum Mann gemacht hatte, mit ihrer unschuldigen Gabe, alles richtig zu machen.

Es war ja auch zum Lachen gewesen. Als wir uns kennenlernten, war ich ein lockiger, von den Mädels umschwärmter 19jähriger Nichtsnutz, der ein Geheimnis verbarg: Ich hatte noch nie mit einem Mädchen geschlafen. Beim ersten Versuch, mit 16 oder 17, war es schief gegangen, und danach traute ich mich nicht mehr heran. Zwar hatte ich Petting, jede Menge sogar, doch ich vermied jegliches Eindringen.

Es kam der Tag, an dem ich Lena davon erzählte. Lena, ein bildhübsches Mädchen mit langem braunen Haar und braunen Augen, ein echtes Juwel, das der liebe Gott mir an die Hand gegeben hatte, konnte kaum glauben, was sie da hörte. Am nächsten Tag trafen wir uns in der Nähe ihres Elternhauses, es war früh, sie musste Zeitung austragen.

Ich seh sie noch vor mir, wie sie dasteht mit ihrer Zeitungskarre und auf mich wartet, ich gehe auf sie zu, ich schlendere fast, will cool sein, weil ich mich doch am Tag zuvor offenbart hatte, weil das Geheimnis kein Geheimnis mehr war - ich fühlte mich nackt und wehrlos. Ich hatte mich in ihre Hände begeben, in die Hände eines 15jährigen aufgeweckten Mädels, in das ich so verliebt war, dass es weh tat.

Als wir wenig später endlich miteinander schliefen, in ihrer kleinen Kajüte unterm Dach, passierte es wie von ganz allein - pötzlich rutschte ich in sie hinein, und war drin. In dieser Nacht, ich blieb heimlich bei ihr, war ich so stolz und voller Lebensmut, man sagt, es müssen Kirchenglocken geläutet haben bis hinauf an die Nordsee .

*

Die Geschichte In einem weissen Zimmer spielt etwa ein Jahr später, als Lenas Mutter (und damit auch Lena) bereits vom Stadtrand ins Zentrum umgezogen war. Es war Vormittag, als ich in Lenas kleinem Zimmer aufwachte, ich hatte verschlafen. Ich jobbte damals als Kommissionierer bei der FZ, einem Zwischenlager für Kühlprodukte. Lena war längst fort, sie absolvierte eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin, und zwar genau drei Monate lang. Es folgten eine abgebrochene Lehre zur Zahnarzthelferin sowie einige Jahre als Kellnerin in diversen Brombeerweinschenken und Kneipen, bevor sie zu Beginn der 90er Jahre nach Hamburg ging, ihr Abitur nachmachte und zur Theater-Pädagogin umsattelte, heiratete und ein Kind bekam.

Welch eine Frau.

1981 wollte ich gerade aufs Klo gehen und hatte die Hand schon an der Türklinke, da hörte ich Stimmen, und erstarrte. Was zum Teufel machte Lenas Mutter um diese Uhrzeit zu Hause? Sie hätte doch längst zur Arbeit sein müssen.. Möglicherweise hatte sie Urlaub und Lena vergessen, mir davon zu erzählen. Oder es ging ihr nicht gut und sie hatte sich krank gemeldet. Keine Ahnung. Was aber noch schlimmer war: Nicht nur Lenas Mutter war daheim, auch Dascha, Lenas geschwätzige Kusine. "..was machen wir zum Reis?" hörte ich Dascha, die sich unlängst in der Wohnung einquartiert hatte, und sie antwortete sich gleich selbst:

"Spargel".

Ich zog mich an, weil ich dringend aufs Klo musste, traute mich aber nicht aus dem Zimmer. Am Abend zuvor war mächtig Stunk in der Bude gewesen, weil ich betrunken das Klo bekotzt hatte. Ich stand an der Zimmertür und horchte. Als die Stimmen sich entfernten, in Richtung Wohnzimmer und Balkon, öffnete ich vorsichtig die Tür.

Ich schlich den langen Korridor entlang, an dessen Ende sich die rettende Etagentür befand, die Pforte zur Freiheit, zur Sonne, zur Photosynthese, doch als ich die Hälfte des Flurs hinter mir hatte, näherten sich Schritte und ich verschwand hastig im Zimmer von Lenas grossem Bruder Tom. Der war auch in der Eigentumswohnung gemeldet, wenigstens auf dem Papier.

Tom war einige Jahre älter als ich und der Prototyp des gepflegten Langhaarigen, der sich hauptsächlich darüber definierte, welche Schallplatten er hörte. Man kannte solche Typen. Wie findest du mich? stierten sie einen groß und ängstlich an, wenn sie am Plattenspieler standen und penibel ihre aktuellen Lieblingsstücke präsentierten. Oder ihre Evergreens, die noch so viel mehr verieten über Typen wie Tom. (Natürlich war ich auch nicht anders. Sobald ich einen alten Doors-Hit auflegte, packte ich mir in den Schritt wie Jim Morrison und keuchte.)

Toms Plattensammlung umfasste sicher fünftausend Platten, nicht wenige aus der Jazz-Ecke, besonders Be Bop hatte es ihm angetan. Wer Be Bop hörte, dessen bekanntester Vertreter Charlie Parker in den 40er und 50er Jahren gewesen war, musste hart im Nehmen sein. Mit Be Bop machte man sich keine Freunde. Zwei, wenn es hochkam, oder eher doch nur einen, sich selbst. Aber dafür war die Charlie Parker-Discografie, die Tom besaß, komplett, seiner Meinung nach.

Als Familienmitglied war Tom kaum präsent. Er studierte Design in Wuppertal, wo er eine kleine Bude gemietet hatte. Das Zimmer in der Wohnung seiner Mutter diente eher als Ausweichquartier und war die späte Erfüllung eines spleenigen Teenagertraums: es war ganz in weiß gehalten.

Angefangen bei der Wandfarbe, 3fach aufgetragen, bis hinunter zum lackierten Holzboden und den darauf liegenden Flokatis, die ineinander überlappten: alles in weiß gehalten. Auch die wenigen Möbel waren, wenn nicht per se schon weiß, mit weißen Tüchern verhangen. Und die Matratze? Mit einem weißen Spannlaken bezogen. Das Regal? Weiss. Auch die darauf liegenden Füllfederhalter und anderen kleinen Accessoires waren ausnahmslos weiß.

Es gab sogar eine weiße Reiseschreibmaschine von Olivetti, die Tom auf einem Trödelmarkt in Antwerpen aufgetrieben hatte. Einzig die schwarzen Typen störten, weswegen Tom die Maschine auch nie benutzte.

Ich traute mich einfach nicht aus dem Zimmer. Warum eigentlich nicht? Warum machte ich nicht die Türe auf, spazierte durch den Flur und rief fröhlich "Guten Morgen" und machte, dass ich so schnell wie möglich aufs Klo kam, ordentlich abschiffen? Weil ich einfach nicht so war, damals. Ich war scheu. Ich war zwanzig und konnte mittlerweile sogar mit einer Frau schlafen, aber im Umgang mit Erwachsenen blieb ich gehemmt. Ich verstand Erwachsene nicht. Ich wusste nicht, was sie von mir wollten, ich kam nicht klar mit ihren Erwartungen, und überhaupt - schwierig, das alles.

In Toms Zimmer, umgeben von dieser verstörenden Weissheit, spannte ich ein weißes Blatt Papier in die Reiseschreibmaschine. Dann tippte ich so sachte und leise wie möglich

dascha ist eine krude schachtel.

In der Mitte des Resopaltisches stand eine schlanke weiße Vase, darin eine weiße Lilie, Botschafterin des Todes und beinahe schon mumifiziert. Ich musste so doll pinkeln, ich hielt es kaum noch aus. Ich lief hin und her und drückte mein Geschlecht wie ein kleiner Schulbub. In einer Ecke des Zimmers entdeckte ich eine leere Milchkanne. Sie diente als Zierde, wie eigentlich alles Zierde war in diesem unwirklich weißen Raum.

Ich setzte die Kanne an und ließ sie seufzend volllaufen - randvoll. Wäre Lenas Mutter oder Dascha in diesem Moment zufällig eingetreten, das hätte Geschrei gegeben, richtig Operette: DA PISST DAS SCHWEIN IN DIE MILCHKANNE! Dabei fiel es mir auf: Irgendetwas stimmte nicht. Es war die Farbe meines Urins. Das Gelb, es störte.

Und scheißen musste ich auch. Es war früh am Tag, Real Monkey Business. Ich überschlug die rechnerische Wahrscheinlichkeit, einen weißen Stuhlgang hinzubekommen, der sich der Umgebung des Zimmers unauffällig angepasst hätte, und entschied mich gegen einen Ausscheidungsversuch auf dem Flokati.

Ich stöhnte laut auf, so laut, dass ich schon glaubte, mich verraten zu haben. Doch niemand riss die Tür auf, niemand rief die Spuk-Polizei. Doch was sollte ich tun!? Mich stellen? War es dazu nicht schon zu spät? Eine Milchflasche voller Pisse, an diesem geweihtem Ort, unmöglich. Ich hockte mich auf den Hintern und kniff die Arschbacken zusammen. Lena würde kaum vor vier Uhr zurück sein.

Dann begann es nach Mittagessen zu duften. Nach Spargel. Als Kind hatte ich beim Spargelessen stets das Gefühl gehabt, ein wildes Pony zu reiten, das half mir jetzt auch nicht weiter. Lenas Mutter und Dascha hörte ich zwischen Küche, Wohnzimmer und Balkon hin und herlaufen und pausenlos schnattern. Das brachte mich auf eine Idee. Ich plante einen Ausbruchsversuch. Meine Chance würde kommen. Spätestens..

JETZT.

Als im Bad Wasser eingelassen wurde. Dascha ging baden. Dascha badete jeden Tag. Solange sie im Bad war, war sie ausgschaltet. Ich wusste aus Erfahrung, sie würde schwere süße Öle auftragen und ihr Gesicht einer Sonderbehandlung unterziehen, mit allerlei Zaubermittelchen.

"Zieh nicht so ein Gesicht", hatte ich sie einmal gestichelt, "du hast keins", worauf Dascha nach reiflicher Überlegung ("Wie hat der das gemeint, Lena!?") beschloss, mir nie mehr, nein: NIE MEHR! zu verzeihen.

Das einlaufende Badewasser wurde abgedreht, und Dascha rutschte stöhnend und stinkend in die Wanne. Das war meine Chance. Dascha im Bad und Lenas Mutter, so hoffte ich, auf dem Balkon, eine rauchen. Jetzt raus hier! und den Rest des Korridors entlang und leise die Etagentür aufgezogen - zur Freiheit, zur Sonne! - aber nein - es war Lenas Mutter, die einen Strich durch die Planung machte. Während Dascha nämlich im Bad "Fly, Robin, fly" pfiff, stand Lenas Mutter zu meiner Überraschung nicht auf dem Balkon, sondern in der Küche und brutzelte. Und da die Küche gleich neben der Eingangstür lag, die für mich die Ausgangstür bedeutete, war der Fluchtfisch gegessen. Dazu wurde frischer Spargel gereicht.

Verdammt, jetzt bekam ich auch noch Appetit.

Ich resignierte. Seufzend setzte ich die Kopfhörer auf und lauschte Charlie Parker. Damit ja nichts die blütenweisse Komposition seines Jungendraums störte, hatte Tom von sämtlichen Scheiben die Cover entfernt. Sie steckten in ihren weißen Innenhüllen und waren nur anhand der verschiedenen Plattenlabel zu unterscheiden. Allmählich verwirrte das viele Weiß, das mich umgab, erste Aufallerscheinung: um eine Zigarette anzustecken, versuchte ich mir mit einer weißen Schere Feuer zu geben.

So nicht, dachte ich. Du musst dich irgendwie beschäftigen, bis es endlich vier Uhr wird und Lena zurückkommt. Ich durchforstete Toms Sammlung nach irgendetwas, das mich interessierte. Be Bop war für mich gleichbedeutend mit einem Knäuel Elektrodraht im Schädel, den niemand zu entwirren imstande war. Aber es gab Titel von Charlie Parker, die mit Be Bop nichts am Hut hatten, sondern mit Orchester eingespielt worden waren und geradezu verwunschen klangen, aus der Zeit gefallen, in die Wiege - ein Album, von Jazz-Puristen als böser Ausrutscher diffamiert, von mir gefeiert.

Aber: Das Stück hatte ich nur ein Mal im Radio gehört und auf Band mitgeschitten, doch das Band war kaputt gegangen. Ich saß auf dem Flokati, den leckeren Spargelgeruch in der Nase und hatte noch jede Menge Zeit in diesem weißen Irrenhaus, bis vier Uhr mindestens. Ich kam mir vor wie der Weißclown, und die Blase füllte sich auch schon wieder.

Gut.

Mit Schneeblindheit hatte ich jetzt nicht gerechnet.
25.3.10 10:16
 
s



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung