Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Der unerhörte Exzeß: Airen schreibt STROBO

Von der Aufmachung her, ganz in weiß, eisblauer Titel, erinnert STROBO an eine 170 Seiten starke medizinische Broschüre im Wartezimmer das Nervenarztes, und tatsächlich: Airen, der gnadenloseste deutschsprachige Blogger, hat ein wildes irritierendes Buch geschrieben, polytoxikoman, multisexuell, kurz: Die Bekenntnisse eines Maßlosen, wie Airen schon 2005 sein erstes Weblog im Untertitel nannte.

Seine Trumpfkarte: der unerhörte Exzeß.
Airen ist ständig erregt und auf dem Posten.
S.84: "Jetzt bin ich wirklich drauf wie ein Schnitzel."



(Tarnname) Airen, Wirtschafts-Student, Mitte 20, Praktikant in einer Berliner Unternehmensberatung ("Fotzenjob"), zieht im Taumel des frühen 21. Jahrhunderts in seinen Trompetenhosen durch die Techno-Clubs der Hauptstadt. Es ist der Technosound, der diesem Buch zugrunde liegt, das Stroboskoplicht, die Poppers-Fläschchen, das mit cooler Fresse in der Ecke stehen und Ärsche abchequen, die nächste Nase Speed auf dem Klo, BANG!

Ein maskulines Buch.
S.128: "Ich muss mich damit abfinden, dass Sex ein zutiefst animalisches Vergnügen ist. Das mit Liebe nichts zu tun hat. Letztens stand ich in einer Kabine im Berghain, leicht gebückt wie eine Uhr, die zehn vor sechs anzeigt, und ließ mir von einem anonymen Typen den Arsch auslecken. Das letzte, was mir in dieser Situation in den Kopf gekommen wäre, ist der Satz: Ich liebe dich."

Der Witz kommt staubtrocken, oft im Drogen-und Techno-Jargon.
(S. 37: "Kleines Tütchen und mich flashts Oldschool.")
Nun gehört Jargon eigentlich in Dialoge, da Szenesprache das Verfallsdatum bereits in sich trägt. Das "astrein" der Jugend in den 70ern ist das "krass" der heutigen Generation: In spätestens 2x7 Jahren wird auch krass astrein altbacken klingen.

Eine Möglichkeit, dennoch so zu schreiben: mach einen langen Monolog daraus. Als würdest du dich hinsetzen und dir dein eigenes Leben erzählen. Und wenn du es laut tust und geschickt und wie selbstverständlich, wird daraus das Dokument einer Zeit. Man kann es jedenfalls versuchen.
Lediglich das Wörtchen "krass" nervt, wird überstrapaziert. (Ich meine, wenn selbst die Wolken schon beginnen, krass zu ziehen..) Aber das sind Randerscheinungen, gerade die Sprache macht dieses Buch so stark und verzweifelt authentisch.

Beim Lesen schier endloser Drogeneskapaden denke ich zunächst, hach ja, wie wir früher, auch wenn Akzente sich verschoben haben, Heroin wird nur noch zum Runterkommen von hyperkybernetischem MDMA konsumiert, (und was zum Teufel ist Ketamin?? denke ich, bevor Airen mich aufklärt), doch je länger ich lese, rückt etwas anderes in der Vordergrund: die Generation, der Airen angehört, wirkt einerseits härter und bedingungsloser, andererseits gefügiger.

Sie wissen nur zu gut, dass sie im großen kapitalistischen Räderwerk untergehen werden, dass das Leben, die große Dampfwalze, jede noch so große Fresse einebnen wird, dass es keinen Ausweg gibt, dass sowieso alles den Bach runtergeht, was bleibt also? Abfeiern. Ausknocken. Der Dancefloor. Airen hat genau das stets vor Augen. Er rüttelt an den Gitterstäben, und noch ist er jung genug..
S. 60: "Noch bin ich schmal genug, um durch die Gitter zu schlüpfen."
Für ein Wochenende.

Es gibt in diesem Buch wunderbar stimmige Einstellungen, und spätestens im Nachwort von Bomec, einem (Ex-) Blogger, der in STROBO ebenfalls vorkommt, wird klar, dass es (auch) ein Blogger-Buch ist. Wenn Airen und Bomec im fernen Mexiko in einer Bar sitzen, Gin Tonic kippen und über die Blogger reden, die sie beide lesen, ist es.. "als sitzen die Blogger, die wir beide nur durch ihre Texte kennen, mit uns am Tisch."

Wem schon sein Blog gefällt, sollte sich STROBO von Airen unbedingt zulegen, der romanhafte Zusammenhang macht es noch lesenswerter.
Und für Blogger ist es sowieso ein Muss.
Tolles Buch. Kaufen. Klauen. Egal.

*
STROBO
Roman
176 S., Broschur
SuKuLTuR-Verlag Berlin
978-3-941592-06-3
17,00 Euro

STROBO - das Buch.
Mit Ketamin in die Hölle - ein Podcast zum Reinhören auf Gefühlskonserve.


*
Darauf einen Dujardin und die Story Deutsche Junkies sind Petzliesen auf The Glumm, die aufgrund eines Eintrags in einem Schweizer Drogenforum gerade ihre Wiederauferstehung feiert.
8.10.09 18:19
 



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