Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Du klaust? Warum klaust du?

Das Klauen von LP's war schon Routine geworden. Ich wurde mit der Zeit richtig frech, ich machte nicht mehr viel Federlesen. Kurz umgeguckt, die Platte untern Arm geklemmt und rausmarschiert.

Meist klaute ich in den Musikabteilungen der großen Warenhäuser, wenn ich mittags aus der Schule kam. In den kleinen Schallplatten-Fachgeschäften, wie dem Zackzack am Eiland, stand man zu sehr unter Beobachtung, da ging ich nur hin, um zu sehen, was neu auf dem Markt war.

Mit diesem Wissen zog ich dann in den Kaufhof oder ins Karstadt, wo ein Schüler nicht sonderlich auffiel, der mittags zehn Minuten lang in den Platten wühlte und dann unverrichteterdinge wieder abzog. Außerdem war ich als Sandwichkind, (große Schwester, kleiner Bruder), darin geübt, mich unsichtbar zu machen, wenn es drauf ankam.

An dem Tag, als ich erwischt wurde, gab es einige Neuerscheinungen, die mich reizten, die ich gerne gehabt hätte, doch im Kaufhof am Mühlenplatz waren sie noch nicht angekommen. Ich entschied mich notgedrungen für Stephen Stills. Den fand ich nicht mal besonders. Er war Mitglied bei Crosby, Stills, Nash and Young gewesen, aber die hatten sich getrennt, soviel wusste ich, und er spielte Gitarre. Einen Song von seinem neuem Album hatte ich aus dem Radio aufgenommen, ich mochte das Stück nicht besonders. Ich nahm die Platte in die Hand.

Ich bückte mich, um mir weiter unten im Regal ein zweites Album anzuschauen. In der Hocke las ich ein bißchen in den Credits, jedenfalls tat ich so, in Wahrheit sondierte ich die Umgebung, doch der einzige Verkäufer, der um die Mittagszeit Dienst tat, hatte anderes zu tun, also ließ ich Stephen Stills locker in die Jutetasche gleiten, dann erhob ich mich, stellte die andere Platte irgendwo ab und verließ die Musik-Abteilung.

Ich trug keinen Tornister, Tornister waren out. Ich ging meist mit Umhängetasche in die Schule, und wenn wir sechs Stunden hatten und ich ne Menge Schulsachen einpacken musste, nahm ich zusätzlich einen Stoffbeutel mit oder eine Jutetasche. Meist wusste ich schon früh am Morgen, dass heute eine LP fällig war, wenn ich die Jutetasche einsteckte.

Aber ich war nachlässig geworden. Es war zu oft gut gegangen. Ich hatte lediglich den Verkäufer im Blick gehabt, mich sonst aber kaum umgeguckt an diesem Tag. Es war schon viel zu oft gut gegangen. Ich hatte eine stattliche LP-Sammlung zuhause, für mein Alter.

"Wo hast du die denn schon wieder her?" fragte meine Mutter ab und zu, wenn ich mittags nach Hause kam und es kaum abwarten konnte, ins neue Album reinzuhören.
"Geliehen", antwortete ich knapp.
"Von wem?"
"Von Freunden."
"Du hast aber ne Menge Freunde."
"Ja."

Entscheidend war der Moment, wo ich den Kaufhof verließ. Der Ausgang. Über diesen vergitterten Lüftungsschacht, aus dem warme Luft hoch stieg, eine fiese verbrauchte, tausend Mal schon gefressene Luft, eine Art Marilyn Monroe & Bratfisch-Quarantäne, die jeder Kunde passieren musste: für mich waren es die die Schritte zwischen Himmel und Hölle, das vergitterte Niemandsland, in dem alles möglich war; Schuld, Unschuld, Gefängnis, ein schönes Leben.

Bis ich hinaus auf den Mühlenplatz trat, das Heißluftgebläse noch im Ohr, und flott verschwand im Gewühl, mit diesem Kribbeln der Befreiung im Bauch und in den Beinen, diesem Siegergefühl, nicht erwischt worden zu sein, ein neue Trophäe zu besitzen.

Und dann passierte es doch. Ein Ladendetektiv hatte mich beobachtet und griff zu, als ich den Ausgang verlassen hatte (zügig durch die Schonung!) und im Gewühl des Mühlenplatzes untertauchen wollte, einem Areal mit Grünflächen, Bäumen und Wasserspielen.

Die Hand, die meine Schulter packte und mich zurückhielt, dieser Nackenschlag, dazu die tiefe männliche Stimme, "darf ich mal in deine Tasche gucken?" mit dem vorangestellten "Junger Mann," zwei Worte, die schon ausgereicht hatten, dass ich mir in die Hose machte, bildlich gesprochen jedenfalls stand ich in einer Pfütze aus Sühne, Scham und Gepinkel; ertappt. Dieses Mal war es nicht gut gegangen.

Ich war sechzehn geworden, ich hatte sogar noch etwas Geburtstagsgeld übrig, ich hätte nicht klauen müssen, aber ich klaute nicht wegen fehlendem Taschengeld, ich klaute wegen dem Gefühl der Befreiung, dem Kribbeln, dem Aufatmen, wenn ich dem dicken Konzern wieder mal ein Schnippchen geschlagen hatte; ich klaute danach lange Zeit nichts mehr.

Den Ladendetektiv-Moment vorm Kaufhof hatte ein junger Pole mitgekriegt, als er gerade dem Mühlenplatz entgegenstrebte. Ich kannte seinen Namen nicht, ein hochaufgeschossener Junge, der wenig Worte machte und regelmäßig mit uns Fußball spielte, unten am Klauberg. Ich seh sein entgeistertes Gesicht noch vor mir: Du klaust? Warum klaust du?

In den folgenden Jahren liefen wir uns oft über den Weg, nicht nur beim Fußball. Wir nickten uns kurz zu, das letzte Mal ist gar nicht so lange her, Anfang 2000 vielleicht, und immer noch war da dieser überraschte Ausdruck in seinem knochigen osteuropäischen Gesicht festgefroren, konserviert, herübergerettet aus dem Jahre 1975: Du klaust? Warum klaust du?

Weil ich noch keine tausend zusammen hab, du Depp.
20.7.09 17:53
 



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