Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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BREMSE

Endlich, ich werde gebraucht als Kettenraucher! Weil es an diesem drückend heißen Sonntagabend nur so wimmelt von Schnaken und Bremsen, die der Gräfin beim Waldspaziergang allesamt unter den Rock wollen, stapfe ich im Windschatten hinter ihr her, eine Zigarette nach der anderen paffend.
"Die Biester mögen keinen Rauch!"
"Ja, schon gut, schon gut, rauch du schön."

Das Gelichter wird ja nicht nur von unserem Schweiß magisch angezogen, sondern auch vom Gülle-Geruch, der unter unseren Schuhsohlen klebt, seit wir dieses frisch eingekübelte Feld passiert haben, auf dem sich Frau Moll ihr Fell eingerieben hat, es war ihr eine Freude.
Eine Suhle!
"Den Bremsen aber auch!" merkt die Gräfin an.
"Das sagte ich bereits", sage ich.
"Wem? Mir?"
"Nee, dem Saalpublikum."
"Welchem Saalpublikum?"
"Na, den Leuten hier, die mitlesen."
"Verräter", murrt sie.

Damit muss man leben, mit diesem Vorwurf, wenn man ständig seine Freundin zitiert. Seine Frau. Seine Muse.
"Sag mal, gibt es die Gräfin wirklich?" hat neulich jemand gefragt - oh ja, die gibt es. In ihren schrägsten Zeiten ist sie Sesamstraße: Hat sie keine Zitrone zur Hand, mixt sie sich ihre Cola eben mit einem frisch & sauber Citro-Tuch.
"Wenn man ganz still ist", sagt sie jetzt, "hört man sogar die Bäume, wie sie unter der Hitze leiden."
Wir bleiben stehen. Das will ich hören. Auch Frau Moll lässt sich sachte nieder, in dieser Parkbucht am Wegesrand, wo sonnabends die Discohirsche vorrollen, zähnebleckend, den flatternden Schal im Cabriowind.

"Immer nur Blödsinn in diesem Gehirn", zischelt die Gräfin. Sie hat plötzlich die Schnauze voll vom Sommer und schon den Herbst im Bauch.
"Tut richtig weh."
Dabei geht es nur um diese dämlichen Bremsen. Wollen wir doch mal ehrlich sein.
"Bei so einem Insektenwetter geht man eben nicht in den Wald", doziere ich." Das zerrüttet nur deine Nerven."
Ihre Hände, ständig zuschlagbereit, wie zwei Fliegenklatschen, es könnte sich ja die nächste Bremse nähern. Aber die Gräfin ist nicht unschuldig an dieser Situation, vor allem die Arme und Beine sind zwei Reißer, sind Kassenmagnet.
"Kannst noch froh sein, dass die Bremsen nicht fleischfarben sind."

Ich notiere meinen eigenen Satz in mein Notizbuch, da krabbelt ein Insekt meinen Arm hinauf. Zielstrebig, aber nicht hektisch.
"Zecke!" prescht die Gräfin vor und flitscht das Tier mit dem Zeigefinger weg.
"Eine Zecke? Das war doch keine Zecke", sag ich überrascht, "das war ein Käfer."
"Quatsch, das war eine Zecke! Die war noch klein!"
Du Scheisse! Die sah aus wie ein süßer Käfer, die Sau!!

Paar Minuten später, inmitten der Wupperberge, dreißig Grad in ihrem Schatten, schlägt mir die Gräfin mit der flachen Hand ins Gesicht! Ansatzlos! Voll auf die Wange!
"He!" ruf ich. "Was machst du denn da!?"
"Eine Bremse! Da war eine Bremse!!"
Tatsächlich habe ich aus den Augenwinkeln noch etwas Dunkles wegtaumeln gesehen, aber..
"..kannst du mich demnächst nicht vorher warnen, bevor du zuschlägst?!"
"Dafür war keine Zeit, mein Lieber."

Ich bin beleidigt. Zur Erfrischung waten die Gräfin und Frau Moll durch den Klauberger Bach.
"Guck mal meine Sandalen! Die können schwimmen!"
"Toll", grummel ich.
Ich steh oben auf dem Steg und beobachte, wie sie eine Bremse nach der anderen killt - oder alles, was sie dafür hält. Frau Moll stinkt weiterhin selig nach Gülle, das dolle Luder. Wie ein schwarzes Eselchen mit leichtem Hüftschaden bewegt sie sich durchs flache Wasser.

Als der Abend allmählich ausatmet und die Nacht Luft holt, verlassen wir den Wald. Ein Pärchen kommt uns entgegen. Die rothaarige Frau quasselt dermaßen auf ihren Begleiter ein, dem hängt schon die Hose in den Kniekehlen.
"Da hat jemand meine Unterschrift gefälscht und dann mit meiner Karte fünfzig Euro abgehoben! Das musst du dir mal vorstellen, Rolfi!"
"Zss", meint Rolfi niedergeschlagen.
"Pass auf, das dauert keine zehn Minuten und dem armen Rolfi ist die Hose bis auf die Knöchel runter und er macht Pipi", mutmaßt die Gräfin.

Obwohl wir nur noch um die Ecke müssen, setzen wir uns am Sommerberg eine Runde auf die Bank. Ich fächre der Gräfin mit dem Notizbuch Luft zu, und einen winzigen Moment lang spiele ich mit dem Gedanken, mich zu rächen, für die Ohrlasche eben. Den Bremsvorgang. Aber sie sieht so entspannt aus plötzlich, die Augen genussvoll geschlossen, vor lauter Entspannung entfährt ihr ein tiefer Seufzer, ein geradezu kardiologischer Bass-Sound, wie auf der Säuglingsstation.
Selbst Frau Moll hält neugierig das Köpfchen schief.
27.6.06 10:36
 



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