Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Kitteltier

Nachdem ich im Herbst 1986 den Literaturpreis erhalten hatte und in beiden Tageszeitungen der Stadt ausführlich darüber berichtet worden war, grüßten mich selbst die Punks und Ska-Brüder vom Mühlenplatz, Pulle Bier im Hals, "eh, da kommt ja der Schriftsteller..!"

Paar Tage nach Silvester klingelte Modell Hamburg, das Telefon. Karlos, früh wach, weil er einen Termin auf dem Friedhof hatte, wo der Leichnam einer jungen Motocrossfahrerin darauf wartete, unter die Erde zu kommen, hob den Hörer ab, nuschelte "Momentchen..", und reichte gleich den ganzen Apparat rüber.

"Für dich", flüsterte er und machte sich auf die Socken Richtung Friedhof Kasinostraße, Sargtragen. Pro Sarg kassierte er zwanzig Mark. Es gab Vormittage im Hochsommer, da waren drei Begräbnisse hintereinander angesetzt, weil ne Menge alter Leute der drückenden Hitze nicht standhielten. Jetzt war Januar. Nicht viel los auf dem Friedhof. Es sah nach einem grauen Tag aus.

"Herr Glumm?"
"Ja..?"
"Ich hab was für Sie!"
Die forsche Stimme kam mir bekannt vor, doch ich wusste zunächst nicht, wo ich sie hinstecken sollte.
"Mh..? Wer..?"
"Buntenbach. Arbeitsamt Solingen. Guten Morgen, der Herr!"

Scheiße, mein persönlicher Arbeitsvermittler. Und er rückte auch gleich raus mit der unangenehmen Sprache: Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, befristet auf sechs Monate, bei Obi.
"Bei.. Obi!?"
"Ja, bei Obi in Ohligs. Eisenwaren-Abteilung. Die suchen einen kräftigen jungen Mann. Da hab ich gleich an Sie gedacht.."

Weil ich noch nicht richtig wach war, glaubte ich erst, der will mich veräppeln, doch wenn Buntenbach, beziehungsweise das Arbeitsamt, um diese Uhrzeit anrief, dann wollten die einen eher nicht veräppeln, im Gegenteil, die wollten einen loswerden. In gewisser Weise konnte ich das sogar nachvollziehen. Ich war anderthalb Jahre ohne Job, und das mit Mitte Zwanzig, in der Blüte meiner Jahre.

Überall Muckis.

Dennoch war ich der Auffassung, dass man eine Ausnahme machen sollte, in meinem Fall. Als Schriftsteller brauchte ich Ruhe. Viel Ruhe. Ich brauchte Zeit zum Saufen, weil man dabei die wichtigen Leute kennenlernte und Erfahrungen machte, die unabdingbar waren für einen Schriftsteller, und ich brauchte Zeit, um mich vom Saufen zu erholen. Und gegen Mittag, wenn es mir besser ging, wenn der Kater nachließ, brauchte ich Zeit zum Schreiben. Ich wusste beim besten Willen nicht, wo man da noch Zeit für eine geregelte Arbeit dazwischenschieben sollte.
"Melden Sie sich in der Obi-Filiale!" kläffte Buntenbach in den Hörer. "Ansprechpartner ist der Filialleiter, Herr Hafner!"

Ich überlegte eine Weile hin und her, ob es nicht eine Möglichkeit gab, das Schicksal in diesem Punkt abzuwenden oder wenigstens rauszuzögern, doch mir fiel nichts ein, was Sinn machte, also rief ich am Nachmittag den Filialleiter an, wir machten einen Termin aus.

Als ich Karlos und den anderen davon erzählte, lachten sich alle schlapp. Glumm im Baumarkt, in der Eisenwaren-Abteilung, zwischen Schrauben und Nägel wühlend, mit zwei linken Händen, das war ein gefundenes Fressen.
"Der Glumm hat keine linken Hände, der hat überhaupt keine Hände! Der wichst auf Stumpen!"

Besonders der dicke Hansen, der sich mit Klavierunterricht und einem kleinen Erbe über Wasser hielt, strahlte übers ganze Denunziantengesicht.
"Endlich haben sie dich am Arsch gekriegt, fauler Hund!"
Er drohte, mindestens dreimal die Woche als Testkäufer im Obi aufzulaufen, um zu überprüfen, ob ich auch wirklich präsent war in den Gängen, oder ob ich mich doch nur aufs Klo verdrückte, EXPRESS lesen.

Woche später. Halb zehn, und der faule Hund, der Zeitkrösus, der gefeierte Literat saß mit der Bierhefe des Vorabends im Schädel im Oberleitungsbus nach Ohligs, zum verabredeten Vorstellungstermin. Ich war eine halbe Stunde zu spät. Nicht weil ich auf Teufel komm raus einen schlechten Eindruck machen wollte, sondern weil Karlos mir am Küchentisch noch unbedingt einen Traum schildern musste, worüber ich die Zeit verkrost hatte.

Die Obi-Filiale, ein eckiger Flachdachbau, lag direkt an der Hauptstraße. Vom Kunden-Parkplatz aus hatte man einen weiträumigen Blick in den Laden. Ich rauchte eine Kippe und guckte mir das kommende Schlamassel von außen an, durch die breite Fensterfront, bevor ich mich endlich reintraute.

Es war, als betrat man ein kleines Stadion im Scheinwerferlicht. Musik dudelte aus unsichtbaren Lautsprechern, Mitspieler schoben große, vollgepackte Einkaufswagen übers Spielfeld, es roch nach Metall und gesägtem Holz.

Niemand hob den Blick, als ich in den Frühstücksraum guckte und hallo sagte. Eine Handvoll Mitarbeiter stierte erschöpft in den Kaffee. Nur eine junge Blondine, die einzige, die keinen orangefarbenen Kittel trug, drehte sich neugierig um.
"Hallo", sagte sie.
Hinter ihr, im Stahlregal, fiel mir ein Haufen weiterer orangefarbener Kittel auf, im Dutzend übereinander geschichtet, straff gebügelt, nach meinem armen Leib schielend.

"Ich such.. Herrn Hafner", sagte ich.
"Im Büro", meinte die Blonde.
"Ja. Und wo?"
"Na, hinter dir."
Das Büro der Filialleitung ähnelte einem rundum verglasten Boxring, zu dem eine kleine Treppe hochführte. Keine Ahnung, wie ich das Ding übersehen konnte.

Filialleiter Hafner, Mitte Dreißig, sportlicher Typ, schien in Ordnung zu sein. Wenn er mit einem sprach, blitzten seine Augen so freundlich und verschmitzt, als könnte man mit ihm Pferde stehlen. Andererseits, hatte ich nicht die Erfahrung gemacht, dass gerade diejenigen, die zunächst auf betont locker machten, sehr schnell sehr unlocker wurden, und dann war mit Pferdestehlen Essig? War es nicht eher so, dass mit solchen Falschspielern nicht mal ein Ponyklau zu machen war? Geschweige denn ein Eselchen satteln, entführen und abschlachten?

Also, Obacht.

Schnell war geklärt, dass ich aus der Nummer nicht mehr raus kam. Obwohl ich mein Bestes gab, nein, da war nichts zu machen. Hafner wollte mich haben, warum auch immer.

"Handwerklich bin ich eine Null", seufzte ich einen letzten Versuch und achtete darauf, dass meine Hände kraftlos und schlaff über der Stuhllehne baumelten.
"Macht nichts, das lernen Sie."
"Und was soll ich den Kunden sagen, die zu mir kommen? Die denken doch, da steht ein Mann im Kittel, der weiß Bescheid, der hat Ahnung, wo was zu finden ist."
"Dann tragen sie die ersten ein, zwei Wochen keinen Kittel. Bis Sie besser Bescheid wissen."
"Und wenn trotzdem jemand eine Frage hat?"
"Dann verweisen Sie ihn freundlich an den nächsten Mitarbeiter."
"Und wenn keiner in der Nähe ist?"
"Dann an den übernächsten Kollegen."

Ich ließ meine Hände noch schlapper über die Stuhllehne baumeln, sie hingen da wie die größten Hängenlasser in der Geschichte des Hängenlassens von Händen bei einem Vorstellungsgespräch.
"Und wenn da auch keiner ist?"
"Also.., jetzt fangen Sie doch erst einmal an, Herrschaftszeiten!"

Danach versuchte ich nur noch, so viel wie möglich für mich rauszuholen. Besser gesagt, so wenig wie möglich. So wenig Arbeitszeit wie möglich. Wenigstens das.
"Ich brauche Zeit zum Schreiben", sagte ich.
"Schreiben? Wie, was denn? Sie müssen Schreiben lernen?"
Ich klärte ihn auf.

Wir einigten uns auf den 1. Februar als Antrittstermin. Noch drei Wochen Galgenfrist, immerhin. Und eine Vier-Tage-Woche statt einer Fünf-Tage-Woche, fürs gleiche wenige (vom Arbeitsamt gezahlte) Geld, immerhin, immerhin. Da war nur noch eins.
"Eisenwaren, muss das sein? Können Sie mich nicht woanders einsetzen?"
"Wo denn? Welche Abteilung? Was können Sie denn?"
"Keine Ahnung."
Wir blieben bei Eisenwaren.

Wo ich schon mal in Ohligs war, brachte ich den Vertrag gleich persönlich ins Arbeitsamt, Vermittler Buntenbach musste noch unterschreiben. Während ich darauf wartete, dass er von der Mittagspause zurückkehrte, sah ich mich in der fast leeren Wartezone einer erbosten, fetten Frau ausgeliefert. Sie sah aus wie ein begehbarer Kühlschrank.

Sie blätterte in einer Broschüre des Arbeitsamtes.
"Wird immer schlimmer hier", krächzte sie, ohne den Blick aus der Broschüre zu heben. "Früher durfte ich meine Pudel mitnehmen ins Büro, dann mussten die beiden draußen auf dem Flur warten, und heutzutage dürfen Hunde hier gar nicht mehr rein! Was glauben Sie, was los ist, wenn Mutti nach Hause kommt? Die reißen mir doch die Bude ab, wenn ich nicht zu Hause bin!"

Ihre Scharniere quietschten, als sie aufstand, und sie wurde laut, beinah schrie sie.
"Die blöden Weiber hier haben mir verboten, meine Hunde mitzubringen, wissen Sie auch warum?"
Sie glotzte in die Broschüre, im Stehen.
"WEIL DIE UNZUFRIEDEN MIT SICH SELBER SIND, DIE WEIBER! DESWEGEN!"

Buntenbach, einen Fitzel Feldsalat zwischen den Schneidezähnen, warf einen Blick in den Vertrag und stutzte, als er die Spalte "Arbeitszeit/Stunden" erreichte. Da war mit Bleistift eine "32" eingetragen.
"Wieso.. 32?"
"Weil die mich nur 32 Stunden brauchen können", log ich dreist, es kümmerte ihn aber ohnehin nicht weiter. Hauptsache, er war mich eine Weile los.
"So, Meister, am 1. Februar ist finis", sagte er, nicht ohne Genugtuung.
Er senkte die Stimme, plötzlich geplagt von einem Tremolo seiner Augenlider.
"Sitzt Madam noch auf dem Flur?"

Vorm Ohligser Bahnhof, dem eigentlichen Hauptbahnhof der Stadt, traf ich den guten alten Schmitti, der Jahrein, Jahraus mit demselben frisierten Mofa durch die Stadt tuckerte, einer feuerroten Zündapp. Die hatte er zwar auf über 100 Stundenkilometer hochgejazzt, doch wenn er die Hauptstraßen benutzte, fuhr er einen braven Stiefel. Er sah aus wie Popeye, der Seemann. Die Mofa-Variante.

"Schmitti, wie isses?"
"Ja, gut ist", sagte er und seine öligen Finger tippten ans Visier seines Motorradhelms.
"Ich hab nen neuen Job", sagte er.
"Wie, du auch? Was denn?"
"Beim Forstamt. Den ganzen Tag mit der Baumsäge, volle Suppe, hör mal, ist doch egal."

Hm. So gesehen.

1. Februar, morgens halb neun. Der Bus bog schon in die Haltebucht ein, als ich unten aus dem Park trat und die Klingenstraße hochguckte. "Scheißdreck!" fluchte ich und musste losrennen, damit der Fahrer nicht ohne mich abfuhr.

Busfahrern der Stadtwerke bereitete das Türe vor der Nase zuschlagen und losbrausen derart viel Vergnügen, dass sie daraus eine interne kleine Sportart kreiert hatten, mit täglicher Ausschüttung von Gold und Silber. Diesmal hatte ich Glück, der Fahrer musste ein paar drängelnde Schulkinder vor mir reinlassen, das dauerte. Außer Puste zählte ich ihm drei einzelne Markstücke hin. Er riss mürrisch ein Ticket vom Block, steckte die Münzen in seinen Kassenschlitz, und mürrte los.

In der Stadt angekommen hatte ich noch etwas Zeit, bevor ich in die Linie 1 umstieg, Richtung Ohligs. In der Markthalle ließ ich mir ein Schinken-Käse-Baguette präparieren und einpacken.

Zwanzig Minuten Busfahrt. Ich wurde sogar kontrolliert, sehr nett die drei Herrschaften, ich hatte den Fahrschein nicht umsonst gelöst.

Ohligs, Haltestelle Rathaus. LIEBE LEBEN OLIX knallte mich ein schwarzes Graffiti an, auf dem kurzen Fußweg zum Baumarkt. Mit seiner Nähe zu Düsseldorf war der Stadtteil Ohligs schicker als die Innenstadt. Schicker, aber auch beschaulicher. Mehr Horror.

Als ich den Parkplatz der Obi-Filiale erreichte, packte mich das Grausen. Die Vorstellung, von nun an für ein halbes Jahr vier Tage in der Woche in diese Schachtel zu müssen, das war wie Knastantritt. Sechs Monate ohne Bewährung. Angeklagter, eine letztes Wort? Ich steckte mir eine Kippe an und rauchte sie so weit runter, dass sie mir fast ins Fleisch des Zeigefingers brannte.

Ich war immer noch eine halbe Stunde zu spät. Das ließ sich nicht mehr aufholen. Die breite Eingangstür schob sich automatisch auseinander, drinnen war ich. Gefangen in riesiger Gemeinschaftszelle, verbrauchter Luft, gedämpfter Musik, Flutlicht: von hier konnte niemand ungesehen türmen.

Ich nahm die Treppe zum Büro, (das etwas erhöht gebaut war, damit die bewaffnete Filialleitung einen guten Blick über den Knastalltag hatte, da war ich mir jetzt sicher), doch da war niemand. Ich versuchte es gegenüber im Frühstücksraum. Die blonde Sekretärin saß alleine am Tisch und schaute mich an. Hielt die sich immer im Frühstücksraum auf? Cool.

"Na hallo..", flötete sie.
"Morgen", sagte ich.
"..hat er sich Brötchen mitgebracht!"
Als wäre das unheimlich niedlich gewesen, dass ich Brötchen mitgebracht hatte. Dabei war es ein Baguette. Ich ließ es unerwähnt.
Sie war hübsch. Das blonde Haar halblang und vorne rund geschnitten, wie Prinzessin Eisenherz.
"Komm, wir trinken erst mal einen Kaffee", meinte sie.

Sie stand vom Tisch auf, der aus mehreren Tischen bestand, zu einem großen Karo zusammengerückt, und ging zum Heißgetränkautomat in der Ecke, schloss ihn auf. Ihre Levis war so eng, dass sie nur mit dem Schuhlöffel reingekommen sein konnte. Oder sie war seit dem zehnten Lebensjahr langsam in die Blue Jeans reingewachsen, ohne sie seither je wieder ausgezogen zu haben. Es gab Möglichkeiten, wie sie das hingekriegt haben könnte, doch die waren limitiert und hauten nicht wirklich hin. Nein, der Hintern war schlichtweg grandios. Er knackte bei jeder Bewegung, wie ein leckeres Möbel.

"Kostet normalerweise fünfzig Pfennig, aber heute ausnahmsweise.."
Sie ließ den Satz unvollendet und lächelte kokett. Sie wusste um ihre Wirkung. So oft es ging, zeigte sie sich von hinten.
Der Kaffeebecher lief voll, und sie schloss den Automaten zu.
"Ich kann ihn dir nur schwarz anbieten, ich hoffe, das macht nichts."

Ich bedankte mich. Sie setzte sich zu mir. Leise, beinah schüchtern drang George Benson in den Pausenraum, "You make me shiver", eine makellos anschwappende Soul-Nummer, wie Wellen, die warm die Füßchen umspülten. Ein Scheißlied.

Wir saßen nebeneinander. Eng, doch mit einem gewissen Abstand. Wie das so ist, wenn man sich nicht kennt, aber genau weiß, dass man sich bald kennenlernen wird, weil einem nichts anderes übrigbleibt, unter künftigen Kollegen. Ich meinte, sogar ein leises Knistern vernommen zu haben zwischen uns, bis sie plötzlich eine Weißbrotstulle auspackte. Eine Stulle..! Wenn ich vor irgendetwas Horror hatte, dann vor Situationen im Pausenraum, wo jemand seine Butterbrotdose rausholte und Mahlzeit wünschte. Das war für mich gleichbedeutend mit dem Untergang der Welt. Mit Erwachsenwerden. Jetzt war ich Arbeiter. Ein Angestellter.
Kitteltier.
"Nutella", grinste sie. "Gibt Muckis."
Ich versuchte ein Lächeln. Es mißlang.

"Ich hab dein Foto in der Zeitung gesehen. Was schreibst du denn? Schreibst du richtig Romane?"
Gott, das auch noch. Ein paar Tage zuvor war ein Schwarz-Weiß-Foto im Tageblatt erschienen, das mich auf dem Pult sitzend vor einer Schulklasse zeigte. Der Deutschlehrer einer Gesamtschule hatte mich zu einer Lesung eingeladen, und ich hatte was von Eifersucht und dicken Zigarren auf der Autobahn gelesen, vor einem Haufen Zehntklässlern, die sich einen Schriftsteller anders vorgestellt hatten, seriöser, ohne Flicken auf der Hose, irgendwie nicht so.. Glumm.

"Nee, Romane nicht..", sagte ich zu ihr. (Was die Leute sich immer vorstellten.. Ein Schriftsteller schreibt Romane.. So ist das.) "Eher.. Geschichten."
"Geschichten? Was für Geschichten denn? Krimis?"
"Keine Krimis. Geschichten aus meinem Leben."
"Geschichten aus deinem Leben?" Sie glotzte. "Ist das denn so spannend?"
"Nö."

Sie schüttelte den Kopf und futterte ihr Weißbrot. Kein hastiges Malocherfuttern, glücklicherweise, eher ein süßes Knabbern. Dennoch, ich ahnte, dass es nicht gut gehen würde mit uns, auf Dauer. Sie erwartete eindeutig zu viel, und was mich betraf, so erwartete man am besten nichts von mir. So wenig wie möglich. Dann konnte ich kommen. Oder auch nicht.

"Und veröffentlichst du auch richtig?"
Mahlzeit. Da hatten wir's. Veröffentlichungen. Welches Thema war schlimmer für einen Autor ohne Buch. Wenn ich mich in die Enge getrieben fühlte, begann ich zu schummeln.
"Ja, in Stadtmagazinen", schummelte ich, und das noch nicht mal gut. Eine einzige lumpige Story hatte der Düsseldorfer Überblick gedruckt, und die beiden Geschichten, die ich im Anschluß eingereicht hatte, waren kommentarlos abgelehnt worden. Doch wenn ich schon mal schummelte, hätte ich auch dicker auftragen können, oder nicht? Nur: wozu?

"Ich hab das Bild von dir am Schwarzen Brett aufgehängt", sagte sie. "Wenn schon mal eine Berühmtheit hier arbeitet."
Ich winkte nicht mal ab. Berühmtheit. Sie stand auf, brachte die leeren Kaffeebecher zur Spüle. Da war er wieder, dieser Hintern. Den musste der Herrgott im Kopf gehabt haben, damals, als er die Wäsche erfand und was sich darin so alles verpacken ließ.

"Im Büro hab ich letztens mitgekriegt, dass du am Kannenhof wohnst", meinte sie. "Ich wohn auf der Baumstrasse, kann ich dich morgens im Auto mitnehmen, wenn du willst."
"Baumstrasse..? Das ist ja um die Ecke."
"Ja, genau. Gut, ne?"
Ich wunderte ich, dass ich sie noch nie gesehen hatte, wo sie doch so nah wohnte. Vermutlich war sie die Sorte Mensch, die in der Frühe das Haus verließ, ins Auto stieg und losfuhr, und am Abend das gleiche in umgekehrter Reihenfolge. Solche Leute konnten auch einen Hinterhof in Glasgow-Nord bewohnen, sie wäre mir nicht öfter über den Weg gelaufen.

"Musst du morgens früh nur durch den Park gehen", sagte sie. "Nicht mal zwei Minuten Fußweg bis zur Baumstrasse, oder? Du fährst doch kein Auto?"
Ich nickte. "Stimmt."
Ein Lichtblick. Aber schon im selben Moment, wo ich mich noch freute, nicht jeden Morgen mit einem Busfahrer der Linie 95 fighten zu müssen, tauchte die Vorstellung auf, jeden Morgen neben meiner blonden Kollegin zu sitzen, zwanzig Minuten lang über die Stadtautobahn von der Innenstadt bis nach Ohligs, auf dem Beifahrersitz. Morgens, wo ich unbedingt Ruhe haben wollte, kein Gequassel ertragen konnte, keine Musik, kein Radio.
"Kann ich mich ja am Spritzgeld beteiligen..", hörte ich mich sagen.
"Quatsch. Ich fahre doch sowieso, ob nun mit oder ohne dich."

Sie begann zu rechnen.
"Was kostet ne Busfahrt? Zwei Mark bis Ohligs?"
"Drei."
"Das sind hin und zurück sechs Mark am Tag. Wie oft arbeitest du hier in der Woche?"
"Vier Tage."
"Vier?" Sie guckte komisch. "Na, das macht.. 24 Mark in der Woche, mal vier sind.. fast hundert Mark im Monat. Die du sparst."

Unauffällig packte sie die verbliebene Hälfte ihres Nutellabrots wieder ein, wie nebenbei, als wäre eine Stulle im Pausenraum und MAHLZEIT-Sagen nicht der Untergang des Universums.
Frauen und Weißbrot, merkwürdige Angelegenheit.

Zehn Uhr. Musste ich nicht langsam mit der Arbeit anfangen? Wenigstens den Kittel überziehen, diese orangefarbene Rüstung mit dem Nagetier auf der Brusttasche, dem Logo der Baumarktkette?
"Und seit wann bist du hier?" zögerte ich die sechs Monate Knast hinaus.
"Von Anfang an. Seit vier Jahren. Ist ganz gut hier. Lässt sich aushalten. Die meisten Kollegen sind in Ordnung, und paar Arschlöcher hast du überall dabei, die meinen, was sagen zu müssen."
Ich musste lachen. "Vielleicht bin ich auch ein Arschloch."
"Ja, vielleicht..", lachte sie. "Vielleicht!"
Sie schien in Ordnung. Sie lachte über die richtigen Sachen.

"Ich heiße Gabi."
"Ich Glumm."
"Weiß ich doch."

Zwei Mitarbeiter kamen rein, sie brachten ihre eigenen Sitzkissen mit. Ach du Scheiße, bekam man hier Hämorrhoiden vom Arbeiten?! Der Längere der beiden, SANITÄR las ich auf seinem Namensschildchen, darunter: HR. DAHL, Herr Dahl also steckte sich beim Hinsetzen eine Kippe an, Peter Stuyvesant, und grinste.
"Das sind Autositzheizkissen mit Zigarettenanzünder. Brandneu, heut morgen reingekommen. Wir sitzen praktisch Probe."

Den Beiden war eine Putzfrau mit Eimer und Wischmob gefolgt, die um unsere Schuhe herum wischte, ohne dass irgendjemand groß Notiz von ihr nahm. Erst als die Putzfrau, und es war eine echte Bilderbuchputze mit strubbeligem Haar und Klammern drin, von Gabi gefragt wurde, wann sie denn vor habe, mal wieder zum Frisör zu gehen, (sie sagte es nicht boshaft, eher aus Neugier), da richtete die Putzfrau sich auf und antwortete keuchend, dass sie im letzten halben Jahr keine Zeit für den Frisör gefunden hätte, und es machte nicht den Eindruck, als ob sie darüber unglücklich war.

"Gestern im Ersten gesehen, über die Elbfischer?" fragte Dahl aus der Sanitär-Abteilung. Er hatte etwas Zackiges an sich, man konnte ihn sich gut beim Militär vorstellen, als Korporal.
Unterm Kittel trug er eine Art schwarzer Skihose
"Nee", erwiderte sein Gegenüber, ein glatzköpfiger kleiner Mann, der nicht aussah, als interessierte ihn das.
"An der Elbe hat's vor zwanzig Jahren noch mehr als tausend Fischer gegeben, heute gibt’s noch ganze zwölf, musst du dir mal vorstellen. Und dann haben sie auch die Fische gezeigt, die sie aus der Elbe rausholen, heutzutage. Die haben Beulenpest und alles. Ich sag euch, ich rühr kein Fischstäbchen mehr an."

Korporal Dahl steckte sich eine zweite Peter Stuyvesant an und musterte mich.
"Fangen Sie hier an?"
Ich nickte.
"Wo denn?"
"Na, hier."
"Ja, aber welche Abteilung?"
"Ach so. Ähm, Eisenwaren."

Die Kollegen tauschten einen kurzen flatternden Blick. War ich eine Bedrohung für sie? Hatten sie Angst um ihren Job? Gestandene Männer in gestärkten Kitteln zeigten Nerven, wegen so einem Pipijob im Baumarkt? Na schön, ich war jung, ich hatte keine Kinder, keine Verantwortung, und kam mit wenig Geld über die Runden. Meine Währung hieß Zeit. Davon konnte ich nicht genug kriegen. Warum also sollte ich, Zeitkrösus, fauler Hund, Schreibmaschine, mich lustig machen über 50jährige Männer, die Angst davor hatten, keine Arbeit mehr zu finden, sollte ihnen hier gekündigt werden?
"Aber nur für ein halbes Jahr", sagte ich, "dann bin ich wieder weg."
Falls Blicke je aufatmen konnten, so hörte ich nun davon.

Gabi, zwischenzeitlich unterwegs gewesen, um nach Filialleiter Hafner zu suchen, kehrte zurück in den Pausenraum und zeigte durch die Scheibe.
"Der Chef steht hinten in der Elektro-Abteilung, da, mit dem Kollegen."
Sie grinste.
"Er wartet schon."

Hafner und ein Mitarbeiter plauderten ungerührt weiter, als ich mich dazugesellte, in dem engen Gang, wo Steckdosen und ganze Steckdosenleisten aus den Regalen quollen. Ich blieb einen Schritt im Hintergrund und lauschte Feelings, einer 70er-Schnulze, wow-wow-wow Feelings, und je länger die Beiden miteinander plauderten und scherzten, desto piepegaler schien es zu sein, ob ich nun dabeistand oder Laub fegte oder einer Oma, bei der Eisenmangel diagnostiziert worden war, rostige Nägel ins Bett warf. (Gehörte ich vielleicht doch in die Eisenwarenabteilung? War ich hier vielleicht doch richtig?)

Endlich nahm Hafner meine Anwesenheit wahr. Er stellte mich dem Kollegen vor, einem energischen kleinen Mann mit scharf ausrasiertem Bart, es war der stellvertretende Filialleiter. Dann begann ein kleiner Rundgang.
"Ich stell Sie mal der Belegschaft vor", meinte Hafner.
Vorbei an den Kassen, von denen um diese Uhrzeit lediglich eine besetzt war, von Fr. Geibel, einem Relikt mit Dauerwelle und zickigen Zähnen.

"In der Regel werden Sie Waren auszeichnen", meinte Hafner, dessen niedriges Fußballerbecken beim Gehen merkwürdig hin und herschaukelte, als käme von allen Seiten Orkan auf, und zwar gleichzeitig, "da müssen Sie gar nicht viel wissen. Sie kriegen eine Liste in die Hand, den Wareneingangsbogen, da stehen die Preise drauf, und eine Preispistole, auf der stellen Sie die Ziffern ein und zeichnen die Ware aus. That's it."
That's it? Hm. Ja.

In der Holz-Abteilung stand ein junger Mann an der Säge, den, so Hafner, alle nur Hansa riefen, daneben ein Kunde.
"Würden Sie mir die Latte hier in zwei Teile sägen?" meinte der Kunde freundlich. "Daraus will ich mir ein Fliegengitter bauen, aber so kriege ich die Latte nicht in mein Auto verstaut."
"WELCHE LATTE?" schrie Hansa, der dicke Ohrschützer trug.
"Nun ja, die Latte hier eben..."
"DAS IST EINE ZWO-VIERZEHNER, DIN-GENORMT, PASST FÜR JEDEN AUTOTYP, SELBST MINICOOPER!"
"Ja, das schon, aber dann muss ich die ähm Latte beim Fahren aus dem Fenster hängen und.."
"SIE MEINEN DIE DIE ZWO-VIERZEHNER!"
"Äh, 'türlich, die Zwo-Vierzehner, aus dem Seitenfenster hängen, das tu ich nicht so gerne, könnten Sie nicht eventuell doch...mal eben in Ihre Säge..?"
"DAS IST EIN PRÄZISIONSSCHNEIDER, DA PASST DIE ZWO-VIERZEHNER GAR NICHT REIN, DIE IST VIEL ZU SCHMAL DAFÜR!"
"Oh..ja, sicher, Herr.. und mit einer Handsäge? Ginge das nicht vielleicht.. mal eben?"
"HANDSÄGE??"
"Äh.. mit der Hand.. sägen..?"
"SIE MEINEN EINEN FUCHSSCHWANZ!"

Filialleiter Hafner warf einen Blick auf die große Wanduhr.
"Ist gleich Mittag. Dann werden hier alle ein bißchen nervös."
Er zog mich weiter.
"JA, MENSCH, IST DENN HIER NIEMAND, KEIN ABTEILUNGSLEITER ODER SO WAS, DER EINEM MAL EINE VERNÜNFTIGE ANTWORT GEBEN KANN?!" hörte ich einen Verzweiflungsschrei vom entgegengesetzten Ende der Halle, doch Hafner tat so, als hätte er es nicht gehört, obwohl sogar Kunden, die uns im Gang begegneten, zu applaudieren schienen.

Nach der Mittagspause durfte ich eine Palette Flüssigdünger auszeichnen und in die Regale räumen, eine Betätigung, durch die viele Kunden mich als Obi-Mitarbeiter identifizieren konnten, auch ohne Kittel.

37mal kamen Leute auf mich zu und fragten, wo finde ich Fugendichtungen?, wo sind Gardinenstangen?, habt ihr Holzpaneele?, und 37mal antwortete ich bedauernd, tut mir leid, ich bin heut den ersten Tag hier. Oh, sagten da die Leute, natürlich, das ist ja klar, da können Sie natürlich nicht Bescheid wissen, da such ich lieber selbst, dankeschön, junger Mann. Was die Leute nicht ahnen konnten: zwei Monate später würde sich das Ganze garantiert nicht viel anders abspielen, tut mir leid, ich weiß nicht, wo wir Paneele haben, ich bin heute erst den einundsechzigsten Tag hier.

Ach so! Nee, ist klar, junger Mann!
23.3.09 11:09
 
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