Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Silvester

31.12. 86

Mittags geht das Burgfräulein nach Hause und ich ins Mumms, das an Silvester ein Trinkaus veranstaltet: Zu jeder vollen Stunde wird ein Gong geschlagen und das Bier um einen Groschen billiger, solange, bis die angeschlagenen Fässer leer sind, dann ist Feierabend. In der Regel am späten Nachmittag. Ziemlich albern das ganze, aber die Leute saufen, als wäre es das letzte, was sie jemals zu saufen kriegen.

Wenn gegen vier Uhr der letzte Nösel Kölsch aus dem Hahn getröpfelt ist und Alt und Pils schon lange leer sind, bleibt zum Schluß nur noch Guiness vom Fass übrig und alle sind am Kotzen.

Die Atmosphäre ist dieses Jahr übel unterkühlt. Selbst draußen auf dem Bürgersteig, wo wegen des Andrangs zusätzliche Bierwagen aufgestellt sind und das blaue Dixie-Klo Olympus zum Einsatz kommt, bleibt die Stimmung blass.

Im Gedränge am Tresen entdecke ich Karlos, er hat sich einen Hocker erkämpft. Ich wühle mich zu ihm durch. An seiner Schulter lehnt dieser Trunkenbold mit Nickelbrille. Er pennt im Stehen. Typischer Fall von zu schnell zu früh zu viel Bier getrunken.

"Karlos", ruf ich, "hast du dein neues Haustier mitgebracht? Ein schönes Vieh!"
Der Bursche schnellt hoch, richtet seine verrutschte Nickelbrille und taucht rudernd in der Menge unter.
"Na also", meint Karlos, "wird auch Zeit."

Er ist seit zwölf Uhr hier und reichlich abgefüllt. Er glüht im Gesicht, als habe er Himbeeren direkt vom Strauch gefressen. Elektrische Himbeeren.
"Schon was aufgetan?" frag ich.
"Ja, hier, ne Ecke Libanesen."
Er zeigt mir einen Brösel.
"Nee, ich mein ne Fete."
"Nee, aber ist mir auch schnuppe. Mit dem Brösel hier lass ich das verschissene Jahr genauso ausblenden wie es die meiste Zeit gewesen ist: mit dem Arsch vor der Buntkiste."

Er muss Neujahr früh raus, seinen Vater vertreten. Der ist Küster an der evangelischen Stadtkirche und nach Leipzig verreist, somit ist Karlos für den Neujahrs-Gottesdienst verantwortlich. Für Gesangsbücher auslegen, Kollekte einsammeln.
"Scheiße, irgendwo muss doch ne Fete laufen."
Karlos zuckt nur die Schulter.

Die Karten für die Silvester-Parties in den Szenekneipen sind längst vergriffen und die einzig mir bekannte Groß-Fete organisiert ausgerechnet mein alter Intimfeind Von den Steinen, ein Wuschelkopf mit neureicher Knollennase. Wir sind jahrelang in dieselbe Schulklasse gegangen, aber er hat mir bis heute nicht verziehen, dass ich eines Morgens gegen seinen Porsche gerotzt hab. Nicht weil er Porsche fuhr, sondern weil er schon Ende der 70er Jahre ein gottverdammter Popper war und ich Popper auf den Tod nicht ausstehen konnte, auch, als es sie noch gar nicht gab. Es war dieser Gestank in der Luft, der mich früh ausspucken ließ.

Popper sind die Leute, die zwei Mal im Monat einen trinken gehen, gegen einen Baum fahren und mit absolut heiler Haut aus dem Wrack gekrochen kommen, mit Aktenköfferchen, Kaschmir-Schal und Föhnfrisur: Anstatt einen Heldentod zu sterben. So was kann man nur hassen. Ich überwinde mich trotzdem und drängle mich zu ihm durch. Er macht die einzige nennenswerte Silvesterparty weit und breit. Ich hab gegen sein Auto gepinkelt.

"Eh, Glumm!" ruft der kleine Paco mit der schrillen Stimme aus der Ecke, wo der grosse Flipperautomat steht, "ich krieg noch Kohle von dir!", aber genau in dem Moment dröhnt das unvermeidliche "Marmor, Stein und Eisen bricht" aus den Boxen und ich verstehe keinen Ton.

Tief durchatmen. Ich frag die Knollennase, ob er was dagegen hätte, wenn ich heut Abend auf seiner Fete auftauchen würde, in Begleitung einer Frau.
"Darauf haben mich heute schon tausend Leute angesprochen", antwortet er, nicht unfreundlich übrigens, "denen hab ich auch schon absagen müssen. Wir haben nur für sechzig Leute zu fressen und zu saufen eingekauft, und es sind jetzt schon mehr als sechzig. Tut mir leid. Geht nicht."

Schön, Pech gehabt, ich hake erst gar nicht nach, die Bettelei ist mir zuwider. Dass ich mich überhaupt überwunden habe, liegt nur an der Vorstellung, Silvester allein mit dem Burgfräulein und Karlos vor der Glotze verbringen zu müssen. Vielleicht könnte man sich wenigstens was Heroin besorgen, sag ich zu Karlos.

Um 16 Uhr ist das letzte Fass Guiness leergetrunken, wir machen uns auf den Nachhauseweg. Die ganze Oststraße runter tritt Karlos vorüber fahrenden Wagen hinterher, einmal trifft er sogar den Kofferraum.
Der Escortfahrer bremst ab, sieht im Rückspiegel einen Choleriker, der wirres Zeug schreit und scheinbar in einen Himbeerstrauch gestürzt ist, da gibt er Gas.

Ich hab Karlos selten so aggressiv erlebt. Er kickt gegen am Straßenrand parkende Autos, "ihr verdammten Arschkisten!", er läuft pinkelnd um eine Litfass-Säule herum, damit auch ja jeder ihn fliegen sieht.

In der griechischen Imbisshalle an der Wupperstraße versorgen wir uns mit einer 2-Liter-Bombe zuckersüßen Likörwein.

Kaum zu Hause, schmeißt sich Karlos vor die Glotze und stopft die erste Purpfeife des Abends. Es ist halb acht. Um acht will das Burgfräulein kommen. Ich krieg langsam schlechte Laune. Denke an Flucht. Doch wohin? Die Kneipen haben dicht, mit Party ist Essig.
Ich höre die Enten lachen im nahen Park. Es klingt frech.

"Was ist mit Schore?" frag ich Karlos. "Keinen Bock?"
Er guckt mich an, als würde er gleich wieder um sich treten.
"Ruf an."
Schön, aber wen? Ich probiere es mit Fleschmüller. Vielleicht haben wir Glück und er ist da. Er ist da. Ob er ein Pack da habe, für uns zwei Hübschen.

"Wer isn da?"
"Ich."
"Wer isn ich?"
"Locke", sag ich.
"Locke..?" Moment Stille. Dann ein Lacher.
"Ich komm vorbei, Riemen. Halbe Stunde."

Dauert keine zehn Minuten, schon fährt Fleschmüller vor.
"Riemen, ich bin heute nur am Liefern. Jeder will auf den letzten Drücker noch was klarmachen."
Keine Ahnung, warum er mich Riemen nennt. Er hat mich nie Riemen genannt. Karlos war für Flesch immer der Puppenspieler. Noch in seinem Beisein ziehen Karlos und ich jeder eine fette Line vom Spiegel. Dann muss er fort.

Das Burgfräulein kommt pünktlich um acht mit einer Flasche Moselwein. Sie steht da wie die Unschuld vom Lande, frisch geduscht und nach Rose duftend, während Karlos und ich immer bräsiger werden. Das Pulver steigt auf die Knochen und die Kifferei tut ihr übriges.

Sie hat natürlich keinen Schimmer, was wir drin haben, wundert sich aber, warum wir so wenig trinken.
"So kenne ich euch ja gar nicht."

Wir schalten einen Louis de Funes-Schinken ein, der ist aber nicht lustig. Auf dem Küchentisch machen wir Platz für eine Partie Malefiz, die sich bis weit nach Mitternacht streckt. Als um zwölf das Feuerwerk startet, bin ich gerade mit dem Würfeln an der Reihe. Den Kopf müde aufgestützt murmle ich "ein frohes neues allerseits", Karlos reagiert überhaupt nicht, das Burgfräulein knufft mich freundlich in die Seite.

In einem kurzen Anfall von Übermut reiss ich das Fenster auf, "He! Nich son Lärm da draußen, ich ruf die Bullen! Ruhestörung!", dann werf ich den obligatorischen China-Kracher in den Hinterhof.
Bevor er auf dem feuchten Rasen landet, ist die Zündschnur schon erloschen.
"Verreck doch", brüllt Karlos dem Knaller hinterher, Echos von Raketen peitschen durch die Siedlung.

Um halb eins zeigt die ARD einen Monty Python-Film, und Karlos kocht einen Riesenpott Spaghetti ohne alles. Als der Film aus ist, verzieht er sich in sein Zimmer, das Burgfräulein und ich gehen auch ins Bett.
Langsamer, gut durchbluteter Heroinfick. Der beste Start ins neue Jahr seit langem.
4.1.20 10:59
 



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