Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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LSD

Die erste Linse hab ich mir 1977 mit Pepe geteilt. Eine Yellow Sunshine. Wir waren schon seit Monaten dahinter her gewesen, doch der große Bruder von Pepe hielt uns hin.

"Ein Trip ist nicht wie Kiffen", warnte er. "Das kann schwer ins Auge gehen. Dafür muß man mit jemand zusammen sein, dem man vertrauen kann. Wartet ein bißchen. Wenn ich noch mal Yellow Sunshines in die Finger kriege, halte ich euch eine zurück."

Yellow Sunshines, soviel hatten wir schon gehört, galten als die Könige unter den LSD-Trips.
Sanft, lang anhaltend, wenig Halluzinationen, kein Speed.

"Was denn, keine Hallus..!?" sagten wir verstört.
Der Bruder von Pepe lachte.
"Wartet nur ab.."

Er war gut im Geschäft damals. Er überfuhr Limousinen in die Türkei, und auf dem Rückflug brachte er Grünen Türken mit. Gepresste Platten, eng am Körper.

Erwischt haben sie ihn erst ein Jahr später, im Bee Gees-Sommer 78, als Pepe und ich ihn in an der Cote d'Azur besuchten, wo er mit Freunden Urlaub machte. Da kassierten ihn die französischen Flics, wegen einer dummen Bemerkung zur falschen Zeit.

Er hatte sich extra für den Urlaub einen VW-Bus ausgeliehen und den Unterboden mit 300 Gramm Türken präpariert. Nur so, zum Eigenverbrauch.
Wir gerieten an einem heissen Nachmittag in eine Polizeikontrolle.

Den Flics von St. Tropez waren wir ein Dorn im Auge. Deutsche Hippies, die sich den ganzen Tag den Bauch hielten vor Lachen und irgendwie nicht wie Nazis aussahen, das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen.

Als man uns aufforderte auzusteigen, beging einer der Freunde von Pepe's Bruder den verhängnisvollen Fehler.
Weil er Angst hatte, die Schmiere würde das Versteck entdecken, zischte er leise, aber vernehmbar, "Scheiße."

Sofort sprang ein französischer Bulle hinzu. Er sprach ein paar Brocken deutsch.
Wichtige Brocken.
"Wieso Scheisse? Wieso sagen Sie Scheisse..?!"
Der Freund von Pepes großem Bruder schwitzte. Wir schwitzten alle.
"Weil.."

Ihm wollte einfach nichts einfallen, und so hing dieses kleine "weil.." in der flirrenden südfranzösischen Luft wie ein winziger Vagabund, der nur eines im Sinn hatte: Flucht.
Die Schmiere direkt hinterher.
"Warum sagen Sie Scheisse, he!!?"

Sie haben den Wagen auseinander genommen, mitten in St. Tropez, bis zur letzten Schraube, und die beschissenen 300 Gramm natürlich gefunden.

Nach einem Nachmittag auf dem Revier durften Pepe und ich gehen, nicht ohne Stadtverbot zu erhalten, für St. Tropez und das angrenzende Departement.

Pepes Bruder wurde später zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt, eine für französische Verhältnisse geradezu lächerliche Strafe, was er nur seinem Vater zu verdanken hatte, der ihm den besten Verteidiger besorgte, der damals für Geld zu haben war.
Und für Geld war alles zu haben.
Auch damals.

Zum Beispiel eine Yellow Sunshine für zehn Mark.

An einem Frühlingstag war es endlich soweit.
"Bleibt auf jeden Fall zusammen, egal was passiert, und geht raus in die Natur", sagte sein großer Bruder noch, als er uns die winzige gelbe Tablette überreichte. "Bleibt bloß nicht im Zimmer hocken."
Dann wünschte er Pepe und mir einen angenehmen Flug.

Wir entschieden uns für den Wald am Hippergrund. Da, wo ich heute mit der Gräfin wohne und täglich Frau Moll ausführe, oder doch beinahe täglich.
Und ab und zu, wenn ich am Treppenbach stehe und das Wetter ist schön wie an diesem Frühlingstag 1978, seh ich uns wieder vor mir.

Wie wir den Trip, oder die Linse, wie es damals hieß, teilten und durch den Wald spazierten, Seite an Seite.
Es dauerte eine Stunde, dann ging es los.

Wenn man noch nie LSD genommen hat, erwartet man natürlich gewaltige Farb-Explosionen, oder dass man wie die Versuchs-Spinne in dem berühmten Experiment abgefahrene Netze häkelt, tatsächlich kam es ganz anders.

Es war, als besuchten wir Shangri-La. Das Land der Ruhe. Der Klarheit.
Wo der Strom aus milden Steckdosen fliesst.

Fulminant milden Steckdosen.

Ein organisches, federndes Gefühl bemächtigte sich unserer Körper, bis in die Fußspitzen, und obwohl Pepe und ich kaum ein Wort miteinander redeten, war völlig klar, dass wir exakt gleich empfanden.
Ein Phänomen, dass ich auch bei späteren Trips feststellte, solange jedenfalls, wie die Trips gut verliefen.

(Eins der irrsten Erlebnisse auf einem späteren LSD-Trip: wie ich und der Bruder vom dicken Hansen nebeneinander auf dem Klo hockten und kackten. Es war, als wollte die Wurst überhaupt nicht enden, als scheidete ich ein ganzes Planetensystem aus, mit einem Schweif anderer Planeten hintendran.
"Ich verrichte eine Geburt!"
"Bäh", blähte der Bruder vom dicken Hansen.)

Pepe und ich erreichten die Wiese am Theegarten, über die der Klauberger Bach plätscherte. Der Treppenbach. Wir liessen uns im Gras nieder, machten uns lang, die Ohren nah am Bachlauf.

Das Sprudeln des Wassers klang so stark und intensiv, als senkten sich riesige Tonarme in die Rille einer Geräusche-Platte und spielten sie nass ab. Es gluckste und tröpfelte und giggelte in den Ohren, als liefe der Bach mitten durch mein Gehirn in das Gehirn von Pepe und wieder zurück in mein Gehirn, wo es aus dem Ohr zurück in den kleinen Bach gluckste und giggelte und..

Wir lachten wie Blagen im Sandkasten.

Wir teilten ein Salbeibonbon, das schmeckte, als würde man mit dem Mund in der Badewanne sitzen.

Wir ruhten nebeneinander auf der Wiese und schauten in den Himmel, wo die Maisonne stand, als großer gelber Bombenkopf.

Wir spielten Sonneverschieben:

Blickten wir nach links, stand die Sonne links am Himmel, blickten wir nachts rechts, rutschte sie nach rechts. Es genügte ein Wimpernschlag, und der große gelbe Fixstern rückte in die entfernteste Ecke, oder wo auch immer wir ihn sehen wollten.

"Meine Sonne schlägt Purzelbaum", wisperte ich.
"Kuselkopp", antwortete Pepe. "Meine macht Kuselkopp."

Der Trip dauerte bis in den Abend. Es war wie nach dem Sex, wenn man geflutet ist von Entspannung und verbunden durch ein gelbes chemisches Band schlenderten wir durch Hofschaften, wo sich die Sonnenblumen vor uns verneigten, lange dünne Richtmikrofone, die alles aufzeichneten für die Ewigkeit, bis halb acht, und uns beglückwünschten.

(Summte einer von uns beiden ein Lied, baute sich im Kopf des Anderen schon die Fortsetzung auf.
Es war, als hörten wir Lieder, die es nicht gab. Niemals geben würde. Unsere Lieder.)

"Peyh-oh!...", flackerte Pepe.
4.4.08 11:03
 



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