Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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SEIN RAFFINIERTES LEBEN

Selbst in der Nacht, wenn er ?ber den Flur zum M?nnerklo ging, steckte die Pfeife l?ssig in seinem Mundwinkel. Es h?tte ihm ja jemand begegnen k?nnen, um vier Uhr vierzig. Und dann ohne Piepe..?! Das alte Meerschaum-Modell, angekokelt vom vielen Heissrauchen, war zu seinem Markenzeichen geworden. Kaum jemand konnte sich noch daran erinnern, wie er ?berhaupt aussah ohne Pfeife..

Bei seiner Geburt war etwas schief gegangen, doch was genau, das wusste er nicht richtig. Rudi wusste vieles nicht richtig, er war geistig auf dem Stand eines Zweitkl?sslers stehen geblieben. Doch das hinderte ihn nicht daran, ein freundlicher Zeitgenosse zu sein, im t?glichen Leben auf Wiederholungen bedacht. Das brachte Sicherheit.

Mit seinem quadratischen Sch?del sah Rudi ein bisschen aus wie ein Schinkenw?rfel, selbst sein Mund war viereckig und bis auf einige braune Stumpen zahnlos. Dass aber sein Atem so stank lag weniger am tsunaminen Zustand seines Gebisses, sondern an dem Tabak, der kein herk?mmlicher Pfeifenabak war, sondern ein aus vielen Aschenbechern zusammengeklaubter Mix aus Zigarettenkippen, die er geduldig aufdr?selte und in seine Pfeife stopfte.
Das war sein Ritus. Das beruhigte ihn.
Denn eigentlich war er ja ein nerv?ses Hemd.

Was ausser den Tabakresten sonst noch alles in seiner Pfeife k?chelte, nun, das wollte niemand im Heim so genau wissen.
Einmal vermisste Mattes, der kleine Kochlehrling, einen Teller mit Neuen Matjes, und zwar just an dem Tag, als Rudi stolz wie Oskar das ganze Geb?ude einger?uchert hatte, "Fich!" rufend, "Fricher Fich!", wobei seine Meerschaumpfeife schuppige W?lkchen ausstiess.

Eine Stunde vor dem Mittagessen (das Rudi in abenteuerlicher Hast verschlang, damit er schnell wieder seine Pfeife in den Mund stecken konnte!) hatte Rudi seinen Auftritt.
Um Punkt elf Uhr kam er aus seiner Kammer geschritten, und die Piepe vibrierte schon vor Freude, hiess es doch nun wie jeden Tag um diese Zeit: vor die T?r gehen und..
"..M?KE GUKKE!!"
Rudi t?nzelte von einem Bein aufs andere.
"M?KE GUKKE! M?KE GUKKE!"

Als Mattes seine Lehre als Koch begonnen hatte, war er zur Stationsleitung Frau Prinz gegangen und hatte nachgefragt, was Rudi damit meint, M?ke gukke.
"M?dchen gucken! Rudi geht vor die T?r, M?dchen gucken."
Tats?chlich - auf dem B?rgersteig vor dem Heim marschierte Rudi auf und ab, mit Piepe im Maul und die Augen feurig wie Leuchtr?der. Es kam sogar vor, dass er eine junge Frau ansprach, doch die wechselte rasch die Strassenseite, wegen des Gestanks.
"Cheiche." (Rudi.)

Zu Weihnachten hatten ihm die Pfleger einen guten Pfeifentabak geschenkt, ein wirklich exquisites St?ffchen, damit sie in seiner N?he nicht immer dieses unmenschliche Kraut mitrauchen mussten, doch so leicht war Rudi nicht zu ?berzeugen. Er blieb lieber bei seiner bew?hrten Mischung.
Bis auf sonntags.
Da lag die Sache anders.
Da kam Rudi im weissen Hemd die Treppe herunter, die Haare frisch an den Sch?del geklatscht, eine geschniegelte Hose an - und den teuren Tabak im Rauchger?t!
Das war eine solche Wohltat, Pfleger und Mitbewohner konnten nicht genug davon bekommen und sammelten sich in Rudis N?he.
Er f?hlte sich wie ein Kamin.
Und das nutzte er weidlich aus.
"M?KE GUKKE! M?KE GUKKE!" klopfte er allen verschw?rerisch auf die Schulter. Dabei war es gerade mal acht Uhr fr?h.

Nach dem Mittagessen freilich kehrte rasch Normalit?t ein. Rudi zog sich um, rein in den ollen Trainingsanzug und dann ab durchs Wohnheim, die Aschenbecher abgrasen, um seine Piepe wie gewohnt vorzubereiten. Auch um ihn herum war wieder jede Menge Platz.
Ein raffiniertes Leben.
16.12.05 12:49
 
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