Zwangsräumung im Hause Rocketta

Zwölf Monate Mietrückstand und einen gewaltigen Hexenschuss, das ist Jürgen Rocketta, als er mittags nach Hause gehumpelt kommt, unterm Arm zwei Pullen Zuckerrohrschnaps.
Er wird bereits erwartet.
"Die Ladies! Hereinspaziert.."

Die Ladies, das sind der Gerichtsvollzieher, einige Handwerker sowie Polizeischutz.

In der Wohnung, "Ganz schön muffig hier, wa?", wird erstmal durchgezählt.
"So. Wer will alles ein Schnäpschen?"

Die Zwangsräumung verläuft in gelöster Stimmung. Immer wieder unterbrechen die Handwerker das Zerlegen von Mobiliar, weil Rocketta, der älteste von drei stadtbekannten Brüdern, Schoten aus seiner Jugendzeit zum besten gibt. Etwa, wie das erste Mal nach ihm gefahndet wurde, mit acht Jahren, wegen Pinkeln ins Weihwasser und Furzen im Kinderchor.

Schliesslich ist die Bude komplett auf dem Schwertransporter verstaut, nur im Wohnzimmer steht noch die tropische Gewürzcouch, auf der Jürgen Rocketta aufrecht sitzt, wie eine Salzsäule, wegen dem verdammten Hexenschuss.

Er blättert in der neuen GEO, Thema: Süd-Amerika.

"Also dann, Herr Rocketta", macht ihn der Wachtmeister höflich darauf aufmerksam, dass es langsam Zeit wird..
"Na aber sicher, ihr macht doch auch nur euren Job!"

Zuletzt ("Habt ihr den Chemiekasten auch drauf?" "Haben wir." "Ganz sicher?" "Ganz sicher.") schüttelt Rocketta jedem die Hand und bedankt sich.
"Wie siehts aus, noch einen kleinen Umtrunk?!"

Na schön. Mit sechs Mann stützen sie ihn in die Kneipe am Zentral, wo eine Anekdote die nächste ablöst, und nach Mitternacht sind alle stinkebesoffen.

"Jürgen, wenn du willst, kannst du heut Nacht hinten im Laster pennen", zeigt der Gerichtsvollzieher sein Herz, "mit deinem schlimmen Rücken."
"In Ordnung, Robert. Danke."

Im Morgengrauen bricht Rocketta durch. Allerdings mit dem Bunsenbrenner aus dem Chemiekasten in die Fahrerkabine.
Er schliesst den Motor kurz und brettert drauflos, Richtung Rio.

Die Favela ist längst gepachtet, unter falschem Namen.

27.2.08 11:42

bisher 5 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Cara (27.2.08 09:34)
Dem Glumm geht's wieder besser. Er lässt seine Protagonisten nach Rio abhauen. Hallelujah, Baby!

Ich wollte, ich hätte auch eine tropische Gewürzcouch und könnte so lebensnah berichten. Immer 1:1 dranbleiben an der Realität - gutes Konzept eigentlich.

Rock on, Glumm, high fivehundred!


Jochen Hoff / Website (27.2.08 09:40)
Lach. Wir träumten damals immer davon ins Ruhrgebiet zu trampen und eine Straßenbahn nach Cuba zu entführen.


gebsn / Website (27.2.08 14:17)
Herrliche Figuren, wunderbarstens erzählt.


Herr Jeh / Website (27.2.08 21:19)
Die Rockettas... hab mich erst vor einer Weile gefragt, was aus denen eigentlich geworden ist.

Schön, dass es die noch gibt.


saxana / Website (28.2.08 12:48)
Wollte eine Email schreiben, was nicht geht, wegen desWortes, das NICHT auf dem 'Bild steht bei der Emailadresse. Hier ja schon.

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