Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Wenn die Party zur Ruhe kommt

Im Sommer 1975 bewegten wir uns in Richtung Chalon-sur-Saône, einer Partnerstadt in Burgund. Wir, das waren etwa 20 Jugendliche vom Haus der Jugend. Der Mitsubishi Boy war an Bord, Karlos, Pepe, ein paar Mädels, der kleine Wiegand...

Der kleine Wiegand war mit 14 Jahren der jüngste, er war Messdiener in einer katholischen Gemeinde. Er hatte noch nie eine Zigarette geraucht oder ein Bier getrunken, er lehnte strikt jede ungesunde Lebensweise ab. So wie es mit 14 schon mal sein kann, bevor es losgeht. In Frankreich hatte der kleine Wiegand zum ersten Mal Sex in seinem Leben. Mit der süßen Lucienne. Die mit der kleinen Locke, die wie ein Flämmchen vom Kopf stand, die mit dem anschmiegsamen Akzent. Spätestens wenn Lucy ein bisschen herumalberte und Wiegands Vornamen flüsterte, "Volkärrr", schmolz der Knabe dahin.

Als wir drei Wochen später zurück in Deutschland waren, wollte der kleine Wiegand kein Messdiener mehr sein.

„Jetzt war ich ja Ficker.“

Is klar, Volker. Logisch.

*

Wir laufen uns heute noch gelegentlich über den Weg, der kleine Wiegand und ich. Er ist immer gut für eine Story. Kürzlich hatte er zwei Ratten zur Pflege. Sie gehören Pauli, einem Kerl mit langem dünnen Zopf, der dafür bekannt ist, mit zwei Farb-Ratten auf der Schulter durch die Gegend zu zockeln. Er wird meist nur Ratten-Pauli gerufen.

Was der kleine Wiegand nicht wusste, worüber er aber bald Bescheid kriegen sollte: alle drei Tiere sind schwere Alkoholiker.

Ratten-Pauli tränkt die Ratten mehrmals täglich, und zwar direkt an seinem Mund. Für die Ratten ist Paulis Maul sozusagen eine Wasserstelle, doch da dieser Mund hauptsächlich von Jägermeister dominiert wird, sind die Ratten schwere Trinker geworden, wie ihr Herrchen. Sie leben quasi parasitär.

„Die sind das so gewöhnt zu saufen. Es gibt ja auch Papageien, die darauf gedrillt werden, ihrem Herrchen direkt vom Mund zu fressen. So ist das bei den beiden Ratten auch, nur dass in Paulis Fresse eben Jägermeister drin ist und keine mundgerechten Apfelstückchen."

Als der kleine Wiegand die beiden Tiere ein paar Stunden bei sich hat, bekommt er einen Anruf aus Wuppertal, wo Ratten-Pauli in der JVA eine nicht bezahlte Geldstrafe absitzen muss.

„Du musst den Viechern Alk zu saufen geben“, so Ratten-Pauli, bevor er hinterm Knast aus dem Wagen eines Bekannten steigt, um die 30tägige Haftstrafe anzutreten.

„Na vielen Dank auch, dass ich das erfahre..“

Wiegand versuchte die Tiere langsam zu entwöhnen. Gab ihnen statt hartem Schnaps leichtes Bier zu trinken, jeden Tag ein bisschen weniger. Einer der beiden Nager kam ganz gut damit zurecht, der andere weniger bzw. gar nicht. Er wurde zunehmend aggressiv. Nach knapp einer Woche verbiss sich diese zweite Ratte beim Füttern in Wiegands Hand und liess nicht mehr los.

Es war wie bei einem Kampfhund. Wenn ein Kampfhund ein Opfer einmal in der Mache hat, kennt der in der Regel auch keine Gnade. Dann gibt’s Saures. Dann wird sich verbissen.

Der kleine Wiegand, aufgewachsen unter acht Geschwistern, versuchte in Panik das Tier abzuschütteln, tänzelte durchs Zimmer wie ein Hammerwerfer durch den Ring und versuchte, den Hammer loszuwerden, doch das Tier liess nicht locker. Es war, als hätten sich die kleinen scharfen Zähne der Ratte in Wiegands Armfleisch verkeilt, es tat mörderisch weh.

„Das Viech war total durchgedreht, quiekte wir irre!“

Wiegand sah nur noch eine letzte Möglichkeit und zerschmetterte die Ratte mit aller Wucht auf der überstehenden Kante der Fensterbank, brach ihr das Genick, und endlich löste sich das Gebiss.

„Ich stand aber so unter Adrenalin, ich war so wütend, dass ich mir auch die zweite Ratte geschnappt und aus dem Fenster geworfen hab: RENN UM DEIN LEBEN hab ich hinterhergebrüllt! Na schön, ich wohnte Erdgeschoß, war jetzt nicht so krass. Jedenfalls war eine Ratte tot, die andere über alle Berge.“

„Und du?“ fragte ich, außer Atem vom Zuhören. „Was hast du gemacht? Bist du sofort zum Doc? Ne Tetanusspitze geholt?“

Der kleine Wiegand guckt blöd - ja, ich möchte sagen: ausnehmend blöd.

"Tetanus, hm.. wieso? Hätte ich das tun müssen...?“


*

Wenn alles gesagt ist, und meines Erachtens ist alles gesagt, was es zu sagen gibt, was soll man dann noch sagen - außer auf Hochdeutsch.

*

Nach dem Sonntags-Frühstück verstecke ich mich noch etwas im Bett. Ein Bett ist das perfekte Versteck am Sonntag. Ein Versteck ist das perfekte Bett.

*

Woran man merkt, dass man alt geworden ist? Wenn man auf eine Party geht und sofort die Küche aufsucht, wo die Party zur Ruhe kommt.
13.5.18 13:40
 
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