Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Hühnerklein



Angenommen, ich würde nicht rein zufällig in mir stecken, ich schätze, ich wäre so ein Typ, bei dem ich nicht wüsste, was man über ihn schreiben könnte. Doch ich stecke nun mal in mir, dem Herrgott sei Dank, also - Klappe auf, Einheimischer!

Und schreib.

*

Wer bei Sonnenschein mit seinem Hund unterwegs ist, kommt mit Leuten ins Gespräch, ob man will oder nicht. Es bleibt einem gar nichts anderes übrig. Bei regnerischem Wetter geschieht es auch, aber da bleiben die Leute nicht so lange stehen, da will jeder möglichst rasch heim und bei Facebook und Instagram und Wordpress darüber berichten, wie abenteuerlustig man Wind und Wetter getrotzt hat und wie frech die Wolken unterwegs sind, wenn sie gerade dabei sind abzuregnen.

Ein leichtfüßiger älterer Herr, den alle nur den Doktor nennen, weil er in jüngeren Jahren eine kleine internistische Praxis leitete, führt Karli an der Leine, seinen 10jährigen kleinen Terrier. Der Doktor hält sich vornehm zurück mit Ratschlägen für die Volksgesundheit und erzählt lieber von seinen Reisen rund um den Globus, als er jung gewesen war. Er war jung in China, er war jung in Amerika, er war jung in den 60ern, aber er war kein 68er, er war ein Doktor, ein Internist, der sich um Leber und Milz und andere innere Angelegenheiten kümmerte, "da war keine Zeit für Steinewerfen und Polizisten verdreschen", meint er naserümpfend.

Wenn der Doktor beim Spaziergang mit Karli leere Bierflaschen findet, "und man findet immer welche", sagt er, "jedenfalls wenn man sich um die Waldhygiene sorgt", dann sammelt er das Leergut ein und bringt es seiner Putzfrau mit.

"Da hat sie ein schönes Bierbrot", verspricht er sich, "na ähm Zubrot mein ich doch", da müssen wir alle zwei lachen.

Aber nicht so laut.

Eine Zeitlang regte sich Herr Doktor über die Hinterlassenschaften eines unbekannten Trinkers auf, der an einer ganz bestimmten Bank am Theegarten alle paar Tage eine leergesoffene Batterie kleiner Spirituosen zurückließ. Dass der Doktor sich so aufregte, lag vielleicht auch daran, dass die kleinen Ex-und Hopp-Fläschchen kein Pfand bringen, wenn man sie im Grünen einsammelt.

"Was für Fläschchen waren das? Underberg?" rate ich.

"Nee. Nicht Underberg.."

"Jägermeister?"

"Nee. Nicht Jägermeister."

"Jim Beam? Wurzelpeter? Jagdfürst?"

"Was..?"

"Boonekamp? Chantre?"

"Nein.."

Der Doktor blickt mich schräg an.

"Ja, in der Quengelzone kenne ich mich gut aus", sag ich. "Wenn ich an der Kasse stehe, lese ich immer Etiketten."

Interessiert den Doktor nicht die Bohne.

"Mensch, na, wie heißen die Dinger noch?! KLEINER FEIGLING! Genau!"

Jeden Morgen standen die Dinger auf der Bank, acht, neun, zehn Stück, wie Zinnsoldaten aufgereiht. Bis letzten Monat. Dann nicht mehr. Seither ist Sense.

"Ich hab den Schweinehund nie erwischt. Wahrscheinlich hat er sich totgesoffen, der Halunke."

Der Doktor bückt sich zu Leo nieder.

"Du bist ein ganz braver, ein ganz fleißiger, ja, Leon?"

Er hängt Leo stets ein n an und macht Leon daraus - na schön, warum auch nicht. Mir hat man qua Geburt sogar ein doppel M angehängt. Hab ich auch überlebt.

Aber es war schwer.

*

Dann ist da dieser andere Hundehalter, ungefähr mein Alter. Volles dunkles Haar, schwere Knochen - eines dieser Gesichter, das ich nicht wirklich einordnen kann. Eine Randfigur aus meiner Vergangenheit. Wir sind nie wirklich miteinander in Kontakt gewesen, dieser andere Hundehalter und ich, aber man kennt sich und grüßt sich vage. Ich habe keine Ahnung, was er macht, wie er sein Leben lebt, wie er heißt schon mal gar nicht. Blödmann wahrscheinlich.

Hat er Kinder, was arbeitet er, wäscht er sich ordentlich?

Er hat einen großen Schäferhundmischling namens Rocky. Rocky geht ein bisschen steifbeinig, wie ein Kamel.

"Der Bronko säuft drei Liter Wasser am Tag", sagt er. "Ich hab schon gedacht, der hat Zucker. War sogar bei der Tierärztin."

Ach. Ich dachte, der heißt Rocky.

"Und?"

"Nee, hat kein Zucker. Der säuft eben viel Wasser, hat die Tierärztin gesagt. Ist einfach ein Wassersäufer. Bronko läuft nicht nur wie ein Kamel, Bronko säuft auch wie ein Kamel."

Er mustert Leo.

"Neuer Hund? Du hast doch lange Zeit so einen Wuschel gehabt, oder nicht, du und deine Frau, oder nicht?"

"Ja, der ist tot. Frau Moll. Ist 13 geworden."

"Frau Moll! Genau!"

Er beguckt sich unseren neuen Hund. "Der sieht irgendwie goldig aus.. wie dieser Schlagersänger..", sagt er und blickt auf Leo nieder, der brav vor ihm sitzt, weil er sich ein Leckerchen verspricht. "Wie hieß der noch, von damals der.. wie hieß er noch, na.."

Wir überlegen ein bisschen.

"Katja Ebstein?" rate ich aus Spaß. "Underberg?"

"Nee, wie... Christian Anders! Also in Hund jetzt!"

Wir kommen ins Gespräch.

"Du hast doch früher im Kühlhaus gearbeitet, da unten in Kohlfurth", sagt er.

Dass er sich daran erinnert.

"Stimmt. Ist schon ewig her."

"Ich weiß, klar. In den Achtzigern. Ich hab euch Brüder damals genau im Blick gehabt, mit dem Fernglas, oben von der Hasseldelle aus. Ihr habt doch alle geschmuggelt."

Ich bin baff.

"Geschmuggelt? Wer..?"

"Na, ihr. Haschisch."

"Häh?"

"Ach komm, ihr habt doch mit dem Holländer Geschäfte gemacht. Wenn der Freitagabends Geflügel angeliefert hat, war doch unter den Kartons Haschisch versteckt.."

"Was..?? Blödsinn."

Er grient wie ein Krieger. Er fixiert mich.

"Komm, mir kannst du es sagen - ist doch schon ewig her. Ist doch schon verjährt."

"Was redest du da fürn Quatsch.. Obwohl, ich mein, das wäre ne Idee gewesen...", muss ich lachen. "Aber damit kommst du ein bisschen spät rüber, jetzt, nach all den Jahren."

Jeden Freitag gegen 17 Uhr kam der Tieflader aus Rotterdam an die Rampe gefahren, die Ladefläche voller Kartons mit Hühnerklein aus Vorderkappen und Rückenstücken und Hähnchenschenkeln und anderem Frischgeflügel, das bei uns eingefroren wurde. Klar hätte man da locker Haschisch und Marihuana drunterpacken können, unter die verschnürten Kartons - jede Menge sogar, logisch.

Oder Rohöl und Hafenratten.

"Ich hab euch jeden Freitagabend beobachtet von meinem Fenster aus.. Und ich hätte gewettet, dass ihr schmuggelt da unten", sagt er mit Schmand im Mundwinkel, so wie Psychos ihn entwickeln, die zu wenig Wasser trinken. Psychos trinken immer zu wenig Wasser, Wasser trinken bringt nichts, Wasser trinken ist lästig. Von Wassertrinken kriegt man kein inneres High.

Die Hunde stehen doof im Regen rum, auf der aufgeweichten Wiese. Zwischendurch laufen sie eine uninspirierte Runde durch den Schlamm, man hört Steuermarken klimpern. Ich frage mich, wie man bei Leo an Christian Anders denken kann - also in Hund jetzt! Christian Anders hatte langes weiches Haar, Leo weizenhartes Fell.

"Ich hab die Rente durch."

Der Typ hört nicht auf, mich zu überraschen. Alles, was er sagt, kommt aus heiterem Himmel, und er meint es todernst.

"Psychose", sagt er und die klebrige, weiße Schmandspur in seinem Mundwinkel zieht Fäden. "Ich hab drei Jahre durchgekifft. Als ich mit Theo zusammengewohnt hab. Der hat studiert und ich hab gekifft. Nach drei Jahren hab ich aufgehört zu kiffen, von einem Tag auf den anderen und bin voll abgedreht. Ich dachte, ich könnte andere Menschen manipulieren und son Scheiss. Könnte ihre Gedanken an-und ausknipsen wie ein Toaster. Tatsache. Zuletzt hab ich geglaubt, ich wär der Messias."

"Und?"

"Was, und?"

"Warst du Messias oder nicht?"

"Nee.."

"Hm. Merkt man dir aber nicht an. Ich mein, du machst einen ganz normalen Eindruck."

"Ich nehm Medikamente. Bin schon runterdosiert, aber so ganz ohne Pillen.. nee, das ist Scheisse. Das geht nicht. Ih brauch die Runden."

Es hat aufgehört zu regnen, für einen Moment. Man hört das Gras knispeln. Regenwürmer tauchen auf und gucken nach, ob die Luft rein ist.

"Schreibst du noch?" fragt er.

"Noch..? Wieso noch?"

Und wieso weiß der überhaupt, dass ich schreibe? Aber er geht nicht darauf ein, er sagt nicht, woher er davon weiß.

"Ich hab auch mal ein Expose geschrieben", sagt er, "für einen Film mit Götz George. Ist aber nie was draus geworden."

Leo legt sich zu meinen Füssen, mit einem Stöckchen zum Knabbern. Wenn Leo an einem Stöckchen knabbert, das er zwischen den Vorderpfoten hält, sieht es aus, als habe er ein Eis im Hörnchen in Arbeit. Als Rocky nun dazu kommt und was abhaben möchte, wird er verbellt.

"Der heisst nicht Rocky..!" sagt der Typ verärgert.

"Ach so, ja."

Hab seinen Namen schon wieder vergessen.

"Bronko. Ein lieber Kerl. Eigentlich wollt ich ja einen reinrassigen belgischen Schäferhund, keinen Mischling. Einen Polizeihund, weißt du. Schutzstaffel. Aber dann stand Bronko vor der Tür und hat Pfötchen gegeben."

"Klingt wie ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch", sag ich.

Der Regen setzt wieder ein. Diese grosse graue Braut, mit der grossen grauen Schleppe, ist ordentlich am Durchwischen.

Keiner sagt etwas.

"Komm, mal ehrlich.. Wieviel Kilos habt ihr geschmuggelt?"
25.4.18 15:58
 



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