Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
  Startseite
  Über...
  Datenschutz
  Impressum
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   
   Wer war 500beine
   Glumm auf Wordpress
   Susanne Eggerts Citronenbusen
   Blogroll
   Twitter 500beine

kostenloser Counter



https://myblog.de/500beine

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Wenn der Schrottkerl kommt



Auf der Suche nach Altmetall durchpflügen immer öfter Schrottkerle unser Viertel. Angekündigt werden sie stets von den gleichen Rattenfängermelodien, via Megaphon abgesondert, klebrig wie Schneckenschleim.

In endlosen Schleifen tönt es aus blechernen Lautsprechern, die oben auf der Fahrerkabine angebracht sind, damit auch der letzte Anwohner Bescheid bekommt: Der Schrottkerl ist da. Der fahrende Altmetallhändler, der kostenlos dein Metall abholt und entsorgt, egal, ob es am Straßenrand zur Abholung bereitsteht oder im Keller erst mühsam freigeschaufelt werden muss. DER LUMPENSAMMLER IST DA. Ihr werdet euren Schrott los und wir verdienen Geld.

Je höher die Preise für Altmetall steigen, desto mehr alte Pritschenwagen schleichen durch unser Viertel, fast alle von außerhalb. Sie kommen aus dem Ruhrgebiet, tragen Autokennzeichen aus Essen und Oberhausen und Duisburg, und je mehr alte Pritschenwagen und demolierte VW-Busse und Ford Transits durch die Straßen pirschen, desto mehr blechernes Jahrmarktsgeorgel ist zu hören.

Elvis und Beatles. Es ist die Pest. In Schrittgeschwindigkeit. Einer spielt ohne Ende den Refrain von „Muss i denn zum Städtele hinaus“, ein anderer ALL YOU NEED IS LOVE. Man hört Panflöten und 70er-Jahre-Softporno-Soundtrack ("Bilitis"), man hört den Refrain von „O when the saints go marching in“ und, als Dauerbrenner, "Amazing Grace". Und alles klingt nach Ricky King in der Dose.

Obwohl man die Endlosschleifen als gewöhnlicher Anwohner nur wenige Minuten ertragen muss, bis die Eisenkerle die Bürgersteige und Vorgärten nach verwertbaren Gegenständen abgegrast haben und kehrtmachen zur nächsten Siedlung, zu den nächsten Vorgärten, zum nächsten Eisenhaufen, geht einem das ganze Gejaule zunehmend an die Nerven und erfordert Geduld.

(Ich komme trotzdem nicht drauf, welche Melodie das sein soll, die meine Nerven gerade auf die Probe stellt. Irgendein alter Grand-Prix-Kram, den jeder mitpfeifen muss, mit 60erjahre-Grandezza.)

„Wenn ich einen Schrotthändler kommen höre, muss ich immer an dich denken“, sagt die Gräfin, „selbst wenn du direkt neben mir stehst. Diese furchtbaren Melodien.. ich weiss auch nicht. Das ist wie früher, wenn wir auf Hahneköpper-Feste gegangen sind und uns kaputtgelacht haben.. Der Schrottkerl, das sind du und ich – das sind wir beide.“

„Das ist schön, wie du das sagst. Aber welches Lied der da gerade spielt weisst du auch nicht, oder?“

„Nee. Weiss ich nicht. Ist doch egal.“

Hm. Ich hab schon "Yellow Submarine" vermutet, doch als ich den Refrain von "Yellow Submarine" ansatzweise vor mich hin summe, merke ich schnell, Freunde – das haut nicht hin. Das sind nicht die Beatles, das ist was anderes. Auch "Oh when the saints go marching in, oh when the saints.." passt nicht, meine zweite Vermutung. Wie frisch von der Blechwalze schwappt der Refrain rüber, und je näher der Leierkasten-Kraftwagen kommt, desto lauter und selbstvergessener flötet man als Anwohner den Ohrwurm mit. SCHWEINEREI.

Endlich erreicht der Wagen unser Haus.

„Die arme Sau da drin muss doch bekloppt werden“, sag ich zur Gräfin.

„Was? Wer?“

„Na, der Fahrer da drin..! Ich mein, tagein, tagaus When the Saints goes marching in in den Ohren, da wird man doch bekloppt, oder nicht..“

„Wieso, stimmt doch gar nicht. Manchmal läuft auch Muss I denn zum Städtele hinaus, und du mein Schatz bleibst hier.. Ausserdem sitzen da zwei Männer im Fahrerhäuschen, nicht einer. Da sitzen immer zwei drin.“

„Na und? Ist doch egal. Dann werden die eben abwechselnd bekloppt“, sag ich. "Aber bekloppt werden die. Die können ja nicht mal eben aussteigen und weghören, das geht nicht. Das einzige, was sie machen können, ist die äh Musik ausschalten. Aber dann weiß niemand, dass der Schrottkerl kommt."

Der Pritschenwagen, zwei Lautsprecher auf dem Dach der Fahrerkabine, fährt die Sackgasse runter bis zum Hippergrund, dreht um und kehrt langsam zurück, im Schritttempo. Beladen mit ausrangierten Kühlschränken, aus denen Kühlflüssigkeit läuft, irgendwelchen rostigen Metallgittern sowie einem bunten Strauß Karabinerhaken, Regenrinnen, dünnen Kupferdrähten und armdicken Industrieroboterschrauben. Ein echter Fang ist selten darunter, wie man hört. Mal eine ganze Schrottimmobilie oder ein Containerschiff zum Ausschlachten, das schon.

Kein Thema.

Der Moment der Kontaktaufnahme ist dann ein schöner. Der Pritschenwagen schiebt sich gemächlich an unserem Haus vorbei. Downtown, ich erkenne Downtown von Petula Clark aus dem Lautsprecher, als Instrumental freilich. Es sind immer Instrumentals, es ist immer der Refrain, den Text muss man sich denken. "Bist du allein, von allen Freunden verlassen, dann geh in die Stadt - Downtown.." Jetzt reicht's. Ich geh raus auf die Strasse, gebe Handzeichen und halte den Wagen an.

Während die Lautsprecher weiter Downtown vom Dach knarzen, spreche ich ins Führerhaus.

“Sagt mal.. was ich schon immer wissen wollte.. Werdet ihr eigentlich nicht bekloppt, wenn ihr den ganzen Tag dieses Geeire ertragen müsst?”

Der jüngere der beiden Eisenkerle schnellt überrascht vom Beifahrersitz hoch, ein hagerer Bursche, der aussieht, als hätte man ihm in der Schweiz die Haare geschnitten, aber oben auf dem Berg, wo's dunkel ist. Er strahlt mich an, als wäre ich der Exklusiv-Vertreter von Seltenen Erden, auf den er so lange schon gewartet hat. Damit es endlich vorangeht in Essen-Altenessen.

“JA KLAR! ” ruft er heiser und lupft die Mütze Gott zum Gruße. “ICH BIN SCHON TOTAL LANGE BEKLOPPT DAVON!”

Heilfroh, dass das endlich einmal jemand goutiert.
1.4.18 16:17
 
s



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung