Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Eine leicht frustrierte Aufbruchstimmung



Ich ahnte schon früh, dass die meisten Mädchen einen zuverlässigen Partner suchen, der ordentlich was in der Hose hat und zweimal im Jahr zwei Wochen Urlaub springen lässt. Ich hätte es also wissen müssen.

„Ich will in die Normandie! Oder in die Picardie! Am besten erst in die Norman, dann in die Picardie! Kann das denn so schwer sein? Stattdessen renne ich schon wieder mit dem Hund und dir durch den Wald hinter unserem Haus! Den hab ich schon tausend Mal gesehen, diesen beschissenen Wald! Da, die scheiss Buchsbaumhecke kenne ich auch! Die heisst vermutlich Magdalena!“

Die Gräfin ist geladen. Wir wollten ein paar Tage in den Süden fahren, nach Holland, nach Süd-Holland, müssen es aber verschieben. Es geht nicht. Nichts zu machen. Ein Termin ist dazwischengekommen.

„Fahren wir eben im Oktober“, sag ich. „Sind doch nur noch vier Wochen.“

„Ach, du! Auf dich muss man immer nur warten! Mein ganzes Leben warte ich schon auf dich! Du könntest langsam mal kommen.“

Sie geht so zornig weiter, dass der Kies wegspritzt unter ihren Sandalen. Na, das ist ja ein toller Samstagvormittag. Wir biegen in die Schrebergartenkolonie ein, der Hund trottet zwanzig Meter hinter uns her, wie immer, wenn wir streiten.

Seemannshohe Sonnenblumen verneigen sich wie Richtmikrofone in unsere Richtung, Vorsicht! Live-Aufzeichnung!

Steinchen zersplittern unter ihren Schritten, Vögel verirren sich in der Luft.

Am Boden spielen Schrebergartenkinder zum 10. Jahrestag der Angriffe auf die USA lauthals Dschihad. „In zehn Sekunden geht der Anschlag los!! Zehn, neun, acht, sieben..“

Wird Zeit, dass wir weiterkommen.

Krähenversammlung und Waschtag am Himmel, der Feuerahorn wirft erste Blätter ab, wie Blutplättchen sammeln sie sich rund um den Baum.

„Dass das ganze Leben super ist, dass immerzu alles passieren kann und nichts unmöglich ist, diese Einstellung hat mich mein Leben lang getragen. Und jetzt?! Jetzt bin Ende vierzig und alles kracht zusammen“, schimpft sie. „Ich bin gelandet. Nicht mal ne Woche Holland kriege ich noch hin.“ Sie fixiert mich. „Kriegen wir noch hin.“

„Süd-Holland“, sag ich.

Unser Spielzeugkalifornien mit Pommes Frites.

Immer schön bei der Wahrheit bleiben.

*

Richtung Bärenloch begegnet uns eine intakte Familie. Mutter, Vater, zwei Kinder, Großmutter, Hund, es herrscht ausgelassene Stimmung. Die Oma legt liebevoll die Arme um die Enkelin, die das offenkundig geniesst. Mutter und Vater unterhalten sich mit uns, der Gräfin kommt der pummelige Gang des Labradors bekannt vor.

„Das ist doch die Mona, die ist doch früher immer laufen gegangen, wenn sie die Hitze hatte.“

„Genau“, freuen sich Vater und Mutter. Dass sich daran jemand erinnert. Aber Mona ist alt geworden, sie hat Arthrose und schnauft wie ein Seehund und ist froh, wenn sie es ab und zu den Hügel raufschafft, den Hügel im Park.

Als wir im Bärenloch sind, einer weitläufigen Parkanlage mit Hundeauslaufplatz, den wir noch nie benutzt haben, weil es nichts langweiligeres gibt als Hundeauslaufplätze, wo die Hunde rumstehen und sich fragen, was sie hier machen sollen, hat sich die Lage beruhigt. Frau Moll nimmt Anlauf und springt vor Freude in den großen Teich, und die Gräfin unterhält sich mit einem Mädchen, das im flachen Wasser seht und Stichlinge fischt.

Ich geh auch mal dahin.

„Ich hab schon sechzig Stück!“ ruft das Mädchen, keine zehn Jahre alt.

„Kaulquappen?“ sag ich.

„Nee, Stichlinge..!“

Ich guck in den Eimer.

„Das sind doch keine Stichlinge, hör mal. Das sind glitschige kleine Küchenschürzen.“

Mir hört niemand zu. Ich hab auch schon mal besser gescherzt. Der Tag entwickelt sich nicht richtig. Er bleibt im Ungefähren. Da, wo sich niemand richtig wohlfühlt. Wo jedermann nach links und rechts blinzelt, um sich zu vergewissern, wie man ankommt.

„Darf ich euren Hund mal in Stichlingen baden?“ tanzt das Mädchen am Ufer entlang. Die Gräfin steht bis zu den Knöcheln im Teich, die Sandalen hat sie ausgezogen.

„Iiih, die lutschen mir am grossen Zeh, die Stichlinge.“

Das Mädchen folgt der Gräfin ins Wasser.

„Vielleicht nuckeln die mir auch am Zeh. Ich möchte auch am Zeh genuckelt werden.“

Frauen, denk ich.

„Kannst du schwimmen?“ fragt die Gräfin.

„Klar, aber nicht hier drin.“ Das Mädchen rollt die Ärmel hoch. „Hier, fühl mal meine Mukkis.“

Die Beiden haben sich innerhalb fünf Minuten angefreundet und spazieren Hand in Hand durch den Teich, und Frau Moll paddelt eifrig hinterher, um nicht den Anschluss zu verlieren. Wenn Frau Moll später aus dem Wasser steigt, riecht ihr Fell wie ihre alte Blockflöte, meint die Gräfin. „Wenn ich sie zu sehr eingespeichelt hatte, roch sie wie nasser Hund.“

*

Als wir am Nachmittag zurück sind und im Park noch eine Zigarette rauchen, beobachten wir zunächst ein Passagierflugzeug, das wie ein silbriger Walfisch den Himmel durchpflügt, dann eine weitere Krähenversammlung und zuletzt diesen Mann, der seiner Geliebten mal zeigen will, wie hoch er seine Brieftasche werfen kann.

„Mit 500 Euro drin!“

Die Börse verschwindet gleich beim ersten Versuch im dichten Geäst des Kastanienbaums. Eine halbe Stunde lang bemüht sich der Trottel, sein Portmanee wiederzukriegen. Hochklettern geht nicht, da der Stamm unten keine Äste hat, die man als Trittbrett nutzen könnte, also wirft er alle möglichen Stöcke und Steine in Richtung Baumkrone, in der Hoffnung, die Börse zu treffen, damit sie sich lösen kann und herunterfällt, aber er stellt sich dabei so untalentiert an, dass selbst uns als geübte Beobachter anderer Leuts Leben langweilig wird und wir das Beobachten einstellen.

Auch seine Geliebte stöhnt irgendwann nur noch „Blödmann“, und so endet der Tag, wie er begonnen hat.

So ungefähr.

*

Räuber Hotzenplotz ist in der Stadt! Ich lese es auf der Rückfahrt, als ich desinteressiert aus dem Fenster schaue, (nur ranghohe Hunde können sich desinteressiertes Verhalten erlauben), und wer glotzt mich da von einem Plakat an, aus den Tiefen meiner Kindheit?

Räuber Hotzenplotz ist in der Stadt!

Es ist das gleiche Bild wie auf dem Buchumschlag 1970, wo der alte Schelm verschlagen über einen Lattenzaun blickt, auf der Flucht vor Wachtmeister Dimpfelmoser. Die ganze Innenstadt ist mit der Ankündigung gepflastert, ganze Stellwände von Baustellen und Hauswände.

Räuber Hotzenplotz, Puppentheater-Vorstellung, tgl. 15, 17, 19 Uhr.

Ich nehme alle drei!

Mir wird ganz heiß im Unterbauch, da, wo die Seele sitzt, weil ich ab jetzt jederzeit damit rechnen muß, dass Hotzenplotz barfuß und vollbärtig und schlapphütig hinterm Busch hervorspringt, um mit vorgehaltener Knallbüchse die Herausgabe der Kaffeemühle von Seppels Großmutter zu verlangen!

PIFF! PAFF!

Ich bin ganz aufgeregt!

(Ich hab eine leicht frustrierte Aufbruchsstimmung.)

*

Der Text stammt aus dem Jahr 2011. Dem letzten Jahr, wo wir noch Zigaretten geraucht haben.
25.1.18 08:19
 
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