Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Konsequent Weltklasse

 

Man braucht zwei Leben.

Eins, um zu kapieren, was richtig ist und was nicht, und ein zweites, um sich gelegentlich danach zu richten.

*

Es wollte sich mit mir treffen, das junge Frl. Weiden. Es jobbte als Zimmermädchen im Turmhotel. Es war keine zwanzig, schätzte ich, und trug gern luftige Sommerkleidchen. Es war in seiner ganzen Erscheinung keinem bestimmten Jahrzehnt zuzurechnen, das Fräulein Weiden, die Zeit hatte es irgendwie links liegen lassen, das muss kein Unglück sein. Im Gegenteil. Eine gewisse Nichtbeachtung zur rechten Zeit fördert das Flüggewerden.

Das flügge Frl. Weiden hatte etwas Unschuldiges an sich, doch dahinter verbarg sich ein Früchtchen, so jedenfalls meine Vermutung, in Einklang mit meiner knapp 25jährigen Lebenserfahrung.

Was ein Haufen!

Es war viertel vor sieben in der Früh an diesem Sonntag, wir standen in der Hotelküche nebeneinander, füllten frisch gekochten Kaffee in Thermoskannen um und schauten aus dem Fenster des 11. Stockwerks.

Meine Schicht als Nachtportier neigte sich für heute dem Ende entgegen, ihre Frühschicht hatte just begonnen. Es duftete nach Röstkaffee und kandierten Früchten, nach Kokos, das kam vom Rummel, der unten am Weyersberg gastierte, und von der nackten Haut, die das Frl. Weiden zeigte, der aufgetragenen Lotion.

"Nachmittags treffe ich mich immer mit meinen Leuten im Karstadt-Cafe", sagte sie. "Hast du vielleicht Lust, mal zu kommen? Heute Nachmittag oder so? Wir sitzen immer am selben Fenster.. Wir machen viel Unsinn. Wir lachen viel."

Ich starrte sie an. Meinte sie das ernst? Wen glaubte sie vor sich zu haben? Ich war ein Trinker, ein Kiffer, ein Acid-Head, ich lebte in einer anderen Welt, ich war auf dem besten Wege, mich in den Club 27 einzubringen. Und Frl. Weiden? Auch wenn sie nur einige Jährchen jünger war als ich, sie kam mir vor wie ein Kind. Mit den Attributen einer Frau.

Ihre Worte, ihre Unschuld, ihr ganzes Auftreten erinnerte an die Fünf Freunde von Enid Blyton. Das Frl. Weiden blätterte sozusagen im Abenteuerbuch, wenn es mich einlud, es zu treffen. Im Beisein der Freunde. Im Karstadt. Im Cafe. Ein Abenteuer in den großen Ferien.

Sie hatte schöne lange bleiche Beine und eine wechselnde Note. Mal Karamell, mal Kokos. Immer frisch. Ihre Stimme zitterte ein bisschen. Es war ein Versuch gewesen, ihre Einladung ins Cafe, sie hatte etwas gewagt. Sie wollte sehen, ob ich auf ihren Vorschlag einging. Wie ich reagierte. Ob ich überrascht war.

Eine Viertelstunde noch, dann würde die Chefin eintrudeln, sie kam stets Punkt 7, wenn sie Frühdienst hatte. Je länger das Zimmermädchen neben mir stand, desto stärker wurde das Verlangen, das Zimmermädchen zu küssen. Frauen wollen Männer kennenlernen, Männer wollen Frauen küssen. Würde es mir gelingen, Frl. Weiden in die Wäschekammer zu lotsen?

Sonntagmorgen. Der Frühstücksraum war leer um diese Uhrzeit, die Sonne schien hinein, man sah Staubflusen im Gegenlicht auf-und niedersteigen, wie Seepferdchen. Das Frühstücks-Buffet war noch nicht aufgebaut, es wartete im großen Kühlschrank, die Kaffeekannen waren abgefüllt. Wir warteten auf den Chinesen, der jeden Morgen Punkt zehn vor Sieben in die Küche marschiert kam und die bestellte heiße Milch abholte. Für ihn und seine Kollegen im 13. Stockwerk. Dampfende Kuhmilch, 2 Liter.

"Wir trinken Kaffee, auch mal eine Limonade, und Gerti kann Witze erzählen, soo gut, das musst du hören", so Frl. Weiden. "Wir lachen uns schlapp. Wir treffen uns um fünf. Wenn du Lust hast.."

Ich kannte ihren Vornamen nicht. Die Chefin hatte sie mir lediglich als Fräulein Weiden vorgestellt. Die Morgensonne strahlte ihr gelbes Kleid an, momentan war alles war gut, alles war frisch. Als der Chinese einmarschierte, fünf vor Sieben, kurz vor der Chefin, verschwand Frl. Weiden Richtung Wäschekammer. Ich folgte ihr, blieb aber auf Distanz. Ich beobachtete sie. Das Zimmermädchen zog einen Stapel Handtücher aus dem Wäscheregal und füllte den Wagen auf.


*

Unter diesem Haufen Dilettanten und Geldabschneidern wird es zunehmend schwierig Leute zu finden, die ihren Job gern machen, die motiviert sind, denen man vertrauen kann, dass sie das, was sie tun, nicht nur des Geldes wegen tun, sondern weil sie es können. Warum das so wichtig ist? So entscheidend? Weil der Mensch, der vor dir sitzt an der Supermarktkasse, auch dein Notarzt sein könnte.

*

Woran man spürt, dass man allmählich ältere Herrschaft wird? Wenn im Gespräch mit Gleichaltrigen zunehmend Floskeln auftauchen wie „Ja klar, das ist Verschleiss, da kann man nix machen“. Oder hier, der: "Der Arzt sagt auch, ich soll mehr trinken."

Da wünscht man sich manchmal, man hätte noch die Kraft, die man mit Mitte zwanzig hatte, auf seinem Höhepunkt, als man selbst vollgeschissen noch gut aussah, von hinten.

Wir waren exakt Mitte vierzig, (also vor 10 Jahren), als die Gräfin mir von diesem Traum erzählte. Sie hatte von einem Mann und einer Frau geträumt, die sehr bedächtig auf einer Parkbank saßen und uns erklärten, dass sie genug hätten von diesem albernen Leben. Dass es an der Zeit sei, endlich ernsthaft zu werden.

„Wir haben genug gelacht in diesem Leben.“

Eine Traumsequenz weiter saß dasselbe Pärchen in unserer Wohnküche und demonstrierte geduldig, wie man sich gegenseitig die Finger bricht. Eine überraschend mühelose Angelegenheit. Ein leichtes Knicken nur. Als wären es Federn, keine Finger.

„Altwerden ist nichts anderes als das Wegbrechen von Flügeln, an deren Stelle nichts nachwächst“, sagte die Frau im Traum. "Aber wer nicht mehr fliegen kann, hat automatisch mehr Zeit für den Erdboden.“

*

Ich möchte noch mal zwölf Jahre alt sein und nachmittags von der Schule heimkomme. In der Kinderstunde läuft Pan Tau, Mutter macht mir einen Becher warmen Kakao zum Essen, aber nicht diesen fair gehandelten Bio-Kakao, sondern Kaba.

Oder elf.

*

Aufwachen am Morgen Immer noch am Leben: Sein Welch ein Privileg Welch Ungeheuerlichkeit & womöglich scheint noch die Sonne DIE SONNE Konsequent Sonne Konsequent Weltklasse

*

("DU GLAUBST AUCH ALLE LEUTE GEHEN MIT DEINEN AUGEN DURCH DIE WELT!")

*

Ein Evergreen, gespielt und gesungen von JJ Cale:

 The old man and me, JJ Cale
27.10.17 15:02
 
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