Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Wenn der Schrottkerl kommt



Auf der Suche nach Altmetall durchpflügen immer mehr Schrottkerle das Viertel. Sie kommen aus Duisburg, aus Essen, aus Bochum, das halbe Ruhrgebiet ist vertreten. In endlosen Schleifen knarzt es aus blechernen Lautsprechern, bis auch der letzte Anwohner Bescheid weiß:

Der Schrottkerl ist da.

Man hört viel Elvis und Beatles. In Schrittgeschwindigkeit. Ein Schrottkerl spielt „Muss i denn zum Städtele hinaus“, ein anderer (aus Altenessen) ALL YOU NEED IS LOVE. Man hört Panflöten und 70er-Jahre-Softporno-Soundtrack. Zwei weitere Dauerbrenner: „O when the saints go marching in“ und "Amazing Grace". Als Anwohner hat man es vergleichsweise gut. Man hat die Endlosschleifen nur die wenigen Minuten im Ohr, bis der Eisenkerl die Bürgersteige und Vorgärten nach verwertbaren Gegenständen abgegrast hat und kehrtmacht zur nächsten Siedlung, zu den nächsten Vorgärten, zum nächsten Eisenhaufen. Der arme Fahrer hingegen muss die Rattenfängermelodien den ganzen Tag ertragen. Selbst wenn er abends im Bett liegt, geht die Hatz im Kopf weiter. Noch im Traum, jede Wette, treibt ihn das Gedudel in den Wahnsinn. Jedenfalls würde es mich das tun, in den Wahnsinn treiben, das Gedudel.

Wie frisch von der Blechwalze schwappt der Refrain rüber, irgendein alter Grand-Prix-Kram aus den 60ern, den jeder mitpfeifen muss, und je näher der Schrottkerl aus Altenessen kommt, desto lauter und selbstvergessener flötet man als Anwohner den Ohrwurm mit. Endlich erreicht der Schrotthändler unser Haus.

„Die arme Sau da drin muss doch bekloppt werden“, sag ich zur Gräfin.

„Was? Wer?“

„Na, der Fahrer da drin..! Ich mein, von morgens bis abends denselben Müll in den Ohren, da wird man doch bekloppt, oder nicht.“

„Da sitzen aber immer zwei Mann im Fahrerhäuschen, nicht einer. Da sitzen immer zwei drin.“

„Ja, ist doch egal. Dann werden die eben abwechselnd bekloppt“, sag ich. "Ich meine, die können ja nicht mal eben aussteigen und weghören. Das einzige, was sie machen können, ist die Musik ausschalten. Aber wenn sie das tun, weiß niemand, dass der Schrottkerl kommt."

Der in die Jahre gekommene Pritschenwagen pirscht die Sackgasse runter bis zum Hippergrund, dreht um und kehrt langsam zurück, im Schritttempo. Beladen mit ausrangierten Kühlschränken, aus denen schon die Kühlflüssigkeit läuft, irgendwelchen Metallgittern und einem rostigen Strauß Karabinerhaken, dazu Regenrinnen und dünnen Kupferdrähten. Ein echter Fang ist selten darunter.

Mein Moment der Kontaktaufnahme ist dann ein schöner. Der Schrottkerl schiebt sich gemächlich an unserem Haus vorbei und spielt Downtown von Petula Clark, als Instrumental freilich. Es sind immer Instrumentals, den Text muss man sich dazu denken. Ich geh raus auf die Strasse, gebe Handzeichen und halte den Wagen an. Während Downtown aus dem Lautsprecher auf dem Wagendach quillt, spreche ich ins Führerhaus.

“Sagt mal.. werdet ihr eigentlich nicht bekloppt, wenn ihr den ganzen Tag diese... äh Musik ertragen müsst?”

Der jüngere der beiden Eisenkerle schnellt überrascht vom Beifahrersitz hoch, ein hagerer langer Bursche. Er strahlt mich an, als wäre ich der Exklusiv-Vertreter für Seltene Wahrheiten, auf den er so lange gewartet hat.

“JA KLAR! DA HAM SIE RECHT!” ruft er heiser und lupft die Mütze zum Gruße. “ICH BIN JEDEN ABEND VOLL GESTÖRT VON DEM GEORGEL!"

Heilfroh, dass das endlich mal jemand goutiert.
1.4.18 16:17


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