Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Wieso bist du eigentlich nicht Chef von der Welt?

Der Typ ist etwa so alt wie ich und kurvt auf einem Tretroller herum, einem dieser Dinger, die vor Jahren populär waren, mittlerweile aber wieder aus dem Stadtbild verschwunden sind. Und wenn einem doch mal Tretroller begegnen, dann unter den Füßen von Kindern und Jugendlichen. Ausnahme: dieser Knabe um die fünfzig, der sein Käppi falschrum trägt.

Linie 683. Er steigt am Central zu, den Roller eingeklappt. Der Bus ist knackevoll, kein Sitzplatz frei. Nur in der Mitte, wo Kombikinderwagen, Sport-Buggys und die Doppelwagen schlechtgelaunter Postboten abgestellt sind, ist noch etwas Platz, wenn auch nur zum Stehen. Der Tretrollertyp quetscht sich zu mir durch, als wäre ich sein erklärtes Ziel, und lacht herzlich.

„Was soll ich groß zu Fuß zu gehen, wa!“

„Hm“, sag ich. „Sicher.“

„Ist ein Cityroller. Mein kleiner Scooter.“

Hallo Scooter. Ich wusste ja gar nicht, dass wir Freunde sind, dein Herrchen und ich. Neben uns drängeln sich zwei Frauen an den Halteschlaufen. Eine hat rotes Haar und schwärmt von diesem total süßen kleinen Thailänder in Elberfeld, wo sie gestern Abend zum Essen eingeladen war.

„Aber so was von tootal lecker! Der Koch war am Singen in der Küche, konnte man bis an unseren Tisch hören! So Opern! So Arien! Das einzige, was störte, war Schloss Neuschwanstein an der Wand. Ich meine, bei einem Thai, also ehrlich! Geht gar nicht! Das Essen war so scharf, ich musste mir ein neues T-Shirt anziehen auf der Toilette. Aber so was von tootal leeckah!“

In Elberfeld, Calvinstrasse, erste links. (Für Interessenten.)

Kurz darauf gibt es einen lauten Knall, oben am Wasserturm, der Bus stoppt. Auf dem Fahrzeugdach hat sich eine der Stangen gelöst, mit denen der Strom von der Oberleitung abgenommen wird. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder der Fahrer schaltet auf Batteriebetrieb und kriecht den Rest der Strecke mit 30 Stundenkilometern durch den Verkehr, oder er zieht sich Arbeitshandschuhe an und führt die sechs Meter lange Stange wieder ans Stromnetz heran. Er entscheidet sich für Arbeitshandschuhe. Ein Aufatmen schwappt durch die Reihen. Niemand will Batteriebetrieb. Niemand will mit 30 Stukkis durch die Lokalgeschichte zuckeln. Niemand will Zeit geschenkt haben zur unfreien Verfügung.

Funkverkehr ist zu hören.

„Hier Linie 3 Richtung Graf-Wilhelm Platz. Hab eben die Stange verloren, weil die 2 die Weiche nicht umgestellt hat. Da schreiben wir noch eine Meldung drüber.“

„Das alte Schwein“, lacht der Tretrollertyp, er steht so nah, ich rieche sein Frühstück, „hat der seine Stange verloren.“

Nachdem die Stromversorgung wieder gesichert ist, fahren wir bis zum Grafen und steigen gemeinsam aus. Er muss zur Sparkasse, ich auch, wir bleiben auf ein Viertelstündchen vor der Hauptfiliale stehen. Wenn ich jemand kennenlerne, lasse ich ihn reden, ich höre mir erstmal an, mit wem ich es zu tun hab. Dahinter steckt weniger Strategie als die Angewohnheit, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Eingreifen ist was für Macher, ich bin ein Lasser. Eine halbwegs funktionierende Gesellschaft setzt sich paritätisch aus Machern und Lassern zusammen, und darüber hinaus wird jede Person speziell zusammengestellt für ihr eigenes Leben.

Es ist ja so heutzutage: Viele Leute, nein, die meisten Leute können nicht gut zuhören, weil sie dauernd Dinge im Kopf haben, die sie selber sagen wollen. Sie formulieren schon im Kopf, was sie gleich sagen werden, sobald sich im Gespräch eine erste Pause auftut. Ich habe meist nicht viel im Kopf, was ich zu sagen hätte, das ist ein Vorteil. Wenn ich doch mal was zu sagen habe, schreibe ich es auf und gebe es jemandem zu lesen.

(„Ehrlich gesagt, ich kapiere oft kein Wort von dem, was ich so alles denke am Tag. Am liebsten würde ich den Stimmen, die mich dauernd zuquatschen im Kopf, zurufen: MAUL HALTEN!“ – Die Gräfin)

Wenn ich nicht gerade einen schlechten Tag erwische, schenke ich jedem Menschen, dem ich begegne, eine Viertelstunde. Ich staune immer wieder, was so alles in eine Viertelstunde reinpasst aus dem Graubereich zwischen den beiden großen Eckdaten unseres Daseins, zwischen Leben und Tod: Variationen von Wahrheit sowie Autounfälle, Skiunfälle, Unfälle. Ein Leben in Unfällen in 15 Minuten.

Dass in Zukunft jeder 15 Minuten weltberühmt sein wird, wusste schon Warhol. Dass aber Nahrungswissenschaftler nachgewiesen haben, dass der Mensch nach einer Viertelstunde satt ist, egal, was und welche Mengen er vertilgt – das ist neu. Eine Viertelstunde reicht, um unseren Hunger zu stillen, eine Viertelstunde ist die Zeitspanne, die uns sättigt.

„Nach dem Essen ist man erstmal eine Weile blöd. Etwa eine Viertelstunde lang. Weil der ganze Körper mit Verdauen beschäftigt ist, auch das Gehirn.“ (Die Gräfin).

Der Tretrollermann, Baujahr 60, geschieden, hat einen 16jährigen Sohn und berufsmäßig zuletzt in Holz-Pellets gemacht, bevor der Unfall geschah.

„Bevor mich der Pole überfahren hat.“

„Ein Pole? In Polen?“

„Nee, unten an den Schwarzen Pfählen. Ich hatte die Beine mehrfach gebrochen, die Hüfte gequetscht, ich war zwei Monate im Krankenhaus. Seitdem bin ich Frührentner, zu hundert Prozent. Willst du meinen Schwerbehindertenausweis sehen?“

Unter Freunden? Nicht nötig. Er war mit dem Motorrad unterwegs an diesem Tag vor vier Jahren, als ein Pole ohne Führerschein ihm die Vorfahrt nahm in einem gestohlenen Wagen.

„Zwei Jahre vorher hatte ich meiner Frau ein Haus gebaut. Ich baue nie wieder ein Haus mit Keller, Fußbodenheizung reicht. Einen Keller bauen, nur damit die Frau keine kalten Füße kriegt, ich glaub, ich spinne. Nee, die nächste Frau kriegt Fußbodenheizung, das muss reichen. Ich reiss mir für keine Frau der Welt mehr den Arsch auf, nur damit der Tante nicht fußkalt ist. Nach dem Unfall hat es kein halbes Jahr gedauert, ich musste noch mal ins Krankenhaus wegen dem Bein, da lernt sie diesen Kerl kennen, diesen Doktor Doktor. Soll ich dir was sagen? Der freut sich heute noch über mein Haus. Der lacht heute noch über mich.“

„Wie? Wohnt der da?“

„Ja klar wohnen die da!“

Erst denk ich, oha, jetzt wird aber einer sauer, denn Grund dazu, sauer zu sein, hätte er. Das sind die schwierigen Momente für jeden professionellen Zuhörer. Es ist, als würde man einen Film gucken, wo man genau weiß, was als nächstes kommt, aber umschalten geht nicht, weil man im Kino sitzt. Und tatsächlich zieht er kurz und heftig vom Leder, („Was wir Männer heute alles sein müssen! Wir müssen Ficker sein, Papa, Mama, Geschäftsführer, Prokurist, LKW-Fahrer, Pilot, Flugkapitän.. und wenn man morgens aufwacht, was sagt die Frau als erstes? Na, bist du endlich Chef!? Hast du’s endlich geschafft? Warum bist du eigentlich nicht Chef von der Welt!?“)

Aber er fängt sich schnell wieder. Es leuchtet sportlich in seinen Augen, als er von seinem fünfzehn Jahre älteren Bruder erzählt, einem Unternehmer in Bolivien, im Hochland, so richtig mit Pferderanch und Kaffeeplantage, ein gemachter Mann: vier Betriebe, vierzig Mitarbeiter, viertausend Stück Vieh.

„Warum gehst du nicht auch nach Bolivien? Zu deinem Bruder?“

„War ich doch schon! Schon vier mal!“

„Na ja, ich mein, richtig da leben. Kannst du doch auf der Ranch deines Bruders arbeiten. Nicht nur Urlaub machen. Richtig da leben.“

„Mach ich doch vielleicht! Nächsten Sommer fliegt erstmal mein Sohn rüber.“

Da Ende des Monats ist, schleicht eine Menge Gesindel vor der Sparkasse herum. Abwechselnd verschwindet einer in der Filiale und schiebt die Karte in den Kontoauszugsdrucker, um zu schauen, ob Kohle schon drauf ist. Eine Menge übler Laune und verdruckster Sozialbilanzen schleicht Ende des Monats in den Innenstädten herum. Es mieft nach nicht gewechselter Wäsche, nach fehlenden Zähnen und billigem Essen. Ganze Gesichtsbereiche sind wie verödet.

„Vor dem Unfall mit dem Polen bin ich jedes Wochenende Motorrad gefahren, alle Rennserien. Ich hab ein ganzes Zimmer voller Pokale. Sogar in der alten DDR hab ich 1989 noch einen Silberteller geholt, 2. Platz unter fünfzig Fahrern. Und zuletzt war ich in Schottland, Quad fahren. Mein Motorrad war mein Leben.“

Vor der Sparkasse macht er den Scooter startklar. Drei schnelle Handgriffe. Klapp, klapp, klapp.

„Am schönsten war meine Weltreise 1982, AROUND THE WORLD. Ich hatte ein Weltticket für dreitausendzweihundert Mark, damit konnte ich jedes Flugzeug besteigen, ein Jahr lang, weltweit. Ich war in Amerika, Australien, Asien. Und wenn ich Asien sage, mein ich nicht Thailand, sondern Indonesien. Die Inseln. Das ist für mich Asien.“

Zuletzt flog er in die Südsee.

„Bora Bora.“

„Bora Bora..?“ sag ich. „Woher kenn ich das denn nochmal…? Ist das nicht die Insel, auf der Die Meurerei auf der Bounty gedreht wurde? Mit Marlon Brando?“

Er trägt seine College-Kappe falschrum aufgesetzt, Blue Jeans, hat gute Zähne. Sein Gang ist beschädigt, vom Unfall mit einem Polen an den Schwarzen Pfählen. Die Hüfte steht ein Stück weit heraus, wie eine Schublade, die klemmt, die nicht mehr richtig zugeht.

„Kann sein. Ist bei Tahiti, Bora Bora“, sagt er.

„Ja, mit Marlon Brando.“ Jetzt laufe ich zu Form auf. Vielleicht keine Bestform, aber immerhin, jetzt bin ich mal im Erzählgeschäft – ein, zwei Sätze lang buttere ich meine Sozialbilanz.

„Der hat doch bei den Dreharbeiten so ne Eingeborne kennengelernt und später geheiratet. War das nicht auf Bora Bora?“

Er schüttelt den Kopf. Keine Ahnung, sagt die Geste.

„Solange es irgendwie geht, flitzen Scooter und ich durch die Gegend. Ich muss nicht mehr in die grosse weite Welt, in der großen weiten Welt war ich schon.. So, machs gut. Schönen Tag noch, wa.“

Hm.

Ich schätze, das war ne andere Insel. Das war nicht Bora Bora. Oder? Ist doch egal. Wen juckt's.

„Ist Kohle schon drauf?“ frag ich den Deutsch-Russen, der gerade aus der Sparkassenfiliale kommt. Eine Figur mit einer eigentümlichen Narbe im Gesicht, wie ein Fähnchen. Ich hab mich immer gefragt, von welcher Art Unfall solch eine Narbe stammen könnte, bis mich eine Landsfrau von ihm eines Tages aufklärte. Die Narbe wurde ihm im Knast zugefügt, es ist ein Zeichen, das unter Russen besondere Bedeutung hat: ich bin ein Zinker. Eine Hafenratte. Ich hab Kameraden verpfiffen. Ich bin mit Vorsicht zu genießen. Man darf mich töten.

„Nee. Is noch keine Kohle drauf.“

Na super. Da kann ich auch genauso gut nach Hause gehen.
1.1.18 14:19


Auf den Feldern und im Park

Bei der Gräfin ist alles ein bißchen anders. Ist es draußen 35 Grad heiß, steht sie in der Küche am Backofen und kocht Lasagne, regnet es in Strömen, geht sie drei Stunden lang mit dem Hund spazieren. Am liebsten auf den weiten Feldern oben am Theegarten, ihrem windigen Ersatz-Holland. Auch wenn ein Amerikaner zu den Anhöhen sagen würde:

Oh, what a nice kräutergärtlein..!

„Ich werde hier immer glücklich. Alles ist weit, alles ist möglich“, sagt sie. "Und der Wind, der hier oben weht, riecht nach Nordsee. Und das Geraschel in den Holundersträuchern nach Campingplatz.“

„Ihr Bobtail ist aber schon alt“, meint ein dicker Mann, dem sie auf dem engen Feldweg begegnet, als der Regen aufhört und sie heim will.

„Der ist nicht alt und auch kein Bobtail“, sagt die Gräfin,
„und außerdem ist es eine Sie und kein Er.“

„Na denn“, sagt der Alte missmutig.

Frau Moll sitzt bettelnd vor ihm. Hunde sind kalte Genossen. Da kann die eigene Mutter totgeschlagen werden, und der Hund reicht dem Täter noch das Pfötchen: „Guten Tag. Haben Sie ein Leckerchen?“

Bobtail ist natürlich Blödsinn. Frau Moll ist ein Hütehund, der im Dezember 2007 vier Jahre alt wird. Sie ist früh ergraut und allmählich wechselt ihre Fellfarbe ins Weiß: Anstreicherweiß. Und tropfen tut sie auch. Allerdings in rot.

"HE, DU ALTE BLUTMASCHINE!!"

Ich bin fassungslos. Ich meine, dass Frau Moll heiß ist, das ist nichts besonderes, so ist das, wenn man eine Hündin hat, tröpfelt sie eben ein paar Tage lang die Hütte voll und markiert draußen alle naselang geheime Stellen-Angebote: Rüde gesucht. Aber wenn ich mein Zimmer betrete, eine Art Kinderbüro mit Steuerfahnderschreibtisch und Rechner, möchte ich kein freches Aas mitten im Raum stehen sehen, das mir ihren heißen, nackten Hintern entgegenstreckt.

"GRÄFIN! DIE BLUTMASCHINE BAGGERT MICH AN!"

Zwar ist Frau Moll empfängnisbereit nur an ein oder zwei Tagen während der dreiwöchigen Hitze, es reicht aber um die Rüden der Nachbarschaft um den Verstand zu bringen.
Gestern, auf dem dunklen Poussier-Weg in den Anlagen. Zunächst hat Frau Moll Mühe, den Beagle abzuwehren, der wie ein Totschläger hinter ihr her watschelt und beinah über die eigene Erektion stolpert, und gegen halb Acht kommt Müller um die Ecke. Müller, ein einjähriger Schäferhundmischling mit wildem schwarzen Fell, wie verfilzte Tischtuchbommel hängen die Haare an ihm runter.

Eine Weile springen Frau Moll und Müller sich gegenseitig an, verspielten Bergziegen gleich, bis der junge Rüde plötzlich von Frau Moll ablässt und aufmüpfig Runden dreht auf der abendlich dahindämmernden Wiese. Schliesslich verlieren wir ihn aus den Augen. "MMMÜLLAAAH!!" ruft sein Frauchen besorgt, als ich hinter mir plötzlich ein Schnauben verspüre, und rumms!! rammt mir jemand seinen harten Sattel in den Schritt! Zack! Von hinten! Ich steh da. Verdattert, einen Tour de France- Rennsattel im Arsch.

"Ist das normal jetzt?" steigt meine Stimme in Frequenzen hoch, die sonst nur Tieren zugänglich ist.

"Irgendwo hat der Müller seine Schnauze immer drin!" giggelt sein Frauchen und packte ihn am Halsband. "Pfui, Müller! Das ist pfui!"

Das hätte man aber auch netter sagen können, hör mal!
3.1.18 17:47


Pott-leck, Pott-leck, Schwarzenbeck

Niemand wusste, was Pottleck bedeuten sollte, aber man stellt Begriffe nicht in Frage, wenn man jung ist, sie sind eben da, sie sind in der Welt, irgendwer hat ihnen einen Namen gegeben, einen Stempel aufgedrückt, fertig, aus,

Pot-leg.

Nachmittags trafen wir uns unten im Klauberg zum Fußballspielen. Mit seinen niedrigen Mäuerchen und Erdhügeln, die den großen Bolzplatz zu den Seiten abschirmten, war der Klauberg eine Art kleines Natur-Stadion. Und da es sich schnell herumsprach, dass hier eine Menge blutjunger Talente bolzten, saßen nicht selten zehn, zwanzig schreiende Frührentner um den Platz herum, die ihre missratenen Söhne anfeuerten.

Da war dieser knorrige alte Pole, der bei jedem Wetter kam, um seinen untalentierten Bub zu unterstützen, der keinen Namen hatte, kein Wort Deutsch sprach und nur stur geradeaus rannte mit hochroter Birne, ohne je die Pille zugespielt zu bekommen. Eine tragische Figur. Der Vater.

Der Sohn aber auch.

Bevor es losging, mussten Mannschaften gewählt werden. Dazu wurden zwei Kapitäne bestimmt, in der Regel die beiden stärksten Spieler auf dem Feld. Wer von den beiden mit dem Wählen beginnen durfte - was ja nicht unwichtig war, schließlich konnte sich der Gewinner den nächstbesten Spieler sichern, oder den einzigen Torwart - das wurde mit einer Runde Pottleck ausgefochten.

Pot-leg.

Beim Pottleck standen sich die beiden Kapitäne gegenüber, im Abstand von einigen Metern, und marschierten abwechselnd einen Fuß vor den anderen setzend aufeinander zu.

Also, erst ging A eine Fußlänge vorwärts, dann B, immer im Wechsel.

Gewonnen hatte, wer als letzter einen Fuß setzen konnte, ohne sein Gegenüber an der Schuhspitze zu berühren. Je später der Nachmittag, desto ausgefuchster wurde gepottleckt. Vor allem in den Großen Sommerferien, wenn es erst spät am Tag dämmerte und schon mehrfach gewählt worden war, wurde die entscheidende letzte Fußlänge gestückelt:

Wenn abzusehen war, dass es zuletzt zwischen den beiden Kontrahenten für eine ganze Fußlänge nicht mehr reichte, setzte man den Fuß eben schräg in die verbliebene Lücke, schon passte es. Manchmal blieben auch für den Gegner noch zwei, drei Zentimeter Platz: Genug für eine Schuhspitze, von oben in den Staub gedrückt.

„Ballerinaaa!!!“ musste so ein Sieger vielleicht über sich ergehen lassen, aus dem Hals von zwanzig wütenden Frührentnern und einem knurrenden Polen, aber gewonnen war gewonnen, wen juckten da höhnische Rufe.

Nur warum dieses Verfahren in unserer Strasse Pottleck hieß, oder Pot-leg, keine Ahnung. Interessierte auch keinen.

Hieß eben so.

2

Jeder kennt es, diese Szenen aus der eigenen Kindheit, die in unregelmäßigen Abständen auftauchen, aber keinen erkennbaren Sinn machen. Wo man sich, mittlerweile erwachsen, fragt: Ach ja, und was soll das bedeuten, bitteschön!? Warum fällt mir ausgerechnet diese belanglose Szene ein? Hatte meine Kindheit nichts Spannenderes zu bieten!?

Die Szene, die in meinem Kopf periodisch wiederkehrt, ohne erkennbar Sinn zu machen, spielt im Jahre 1972. Ich komme von der Schule heim und freue mich auf Fußball im Fernsehen: das Europapokalspiel zwischen Steaua Bukarest und Bayern München. Ein Nachmittags-Spiel, Europapokal der Landesmeister.

So sehr ich Bayern München heute hasse, in den frühen Siebzigern hatte das Team ein Gesicht: Gerd Müller hatte ein Gesicht, Beckenbauer hatte eins, Bulle Roth, ja sogar Uli Hoeness, pfeilschnell und immer geradeaus rennend, hatte zumindest eine hochrote Birne. Und, nicht zu unterschlagen, der vierschrötige Vorstopper Katsche Schwarzenbeck, der wie eine Machete übers Spielfeld marschierte, um seinen Kollegen den Weg frei zu hauen.

Fußball im TV war damals was besonderes. Am Samstag lief im Ersten die Sportschau um sechs, abends das Aktuelle Sportstudio im ZDF, ab und an gab es ein Länderspiel, und eben der Europa-Cup. Da Rumänien 1972 noch kein Farbfernsehen hatte, wurde die Partie aus Bukarest in s/w übertragen. Aber darum geht es gar nicht. Die rätselhafte Szene, die im Schnitt alle paar Monate in mir hochgespült wird, betrifft den Kinderfilm, der vor dem Fußballmatch ausgestrahlt wurde, ebenfalls in s/w, und von dem ich nur das Ende mitbekam, kurz bevor der Abspann einsetzte.

Ein Junge, etwa mein Alter, sitzt auf einer betonierten Kaimauer und blickt hinaus aufs offene Meer.

Man hört Möwengeschrei.

Sonst nichts.

Nur das Meer, der Hafenkai, der Junge. Genau dieses Bild. In schwarz und weiß.

Kommt dauernd in mir hoch.

Und jetzt kommt mir bitte keiner mit so Psycho-Kram à la: dieser einsame Junge, der da sitzt, das bist doch du!

Schon klar.
11.1.18 16:23


Wasserkrawall



Montagfrüh, Regenwetter, Gesichter. Ich war mit dem Obus unterwegs, musste am Central umsteigen. Wer fremd ist in der Stadt und eine Kreuzung namens Central sucht oder das Hotel Tack am Central, der wird vom Navigationssystem zu einem unspektakulären Knotenpunkt zwischen den drei Stadtteilen Gräfrath, Mitte und Wald gelotst. Viel Lärm, eine große Versicherungsagentur, eine Kneipe, die früh um acht schon brechend voll ist, ein Hotel. Kaum Baum.

Da fällt mir ein: Wie der Herrgott einst die Natur erfand? Ich kann es euch sagen. Er liess einfach sein gesamtes Inventar über Nacht draußen und wartete ab, bis alles grün wurde. So machte er es immer. So ungefähr. Am Central hatte es nicht so gut geklappt. Ich meine, ein Baum..

Unweit des altehrwürdigen Hotel am Tack stieg ich aus dem Bus und spannte den Schirm auf. Die Regenböen trafen mich seitlich, ein kräftiges Westgeschäft, STURM, da konnte auch der begabteste Schirm nichts reißen. Also klappte ich ihn wieder ein und zog die Kapuze über. Im strömenden Regen wechselte ich die Strassenseite, und obwohl ich es eilig hatte, blieb ich auf dem Trottoir jäh stehen. Von der Dachrinne eines hohen Gründerzeitbaus prasselte das Wasser nieder, gebündelt zu einem langen Zopf schlug es hart aufs Pflaster. Ich drückte mich ein Stück der Hauswand entlang, bis ich lotgenau unter dem Wasserfall zum Stehen kam und ihm Gelegenheit gab, auf den – jetzt wieder entspannten – Schirm zu trommeln; ein Gehämmer wie von hundert Protzen, die sich vor der Pinkelrinne aufbauen und es krachen lassen.

Es blieb keine Zeit, auch wenn ich ein großer Fan von Geräuschen bin – ich musste den Bus nach Wald erwischen. Hinter mir hörte ich ihn schon herankriechen, den Strom kauenden Oberleitungsbus, los jetzt: bei Rot über die Fußgängerampel.

Nun war ich nicht der Einzige, der die Linie 2 noch kriegen wollte, in meinem Schlepptau wackelte ein xbeiniges Mütterchen über die vielbefahrene Straße und zwang den Berufsverkehr (und einen hochhackigen Freizeitjeep) zum Mitdenken, sonst wäre sie weg gewesen von der Bildfläche.

„Na, wir sind ja schöne Vorbilder“, schnaufte das Mütterchen, als wir an der Haltestelle ankamen. "Bei Rot über die Ampel.."

„Ja wie sonst“, keuchte ich.

Es stellte sich schnell heraus, dass es der falsche Bus war. Statt nach links Richtung Solingen-Wald bog er an der Kreuzung nach rechts ab, Richtung Solingen-Gräfrath. Es handelte sich um die Linie 3 statt Linie 2.

„Sind wir ganz umsonst bei Rot gegangen“, feixte die alte Dame, „hätten wir uns gar nicht sputen müssen.“

Ein bißchen ähnelte sie einer pumpenden Kaulquappe, aber das konnte auch an den nassen Umständen liegen. Ein kleines Persönchen, das sich trotz des hohen Alters linkisch bewegte, unfreiwillig akrobatisch.

„Das wird überhaupt nicht richtig hell heute“, sagte sie.

„Stimmt, seit Tagen nicht.“

„Ja stimmt. Seit Tagen nicht.“

„Nicht richtig hell.“

Ich schaute mich um. Wo ich stand, war geweihte Erde. Die Haltestelle war keine zehn Schritte entfernt von dem überwucherten Gelände, auf dem einst das Geburtshaus von Pina Bausch stand. Ein zuletzt baufälliges altes Fachwerkhäuschen, das gegen geringen Widerstand in der Bevölkerung abgerissen wurde, zu einem Zeitpunkt, als Pina Bausch noch lebte und kaum jemand in der Stadt wusste, wer Pina Bausch überhaupt war. Bis auf die Tanzinteressierten. Ein Jahr später war sie plötzlich tot, und plötzlich wusste die ganze Stadt, wer Pina Bausch gewesen war, die große Choreografin des Plötzlich, und alle wollten ihren Tod mitfeiern.

- Die Gräfin nahm mich 1989 mit ins Stadt-Theater zum Ballett. „Wie, Ballett?“ fragte ich. „Was soll ich im Ballett?“ „Nicht Ballett“, sagte sie. „Pina Bausch.“ Wir sahen uns "Nelken" an. Toller Abend. -

Am Central war ein Brachgelände aus dem historischen Ort geworden, wo Pina Bausch aufwuchs. Nahe Hotel Tack, unweit Cafe Müller. Wilder Weizen hatte sich ausgesät, buschige kleine Regentage, eine Landschaft ohne Zaun, mild und friedlich, wie von einem wohlmeinenden Regengott hingewürfelt, locker aus dem Handgelenk, Solingen-Central, zwischen Wald und Gräfrath.

Wo Pina als zehnjähriges Mädchen sonntags losgezogen ist, um Kuchen zu holen im benachbarten Cafe Müller. Die kleine Pina, immer in Bewegung, immer am tanzen, immer Schlange.

Solingen, am Central 1950.

„Stellen Sie sich vor, all der Regen der letzten Woche wäre als Schnee runtergekommen“, schlug das alte Mütterchen vor, tief unterm Schirm geduckt.

„Ja, dann wären wir jetzt eingeschneit, dann würden wir jetzt versinken“, sagte ich.

„Nach dem Krieg war ich mit meinem Bruder im Westerwald, mit dem Zug. Sei vorsichtig, wenn du aussteigst, hatte mein Bruder noch gesagt. Der Schnee liegt hoch, wenn du hinfällst, buddel ich dich nicht mit bloßen Händen raus. Und was tut die kleine Schwester? Springt einfach aus dem Zug. Klar, das konnte man von oben nicht sehen, wie hoch der Schnee lag. Und schwupps war ich weg, eingesunken bis zur Nasenspitze. Was hab ich geschrieen.. Ich dachte, ich ersaufe.“

„Und dann hat der große Bruder Sie ausgegraben?“

„Ja natürlich, dafür sind große Brüder doch da. Der war zehn Jahre älter als ich und einen Kopf größer. Du großer Blödmann, sagte ich immer. Und dann hat er mich ausgegraben. Mit seinen Spatenhänden. Da..! Unser Bus..“

Die alte Dame zog den Schirm ein und wankte beim Einsteigen wie ein Schiffchen im Sturm, ich folgte ihr, drehte mich aber kurz um und sah die kleine Pina, wie sie vom Cafe Müller kam, eine Papiertüte voller Gebäck in der Hand, über den Bürgersteig tänzelend, auf Zehspitzen "Von den blauen Bergen kommen wir" summend.

(Unser Lehrer ist genauso doof wie wir.)

Ich verzog mich ganz nach hinten, in die letzte Sitzreihe. Der Regen klopfte hysterisch gegen die Panoramascheiben. Ich sah den Nothammer, merkte mir die Position. Nur für den Fall.

Wasserkrawall.
16.1.18 11:07


Arnheim, der Blues (1986)



MUSS RAUS HIER.
JETZT.
RAUS.
REIN IN DEN QUIETSCHEKADETT
UND RAUS AUS DIESER STADT.
WEG VON DIESER FRAU, DER ICH ZU FÜSSEN LIEGE
"KOMM ZURÜCK!",
ABER SIE KOMMT
NICHT..

..also raus auf die Piste da fahren Lastwagen beladen mit
Zigarren die dickste für mich die paff ich zum Blues
der steckt in den Knochen

und im Handschuhfach
da sind Schlagzeugstöcke
mit denen trommel ich den Beat:

SHE-S-MY-BA-BEE-
SHE-S-DRIVING-ME-
CRA-ZEE

2 Wochen und 2 Tage hab ich sie nicht gesehen und dann
heut Nacht das Telefon
ihre Stimme
"Muss dich sehn, mach mir Sorgen, du schmierst ab"
sag ich "Ja Mädchen, das ist der Trip, der scheucht mich"
und nachts zeigt der Türsteher mit dem Finger auf mich

Ahh, da isser wieder der Fertige,

fertig bin ich wirklich schlimm aber da ist diese Frau in
meinem Kopf, sag ich

und schieb ihn beiseite

"Aber sehen will ich dich nicht"
sag ich
"Das würd mich umbringen"

Aber schwach bin ich
hilflos und um 6 in der Früh
kommt sie mit dem Adventskalender wir öffnen zwei Törchen
REDEN RAUCHEN
HEIZEN
durch den Vormittag
kaufen Turnschuhe im Supermarkt
weil die Latschen vom toten Nachbarsjungen
mir kein Glück gebracht haben

tauschen Komplimente an der Kasse
"Du siehst gut aus!"
"Nein, du siehst gut aus!"
"Nein, du!"

Frag ich: "Das ist unwirklich, nicht wahr?!

sagt sie "Doch es ist wahr,
wirklich, lass uns frühstücken".

Da packen wir alles auf einen Teller mein erstes Ei
seit 2 Wochen 2 Tagen,

"Und neue Jeans brauch ich auch,
solche in denen frau die Klöten sieht" sag ich
da wird sie böse das ist gut und dann

DIE UMKLEIDEKABINE
DIE KÜSSE
ABER DA LÄUFT DIESES RADIO
DIESE SERVICEWELLE
DIE MELDET STAUS
AUF DER A8 B9
B10

und so finden wir nicht zueinander
die Zungen blockieren

"Das is nich unsere Zeit", sagt sie,

"Nein, das ist sie nicht", sag ich, "Aber die Jeans,
die passt, die nehm ich"

also raus aus der Boutique und
rein in den quietschenden Kadett,
irgendwohin fahren was kiffen
nichts mehr sagen
nur die Kassette
tönt
die ist von mir
die eiert
das macht uns melancholisch
sag ich "Mädchen, muss jetzt raus hier
auf nach Arnheim in das Zimmer von Schnaat
das auf meinen Blues wartet"

sag ich "Ich liebe dich", sagt sie "Ich dich auch, irgendwie"

und dieses Irgendwie
das ist der Knockout der komische
aber das war heut Mittag

jetzt ist Abend
jetzt ist Arnheim
ich park am Hommelseweg
und tret mit Kubastummel vor die Vermieterin
die bebrillte Kröte

sag ich
"Grüsse vom Schnaat, würd gerne ne Woche hier
knacken, bin auf der Flucht vor dieser Frau",
sagt sie "Klasse, aber für Grüsse kann ich mir nix kaufen,
kost' doch alles, Strom, Gas,
und die Frau, die kenn ich auch nicht,
also 15 Gulden die Nacht"
sag ich "10!"
sagt sie "15!"
sag ich "Abgemacht, Hauptsache ne Hütte"

steig die Treppe hoch
ist das Zimmer kahl
kein Bett keine Matratze
nur Fussboden und ein Haufen Decken

so mach ich mir das Nachtlager
und hier lieg ich jetzt

HOL IHN MIR HOCH
UM IHN WIEDER RUNTER ZU HOLEN
DOCH ALS ER KOMMT DER ORGASMUS
DENK ICH ES WÄRE IHRER
DEN DER SOLDAT IHR MACHT
UND LASS LOS LASS SPRITZEN
LASS RUMSEN IM BAUCH
BIS ES HELL WIRD
draußen

das ist der Blues der akute Schwitzkasten
selbst im Traum steh ich auf dieser endlosen Strasse
seh sie fortlaufen mit dem Soldaten
immer schneller
will ihr nach ich schaff mich schwitze
steck fest bis sie fort ist nur
noch ein Punkt in der Ferne
da renn ich los in andere Richtung
gar keine Richtung

also rein in die Röhrenjeans
die O-Beine auch nicht gerade
gerade macht
und runter auf den Hommelseweg

HALLO ARNHEIM HIER BIN ICH

aber wer ist ich?
Steh doch nur neben den Schuhen
weil sie drinsteckt sogar in diesen
und die sind so neu
dass die Ferse blutet
das ist der Blues

ICH GEH
FÜHL
& KOMM UM

SEH ZWEI PUNKS
EINEN KANISTER DURCH DIE GOSSE TRETEN
MIT SPITZEN STIEFELN BIS SIE FLITZEN
DENN DA BIEGT DER METZGER UM DIE ECKE
STEMMT DIE FÄUSTE IN DIE HÜFTE

aber das juckt mich nicht ich

seh nur die Mayonnaise aus den Ritzen quillen
denk mir ist

EH ALLES BLECH
EINDRESCHBAR

Und das diese Frau mich wahnsinnig macht

Was ich ihr alles verspreche
"Ich mach ne Million Dollar und hol dich zurück/Oder in Lire/Fürn Anfang auch nich übel/Oder ich leih mir was!"
lacht sie "Junge bist du drauf"
sag ich
"Klar, Mädchen, aber deine warmen braunen Augen,
die machen mich so satt dass kein Hunger bleibt
für Worte, die mir Dollars bringen sollen,
also bleibts bei den Lire"

doch das findet sie nicht witzig
ich auch nicht
es sind nur die schweren Sachen im Blut
die mich sülzen lassen
jung bin ich
blöd hab keine Zeit für Weisheit und

MEINE EINZIGE ERFAHRUNG
IST DIE EFAHRUNG
DASS ERFAHRUNG HUMBUG IST
ES MACHT HUM
UND DU KRIEGST WAS VOR DEN BUG

das ist alles das ist wie Langlegen/Aufstehen/Lang
legen/Aufstehen der Rhythmus stimmt
aber ich
ich
lieg grade lang
nehm mich selbst furchtbar wichtig
also weg von dieser Strasse
vom Gestank holländischer Fritten
in gelben Tüten und

Rein in die Cafeteria/Da steht ein Tisch/Da klemm ich den Bauch dran/Den Taste ich ab mit dem Kugelschreiber/Aber da kommt nichts/Weil ich ja doch nur an sie denke
an ihre Worte
die ich vom Ohr gleich rüberlege zur Goldwaage
damit ich ein Bild kriege
doch ihr Kopf ist ein Tollhaus
da gehts drüber
da gehts drunter
und was sind da schon Worte
ausser unzulänglich und verlogen

Da denk ich lieber an zu Hause
an den BEUTEL BRATWURST IM KÜHLSCHRANK
der sollte Proviant sein
hab ich aber liegenlassen vergessen
wie den Brösel und meine Purpfeife
die kleine Freundin die stopf ich
dass sie es mir warm macht
oder das Herz rasend

Doch jetzt seh ich nur die Spiegelwand
bin erschrocken wie normal ich wirke
nichts dringt nach außen
bin nur der Sack der
sich nicht öffnen lässt
sonst liess ich ihn strömen
den Schmerz bis er mehr
Ausdruck fände als Fassade und Gesülze

DAMIT DU BESCHEID WEISST

Kraftlos bin ich eine einzige Lücke
und hundertfünfzig Kilometer Luftlinie
von dir entfernt und diese Linie in der Luft
die gibts wirklich

Warum also flüchten warum Arnheim
auch nur eine deprimierende Stadt
nicht mal gross
nur deprimierend
wenn man kein Bild ist
in den Köpfen von Eingeweihten

also rein in den Kadett
quietsch mich heim zu ihr
zur Bratwurst im Kühlschrank.
17.1.18 17:48


Die Crux unserer Tage



Es sind ja nicht die Sätze, die vor Kraft kaum laufen können und einem sofort ins Auge springen wie durchtrainierte Athleten, es sind eher die eingeschobenen kleinen Nebensätze, das Volk der cleveren kleinen Sherpas, die Unterstützer-Szene, die den ganzen Ballast trägt und der man zunächst, auch als Schreiber, zu wenig Beachtung schenkt, die aber den Ton einer Story vorgibt. Den Takt. Den Herzschlag. Den Blutzoll.

Genau das sind die Sätze.

*

Mit einer der unheimlichsten Film-Szenen der Film-Geschichte endet Der Pate, Teil II. Jedes Mal, wenn der Film im Fernsehen wiederholt wird, schalte ich kurz vor dem Ende ein. Ich muss mir das Ende immer und immer wieder ansehen.

Die Szene: Der zunächst in Ungnade gefallene und dann von Clan-Chef Michael Corleone (scheinbar) wieder in die Familie aufgenommene Bruder Fredo fährt im Morgengrauen zum Angeln raus. Mit im Kahn sitzt Al, einer der Untergebenen des Mafiaclans, ein eher unscheinbarer Crack, der es gewohnt ist, still seinem Handwerk nachzugehen.

Die Kamera ist nun abwechselnd im Bootshaus, wo Clan-Chef Michael Corleone zum Fenster hinausschaut, und draussen auf dem ruhigen See.

Der Himmel um diese frühe Uhrzeit ist grau und betonschwer, im Hintergrund spielt die unheilvolle Musik von Ennio Morricone.

„Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes..“, hört man Fredo beten, den Verräter, bevor ein vom Zuschauer ebenso erwarteter wie befürchteter einzelner Genickschuss übers Wasser peitscht. Der Kahn gerät ins Schaukeln, ein Vogel kreischt zwei unvergessliche Male, eng verwoben mit zwei dunklen Akkorden.

*

Weisst du, warum dicke Menschen nicht gut gelitten sind in der Gesellschaft?

Weil es für jeden offensichtlich ist, dass sie sich im Leben zu viel herausgenommen haben.

– Die Gräfin –

*

Immer weniger Menschen können gut zuhören, warum? Weil sie in Gedanken schon vorformulieren, was sie selber sagen wollen – genau das ist die Crux unserer Tage. Und am Ende der Tod der Demokratie.

*

Mit 50 hat man die Weltkarriere im allgemeinen schon hinter sich. Ich nicht. Wie immer liegt darin die Komik, und lauter Missverständnisse.


*

Einen Monat vor ihrem Tod Weihnachten 2010 feierte Mutter ihren 83. Geburtstag in der St. Lukas Klinik. Wir hatten einen großen Tisch in der Cafeteria gedeckt und ein bisschen dekoriert. Während die Familie schon Platz nahm, fuhr ich mit dem Aufzug hoch zur Station, um Mutter abzuholen.

Auf dem Gang kam mir der Tod entgegen, ein Vorbote - ein junger Bursche, blond, keine zwanzig Jahre alt, völlig aufgelöst und verzweifelt. Er kam gerade von der selben Station, auf der auch Mutter lag, und er hatte schlechte Neuigkeiten bekommen. Er machte sich ganz dünn, hielt sich nahe der Flurwand, wo ihn ausser mir niemand zu bemerken schien.

In Situationen, wo das Leben sich plötzlich und unerwartet zum Drama verdichtet, versuche ich mich stets zu vergewissern, ob es einen Gewährsmann gibt, ob ich einen Zeugen habe. Jemanden, der das Erschrecken in seinem Gesicht, sein ebenso ton- wie bodenloses Schluchzen ebenso wie ich beobachtet. Und diese Eile, mit der fortstrebt von der Station, von der schlechten Nachricht.

Ich werde diesen Jungen nie wiedersehen, dachte ich. Er hetzte der Wand entlang. Er bebte vor meinen Augen. Er floh von der Station, auf der auch Mutter lag.

Ich klopfte nicht an. Ich stieß die Tür auf. Sie saß im Rollstuhl und wartete bereits. Tags zuvor war sie mit meiner Schwester beim Krankenhaus-Coiffeur gewesen, extra für den Geburtstag, sie sah richtig schick aus. Ein hübsch gemachtes Großmütterchen.

„Da bist du ja endlich.“
20.1.18 10:49


VOM RÄUDIGEN LEBEN, DER WUCHT & DEM NIMBUS

 

Die Bruderschaft
der 500beine

 

 

 

Ach Mensch.
Ach so.
Ein dummer Sonntag.

 

Karlos hat einen Johnny gerollt.
Ich fass ihn an, den Johnny.
"Der ist aber dünn, ne?!"
"Ja sicher ist der dünn!" tönt Karlos. "Ich bin ja auch dünn! Warum soll da der Johnny nicht dünn sein!?"

 

Ich sag da nix zu. Deswegen red ich jetzt auch hier, und sitze.
Danach: Mitnehm. Immer alles mitnehm.

 

"Ein fieses Dope!" lobt der dicke Hansen. "Das geht ganz fies rein."

 

Wenn man immer nix zu sagen hat, das kommt auch fies.

 

"Reden ist vertanes Schweigen", sag ich an diesem dummen Sonntag.
Mitten in der Küche: Jammertal.
"Da erzähltst du und erzählst du dein Leben lang, und keiner glaubt dir was, womöglich."

 

"Du..?, ich hab immer so heisse Sekunden manchmal", wispert die Gräfin.
Nicht schlecht. Da machen wir ein Lied draus. Dazu schleudere ich Stubenfliegen über die Wupper, Hoden und Granaten!

 

Ist das ein schönes Land!
Ein schönes Lied!

 

Wenn schon reden, dann singen.

 

UND NICHT KLOCKERN,
KLETZEN,
BABEE!

 

Doch zunächst: Durch die Matsche waten, bis ich nüchtern bin.

 

"Kannste lange waten!" weiß Karlos.
Überall Sonne.
Dreck.

 

 

Morgen kommt die Müllabfuhr. Ich will den Müll rausbringen.
Die Gräfin hat die Nase überm Müllbeutel. Sie riecht ja an allem. Sie ist Geruchs-Messie. Sie kann keinen Geruch wegschmeissen.

"Stinkt ja gar nicht!" sagt sie.
"Was stinkt nicht?"
"Der Müll. Müll muss stinken. Sonst ist das doch kein Müll."
"Gut. Dann bleibt der Müll eben drin, wenn der nicht stinkt."

 

 

Ach so!
Ach Mensch.
Das dauert alles schon so lange.
Ich glaub, so lang kann das gar nicht mehr dauern.

 

Manchmal.. muss man ewig:
Mitnehmen. Immer alles
Mitnehmen.


Eines jedenfalls ist klar: was auch immer dir im Leben gelingen mag, der liebe Gott klatscht keinen Beifall.

 

"Warum auch!" blökt Hansen. "Der hat besseres zu tun!"

 

Ich sitz in der Wohnküche und habe einen Hut auf.
Die Uhr schaut von der Wand hinab und schlägt.
Es regnet. Ich leide.
Es regnete. Ich litt.

 

 

"Soll ich?" sag ich. "Willst du?
"Her damit", meint der dicke Hansen. Er rollt noch einen Johnny.
Ich fass ihn an, den Johnny.
"Der ist aber dick, ne?"
"Sicher ist der dick! Ich bin ja auch dick! Warum sollte der Johnny nicht dick sein?!!"

 

 

Ich sag da nix zu.
Deswegen. Danach.
Dings.

 

 

"Du redest immer so schnell und leise", sagt die Gräfin.
"Quatsch. Ich red überhaupt nichts.
Das hört sich nur schnell und leise an."

 

Die Morgensonne klebt wie ein Apfelschnitz an der letzten Nachtwolke. (Hört sich langsam und leise an.)

 

Leben in Deutschland, das ist beim Knutschen anschnallen und:

Deutschen verboten!

Betretenheit im Rasenland

 

(Wer mit einem Schatten erwischt wird, obwohl die Sonne gar nicht scheint, kassiert 6 Monate auf Bewährung.)

 

Klaus ist betrunken.
"Wenn ich morgen im Lotto gewinn, düse ich nach Hongkong in ein Superbordell und geh kaputt, hahaa!"
"Du spielst Lotto?" wundere ich mich.
"Ich? Lotto? Näh. Ich spiel kein Lotto. Aber um kaputt zu gehn, muss man kein Lotto spielen."
"Aber um zu gewinnen."
"Auch nicht."

 

"Willy de Ville hat ne Fresse wie ne belgische Kleinstadt", findet Karlos Zeit zwischen zwei Atemzügen, der Qualm kommt mit raus.
Er hat ein Plattencover in der Hand.
"Auch ne belgische Kleinstadt hat schöne Ecken", sag ich.
"Kann sein. Aber nicht die Fresse von Willy de Ville. Die nicht!"
"Stimmt. Die nicht."

 

Deswegen red ich jetzt auch hier,
und sitze.

 

"Ein fieses Dope", findet der dicke Hansen. "Geht ganz fies rein."

 

Die Gräfin:
"Autoabgase riechen rot."
Wir kucken sie an.
"Als würden sie einen beschimpfen."
Stiller Beifall.

 

Klaus hat festgestellt, dass er einen linken und einen rechten Fuß hat. Die Erweiterung: Er hat einen linken und einen rechten Stiefel. Aber keiner von beiden passt. Also läuft er barfuß in die Kneipe. Schleppt Kölschbier an.

 

Nirgendwo hat es jemals gereicht.

Das reicht.

Danke.

 

"Wenn Kinder und Besoffene die Wahrheit kennen, von welcher Wahrheit wissen dann besoffene Kinder?" frage ich Karlos.
Der winkt ab.
"Wenn du nem Kind Schnaps einflösst, kotzt es sofort, das ist die Wahrheit, und das ist alles."

 

Ach Mensch.
Ach so.

 

Sperrstunde.
"Los, gehn wir zu mir", mümmelt Klaus, "können wir noch einen Rundmachen."
Er wohnt gleich um die Ecke. Geschmackvoll eingerichtet, Statuen und Wandteppiche aus Ceylon.

Karlos rollt einen Johnny und ich guck mir alles an. Gummisalamander, ein Schaukelschaf, Modell-Flugzeuge in allen Größen.

"Warste mal Pilot?" frag ich Klaus, der sichtlich Probleme mit der Motorik hat.
"Nee, Pilot nicht", mümmelt er, "aber ich hab mal ne Stewardess als Leckerchen gehabt, da bin ich viel vorne in der Kanzel gesessen, bei der Landung und so. Ich sag euch, Jungs, wir alle landen, das geht so schnell, das siehste gar nich kommen, die Landung. Das geht Tock-Tock, schon biste unten.."

 

Später.
Wir tanzen im Kreis,
und ich bin auch dabei.

 

Aus dem Alter komm ich wieder rein. Womöglich nicht.

 

*Die Monate vergehen ungebadet, aber eines steht fest: Mit Hexenschuss schinde ich hier keinen Eindruck!*

 

So lasst uns nun einen Narren fressen.

 

"Laubblätter rauchen, wenne das als Sechsjähriger machst, kriegste richtig Kick im Kopf!" sagt, na, Karlos.
"Kann ich mich auch dran erinnern", meint der dicke Hansen.

 

Karlos: "Ist der Schmelzkäse noch gut?"
Der dicke Hansen: "Keine Ahnung."
Die Gräfin: "Wirste schon merken, wenne heut Nacht am kotzen bist!"

 

Mein täglich Herzbrot, das rumpelt. Nasenflirt.
Los, schreib alles auf!


Man kann niemals genug vergessen, was man schon mal gesehen hat.

 

"Den Tag werd ich nie vergessen!" ereifert sich Karlos. "Obwohl ich mich an nix erinnern kann!"

 

Mitnehmen. Immer alles mitnehmen.
Liegen lassen, alles vergessen.
Das geht auch.

Ist das hier ein Lärm.

"Ich wollt nur mal Hallo sagen", sag ich gestern am Telefon zu ihr, dann nichts mehr. Naja, er wollte ja auch nur mal Hallo sagen, hat sie gedacht, und aufgelegt.

 

"Wann haste denn deinen Schinkenroman endlich fertig?" witzelt der dicke Hansen. "Keine Ahnung", sag ich, "aber ich glaub nicht, dass du dann noch deutsch sprichst."


Ein dummer Sonntag. Ein heisser Sonntag. Vielleicht.. endet alles an ihrem Busen, und der Mond macht ne Pulle Limo auf.

 

Aber nein, Mijnheer! Nirgendwo hat es jemals gereicht. Das reicht. Danke.

 

Ach Mensch. Ach so.
Man kann nicht alles haben.
Am besten: Gar nichts.

 

Ich roll einen Johnny.
Karlos und der dicke Hansen fassen mal an.
"Der ist aber krumm, ne?"
Sicher.

 

23.1.18 16:23


Eine leicht frustrierte Aufbruchstimmung



Ich ahnte schon früh, dass die meisten Mädchen einen zuverlässigen Partner suchen, der ordentlich was in der Hose hat und zweimal im Jahr zwei Wochen Urlaub springen lässt. Ich hätte es also wissen müssen.

„Ich will in die Normandie! Oder in die Picardie! Am besten erst in die Norman, dann in die Picardie! Kann das denn so schwer sein? Stattdessen renne ich schon wieder mit dem Hund und dir durch den Wald hinter unserem Haus! Den hab ich schon tausend Mal gesehen, diesen beschissenen Wald! Da, die scheiss Buchsbaumhecke kenne ich auch! Die heisst vermutlich Magdalena!“

Die Gräfin ist geladen. Wir wollten ein paar Tage in den Süden fahren, nach Holland, nach Süd-Holland, müssen es aber verschieben. Es geht nicht. Nichts zu machen. Ein Termin ist dazwischengekommen.

„Fahren wir eben im Oktober“, sag ich. „Sind doch nur noch vier Wochen.“

„Ach, du! Auf dich muss man immer nur warten! Mein ganzes Leben warte ich schon auf dich! Du könntest langsam mal kommen.“

Sie geht so zornig weiter, dass der Kies wegspritzt unter ihren Sandalen. Na, das ist ja ein toller Samstagvormittag. Wir biegen in die Schrebergartenkolonie ein, der Hund trottet zwanzig Meter hinter uns her, wie immer, wenn wir streiten.

Seemannshohe Sonnenblumen verneigen sich wie Richtmikrofone in unsere Richtung, Vorsicht! Live-Aufzeichnung!

Steinchen zersplittern unter ihren Schritten, Vögel verirren sich in der Luft.

Am Boden spielen Schrebergartenkinder zum 10. Jahrestag der Angriffe auf die USA lauthals Dschihad. „In zehn Sekunden geht der Anschlag los!! Zehn, neun, acht, sieben..“

Wird Zeit, dass wir weiterkommen.

Krähenversammlung und Waschtag am Himmel, der Feuerahorn wirft erste Blätter ab, wie Blutplättchen sammeln sie sich rund um den Baum.

„Dass das ganze Leben super ist, dass immerzu alles passieren kann und nichts unmöglich ist, diese Einstellung hat mich mein Leben lang getragen. Und jetzt?! Jetzt bin Ende vierzig und alles kracht zusammen“, schimpft sie. „Ich bin gelandet. Nicht mal ne Woche Holland kriege ich noch hin.“ Sie fixiert mich. „Kriegen wir noch hin.“

„Süd-Holland“, sag ich.

Unser Spielzeugkalifornien mit Pommes Frites.

Immer schön bei der Wahrheit bleiben.

*

Richtung Bärenloch begegnet uns eine intakte Familie. Mutter, Vater, zwei Kinder, Großmutter, Hund, es herrscht ausgelassene Stimmung. Die Oma legt liebevoll die Arme um die Enkelin, die das offenkundig geniesst. Mutter und Vater unterhalten sich mit uns, der Gräfin kommt der pummelige Gang des Labradors bekannt vor.

„Das ist doch die Mona, die ist doch früher immer laufen gegangen, wenn sie die Hitze hatte.“

„Genau“, freuen sich Vater und Mutter. Dass sich daran jemand erinnert. Aber Mona ist alt geworden, sie hat Arthrose und schnauft wie ein Seehund und ist froh, wenn sie es ab und zu den Hügel raufschafft, den Hügel im Park.

Als wir im Bärenloch sind, einer weitläufigen Parkanlage mit Hundeauslaufplatz, den wir noch nie benutzt haben, weil es nichts langweiligeres gibt als Hundeauslaufplätze, wo die Hunde rumstehen und sich fragen, was sie hier machen sollen, hat sich die Lage beruhigt. Frau Moll nimmt Anlauf und springt vor Freude in den großen Teich, und die Gräfin unterhält sich mit einem Mädchen, das im flachen Wasser seht und Stichlinge fischt.

Ich geh auch mal dahin.

„Ich hab schon sechzig Stück!“ ruft das Mädchen, keine zehn Jahre alt.

„Kaulquappen?“ sag ich.

„Nee, Stichlinge..!“

Ich guck in den Eimer.

„Das sind doch keine Stichlinge, hör mal. Das sind glitschige kleine Küchenschürzen.“

Mir hört niemand zu. Ich hab auch schon mal besser gescherzt. Der Tag entwickelt sich nicht richtig. Er bleibt im Ungefähren. Da, wo sich niemand richtig wohlfühlt. Wo jedermann nach links und rechts blinzelt, um sich zu vergewissern, wie man ankommt.

„Darf ich euren Hund mal in Stichlingen baden?“ tanzt das Mädchen am Ufer entlang. Die Gräfin steht bis zu den Knöcheln im Teich, die Sandalen hat sie ausgezogen.

„Iiih, die lutschen mir am grossen Zeh, die Stichlinge.“

Das Mädchen folgt der Gräfin ins Wasser.

„Vielleicht nuckeln die mir auch am Zeh. Ich möchte auch am Zeh genuckelt werden.“

Frauen, denk ich.

„Kannst du schwimmen?“ fragt die Gräfin.

„Klar, aber nicht hier drin.“ Das Mädchen rollt die Ärmel hoch. „Hier, fühl mal meine Mukkis.“

Die Beiden haben sich innerhalb fünf Minuten angefreundet und spazieren Hand in Hand durch den Teich, und Frau Moll paddelt eifrig hinterher, um nicht den Anschluss zu verlieren. Wenn Frau Moll später aus dem Wasser steigt, riecht ihr Fell wie ihre alte Blockflöte, meint die Gräfin. „Wenn ich sie zu sehr eingespeichelt hatte, roch sie wie nasser Hund.“

*

Als wir am Nachmittag zurück sind und im Park noch eine Zigarette rauchen, beobachten wir zunächst ein Passagierflugzeug, das wie ein silbriger Walfisch den Himmel durchpflügt, dann eine weitere Krähenversammlung und zuletzt diesen Mann, der seiner Geliebten mal zeigen will, wie hoch er seine Brieftasche werfen kann.

„Mit 500 Euro drin!“

Die Börse verschwindet gleich beim ersten Versuch im dichten Geäst des Kastanienbaums. Eine halbe Stunde lang bemüht sich der Trottel, sein Portmanee wiederzukriegen. Hochklettern geht nicht, da der Stamm unten keine Äste hat, die man als Trittbrett nutzen könnte, also wirft er alle möglichen Stöcke und Steine in Richtung Baumkrone, in der Hoffnung, die Börse zu treffen, damit sie sich lösen kann und herunterfällt, aber er stellt sich dabei so untalentiert an, dass selbst uns als geübte Beobachter anderer Leuts Leben langweilig wird und wir das Beobachten einstellen.

Auch seine Geliebte stöhnt irgendwann nur noch „Blödmann“, und so endet der Tag, wie er begonnen hat.

So ungefähr.

*

Räuber Hotzenplotz ist in der Stadt! Ich lese es auf der Rückfahrt, als ich desinteressiert aus dem Fenster schaue, (nur ranghohe Hunde können sich desinteressiertes Verhalten erlauben), und wer glotzt mich da von einem Plakat an, aus den Tiefen meiner Kindheit?

Räuber Hotzenplotz ist in der Stadt!

Es ist das gleiche Bild wie auf dem Buchumschlag 1970, wo der alte Schelm verschlagen über einen Lattenzaun blickt, auf der Flucht vor Wachtmeister Dimpfelmoser. Die ganze Innenstadt ist mit der Ankündigung gepflastert, ganze Stellwände von Baustellen und Hauswände.

Räuber Hotzenplotz, Puppentheater-Vorstellung, tgl. 15, 17, 19 Uhr.

Ich nehme alle drei!

Mir wird ganz heiß im Unterbauch, da, wo die Seele sitzt, weil ich ab jetzt jederzeit damit rechnen muß, dass Hotzenplotz barfuß und vollbärtig und schlapphütig hinterm Busch hervorspringt, um mit vorgehaltener Knallbüchse die Herausgabe der Kaffeemühle von Seppels Großmutter zu verlangen!

PIFF! PAFF!

Ich bin ganz aufgeregt!

(Ich hab eine leicht frustrierte Aufbruchsstimmung.)

*

Der Text stammt aus dem Jahr 2011. Dem letzten Jahr, wo wir noch Zigaretten geraucht haben.
25.1.18 08:19


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