Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Vater & Sohn

Greta, die vierzehnjährige kleine Punkerin, die mit ihrem Vater, Alt-Punk Gus, über uns wohnte, war irgendwann keine Punkerin mehr. Wenn Greta nun das Haus verließ, sah sie aus wie eine kleine Frau, die Einkaufen geht. Sie drehte ihre Anlage kaum noch auf, und wenn sie es doch mal tat, sozusagen aus alter Verbundenheit, dann nicht für Punk, sondern für irgendein Singer/Songwriterzeugs, das wieder Konjunktur hatte und die Kids im Glauben ließ, ihre Helden hätten was Neues erfunden. Eines aber hatte Greta nicht abgelegt: Sie rotzte immer noch auf die Straße. Schicke kleine Rotzer, beiläufig auf die Erde geflappt, Kringel aus Gelatine.

Es kam zu einer Art Kindertausch. Greta zog zu ihrer Mutter, dafür war nun Erik, der elfjährige Sohn häufiger zu Besuch bei Gus. Erik, der ebenfalls bei seiner Mutter lebte, kam meist an Feiertagen und an den Wochenenden. Vater und Sohn verstanden sich gut, sie spielten von Samstagmorgen bis zum späten Sonntagabend Playstation. Es war, als hätten sie allerlei nachzuholen, hauptsächlich Playstationspielen.

Wenn ich mit Frau Moll von der Abendrunde heimkehrte, blieb ich eine Zeitlang im Vorgarten stehen und hörte den Beiden zu, wie sie beim Spielen Spaß hatten, wie sie sich bei geöffnetem Fenster unterhielten und lachten. Die beiden hatten mächtig Spaß miteinander, es bildete sich eine verschworene Gemeinschaft. Es war nicht der Wortlaut, der mich faszinierte, der mich stehen bleiben und horchen ließ, den Wortlaut bekam ich kaum mit, es war der Klang ihrer Stimmen. Wenn Vater und Sohn sich mögen, das hat schon einen ganz besonderen Klang.
13.12.17 14:56


Eines Tages geht das Telefon und jemand ist tot, den du liebst

°
26. Juni 1987

Karlos saß am Küchentisch, als ich reinkam, und starrte aufs Telefon. Er war aschfahl im Gesicht, jegliches Blut war raus.

“Der Pepe ist tot”, sagte er.

“Was..?”

“Der Pepe ist tot. Überdosis.”

Ich hatte schon verstanden, was er gesagt hatte. Ich dachte nur, beim zweiten Hören würde ich etwas empfinden. Eine Todesnachricht kriegt man nicht alle Tage, selbst wenn man in Pepes Fall damit rechnen konnte, irgendwann. Aber wieso jetzt schon!? Und warum sagte Karlos dauernd „DER Pepe ist tot“, so als gäbe es noch einen zweiten Pepe, einen, der nicht tot war, einen, den man sich aus dem Hut zaubern konnte, der sein Leben fortführte..

Ich musste lachen. Das war kein Lachen. Es war eine Art Zerrung, um den Mund rum. Es grenzte an Hysterie. Ich wusste überhaupt nicht, was ich fühlen sollte. Ein Freund war tot, und es war mir egal. Junkies sterben, so ist das.

„Woher weißt du das?“

„Matiny hat eben angerufen“, sagte Karlos. „Vor fünf Minuten.. jetzt eben.“

Vor fünf Minuten..? Dann hatten sie ja höchstens fünf Minuten lang telefoniert..! Es war die Kälte, die sich von Telefon zu Telefon fortsetzte und die mir zu schaffen machte, weil ich der kälteste von allen war, wenn es darauf ankam.

Weil ich nichts fühlte.

Karlos biss sich auf die Lippen, sein ganzes Gesicht arbeitete, war in Bewegung.

„Matiny, ah.. und der weiß das woher..?“ fragte ich.

„.. von Pepes Freundin.. die hat ihn heut Morgen angerufen.“

Ich ließ mich am Küchentisch nieder. Matiny, auch ein Freund von uns, lebte wie Pepe in München, ging auf eine private Schauspielschule, war in der Künstler-Szene angekommen. Er und Pepe wohnten nicht weit voneinander, doch großen Kontakt hatten die beiden nicht gehabt, soviel wir wussten. Aber was wussten wir schon. Pepe hatte sich rargemacht, seit er aus der Kiste raus war und sein Vater ihm in München einen eigenen Jeans-Store spendiert hatte wie ein großes Eis mit doppelt Sahne.
"Street Life" hieß der Laden, ich sehe die silbrige Visitenkarte noch vor mir, "Street Life, München, Leopoldstraße". Da, wo das Geld shoppen ging. Bloß weg von Solingen, bloß weg von den alten Drogengesichtern.

Start me up!

Auch wenn das Ganze nicht Pepes Idee gewesen war. Sein Vater wollte ihm eine letzte Chance geben zu beweisen, dass er dazu taugte, sein Nachfolger zu werden. Chef über ein kleines Imperium an Mode-Shops.

„Wann ist es passiert..?“ fragte ich.

Jetzt, wo ich saß, wurde es weicher in mir.

„Schon am Freitag, vor drei Tagen.“ Karlos klang wirklich niedergeschlagen. „In irgendeinem Café in München. Der Wirt hat Pepe auf dem Klo gefunden, tot. Die Pumpe steckte noch im Arm.“

„Schore?“

Er zuckte mit den Achseln. Karlos tat mir leid. Er hatte keine Schutzmechanismen, wenn etwas Schlimmes passierte. Es blutete in ihm.

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich. Ist wohl noch nicht freigegeben, der Leichnam. Wahrscheinlich.. Schore, logisch.“

Das letzte Mal gesehen hatten wir Pepe zwei Monate zuvor, als er überraschend im Mumms aufgetaucht war, an einem Samstagnachmittag, kurz vor der Sportschau, wie aus dem Nichts und gut gelaunt, in Fruit of the loom-Klamotten und nagelneuen Wildlederboots. Wir hatten uns anderthalb Jahre nicht gesehen.

„He, ihr verdammten Lutscher hängt ja immer noch hier rum..!“ feixte er mit seinem charmanten Jungengrinsen, und wir packten uns kurz gegenseitig an die Eier, wie wir es immer getan hatten, jedenfalls Pepe und ich: Rüden, die sich gegenseitig beschnuppern. Mal eben die Zunge in den Hals graben. Mal gucken, was los ist.

Er war extra aus München eingeflogen, zum 50. Geburtstag seines Vaters. Dem König der Übergrößen. Dem Big Boy aller Big Boys. Erfolgreicher Geschäftsmann und stets so braungebrannt, als wäre er überm Toaster eingepennt, das war Pepes Vater.

Eine halbe Stunde standen Pepe, Karlos und ich noch mal am Tresen wie in alten Zeiten und quatschten und lachten. Brachten den alten Running Gag, „Gute Idee, Boss!“, wenn einer etwas sagte, was absolut keinen Sinn machte. Dass es unsere letzte halbe Stunde sein sollte, konnte niemand ahnen. Doch was hätte das auch geändert. Es wären nicht plötzlich drei Stunden daraus geworden, nur weil man gewusst hätte, dass man sich nie wiedersieht, nicht in diesem Leben. Höchstens um die Ecke, bei Gott, eventuell. Wer weiß das schon.

Drei Stunden.

„Gute Idee, Boss!“

Pepe schmiss eine Runde Tequila, ein letztes Tablett. Ich hatte seit Tagen Rückenschmerzen und Schwierigkeiten, beim Schnapstrinken Schritt zu halten, aber das ließ Pepe nicht gelten.

„Jesus hatte es auch im Kreuz, du Jammerlappen.“

Pepe war ein lieber Kerl, ein Träumer, der es meist locker angehen ließ, auf der anderen Seite war er schnell auf Hundert. Wenn ich noch zögerte, hatte er schon durchgeladen, abgedrückt und begann die Leiche zu verscharren. Er war nicht nur der erste aus unserer Clique, der Heroin nahm, er war auch der erste, der sich den ganzen Kram in die Venen jagte anstatt es teuer durch die Nase zu sniefen. Und dass er auch der erste sein sollte, den eine Überdosis dahinraffte, auf einem stinkenden Pisspott in München, mit gerade mal 25, es rundete das Bild nur ab.

Pepe liebte Reggae und Sixties-Soul a la Diana Ross und den Samba-Pop von Blue Rondo a la Turk, Hauptsache gute Laune und immer was zu kiffen im Haus. Eine typische Scheibe, die er anschleppte, war "In the southern part of France where the ladies wear no pants", eine putzige Mittelmeer-Schnurre von Zwol, von der er nicht genug kriegen konnte. Die Platte drehte sich einen ganzen Sommer lang in der Wipperaue, einem Tal, durch das die Wupper fließt und wo Pepe gemeinsam mit seinem durchgedrehten älteren Bruder ein großes Fachwerkhaus angemietet hatte.

Wie in alten Fachwerkhäusern üblich, war es auch in der Wipperaue feucht und muffig, und wenn man zu viel gekifft hatte, knallte man im Dunkeln gegen freistehende Balken, dass es nur so schepperte. Es war saugemütlich in der Wipperaue, es gab eine Scheune im Hof, wo das Haschisch versteckt war, die Wupper plätscherte gemächlich hinterm Haus, wie sie es all die Jahrhunderte zuvor auch schon getan hatte.

Wie oft erwachte ich morgens auf dem Sofa und musste verkatert zusehen, wie ich aus der Wipperaue wegkam, vom Arsch der Welt, ohne vernünftige Busanbindung. Pepe war längst zur Arbeit, ebenso sein bekloppter Bruder Heinz. Also half nur den Daumen raus oder die fünf Kilometer zu Fuß gehen bis zum Busbahnhof.

Mit Heinz war kein Staat zu machen. Nicht, dass er verkehrt gewesen wäre, nein, er war einfach durch den Wind, verkorkst, plemplem. Oder, wie Heinz selbst von sich sagte: „Jungs, ich bin mal wieder total fix und foxi!“
Beide Söhne waren bei ihrem Vater angestellt, Inhaber einer Reihe florierender Bekleidungsgeschäfte. Während Pepe seinen eigenen kleinen Jeans-Shop führte, wo wir ihn oft besuchten und in den Umkleidekabinen ein Näschen Koks zogen, buckelte der ältere Bruder auf dem Zentrallager und lieferte Ware aus. Das entsprach exakt dem Bild, das der Vater sich von seinen Söhnen gemacht hatte.

Pepe, gutaussehend, jovial und schon ganz der Juniorchef, sollte als Nachfolger aufgebaut werden. Er hatte von seinem alten Herrn das Draufgänger-und Eitler Fatzke-Gen geerbt, das Heinz gänzlich abging. Heinz gab sich schnell zufrieden, mit allem. Ein Wesenszug, für den ihn sein braungebrannter zuckerärschiger Superdaddy zutiefst verachtete.

Wenige Jahre nach Pepe erwischte es den vier Jahre älteren Heinz ebenfalls: eine Überdosis Heroin in Hagen.
Glaubhaft überliefert ist die Schlussbemerkung des Vaters, als er in Hagen am Grab seiner beiden Söhne stand und angewidert zu den wenigen Umstehenden sprach: „Ich habe niemals Söhne gehabt.“ Er eliminierte sie aus seinem Leben, als hätte es sie nie gegeben, diese Kretins. Dass er als Vater irgendwie mit der Drogensucht seiner Söhne zu tun haben könnte, kam ihm offenbar nicht in den Sinn.
Dass sie nie einen Vater gehabt hatten, bloß einen braungebrannten Lackaffen mit viel Geld, darauf kam er nicht.

Es gibt nur eine Erinnerung an diesen hochgewachsenen sonnengebräunten Blödmann, die es wert ist festgehalten zu werden: Wie er uns 1976 als Teenager im dicken Benz zum Zappa-Konzert in der Kölner Sporthalle chauffierte. Während des Konzerts ging er mit seiner neuen Freundin schön essen, nach dem Konzert holte er uns auf dem Parkplatz vor der Sporthalle ab und fuhr uns gut gelaunt heim. Vielleicht hätte er lieber Chauffeur werden sollen. Ein schmissiger Businessman durch und durch, für den Geld und sonnengebräunte Haut alles war. Ein Mann, der ohne Wärme durchs Leben stolzierte, weshalb er auch ständig auf die Sonnenbank musste, um innerlich nicht zu erfrieren.

Wenn ich so zurückblicke: die Dinge sind ganz schön schiefgelaufen.
16.12.17 03:57


An manchen Tagen sind meine Nerven ein Indianerfriedhof und ich opfere eine Erinnerung

Was mich am schreiben reizt ist dieser wunderliche kleine rausch der von einem besitz ergreift wenn sich ein satz besser noch eine satzfolge oder ein ganzer abschnitt aufbaut in einem wenn die silben die buchstaben revue passieren dich fluten unaufhaltsam wie ein heranrollender tsunami ein geordnetes tosen im kopf ein moloch dass man fein aufpassen muss dass man mit dem notieren überhaupt hinterherkommt und nicht unterwegs die hälfte fallen lässt vergisst überwältigt von den eindrücken die auf einen einprasseln & von denen man oft selbst nichts weiß wenn das neue anfängt einzuwirken in dich einzudringen dich zu manipulieren bis zu diesem wunderlichen moment wo du der inneren wortraserei komplett verfällst ohne punkt und komma bis zum aushusten der Follikel
23.12.17 14:57


Das Weihnachtskegeln

Die Weihnachtsfeier fiel flach dieses Jahr. Stattdessen gingen wir Freitagmittags eine Runde Kegeln, einen Tag vor Heiligabend. Wir, das waren die drei männlichen und die drei weiblichen Mitarbeiter unseres kleinen ambitionierten Design-Instituts.

Als wir die Kegelbahn im Keller des jugoslawischen Restaurants betraten, fühlte ich mich, als wäre die Zeit stehen geblieben, und zwar 1975. Da waren die gleichen schlammfarbenen Schiebetüren, da war der gleiche Nippes und Klimbim in den blinden Glasvitrinen wie auf der Kegelbahn im Vereinsheim des RSV Kohlfurth, wo ich als Bursche zehn Jahre lang gekickt hatte. Selbst der Silberpokal für Platz 4 beim Kegelturnier in Schaffhausen kam mir irgendwie bekannt vor. Ich nahm ihn in die Hand, blies den Staub fort und untersuchte ihn näher. Dann stellte ich ihn zurück.

Auch ein gerahmtes Familienfoto aus verblichenen Tagen tat es mir an. Es zeigte die Eltern des jetzigen Inhabers, die aus Dubrovnik nach Deutschland eingewandert waren und voller Hoffnung und Naivität in die Zukunft blickten. Ich sah mich um. Was ich sah, war eine Kegelbahn. Eine Staubbude. Cevapcici und saurer Biergeruch. Da hörte ich es. Die Querflöte des Kung Fu: Im Hintergrund lief Kung Fu Fighting an, Carl Douglas. Sofort pfiff jeder den Song mit. Uh. Ah. Here comes da big boss.

Wir waren also im Jahr 1974.

“Was darf ich schon mal zu trinken bringen?”

Der Wirt, gleichzeitig auch Chef-Koch der Spelunke, bisschen dick, bisschen schmuddelig, bisschen unhöflich, (“mir sind Stammgäste lieber”, sagte sein abweisender Blick), baute sich vor uns auf, den Stift in der Hand. Während die Kollegen schon bestellten, schwankte ich noch zwischen Cola und Kaffee, jedenfalls keinen Alkohol. Alkohol deprimierte mich nur noch. Ich trank keinen Alkohol mehr. Ich kam nicht mehr klar mit Alkohol. Na klar hätte ich mir gern noch mal richtig einen gezwitschert, aber was nicht ging, ging nicht – hier war die Brechstange keine Option.

„Komm, ein Bierchen trinkst du mit“, versuchte mich unser Maschinenbauer zu überreden, doch was wusste der schon. Leute mit Bierbauch wissen grundsätzlich nichts von Alkohol.

Grundsätzlich tendierte ich um diese Uhrzeit zu einer Tasse starkem Kaffee, doch ich erinnerte mich dunkel an die schlimme Brühe, die anno 1974 im Vereinslokal des RSV Kohlfurth aus Thermoskannen ausgeschenkt wurde. Sicherheitshalber erkundigte ich mich also beim Wirt, welchen Kaffee er führte. Meine Anfrage brachte ihn dermaßen aus dem Konzept, dass der Stift in seiner Hand hin und herzappelte, wie ein nervöses Kasperle.

“Ich hab äh Capuccino, ich hab.. Latte Macchiato, ich hab Cafe.. Latte, ich hab Espresso, ich.. hab..”

Ich winkte ab. Das wollte ich alles gar nicht wissen. Ich hatte nur Schiss vor deutschem Pulverkaffee, das war alles.

“Na schön. Ich hätt gern italienischen Kaffee”, sagte ich,
"aber ohne so cremigen Schaum obendrauf.”

“Ohne so cremigen.. Schaum..?”

Nicht nur der Wirt schien verblüfft, auch unser Geschäftsführer, ein sportlicher und eher verbindlicher Typ, der keinen Zwist mochte, mischte sich ein.

“Italienischer Kaffee hat doch immer Schaum obenauf..”

“Quatsch, aber nicht bei uns zu Hause“, sagte ich, und fügte für die Allgemeinheit an: „Wir trinken zuhause Espresso.”

“Espresso?” Der Wirt war wieder im Spiel. “Ich kann Ihnen einen Espresso bringen, einen zweifachen, einen dreifachen, wie Sie mögen.. Wir haben das Aufschäumsystem von de Longhi.”

De Longhi. Ich wollte kein perfektes Aufschäumsystem, ich wollte kernigen Männerkaffee, ich wollte italienisches Brusthaar, das einem oben aus dem Hemd quillt und in der Nase kitzelt mit all seinem Testosteron, verdammt.

“Schön”, sagte ich. “Dann Espresso. Aber ohne Automaten-Schaum.”

“Ohne Automaten-Schaum?”

Das Gesicht des Geschäftsführers, er saß mir schräg gegenüber, verzog sich gefährlich, und damit ich im Kollegenkreis nicht wie ein verdammter Korinthenkacker dastand, ging ich etwas ins Detail.

Super Idee.

“Zuhause machen wir unseren Espresso in Edelstahlkännchen, die man einfach auf die Herdplatte stellt und aufkochen lässt, ihr wisst schon, die Espressokocher, der Design-Klassiker.. aus Italien.”

“Natürlich”, beeilte sich der Geschäftsführer, „die.. äh Edelstahlkännchen.“

Das Wort Design-Klassiker aus meinem Mund verunsicherte ihn. Ich hatte ihn schon einmal ungewollt bloßgestellt, als ich in der erweiterten Montags-Runde den Klassiker von Afri-Cola erwähnte, die in der Mitte eingedellte kleine Pfandflasche, von der er, wie sich herausstellte, keine Ahnung hatte. Seither war er schwer auf der Hut, wenn ich bei irgendeiner Gelegenheit einen Design-Klassiker ansprach. Als hätte ich nichts besseres zu tun gehabt, als meinen Chef in die Pfanne zu hauen. War mir doch egal. Ich wusste zufällig ein paar Dinge und hatte keine Lust, damit hinterm Berg zu halten, nur um unseren ahnungslosen Geschäftsführer nicht bloßzustellen. So kollegial nach oben buckelnd war ich nicht.

“Hat der Kaffee denn bei deinen.. Design-Kännchen keinen Schaum obenauf..?” mischte sich die Hofmann ein, unsere Sekretärin.

“Nee, eben nicht“, sagte ich.“ Keine Schaumkrone. Deswegen ist er ja so lecker. Schwarz, stark, lecker. Kein Schaum.”

Der Wirt stand immer noch da, den Block in der Hand, verwirrt und zunehmend genervt, bis unser Maschinenbauer, ein hellwacher Kollege mit ordentlicher Plauze, der zum 31. 12. gekündigt hatte, die Situation erfasste und mich aus der selbstgestellten Falle befreite.

“Wissen Sie was..?! Bringen Sie dem Mann hier den Kaffee so, wie er ihn zu Hause trinkt!”

“Danke”, sagte ich erschöpft. „Und ein Bier.“

„Kölsch oder Alt?“

„Nee. War nur Spaß. Kein Bier. Nur Kaffee.“

Ich bekam einen dreistöckigen Espresso, und der schmeckte sogar richtig gut. Stark, schwarz, aromatisch. Heiss. Vierstöckig beinah.

Als der Wirt in meine Nähe trat, um die Getränke abzustellen, liess er seinen Achselgeruch zurück: ein bisschen süßlich roch es, wie verstaubte alte Bücher. Echte Schmöker. Sofort gewann er meine Sympathie. Na ja, sagen wir, meine Antipathie schwand.

Wir begannen mit dem Kegeln. Wir spielten Fuchsjagd, Tag & Nacht, In die Vollen und zwischendurch eine Runde Abräumen.

Beatrix, die diplomierte Designerin, eine große und sehr schlanke Person, die kurz zuvor ein Projekt für einen namhaften Düsseldorfer Waschmittel-Hersteller abgeschlossen und damit dem Institut ordentlich Kohle in die Kassen gespült hatte, rief jedes Mal fröhlich “KACK-STUUUHL!”, wenn jemand fünf Kegel umwarf und das Bild auf der elektronischen Anzeigetafel einem WC-Sitz ähnelte.
„KACK-STUUUHL, KACK-STUUUHL!“

„Wie im Kindergarten“, flüsterte die Hofmann, unsere Sekretärin, und ich sagte, „Ja, wieso nicht, ist doch gut, Kindergarten. Oder nicht?“

Unsere Praktikantin, eine eher unscheinbares Mädel, fiel auch beim Kegeln nicht weiter auf. Als der Wirt die Essensbestellung aufnahm, entschied sie sich für ein Schnitzel Jutta. Ihre Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau, und somit auch ihr Praktikum, endete zum 31. Dezember.

Das Schnitzel Jutta wurde mit Ananas gereicht.

Außerdem hatte sie einen Freund, der sie regelmäßig mit dem Moped vom Institut abholte und dabei frech hupte.

„Kackfrech sogar“, präzisierte Beatrix, unsere Top-Designerin.

Ich saß zwischen unserem Maschinenbauer, dem Dipl. Ing. mit Plauze, und unserer Sekretärin Frau Hofmann, die zum 2. Januar eine neue Stelle antrat. Da sie nicht nur eine große Klappe, sondern auch eine chronische Sehnenscheidentzündung hatte, kegelte sie aus beiden Händen. Sie trampelte einige Schritte geradeaus und liess die Kugel einfach auf den Boden plumpsen, in der Hoffnung, das sie schon irgendwie ins Rollen kam. Das ganze wirkte, als würde eine ungelenke Antilope im Stehen gebären. Merkwürdigerweise klappte das jedoch ganz gut, die Kugel polterte schwerfällig über die Bahn und sie räumte mehrfach alle Neune ab.

„Mann, ist die plump“, flüsterte der Maschinenbauer.

„Ja, aber gut“, sagte ich.

Unser Geschäftsführer hatte, genau wie ich, trotz ausdrücklicher Aufforderung keine Turnschuhe mitgebracht, und da das Kegeln in Straßenschuhen strengstens untersagt war, schlüpfte er jedes Mal lässig aus seinen Lederslippern, wenn er an der Reihe war, und kegelte auf Strümpfen. Er trug Sommersöckchen.

„So, jetzt ist Papa dran.“

Er nahm so schwungvoll Anlauf wie für einen Schmetterschlag beim Volleyball, stoppte aber kurz vor der Bahn ab und setzte die Kugel volles Rohr in die Gosse. Es war nicht zu fassen, aber auf diese Weise schaffte er tatsächlich acht Pudel hintereinander. Er war auf eine begnadete Weise unbelehrbar. Er lernte einfach nicht dazu, er nahm keine Korrekturen vor, weder beim schwungvollen Anlauf noch beim Aufsetzen der Kugel auf die Bahn, doch immerhin bekam er rote Bäckchen von der sauerstoffarmen Kellerluft und gewann somit wieder. Etwas Mitgefühl. Wenigstens das.

“Sieht ja kess aus!” sprang ihm die Hofmann schadenfroh zur Seite. Eine widersprüchliche Person. Stand man mit ihr fünf Minuten an der Luft, bekam ihre Haut diesen knackbraunen Mittelmeer-Teint. Doch sie vermied Sonnenlicht, wo sie nur konnte. Mit dem kuriosen Ergebnis, besonders im Hochsommer: das Gesicht Mallorca, die Beine Helsinki. Spanisch-finnische Freundschaftswochen, das war die Hofmann. Und eine verdammt große Fresse.

Links neben mir, ich erwähnte es bereits, saß unser Maschinenbauer, der Mann mit der Plauze. Er war bereits eine Stunde vor uns allen auf der Bahn eingetroffen, um sich einzuwerfen und Bier zu trinken. Trotz seines stattlichen Bauches war er gelenkig und ehrgeizig. Der typische deutsche Amateur-Meister. Er wollte gewinnen, immerzu, egal wobei, egal gegen wen. Ob bei Mensch ärgere dich nicht oder bei Poker. Aber das ging in Ordnung. Damit konnte ich umgehen.

Was mich betraf, den Bibliothekar des Instituts, das Kelllerkind, so sollte mein zweiter Jahresvertrag sechs Wochen später enden, am 31. Januar. Eine weitere Vertragsverlängerung war ausgeschlossen. Mein Projekt, die Archivierung und Katalogisierung von über zehntausend Fachbüchern und Zeitschriften, Schenkung eines emeritierten Wuppertaler Design-Professors, war abgeschlossen. Ich lungerte meist nur noch am Rechner herum und schrieb für meinen Internet-Blog 500beine.

Wir spielten Abräumen.

Abräumen war die einfachste Kegel-Variante, sie löste die beste Stimmung aus. Mit einem letzten guten Wurf hätte ich die Runde für mich entschieden. Beatrix, die hochgewachsene schlanke Diplom-Designerin, sprang von ihrem Stuhl hoch und rief: “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!” Sie wollte mich nervös machen, damit ich einen Pudel warf.

HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN! kam im Kollegenkreis so gut an, dass sich ein spontaner Betriebs-Chor bildete. “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!” schallte es über die Holzbahn, “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!”, so laut, dass der Wirt nachschauen kam, ob alles in Ordnung war. Ich sang bravourös eine Strophe des Refrains mit und warf eine lausige “4″, worauf ich das Abräumen auf den letzten Drücker verlor. Das kriegte aber kaum jemand mit, da in diesem Augenblick das Essen serviert wurde.

Ich war nicht besonders hungrig und begnügte mich, glücklicherweise, mit einer hausgemachten Gulaschsuppe. Glücklicherweise, weil hausgemacht vermutlich bedeutete, dass die Gulaschsuppe einem Chemie-Haushalt entstammte, das Fleisch schmeckte jedenfalls verdächtig nach Brom, und es sah auch so aus. Auch wenn niemand mit Bestimmtheit sagen konnte, wie Brom schmeckte oder aussah.

Nicht wie Brombeere vermutlich, wieherte unser Dipl. Ing. mit vollem Mund. Hier, nimm einen Schluck Bier.

Meine Portion war überschaubar. Die Kollegen hatten nicht so viel Massel. Sie waren hungrig gewesen bei der Bestellung und hatten stattliche Teller auf dem Tisch, die abgearbeitet werden wollten. Doch während des Essens war nicht ein einziges Mal ein “miam” oder “lecker” oder wenigstens ein kleines anerkennendes Grunzen zu hören, nichts, gar nichts. Nur genervtes Kauen und leises Spucken.
Selbst die Hofmann, die den Jugo an der Stadtgrenze wärmstens empfohlen hatte, (wegen der angeblich hausgemachten Kroketten, die einfach großartig sein sollten, meisterhaft geradezu), schob den dreiviertel vollen Teller schweigend von sich weg. So weit weg wie möglich. Der Tisch konnte kaum groß genug sein, um den Teller wegzuschieben. Noch ein Stückchen, und es hätte gescheppert.

Der Chef hatte Jäger-Schnitzel genommen, doch es schmeckte, Achtung Wortlaut: „als wäre der Jäger mit dem Hosenlatz am Drahtzaun hängengeblieben.“

Die Nase richtig voll von dem ganzen Fraß hatte Beatrix, die lustlos im Vegetarischen Lady-Teller mit verschiedenen Gemüsen herumstocherte. Mit der Gabel zog sie ein großes undefinierbares lappiges Etwas in die Höhe.

“Also, was das hier Schönes sein soll.. weiß ich beim besten Willen nicht. Und der Spinat.. ist aufgewärmt, viel zu bitter.” Einzig die Erbsen und Möhrchen fanden noch ihre Gnade. “Aber die sind auch aus der Dose. Da kann man ja nichts falsch machen.”

Sie war es schliesslich auch, die mir gegen Ende der dreistündigen Veranstaltung einen Bierdeckel rüberschob, damit ich den Spruch des Tages nicht vergaß und in meine nächste Story einarbeiten konnte.

Herr Glumm, stand da in Schönschrift, soll der Looser sein.

“Och, guck mal, Loser mit zwei o”, sagte ich mit einem schnellen Blick auf den Bierdeckel.

Die Hofmann sah mich an, als hätte ich sie nicht mehr alle. “Na, das schreibt man ja auch mit zwei o! Looser! Das stimmt ja auch!”

“Quatsch. Loser schreibt man mit einem o.”

Die Sekretärin war sofort auf 180. Das war so ihre Art. Immer auf Sturm, ihr Barometer. Ich mochte sie trotzdem gern. Sie machte keine Mördergrube, wie man so schön sagt, aus ihrem Herzen. Eher eine Schreibude.

“Du willst mir erzählen”, rief sie aufgebracht, “wie man Looser schreibt?!”

Sie spielte auf ihre Jugend im englischsprachigen Nigeria an, wohin es ihren Vater in den 60er Jahren berufsbedingt verschlagen hatte, mit der ganzen Familie. Seither fühlte sie sich als eine Native Speakerin, der man nichts vormachen konnte.

„Speakerin, ja, mag schon sein“, sagte ich, „doch ich weiß nun mal, wie man Loser schreibt. Kann ich auch nichts dafür. Es gibt ein to loose mit doppel o, stimmt, das bedeutet aber etwas anderes als to lose mit einem o..”

“Nämlich??”

“Weiß nicht. Komm ich jetzt nicht drauf.”

“Quatsch!” Die Sekretärin giftete, sie speite. Sie hatte ihre Betriebstemperatur erreicht. Es gärte und kloakte in ihr. Sie konnte großkotzig sein wie ein überladenes Containerschiff. “Looser schreibt man so, wie es hier auf dem Bierdeckel steht! Mit doppel o!! Und nicht anders! Blödmann!”

Beatrix dagegen, die mir den Bierdeckel rübergereicht hatte, war sich plötzlich nicht mehr sicher.

“Ich hab Looser zwar mit doppel-o geschrieben, aber irgendwie guckt es mich komisch an.. Also, ich weiß nicht genau. Vielleicht wird Loser auch mit einem o geschrieben..”

Die Praktikantin, von der plötzlichen Vehemenz der Auseinandersetzung aufgeschreckt, erhob sich, lief umher, setzte sich wieder, knabberte unsicher an den Fingernägeln. Sie war die Einzige, die Glück gehabt hatte, mit ihrem Schnitzel Jutta.

“Ich glaube, to lose schreibt man mit einem o, aber Looser mit zwei o”, wisperte sie, doch niemand hörte hin.

Der Geschäftsführer hielt sich überraschenderweise ganz raus. Auch der Maschinenbauer, links neben mir, bildete sich erstmal keine Meinung, rief aber “IST DOCH EGAL! HAUPTSACHE, HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN, OB MIT EINEM ODER ZWEI O!” Das ganze verband er mit einem kollegialen Klaps auf meine Schulter.

In zwei Jahren Zusammenarbeit hatten wir gemeinsam einen Riesenhaufen Zigaretten verqualmt, im Hof vor der Bibliothek. Das verband uns. Wir waren die Köhler des Instituts. Schnalzend forderte der Maschinenbauer die Hofmann auf, die Sache mit mir im Ring zu klären, und zwar mit einer Runde Schlammcatchen.

Was wiederum die Hofmann aufmüpfig werden ließ.

“Loser mit einem o, so ein.. Blödsinn! So was Stumpfsinniges! Könnt ihr ja im Internet nachgucken. Ich bin mir hundertprozentig sicher! Mit doppelt o!”

“Man soll sich niemals zu sicher sein”, antwortete ich mit einer eiskalten Entschiedenheit, die mich allerdings für einen Moment selbst verunsicherte, wie gewisse Dinge geschrieben werden, oder eben nicht.

“Mir reicht’s!”

Beatrix, unsere Top-Designerin, schnappte sich ihr Handy und stapfte die Treppe hinauf Richtung Gastraum. Sie gab kund, irgendwo anrufen zu wollen. Die Sache zu klären. Im Internet. Und unten auf der Kegelbahn bekam sie nun mal kein Netz. Als sie kurz darauf zurückkehrte, wurde sie mit Klopfen und ansteigendem Kegelbahnblöken empfangen.

“TA! TA!” gurrte sie feierlich und bildete mit Mittelfinger und Daumen ein kleines o. “Loser schreibt man definitiv mit einem o. Herr Glumm hat recht.”

“Sag ich doch”, sagte ich doch.

“Glaub ich trotzdem nicht!”

Die Hofmann bemühte sich, weder kleinlaut noch trotzig zu klingen. Das klappte nicht. Der Trotz stand ihr so dick im Mund, als hätte sie auf eine Zyankalikapsel gebissen. Wir warteten auf ihr Hinscheiden. Das klappte auch nicht. Die Hofmann war ja an sich nicht uncool. Sie war es auch gewesen, die eines schönen Tages das gleichzeitige DU und HERR im Institut eingeführt hatte, eine doppelbödige Anrede, die nur für mich galt.

Du, Herr Glumm, sagte sie immer.

Ich mochte sie irgendwie. Sie war in Ordnung. Sie brachte mich zum lachen. Einmal meinte sie, mein Schnupfen würde genauso klingen, wie wenn der Drucker Papierstau hat. Ich hatte also nichts gegen sie. Und ich war auch nicht sonderlich rechthaberisch, was nun den Loser betraf und wie man das Wort schrieb und wie nicht. War doch nicht so wichtig.

Was die Belegschaft aber nicht wusste - weil ich vermutlich in der instituteigenen Hierarchie zu weit abgeschlagen war, um genug Interesse auf mich zu ziehen: ich war weder Loser noch Looser. Nein, ich war ein Loner. Ich war der poor lonesome cowboy and a long way from home, aus dem Lucky Luke-Heft. Ich war der Mann mit dem n in der Mitte.

Gestatten, Glumm. Loner.
25.12.17 11:04


s



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