Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Die Stille nach dem Abschmieren

Im Sommer 1975 reisten wir mit dem Haus der Jugend nach Chalon-sur-Saône, Partnerstadt in Burgund. Wir waren dreißig Jugendliche plus Betreuer und dem Fahrer des Reisebusses. Der Mitsubishi Boy war an Bord, Karlos,  Pepe, Franky, ein paar Mädels, die meist unter sich blieben, und der kleine Wiegand.

Er war der jüngste von uns allen, gerade vierzehn geworden und Messdiener in seiner Gemeinde. In Frankreich hatte er das erste Mal Sex, wie er später erzählte. Mit der süßen Lucienne. Da wollte er kein Messdiener mehr sein.

„Jetzt war ich ja Ficker.“

Is logisch, Volker.

Täglich trafen wir uns mit den einheimischen Jugendlichen vom Maison de L’Enfance und unternahmen etwas. Am dritten Abend waren wir bei einem Weinbauern zum Essen eingeladen. Es hatte tagsüber geregnet, jetzt, bei Sonnenuntergang, war der Himmel trocken, eine heitere Stimmung griff um sich.

Es war wie ein Sommerfest auf dem Land.

Wir saßen unter bunten Lampions an einer langen Tafel in einem Baumhof, umgeben von hohen Hecken, Fackeln brannten. Irgendeine Spezialität der Region wurde aufgefahren, und ausnahmsweise gab es sogar etwas Tafelwein für uns Halbwüchsige. (Vom Pastis unterm Tisch ahnten die Betreuer nichts.)

Wir hörten ein Motorrad näherkommen, eine schwere Maschine, die den Tisch zum Schweigen brachte. Plötzlich hörte man, wie das schwere Gerät, und zwar ganz in der Nähe, direkt hinter den Hecken, vom Weg abkam und wegrutschte. Es folgte ein langes, ein unendliches langes Wegrutschen der Maschine auf Asphalt. Dann gab es einen dumpfen Aufschlag, danach war Stille. Eine lange Stille.

Die Verlängerung von Stille.

Allen war sofort bewusst, es ist etwas Schlimmes passiert. Es war diese trockene Dringlichkeit, das Schlingern und Rutschen der Maschine, der Aufprall, und diese schlimme Stille.

Stille.

Stille.

Dieses sekundenlange monströse Wegrutschen von Motorradreifen auf einer Landstraße habe ich heute noch im Ohr, ein Sound, der so gar nicht zu den feierlich zusammengeschobenen Tischen und den darüber baumelnden Lampions passte. Und diese abartige Stille. Die gleiche Stille wie in der Kindheit, wenn man vom Rad stürzt und man liegt da und über einem drehen sich die Reifen in der Luft und tun so, als wäre alles wie gehabt, dabei ist der Boden plötzlich woanders und die Knochen tun weh und man hat Angst, man hätte sich etwas gebrochen.

Wir sprangen von unseren Stühlen auf, wollten zum Tor hinaus, jedenfalls einige von uns – ich nicht. Ich blieb sitzen. Ich hatte Angst. Außerdem ging es zu schnell für mich. Ich war überfordert mit der Plötzlichkeit.

Der Gastgeber und andere Weinbauern schnappten sich brennende Fackeln, die im Garten verteilt waren, und eilten vom Grundstück. Auch unser Gruppenleiter ging nachsehen, was los war, und als er zurückkam, hieß es, alle bleiben, wo sie sind, keiner verlässt den Garten, macht die Musik aus!

Die Musik war schon aus.

Noch bevor die Ambulanz und die Gendarmerie eintrafen, hörten wir Stimmen von der Unfallstelle, Schreie, hilflosen Tumult. Es war genau diese Aufregung, die einige von uns nutzten, um sich unbemerkt durch die Hecke zu zwängen, auf die Landstraße.

Der Mitsubishi Boy war einer der Ersten an der Unfallstelle. Der Fahrer lag im Graben, der Helm war zerbrochen. Ein Büschel Gras quoll aus seinem Mund, oder Moos, "irgendwas Grünes", der Mitsubishi Boy wollte es herausziehen, erzählte er später, „ich dachte, der erstickt doch!“

„Nicht den Helm anfassen!“ schrie eine Betreuerin, und Franzosen drängten Mitsubishi ab.

Mittlerweile war ein zweiter Motorradfahrer eingetroffen. Er hielt kurz an, brüllte so etwas wie „Mama!“ und fuhr direkt weiter, um Hilfe zu holen. Die beiden, so erfuhren wir erst später, hatten sich ein Wettrennen geliefert. Sie stammten von umliegenden Höfen.

„MAMAAA..!!“
4.10.17 08:21


Der seltsamste Scheißtag

War es Boxer Butch, gespielt von Bruce Willis, der in Pulp Fiction die weisen Worte sprechen durfte, „das ist der seltsamste Scheißtag in meinem ganzen Leben“? Ich meine ja. Ich meine, es wäre in der Szene, wo er im Taxi sitzt, nachdem er entgegen der Abmachung einen Boxkampf nicht durch K.O. verloren, sondern durch Totschlag gewonnen hat. Jedenfalls hätte man als Drehbuchautor in diesem Moment Boxer Butch solche Worte in den Mund legen können, machte ja durchaus Sinn.

Und natürlich, ja, ich könnte jetzt kurz nachgoogeln und wüsste sofort und sicher Bescheid, wer was wann in Pulp Fiction gesagt hat, aber ich lasse es lieber im Ungefähren, ich tu einfach mal so, als schrieben wir das Jahr 1994 und Internet wäre noch Underground und Google in weiter Ferne und alles sowieso nicht so scheißeinfach und banal, ich meine das Überprüfen kultureller Geschehnisse.

Wir sind 1994 zur Premiere von Pulp Fiction ins Bambi nach Düsseldorf gefahren, zur Mitternachtsvorstellung, in einer eiskalten Winternacht, in einem geliehenen alten VW Variant, den ich an jeder Kreuzung anschieben musste, weil der Motor streikte. Vielleicht war es auch Weihnachten 1993. Den Wagen hatten wir von einem alten Bekannten der Gräfin geliehen, der für eine traditionsreiche Solinger Manufaktur neue Regenschirme entwarf und ohne Ende Haschischbongs rauchte. Vom vielen Kiffen hatte er rote Pickel im Gesicht, am Hals, am Arm, eigentlich überall, wo seine Haut Platz bot zur verschärften Pickelblüte. Ein introvertierter Vogel mit einem kränkelnden Auto, aber Ideen für neue Schirme schüttelte er nur so aus dem Ärmel. Jedes Mal, wenn wir ihn besuchten, entweder weil wir uns sein Auto ausleihen oder ihm unseren Hund aufs Auge drücken wollten für ein Wochenende, saß er da am Tisch, stopfte einen Bong und zeichnete auf Millimeterpapier einen weiteren Rohentwurf für auf Knopfdruck aufploppende Regenschirme. Er war talentiert.

Ich hatte im Vorfeld viel über den Film gelesen, ich hatte einige Ausschnitte gesehen. Jetzt war ich total scharf auf John Travolta als Gangster, und als er in Pulp Fiction unter Heroineinfluss zu Chuck Berry tanzte, raste mein Puls vor Freude, er war brilliant.

Doch plötzlich, nach nicht mal der Hälfte der 145 Minuten Laufzeit, sackte Travolta von Kugeln durchsiebt auf dem Scheißhaus zusammen. Ich war verstimmt. Ich wollte auf der Stelle nach Hause.

"So ein Betrug! Travolta ist tot!"

"Ist ja gut", stöhnte sie. "Ich sehs."

Ich fand Pulp Fiction ganz okay, aber als John Travolta auf dem Pott sitzend und Zeitung lesend erschossen wurde, war die Nummer für mich gelaufen. „Komm, John Travolta ist tot“, sagte ich zur Gräfin und wollte los, doch sie bestand darauf, den Film zu Ende zu sehen.

Für mich ist P.F. der beste Film der 90er Jahre, und die 90er Jahre, so übel sie insgesamt waren, habe noch einige andere herausragende Werke auf dem Buckel. Was Tarantino angeht, so hat er danach keinen nennenswerten Film mehr zustande gebracht. Macht aber nichts. Lieber ein Meisterwerk als keins.

Und Travolta? Ich kann machen, was ich will, der Mann hat als Schauspieler ein Stein bei mir im Brett, seit er 1978 in der Eröffnungssequenz von Saturday Night Fever zu Stayin' alive von den Bee Gees taktsicher übers New Yorker Trottoir stiefelt. Einer der bewegendsten Momente der Popkultur. Mit zehn, zwölf Schritten in eine neue Ära. Ich hab den Film, als er damals in die Kinos kam, vier oder fünf Mal gesehen, und jedes Mal mussten wir, weil wir auf den letzten Drücker kamen und die Vorstellungen fast ausverkauft waren, mit einem Platz in der ersten Reihe Vorlieb nehmen. Ich wollte aber eh nur den Anfang sehen, und zehn, zwölf Schritte machen noch keine Genickstarre, Freunde.

*

aus: Einmal Diazepam läuft durch
11.10.17 14:34


Mit ein paar tausend Mann *

Dienstag, früher Abend. Ich stehe im Bad und rasiere mich bei offenem Fenster. Im Hof jätet der knorrige alte Sizilianer sein kleines Gemüsebeet. Er ist so versunken in die Arbeit, dass er nicht mitkriegt, was um ihn herum geschieht, während Frau Fischer, die über uns wohnt, sich lautstark beschwert, sie habe sich beim Husten eine Rippe angebrochen. Frau Fischer hat schweres Asthma, und sie trinkt zu viel. Die Mülltonne ist nach dem Wochenende grundsätzlich ein Hort leerer Apfelkornflaschen.

"Nicht mal husten darf man noch..! Was ist das denn für ein Leben.."

Mit wem sie wohl redet, frage ich mich, da ihr niemand antwortet, und den knorrigen alten Sizilianer wird sie ja kaum meinen. Und was mich betrifft: Um sechs ist Fußball. Ich schaue mir ein Zweitliga-Spiel an. Ich liebe Flutlichtspiele, besonders jetzt im Spätsommer, wenn es noch nicht kalt ist auf den Rängen. Und das Geräusch, das der Ball macht, wenn er über den Rasen läuft, klingt nur am Abend nach 20 Uhr so tief und satt, so tiefensatt, so aristokratisch grün.

So grünblütig.

Union spielt gegen Blau Weiß Berlin.

Das letzte Mal am Hermann-Löns-Weg war ich letzten Sommer, als Schalke zu Gast und das Stadion ausverkauft war. Bei der Taschenkontrolle am Eingang wollte mir ein übereifriger Ordner die Purpfeife abnehmen, die wie immer im Kleingeldtäschchen der Jeans auf ihren Einsatz wartete. Der Ordner wusste zwar nichts anzufangen mit dem Pfeifchen, aber die Tatsache, dass es aus Metall war, machte ihn nervös. Es dauerte bis ich ihn überzeugen konnte, dass sich mit dem kleinen, keine fünf Zentimeter kurzen Ding nicht viel Unheil anrichten ließ im gegnerischen Fanblock, außer vielleicht einer diffusen kleinen Haschisch-Psychose.

Frisch rasiert steige ich in die Linie 82 nach Ohligs. Es riecht lecker nach Rasierschaum und Frühherbst. Ein paar Union-Anhänger in den letzten Reihen, in voller Kutte, mit meterlangem Schal. Anstoß ist zwanzig Uhr. Da ist noch genug Zeit für die erstbeste Frittenbude in der Ohligser Fußgängerzone.

"Frikadelle mit Pommes. Und ne Dose Bier."

"Bier aber nich hier trinke", klärt mich der Inhaber auf, "is verbote, Gastestättegesetz."

"Dann nehm ich das hier."

Ich wähle eine Capri-Sonne mit Kirschgeschmack. Es gibt eine markierte Stelle an dem prallen Aluminiumsäckchen, an der man den Strohhalm einstechen muss, doch der Halm bohrt sich einfach auf der anderen Seite der Capri-Sonne wieder heraus, Kirschsaft kleckert auf den Boden.

"Klappte nich?" ruft der Türke hilfsbereit und kommt gleich mit dem Lappen rüber.

"Nee", sag ich. "Klappt nicht."

Er rammt den Halm weiter unten ins Alu-Säckchen als vorgegeben, drin ist der Zapfhahn, es funktioniert, die Suppe kriecht den Strohhalm hinauf, als ich dran ziehe, ich bedanke mich.

Nach einer Verdauungszigarette an frischer Luft gehe ich rüber in den Bierbrunnen und trinke drei Kölsch. Ein älterer Mann kommt rein, bestellt ein Bier und fängt sofort an zu lamentieren. Er spricht so undeutlich, ich verstehe seine Worte nicht, bis auf den letzten Satz: "Wir haben uns zu neunzig Prozent gedreht!" Interessiert aber ohnehin niemanden. Eine Frau, die in seiner Nähe steht, verdreht nur genervt die Augen, als der Mann ihr ungefragt seine Hände zeigt.

„Hier, guck mal, mein Engel, ich hab keine Fingernägel mehr, siehst du? Alles abgebissen, hier, sind nur noch Finger.“

Ich mache mich auf in Richtung Hermann Löns-Weg. Weil noch Zeit ist, schlage ich den Fußweg ein, der an einem Nebenplatz des Union-Stadions entlangführt. Gerade ist Training. C-Jugend, schätze ich. Fünfzehn Jungs, fünfzehn Jahre alt. In der Mitte ein schreiender Trainer, der einen Spieler abkanzelt, dessen Schuss aufs Tor auf der schweren roten Asche liegen geblieben ist.

"Die verhungert ja, die Pille!"

Sofort spüre ich Bewegung im Darm. Da ist was unterwegs. Ein verdammt dicker Junge. Das ist nicht immer so. Es gibt Phasen, da wünsche ich mir eine Umwälzpumpe im Darm, damit Bewegung reinkommt. Schnell durch die Siedlung zurück und rein in die nächstbeste Kneipe mit dem nächstbesten Männerklo. Ich bestelle ein Not-Kölsch und verziehe mich aufs Klo, aber der dicke Junge hat sich seinerseits auch verzogen.

Dann eben noch ein Kölsch. Ein Motorradfahrer, quadratisch gebaut, Nierengurt noch am Leib, schildert wiederholt, wie er am Wochenende die Autobahnzufahrt Detmold genommen habe.

„Mit Hundertzehn! Wahnsinn! Ist der Gaul mit mir durchgegangen!“

Neben mir hockt ein Rentner, Mantelkragen hochgestellt, Hornbrille, weißer Stock. Jedem Gast, der sich verabschiedet, ruft er ein kehliges "Wiedersehn!" hinterher, ohne aufzuschauen. Als er sein Bier hebt und zum Mund führt, erkenne ich einen Kranz an Strichen auf seinem Bierdeckel, immer in Fünfer-Päckchen, es sind mindestens dreißig Striche. Junge, wenn ich dreißig Bier intus habe, rufe ich auch jedem Gast Auf Wiedersehn hinterher ohne aufzuschauen.

Ich verschwinde aufs Klo. Es gibt Tage, da will der Herrgott einen zweiten Anlauf. Die Kneipe hat ein seltenes Spezialklosett. Für die besondere Hygiene. Am Spülkasten ist seitlich ein rotes Knöpfchen angebracht, wenn man das drückt, zieht sich automatisch ein desinfizierender Film über die Klobrille. Ich teste die Neuheit aus, aber erst nachdem ich geschissen habe.

Halb acht vorm Stadion. Als ich am Kassenhäuschen anstehe und Schlagermusik aus den Lautsprechern schallt, entscheide ich mich spontan, noch ein Bier trinken zu gehen. Ist ja noch Zeit, eine halbe Stunde. Außerdem, was soll ich hier rumstehen mit ein paar tausend Mann. Bringt doch nichts.

Zurück in die Kneipe, direkt durch aufs Klo. Der Wirt guckt schon misstrauisch. Dabei will ich diesmal nur eine Purpfeife ziehen. Die kleine Freundin. Die erste heute. Als ich vom Klo komme, steht da plötzlich Onkel Fitting, mein Patenonkel. Das graue Haar an den Schädel geklatscht, mit Unmengen Birkenwasser. Das ist Tradition in der Familie, wenn man älter wird und den Sektor der Attraktivität hinter sich lässt.

"Och, was machst du denn hier? Gehst du zur Union? Bist du allein hier? Wenn du willst, kann ich dich später mitnehmen, nach dem Spiel, kein Thema. Kannst du dir den Bus sparen."

Er hat in einem Satz alles klargemacht, wofür andere Leute den halben Abend brauchen. Er ist mit zwei Bekannten unterwegs, von denen mir einer bekannt vorkommt, allerdings dachte ich, der wäre längst tot. Na, ist wohl ein anderer gewesen. Irgendjemand ist ja immer tot.

Mit einem Mal ist alles zu viel für mich. Ich spüre es nicht komme. Es grätscht einem in die offene Flanke, und du musst zusehen, wie du damit zurechtkommst. Wenn du drinsteckst, tut es weh. Es liegt an der Purpfeife. Es liegt an den paar Bier, die ich getrunken habe, ich hab noch ein großes Kölsch geordert. Es liegt an mir.

Es sind die Drogen.

Wenn ich mich jetzt hier sehen würde, wie ich am Tresen stehe, ich würde denken, ist der Kerl verstockt. Warum geht der nicht besser nach Hause. Was will der in der Kneipe. Was will der beim Fußball.

Was will der überhaupt.

Gestern hat Lena angerufen und mir nachträglich zum Geburtstag gratuliert.

"Nichts hat sich bei dir geändert seit unserer Trennung, du bist ein blödes Arschloch! Mach doch ENDLICH was aus deinem Leben. Wenn du krank wärst, könnt ich deine Desillusion ja noch verstehen, aber du bist gesund, du kannst gut deutsch schreiben, krieg doch endlich deinen dämlichen Arsch hoch!"

Nichts Neues eigentlich, eine ihrer turnusmäßigen Standpauken, mit dem Unterschied, dass ich diesmal nicht den Hauch einer Ausrede gesucht hab, auch gar nicht mehr suchen wollte.

"Du bist ein Feigling", hat sie gesagt, "Du denkst die Sachen nicht zu Ende, warum? Weil es dann zu bitter wird für dich."

"Jim Morrison ist auch mit 27 gestorben", hab ich zwischendurch eingeworfen, es war ironisch gemeint, aber das hat sie endgültig auf die Palme getrieben.

"Du mit deinem blöden Jim Morrison, das ist doch wohl nicht dein Ernst!? Außerdem bist du 28 geworden, deine Ausreden funktionieren nicht mehr!"

Darauf ist mir nichts mehr eingefallen. Dabei meine ich das mit Jim Morrison schon lange nicht mehr ernst. Aber wenn man den Leuten etwas zu lange aufgetischt hat, wird einem den Schwenk hin zur Ironie nicht mehr abgenommen. Dann muss man plötzlich ganz allein über sich lachen.

Onkel Fitting hat es plötzlich eilig, zum Stadion zu kommen.

„Das Spiel fängt gleich an! Ist schon acht!“

Weg ist er mit seinen beiden Spannmännern.

Onkel Fitting war immer mein Lieblingsonkel. In der Familie kursiert die Geschichte seiner Liaison mit Janine, einer belgischen Schönheitskönigin, die er in den Sechzigerjahren als junger Mann kennenlernte. Was Onkel Fitting zunächst nicht wusste, was ihm aber klar wurde, als er Janine in ihrer Heimatstadt Gent besuchte: sie war aus reichem Hause, der Vater Präsident des FC Gent. Schon am ersten Abend des Besuchs packte der Vater Fitting ins Auto und fuhr mit ihm raus zum Stadion. Er schloss das große Eingangstor auf, und präsentierte die Arena. Erst wusste Onkel Fitting kaum, wie ihm geschah, er glaubte fast, einem Hochstapler aufzusitzen – bloß, warum sollte der so einen Wirbel veranstalten? Für ihn, einen armen Schlucker aus dem Bergischen Land?

Nach einigen Tagen in Gent und diversen Einladungen zu gesellschaftlichen Ereignissen kühlte die Stimmung insgesamt merklich ab. Man hatte Informationen eingeholt bezüglich Onkel Fitting und seinem Status in der Heimat. "Ich war ja nur ein armer Gardinen-Dekorateur." Mein Onkel war schwer gekränkt. Eine letzte Chance sah er darin, Janine ihrerseits nach Solingen einzuladen und einen großen Schwindel vorzuspielen. Sie kam tatsächlich, gegen den Willen ihres Vaters. Und Onkel Fitting zeigte, was er draufhatte.

Als gelernter freischaffender Dekorateur und Schaufenstergestalter war es für ihn ein leichtes, das windschiefe kleine Häuschen meines Großvaters in einen funkelnden Ballsaal zu verwandeln. Die schlichten Möbel wurden so lange mit Deko-Fix präpariert, bis sie nach echtem Tropenholz aussahen. Stoffbahnen wurden ausgelegt und mit samtroten Licht angestrahlt, Raffgardinen angebracht, Blumengirlanden schmückten Küche und Baumhof. Fitting und seine Freunde schufen eine so wunderliche Varieté-Stimmung in Opas Häuschen am Stöckerberg, dass man sich noch dreißig Jahre später davon erzählte.

Janine war das alles herzlich egal, sie liebte Onkel Fitting aufrichtig, sie wollte ihn um jeden Preis, auch gegen den Willen ihrer Familie, doch in letzter Sekunde winkte Onkel Fitting ab. „Das hätte nie geklappt mit uns.“ Die Standesunterschiede erschienen ihm zu gewaltig auf Dauer. „Irgendwann hätte sie ihren alten Lebensstil vermisst und dann wäre sie neben einem kleinen Dekorateur in Solingen erwacht. Nee – lass mal.“

Neben mir am Tresen erregt sich ein Männlein darüber, dass beim diesjährigen Flugplatzfest in Wiescheid das Bier in Pappbechern ausgeschenkt wurde: "In Pappbechern!! Trinke ich nicht, hab ich nie getrunken, werde ich nie trinken!"

"Jawoll, Sir!", sage ich.

Manchmal stehe ich in einer Altherrenkneipe und beobachte die Männer, die nicht wissen, wohin mit ihren Händen, weil der letzte Griff zum Bierglas noch nicht lange genug her ist, um den nächsten Griff anzugehen. Männermomente im Ungefähren.

Viertel vor acht. Kurz bevor ich aufbrechen muss, sonst verpasse ich den Anstoß, lerne ich den einen Interessanten kennen, den man immer kennenlernt, wenn man es lange genug aushält. Er ist im Alter meines Onkels und lebt in Scheidung, wie er ohne Umschweife erklärt.

"Ich hatte schon Kontoverfügungen ausgestellt für meine ex-Frau, ich meine, dass die Zahlungen weiterlaufen, wenn ich tot bin, so schlecht ging es mir. Soll ich dir was sagen, Jochem? Hast du was dagegen, wenn ich dich Jochem nenne?"

"Nur zu", sage ich.

"Mein Neffe heißt nämlich Jochem, an den erinnerst du mich. Der guckt genauso abgeklärt aus der Wäsche wie du. Ähh wo war ich..?"

"Ich glaub, du warst bei den Kontoverfügungen.."

"Ja, richtig, so am Ende war ich. Ich hab nicht mal mehr Spaß gehabt am Geldverdienen, verstehst du?!"

Der Mann schafft es nicht mehr, die aufgebrachten Worte in die passende Mimik zu kleiden, dafür hat er sich schon zu oft ausgekotzt an diesem Tresen.

"Die Depression hatte mich so in den Klauen, mein Junge, ich saß nur noch zu Hause und hab die Wände angestarrt, vollgepumpt mit Tranquilizern. So eine Depression springt einen an wie ein Tier aus dunkler Ecke.."

Kurz nach acht, Hermann-Löns-Weg. Klein und provinziell ist das Stadion, von Bäumen umstellt. Keine dieser neuen Schüsseln, wo man als Zuschauer nie genau weiß, ob man nicht gleich abhebt und davonfliegt. Ich kaufe eine Karte für die Gegengerade. Stehplatz.

Flutlicht.

Ich liebe Flutlicht, ich liebe den satten grünen Strahle-Rasen. Hinter einem rauscht der Wind in den Bäumen, am Spielfeldrand liegt erstes Herbstlaub. Der Fan vor mir stellt seine Umhängetasche ab, holt eine Flasche Rotwein heraus und entkorkt sie, unter Mühen. Dann verschließt er sie wieder, ohne einen Schluck genommen zu haben. Recht so. Hauptsache, die Pulle ist auf, mein Freund.

Zweitausend Zuschauer, ich verliere mich im Spiel.

*

21. September 1988

Union Solingen - Blau-Weiß Berlin 0:2
16.10.17 16:59


Käptn Red, King of Lagos

Im Frühsommer 1982 reisten Karlos und ich per Bahn nach Portugal, Ziel war Lagos an der Algarve. Mit Anfang zwanzig hatten wir die Nase voll vom Trampen, wir fühlten uns zu alt, um weiterhin mit vollbepackten Rucksäcken an staubigen Landstraßen zu stehen und uns von total witzigen Cabrio-Fahrern verkohlen zu lassen, die zwanzig Meter weiter den Wagen anhielten und warteten, bis man zu ihnen aufgeschlossen hatte und dann johlend Stoff gaben, mit durchdrehenden Reifen, den Mittelfinger durchs offene Wagendach gestreckt. Darauf hatten wir keinen Nerv mehr, es war zu anstrengend geworden, damit lässig umzugehen. Nicht mit 21, Baby, da wollten wir es ein bisschen gemütlicher haben, ein bisschen mehr kommod, wenn wir schon in Ferien mussten.

Denn ehrlich gesagt, ein kleines bisschen war die Luft schon raus. In den Jahren zuvor waren wir meist zu dritt und stattlichen Backpacker-Rucksäcken unterwegs gewesen, Karlos, Schnaat und ich. Es gab auch Ausnahmen, so fuhr ich im Sommer 78 mit dem dicken Hansen in seiner blauen Ente nach Spanien. Doch Usus war die Trio-Variante mit Schnaat und Karlos, wir verbrachten aufregende Ferien in Frankreich, im Umfeld belgischer Autobahnen und in England.

Als Trio auflaufen ist bei Autostopp nicht gerade von Vorteil, wer hält schon an, wenn drei Siebzehnjährige auf dicken Rucksäcken am Straßenrand hocken und statt den Daumen rauszuhalten lieber selbst den Mittelfinger zeigen, aus Gründen der Coolness. Es war nicht einfach gewesen, zu dritt voranzukommen als Tramper. Intern passte es dafür umso besser, zu dritt unterwegs zu sein. In der internationalen Zahlensymbolik steht die 3 für START. Wo die Dinge ins Rollen kommen. Und wir drei waren gleichaltrig, waren Baujahr 1960. Nach dem chinesischen Horoskop sind 1960 geborene Ratten nicht kaputt zu kriegen.

Bis sie kaputt sind.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, warum Schnaat 1982 ausfiel, der dritte Mann. Warum Karlos und ich zu zweit unterwegs waren. Egal.

Nach vierzig Stunden fielen wir in Lissabon aus dem Intercity, die Klamotten verklebt, Schweißfüße und gerädert von den harten Bänken portugiesischer Eisenbahnen. Schlimmer noch: Das Gras war uns ausgegangen.

Kaum ausgestiegen, sprach ich am Hauptbahnhof Lissabon einen schlaksigen Bimbo an, er stand an der Ecke eines internationalen Presseladens. Nicht, dass er irgendwie einen aufrichtigen Eindruck gemacht hätte, das war es nicht, nein, aber sein Anblick erfüllte gleich mehrere Kriterien, auf die man sich weltweit verständigt hat, um in der Fremde einen Dealer auszumachen:

An der Ecke stehen. Bimbo sein. Cool.

Für umgerechnet fünfzig Mark erwarb ich ein Säckchen Marihuana. Es roch stark und würzig. Man bekam regelrecht Appetit, wenn man sich das Kraut unter die Nase hielt. In einem Hinterhof öffnete Karlos das Zellophansäckchen, um den ersten kleinen Stick zu drehen. Er verzog das Gesicht.

“Was hast du dir da denn andrehen lassen.. Das sind Küchenkräuter, du Penner. Das ist Kapuzinerkresse mit ein bisschen Vogelfutter drin.”

Karlos kannte sich aus in der Küche.

„Der hat dich schön abgekocht.“

So begann der Portugal-Urlaub 1982 also mit einem Abzug in der Lissaboner Drogenszene. Und es war noch nicht Abend. Weil wir erst am nächsten Tag weiterfahren konnten Richtung Lagos, bezogen wir im Nuttenviertel ein billiges Hotel, eine Art Stundenhotel. Die zwei Mädels, die wir in der Nacht sturzbetrunken anbaggerten, hatten nur unsere Brustbeutel im Sinn, während sie uns einen runterholten, aber nicht mal das klappte richtig, so voll wie wir waren, aber dafür blieben die Brustbeutel auch schön bei uns unterm Hemd.

Am nächsten Mittag ging es mit dem Bummelzug nach Lagos. Unser kleines Zwei-Mann-Mann-Zelt, gestählt von unzähligen Tramptouren zu dritt, schlugen wir auf dem staubigen Stadt-Camping von Lagos auf, wo wegen Armut und Wohnungsknappheit auch viele Einheimische hausten, in ausrangierten britischen Double Dutch-Autobussen und Hauszelten.

Eher nebenbei erfuhren wir, dass Romy Schneider zwei Tage zuvor in Paris an gebrochenem Herzen gestorben war. “Poor Sissy’s dead and gone”, sangen Karlos und ich und klopften Heringe in den harten Zeltplatz-Boden.

Noch am selben Abend lud uns unser langhaariger portugiesischer Nachbar namens Eusebio (sic!) in sein Hauszelt ein. Karlos war zu müde, ausgenockt von der langen Zugfahrt schlief er früh ein, während ich bei Eusebio Gras rauchte und John Mayall & The Bluesbreakers lauschte, The Blues Giant, ein rares 3-fach-Album im stabilen Schuber, das ich ebenfalls in meiner Plattensammlung hatte. Da saß ich nun im fernen Portugal und hörte den gleichen rätselhaften weißen Blues wie daheim.

Was verblüffte: Eusebios Hauszelt war viel wohnlicher als es von außen den Anschein hatte. Es gab sogar Kronleuchter, am Zeltdach befestigt, und an den Wänden gerahmte Bilder, darunter ein großes Porträtfoto, das ein wenig an die junge Romy Schneider erinnerte.

“She’s gone”, sagte ich.

“Gone..? Who’s gone?”

“Sissy. Dead in Paris. Her heart.”

Nachbar Eusebio nickte freundlich.

Die ersten Tage gingen Karlos und ich nach dem Frühstück zum Strand runter. Wir lernten einen Rastafari kennen, der hinter einem Felsvorsprung hervorlugte und „Ganja? Ganja?“ wisperte. Das war unser Mann. Schon am nächsten Tag war das lockere Strandleben passè, wir entschieden uns die heißen Tage auf dem Stadt-Camping zu verbringen. Der Rastamann drehte täglich seine Dealer-Runde über den Platz, mit seinen wippenden Dreadlocks, man durfte ihn nicht verpassen. Die meiste Zeit verharrten wir in unserem von der prallen Sonne aufgeheizten winzigen Zelt, lasen mitgebrachte Clever & Smart-Hefte und dämmerten bekifft vor uns hin.

In der Mittagszeit wurden die Temperaturen unerträglich, die Hitze stand wie ein riesiges Insekt über Lagos. Es gab kaum schattige Ecken auf dem Stadt-Camping, nur auf der Terrasse der Rezeption war es halbwegs erträglich. Wir schleppten uns mit letzten Kräften unter den Sonnenschirm, tranken Bier und glotzten tranig umher. Wenn wir hungrig wurden, bestellten wir beim Pächter des Platzes, der gleichzeitig auch Chefkoch der Kantine war, Hähnchen mit Pommes.

Kaum hatten wir die Bestellung aufgegeben, hörte man das Geflügel im Hof panisch um sich schlagen: wildes Kikeriki, Angst und Aufruhr. Ich habe niemals wieder so frisches Hähnchenfleisch auf dem Teller gehabt wie in Lagos 1982. Das Fleisch flatterte einem sozusagen noch unterm Gaumen.

Zwei kleine portugiesische Jungs, die auf dem Campingplatz lebten, hatten einen Narren an uns gefressen, nachdem wir eines Abends mit ihnen über den Zaun des benachbarten Stadions des FC Lagos geklettert waren und zu viert gekickt hatten, bis es dunkel wurde und man die Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte. Fortan kamen sie jeden Abend ans Zelt gelaufen und zupften uns am Ärmel.

„Eh, du Futbol..!!?“

Da sahen wir ihn. Käptn Red, der abgemagerte verlauste Rüde, wie er über den Stadt-Camping schlich. Er zog ein Hinterbein nach und sabberte unentwegt. Wir nannten ihn Käptn Red wegen der ständig geröteten Augen. Sein Anblick war eine Zumutung, ein Affront, eine Beleidigung für den bekifften mitteleuropäischen Geschmack, und weil die Töle das mittlerweile wusste, machte sie sich so rar und so klein wie möglich, duckte sich an der niedrigen Außenmauer des Platzes entlang.

Eigentlich hatte er uns ja nichts getan. Er war nur eine arme Socke, er konnte nichts für sein Aussehen, er war genau das, was ein christliches Herz höherschlagen ließ. Tja. Manchmal warfen wir mit flachen Steinen nach ihm und ließen ihn tanzen, wir spielten Wettflitschen mit dem Humpelhund, während die Sonne erbarmungslos auf uns niederbrannte.

Käptn Reds war ein einsames, ein devotes Tier, doch wir hassten es von Tag zu Tag mehr, zumal auch die Stimmung unter uns rapide abwärts ging, je länger der Urlaub dauerte. Ich vermisste Lena, ich hatte richtig Liebeskummer, Karlos nicht, auf ihn wartete keine Lena zuhause. Er langweilte mich mit seiner Nicht-Sehnsucht, ich ihn mit meiner Sehnsucht, so gingen wir uns gegenseitig auf den Geist und übertrugen diesen Unmut auf den Hund, dem das Bein immerzu wegknickte, als hätte er mit jedem Schritt in eine Scherbe getreten.

Wir waren Schweine damals, was Hunde betraf. Karlos und ich führten einen privaten Kleinkrieg gegen südeuropäische Straßenköter, dem natürlichen Feind jedes anständigen Globetrotters. Wir wollten den Käptn nicht in unserer Nähe haben. Er versprühte diese oberkranke Aura. Er sollte sich davonmachen, der alte Hinkefuß.

Eusebio, der langhaarige arbeitslose Nachbar, fuhr ab und zu auf einem klapprigen Kahn zum Fischen raus, er angelte Chocos. Einmal lud er uns zum Essen ein. Die kleinen Fische wurden frittiert und mit Zwiebeln serviert. Karlos konnte nicht genug davon kriegen, ich hingegen schon. Weil wir kein Portugiesisch sprachen und Eusebio kaum Englisch, blieb die Verständigung allerdings schwierig. Karlos leckte seine fischigen zehn Finger ab, um Eusebio zu verdeutlichen, wie gut es ihm schmeckte. Dazu rief er dauernd „GUSTO! GUSTO! LECKER!“ Eusebio nickte freundlich, während ich hinterm Zelt hockte und kotzte.

In der dritten Urlaubswoche hatten wir die Nase voll von der endlosen Grasraucherei und gingen wieder ab und zu zum Strand runter.

Einmal wählten wir eine Abkürzung und landeten aus marihuanabedingter Unachtsamkeit auf einem Privatgelände, einer weitläufigen sonnenverbrannten Prärielandschaft.

Grosse Steppe, Mittagshitze.

Karlos war knallrot im Gesicht, wie immer. Direkt neben ihm stand ein schwarzes Rieseninsekt in der Luft, dann sah er es als Erster.

“Was ist das da, was da angewatzt kommt?” murmelte er. “Ein Hund?” Er zeigte in die Ferne.

Am Horizont das blaue Meer, davor ein wetzendes Vieh. Es trampelte über den sandigen Boden, schwer wie ein Büffel, wütend kläffend. Es hielt schnurstracks auf uns zu. Ich sah mich um, es waren keine hundert Meter bis zum Zaun, ich machte mich auf die Socken. Ich rannte und rannte und drehte mich nicht einmal um, ehe ich den Zaun erreichte. Ich sprang hoch, schwang das linke Bein auf den Pfosten und setzte über. Auf der anderen Seite angekommen, sah ich Karlos, der die letzten Meter gehend zurücklegte. Gemächlich. Fast blasiert. Dabei konnte er einfach nicht mehr. Er schaffte es im letzten Moment, im wirklich allerletzten, sich hochzuziehen, bevor das Monster nach ihm schnappte.

Nach diesem Erlebnis blieben wir wieder auf dem Stadt-Camping und klebten bekifft in unserem stickigen Zwei-Mann-Zelt die Papierchen für einen Joint aneinander, konnten uns kaum noch rühren. Der Rastafari verkaufte ein Bombengras, aber immer nur in kleinen Mengen, falls die Polizei ihn schnappen sollte. Dummerweise war der Rasta sehr unzuverlässig. Man wusste nie, um welche Uhrzeit er auftauchte, aber wir verließen ja eh kaum noch den Platz.

Am Morgen unseres Aufbruchs, es wurde gerade hell, bauten wir unser Zweimann-Zelt ab und wunderten uns plötzlich über diesen Pisse-Gestank, scharf wie Ammoniak, der ganze Zeltstoff schien verseucht.

Mit Hundepisse.

"Guck mal", stieß Karlos mich an, "Käptn Red."

Er lief in einiger Entfernung auf und ab und schien sich zu amüsieren, irgendwie. Karlos lief zornig auf ihn zu, aber er humpelte davon, überraschend behende, schlüpfte durch ein Mauerloch und jaulte in die Morgendämmerung hinein.

Und das war überhaupt das einzige Mal in den drei Wochen, dass wir den Hund jaulen gehört haben, und es klang überglücklich irgendwie.
19.10.17 19:01


Konsequent Weltklasse

 

Man braucht zwei Leben.

Eins, um zu kapieren, was richtig ist und was nicht, und ein zweites, um sich gelegentlich danach zu richten.

*

Es wollte sich mit mir treffen, das junge Frl. Weiden. Es jobbte als Zimmermädchen im Turmhotel. Es war keine zwanzig, schätzte ich, und trug gern luftige Sommerkleidchen. Es war in seiner ganzen Erscheinung keinem bestimmten Jahrzehnt zuzurechnen, das Fräulein Weiden, die Zeit hatte es irgendwie links liegen lassen, das muss kein Unglück sein. Im Gegenteil. Eine gewisse Nichtbeachtung zur rechten Zeit fördert das Flüggewerden.

Das flügge Frl. Weiden hatte etwas Unschuldiges an sich, doch dahinter verbarg sich ein Früchtchen, so jedenfalls meine Vermutung, in Einklang mit meiner knapp 25jährigen Lebenserfahrung.

Was ein Haufen!

Es war viertel vor sieben in der Früh an diesem Sonntag, wir standen in der Hotelküche nebeneinander, füllten frisch gekochten Kaffee in Thermoskannen um und schauten aus dem Fenster des 11. Stockwerks.

Meine Schicht als Nachtportier neigte sich für heute dem Ende entgegen, ihre Frühschicht hatte just begonnen. Es duftete nach Röstkaffee und kandierten Früchten, nach Kokos, das kam vom Rummel, der unten am Weyersberg gastierte, und von der nackten Haut, die das Frl. Weiden zeigte, der aufgetragenen Lotion.

"Nachmittags treffe ich mich immer mit meinen Leuten im Karstadt-Cafe", sagte sie. "Hast du vielleicht Lust, mal zu kommen? Heute Nachmittag oder so? Wir sitzen immer am selben Fenster.. Wir machen viel Unsinn. Wir lachen viel."

Ich starrte sie an. Meinte sie das ernst? Wen glaubte sie vor sich zu haben? Ich war ein Trinker, ein Kiffer, ein Acid-Head, ich lebte in einer anderen Welt, ich war auf dem besten Wege, mich in den Club 27 einzubringen. Und Frl. Weiden? Auch wenn sie nur einige Jährchen jünger war als ich, sie kam mir vor wie ein Kind. Mit den Attributen einer Frau.

Ihre Worte, ihre Unschuld, ihr ganzes Auftreten erinnerte an die Fünf Freunde von Enid Blyton. Das Frl. Weiden blätterte sozusagen im Abenteuerbuch, wenn es mich einlud, es zu treffen. Im Beisein der Freunde. Im Karstadt. Im Cafe. Ein Abenteuer in den großen Ferien.

Sie hatte schöne lange bleiche Beine und eine wechselnde Note. Mal Karamell, mal Kokos. Immer frisch. Ihre Stimme zitterte ein bisschen. Es war ein Versuch gewesen, ihre Einladung ins Cafe, sie hatte etwas gewagt. Sie wollte sehen, ob ich auf ihren Vorschlag einging. Wie ich reagierte. Ob ich überrascht war.

Eine Viertelstunde noch, dann würde die Chefin eintrudeln, sie kam stets Punkt 7, wenn sie Frühdienst hatte. Je länger das Zimmermädchen neben mir stand, desto stärker wurde das Verlangen, das Zimmermädchen zu küssen. Frauen wollen Männer kennenlernen, Männer wollen Frauen küssen. Würde es mir gelingen, Frl. Weiden in die Wäschekammer zu lotsen?

Sonntagmorgen. Der Frühstücksraum war leer um diese Uhrzeit, die Sonne schien hinein, man sah Staubflusen im Gegenlicht auf-und niedersteigen, wie Seepferdchen. Das Frühstücks-Buffet war noch nicht aufgebaut, es wartete im großen Kühlschrank, die Kaffeekannen waren abgefüllt. Wir warteten auf den Chinesen, der jeden Morgen Punkt zehn vor Sieben in die Küche marschiert kam und die bestellte heiße Milch abholte. Für ihn und seine Kollegen im 13. Stockwerk. Dampfende Kuhmilch, 2 Liter.

"Wir trinken Kaffee, auch mal eine Limonade, und Gerti kann Witze erzählen, soo gut, das musst du hören", so Frl. Weiden. "Wir lachen uns schlapp. Wir treffen uns um fünf. Wenn du Lust hast.."

Ich kannte ihren Vornamen nicht. Die Chefin hatte sie mir lediglich als Fräulein Weiden vorgestellt. Die Morgensonne strahlte ihr gelbes Kleid an, momentan war alles war gut, alles war frisch. Als der Chinese einmarschierte, fünf vor Sieben, kurz vor der Chefin, verschwand Frl. Weiden Richtung Wäschekammer. Ich folgte ihr, blieb aber auf Distanz. Ich beobachtete sie. Das Zimmermädchen zog einen Stapel Handtücher aus dem Wäscheregal und füllte den Wagen auf.


*

Unter diesem Haufen Dilettanten und Geldabschneidern wird es zunehmend schwierig Leute zu finden, die ihren Job gern machen, die motiviert sind, denen man vertrauen kann, dass sie das, was sie tun, nicht nur des Geldes wegen tun, sondern weil sie es können. Warum das so wichtig ist? So entscheidend? Weil der Mensch, der vor dir sitzt an der Supermarktkasse, auch dein Notarzt sein könnte.

*

Woran man spürt, dass man allmählich ältere Herrschaft wird? Wenn im Gespräch mit Gleichaltrigen zunehmend Floskeln auftauchen wie „Ja klar, das ist Verschleiss, da kann man nix machen“. Oder hier, der: "Der Arzt sagt auch, ich soll mehr trinken."

Da wünscht man sich manchmal, man hätte noch die Kraft, die man mit Mitte zwanzig hatte, auf seinem Höhepunkt, als man selbst vollgeschissen noch gut aussah, von hinten.

Wir waren exakt Mitte vierzig, (also vor 10 Jahren), als die Gräfin mir von diesem Traum erzählte. Sie hatte von einem Mann und einer Frau geträumt, die sehr bedächtig auf einer Parkbank saßen und uns erklärten, dass sie genug hätten von diesem albernen Leben. Dass es an der Zeit sei, endlich ernsthaft zu werden.

„Wir haben genug gelacht in diesem Leben.“

Eine Traumsequenz weiter saß dasselbe Pärchen in unserer Wohnküche und demonstrierte geduldig, wie man sich gegenseitig die Finger bricht. Eine überraschend mühelose Angelegenheit. Ein leichtes Knicken nur. Als wären es Federn, keine Finger.

„Altwerden ist nichts anderes als das Wegbrechen von Flügeln, an deren Stelle nichts nachwächst“, sagte die Frau im Traum. "Aber wer nicht mehr fliegen kann, hat automatisch mehr Zeit für den Erdboden.“

*

Ich möchte noch mal zwölf Jahre alt sein und nachmittags von der Schule heimkomme. In der Kinderstunde läuft Pan Tau, Mutter macht mir einen Becher warmen Kakao zum Essen, aber nicht diesen fair gehandelten Bio-Kakao, sondern Kaba.

Oder elf.

*

Aufwachen am Morgen Immer noch am Leben: Sein Welch ein Privileg Welch Ungeheuerlichkeit & womöglich scheint noch die Sonne DIE SONNE Konsequent Sonne Konsequent Weltklasse

*

("DU GLAUBST AUCH ALLE LEUTE GEHEN MIT DEINEN AUGEN DURCH DIE WELT!")

*

Ein Evergreen, gespielt und gesungen von JJ Cale:

 The old man and me, JJ Cale
27.10.17 15:02


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