Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
  Startseite
  Über...
  Datenschutz
  Impressum
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   
   Wer war 500beine
   Glumm auf Wordpress
   Susanne Eggerts Citronenbusen
   Blogroll
   Twitter 500beine

kostenloser Counter



https://myblog.de/500beine

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Heiße Luft und ex-Locken

Henrystutzen. Manchmal reicht schon ein einziges aufgeschnapptes Wort und man taucht ab in seine eigene Jugendherberge.

Oder Halifax.

Admiral Benbow.

*

Beim Kacken und beim Beten hat man den gleichen konzentrierten Gesichtsausdruck.

*

Ich bin ein übler Fall von Gewohnheit. Selbst Dinge, die ich nicht mehr tue, weil sie mir schaden, beginne ich zu vermissen, sobald mich ein Gefühl von Rührung beschleicht, wenn ich daran zurückdenke, wie oft ich es getan habe und wie schön es war, das Falsche zu tun, über einen langen Zeitraum, und wie gern ich mich einen Dreck um die Folgen scherte.

Ich hatte mich doch so schön daran gewöhnt.

*

Natürlich muss es noch lange nicht das Beste für einen sein, nur weil man sich an etwas gewöhnt hat. Andererseits hilft Gewohnheit dabei, nicht direkt Panik zu kriegen, nur weil man mal Langeweile hat.

– Die Gräfin über Gewohnheit –

*

Der Mensch ist am schönsten, wenn er zu Fuß unterwegs ist. Dafür sind wir gemacht, um zu Fuß unterwegs zu sein.

– Die Gräfin –

*

Es ist ein ständiges Vabanquespiel, den richtigen Ton zu treffen im eigenen Leben.

*

Einen schönen Satz finde ich beim Blättern im Notizbuch Juli 2014. Die Flugbegleiterin hatte einen Mordshusten aus Vancouver mitgebracht. Sie hüstelte ununterbrochen, während wir uns am Graf Wilhelm-Platz unterhielten, es klang wie eine Serie von zuschnappenden rostigen Mäusefallen.

"Und morgen muss ich für drei Tage nach Austin, Texas. Da ist 38 Grad."

Und das bei ihrem Husten.

"Im Moment verfällt in der Luft alles in Hysterie wegen Ebola", ächzte sie. "Da reicht es, wenn ein Fluggast aussieht, als kriegte er gleich Nasenbluten, und alle Kolleginnen verschanzen sich in der Bordküche."

Sie starrte auf das Handy in ihrer Hand.

"Ich versuche gerade mit einer Kollegin zu tauschen. Irgendwie muss ich aus der Austin-Nummer rauskommen. 38 Grad, das geht gar nicht..."

Sie fliegt seit 30 Jahren für die Lufthansa, sie hat die Faxen dicke.

"Ich bin so dermaßen abgeflogen..!" stöhnte sie.

*

"Ich musste grinsen, weil keiner gelacht hat."

- Karlos -

*

"Kaum liege ich mal zwei Tage mit Grippe im Bett und hab Zeit zum Nachdenken, schon kommen die großen philosophischen Kack-Monumente aus meinem Mund. Ich weiß kaum, wo ich anfangen soll."

– Die Gräfin –

*

Sie: Sag mal, Schriftsteller, gibt es Sätze, die zu Besuch kommen, aber schnell wieder weg sind, wenn du ihnen nicht gleich eine Übernachtungsmöglichkeit anbietest in deinem Werk? Gibt es so.. arrogante Sätze?

Ich: Klar gibt es das, dass Sätze wieder abhauen. Aber die kommen auch wieder zurück. Weil sie den Schirm vergessen haben.

*

Flapp, flapp, flapp... Als ich über den Bürgersteig gehe, schießt plötzlich der Fahrtwind vorübersausender Personenkraftwagen unter die Plane des am Straßenrand abgestellten LKW und bläst sie zu einem kurzfristigen Petticoat auf.

Hat der Laster schöne Eisenbeine.

*

"Ich finde Gangster gut, die Spaß verstehen. Die sich erst kaputtlachen, bevor sie einen erschießen."


*

"Die besten Dinge im Leben geschehen nur ein Mal und verschwinden wie ein Spuk."

*

"Es gibt so wenige beseelte Menschen da draußen. Die meisten leben, als erledigten sie einfach ihren Job."

*

"Bremsen können durch die Hose stechen. Die haben den totalen Rüssel."

- Die Gräfin -

*

"So, jetzt muss ich aber die Klappe halten langsam. Mir wird schlecht von mir selber."
5.9.17 09:40


Machsten so?

"Was machsten so?"

"Treiben lassen."

"Von der Masse?"

"Nee. Von Einzelnen."

*

Kurzatmig, misstrauisch und ein Manko an Gleichgesinnten Willkommen in Deutschland!

*

"Der Trump sieht immer aus, als würde er für Kukident Reklame lächeln."

- Die Gräfin -

*

"Kümmere dich um deinen eigenen Scheiß!"

"Tu ich ja! Du bist gerade mein Scheiß!!"
5.9.17 12:52


The Western Blot

Im Schlaf machte ich seltsame Stressgeräusche, erzählte die Gräfin. "Du schnaubst, wenn du träumst." Ich brauchte eine Auszeit. Seit ich im Institut jobbte, war ich dauernd unter Menschen, das war ich nicht mehr gewohnt, ich konnte nicht damit umgehen. Menschen, die man täglich um sich hat, nagen an einem, sie saugen und sie lutschen einen leer, man gerät unter die Zecken. Man wird selber Zecke, ob man will oder nicht. Ich war leer gelutscht. Ich brauchte eine Auszeit. Ich schnaubte, wenn ich träumte.

Montagmorgen rief ich beim Doc an. Ich hatte drei Docs. Einen für Entzugspräparate und Kram, einen für echte Krankheiten, einen zum Krankschreiben. Jeder deckte seinen speziellen Bereich ab. Den Gelben Schein-Doc kannte ihn seit unseren Schultagen. Ein seltsamer Vogel, der mir, wenn wir uns gelegentlich in der Stadt begegneten, wie ein Knallbonbon erschien, inmitten all der bergischen Regengesichter. In jüngeren Jahren fälschte er gern Eintrittskarten für Rock-Konzerte, mit nichts als einem Satz Wachsmalstifte und Buchstaben zum Aufkleben. Er bekam es so perfekt hin, er erschlich sich sogar den Zugang zu Frank Zappa in der Kölner Sporthalle. Da stolzierte er dann als Pan Tau verkleidet durch die Reihen, in der Hand einen Schirm, im Gesicht ein Riesenlächeln. Als er beschloss, den Segelflugschein zu machen, lief er zwei Jahre lang jeden Freitagabend mit dem Hut durch die Kneipen und sammelte Geld für die Prüfung. Wer wollte, erhielt eine Bestätigung, dass er ihm, dem Doktor in spe, unter die Arme gegriffen hatte, damit er um die Welt segeln konnte. Er hatte wirklich einen Knall. Aber er kriegte alles hin, was er sich vornahm. Er studierte Medizin und übernahm die Praxis eines alteingesessenen Doktors in der Nordstadt. Der Patientenstamm blieb ihm treu, obwohl er ein Freak war. Auf dem Schreibtisch platzierte er die Figur des Dr. Hibbert, dem absolut ahnungslosen Arzt aus der Simpsons-Reihe.

Der Anrufbeantworter sprang an. „Der Doktor ist in Urlaub“, sprach die freundliche Stimme von Band und nannte eine Handvoll Vertretungsärzte, von denen mir keiner bekannt vorkam. Schöner Mist. Mein Gelber Schein-Doc war immer gut für zwei Wochen Auszeit, ohne große Nachfrage und mit Option auf eine Verlängerungswoche. Meinen Echte Krankheiten-Doc wollte ich nicht bemühen wegen einer Lappalie wie Krankschreiben – blieb nur noch: Doc Hilten. Mein Methadonarzt. Ich rief erst gar nicht an, um zu erfahren, ob die Praxis geöffnet sei, das war nicht nötig, Hilten machte nie Urlaub. Urlaub würde nur Geld kosten. Er tat nie etwas, was Geld kostete.

Das Wartezimmer war fast leer, ein einziger Patient war vor mir dran. Dennoch fegte der Doktor durch die Gänge, als hätte er nicht gewusst, wo ihm der Kopf stand vor lauter Arbeit. Doktor Hilten rief mich ins Chefzimmer. Wie geht’s und so. Was machen die Drogen. Ist nicht wahr. Hm. Hm. Hm. Hast du Arbeit? Schreibst du noch? Eine Woche Auszeit? Ja, warum das denn?!

„Ich muss auch jeden Tag arbeiten!“ bellte er.

Ich ärgerte mich, dass ich so freimütig gewesen war. Warum hatte ich nicht einfach was von Erkältung in den Knochen gesagt. Er verzog die Mundwinkel und schrieb mich bis Ende der Woche krank, unter der Prämisse, dass ich mir von Wanja noch rasch Blut abzapfen ließ, für ein großes Blutbild.

„Wenn du schon mal hier bist.“

Eine Woche später, Montagmorgen. Die Woche Auszeit hatte zwar gutgetan, aber nun hatte ich Rückenschmerzen vom vielen Rumliegen. Ich bekam mittlerweile schon einen Hexenschuss, wenn ich dem Hund unaufgewärmt ein Stöckchen schmiss. Ich lief erneut in Hiltens Praxis auf. Für eine zweite Woche Auszeit und eine schmerzstillende Spritze. Punkt acht stand ich an der Rezeption. Ich brauchte eh ein neues BTM-Rezept.

„Setzt der Chef auch Spritzen gegen Rückenschmerzen?“

Wanja blickte überrascht auf.

„Ja, natürlich. Nimm einen Moment Platz.“

Das Wartezimmer war zur Hälfte gefüllt. Je nach Laune des Arztes bedeutete das zwei bis drei Stunden Wartezeit. Wenn er einen Lauf hatte, konnte es durchaus passieren, dass er einem Patienten eine volle Stunde seiner kostbaren Sprechzeit schenkte. Dann rechnete er einem gegen Ende der sechzig Minuten zwar penibel vor, wie wenig ihm die Krankenkasse dafür bezahlte, 7 Euro irgendwas, doch es hatte sich gelohnt. Mir erklärte er einmal die Sache mit den Entzugsschmerzen in zwei Sätzen.

"Wenn du Heroin nimmst und du fühlst dich wohlig und entspannt, wird dein Körper das innerhalb kürzester Zeit für normal halten und alles dafür tun, um diese schöne neue Normalität aufrechtzuerhalten. Er zieht alle Register, weil er Angst hat, dass du ihm den Stoff versagst, der ihm so guttut, der ihn so entspannt. Freiwillig entlässt er dich nicht aus der Sucht."

„Kann der Chef mich nicht zwischendurch rannehmen, Wanja? Geht doch schnell bei mir.“

Ihre Wangen waren hektisch gerötet. Hier hat jeder eine Extrawurst, sagte ihr Blick. Aber sie mochte mich. Sie seufzte.

„Ich schau mal, was sich machen lässt.“

Kaum hatte ich mich in einen der Korbsessel im Wartebereich niedergelassen, mit steifem Rücken, erblickte mich der Doktor, als an der Rezeption stand. Er sprach mit Wanja und sah zu mir herüber, ein langer Blick, und winkte mich heran. Ich stand auf, ein alter Seemann, der es im Kreuz hatte, und schlurfte hinter ihm her, ins Sprechzimmer. Er schloss die Tür.

„Setz dich. Ich muss was mit dir bereden.“

Ich blieb stehen.

„Wir haben dir doch letzten Montag Blut abgenommen“, sagte er und schaute auf den Bildschirm des Computers. Sofort ging mir ein kleines Wort durch den Kopf: Scheiße. Irgendwann musste es ja mal kommen. Warum sollte es immer nur die anderen treffen. Warum sollten immer nur die anderen die Arschkarte ziehen. Mach es kurz, Doc. Darmkrebs? Lungenkrebs? Hepatitis?

„Das Labor in Köln hat Hinweise auf HIV in deinem Blut gefunden.“

Ich setzte mich hin, ganz vorsichtig, auf die Stuhlkante, und hörte seine Worte. Was redete der da? Wusste der überhaupt, wer vor ihm saß?

„Das heißt jetzt noch nicht unbedingt was“, fuhr er fort, irgendwie gleichgültig, als meinte er das Wetter. Das bisschen Regen. Hat noch keinem geschadet. Vielleicht wirst du ja gar nicht nass. Wanja gibt dir gleich einen Schirm mit, wenn du willst. „Es ist nur ein erster Befund. Ein erster.. Such-Test, der noch eine hohe Fehlerquote aufweist. Pass auf. Was wir jetzt machen, ist ein zweiter Test, der Western Blot. Der ist viel aufwändiger, aber er ist auch sicher. Dann wissen wir Bescheid.“

„AIDS..?“ stammelte ich. „Ich?“

„Nicht AIDS“, sagte er und verdrehte die Augen.. „Du hast kein AIDS. Höchstens HIV.“ Sein Blick war genervt. „Ha-Ich-Vau.“ Er führte so ein Gespräch nicht zum ersten Mal. „Der erste Such-Test ist sehr unsicher, es gibt dabei oft positive Befunde, die sich beim Western Blot nicht bestätigen.“

Das Telefon klingelte, er hob den Hörer ab. Während Hilten, ein wuchtiger Mann, mit einem Patienten redete, den Wanja durchgestellt hatte, saß ich an seinem weißen Schreibtisch und verstand nicht, was vor sich ging. Es konnte nur ein Fehler sein. Ein Missverständnis. Eine Verwechslung. Woher zum Teufel sollte ich den AIDS-Virus haben?! Sex mit Schlampen war lange her, und meine harten Drogen hatte ich stets geraucht oder geschnupft, niemals gespritzt, ich hatte panische Angst vor Spritzen. Wo sollte ich mich angesteckt haben? Keine intravenösen Drogengeschichten, keine Operation, bei der mir verseuchtes Fremdblut zugeführt worden wäre, kein Sex mit Schlampen. Es musste eine Verwechslung sein. Die hatten Mist gebaut im Labor. Der Doktor quatschte in den Hörer und sah zu mir herüber. Sah die Tränen, die in mir hochkochten, weil ich das Gefühl hatte, dass nur noch Scheiße passierte in meinem Leben. Andererseits: Die Diagnose würde endlich erklären, warum ich mich dauernd so mies fühlte. So schlapp. Es ging ja mittlerweile schon nicht mehr darum, ob ich mich scheiße fühlte, sondern, ob ich mich möglichst nicht ganz so scheiße fühlte. Endlich beendete Doc Hilten sein Gespräch.

„Angenommen, ich hätte mich in den Achtzigern und frühen Neunzigern angesteckt“, sagte ich so nüchtern wie möglich, „wieso waren dann alle Tests bislang negativ?“ Ich wartete die Antwort gar nicht erst ab. „Oder kann es sein, dass der Virus erst Jahre später .. aktiv wird?“

Hilten stutzte, wartete einen Moment, bevor er die Antwort formulierte.

„Hm.. ja, das kann sein. Ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber möglich. Die Inkubationszeit beträgt bis zu fünfzehn Jahre.“

Verdammt. Das war eine lange Zeit. Ich rechnete zurück. 2008 weniger fünfzehn machte 1993. Das konnte gar nicht sein. Da war gar nichts gewesen. Mir kamen Szenen aus den Achtzigern in den Sinn, Sex im betrunkenen Kopf. Sex mit Frauen, deren Gesichter ich vergessen hatte, aber nicht einige der Pornofilm-Einzelheiten. Manchmal musste ich mich schütteln, wenn ich zurückblickte. Schlechte Erinnerungen sind wie Hämorrhoiden: sie blühen im Verborgenen, sind unnütz und drücken schwer. Aber das waren die Achtziger gewesen. Hier stimmte was nicht.

Hilten kehrte zur technischen Ebene zurück. „Wir arbeiten mit einem renommierten Labor in Köln zusammen, der absoluten Nummer 1 in NRW. Wir wollen, dass unsere Patienten nur in besten Händen sind. Aber jetzt heißt es für dich erstmal cool bleiben.“

Ich saß auf dem Stuhl, ein Häufchen Elend mit Kreuzschmerzen.

„Das Ergebnis ist grenzwertig, vermutlich ist alles falscher Alarm“, fuhr er fort. „Aber ich will nicht so tun, als wäre gar nichts. Das Labor in Köln führt diese Woche mit demselben Blut den Western Blot durch, das dauert ein paar Tage. Nächste Woche Dienstag, spätestens Donnerstag wissen wir Bescheid. Bis dahin heißt es Ruhe bewahren. Ich würde auch deiner Lebensgefährtin nichts davon erzählen.. Ihr seid doch noch zusammen?“

Ich nickte.

„Sie ist zu empfindlich“, sagte er. „Das gibt nur Nervenkrieg. So, warum bist du gekommen? Wegen Rückenschmerzen? Komm mit.“

Wie benommen folgte ich ihm in eines der hinteren Behandlungszimmer.

„Zieh dich aus.“

„Wie, ausziehen?“

Seit wann musste man sich für eine schmerzstillende Spritze in den Hintern ausziehen. Hose runterlassen reichte doch..

„Na, ausziehen“, sagte Hilten.

„Ganz?“

„Bis auf die Unterhose.“

Während ich meine Klamotten ablegte, saß der Doktor vor dem Rechner und moserte vor sich hin, weil das Ding so langsam lief. Er bekam nicht die Daten auf den Schirm, die er suchte. Ich wusste überhaupt nicht, was los war. Es war nicht wie in einem falschen Film, es war, als hätten sich alle falschen Filme der Welt zusammengerottet. Für eine Sondervorführung. Es war kalt im Behandlungszimmer.

„Leg dich hin. Auf den Bauch.“

Ich hatte AIDS. Ich hatte Schweißfüße. Die Massageliege war kühl, trotz der Einmal-Auflage. Ich fror.

„Wieso AIDS?“ sagte ich.

„Du hast kein AIDS! Wenn überhaupt, bist du HIV-infiziert...! Außerdem, ich kenne Leute, bei denen der Virus ausgebrochen ist. Bei dir nicht. Du siehst nicht aus wie jemand, der AIDS hat.“

„Na toll. Ich sah auch vor zehn Jahren nicht aus wie jemand, der Heroin nimmt.“

„Entspanne dich. Einatmen – ausatmen.. Tief einatmen – und ausatmen.. Junge, bist du verspannt.“

Na, wie verspannt wärst du denn, dachte ich, wenn man dir gerade einen halb-positiven HIV-Befund mitgeteilt hätte!? Wärst du dann immer noch das lockere fette Vögelchen, das in seinem selbstgezimmerten Käfig vor sich hin trällert!? Aber ich hatte keine Lust zu reden. Ich hing in den Seilen und am Ring draußen machte man sich lustig über mich.

Na, der ist aber ganz schön unentspannt...

Hilten renkte mich ein, dass die Gelenke nur so knackten. Er zerrte an meinen Armen, drückte meinem Rücken, ich ließ alles mit mir geschehen. Er hatte gute Hände, das musste ich ihm lassen. Er wusste, was er tat. Ich roch meine Strümpfe. Ich war eine angeschwemmte Leiche. Als ich mich von der Liege erhob, komplett durchgeknetet, klebte ein Teil der Einmal-Auflage an meinem verschwitzten Rücken fest, wie ein dämliches Dracula-Cape. Ich hatte immer noch Rückenschmerzen.

„Ich verschreibe dir ein lokal wirkendes Schmerzmittel“, sagte Hilten, mit den Gedanken schon beim nächsten Patienten.

„Und wie geht’s jetzt weiter?“ sagte ich, in die Klamotten steigend.

„Kommst du morgen wieder, wenn der Rücken nicht besser wird.“

„Nein. Ich meine mit diesem.. Western Block Test.“

„Blot, Western Blot. Es gibt Southern, Northern Blot. Egal. Wir rufen dich an, wenn das Ergebnis da ist. Solange heißt es cool bleiben.“

Ich gab Wanja die Durchwahl vom Institut, damit sie nicht zu Hause anrief. Damit die Gräfin nichts davon mitbekam. Hilten hatte Recht. Was das betraf. Nur eins hatte ich in dem Durcheinander ganz vergessen: mich weiterhin krankschreiben zu lassen. Also ging ich arbeiten.

Die restliche Woche lief ich wie in Aspik durch die Gegend. Ich nahm die Dinge um mich herum nur verschwommen wahr. Ich kriegte kaum den Mund auf. Nicht, dass ich die ganze Zeit an AIDS gedacht hätte, es war einfach nichts los in mir. Es war schlimmer als bei einer diffusen Depression. Ich wartete auf ein Ergebnis.

Die Gräfin wurde misstrauisch. „Was ist los mit dir?“

„Nichts.“

„Ach komm, erzähl nichts. Ich spüre es doch, wenn dich was beschäftigt. Du schreibst ja nicht mal mehr.“

Mehr als einmal hatte ich es auf der Zunge, ich muss dir was erzählen, und hielt es dann doch zurück.

Sonntagabend lagen wir im Bett und guckten gemeinsam Tatort. Gleich in einer der ersten Szenen findet die Schmiere im Kühlschrank des Verdächtigen einen HIV-Schnelltest. Der Kommissar wirft einen Blick auf den Test-Streifen und schnarrt nur „Positiv!“ Mir brach der Schweiß aus, ich lief knallrot an. Doch die Gräfin merkte nichts. Sie stöhnte bloß „langweilig!“, und schaltete um.

Montagmorgen hielt ich es nicht mehr aus. Ich rief in der Praxis an. Ob das Ergebnis schon da wäre.

„Welches Ergebnis?“ fragte Wanja. Sie wusste angeblich von nichts. Ich ließ mich mit dem Doc verbinden. Er war genervt.

„Dienstag habe ich gesagt, frühestens Dienstag. Und wir rufen dich an!“

Don’t call us, we’ll call you. Der Song ging mir nicht mehr aus dem Kopf, ich brummte ihn tagelang vor mich hin – wenn auch in viel zu tiefer Stimmlage. Damit meine Gedanken nicht mehr als nötig um das Thema kreisten, untersagte ich mir jegliche Internet-Recherche. Nicht mal Western Blot googelte ich. Nein, ich wollte keinerlei Meinungen oder Untersuchungen lesen, die sich in meinem Schädel festzurrten und alles noch schlimmer machten.

Es reichte schon, dass ich bei dem Gespräch mit Doc Hilten so durcheinander gewesen war, dass ich gewisse Sachen nicht richtig mitbekommen hatte. Was war das zum Beispiel mit den 80 Prozent gewesen? Ich war mir im Nachhinein nicht sicher, was er damit gemeint hatte. Dass 80 % der ersten Suchtest-Ergebnisse falsch waren? Oder dass es eine 80prozentige Wahrscheinlichkeit gab, dass HIV nicht ausbrach, obwohl man infiziert war? Ich blickte nicht mehr durch. Schlimmer: Ich konnte nicht mit der Gräfin darüber reden. Natürlich hätte ich es auch einem anderen Vertrauten erzählen können, meinem Bruder, meiner Schwester, Karlos, doch was hätte es gebracht? Dass jemand mit mir auf das Ergebnis wartete? Es half alles nichts. Hilten hatte Recht. Ich musste cool bleiben.

Allein ihr intuitives Gespür für die Wahrheit kratzte an meinem Schweigen. Oder warum kam sie gerade jetzt auf einen Satz wie: „Ich möchte noch einmal auf die Kirmes, bevor ich sterbe.“ Aus heiterem Himmel. Mal eben so geäußert, am Nachmittag. Überhaupt, der Tod war in diesen Tagen ihr großes Thema. Etwa die Art und Weise, wie sie sich das Leben nehmen wollte, sollte es soweit sein.

„Dann geh ich ins Wasser.“

Eine sehr weibliche Vorstellung. Sehr sehnsuchtsvoll. Während ich mein Testergebnis abwartete. Dienstag geschah nichts, kein Anruf. Mittwoch geschah nichts, kein Anruf. Auch ich rief nicht in der Praxis an. Cool bleiben, nahm ich mir vor. Ich blieb cool. Der Anruf kam Donnerstagnachmittag im Design-Institut an. Ich saß unten an meinem Schreibtisch.

„Hal-looo..!“ rief Wanja in den Hörer, dass ich sofort erschrak. „Ich verbinde dich mit dem Dok-toor..!“

Ihre Worte hüpften fröhlich durcheinander.

„Hilten“, meldete sich der Doc. „Also.. es tut mir leid, aber wir müssen dir noch mal Blut abnehmen, die Menge hat leider nicht ausgereicht für den Western Blot..“

Ich sackte zusammen.

„Wann?“

„Morgen früh.“

Wanja nahm mir so viel Blut ab, dass mir schwindlig wurde. Dann dauerte es noch einmal fast eine Woche, bis die Auswertung da war, und es war ein Dienstagmorgen, als Hilten im Institut anrief. Diesmal war er gleich selbst am Apparat.

„Um dich gleich zu befreien: Der Test ist negativ ausgefallen.“

Ich ballte die Faust, ich atmete aus. Ich war wie Luft, die aus einem Ball entwich, den ich ein Jahr lang jeden Tag aufgepumpt hatte.

„Ich soll mich sogar im Namen des Labors bei dir entschuldigen“, fuhr der Doc fort. Bedauern war allerdings nicht herauszuhören. „Weniger Antikörper als bei dir lassen sich in einem Western Blot nicht nachweisen..“

„Ist wahr?“

„Ist wahr.“

Als ich der Gräfin zu Hause davon erzählte, war sie zunächst stinksauer.

„So ein Schwachsinn. Woher sollst du denn AIDS haben?“

„HIV“, sagte ich, „nicht AIDS.“

„Trotzdem. Woher?“ Sie guckte mich scharf an. „Es sei denn, du hattest da was am Laufen in den letzten Jahren, wovon ich nichts weiß.“

„Was meinst du? So eine kleine Nutte, wie Daphne P.?“

Sie trommelte auf meiner Brust.

„Du verdammter AIDS-Krüppel! Und wasch dir die Füße!“
6.9.17 16:18


Rodeo

Es war an meinem achtundzwanzigsten Geburtstag, als es morgens Sturm klingelte. Ich lag mit einem fiesen Bierschädel im Bett, was damals Usus war, jedenfalls um diese Uhrzeit, und drehte mich fluchend um, doch wer auch immer da draußen stand und rein wollte, er ließ nicht locker. Er stand auf der Schelle. Eine Provokation, ein monströses Klingelmännchen. Ich formulierte innerlich schon die Fäuste, da tauchte schemenhaft das Datum auf, durch meinen Bier- und Nikotin-Schleier, der fünfzehnte September… Junge, du hast Geburtstag! Da draußen ist jemand, der möchte dir gratulieren, den kannst du nicht einfach stehen lassen da draußen im Schnürregen, verdammt.

“JAA SCHON GUT!! MOMENT...!!”

In Unterhose und T-Shirt stieg ich aus dem Bett, drückte per Summer die Haustür auf. Ich hörte Stimmen, Gelächter, ein Poltern irgendwelcher Gerätschaften, und warf einen Blick durch den Spion: drei Leute. Schnaat vorneweg mit blitzenden roten Bäckchen, dahinter Karlos und der Bruder vom dicken Hansen, alle debil am Grinsen!

Schnaat bollerte gegen die Tür.

“AUFMACHEN, SACKFRESSE!”

“Ich darf niemanden reinlassen”, wimmerte ich geistesgegenwärtig, “hat Mutti verboten.”

“Wir sind nur drei fremde Onkel aus dem Abendland, das geht schon in Ordnung. Fremden Onkeln dürfen kleine Jungs die Tür aufmachen...”

“Das müssen kleine Buben sogar”, wies der Bruder vom dicken Hansen auf die geltende Rechtslage hin, so wie er sie sah.

“Wir haben auch lecker Schokolade dabei!” rief Karlos. “Dicke Tafeln!”

Getuschel.

“Mit Nuss!”

Noch mehr Getuschel.

„Mit ganzen Nüssen!“

Die Sau. Ich mochte Schokolade mit Nüssen. Das wusste der Sauhund ganz genau. Schnaat trat gegen die Türe. Er hatte die spitzesten Schuhe, mit Stahlkappen vorn.

“SACKFRESSE! AUFMACHEN!”

Als ich öffnete, schoben die Kameraden mich beiseite wie eine lästige Laus, jeder einen Staubsauger vor sich her karrend. Die Dinger hatte ich durch den Spion glatt übersehen. Logisch, die waren ja auch unten auf dem Boden. Die konnte ich gar nicht gesehen haben. So ein Spion ist ja nicht in Knöchelhöhe in die Tür geschnitzt.

“Steckdosen!” krähte Schnaat. „Wir brauchen Strom!“

Er trug seinen schweren dunkelblauen Admiralsmantel und spitze Lackschuhe.

“Wo sind die gottverdammten Steckdosen?”

Jeder der drei hatte von Zuhause seinen Sauger mitgebracht, jetzt wurde die kleine Flotte in die Küche getrieben, wo die Wände auf Stromquellen inspiziert wurden und man ungeduldig auf die Start-Flagge wartete: das Einstöpseln.

Betriebsbereitschaft.

„AUF GEHTS!”

Die Bodenbretter erzitterten unter dem Gegröle der Vakuum-Cleaner und grasenden Pferdchen, übertönt nur von gelegentlichen “YEE-HAA!”-Anfeuerungsrufen von Schnaat, auf dessen Mist die bekloppte Aktion gewachsen war, garantiert. Er war geradezu besessen von Saugern, fast so besessen wie von selbstgemachtem Likör und alten Mott the Hoople-Singles.

Na gut. Die Jungs wollten es nicht anders. Ich holte die Ziege aus ihrem Tiefschlaf und reaktivierte sie. Einen original Omega-Sauger aus der DDR, der in meinen Besitz gelangt war und dessen Motor wie eine halbverrostete Ziege meckerte. Zu viert dauerte die putzige Stäubchen-Parade keine vier Minuten, dann waren die 60 Quadratmeter abgefressen und die Bande verschwand genauso schnell wie sie eingefallen war, ohne Tschau oder Wiedersehen, ohne irgendwelchen Glückwunschmüll. Ich ging in mein Zimmer zurück und stellte mich ans Fenster, linste durch die Jalousie.

“Wo ward ihr gestern eigentlich, habt ihr in den Geburtstag reingesoffen?” hörte ich Schnaat Karlos fragen, als er den Kofferraum seines Wagens öffnete, um die Staubsauger einzuladen. Der Bruder vom dicken Hansen kicherte bekifft im Hintergrund. Ich legte mich nochmal hin, mit Staubsauger-Nachhall im Schädel und schlief bis in den Nachmittag.
8.9.17 11:06


Mistkram, Müll und Mausespeck

Ich frage mich, wer ist das eigentlich, der uns dauernd für blöd verkaufen und weismachen will, Zukunft wäre etwas, das mit "Wir haben jetzt sogar eine Fernbedienung für unser ganzes Haus!" zu tun hat. Wer steckt dahinter, wer hat ein Interesse daran, dass uns solche Lappalien als Zukunft verkauft werden, so als hätte das auch nur im geringsten mit einer erstrebenswerten Zukunft zu tun, hinter der wir alle unheimlich her sind!, wenn wir auf dem Heimweg schon mal per Smartphone die Heizung anknipsen können und daheim nicht erst eine Viertelstunde in ausgekühlten Räumen frösteln müssen.

Eine Viertelstunde Dinge tun müssen, die man sowieso tut, wenn man den ganzen Tag außer Haus war und bei deren Verrichtung einem ohnehin warm wird.

Oder wen interessiert ernsthaft warmes Essen aus dem 3-D-Drucker? Tolle Wurst. Ach nein, funktioniert ja nicht, die Düsen können nur Püree. Können nur Astronautenkost. Können nur Powerkram.

Oder als wäre es irgendwie von Belang einen Kühlschrank zu besitzen, der uns Meldung macht, wenn die Milch leer ist, damit wir auch ja nicht einmal zu viel in den Kühlschrank gucken müssen. So viel komische Kotze kann ich gar nicht produzieren, wenn ich daran denke, dass ich die Gegenwart von Menschen teile, die mir solch einen Mist als Zukunft verzapfen wollen. Als wäre Zukunft ein Kinderspiel. Eine Lappalie. Eine mickrige Abkürzung. Ein Gadget.

Die Zukunft ist kein Kinderspiel, und die Milch schmeckt schon lange nicht mehr nach Milch, ihr Pfeifen. Danke, ALDI & Co. Ihr habt die Frischmilch so lange haltbar gemacht, bis sie endlich nach Scheiße schmeckt und sowieso niemand mehr saufen will.

Ich sage nur Mistkram, Müll und Mausespeck.

*

Während Hitlers fehlgeschlagenem Putsch in der Münchner Nacht vom 8. auf den 9. November 1923 verfehlte ihn eine Polizeikugel nur um Zentimeter und tötete seinen Nebenmann. Zentimeter entscheiden über die Geschichte. Manchmal fehlt einer, manchmal sechzehn. Und nicht immer kommt jemand mit dem Leben davon, den es besser getroffen hätte. Das ist aber nur die sichtbare Seite der Geschichte. Die nicht sichtbare Seite gehört den Zentimetern, die ins Schwarze trafen. Wo es jemanden erwischt hat, der hernach nicht mehr in die Geschichte eingreifen konnte, weil er plötzlich tot ist.

Jemand wurde getötet, von dem nur bekannt ist, dass er neben Adolf Hitler gestanden hat in der Novembernacht 1923, aber nicht, zu was er in den folgenden Jahren fähig gewesen wäre, hätte ihn die Polizeikugel nicht getroffen.

Wir wissen nicht, ob es das in der Geschichte schon jemals gegeben hat - sehr wahrscheinlich hat es das gegeben, aber bewiesen ist es nicht - dass ein kommender Massenmörder eliminiert wurde, bevor er loslegen konnte, Masse zu morden. Wir kennen stets nur die Folgen der knapp verfehlten Kugel, die aus Hitler den Verbrecher des 20. Jahrhunderts machen konnte.

*

"Erwachsene? Gibt es das überhaupt? Gibt es überhaupt Erwachsene? Ich kenne nur ältere Kinder."

- Die Gräfin -
8.9.17 17:00


Es regnet. Wir kraulen durch den Vormittag.

"Man ist ahnungslos erfüllt von Vorahnungen..“, hatte die Gräfin als Fazit gezogen von diesem bemerkenswerten Sonntag Ende Juli 2005, einige Tage bevor Hurricane Katrina halb New Orleans zerstörte.

An diesem Sonntag kam es uns vor, als gingen wir im Auge des Großen-Ferien-Hurrikans spazieren, so still war es in den Straßen der Stadt, und die Hitze bedeckte die Hausdächer wie eine schwere Tagesdecke.

Außer uns dreien schien jedermann in Urlaub zu sein. Wir begannen, „Louisiana“ zu singen, die Hymne von Randy Newman, die sich um New Orleans dreht während der großen Flut im Jahre 1927.

Kurz bevor wir zwei Stunden später unser Stammesgebiet Kannenhof erreichten, setzte ein warmer Sommerregen ein, den wir mit himmelwärts gestreckten Gesichtern genossen, und wieder war dieser Song da, „Louisiana 1927“.

„They were trying to wash us away...“

Da wir aber nur Fragmente des Textes kannten, wühlte ich mich zu Hause durch die Plattensammlung, bis ich endlich das Album von Randy Newman gefunden hatte. Andächtig lauschten wir der brütenden Ballade, und ein paar Tage später wussten wir auch, warum.

*

Es regnet. Wir kraulen durch den späten Sommer. Der Dauerregen verhagelt die Brombeer-Ernte, die Früchte sind nur spärlich auszumachen, klein und hart und blässlich, dafür wuchert die Vegetation im Ganzen. Und der amerikanische Amberbaum im Park wirft bereits seine glutroten Blätter ab. Es geht auf den Herbst zu.

"So. Die letztes Sonnenstrahlen dieses Sommers gehen an... MICH!" scherzt sie und lässt sich auf der Gartenliege nieder.

*

Der Deutsche an sich ist braver, als es das Ordnungsamt vorsieht. Die Gräfin meint, wir bräuchten endlich ein Auflockerungsamt. Ein Samba-Amt.

"Ach, ist doch gar nicht mehr so schlimm", sag ich.

"Das denkst aber auch nur du."


*

Zorniger Dauerregen, wie Diarrhoe. Es riecht nach Muscheln und nackten Füßen. Fast wie an der Nordsee. Donnergrollen Es ist, als würden Tausende von Marionettenspielern auf der Himmelstribüne ausharren und die Regenpuppen tanzen lassen.

*

Das ist nichts gegen dem Tropensturm in Texas. Houston säuft ab, höre ich in den Nachrichten. Das graue Regenwasser steht meterhoch in den Straßen, die Menschen fahren in Panikbooten herum und wissen nicht wohin. Dann Kuba und Florida. Katastrophen machen Insekten aus uns. Miami krault.

*

Der große majestätische Fischreiher hat den Coppel-Park für sich allein. Er pirscht in aller Ruhe über die leeren Fußwege, den langen Hals in Richtung Teich gereckt. Bin immer wieder verblüfft, wieviel Ruhe und Muße der Reiher ausströmt, wenn er am Park-Teich ausharrt, am liebsten inmitten des hohen Schilfs am Ufer.

Die Situation ist seit fünfzehn handgestoppten Minuten unverändert.

Der Fischreiher steht mucksmäuschenstill am Teich, exakt da, wo die Enten abends gründeln.

Ich bin die Stille in der zweiten Reihe.

*

Äußerlich mag ich nüchtern wirken, innendrin bin ich ein Spinner, und einmal Spinner, immer Spinner. Das lässt sich nicht so einfach ausknipsen wie das Licht im Backofen, der innere Spinner, zumal unser Backofen defekt ist, das Licht lässt sich nicht mehr ausknipsen, es bleibt an. Noch tief in der Nacht leuchtet es einem vergessenen Hähnchenbollen heimwärts ins Reich des weißen Superfleisches.

“Du Spinner”, murmelt die Gräfin.

Na, das murmelt die Richtige.

*

Sie spricht davon, dass die ersten Kriegs-Tomaten auf dem Markt seien.

"Von dem feuchten Sommer sind die alle so faul und zerdötscht, da kann man die Hälfte gleich wieder wegwerfen. Das sind Tomaten für den Kriegsfall. Wo man alles kauft, was man in die Finger kriegt, nur damit man was zwischen den Zähne hat."

Es gibt Sätze aus ihrem Mund, da blühe ich nicht gerade auf, wenn ich sie höre.

*

"UNZUCHT MIT WÜRMERN KOST' EXTRA!" rief die Wirtin des Stundenhotels für okaye Dinge aufgebracht. "UND JETZT RAUS HIER!"

"Wohin?"

"Zimmer 15."

"Danke."

"Bitte sehr."
12.9.17 00:13


Ich telefoniere ja nur

Als vor Jahren die ersten Freisprecheinrichtungen aufkamen, hatte ich davon zunächst nichts mitbekommen. Ich wunderte mich nur, warum mir zunehmend Leute begegneten, die augenscheinlich Selbstgespräche führten, ja, die dauerhaft und lustvoll monologisierten, ohne sich dafür auch nur im geringsten zu schämen. Im Gegenteil, sie schienen sogar stolz darauf zu sein, im Gehen mit sich selbst zu quatschen. Eine neue Angewohnheit, die Mut machte. Wenn es immer mehr Menschen nichts ausmachte, ungewöhnlich aufzutreten in aller Öffentlichkeit, war das ein Anlass für vorsichtigen Optimismus.

Als mir nach und nach der Hintergrund klar wurde, war ich enttäuscht. Mal wieder hatte sich die Menschheit nicht geändert, es war nur ein neuer technischer Kniff hinzugekommen.

Es dauerte seine Zeit, bis ich erkannte, dass solche Freisprecheinrichtungen auch für einen Nicht-User wie mich gewisse Vorteile boten. Plötzlich war es nicht mehr nötig, schnell wegzublicken, wenn man beim Singen von Liedern von einem anderen Planeten ertappt wurde am helllichten Tag in der Innenstadt.

Ich telefonierte ja nur.

*

"Wie die alle damit rumlaufen den ganzen Tag und aufs Display starren, als könnten sie ohne nicht mehr leben... Wenn die ihr Smartphone ausstellen, fallen die um. Überall Strippen im Ohr, als würden sie künstlich ernährt. Das ist pathologisch, die Handysucht."

- Die Gräfin -

*

Ach wo, das ist überhaupt kein Telefon, was die Leute da in ihrer Hand halten! Das ist ein Handspiegel! Die Leute kontrollieren unentwegt ihre eigene Fresse! Die gucken sich an, ob sie sexy genug sind für die Welt, die tun nur so, als drückten sie irgendwelche geheimnisvollen Tasten oder riefen Whatsapp-Nachrichten ab!

*

Ich hab gestern Nacht zufällig einen schönen iranischen Spielfilm gesehen, "Das Lied der Sperlinge" aus dem Jahre 2008. Es war wie im Märchen, die Bilder aus der Großstadt Teheran, wo Zehntausende von Motorradfahren in den Straßen unterwegs sind, ohne Helm.

Bilder, wie es sie hierzulande noch in den Siebzigerjahren gab. Da war dieses strenge Blumenkind mit langem dünnen blonden Haar, das ich aus der Teestube an der Kasernenstraße kannte. Ein ungemein blasses Geschöpf, nahe am Albino, also die feminine Version, Albina. Sie hatte einen Freund, der war ziemlich klein und hatte langes schwarzes Haar und fuhr Moped. Sie auf dem Sozius mit ihrem flatternden Haar und dem flatternden Maxi-Rock. Was 1 Bild. Das lange blonde Haar wie ein Seidenvorhang im Wind, den Rücken gerade durchgedrückt, stolz auf die Matte.

*

Was auch immer in meinem Leben geschehen war, es trat mit Verzögerung ein. Wenn Eric Clapton der Mister Slowhand des britischen Bluesrock war, war ich Herr Langsamstift an den Buchstaben.

"Red nicht. Du bist das Faultier unter den Schreibkräften", sagte sie.

Eben.

*

Worte wie Modul und Cluster gingen mir auf den Sack, Worte, denen der Duft des Fortschritts anhaftete und die doch nichts bedeuteten, nicht wirklich jedenfalls, Worte, wie in den deutschen Nullkorridor gedrückt.

*

"Die meisten Menschen haben doch eine.... eine.. na, wie heißt das noch.. was bis jetzt geschah.. äh?"

"Hm..? Vergangenheit?"

"Genau. Vergangenheit."

*

Samstagabend, es ist schon dunkel. Auf dem Spielplatz sitzt ein einsamer Teenager auf der Schaukel und schaukelt. Es hat sein Handy an, und das bläuliche Licht des Displays schwingt in der Finsternis vor und zurück wie ein höfliches UFO.
20.9.17 18:06


Wo man auch hinging, Hirsche und Haarwuchs

Als zehnjähriger Junge gab es eine Million Dinge, die mich begeisterten. Also ungefähr so viele wie heute. Mit einem Unterschied. Die Dinge waren neu. Es waren eine Million neuer Dinge, die mich faszinierten. Und vielleicht noch drei Jahre Zeit bis zur Pubertät, dem Ender aller Dinge und dem Beginn der kalten Jahreszeit. Aber noch nicht. Noch war ich im Spiel. Noch war ich Kind.

Mich begeisterte zum Beispiel: Auto-Quartett. Auch wenn mir nicht recht einleuchtete, was ein Wankel-Motor in einem sportlichen NSU zu suchen hatte. Flugzeug-Quartett war eine Granate, ich sage nur Messerschmitt. Schiffs-Quartett faszinierte mich wegen den abertausend Bruttoregistertonnen und den riesigen Flugzeugträgern der US-Navy, bei deren Anblick ich das Gefühl nicht loswurde, die Navy hätte einfach einen Kilometer Highway aus Kalifornien rausgeschnitten und aufs offene Meer verschifft.

Ich verschlang alle Sportbücher, die mir der Freund meiner Schwester überließ, er hatte einen großen Fundus an Büchern und war für mich wie ein großer langhaariger Bruder. Sein Wort hatte Gewicht. Seine Bücher auch. Es waren ältere, ein bisschen angegilbte Bücher, die von vergangenen deutschen Zehnkampfhelden wie Graf von Moltke handelten, aber das machte nichts, im Gegenteil. Die Vergangenheit schien stets einen Tick feierlicher und nobler zu sein als die Gegenwart, trotz der vergilbten Seiten, das gefiel mir. Selbst wenn die Gegenwart neuer war. Und von Moltke hatte fast 8000 Punkte geholt. Damals schon. Im Zehnkampf.

Am liebsten waren mir natürlich alte Fußballgeschichten, so wie der Roman ELF JUNGENS UND EIN FUSSBALL aus dem Jahr 1950. Oder das Buch der Fußball-WM 1958 in Schweden. Darin gab es Passagen, von denen ich nicht genug bekam. Ich las wieder und wieder, wie das einheimische Publikum seine Mannschaft anfeuerte, mit frenetischen He-Ja, He-Ja-Rufen.

So wie der Verfasser des Buches es beschrieb, lag ein unheilvolles Dröhnen über der Göteburger Arena, als im Halbfinale Schweden auf Deutschland traf. Immer wieder hörte ich beim Lesen, wie das heisere He-Ja, He-Ja aus fünfzigtausend Kehlen stieg, (skandinavisches Adrenalin), ich sah den Einpeitscher mit seinem Megaphon, wie er am Zaun hochkletterte und den nordischen Bienenstock anfütterte. Es herrschte ausgelassene Stimmung in meinem Schädel. Ausverkauftes Haus. Der Schwarzmarkt brummte. Deutschland ging unter gegen Schweden und schied aus.

Dann wurde ich 14 und plötzlich war alles anders.

Die Sexualität krachte in unser Leben. Anderer Leuts Genitalbereich. Der Stimmbruch. Eben noch gepiepst, röhrte jetzte die halbe Klasse. Wo man auch hinging, Hirsche und Haarwuchs.

Im Konfirmanden-Unterricht im Gemeindeheim Margaretenstraße verbrachte ich ganze Nachmittage damit, die schwarzen Haare auf dem Arm meines Banknachbarn zu studieren. Dass ich sie nicht zählte lag nur daran, dass ich ständig durcheinanderkam beim Zählen, es waren einfach zu viel Haare. Er sah aus wie ein Gorilla. Wenn er untenrum auch so einen Busch hat, dachte ich, kann ich einpacken. Dieser blöde Stelzbock.

In der Schule liessen die Leistungen nach. Wir waren die letzte reine Jungs-Klasse, wir liessen es noch mal richtig krachen. Im abgedunkelten Physik-Saal ging es jetzt darum, wer den Längsten hatte, wer den eregierten Vogel abschoss. Ich hörte was von 18, 4 Zentimeter. Das war der Topwert, den es zu schlagen galt. Ich nahm das Lineal zur Hand und setzte diesmal an der Schwanzwurzel an, ganz unten, wenn man den Sackanfang wegliess und Dinge mitrechnete, die noch gar nicht richtig zum Schwanz dazugehörten – irgendwie musste man ja an 18 Zentimeter rankommen.

Und dann verkündete Thomas Belly gut dokumentierte 19 Zentimeter. Die Zahl wurde von Bank zu Bank weitergereicht, machte kurz bei manchem Mitfavoriten halt, es wurde eine zweite Messung eingefordert.

Ausgerechnet Belly.

Er saß zwei Sitzreihen hinter mir. Ein Zwerg von einem Kerl, aber mit kochiger großer Nase und einem gewaltigen Eumel in der Hose. Selbst der Haarwuchs auf seinen Armen übertraf den des Gorillas im Gemeindezentrum. Belly setzte sich unangefochten an die Klassenspitze. Ein kleiner Mann, er lächelte viel in diesen Tagen.

Wobei erwähnt werden muss, dass längst nicht alle mitmachten. Von dreißig Klassenkameraden zeigte nicht mal ein Drittel den Steifen her. Der Rest kicherte blöd oder versuchte dem Unterricht zu folgen und die verdammte 19 aus dem Kopf zu kriegen. Spätestens zu Hause holte jeder den Zollstock raus, jede Wette.

Horst S. zählte zum Favoritenkreis, ohne dass er sich je bei der Latten-Trophy engagiert hätte. Doch schon die anatomisch sichtbaren Merkmale überzeugten. Eins fünfundneunzig groß, 100 Kilo schwer, eine Nase wie aus dem Unterholz. Horst S. stammte aus einer gläubigen Familie, er wollte Priester werden. Klar, dass er da schlecht das Monster unter der Bank hervorholen konnte, ausserdem war Prahlen nicht sein Ding. Ein bescheidener Junge. Doch was er nach dem Sportunterricht unter der Dusche herzeigte, sorgte für Aufsehen. Was, wenn dieses Gerät noch eregierte? Die Vorstellung sprengte jeden Rahmen. Wie auch immer. Frauenwelt und Schwanzvergleich durften aufatmen, wenn der Zölibat dafür sorgte, dass dieser Flugzeugträger aus dem Rennen genommen wurde.

Wir waren wie junge Fohlen, die ungestüm über die Weide sprangen und mit den ersten Erektionen aneinanderrasselten. Die ersten Erektionen mussten gefeiert werden, ob daheim unter der Bettdecke oder im abgedunkelten Unterricht. He-Ja, He-Ja-Rufe brausten über den Flur und begleiteten das Championat, Jungsmotoren jaulten auf, knatterten. Eigentlich wusste niemand, was los war und was das alles zu bedeuten hatte. Na gut, wir hatten plötzlich stramme Knüppel in der Hose und zeigten sie stolz den anderen Jungs. Aber konnte man die Dinger auch Mädchen zeigen?

Die Diskussion kam gerade erst in Gang.
21.9.17 12:36


Wo Geld ein Piss ist

Rita im Park getroffen, mit Shiva, ihre devote dünne Hündin. Ob Rita wirklich Rita heißt, wir wissen es nicht, sie sieht eher aus wie Roswitha, und sie hat immer schlechte Laune. Sie ist voller Zorn. Sie fühlt sich betrogen vom Leben. Sie glaubt, ihr Leben wäre anders verlaufen, hätte sie jemals eine zweite Chance erhalten, und nicht nur dritte Zähne. Ha!

Ja.

Intern nennen wir Rita auch schon mal "Krich-krich-krich". Die Gräfin und ich haben sie so getauft, weil sie ihrer Shiva, als die noch ein niedlicher Welpe war, immerzu Stöckchen geworfen hat, begleitet von geradezu soldatisch strammen Anfeuerungsrufen: "Krieg den Stock, Shiva! Krieg! Krieg! Krieg!" Aber eben auf die verkürzende bergische Art, also mit -ch statt -g und einem kurzem i:

"Krich! krich! krich!"

Sie ist mal wieder übel gelaunt. Sie ist immer übel gelaunt. Sie ist einsam, sie hat keinen Mann, keinen Job, sie hat nur einen Hund, den sie nicht mehr leiden kann, seitdem er kein Welpe mehr ist und jedes Stöckchen verschmäht, das sie ihm wirft, sie hat eine tiefe soldatische Stimme und sie wäscht sich nicht mehr. Wozu auch? Für einen Hund, dem sie nichts mehr abgewinnen kann?

Die Augen tief in den Höhlen, wie die einer Eule, grade vom Baum gestiegen, stiert sie mich an, an diesem frühen Morgen im Januar, als sie mit Schaum vorm rissigen Mund von den Sheriffs vom Ordnungsamt erzählt, die sie in den Anlagen ertappt haben, als Shiva nicht angeleint war.

Fünfundzwanzig Euro Strafe, bar zu berappen.

Was sind schon fünfundzwanzig Euro in einem Land, wo Siegerinnen gern oben schwimmen und tote Frau spielen, damit die Verliererinnen nicht an sie herankommen? Wo man gern unter sich bleibt, unter Seinesgleichen. Wo Geld entweder ein Piss ist oder ständiges Hochwasser.

„Fünf-und-zwan-zig Eu-ro!“ rupft Rita die Zahl empört auseinander.

Die Sache mit dem Ordnungsamt hat Rita bereits zweimal der Gräfin erzählt, mit Schaum vorm rissigen Mund, was wiederum die Gräfin mir erzählt hat. Ich weiß also Bescheid, tue aber so, als wüsste ich nichts davon, damit Rita was zu erzählen, was zum Abladen hat, wir brauchen alle hin und wieder ein Gegenüber zum Abladen, mit Schaumbällchen vorm Mund, zwei, drei Tage hintereinander oder ein Leben lang.

Ich bin eine fröhliche Müllhalde, als ich weiterziehe

Punkt
24.9.17 08:28


s



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung