Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Das Gnadenbrötchen

Vor der perfekt ausgeleuchteten Frische-Theke des Bahnhof-Cafés stapft ein großer alter Mann wütend auf und ab. Er erregt sich darüber, dass er das Käsebrötchen erst umständlich mit der Greifzange aufs Tellerchen packen, das Tellerchen aufs Tablett stellen, das Tablett auf der meterlangen Roll-Leiste bis zur Kasse durchschieben muss, bis er endlich, ENDLICH! zahlen dürfe.

Und dann essen.

„DAS IST.. ALSO, ICH WILL DOCH NUR EIN KÄSEBRÖTCHEN ESSEN, WO IST DENN DA DAS PROBLEM, JUNGE FRAU??! KÖNNEN SIE MIR DOCH SO IN DIE HAND GEBEN, DAS BRÖTCHEN! STÖRT MICH NICHT!“

Er dreht sich zum Publikum um.

„ODER STÖRT DAS WEN?!“

Die Mitarbeiterin macht den Alten wiederholt darauf aufmerksam, dass er sich nun mal in einem SB-Restaurant befindet, wo gewisse hygienische Auflagen zum Standard gehören, was den Mann erst recht zornig werden lässt.

„ES-BE, ES-BE..! WAS WOLLEN SIE MIT ES-BE? WAS IST DAS ÜBERHAUPT?“

„Na ja.. Selbstbedienung?“

„JUNGE FRAU! ICH WILL NUR EIN KÄSEBRÖTCHEN ESSEN, MEINETWEGEN AUCH AM TISCH DAHINTEN, WENN DAS SO.. EIN PROBLEM IST. WARUM MACHEN SIE EIN PROBLEM DARAUS??! HIER IST MEINE HAND, DA IST EIN BRÖTCHEN, DIE BEIDEN KÖNNTEN SO SCHÖN ZUSAMMENKOMMEN.. ALSO..!?“

Das gesamte Bahnhofs-Café lauscht mittlerweile der Auseinandersetzung, es steht Spitz auf Knopf, auch was die Sympathien betrifft. Der Alte ist zu laut, um den Sieg davonzutragen, die Mitarbeiterin zu unbeteiligt.

Erst als die Chefin, alarmiert vom Lärm, aus ihrem Euroscheinchen-Zählbüro tritt, kommt Bewegung in die Sache. Sie zitiert die Mitarbeiterin heran und verkündet gut vernehmbar für die vorderen Sitzreihen, „.. na, dann lass dem ollen Kacker in Gottes Namen sein Gnadenbrötchen.“

Es wird ihm direkt zwischen die Zähne serviert, ausnahmsweise.
10.8.17 09:06


Cortina d'Ampezzo

Acht Uhr abends, Eiscafé Cortina. Außer mir sind lediglich ein paar Gäste da, die gemeinsam am Tisch sitzen, irgendwo hinter mir. Der Wortführer erzählt laufend Witze, Autobahnwitze und schweinische Witze mit Minipimmeln.

Die Serviererin mit den X-Beinen hat jedenfalls ihren Spaß.

"Erzähl doch mal den, hihi, du weißt schon, du altes Schwein, wo der immer nur einmal im Jahr, hihii..!"

Ich kriege immer nur den lauten Witzanfang mit, weil zum Ende hin getuschelt wird. Aber na schön, ich geh ja nicht ins Cortina der Pointen wegen, sondern wegen dem italienischen Kaffee. Der ist eine Klasse für sich. Ich hab noch einen Rest Spekulatius, den tunke ich in die Tasse und lehne mich zufrieden zurück.

Freundlichkeit überall in meinem Gehirn.

Das Cortina ist ein Museum. Es stammt noch aus den frühen Siebzigern, als es modern war, ein Eiscafé wie die zweite Klasse einer Regionalbahn auszustatten, mit knautschledernen Bänken in ochsenblutrot.

Im Abteil vor mir nimmt ein älteres deutsches Paar Platz. Die Frau beginnt sofort mit ihrem Mann zu schimpfen. Er sagt kein Wort. Nicht einen Ton. Er ist ganz leise, auch in seinen Bewegungen und Gedanken. Sie hat ihn zu lebenslänglich Klappehalten ohne Bewährung verdonnert. Vielleicht ist es auch ihr ältester Sohn. Schwer zu sagen. Er sagt ja nichts.

Dann, aus den Ohrenwinkeln, italienisches Palaver. Als ich mich umdrehe, sehe ich fünf Ragazzi am Tisch sitzen, keine sechzehn Jahre alt. Schmierige Vespa-Finger, deutsche Pimmel-Witze.

Was soll's, ich hab den Kaffee sowieso auf.

Draußen ist dichter Nebel aufgezogen. Ein schidderig Kerlchen, wie der Solinger sagt, ein schmächtiges Kerlchen mit Buckel und prallgefüllter Plastiktüte kommt die Treppe hochgelaufen, aus der unterirdischen Ladenpassage. Mit dem Spazierstock stößt es in die Luft.

"Is dat Nebel hier, oder is dat Gas?!"

Erst denke ich, der Alte macht nur Spaß, doch dann blicke ich mich um und mir wird mulmig: was, wenn das plötzlich wirklich Gas wäre.. Als ich nach oben blicke, aber untenrum weitergehe: Koordinationsprobleme.

Komische Stadt. Hundertzweiundsechzigtausend verschiedene Einwohner.
11.8.17 12:46


Nein.

Niemand kann etwas für seinen Musikgeschmack. Den Musikgeschmack sucht man sich nicht aus. Man wacht nicht eines schönen Tages auf und denkt, hey, ich steh jetzt mal ne Weile auf Detroit Techno. So läuft das nicht. Musik erwischt einen oder Musik erwischt einen nicht, und dann muss man zusehen, wie man mit seinem Musikgeschmack zurechtkommt im Leben.

Übrigens auch mit der Musik, die anderen gefällt.

Die haben sich das auch nicht ausgesucht, die anderen, was ihnen gefällt, genausowenig wie du, die machen das auch nicht extra, dass sie Hansi Hinterseer lieben. Dass sie zwanghaft mitträllern, wenn der Hansi im Fernsehen Stimmung macht. Das muß man akzeptieren. Möglicherweise wäre diesen Leuten ja sogar wohler in ihrer Haut, hörten sie statt Hansi Hinterseer lieber knochentrockenen Old Skool Speed Metal, kann schon sein, man sucht sich das nicht aus, was einem gefällt.

Es sind die Ohren, die befehlen, was dir gefällt, die Horchposten deiner Seele, du hast nur zu gehorchen, du bist bloß Sklave deiner Hörzellen. Mehr ist es nicht.

Hau ab.
12.8.17 08:34


Die Sachbearbeiterin der Ortskrankenkasse

Mir persönlich gefallen Leute, die vom Klo kommen, besser als Leute, die frisch beim Frisör waren. Da heißt es vorsichtig sein, bei einer Frisur wie Robinson Crusoe auf Dienstfahrt, mit Vollbart und Uppercut. Höchste Vorsicht allerdings, sogar allerhöchste Vorsicht ist geboten, wenn dir eine Sachbearbeiterin gegenübersitzt, sittsam, im Faltenrock, mit dicken Knien. Die kannst du vergessen. Die macht nur Ärger. Dagegen geht die hier ja noch. Ist sogar ganz niedlich. Bis auf die Knie vielleicht.

„Was kann ich für Sie tun?“

Während ich mein Anliegen kurz erläutere, stiert sie routiniert auf den Bildschirm. Sie hat ein Kaugummi in Arbeit. Oder Reste vom Frühstück. Knusper, knusper. Die soll sich bloß vorsehen. Mich haben schon ganz andere Kaliber nicht bemerkt. Und hinterher ist das Geschrei groß!! Dabei bin ich heute ganz besonders reizend gekleidet. Ein Geschenk für die Damenwelt. Eine Offerte. Weißes Hemd, frisch gewaschen, dazu die dunkelgrünen Jeans, die mir mein jüngerer, gutverdienender Bruder überlassen hat, nachdem er Vater geworden ist von zwei Buben und zwanzig zusätzlichen Kilogramm. Der passt da nicht mehr rein in die grüne Hose.

„He, Glummi! Was siehst du so schick aus?“ hat am Morgen schon ein Bekannter gerufen, er war auf der anderen Straßenseite. „Gerichtstermin?“

„Nee. AOK.“

Ich brauche neue Zähne. Einen ganzen Satz. Eine Brücke. Venezianisch vielleicht? Modell Rialto mit kleinen Kunststoff-Gondolieri, die im 6/8-Takt durch die Backen gondeln und Touristen aus Übersee europäische Zahnheilkunde präsentieren: „Linke Seite siehte man alte dicke Backezahn, stehte unter Denkemaleschutz, auch wenne scho halb kaputt.“

„Herr Glumm..?“ (Räuspern.)

„Mh..?“

„Sagen Sie, haben Sie ihre Mitgliedskarte dabei?“

„Ja, natürlich“, sag ich und reiche das Kärtchen rüber.

Jedes Mal, wenn die Sachbearbeiterin aufsteht und zum Kopierer geht, sie ist trotz Pumps kaum grösser als eins Sechzig, streicht sie ihren Rock glatt. Das ist auch der Grund, warum ich die Unterlagen nur stoßweise und nach und nach herausrücke. Damit ich was zu sehen kriege für mein Geld.

Welches Geld eigentlich?

„Die Karte brauche ich aber zurück“, sage ich mit Nachdruck.

„Natürlich, die kriegen Sie ja auch zurück."

Sie blickt griesgrämig in den Raum und streicht sich beim Weggehen den Rock glatt. Ich verfolge ihre Beine. Ihren Gang. Von wegen, man soll seinem Gegenüber zuerst in die Augen blicken. Oder auf die Hände. Den Hintern. Oder hier, die Titten. Was auch immer. Alles Humbug. Entscheidend ist allein der Gang. Am Gang sollst du sie erkennen.

Die Gräfin hat mal bemerkt, ich würde beim Gehen meine O-Beine in die Welt werfen, als wären es Sensen, die hohes Gras suchen, um darin Unfrieden zu stiften. Oder eine Revolution anzuzetteln. Oder was anderes. Hauptsache was mit Zetteln. Das kann schon sein. Man selber weiß es ja nicht. Man geht eben. Man macht einen Schritt und dann noch einen. Woher soll man da wissen, wie das von Außen aussieht.

„Deine Beine gehören auf die Erde“, sagt sie. „Dass du mit Raumschiff Enterprise und Käptn Kirk nie was anfangen konntest, wundert mich nicht. Du bist kein Typ für Science Fiction.“ Und: „In Zukunft wird sich die Menschheit aufteilen. Da sind die einen, die auf der Erde bleiben wollen, um unsere Schöpfung zu bewahren, das sind die Konservativen. Und die anderen schippern ins Universum, besiedeln einen Planeten und fangen noch mal bei null an, das sind die Revolutionäre", sagt sie. "In Zukunft muss sich jeder Mensch entscheiden, zu welcher Gruppe er gehören will. Ich will zu den Sternen.“

„Ich bleib hier“, sag ich.

Die kleine Sachbearbeiterin dagegen hat sich noch nicht entschieden. Sie geht nicht durch die Welt, nein, sie rollt auf nudeldicken Knien durch das Großraumbüro der Ortskrankenkasse. Aber die Gelassenheit, mit der sie keine Minute später zurückkommt und in ihren Drehstuhl fällt – ich muss schon sagen, für eine Sachbearbeiterin, allerhand.

An den hinteren Service-Tischen telefoniert eine andere AOK-Tante in einer Lautstärke, man kriegt jedes einzelne Wort mit. Ihr Gesicht, länglich und viereckig wie ein Besteckkasten, ist mir schon beim Reinkommen aufgefallen - es kam mir irgendwie bekannt vor. Als hätte ich mir da heut Morgen schon ein Messerchen rausgeholt, aus dem Besteckkasten. Fürs Frühstück.

„BITTE..? WAS WOLLEN SIE..??!“ ruft die Mitarbeiterin entgeistert in den Telefonhörer. Die Person am anderen Ende der Leitung scheint eine renitente Person zu sein. „SIE WOLLEN GELD, KLAR. DAS WOLLEN ALLE, DIE HIER ANRUFEN, LOGISCH. ABER WELCHES GELD WOLLEN SIE?“

Fast könnte man glauben, der Anruf käme von einem der drei stadtbekannten Rocketta-Brüder: einfach mal bei der lokalen Krankenkasse anklingeln und nach ein paar Scheinchen fragen. Kann ja nicht schaden.

„WIE BITTE?! WAS WOLLEN SIE, FLIEGERGELD?? WAS SOLL DAS DENN SEIN – FLIEGERGELD!?“

Meine persönliche Sachbearbeiterin, die mit den Knien, die gerade Zahlenkolonnen eintippt, die irgendwie mit mir zu tun haben, schaut sich neugierig zur Kollegin um. Die tippt sich wiederholt an die Stirn, für alle Anwesenden gut sichtbar. Ihr Mund formt tonlos das Wort FLIEGERGELD. Plötzlich drückt sie ihr Kreuz durch.

„MOMENT.. ODER MEINEN SIE ETWA PFLEGEGELD?! NATÜRLICH! SIE BRAUCHEN PFLEGEGELD! ICH VERBINDE..“

Während ich fast Beifall bekunden möchte, so froh bin ich, dass sich die Sache zum Guten gewendet hat, scheinen andere anwesende Versicherte der Ortskrankenkasse von dem ganzen fernmündlichen Disput kaum etwas mitgekriegt zu haben, man ist zu sehr ins eigene Leid verstrickt.

„Fräulein, mir geht es nicht gut. Ich habe die Seuche.“

Meine Sachbearbeiterin schmunzelt. Ihr kleiner, aber voluminöser Mund schiebt sich in die Breite, als wäre er ein Schiffchen, das in die Welt will. Ehrlich gesagt, mir egal. Hauptsache, meinem Antrag auf Kostenübernahme wird soweit entsprochen.

„Wann ist die Kohle auffem Konto?“ frag ich.

„Wird noch heute angewiesen.“

Super Sache.

„Darf ich dann noch um das Bonusheft bitten?“ fragt sie, ohne den Blick zu heben.

„Das.. Bonusheft?“ Ich wusste es, der Pferdefuß kommt noch.

„Ja, Bonusheft. Für die letzten Jahre. Haben Sie es nicht dabei?“

Es gibt Antworten, auf die muss selbst eine Sachbearbeiterin der Ortskrankenkasse lange warten, doch wenn sie dann kommt, schwingt sie einem entgegen wie ein dampfendes Weihrauchgefäß im Dom, eine wahrhaft kathedrale Antwort.

„Nee.“

Beim Rausgehen klapse ich mir ungezwungen auf den Hintern. Soll die Tante ruhig sehen, was sie verpasst hat: einen schönen männlichen Körper, der ein einziges klitzekleines Manko hat: dass ich es bin, der drinsteckt.
14.8.17 16:09


1972, Mittagszeit

Ich war zwölf Jahre alt, als im Erdgeschoß dieses sonderbare kinderlose Ehepaar einzog. Es passte nicht so richtig in die Nachbarschaft, unter all den braven Beamten und kleinen Handwerksmeistern. Die Frau trug gern einen knallengen Leder-Minirock und zeigte ihre langen Beine, das Haar hennarot gefärbt. Der Mann war genau das Gegenteil, klein und hässlich. Er schien nur aus seiner Nase zu bestehen, die knochig und krumm in seinem Gesicht hockte. Er hatte etwas krötenhaftes an sich, wie eine Figur aus dem dunklen bedrohlichen Reservoir von Grimms Märchen, und er blickte einem nie in die Augen. Ich traute ihm nicht. Ich ging ihm aus dem Weg, wo ich nur konnte. Er strahlte etwas Unheilvolles aus.

„Was die Frau wohl an dem Zwerg findet“, wunderte sich Mutter.

Mittags kam ich aus der Schule. Mit meinen schreiend blonden Locken und den femininen Gesichtszügen machte ich ersten Eindruck auf Schwule, eine nervende Geschichte, die ihren Höhepunkt erst erreichte, als Drago, der verrückte schwule Kellner, für mich tanzen wollte, für einen kleinen Kuss, da war ich 25. Danach war Schluss. Danach begehrten mich Schwule nur noch vereinzelt. Schwule mögen keine älteren heterosexuellen Herrschaften.

Ich wollte gerade die Klingel drücken, da ging die Haustüre auf. Der kleine Mann stand im Flur, er war genauso erstaunt wie ich.

„Na, so ein Zufall“, sagte er.

Die Tür zur Erdgeschoßwohnung stand offen. Ob ich mal eben anfassen könne. Er müsse ein Sofa transportieren. Zu zweit wäre das kein Problem.

„Dauert nicht lange, Junge.“

Wir hatten noch nie miteinander gesprochen, mal abgesehen von Guten Morgen vielleicht. Meinem ersten Impuls folgend wollte ich ablehnen. Ich wollte ihn stehen lassen, wollte einfach weitergehen, die Treppe rauf bis zum Dachgeschoss, doch dann dachte ich, was soll passieren. Wir wohnten im selben Haus, er hatte eine Frau. Was sollte schon passieren.

Er spürte, dass ich ihm nicht traute. Nur auf einen Sprung, sagte er. Er versuchte ein Lächeln, doch es wurde verdeckt von der riesigen Nase.

„Hilfst du mir? Dann geht’s ganz schnell.“

Seine Stimme war kratzig, wie Schurwolle. Es war eine tiefe kratzige Zigarettenstimme. Ich weiß noch, dass ich das Gefühl hatte, da stimmt was nicht. Wo soll das Sofa denn hin? Nach draußen? Aber ich fragte nicht. Ich war zwölf Jahre alt. Ich wollte nett sein. Er überrumpelte mich. Ein Mann mit Lebenserfahrung und einer Nase wie aus Grimms Märchen überrumpelt 12jährigen Jungen, der zur Mittagszeit aus der Schule kommt.

Im eigenen Haus. (Später dachte ich: Mann, hat der Nerven gehabt.)

Er ging vor ins Wohnzimmer. Die Wohnung war exakt so geschnitten wie unsere Wohnung unterm Dach. Ein merkwürdiges Gefühl, diesen langen Flur zu begehen, von dem die gleichen Räume abgingen wie bei uns oben, doch mit anderen Möbeln. Es war ungefähr so, als würde ich mich im Spiegel betrachten, mit Klamotten am Leib, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Er bot mir etwas zu trinken an. Ich sagte nein.

„Limonade?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Setz dich“, sagte er. „Du hast keinen Durst? Du möchtest doch bestimmt eine Cola. Jungs in deinem Alter wollen immer Cola. Ich hab kalte Cola..“

„Nein. Danke.“

Es war Mittagszeit. Ich war hungrig. Ich wollte die Sache hier hinter mich bringen.

"Setz dich, Junge."

Ich hörte einen Vogel in der Wohnung. Ich nahm Platz. Er setze sich sofort zu mir. Er war klein und drahtig, und da war diese große strenge Nase. Seine Haut wirkte aus der Nähe wie grobes Sackleinen. Wir saßen auf einem Sofa. War es das Sofa, das wegmusste?

„Wo soll es denn hin?“ fragte ich. Ich hörte den Vogel zwitschern. Ich hoffte, er flog nicht herum. Ich mochte keine frei fliegenden Vögel in Wohnungen. Mein Onkel hatte einen Sittich, wenn der durchs Zimmer flog, landete er jedes Mal auf meinem Lockenkopf und begann ein Nest zu bauen, worauf ich Panik bekam und der Vogel auch. Die flatternden Flügel verfingen sich in meinem Schopf, bis mein Onkel ein Einsehen hatte und dazwischen ging. Jeder Besuch bei meinem Onkel war eine Tortur. Ich war immer froh, wenn es vorbei war und der Vogel im Käfig.

Er rückte an mich heran. Ich sah das Pochen seiner Schläfen, alles an ihm war Schneid und Energie. Als ich unvermittelt seine Hand auf meinem Schenkel spürte, schoss die Hitze durch meinen zwölfjährigen Körper, einem Blitzschlag gleich, und ich dachte, Scheiße.

Erwischt.

Grobe knochige Männerfinger begannen meine Schenkel zu streicheln, zu bearbeiten, zu massieren, ungeduldig, fordernd. Ich hörte ihn schnauben. Der Vogel schrie, von irgendwoher in der Wohnung. Bei uns oben wäre der Schrei aus der Küche gekommen. Ich löste mich aus meiner Erstarrung und sprang auf, schnappte die Schultasche und rannte los. Ich wusste, wo ich hermusste. Ich war Sportler. Ich kannte den Grundriss. Ich flog durch den langen Flur zur Etagentür, drückte die Klinke runter. Als ich merkte, dass die Tür aufging, dass sie nicht abgeschlossen war, machte mein Herz einen Satz.

Im Erdgeschoß gab es noch eine zweite Wohnung. Da wohnte die nette Frau Linnert. Im Hausflur blieb ich kurz stehen, überlegte, ob ich bei ihr klingeln sollte oder gegen die Tür bollern, doch es war so still im Haus – alles war wie immer, das hinderte mich daran, etwas zu tun, das außerhalb der Hausordnung stand.

Ich sprintete die Treppe hoch, erster Stock, zweiter Stock, 58 Stufen, die ich so oft gezählt hatte, wenn ich von der Schule nach Hause kam und kleine Spielchen in meinem Kopf spielte. Oben angekommen, klingelte ich Sturm. Ich war nicht mal außer Puste, so aufgewühlt war ich.

Ich hörte das Schellen, doch Mutter hörte es nicht. Ich war zwölf, ich hatte noch keinen eigenen Schlüssel. Wenn ich mittags aus der Schule kam, war Mutter daheim. Jetzt war sie in der Küche, bis in den Hausflur hörte ich ihr Küchenradio plärren. Im Erdgeschoß schlug die Türe zu, Schritte näherten sich, hallten durchs Haus. Ich klingelte wie verrückt. Tap, tap, tap – er folgte mir tatsächlich. Der ist verrückt, dachte ich. Endlich hörte ich Mutters Schritte, Mutter öffnete.

Am liebsten wäre ich ihr um den Hals gefallen. Stattdessen blieb ich still. Ich war verwirrt. Ich fühlte mich schuldig. Ich lief direkt ins Kinderzimmer, ich war wie versteinert. Warum war ich ihm auch in die Wohnung gefolgt? Ich hätte nie und nimmer mit ihm in seine Wohnung gehen dürfen. Ich sagte kein Wort. Nicht an diesem Tag, nicht am nächsten Tag. Ich sagte niemals auch nur ein einziges Wort zu irgendwem, in all den Jahren nicht, ich behielt alles für mich. Ich war schuld. Ich hätte den Vorwand erkennen müssen, mit dem er mich ins Unglück locken wollte.

Das Paar zog wenig später aus, es passte nicht in die Nachbarschaft, doch den Mann sah ich noch öfters. Er lief mir in den folgenden Jahren immer wieder über den Weg. Er erkannte mich nicht, wenn er mir entgegenkam, oder jedenfalls tat er so, als wüsste er nicht, wer ich war, doch jedes Mal, wenn er mir auf irgendeinem Bürgersteig begegnete, stur an seiner Kippe saugend und meinem Blick ausweichend, wurde mir heiß, mir fuhr der Schrecken in die Glieder.

Noch mit Dreißig ist mir das passiert, als ich ihn längst um Haupteslänge überragte und mühelos hätte umhauen können. Ich bin schuldig bis heute, dass ich es nicht getan habe. Dass ich ihm nicht die riesige Nase zu Brei geschlagen habe.
15.8.17 10:18


Die Fischangst meiner Hände

Im April 83, kurz bevor Karlos und ich nach Portugal reisten, erschien im Tageblatt eine winzige Vorankündigung unter Vermischtes: "Andreas Glumm liest Gedichte in Kennies Antiquitätenladen, Wupperstraße." Das war aber nur die halbe Wahrheit. Die Gedichte stammten zwar von mir, gelesen wurden sie aber von Karlos. Als Bühnenschauspieler hatte er die besseren Nerven, während schon eines meiner frühen Gedichte den programmatischen Titel DIE FISCHANGST MEINER HÄNDE trug.

Ich finde es nicht mehr. Das Gedicht ist verloren. Ich habe auf dem Speicher gesucht, ich habe den staubigen alten Koffer geöffnet, der unter meinem Schreibtisch liegt und eine Menge loser Manuskripte enthält, ich hab die Regale auseinandergenommen - nichts zu machen, das Gedicht ist weg. Ich entsinne mich, wie es endet: Es endet damit, dass ich in der Früh wach werde und einen Fisch reite mit einem großen Busen. Daran erinnere ich mich. Das Ende war gut.

Eine Handvoll Freunde und Angehörige erschien an diesem Nachmittag im Frühsommer 1983 in Kennies Antiquitätenladen auf der Wupperstraße.

Die Wupperstraße war berühmt für ihren Doppelcharakter. Es gab zwei Frisöre, zwei Supermärkte, zwei Büdchen, zwei Bäcker, zwei Dealer, zwei Blumenläden, zwei Imbissbuden, eine Lotto-Annahmestelle, zwei Kneipen, zwei Generalvertretungen von Versicherungen und eine Weile sogar zwei Kindermodegeschäfte, die sich aber nicht halten konnten und schnell dichtmachten.

Eine turbulente Straße, von zwei Schulen gesäumt, einem Kindergarten und einer Lotto-Annahmestelle, die nach Schulschluss oft dermaßen überfüllt war, dass die Inhaberinnen, zwei stieselige, aber geschäftstüchtige alte Jungfern, sich regelmäßig gezwungen sahen, die Notbremse zu ziehen.

"NUR REINKOMMEN, WER GELD HAT! DIE ANDEREN WARTEN DRAUSSEN!"

In den Neunzigerjahren zeigte die Wupperstraße ein gänzlich anderes Gesicht. Es gab nur noch einen Frisör, einen Billigbäcker, 1 Supermarkt und 1 Kneipe, aber insgesamt vier Imbissbuden, zwei griechische und zwei türkische. Das Gleichgewicht war innerhalb eines Jahrzehnts komplett aus dem Ruder gelaufen, und die Straße hat sich bis heute nicht wirklich davon erholt.

(Wobei es neuerdings zwei Läden gibt, die einem die Fußnägel verlängern, oder so.)

Kennies Antiquitätengeschäft, Samstagnachmittag 1983, die erste Lesung meines Lebens. Proppenvoll war es nicht gerade. Der dicke Hansen war gekommen, sein Bruder, mein Bruder, meine Schwester, mein Schwager. Fleschkönigs ließ sich blicken, Lena war da, Pepe, Pepes Bruder, der kleine Bruder von Karlos, und Schnaat, der hatte keinen Bruder. Nur zwei Schwestern. Die waren aber nicht da. Die waren woanders. Die waren ständig woanders. Sie waren mehr ein Gerücht, Schnaats Schwestern.

Dafür war Kennie da, logisch. Kennie, der Gastgeber, Einzelkind, Altjunkie, 2007 gestorben im Alter von fünfzig Jahren.

Ein paar Tage vor seinem Tod habe ich ihn noch in der Stadt getroffen. Er sah gut aus, wie lange nicht. Er hatte beide Hände voll zu tun. Links einen Strauß Rosen in zartgrünem Blumenpackpapier, rechts einen frischen Fisch vom Markt, in Fischeinwickelpapier.

"Kennie! Wohin?"

"Nach Hause", gab er gutgelaunt zurück.

"Oho… Machst es dir gemütlich, wie?"

"Sicher", leuchtete er. "Den Fisch in die Blumenvase, halben Liter Wasser dazu, die Vase auf die Heizung, volle Pulle aufdrehen, fertig ist der Budenzauber."

Budenzauber war das letzte Wort, das ich aus seinem Mund gehört habe. Für mich ist Budenzauber seither Kennies Wort, und wird es bleiben bis in alle Ewigkeit. Ein schönes Wort, wie Henrystutzen. Oder Admiral Benbow. Manchmal reicht ein einziges kleines Wort, und man taucht ab in den Tod eines Bekannten.

Paar Tage später brach Kennies Kreislauf zusammen, abends vorm Fernseher. Er saß neben seiner Mutter, bei der er zu Besuch war. Er muss sofort tot gewesen sein.

1983 bauten wir genau in der Mitte seines Antiquitätenladens eine hellblaue Werkstatt-Leiter auf. Karlos hockte auf der obersten Sprosse und verkündete mit ritterlicher Stimme meine verschwurbelten kleinen Jungs-Gedichte, in denen die Utopie ihrer inneren Blutung erliegt und wo ich durch den Weltraum spaziere, in dessen Gemäuer die Ewigkeit nistet. Einmal stehe ich in der Pommesbude, als meine Ex auftaucht, im Schlepptau ihren neuen schnieke Fritz. Am Ende blutet mein Herz und im Bauch die Currywurst. Das Ende war gut.

Nach dem letzten Gedicht stieg Karlos von der blauen Leiter. Die Leute klatschten erleichtert, weil nichts schiefgegangen war. Meine große Schwester kam zu uns rüber und machte eine Riesenpulle Sekt auf, von der ich in gewisser Weise noch heute saufe.
18.8.17 16:03


Im Landstrich Lakonia

„Diesen Tag werde ich nie vergessen,“ schwärmte Karlos, „obwohl ich mich an nichts erinnern kann.“

Welch ein Satz!!! Welch ein Treffer!! Welch hochrangiger Gast im Landstrich Lakonia!

Tatsächlich hat mein alter Freund Karlos damit, wenn auch ungewollt, die Grundschwierigkeit eines jeden Menschen angesprochen, der zu schreiben versucht: dieses dauernde Vergessen. Dieses Sich-nicht-erinnern-können. Dieses verfluchte Alles-was-man-nicht-sofort-aufschreibt-für-immer-weg-Sein.

Wenn ich mir überlege, wieviel abertausend Erlebnisse wohl schon abgetaucht sind auf den Grund meines Gedächtnisses, wo Unmengen von Schwarzen Rauchern herumsitzen und nur darauf lauern, alles aufzurauchen, was ihnen vor den Schlund kommt, was nicht niet-und nagelfest in irgendeinem Notizbuch abgespeichert ist, in ganzen Sätzen am besten und mit viel Gefühl fürs eigene Gekritzel, dieser elenden Grundschulklaue, dann macht mich das ganz kirre.

Alles fort! Alles verflogen! Alles für die Katz erlebt!

Erst wenn mir Jahre später eine längst verschollen geglaubte Anekdote in einem alten Notizbuch begegnet, eher zufällig, weil ich eigentlich etwas ganz anderes gesucht habe, erst dann öffnet sich plötzlich eine alte Tür und eine vage Erinnerung steht auf der Matte und wartet mit großen glänzenden Augen darauf, in die gute Stube gebeten zu werden.

.„Alter Halunke..! Komm rein!“

Erzähl!
21.8.17 19:59


Immer gut rauchen und Mathematik

"Sag mal, wieso bist du eigentlich kein Arzt..?! Ich meine, du hast keinen Führerschein, du bist kein Arzt! Das ist ja wohl das mindeste, was man verlangen kann von seinem Partner, dass er Arzt ist und einen Führerschein hat!“

– Die Gräfin –

*

Ich stand mit Harry am Tresen. Harry schwor auf polnische Frauen.

„Die sind super durchblutet, nicht so wie die deutschen Weiber mit ihren Spatzenköpfchen und dicken Verkäuferinnenbeinen. Auch wenn die gar keine Verkäuferinnen sind, die deutschen Weiber sehen alle aus, als würden sie den ganzen Tag hinter der Theke stehen und ins Höschen pupen. Ne schöne Polackin ist da besser. Die sind auch nicht so gestresst wie die deutschen Weiber. Mit Maria war ich am Samstag schön essen, weisst du, so ein Laden, wo Schweinelendchen das Hausgedicht sind für unter zehn Euro. Und beim Essen krault die mir die Eier unterm Tisch, einfach so, weil sie gerne Eier in der Hand hat. Die war oben am kauen und unten am kraulen, ich hab gedacht, ich bin wieder sechzehn, hör mal. Wie die heisst? Maria. Sag ich doch. Ne Polackin. Da lasse ich nix drauf kommen. Ne richtige Sau, meine Maria. Aber lecker.“

*

Es ist ja gar nicht so, dass Männer sich ihrer Tränen schämen. Nein, sie lassen es erst gar nicht zu, dass ihnen die Tränen kommen, sie heulen erst gar nicht. Oder doch nur höchst ungern. Wenn die Mutter stirbt. Da weint der Mann, dann darf er weinen. Ansonsten reicht es meist, die Dinge nicht so nahe an sich heranzulassen, die Gefühle ins Aus abzudrängen wie einen lästigen Gegenspieler. Mit ein bisschen Training von Kindesbeinen an ist das für Jungs kein Problem. Wenn so ein Junge älter wird, sagen wir vierzig, Anfang fünfzig, und sonntagsfrüh um acht läuft zum wiederholten Male Shirley McLaine in JAHRE DER ZÄRTLICHKEIT, dann kann es natürlich passieren, dass man sich als Mann plötzlich auf dem Lokus wiederfindet, wo es ohne Ende aus einem herausströmt, Pisse und Tränen, wie aus einem sentimentalen alten Elefantenbullen. Das kann passieren.

Logisch.

*

Zwischendurch raus an die frische Luft ist die einzige Schnitte, drinnen wieder Spaß zu kriegen.  Ausnahme: du gehst vor die Tür und es riecht draussen wie in einer schlecht gelüfteten Wohnung. Dann bringt das nichts. Da kann man auch gleich drin bleiben.

*

Bei Vollmond geriet ihre Chemie komplett durcheinander, sogar die schweren Korkenzieherlocken hingen schnurgerade an ihr runter.

„Ich seh aus wie ein scheiß Lineal“, stöhnte sie.

Und am Abend, wenn mein Kugelschreiber in ihrer unmittelbaren Nähe einen Tick zu laut übers Papier quietschte, kriegte sie die Motten.

„Aufhören! Das ist ja nicht zum Aushalten..! Du läufst Schlittschuh auf meinen Nerven!“ Sie fasste sich an den Kopf. „Ich habe eine ganz private Eislaufhalle da oben. Die braucht ne Pause.. zur Eisaufbereitung. Ich brauch Ruhe. Zeit für mich. Hast du keine Lust, mit dem Hund rauszugehn?“

„Nicht besonders.“

„Frau Moll wimmert aber schon.“

„Frau Moll wimmert immer. Und hast du mal aus dem Fenster geguckt?“

„Es regnet, ich weiss. Trotzdem bist du an der Reihe mit Molli rauszugehen. Bitte, schone meine Nerven. Verpiss dich.“

Nachdem ihr Name einmal gefallen war, fiepte die Hütehündin wie eine Operndiva, die schwer verletzt an der Stimmgabel ihren Lebensabend verbringt. Schwer verletzt und eingesperrt. Eingekerkert. Gegen ihren Willen zum Wohnungshund degradiert. Zur Teppichmieze.

„Na, schöne Scheisse“, sagte ich und nahm das Halsband vom Haken.

*

Für einen Haushund bedeutet Rausgehen Hochspannung. Was für uns Menschen bloß Bäume sind, grünes Gestrüpp, sinnloses Dickicht, ist für einen Hund Thriller. Zunächst riegelt er den näheren Tatort ab mit einem strengen Band aus Eigenurin. Dann werden fremde Geruchsproben genommen und im Gehirn abgespeichert, Indizien abtransportiert und an anderer Stelle verbuddelt, (warum, weiß man nicht).

Und wenn ein anderer Hund die Szenerie betritt, wird der Hintern dargeboten, da, wo die Drüsen sitzen. Das verlangt die Etikette. So wird sich Guten Tag gesagt, und weil Hunde nun mal keine Hände haben zum Guten Tag-Sagen, wird gegenseitig der Hintern abgeschnüffelt. Eine ordnungspolitische Maßnahme.

*

Als wir draußen waren, hatte der Regen aufgehört, dafür schneite es jetzt korpulente Kristalle. Das Schneetreiben wurde so dicht, dass Frau Moll mit weit aufgerissener Schnauze vor mir her eilte, um die dicksten Flocken aus der Luft zu futtern. Sie sah aus, als hätte sie im Fernsehen gut zugeschaut, wie Riesenhaie das machen, wenn sie mit aufgesperrtem Maul durchs Wasser schwimmen und Plankton einheimsen. Das hatte ihr imponiert. Frau Moll hatte ständig Hunger. Zwanzig Stunden am Tag eingesperrt, und immer Hunger. Ein armes Schwein.

Plötzlich bekam sie eine Flocke in den falschen Hals, sie verschluckte sich und blieb entrüstet stehen. Sie hustete und hustete, es nahm kein Ende. Ich griff in meine leere Jackentasche, als hätte ich ein Leckerchen für sie gesucht, ein Halsbonbon, was nicht stimmte, ich hatte kein Leckerchen, ich hatte nie Leckerchen dabei, das musste der Hund wissen, eigentlich, egal, meine Geste beruhigte sie und wir konnten weiterziehen. Paar Knorpelkristalle aus der kalten Luft filtern.

*

Ob es wohl einen mathematischen Gott gibt, fragte ich mich, der all diese Trillionen und Abertrillionen Schneeflocken markiert? Der einfach mal durchzählt? Ist Gott ein Schnee-Farmer? Ich würde sagen, ja.

„Immer gut rauchen, und Mathematik“, sprach der Herr.

*

Auf der Korkenzieherbahn kam uns die seltsame Collie-Besitzerin samt Collie entgegen. Wobei, ein richtiger Collie war das nicht. Eher ein Mischling. Ein bisschen Collie, ein bisschen überlanges Münsterländer Camping Mobil. Ein kosmopolitscher Hund.

„Das ist ein Fundhund“, sagte die seltsame Dame, die ohne Seidenschal nicht aus dem Haus ging, „aus Bottrop.“

„Ach“, sagte ich.

„Ja. War ne Zeitlang bettlägerig. Herzklappenfehler und Probleme beim Autofahren. Versteht sich aber prima mit Schweinen.“

Von wem sprach sie? Vom Hund? Von sich? Oder ihrem Mann? Verstand der sich prima mit Schweinen? Man wusste nie so genau bei ihr. Eine vertrackte Erscheinung. Den Schal trug sie, um ihren Kropf zu verdecken. Ein enormer Kropf. Ein Mahnmal der Schilddrüsenüberfunktion. Ich hab das Monster mal gesehen, als der Wind zufällig den Schal ein Stück anhob und den Hals freilegte. Das sah aus, als hätte sie versucht, ein Hühnerei in einem Haps runterzuschlucken. Eine verlorene Wette vielleicht. Und plötzlich war es im Hals stecken geblieben, das große Hühnerei, und dort steckte es immer noch, wie ein Mahnmal für verloren gegangene dumme Wetten mit zu großen Hühnereiern. Was ein pralles Säckchen. Ich hab’s gesehen.

Es war nicht schön.

*

Schon als Welpe war sie vom Temperament her wie dunkler schwerer Wein, eine Traube aus dem Alten Testament. Eine späte Mädchentraube. Und so begab es sich, dass wir sie Maria tauften, Maria Moll, Frau Maria Moll. Zudem zeichnete sich im dichten schwarzen Fell am Brustkorb ein imposantes weißes Kreuz ab, das schon früh verfilzte: Jessas, unsere Maria schien gesegnet.

Und dass sie wahrhaftig erleuchtet war, stellten wir eines Abends im April 2005 fest. Sie begann zu junkern, gegen 21 Uhr. An sich nichts besonderes. Frau Moll junkerte, wenn Rinderpansen aus dem 10 Kilo-Vorratsbeutel in den Napf rauschte, sie junkerte, wenn es ENDLICH vor die Tür ging, sie junkerte, wenn sie nach dem Essen ihr Köpfchen in meinen Schoß bohrte, um sich ordentlich kraulen und durchkneten zu lassen, sie junkerte, wenn sie heiß und jückig war und die Umgebung mit flüssigen Kontaktanzeigen pflasterte: BERGISCHE KLIPPENWÖLFIN, TOP IN FORM, SUCHT KURZFRISTIG! BIG BOY.

An diesem Abend aber im April 05 war es anders. Das Junkern. Nicht so forsch. Eher kleinlaut.

Ein Wimmern fast.

"Was ist denn mit der los?" fragte ich die Gräfin, als ob die das gewusst hätte.

"Keine Ahnung."

Es ging auf 21 Uhr 30 zu, da änderte Frau Maria Moll die Taktik. Zwar junkerte sie weiterhin, nun aber in kurzen Stößen und mit einer leisen Dringlichkeit, die nichts Gutes vermuten ließ.

"Meinst du, die muß kotzen?"

"Mh. Kann sein."

Ich öffnete die Haustür und ließ sie in den Garten hinterm Haus. Doch anstatt zu kotzen, oder sich wenigstens über die Wiese zu wälzen, wie sie es sonst gerne tat, durch irgendwelches Aas, spazierte die Hündin still umher, beinahe sittsam, das Köpfchen in Würde erhoben.

"Und? Ist sie am kotzen?" rief die Gräfin, die vorm Fernseher lag, es war Sonntagabend.

"Nee. Die Hochwohlgeborene flaniert im Dunkeln."

Es war exakt 21 Uhr 37. Drei Minuten später, um 21 Uhr 40 erschien auf dem TV-Bildschirm ein Laufband mit einer brandaktuellen Sondermeldung: Papst Johannes Paul II. war soeben von uns gegangen. Wir hörten einen schweren katholischen Seufzer aus dem Hinterhof.
22.8.17 09:52


Die Geschichte mit dem Riesenfettfleck an der Glastür

"Ohh mein Gott! Jetzt ist es soweit. Jetzt laufe ich schon nüchtern gegen geschlossene Glastüren, weil ich denke, sie sind offen! Und dann: GONG!"

Im Hochsommer 2007 arbeitete ich im Kellergeschoß des Design-Instituts, wo ich die kühle kleine Bibliothek betreute. Ab und zu hatte ich aber auch oben im brütend heißen Computerlabor zu tun, wo die Ingenieure rumsaßen und weiß der Teufel für Spezialkram in die Rechner einspeisten. Ich verstand mich ganz gut mit den Kollegen, wir duzten uns alle, selbst zur schwierigen Chef-Sekretärin hatte ich guten Draht. Der einzige Typ, dem ich misstraute, war Kollege U. Das Job-Center hatte ihn für sechs Monate hierhin verpflichtet. Er sah sich als überqualifiziert für die Dinge, die er hier zu erledigen hatte, und das ließ er auch alle spüren. Was ihr könnt, kann ich schon lange, und das noch besser. Ein arroganter Knabe, Typ Seidenschal im Hochsommer und einen Blick, der stets über die Köpfe hinwegschwenkte; aber gut, er war auch eins Neunzig lang.

Das Computerlabor im ersten Stockwerk war zum Gang hin komplett verglast. Darin zwei Türen, die von der restlichen Glaswand kaum zu unterscheiden waren, abgesehen von den Türklinken. Man musste hübsch aufpassen, dass die Türen auch offen waren, wenn man eintreten wollte. Wenn nicht, drückte man besser erst die Klinke.

Ich ging also davon aus, dass die Tür offen war, schließlich war sie das den ganzen verfluchten Vormittag lang gewesen, doch zwischendurch war ich runter in die Bibliothek und hatte ein halbes Stündchen in der Nase gebohrt, und in dieser Zwischenzeit musste irgendwer da oben die Tür geschlossen haben.

Hier schloss ja immerzu irgendwer irgendeine Tür ab, wie im Knast war das, wo Schließer ihre Machtspielchen trieben, und als ich oben im Computerlabor zum Rechner marschieren wollte, wie immer in Gedanken, ich bin ja immerzu in Gedanken, bin immerzu verstrickt, ICH BIN NIEMALS DA, WO ICH GERADE BIN, WO ICH MICH AKTUELL AUFHALTE, ICH VERDAMMTER HANS-GUCK-IN-DIE-LUFT, da passierte es: RAMMTZZ!

Prallte ich mit der Fresse frontal ins GONGG! ins Glas! Es war, als hätte mir jemand mit Schmackes ein Überraschungs-Schaufenster auf die Nase geschmissen, HIER, NIMM DIES! Und DAS auf die verschwitzte Stirn! Oh weh! Das gibt Höcker, dachte ich sofort. Das ist nicht mein Tag. Nicht meine Woche. Nicht mein Leben. Vielleicht meine Galaxis, muss man sehen.

Kollege U. saß gerade am Telefon und muss die Szene von drinnen mitgekriegt haben. Es sah bestimmt schön dämlich aus: Der Glumm will ins Computerlabor und rennt volle Lotte gegen die geschlossene Tür! Mit dem Schädel voran! Hähä. Zum Glück habe ich Knochen aus Hartchrom. Da muss schon ein Tresor draufknallen. Scheiße, tat mir die Fresse weh.

"Junge, das hat aber auch gegongt", erzählte ich der Gräfin am Abend vom kleinen Missgeschick. Als hätte der Referee den Ring freigegeben zur erste Runde.

Am nächsten Morgen lief mir Kollege U. über den Weg. Das heißt er, er stieg extra hinunter in die Bibliothek, ganz gegen seine Gewohnheiten.

"Ein Wunder, dass du dir gestern nicht das Nasenbein gebrochen hast", meinte er. Und dass er mir den Glasreiniger schon rausgestellt habe, oben im Computerlabor.

"Glasreiniger?! Hä? Ich bin doch nicht mit der Nase vor die Scheibe geknallt..!"

"Nee, aber mit dem Schädel. Da ist ein Riesenfettfleck an der Tür."
22.8.17 12:27


Halte durch, kleines Mädchen

Das Ende kennt man, das Ende ist immer nah. Doch der Beginn der Welt? Ist immer weit weg.

*

Ich mochte ihn nicht, seine penible Art, sich im Januar noch nach dem letzten Häppchen Herbstlaub zu bücken und es aufzulesen, damit der Bürgersteig vorm Haus nicht verunstaltet wurde, seine missmutigen Blicke, wenn wir uns auf der Straße begegneten, diese ganze zur Schau gestellte Unnachgiebigkeit gegenüber dem Leben, gegenüber allem, was ein Lächeln bringen könnte, ein wenig Auflockerung und Schönheit, doch nun, wo er tot war, wo er nicht mehr da war, von einem Tag auf den anderen, da tat es mir leid. Nicht für ihn, den Greis, aber für seine Frau. Dass er fehlte. Ihr fehlte. Dass sie nun allein war, nach all den Jahren.

Mitten in der Nacht stehe ich am Fenster und sehe die Wohnung gegenüber in grelles Licht getaucht, einen Tag nach seinem Tod. Alle Zimmer schreien, schlagen still um sich, in ihrer plötzlichen Einsamkeit. Dem gleißenden Alleinsein.

„Ich war eine Klassenkameradin Ihrer Mutter, in den Dreißigern“, sprach mich seine Frau vor Jahren auf der Straße an, mit einem unsicheren kleinen Lächeln, ob sie das auch wagen könnte, mich anzusprechen, wo wir uns doch schon so viele Dutzende Male begegnet waren, ohne ein einziges Wort. Nicht mal einem Gruß.

"Sie waren mit meiner Mutter in einer Klasse!?" Ich war erstaunt. Dass sie überhaupt wusste, wer meine Mutter war.

"Ja. Unten in Stöcken."

Als ich meiner Mutter später davon berichtete, (ich hatte die Frau nach ihrem Namen gefragt), erinnerte sie sich an das kleine Mädchen von früher, aus dem unsere Nachbarin geworden war, eine geschrumpfte Konzertpianistin mit langen Armen, (so wirkte sie auf mich), deren hochgewachsener hagerer Mann unbeliebt war in der Siedlung, weil er die Leute beschimpfte und kleinlich war und sie nun zurückließ, die kleine, zunehmend kraftlose Frau mit der überm Boden schleifender Einkaufstasche auf dem Weg zum Supermarkt.

Ein fesches blondes Ding soll sie gewesen sein, dem die Jungs nachgelaufen sind, mit Schleifchen im Haar und Krönchen, gar nicht schüchtern, bisschen schnippisch sogar, so Mutter über die kleine Miss Weltkrieg, deren Mann jeden Morgen das Doppelbett machte und die schweren Daunendecken zum Lüften aus dem Fenster schwang, fünfzehn korrekte Minuten lang, von Punkt 8 Uhr 00 bis 8 Uhr 15.

Irgendetwas rührte mich an der Frau, und das nicht erst seit dem Tod ihres Ehemannes. Sie war ein verkümmertes Vögelchen, die alte Frau mit dem sehr kleinen Mund. Ich wusste nicht, wie ich ihr nun begegnen sollte, ich spielte gar mit dem Gedanken, ihr die Hand zu drücken und zu kondolieren. Es wäre nicht mal geheuchelt gewesen. Aber vielleicht zu viel des Guten? Ein halbes Jahr später hätte ich mir diese Gedanken nicht gemacht, ich hätte gehandelt, so wie ein halbes Jahr später andere Leute handelten und mir kondolierten und die Hand drückten als meine Mutter gestorben war.

Teilnahme.

Seit seinem Tod bleiben alle Fenster geschlossen, es brennt Licht in der kleinen Genossenschaftswohnung die ganze Nacht, wie in einem Palast.

Halte durch, kleines Mädchen.
22.8.17 16:19


Erst krachen lassen – dann stiften gehen

"Manchmal habe ich so die Nase voll von diesem ganzen hochmodernen Leben, ich würde am liebsten meinen Rucksack packen und auswandern, zurück in meine Kindheit, einfach dreißig, vierzig Jahre zurück... in dieses unbeschwerte, kleine Land."

Die Gräfin

*

"Das Leben braucht eine B-Seite", sagte ich.

"Ja! Einmal umdrehen die Platte!" rief sie.

*


Ich war zehn und trug Schlaghosen. Einmal brüskierte ich die Nachbarschaft, als mir an einem heißen Vormittag in den Sommerferien eine große Flasche Cola aus den Händen glitt und auf dem Bürgersteig zerplatzte. War das ein Lärm. Doch anstatt mich hinzuknien und die Scherben aufzulesen, tat ich so, als wäre nichts geschehen, und ging stiften. Eine frappierende Erfahrung. Denn genau das blieb fortan eine Spezialität von mir:

erst krachen lassen – dann stiften gehen.

Bloß weg hier.
25.8.17 12:26


Wenn Ausserirdische kegeln

Der Großonkel der Gräfin, ein Herr mit knorriger und potenter Nase, hatte zum Essen eingeladen. Dabei meldete er zu seinem 80. Geburtstag nächstes Jahr schon mal zwei Wünsche an: den ersten Fallschirmsprung seines Lebens sowie eine schöne Nase Kokain.

"Für das Koksen musst du dir aber ein Hotelzimmer mieten!" war seine 76jährige Lebensgefährtin ruckzuck auf 180. "Das machst du nicht bei uns zuhause, sonst hab ich noch die Polizei am Hals!"

"Quatsch, im Hotelzimmer! Im Flieger!" entgegnete der Großonkel großporig und schenkte noch einen Wodka ein. "Direkt vorm Sprung muss das Kokain reinkommen ins Blut! Und dann...juuuschsch! mit der Iljuschin..!"

"Ach, du Spinner!"

Natürlich hatte der Großonkel mir dabei zugezwinkert, als er den Kokainwunsch äußerte. War ja nicht ernst gemeint. Also, schätze ich mal. Aber wie auch immer. "Mal schauen, was sich da machen lässt", kniepäugelte ich zurück. Ich meine, es ist ja auch keine Art, gestandenen Pensionären das Kokainschnupfen zu verbieten, bevor sie sich das erste Mal im Leben aus einer alten russischen Propellermaschine stürzen.

Nach ein paar Bier und Wodka hatte ich das Gefühl, mein Gehirn würde hinterherschwimmen und ging vorsichtshalber aufs Klo, mich kämmen. Man weiss ja nie. Dabei kam ich im Kellergeschoss an der internationalen Kegelbahn vorbei. Sehr merkwürdig. Zwar hörte man das Poltern und Rollen der auf Holz aufsetzenden Kugel, doch ansonsten drang kein Ton von der Bahn. Nur das Gepolter der Kugel war zu hören, aber keine Stimmen, kein Gelächter, kein hoch die Tassen und Gläserkirren.

Selbst als die Kellnerin das nächste Tablett Bier und Kurze reinbrachte und die Tür für einen Moment offenstand, war kein ausgelassenes AHHH und OHH zu vernehmen, DA KOMMT DIE MARIA MIT DEM SCHNAPS oder so ein Gequake.

Nein. Nichts. Null.

Eine halbe Stunde später, ich saß längst wieder inmitten der Geburtstagsgesellschaft, ließ sich auch die Kegelgesellschaft oben im Schankraum zum Essen nieder, an diesem grossen reservierten Stammtisch. Eine gespenstische Runde war das. Es handelte sich um lauter unauffällig, geradezu schlicht gekleidete Aliens, vermutlich zusammengehalten nur von ihrer schwarzen Materie, wie das ganze Universum. Ich könnte keinen einzigen von den Typen beschreiben, obwohl ich abgestossen und fasziniert zugleich war und das Geschehen am Nebentisch beobachtete.

Immerhin weiß ich jetzt, wie sich das anhört, wenn Aliens still in den Totensonntag reinkegeln.
25.8.17 16:03


Rockers 007

„Du bist mir heute viel zu laut“, sagt sie, als wir aus der Haustüre treten und ich mit der Faust auf die Mülltonne klopfe, pomm pomm pomm, einfach so. Einfach mal der Mülltonne Guten Tag sagen, mein Gott, da kann man als Mann auch mal was lauter werden. Oder nicht. Als Mann, oder als Rock’n Roller. Oder als ex-Rock'n Roller. Aber lauthals guten Tag sagen geht immer.

Als ich noch auf der Schillerstraße lebte, in meiner eigenen Wohnung, nicht bei meinen Eltern, zwischen 1982 und 1986, da stand vorm Haus eine schwarze Mülltonne, wo jemand ROCKERS 007 draufgepinselt hatte, mit weißer Lackierfarbe. Wenn ich morgens aus der Tür trat, fühlte ich mich einen Moment wie James Bond. Ich hinterließ Moneypenny einen lockeren Spruch und ging zur Arbeit: Ins Mumms, mich volllaufen lassen. Pomm pomm pomm.

„Ja, ich weiß, ich weiß“, stöhnt sie, „aber musst du unbedingt so laut sein, wenn ich neben dir hergehe? Kannst du das nicht machen, wenn du allein bist, auf die Mülltonne kloppen? Und überhaupt, du bist mir ein etwas zu munteres Kerlchen heute.“

Ein paar Schritte weiter. Ob sie sich noch an SHOWADDYWADDY erinnere. Zur Sicherheit wiederhole ich den Bandnamen. SHOWADDYWADDY.

„IST JA GUT!“ Sie hat’s gehört.

Ich weiß gar nicht mehr, was die für einen Hit hatten, sage ich. SHOWADDYWADDY. Hatten die überhaupt einen Hit? Oder war das nur ne Cover-Band? Showaddywaddy konnte man leicht mit den Rubettes oder den Mud verwechseln. Die trugen auch ulkige Bühnenanzüge und machten auf Old fashioned Rock'n Roll mit Chor-Einlage. Am besten fand ich I can do it von den Rubettes.

Ich erinnere mich, dass ich im Park ein Date mit der bildhübschen blonden Skip hatte, da war ich 14. Um mich zu aufzulockern, sang ich von den Rubettes I CAN DO IT, I CAN DO IT, I CAN DO IT FROM MY HEAD RIGHT DOWN TO MY BLUE SUEDE SHOES, YEAH, I CAN DO IT! Dann ging ich den Park runter.

"Ist ja gut, ist ja gut…", murmelt sie. „Showwaddywaddy. Klar.“

*

Skip war auf skandinavische Weise hübsch. Sie hatte langes blondes Haar und Sommersprossen, die sich wie eine Seenplatte auf ihrem Gesicht verteilten. Skip war es auch, die mir 1974 im Kino den ersten Zungenkuss meines Lebens verpasste.

Das Metropol-Kino lag in der unterirdischen Ladenpassage am Graf-Wilhelm-Platz. An den Film selbst habe ich keinerlei Erinnerung, aber den stürmisch-drängelnden Lappen Fleisch habe ich heute noch im Mund, wie eine Vortriebsmaschine fräste er sich durch meinen Kiefer. Ich wurde gnadenlos überrannt. Im Sitzen. In meinem eigenen Maul. In der Nachmittagsvorstellung, zweite Reihe. Wenn das der Startschuss für Sex gewesen sein sollte, was würde dann noch alles kommen? Es fühlte sich an, ob überall Blut war. Ich bekam kein Wort mehr raus. Als der Film aus war, wollte ich nur nach Hause.

Skip hatte Temperament. Aus dem Urlaub bombardierte sie mich mit Dutzenden Briefen in großen schwungvollen Filzstift-Buchstaben, versehen mit roten Kringeln und tausend Bussis.

Nachmittags trafen wir uns hinterm Karstadt, die ganze Clique. Skip war fünfzehn. Ich war vierzehn. Es war Herbst. Es war windig. Es war überhaupt eine zugige Ecke damals hinterm Karstadt, einem Komplex, zu dem auch das Turm-Hotel gehörte. Wenn man nach oben blickte, konnte man die blauen Buchstaben lesen, TURMHOTEL, daneben standen die vier kleinen Häuschen für die Aufzugsmotoren.

Um halb sieben, wenn Karstadt Feierabend machte, kam der schwule Benno aus dem Seitenausgang und versorgte uns Jungs mit Zigaretten. Er arbeitete in der Lebensmittel-Abteilung. Mädchen existierten für ihn nicht. Er übersah sie einfach.

“Die Weiber rauchen doch sowieso nicht auf Lunge“, verteidigte er seine streng maskuline Linie. Es klang als ob er sagen wollte, die blasen doch sowieso nicht, die Hühner. Kommt lieber zum Benno, der Benno zeigt euch mal wie das geht. Dabei rauchte Gudrun, die jeder nur Kippen-Guddi nannte, eine nach der anderen, und das sehr wohl auf Lunge. Manchmal hatte sie drei Kippen zur gleichen Zeit am Brennen, weil die vergessen hatte, dass sie schon zwei angemacht hatte, die Stängel glühten auf dem Mauervorsprung vor sich hin.

Rosenmontag führte der schwule Benno hinterm Karstadt ein Tänzchen auf, nur für uns Jungs. Wie ein Gockel fegte er übers zugige Parkett, einfach so, ohne Musikbegleitung, nur er und seine fliegenden Beine und sein durchgeknalltes Schwulsein. Wir haben geklatscht und gelacht und sogar die Mädchen mochten ihn an diesem Tag. Er rückte eine Extraschachtel Kippen heraus, Overstolz ohne Filter.

Meist standen wir pärchenweise hinterm Karstadt, an die große Schaufensterscheibe gelehnt und machten stundenlang Kiss Kiss, wie meine norditalienische Oma das zu nennen pflegte. („Na, gehst du wieder in die Stadt, Junge, Kiss Kiss machen?“) Karlos machte Kiss Kiss mit Biene, der dicke Hansen machte Kiss Kiss mit Elly, ich machte Kiss Kiss mit Skip und der schwule kleine Benno machte heimlich Kiss Kiss mit sich selbst auf dem Personalklo des Karstadt, das ein kleines Fenster nach hinten raushatte.

Eines Tages kam der Moment, vor dem ich mich insgeheim gefürchtet hatte. Klassenkameraden, die schon mehr wussten, hatten selbstgefertigte kleine Bleistift-Skizzen herumgehen lassen, auf denen zu sehen war, wie so eine Muschi ungefähr aussah. Ein Bär. Es war damals nicht so einfach, an handfeste Pornos ranzukommen. Ich erinnere mich an eine Skizze von Seyfarth, der später nach Amerika ging und Karriere bei einer großen internationalen Bank machte. Nach seinen Beobachtungen sah eine Muschi so ähnlich aus wie ein Fischli aus der Partymischung.

„Is auch so salzig“, meinte Seyfarth.

Der Tag war gekommen. Es war Winter. Es war arschkalt hinterm Karstadt, es zog wie Harri. Wir Jungs trugen Persianer und andere ausgediente Fellmäntel unserer Mütter. Das war die neue Freakmode. Wir sahen aus wie im Zoo. Skip nahm meine Hand und führte sie in ihre Hose. Zentimeter um Zentimeter fingerte ich die enge Jeans runter, bis ich den Ansatz ihres Schamhaars erreichte. Zum ersten Mal im Leben fasste ich einen Busch an. Weiter unten wurde das Haar dichter und ich musste an den Hund eines Nachbarn denken, einem Deutsch Drahthaar.

"Besser wir machen das mal bei mir zuhause, in Ruhe", meinte Skip irgendwann. Sie hatte schon mit anderen Jungs gefummelt während es für mich die Premiere gewesen war. Die Pettingpremiere. Keine Frage. Aus der Nummer war ich vorerst raus.

*

Abends saß ich am Radio, den Finger an der Aufnahmetaste des Kassettenrekorders, und hörte Popshop auf SWF 3 und Radiothek auf WDR 2, im schnellen Wechsel. Pop-Shop, Radiothek, Pop-Shop, Radiothek. Wer gerade den besseren Song hatte, war on air. Als dritter Sender kam noch BFBS hinzu, der englische Soldatensender im Rheinland.

Ich war vernarrt in Hitlisten. Am liebsten hörte ich die amerikanischen Billboard-Charts. Da waren Songs drin, die schafften es nicht nach Europa, Schmonzetten wie "All by myself" von Eric Carmen, die sich in den USA millionenfach verkauften, waren einen Tick zu zuckrig für unsere Ohren, überladen mit Geigen und "es wird alles gut, Darling".

Da ich jeden Song, der es in den USA und England in die Top Twenty schaffte, auf Kassette bannen wollte, war es ein Geduldsspiel, bis ich die Hitlisten komplett hatte.

Ein Indikator, welchen Stellenwert ein 70er Jahre-Oldie heute noch hat, ist sein Einsatz in amerikanischen Spielfilmen und TV-Seifenopern. Je öfter ein bestimmter Oldie im Hintergrund eingesetzt wird, desto gesicherter lässt sich davon ausgehen, dass er in den USA Kultcharakter hat. Etwa All by myself von Eric Carmen. Oder Egyptian Reggae von Jonathan Richman.
Oder eben nicht. Dass er also auch nach Jahren des Abhängens in speziellen Kult-Kammern Geheimtipp geblieben ist, dass er diesem Stadium nie entwachsen ist. Ein schöner Song, sagt man vielleicht, doch er hat es nie geschafft sich zu verpuppen, er ist nie ein Schmetterling fürs Volk geworden.

Ob solch ein Song Kultstatus hat, lässt sich auf die Schnelle auch googeln, logisch. Schau dir die Anzahl der Aufrufe auf You Tube an, und du weißt Bescheid. Doch die wirklichen Geheimtipps findet man auf You Tube nicht. Ein echter Geheimtipp, das ist wie Mord, bei dem die Leiche nicht gefunden wird. Und solange der Leichnam fehlt, kann dem Song nicht der Prozess gemacht werden. Es bleibt in der Schwebe, ob er den Durchbruch zum massenkompatiblen Golden Oldie noch schafft, oder ob er weiterhin im Dunklen vor sich hin gärt, nur von einigen Freaks verehrt. Vielleicht sogar abgöttisch. Es bleibt oft unbefriedigend, obwohl richtig was los war am Tatort Studio. Manchmal hat die Spurensicherung Fehler gemacht, oder die Öffentlichkeitsarbeit war miserabel. Manchmal ist einfach Pech im Spiel.

Oder Dinge, die man nicht richtig erklären kann. Songs, die in dich hineinkriechen wie unscheinbares süßes Gift, werden kein Hit. Irgendwelche Allerweltsnummern verkaufen sich wie Sau. Und dann gibt es Songs, wo die Leiche plötzlich doch noch auftaucht - viele Jahre nach dem Mordanschlag. Ein Song wie Why did you do it von Stretch.

Als die Nummer 1975 erschien, fand ich sie großartig, ich hatte sie aus dem Radioprogramm mitgeschnitten. Doch so toll ich Why did you do it auch fand, ich hörte den Song nur bei mir zuhause auf Cassette, nirgends sonst. Er ging damals einfach unter in dem Wust an Neuerscheinungen, zu einer Zeit, als der Glitter-Rock explodierte und der Disco-Soul a la Barry White und Gloria Gaynor erste gefeierte Runden drehte.

Knapp zehn Jahre später spielte ein DJ Why did you do it plötzlich im Daddy, einem Soul-Club am Stradtrand, und das Ding wurde posthum ein Monsterhit.

Das Problem bei jedem Song, der zum Hit mutiert: Er wird Allgemeingut. Er läuft überall, man hört ihn im Radio, im Supermarkt, im Club, im Auto und bei Freunden - man kann ihm nicht entrinnen. Die Ohren gewöhnen sich so sehr an die Musik, dass das Besondere daran mehr und mehr untergeht. Bei völliger Überbeanspruchung kann es sogar passieren, dass man zuletzt gar nicht mehr weiß, was einen an dieser Nummer je gereizt hatte.

Das geschieht nicht nur bei zu Tode genudelten Sommerhits wie Macarena von Los del Rio aus dem Jahre 1993, mir ist es, allgemeiner gesprochen, mit dem Saxofon so ergangen. Irgendwann in den frühen 80ern wunderte es mich, warum in der Popmusik so selten Saxofon eingesetzt wurde. Ich wünschte mir sehnlichst Songs mit Saxofonsolo.
Und als hätte gleich eine ganze Armada von Produzenten mitgehört, war plötzlich in jedem dritten Song ein verdammtes Sax zu hören. Ich fasste es nicht - und es gefiel mir nicht. Das Besondere war zur Banalität geworden, durch die schiere Masse.

Seit dieser Erfahrung sehe ich manches anders. Hätte ich mir beispielsweise früher sehr viel mehr Zuspruch für die Musik Jonathan Richmans oder Kevin Ayers gewünscht, so halte ich mich mittlerweile mit solchen Wünschen zurück. Geheimtipp soll Geheimtipp bleiben. Buddeln soll Spaß machen. Denn da draußen liegen noch Hunderte der herrlichsten Leichname herum, Freunde der Nacht, verborgen in Gebüschen, verscharrt auf Vinyl.

Und so soll es sein, Freunde.
29.8.17 11:03


s



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