Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Klimaerwärmung und schönes Wetter

Mittags sitz ich bei Kamps am Grünewald, wo der Formatbäcker ein Cafe betreibt, einem großen Discounter-Markt vorgeschaltet. Schön laut ist es hier, voll mit einfachen dicken Leuten und Lautsprecherdurchsagen: „Frau Glas bitte, die 45! Frau Glas bitte!“

(Uschi, denk ich. Die 45. Nun mach schon.)

„Die 45 bitte!“

Gegenüber, am mobilen Wurststand einer alteingesessenen Metzgerei, lassen sich gut geräucherte Mettwürstchen mopsen, der Stand ist nach hinten hin offen, Nachschub wartet in übereinander gestapelten Kisten und Körben, in die man locker reingreifen kann, ohne dass es dem Personal auffällt. Im Prinzip jedenfalls. Habe ich mir beim Reinkommen ein bergisches Mettwürstchen genehmigt, aber das war kein Diebstahl, das war spontanes sportliches Verhalten.

Am Tisch rechts von mir sitzen zwei schnatternde Weibchen und ein ketterauchendes Männchen, es säuft Wasser. Es pafft ducal und trägt eine Hose mit verbeulten Nadelstreifen und eine Wampe geformt aus Franchise-Speisen, halbwegs in Form gehalten von einem lila Sweatshirt mit Papagei drauf:

Santa Lucia.

Das rauchende Vögelchen (es ignoriert das Rauchverbot und ascht auf die Untertasse) scheint einem Schmerz verfallen, einem tiefen Schmerz, so tief, ich muss schon weggucken. Und wieder hin. Ein Schmerz wie O-Ton. Und noch mal hingeguckt, ins Schmerzgesicht. Es sagt keinen Ton. Sitzt nur da, und pafft ducal, das Gesicht verzerrt.

„Rente ist noch nicht drauf“, höre ich eine der beiden älteren Damen, die mit ihm am Tisch sitzen, „sonst hätt ich mir heute was leckeres gegönnt, Ilse, glaub mir das. Was leckeres. Nicht hier Bohnengemüse..“

„So? Was denn sonst?“

„Na, hier, den Speck-Topf. Den Topf da.“

„Wenn du das so gerne magst, Christel, warum hast du dann nichts gesagt? Hätt ich dir doch ausgelegt, die paar Cent, hör mal.“

„Ach, ist doch lächerlich, Ilse. Immer nur über die Runden kommen und am Fünfundzwanzigsten fehlt ein Euro siebzig für den Speck-Topf.“

„Sechsundzwanzigster, Ilse. Sechsundzwanzigster.“

„Ja und? Aber Bohnengemüse ist auch in Ordnung. Wenn du Hunger hast, Christel, ich mein, so richtig Hunger..“

„Schon. Aber bisschen Geschmack muss dran sein.“

„Ja, das natürlich, klar, bisschen Geschmack muss dran sein. Sonst ist alles nichts. Kannst du direkt zuhause bleiben.“

„Apropos. Sollen wir nächste Woche ins neue Cafe, oben am Rondell?“

„Am Rondell oben? Wo meinst du? Wo denn?“

„Oben am Bismarckplatz.“

„..ach, am Rondell! Da oben!“

„Das Cafe, das dem Nicoll gehört. Mit den drei Kindern und dem Mann.“

„Die Nicoll? Die hat doch kein Mann, hör mal.“

„Doch, sicher. Drei Kinder hat Nicoll und einen Mann, und früher ein Pferd. Jetzt nicht mehr. Die ist ja so spack geworden, die Nicoll, seit die nicht mehr reitet. Die hatte früher keinen Hintern in der Hose.“

„Ach was, spack. Die ist im siebten Monat. Deswegen.“

„Och! Die ist schon wieder schwanger?? Und dann macht die das Cafe auf oben am Rondell?!“

Zwischendurch lasse ich den Blick schweifen. Unter Leuten sein macht am meisten Laune, wenn man selten unter Leuten ist. Man hat automatisch den Blick des Auswärtigen. Man macht sich Gedanken. So ein hübscher Junge, denke ich, und irgendwann wird er Filialleiter. Der Bauch wird dick, er kriegt ne Glatze - was eine Verschwendung. Ich seh es schon vor mir. Ist das alles ein Elend.

Filialleiter!

„Guck mal, wer da kommt.. Tach, Paula.“

„Tach, ihr zwei. Ist das nicht ein herrlich Wetterchen draußen?“

„Doch. Haben wir auch verdient.“

„Obwohl, normal ist das nicht, fünfunddreißig Grad die ganze Zeit.“

„Nee, ist nicht normal. Nee.“

„Klimaerwärmung. Aber schönes Wetter.“

„Schönes Wetter“, fährt das Schmerzgesicht jäh dazwischen, mit einer Bass-Stimme, so tief, als würde bei Kamps Pumpernickel aufgebacken. Hundert Prozent Schwarztbrot, und eine Packung ducal. Niemand am Tisch reagiert auf ihn. Es ist so, als habe er gar nichts gesagt.

„Habt ihr schon wieder keine Lust zu kochen?“ erkundigt sich Paula, und blinzelt.

„Mittwochs nie. Aber Rente war noch nicht drauf, also gab es nur Bohnengemüse.“

„Och, kein Stück Fleisch dabei?“

„Ja, ohne Pommfritt auch.“

„Macht doch ne Gemeinschaftskasse auf. Ihr seid doch so oder so jeden Mittwoch hier, oder, Christel?“

„Vielleicht gehen wir nächsten Mittwoch hoch zum Rondell, ins neue Cafe vom Nicoll. Die haben früh am Morgen schon auf, bis spät in die Nacht, oben am Rondell.“

„Am Rondell?“

„Ja, das neue Cafe. Vom Nicoll.“

„Vom dicken Nicoll? Mit den drei Blagen die?“

„Die ist nicht dick. Die ist im siebten Monat.“

„Ist das wahr? Nee, ne? Schon wieder ein Balg?!“

Als ich aufstehe und mein Tablett in die Hand nehme, lese ich an der Lottobude die Schlagzeile:

DER SAHARA SOMMER IST DA.

„Frau Glas, bitte die 45! Frau Glas bitte!“

Ich stelle das Tablett in den Wagen. Mann, ist das heiß hier.
1.7.17 08:42


Terraway

Menschen begegnen einem, die sind nicht von dieser Welt. Die wirken wie reingeplumpst ins Bild. Als hätte der liebe Gott sein Füllhorn ausgeschüttet, doch am Boden klebte noch etwas Satz von der letzten Ausschüttung.

Nun aber schleunigst raus damit.

Ich inspizierte mit Frau Moll gerade die Korkenzieherbahn, diese hochmodern gefederte Stadttrasse, Terraway, luft- und wasserdurchlässig, da sah ich in einiger Entfernung diesen Typ. Stand da mitten auf dem Weg, Ausgang Eckstrasse, nahe den Bänken, auf denen die Penner sonst auf käsigen Hornbrillen liegend ihren Rausch ausschliefen. Er stand da auf der Trasse und trug feines Tuch. Ein schwarzes Reise-Sakko. Knitterarm. Das um so edler wirkte, je näher ich kam.

Er sprach in sein Handy, hielt in der anderen Hand eine glitzernde Pulle Wodka, Wodka Gorbatschow. Ich erkannte die Marke am Etikett, als ich ihn überholte, ich musste Eckstrasse raus. In kleinen organisierten Schlücken nippte er an der Flasche und dröhnte so plump und schwerfällig ins Mobiltelefon, als arbeiteten seine Stimmbänder noch mit alten Lochkarten. Mein Schritt verlangsamte sich bis zum Stillstand, so sehr verwirrte mich ein Bild, in dem nichts zusammenzupassen schien.

Es war nicht mal neun Uhr am Morgen, der Himmel grau wie das Fell eines Esels, und da stand dieser exzellent ausrasierte Hunderttausendeuro-Penner in einem Sakko, so bügelfrei, als hätte er gleich DEN Business-Termin seines Lebens gehabt, während ich plötzlich sehr dringend mal groß musste.
6.7.17 17:05


Das Wassergespenst (Ein Brief nach Hause)

"Hier auf dem Campingplatz reiht sich Zelt an Zelt. Und wir haben unverschämtes Glück, dass wir noch so einen guten Platz finden konnten. Wir sind nur 8 Meter (ich hab’s ausgemessen!) von der Mosel entfernt. Neben uns stehen Belgier und Dänen, und alle können richtig Deutsch. Den ganzen Tag. Und wir Deutsche? Was können wir? Wir können keine Sprache."

..

Beim Blättern in einem alten Fotoalbum fällt mir Post in die Hände, Post, die ich selbst verfasst habe, in den Sommerferien 1971. Unsere Familie machte Campingurlaub in Zell an der Mosel. Ich war zehn Jahre alt und schrieb an meine zu Hause gebliebene große Schwester (16) und an die Großeltern.

Auf dem Zeltplatz war etwas schlimmes passiert, in unserer unmittelbaren Nähe und gleich am ersten Ferientag: In der Mosel war ein Mann ertrunken. Man hatte ihn leblos aus dem Wasser gezogen und direkt vor unserem Zelt Wiederbelebungsversuche unternommen, fast eine Stunde lang. Es war das erste Mal, dass ich einen Toten sah. Manche Teile waren so blau, als wäre Tinte in dem Mann ausgelaufen.

..

Der Sommerhit 1971 war "Butterfly", geschmettert von einem Troubadour aus Frankreich mit schwarzem Hut, Daniel Gerard. "Butterfly" war sagenhaft pomadig und erfolgreich. "Butterfly" legte ganz Europa lahm, wie eine böse Verstopfung. Im Sommer zuvor hatte es besser ausgesehen, da war "In the Summertime" von Mungo Jerry der Sommerhit gewesen. Das war ein anderes Kaliber, "In the Summertime" wurde mit seinem Erscheinungstag ein Klassiker der Popgeschichte. "In the Summertime" hatte ich als Single gekauft, eine brettharte Pressung aus Holland, als wir 1970 in der Nähe von Zandvoort Urlaub machten.

Meist fuhren wir in den großen Sommerferien an die holländische Küste, nach Zeeland, doch alle paar Jahre war Mutter dran mit einem Urlaubswunsch – und sie hatte andere Prioritäten. Sie wollte nicht ans Wasser, sie fand die Berge besser. Vielleicht lag es an ihren strammen Beinen. Nun lag Zell an der Mosel nicht wirklich in den Bergen, aber es gab Weinberge, immerhin.

Zell a. d. Mosel im Jahre 1971 war eine Art Friedensangebot meines Vaters, für den es zeitlebens nichts schöneres gab als den Wellen des Meeres zu lauschen, wenn er spät abends im Zelt lag und an das englische Seebad Bournemouth zurückdachte, wo er zwischen 1945 und 1947 die aufregendste Zeit seines Lebens verbrachte, in englischer Kriegsgefangenschaft. Bei den Tommies, wie er sie stets respektvoll nannte, bei den Tommies mit den fussig roten Haaren.

..

Wie immer dauerte der Aufbau des Hauszelts seine Zeit, weil Vater die Zeltstangen in verschiedenen Farben durchmarkiert hatte und nur er allein das System durchblickte, welche Stange in welcher Farbe zu welch anderen Stange in welch anderen Farbe gehörte.

Mein sieben Jahre jüngerer Bruder verstand mehr vom Zeltaufbau als ich, er hatte dieses intuitive Glummsche Verständnis fürs Gestänge. Mit seinen vier Jahren wuselte er umher und bereitete die Abspannleinen und Schlaufen für das Hauptgestänge vor, während ich staunend dabeistand mit krummen Beinen vom Fußballspielen.

Ich hatte keine Ahnung, was die da machten, mein Vater und mein Bruder. Für mich bedeutete der Zeltaufbau zu Beginn jedes Campingurlaubs nichts anderes als dumm rumstehen mit Obeinen und Dinge festhalten, die Vater mir in die Hand drückte:

Halt mal die Stange da.. nein, die andere, ja die, genau, steck die da rein.. – nein, nicht da rein! Nicht die! Die andere. Da rein..

NICHT DA!

..

"Nur eine Viertelstunde entfernt ist ein Strandbad. Bisher haben wir es aber nur auf Bildern gesehen. Darauf sah es ganz toll aus. Morgen werden wir, wenn wieder schönes Wetter ist, dahin fahren. Hier in der Nähe ist auch ein Kiosk. Er gehört noch zum Campingplatz. Na, Kiosk kann man es nicht nennen, nämlich es ist ein paar Mal so groß wie die Bude von Frau Drexelius bei uns. Also mehr ein Laden. Morgen kaufe ich mir vom Taschengeld, ein Fix und Foxi-Heft wahrscheinlich. Aber in den Ferien kriege ich ja mehr Taschengeld. Wahrscheinlich hole ich mir noch Clever & Smart."

..

Endlich hatte Vater die letzte Schlafkabine eingehängt. Es war ein stickig heißer Nachmittag. Kinder planschten in der Mosel, die hier nicht besonders tief und auch nicht sehr breit war.

Mir fiel dieser Mann auf. Er trug Tauchmaske und Schnorchel. Ich hatte beobachtet, wie er langsam durchs Wasser tauchte, das Plastikrohr zum Luftholen fuhr an der Wasseroberfläche entlang, wie das Periskop eines U-Boots. Und dann war das Rohr plötzlich weg. Ich sah es nicht mehr. Ich suchte das Wasser mit den Augen ab, ich guckte überall, ich guckte in die eine wie in die andere Richtung. Doch der Mann war wie vom Erdboden verschluckt.

..

"Wir bekamen einen Riesenschreck. Plötzlich standen immer mehr Leute am Mosel-Ufer. Dabei erfuhren wir es. Der Taucher war ertrunken. Alle riefen wild durcheinander. Ein Tumult. Ein paar tatkräftige Männer stiegen ins Wasser. Irgendwo lief ein Radio. Ich hätte es besser gefunden, jemand hätte es leiser gedreht oder ganz ausgemacht.

Als der Platzwart kam, schrie er wörtlich die hilflos herumstehenden Leute an: Hat einer was gesehen?! So sagt doch was! Aber keiner sagte was. Ich hätte was sagen können. Aber auch nicht so richtig. Und immer war der Mann noch nicht geborgen. Es entstand eine furchtbare Aufregung.

Der Mann muss einen Herzschlag bekommen haben, meinte Papa.

Der Fluß war ja an dieser Stelle nicht tief, hüfthoch vielleicht, man konnte überall stehen.

Vielleicht hat er sich nicht abgekühlt, sagte Mutti.

Als die Polizei mit einem Rettungsschwimmer ankam, er hatte eine GasSauerstoffflasche auf dem Rücken usw., war wahrscheinlich der Mann schon tot. Schnell hatte der Rettungsschwimmer den Toten gefunden. Genau vor unserem Zelt, auf der Wiese, wurden alle Versuche gemacht, den Mann wieder zum Atem atmen zu bringen. Das dauerte eine Stunde.. genau vor unserem Zelt! Allerdings durften wir uns das nicht ansehen, wegen den Bildern, die man nicht mehr los wird. Auch Mutti und Papa waren sich am gruseln."

..

Es war brütend heiß im Zelt, und mein kleiner Bruder, der nie still sitzen konnte, fing an Ärger zu machen. Er war wie ein junger Hund. Mutter brachte ihn in seine Schlafkabine und ich hatte etwas Zeit nach draußen zu gehen und mir anzugucken, wie der Tod sich was zu Fressen holte. Ein Sanitäter in weißen Hosen beackerte den Brustkorb des Toten und hörte nicht damit auf, die ganze Zeit nicht. Dann musste ich wieder zurück ins Zelt.

Es dauerte nochmal eine Stunde, bis der Leichenwagen kam und den Toten abholte. Er war ganz blau angelaufen und hatte einen furchtbar aufgeblähten Bauch.

Jetzt ist er ein Wassergespenst, sagte Mutti.

Mehr will ich darüber nicht schreiben.

Und wie geht es euch? Gut?

Viele Grüße
10.7.17 06:32


Sie sagte Elvis Presley

Im August jährt sich sein Tod zum vierzigsten Mal.

"Stell dir vor, Elvis würde in Bremerhaven wiederauferstehen, geklont aus altem Militärmaterial", sage ich, als wir über die Trasse nach Hause spazieren.

Ihr Gesicht leuchtet, aus lauter Freude über den Vorschlag.

"Elvis klonen! Was glaubst du, was da los wäre in der Welt. Was eine Karte für seine erste Las Vegas-Show kosten würde."

"The King is back", sag ich.

Als ich sie 1987 kennenlernte und fragte, welche Musik ihr gefiele, rechnete ich mit irgendwas zwischen Reggae und The Smiths, stattdessen antwortete sie ohne zu zögern: Elvis Presley.

Sie sagte nicht Elvis, sie sagte Elvis Presley. Und dass sie nicht nur den schlanken jungen Fünfzigerjahre-Rocker liebte, sondern auch den späteren Rezeptfälscher und strassbesetzten Las Vegas-Elvis, ohne Wenn und Aber.

"Elvis war meine erste große Liebe", sagte sie und fügte hinzu, "Presley."

Dass sie heute wie damals seinen ganzen Namen ausspricht, liegt auf der Hand.

"Wenn ich die Ehefrau von Uwe Seeler wäre, würde ich auch nicht Uwe zu ihm sagen oder Schatzi oder so'n Scheiß, nee, ich würde Uwe Seeler sagen zu Uwe Seeler, ganz klar."

Als sie an einem heißen Augusttag 1977 von Elvis Presleys Tod erfuhr, "wir unterbrechen das laufende Programm des WDR für eine Sondermeldung", war sie fast fünfzehn und schwer betrübt. Eine Welt ohne Elvis schien für sie nicht vorstellbar.

Sie schluchzte den ganzen Tag.

Die großen Ferien 1977 waren für sie noch aus einem anderen Grund etwas Besonderes. Ihre Eltern und ihre kleine Schwester waren erstmals ohne sie in Urlaub gefahren, sie hatte drei Wochen lang sturmfreie Bude, die sie mit ihrer Busenfreundin Pia teilte: Sie kam jeden Tag zum Erdbeerenessen.

"Das Flapsige an Pia vermisse ich enorm. Auf der Schule waren wir nicht als Freundinnen verschrien, sondern als Schwestern. Obwohl sie blond war und ich dunkelhaarig. Aber in der Physiognomie waren wir uns ähnlich. Als mir letztens ein altes Foto von uns beiden in die Hände fiel, habe ich einen richtigen Schreck gekriegt. Vor der Nähe, die von dem Bild ausging und zu der ich heute gar nicht mehr fähig bin."

Der Sommer 77 war der Sommer der Erdbeeren, es gab Erdbeeren in Hülle und Fülle, Erdbeeren, wohin man auch blickte, es war die totale Rekordernte. Als wollte die Natur dem Abgang des Kings mit aller Macht etwas entgegensetzen. Pia und die Gräfin mixten sich kühle Erdbeer-Shakes und saßen in der Hitze auf dem geteerten Garagendach und hörten Elvis-Songs, die rund um die Uhr im Radio gespielt wurden. "In the Ghetto", der letzte große Elvis-Hit, verkaufte sich millionenfach.

Der King war tot.

"Wenn die Deutschen Elvis klonen, müssen sie auch Elvis' Mutter wiederauferstehen lassen", sagt sie. "Elvis hat seine Ma doch so sehr geliebt und verehrt. Und Peter Sellers gleich mit, ja, der muss auch wieder lebendig werden."

"Sellers...? Wieso ausgerechnet Peter Sellers?"

"Weil Elvis so gelacht hat, wenn Inspektor Clouseau in seinem Privatkino auf Graceland vorgeführt wurde. Und Elvis hatte so eine schöne Lache. So breit und ausgelassen."

"Na logisch, mit der Stimme kann man ja nur eine schöne Lache haben."

Mit "Hound Dog" gelang Elvis die vielleicht rebellischste Rock'n Roll-Nummer aller Zeiten. Wenn ich den Song als Teenager auflegte, schleuderte ich mich wie ein durchgeknallter Bodenturner gegen die Wände unseres Kinderzimmers. Und damals hatte der Song schon zwanzig Jahre auf dem Buckel.

Selbst heute noch, wenn in irgendeinem US-Film "Hound Dog" angespielt wird, seh ich mich voller Verachtung Wände anspringen, wenn auch nur noch im Geiste, bleibe ich bei solchen Aktionen mittlerweile gemütlich im Bett liegen. Zwar bin ich meinem Kinderzimmer nie wirklich entwachsen, aber im Rücken schon.

Vom Hörensagen kenne ich nur: Elvis und sein berühmter Lachanfall. Es geschah mitten in "Are you lonesome tonight" im Hilton International, Las Vegas, als er spontan den Text des Liedes änderte: Eigentlich hätte er singen müssen: "Do you gaze at your doorstep and picture me there?"; heraus gekommen ist stattdessen: "Do you gaze at your bold head and wish you had hair?" Als daraufhin jemand aus den vorderen Reihen mit seinem Toupet gewunken hat, war es mit Elvis komplett vorbei. Er bekam einen Lachkrampf während die Background-Sängerin sich nicht aus der Ruhe bringen ließ und weiter sang.

Ich habe die Aufnahme zwar nie gehört, aber oft erzählt bekommen, dass mir so ist, als hätte ich sie hundert Mal gehört, und so ist es ja auch richtig. So soll es sein, mit Mythen und Legenden. Man ist ja selten bis nie dabei, wenn Gott die zehn Gebote ausruft, also liest man das Alte Testament.

Eine Weile waren wir richtig hinter dem Song her, haben Flohmärkte und Plattenbörsen abgeklappert. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, über die Deutsche Elvis Presley-Gesellschaft rauszukriegen, auf welchem Live-Album die Nummer ist, aber das war es irgendwie nicht. Wir haben den Song bis heute nicht aufgetrieben, und mittlerweile wollen wir es auch nicht mehr, in Zeiten, wo YouTube jeden Furz veröffentlicht, hat der Pop seine Rätselhaftigkeit verloren.

Zumal es viel schöner ist, mit der Ahnung von Schönheit durchs Leben zu spazieren als der Schönheit selbst zu begegnen. Es ist wie mit dem Träumen. Den ganzen Tag läufst du mit dem Geschmack eines Traumes durch die Gegend, bis am Abend nur noch ein letzter Kitzel übrig ist, eine flüchtige süße Unkenntnis.

So soll es sein.
11.7.17 18:39


Da knallen wir noch ein Überbein rein

Seit einem erneuten Bandscheibenvorfall schleppte ich nicht nur ein taubes Schienbein mit mir herum - was an sich nicht weiter tragisch war, nur wenn ich testweise gegen den Röhrenknochen klopfte, spürte ich: nichts - aber es erwischte mich auch alle Nase lang im Kreuz. So gesehen waren Rückenschmerzen kein Grund zur besonderen Beunruhigung, Rückenschmerzen waren zum ständigen Begleiter herangereift, zum chronischen Onkel, doch an diesem Tag strahlte der Schmerz bis tief in den Oberschenkel, und das war neu. Es fühlte sich an, als wollte sich ein zusätzlicher Knochen in die Gelenkpfanne quetschen:

Da knallen wir noch ein Überbein rein!

Ganglion-Style!

Ich zum Orthopäden, um den Schaft offenzulegen und den bösen Schienbeinschleim abzuschlürfen, mahahaa! ich bin aber auch zu gut drauf heute - astrein, was ich alles rede! Ich weiß, ich weiß, so was sagt heutzutage kein Mensch mehr, "astrein", bis auf ein paar Unverbesserliche - und für Euch schreibe ich, ihr Jungens und ihr Mädchen da draußen! Ihr Unverbesserlichen, ihr seid nicht allein!

Astrein!

Orthopädische Praxis, vierter Stock. Aus dem schnuckeligen kleinen Bretterverschlag früherer Jahre, wo es lecker nach italienischem Kaffee duftete, war eine turbulente Gemeinschaftspraxis von drei Ärzten geworden. Bläuliche Mineralwasser-Spender bubbelten in jeder Ecke vor sich hin und markierten den Umschwung, Arzthelferinnen in allen Schattierungen und Gewichtsklassen wuselten über die Gänge. Da zwei der drei Fachärzte krank bzw. außer Haus waren, wurden vorn an der Anmeldung all die Patienten abgewimmelt, die kein Notfall waren bzw. keinen festen Termin vorzuweisen hatten.

"Ich bin ein Notfall", gab ich meine außerordentliche Versehrtheit sofort zu erkennen und versuchte es darüber hinaus mit meiner speziell auf solche Fälle zugeschnittenen Leidensmiene, einer Kombination aus beleidigtem Cherno Jobatey und Peter Sloterdijks "Mir tut der Arsch weh"-Fresse.

"Ich habe schlimme Rückenschmerzen, liebe Frau. Ich hatte vor Jahren schon mal einen Bandscheiben.."

"Moment, Moment, junger Mann, Termine und Kontrollen gehen heute vor, da helfen keine noch so schlimmen Bandscheibenvorfälle. Vielleicht kommen Sie Montagmorgen wieder, dann sind wir wieder vollzählig.."

"Ja, aber ich kann kaum noch auftreten...! Hier, sehen Sie."

Ich humpelte im Kreis, direkt vor der Rezeption. Das sah nicht gut aus. Das sah man doch. Ich war ein in der Mechanik streikendes Blechspielzeug, eine total kaputte Micky Maus. Die Arzthelferin seufzte. Eine Kollegin kam vorbei, und seufzte. Alles schaute mich seufzend an. Na gut.

Ich nahm im Warteraum Platz.

"Aber Zeit müssen Sie schon einkalkulieren."

Als müsse man das nicht sowieso. Doch ohne Strafe kommt man in diesem Leben nicht davon. Nicht nach einem solchen Zirkus-Auftritt. Manchmal dauert es seine Zeit, bis die Strafe sich sehen lässt, manchmal folgt sie auf dem Fuße. Im Anschluss an meine kleine Humpelei wurde jeder Patient, der nach mir die Praxis betrat, konsequent vor mir drangenommen, und zwar zwei Stunden lang und ohne jegliche Ausnahme: Termingesichter, Zur-Kontrolle-Gesichter, Ellenbogenoperierte.

Erst als sich der Wartebereich, bis auf mich, komplett geleert hatte, Punkt zwölf Uhr, wurde ich in ein Behandlungszimmer geführt. Was nun nicht hieß, dass ich drankam.

Ich wartete nur woanders.

"In fünfzehn Minuten können Sie schon mal laangsam anfangen Hosen und Schuhe auszuziehen."

Ich wartete eine Weile. Dann zog ich mich langsam aus und ließ mich brav auf meinem Schemel nieder. Aber ich hatte schon zu viel gesessen. Ich verlor die Geduld. Ich stand verbotenerweise auf, ging auf und ab. Am Rechner rief ich per Mausklick meine Patienten-Daten ab. Demnach war ich 1998 das letzte Mal hier gewesen. Vor zehn Jahren. Wie die Zeit vergeht. Nur die aktuelle nicht. Die trat auf der Stelle.

Humpel, humpel.

Mein Bein schmerzte. Der Rücken sowieso. Ich machte noch ein paar Schritte, versuchte mich zu lockern, blickte aus dem Fenster. Im Hof stand ein prächtiger roter Ahorn-Baum, er leuchtete wie ein Hochofen, in dem all die Rücken-und Fußversehrten verbrannt wurden, denen nicht mehr zu helfen war, die man aufgegeben hatte. Ich hörte Stimmen. Die Tür schnappte auf.

"Guten Morgen! Doktor Stefan Lausch mein Name!"

Volles Haar, sehniger Typ, Mitte dreißig. Sport-Mediziner. Sein Händedruck kam so prall rüber, als hätte er sich im Handballen ein Stück Kernseife eingenäht. Damit es direkt gut roch, wenn er einem beim Händeschütteln die Knochen brach.

Erster Eindruck: cleveres Bürschchen. Der schuf sich seine eigene Klientel beim Händeschütteln. Darauf muss man erstmal kommen. Ich achtete ihn hoch. Bis auf weiteres. Noch hatten wir erst angefangen.

"So. Was haben wir denn Schönes?"

Bevor ich antworten konnte, las er schon die in der Patientenmaske vermerkten Daten ab.

"Andreas Glumm, 48 Jahre alt, Bibliothekar."

Bibliothekar. Ja, sehr hübsch. Irgendetwas hatte ich ja angeben müssen, als Beruf. Womit man seine Rosinenschnecken verdient, und das war 2007 nun mal in der Bibliothek des Design-Instituts am alten Hauptbahnhof.

"Und, wo brennt's? Akute Rückenbeschwerden...?"

Ich berichtete, welche Probleme mein Kreuz neuerdings machte. Zeigte dem Doc, wo es brannte. Das mit dem zusätzlichen Überbein in der Gelenkpfanne behielt ich für mich, Schulmediziner reagieren schon mal allergisch auf Diagnosen von Laien.

Es folgte Gymnastik. Der Doktor wollte sehen, ob ich mit den Fingerspitzen den Boden erreichte. Tat es weh, wenn ich im Liegen die Beine durchdrückte? Und wie war das? Tat das vielleicht weh? Nein? Jetzt vielleicht? Und wenn ich so mache? Immer noch nicht? Und jetzt? Wie ist es jetzt!? TUT DAS WEH!??

"Nein. Eigentlich nicht."

Vielleicht hätte ich das nicht sagen sollen. Nicht so direkt. So gar nicht wehleidig. Ab jetzt war ich in seinen Augen ein Simulant, der nur einen gelben Schein abgreifen wollte. Jedenfalls tat er meine Vermutung, dass es sich um einen weiteren Bandscheibenvorfall handeln könnte, als unwahrscheinlich ab.

"Ich denke, es handelt sich um eine Wölbung der Bandscheiben. Was arbeiten Sie noch mal, was war das.. Bibliothekar...? Also eine überwiegend sitzende Tätigkeit. Hm. Schön. Na gut, na gut. Ich ziehe Sie diese Woche aus dem Verkehr und überweise Sie zum CT. Brauchen Sie was gegen Schmerzen? Soll ich Sie spritzen? Ja..? Gut. Ziehen Sie die Hose runter."

So schnell hatte ich die Unterhose lange nicht mehr unten.

"Reicht?" fragte ich scheinheilig und zog die Buxe noch ein Stück weiter runter, angeblich um Platz für die schmerstillende Spritze zu schaffen, und tatsächlich: Sofort lugte die ansonsten im Hintergrund agierende Arzthelferin verstohlen zu mir rüber. Verdammtes Luder! Die soll sich bloß vorsehen und im Treppenhaus auf mich warten! Das heißt, wenn ich es bis dahin schaffte, ohne zusammenzuklappen!

Luder!

Computer-Tomografie. Der Radiologe war gleich um die Ecke. Was heißt um die Ecke, was heißt Praxis - ganzes Haus, drei Etagen, vierhundert Meter entfernt. Abfertigung wie auf einem Flughafen, rüder Mammografie-Massenbetrieb.

Kasernenhofton.

"Jacke und Hose aus, Schuhe aus! Wertsachen bitte in der Safe-Box verschließen! Dann hinsetzen! Jemand kommt und holt Sie ab!"

Als ich halbnackt in meiner Kabine Platz nahm, musste ich plötzlich pinkeln. Ich konnte es nicht mehr aufhalten. Hose wieder an, Schuhe wieder an und durchs Wartezimmer zum Patienten-Klo, mit fliegenden Schnürsenkeln. Ich pisste wie eine Kuh im Stehen, ich schiffte die ganze Weide voll. Dann zurück über den Gang, im Langlaufschritt, damit ich mir nicht auf die offenen Schnürsenkel trat und womöglich aufs Maul flog.

In der Kabine. Schuhe aus, Hose aus, Pullover aus. Es roch schon ein bisschen nach mir. Kaum saß ich auf dem Bänkchen, wurde mir schuppig. Ich zog den Pullover wieder an, als wie von unsichtbarer Hand die Tür aufgeschoben wurde, "Herr Glumm...?", und man mich in einen großen hellen Raum führte.

Ich sah einen stabilen Untersuchungstisch vor mir, der in einen großen Ring führte, dahinter eine große weiße Maschine, deren Schlund offenstand und auf mich wartete.

"Einmal bitte hinlegen.."

Das Bedienpersonal sah aus, als wäre es an einem Mittwoch geboren worden. Seither war es mittwochs chronisch müde und wollte nur zurück ins Bett, schon am Morgen. Nun war es Mittwochmorgen, ein Mittwoch im Oktober. Das Personal war müde.

"Ist das warm hier", sagte ich, "da wird man ja müde", und zog den Pullover aus.

"Den können Sie hier ablegen, wenn sie wollen", sagte die Sprechstundenhilfe, "aber es lohnt eigentlich nicht. Können Sie in der Hand halten."

"Warum lohnt das nicht?"

"Dauert nur zwei Minuten."

"Nur zwei?"

"Ja. Zwei."

"Die in der Orthopädie haben was von zehn bis fünfzehn Minuten gesagt."

"Nur zwei Minuten. Kein Problem."

"Und mit dem Kopf muss ich nicht in der Röhre?"

"Nein." Sie zeigte mir die Apparatur. "Sie bleiben mit dem Kopf draußen, nur ihr Körper verschwindet da drin. Sind Sie schon mal operiert worden?"

"Nein."

"Gut. Dann legen Sie die Knie über das Kissen hier und entspannen sich."

Die Liege fuhr automatisch nach vorn, einen halben Meter, bis ich mit dem Kopf die Maschine erreichte. Es war, als würde der Rest meines Körpers in einen überdimensionierten Verlobungsring verschwinden. Kam jetzt etwa die langersehnte Verlobung zwischen mir und der Gerätemedizin?! Wurde ich endlich mit der Technik vermählt!? Mit dem Somaton CT: SENSATION 16!

Um den Referenzpunkt festzulegen, wurde ich gelasert.

"Nicht in den Laserstrahl gucken!" hörte ich.

Viertelstunde später, Sprechzimmer. Einer der Radiologen, ein großer Kerl, grauer Kinnbart, hockte vor einer Batterie hochauflösender Monitore und teilte mir das vorläufige Ergebnis der CT-Untersuchung mit.

"Sie sind schon mal operiert worden?"

"Nein."

"Gut. Davon habe ich nämlich auch nichts sehen können."

Aha.

Dann blickte er mir so ernst ins Gesicht, so grimmig, als hätte er soeben einen Zentner Krebs in meinem Rücken entdeckt. Extrem bösartig streuenden doppelten Arschkrebs.

"Man sieht deutlich die Wölbungen an den Bandscheiben, es scheint aber noch kein Prolaps zu sein."

"Kein Prolaps?"

"Kein Bandscheibenvorfall. Ich würde sagen, das kann noch konservativ behandelt werden."

"Konservativ?"

Er stöhnte leise und schnell. "Ja. Muss nicht operiert werden. Wenn Sie Glück haben."

"Wenn ich Glück habe?"

"Ja! Wenn Sie Glück haben! Und wenn Sie mich fragen, sehen Sie aus wie ein verdammter Glückspilz!"

Er kam mir vor wie ein Pilot, der Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat im engen Luftraum zwischen den Lendenwirbeln unterwegs war und sich dabei langsam aber sicher mit den immergleichen vorläufigen Diagnosen zu Tode langweilte und die Schuld dafür seinen Patienten in den Rücken schob.

Er tippte mit dem Stift auf einen der Monitore und sabbelte was von Schichtaufnahmen und Gallert-Flüssigkeit und irgendwas mit einer dicken saftigen Apfelsine. Er zeigte mal hier hin, mal dort hin, erwähnte "unerwünschte Abnormitäten" und was weiß ich noch alles. Ich hörte kaum hin. Und das mit der Apfelsine hatte ich überhaupt nicht kapiert.

"Aber was letztlich bei Ihnen gemacht wird, entscheidet natürlich der Doktor..", er warf einen schnellen Blick auf mein Patientenblatt, ".. Lausch."

Als ich die Praxis verließ und nach Hause ging, fragte ich mich unterwegs immer noch, was er wohl mit Apfelsinen gemeint haben könnte und warum er nicht Orange gesagt hatte, so wie jedermann sonst heutzutage. Alle sagten doch Orange und nicht Apfelsine, und so gut wie niemand fand irgendetwas noch astrein. Aber ich hätte ihn ja auch einfach fragen können. Ja, so war das wohl, und ich wusste nicht richtig, warum alles so war, wie es war.

In der Ferne flötete eine alte Lokomotive.
12.7.17 11:25


Eines Morgens entdeckte ich eine kleine Warze an meinem Sack

Eines Morgens entdeckte ich eine kleine Warze an meinem Sack, oder wie der Holländer sagt: an mein' klootzak. Im ersten Moment befürchtete ich, eine Zecke hätte ihr Beißwerkzeug in mein Skrotum getrieben, doch aus Erfahrung wusste ich, dass ein Zeckenbiss schnell an zu jucken beginnt und warm wird, doch dieses stippelige Ding juckte nicht, und es wurde auch nicht warm. Es sah aus wie ein Fähnchen, das Buzz Lightyear versehentlich in eine Hodensack-Hautfalte gehauen hatte statt in den Mond, wie vorgesehen.

Ich zeigte das unbekannte, nicht mal einen halben Zentimeter große Objekt der Gräfin, der man eine gewisse Freude am Detail nicht absprechen kann. Sie kam sofort mit der Lupe rüber, wie es auch mein alter polnischer Hautarzt zu tun pflegte.

"Hihihi. Sieht aus wie Bienenstich", sagte sie.

"Blödsinn. Wenn mich da eine Biene gestochen hätte, wäre ich in die Luft gegangen."

"Nein, ich meine dein ganzer Sack sieht aus wie ein Bienenstich vom Konditor, so in der Vergrößerung.“ Sie schnupperte daran. „Riecht aber anders. Ein bisschen nach Hefe, wie früher, als du noch gesoffen hast. Ist wahrscheinlich doch eine Warze, das Ding. Musst du besprechen, dann geht sie zurück. Oder mit frischem Morgenurin betröpfeln."

"Wie jetzt...?! Soll ich mir selber über den Sack pinkeln?"

"Betröpfeln sagte ich, nicht bepinkeln."

Es war ihr anzusehen, dass ich ihre Phantasie angekurbelt hatte.

"Aber das funktioniert nur bei abnehmendem Mond", schränkte sie ein. "Sonst macht man alles nur noch schlimmer, und am Ende hast du einen ganzen Warzen-Park am Arsch."

"Und was war das andere...?" sagte ich, schon reichlich ernüchtert. "Mit dem Besprechen? Wie bespricht man eine Sackwarze?"

"Entweder man überlässt es einer alten Heilerin aus dem Donbass, oder man versucht es per Autosuggestion. Wie beim Autogenen Training. Du quatschst dir die Warze weg. Andererseits, wenn ich mir das Ding so anschaue, vielleicht ist es doch ein Insektenstich.“

"Und was soll das für ein Insekt sein, das ihren Stachel zurücklässt, bitte sehr?"

"Weiß nicht. Es werden doch immer exotischere Viecher eingeschleppt. Oder du versuchst es einfach mal mit Waschen."

Sehr witzig. Und sehr verunsichernd. Ich sah mich schon bei meinem alten polnischen Hautarzt vorsprechen, das prekäre Weichteil in Gänze auf seinen Schreibtisch wuchtend.

"Herr Doktor, Inspektion!“

Einige Tage später schrumpfte das Ding plötzlich, und war nach weiteren zwei Wochen ganz verschwunden. Ohne jegliches Besprechen, ohne Goldenen Schauer.

Im Nachhinein erschien mir das ganze wie ein Spuk. Ein Komplott, ein heimtückischer Anschlag auf die Blutlinie Jesu und meine Hygiene. Oder hatten die Kölner Heinzelmännchen einen Zapfhahn in meinen Hodensack gerammt, um all mein Gold abzupumpen??

„Schicksale sind das“, sagte ich.
18.7.17 13:35


Junkies sind Petzliesen II

Ich hatte genau fünfzig Mark auf der Tasche, als ich die Sparkasse verließ Richtung Mühlenplatz, wo in wenigen Minuten der Bus nach Elberfeld abfahren sollte. Verpasste ich den, konnte ich mir das Codein-Rezept übers Wochenende abschminken, Punkt zwölf machte die Praxis dicht.

Aber wenn ich es auch noch so eilig hatte, ein kleiner Umweg über die Platte musste drin sein. Unter den Junkies, die auf der Treppe am Kaufhof lümmelten und sich einen Spaß daraus machten, mit falschen Hundertmarkscheinen zu wedeln, einem Reklame-Gag aus der Zeitung, suchte ich nach Schröder. Und da saß er auch schon. Auf Arbeit. Mittendrin. Wie es sich gehörte. Ich ging auf ihn zu. Er nickte.

"Du willst was schnappen?"

"Schon. Ja. Aber.. ich hab nur vierzig. Geht auch für vierzig?"

"Nee, geht nich. Ich hab nur Fuffies. Abgepackt."

"Kein kleiner Bubble dabei, für vierzig?"

"Echt nich, nee. Ist der Tarif. Fuffzig. Nix zu machen."

Nix zu machen, nix zu machen, natürlich war da was zu machen. Noch konnte ich die Aktion nämlich abblasen. Noch konnte ich Schröder sitzen lassen an seinem versifften kleinen Arbeitsplatz mit Tarifbindung und einfach in den Bus steigen nach Elberfeld und mein Codein-Rezept abholen, in der Apotheke einlösen und wieder nach Hause fahren, das alles konnte ich sehr wohl machen. Ich war nicht abhängig von Schröder und seinem krankmachenden Gift.

"Wie ist die Schore? Gut?" stieß ich hervor.

Schröder glotzte dämlich. "Na ja, normale Bimbo-Schore eben. Ist gut. Klar. Ist die gute Schore."

Was sollte der Mann auch darauf antworten? Dass seine Schore Dreck sei? Dass man sie besser nicht kaufte? So ein Schwachsinn. Ich hatte längst verloren. Nicht an diesem Tag, sondern am Tag zuvor, und am Tag vor dem Tag zuvor, als ich ebenfalls auf dem Platz erschienen war und einen Bubble geschnappt hatte, wenn auch bei einem anderen Dealer. Ich war fast jeden Tag vor Ort gewesen, eine Woche lang. Ich war auf dem besten Wege ein ganz normaler Heroinsüchtiger zu werden. Ein grauer, mies gelaunter Mensch, in dem sich böse Aggressionen aufluden, wenn er seinen Stoff nicht bekam. Man möchte hemmungslos in anderen Gesichtern rumgrapschen. Sich so richtig mit den Fingern verirren, einen Tumult auslösen, den eigenen Schädel in die Luft sprengen.

Suchtdruck nennen Psychologen diesen Zustand. Doch was wissen die von Sucht. Psychologen sind Pappnasen, die einem ein Motto verpassen, damit man gut durch den Karneval kommt. Sie sind die Ausputzer der Gesellschaft, die Maskenbildner. Nicht mal der Begriff Suchtdruck stimmt. Ein Süchtiger leidet unter Entzugsdruck: Man will den verdammten Entzug weghaben, das ist etwas anderes als Suchtdruck. Es führt lediglich zum gleichen Ergebnis.

"Was jetzt?" fragte Schröder genervt. „Fuffie oder nicht?“

Ich mochte den Kerl nicht, den dünnhäutigen Alt-Junkie, der mit beleidigter Miene auf den Treppenstufen vorm Kaufhof hockte und seine Bubbles vertickte, als hätte sich die ganze Welt gegen ihn verschworen und zum Dealen genötigt. Als hätte die Welt irgendwann beschlossen, ihn für den Rest seiner Tage auf der Treppe zu platzieren, um minderwertiges Material zu verticken, die Leute in Zeitlupe umzubringen mit gepanschtem Stoff.

Ich erinnerte mich an einen Tag in den frühen Achtzigern, als ich mit Pulver noch nichts am Hut hatte und bei meinem alten Freund Fleschkönigs unterm Aquarium übernachtete, und da hatte auch Schröder gepennt, in dieser Nacht, auf der anderen Seite des Aquariums. Am nächsten Morgen konnte ich zusehen, wie er sich anzog, zwischen lauter bunten Fischen, als er einen fürchterlichen Hustenanfall erlitt. Ich dachte, der kratzt ab. Eine bedauernswerte Gestalt. Wo er mir seither auch begegnete, ich sah ihn zwischen Fischen.

Hustend.

Um uns herum strömten Passanten zu den Bushaltestellen, kaum jemand hatte einen Blick für die Platte vorm Kaufhof. Trotzdem war ich nervös. Ich hasste es in aller Öffentlichkeit meinen Stoff zu beziehen, doch Toni, mein italienischer Stammdealer, war nicht zu erreichen, seit Tagen.

"Sollen wir nicht lieber woanders hin?"

"Quatsch. Ist ruhig heute“, sagte Schröder. “Keine Bullen. Kein Problem."

Schröder hielt sich den ganzen Tag hier auf, das war sein Revier, hier kannte er sich aus. Ich verließ mich auf sein Gespür. Ich setzte mich zu ihm, wofür mir ein bräsiger Pillenkopf bereitwillig Platz einräumte. Der Deal ging blitzschnell über den Handteller. Bubble gegen Geldschein, ein Transfer, der mich auf der Stelle blank machte. Nicht mal Tabak konnte ich mir jetzt noch leisten, von den Apothekengebühren fürs Codein ganz zu schweigen. Aber wirklich beunruhigend war etwas anderes: die Schore. Sie wirkte auf den ersten Blick so dunkelbraun, als hätte Schröder die wenigen Prozent Heroin, die in dem Pulver enthalten waren, auch noch mit Kakaopulver gestreckt.

Ich hastete zum Bahnsteig rüber, an dem die Linie 64 gerade vorfuhr.

Obwohl die Fahrt nach Elberfeld sich mit der Aktion eigentlich erledigt hatte, stieg ich ein, ich wollte so schnell wie möglich weg vom Mühlenplatz. Angeblich wurden die Treppen vorm Kaufhof observiert, wurden Fotos geschossen vom gegenüberliegenden Pressehaus aus. Im Bus verzog ich mich nach hinten, in die letzte Bank. Studenten der Uni Wuppertal stiegen zu, Rentnerinnen, Schüler. Einer hatte ein Clever & Smart-Album in Arbeit, zog aber ein Gesicht, als handelte es sich um eine Novelle des späten Günter Grass.

Ich war so scharf auf die Schore, am liebsten hätte ich das Zellophansäckchen auf der Stelle aufgebissen und mir ein Näschen genehmigt, aber ich musste mich gedulden. Erstens waren zu viele Leute im Bus, zweitens war die Strecke nach Wuppertal zu kurvig, als dass man sich auf die Schnelle was wegsniefen konnte. Einige Monate zuvor hatte ich während einer Busfahrt leichtfertigerweise versucht, eine Nase vom Notizbuch zu ziehen, prompt war mir das Pulver in der erstbesten Kurve zu Boden gerauscht, worauf ich wie ein Wahnsinniger über den Boden gekrochen war und so ziemlich alles in die Nase zog, was Ähnlichkeit mit braunem Stoff gehabt hatte. Zum Glück war der Bus so gut wie leer gewesen, wer weiß, ob ich diese Fahrt sonst ohne Einweisung überstanden hätte.

Na schön. Dann eben kein Näschen während der Fahrt. Was blieb mir übrig, ich musste mich in Geduld üben. Doch schon allein einen Bubble in der Tasche zu haben, beruhigte die Nerven ungemein. Ich entspannte mich. Sah mich ein bisschen um im Bus. Da war die Handarbeitslehrerin mit dem strikt fettig nach hinten gekämmten Haar und den schwarzen Lederhandschuhen trotz der sommerlichen Wärme, vor ihr zwei Freundinnen aus Schwarzafrika, mit Ballonmützen, französisch parlierend. Eine Dame ging durch den Bus, sie hatte ein sehr süßliches Parfüm aufgetragen, zog den Duft hinter sich her wie eine Leine, an der eine Tüte Englische Drops hing.

Neben mir nahm ein Mann Platz, der von der Arbeit kam. Halbtagsjob auf dem Lager, früh gealtert, Stoffbeutel geschultert, nächste Haltestelle Kohlfurth. Da, wo einmal Löckchen gewesen waren, schritt die Glatze mit Riesensätzen voran. Zu diesem Mann hatte schon lange niemand mehr gesagt, oh, hast du schönes Haar. Vielleicht hatte er es auch noch nie gehört, in seinem ganzen Leben nicht. Arme Socke. Er schaute mich kurz an, genau in dem Moment, wo ich Socke dachte. Dann blickte er wieder nach unten, wo seine Schuhe waren. In der Bank vor uns saßen zwei ältere Damen, die sich unterhielten, ohne eine Pause einzulegen. Im Moment ging es um das heftige Gewitter, das in der Nacht niedergegangen war, nach drei Wochen geradezu alttestamentarischer Hitze, und in der Stadt jede Menge TV-Apparate lahmgelegt hatte.

"Mein Mann stand auf und war nur noch am ausstöpseln, Frau Schnippering. Die beiden Fernseher, die Mikrowelle, seine Heimorgel, ein Gerät nach dem anderen, dabei hatten wir schon seit einer Stunde gar keinen Strom mehr..! Lass doch, Jochem, hab ich gesagt. Ist doch gar kein Strom mehr da! Ist doch schon ausgefallen"

“Und?“ fragte die Sitznachbarin. „Hat er aufgehört?“

„Nein, natürlich nicht, Frau Schnippering. Wenn der Strom gleich wiederkommt und ein Blitz schlägt ein, haben wir alles vom Netz genommen, dann kann uns nichts mehr passieren, hat er gesagt.“

„Ach, der Jochen..!“ kicherte die Sitznachbarin.

Als der Bus in Cronenberg die erste Haltestelle in Wuppertal erreichte und sich bis auf den letzten Sitzplatz füllte, stieg ich entnervt aus. Das T-Shirt klitschnass, so heiß war ich mittlerweile auf die Schore. Was ich jetzt brauchte, war eine Telefonzelle. Ich klapperte zwei, drei Nebenstraßen ab, ohne Erfolg, erst in der Nähe eines Altenstifts fand ich ein abgelegenes Exemplar. Ich fragte mich, wann ich das letzte Mal so viel Umstände wegen eines einzigen Bubbles gemacht hatte, und mir fielen auf Anhieb zwei ähnliche Begebenheiten ein, allein in den letzten Monaten.

Das Telefonhäuschen stand unter einer Reihe hoher schattiger Bäume. Vorsichtig öffnete ich den eingeschweißten Bubble – sofort verbreitete sich Schröders üble Chemie in dem engen stickigen Raum, selbst der gebrochene gelbliche Blick des Leberkranken war zu spüren. Ich streute das Material übers Telefonbuch Wuppertal-Solingen-Remscheid, das aufgeschlagen vor mir lag, unter R, Rieder bis Rönchen, schrotete es mit der Krankenkassen-Card, bis es noch feiner wurde, pulveriger. Teilte schließlich alles in zwei Lines auf, jede etwa fingerlang. Schnell den Fahrausweis zum Röhrchen gerollt, kurz nochmal umdrehen, ob jemand kam, und dann: die erste Line. Pfah...! Es brannte so höllisch in der Nase, das Schäufelchen Chemie, dass ich würgen musste und das Kotzen so eben noch unterdrücken konnte.

Gerade als ich die zweite Straße in Angriff nehmen wollte, näherte sich eine kleine dunkelhaarige Frau in Shorts. Als sie mich entdeckte, verlangsamte sie ihren Schritt und blieb gut zwei Meter vor der Zelle stehen. Mist. Mist. Mist...! Die schien tatsächlich telefonieren zu wollen. Ich drehte ihr den Rücken zu, beugte mich übers Telefonbuch und zog den Rest des Gifts entschlossen durch die Nase, weg damit.

Ich stieß die Tür auf.

Wedelte wie doof mit der Bank-Card, die irgendwie die Telefonkarte darstellen sollte, und fragte scheinheilig, "Brauchen Sie lange?", so als würde ich ihr gnädigerweise den Vortritt lassen wollen, bevor ich telefonierte. Die Frau glaubte mir kein Wort. Grummelte was auf Italienisch, musterte mich unsicher.

"Okay", sagte ich und hielt ihr die Türe auf, wobei etwas von dem braunen schmutzigen Pulver aus meiner Nase rieselte. Die kleine Frau betrat das Telefonhäuschen und ich machte, dass ich wegkam. Als ich mich noch einmal umdrehte, vielleicht dreißig Meter entfernt, stand sie immer noch da und blickte mir nach. Es sah aus, als spielte sie mit dem Gedanken, die Bullen zu rufen.

"Komische Mann hier in Zelle! Schnüffelt in Buch!"

"SCHNÜFFELT IN BUCH??! WIR SIND SOFORT DA! HALTEN SIE DEN MANN FEST!!"

"Komische Mann aber scho weg..! Scho 30 Meter! Allo? Allo..!"

Ausgerechnet in der Nachbarstadt Wuppertal hatte der Bayer-Konzern zu Anfang des 20. Jahrhunderts Heroin entwickelt, ein Wundermittel gegen Husten. Fast hundert Jahre und viele Millionen Heroinsüchtige später gurkte ich nun einmal die Woche an den Ort des Ursprungs der weltweiten Seuche, um mir in einer Arztpraxis das Substitutionsmittel Codein verschreiben zu lassen, warum? Weil auch ich von dem Wuppertaler Wundermittel süchtig geworden war. Krönung des Ganzen: auch Codein, mein damaliges Substitut, ist ursprünglich ein Hustenmittel. Dabei hatte ich gar keinen Husten. Bis Mitte der Neunzigerjahre jedenfalls, als ich plötzlich immer schlechter Luft bekam. Der Lungenarzt diagnostizierte Asthma. Vom Blechrauchen, wie ich mir sicher war, dem Heroinrauchen von Alufolie. Also ließ ich das Rauchen von Blech sein und stieg aufs Schnupfen von Heroin um. Und da war ich nun.

1996.

Und ruinierte mir die Nasenschleimhäute.

Ich lief durch Cronenberg und wartete immer noch auf die Wirkung der Telefonzellen-Nase, mir brach der Schweiß aus. Falls Schröder Dreck vertickt haben sollte, dessen Wirkstoffgehalt gen Null tendierte, saß ich in der Patsche. Dann hätte ich ein zweites Mal Schore auftreiben müssen, halbwegs richtige Schore, halbwegs echtes Material, und das ohne einen Pfennig Geld in der Tasche.

Als die Linie 64 auf dem Rückweg schon Richtung SG-Innenstadt rumpelte, hatte auch der letzte Krümel Gift meine Nase verlassen und sickerte die Kehle runter. Ich räusperte mich, ein lautes kratziges Räuspern, das sich, warum auch immer, bis in die vorderen Sitzreihen fortsetzte, eine La-Ola-Welle der Bronchien - plötzlich räusperte sich der halbe Bus.

Schröder, du verfluchter Drecksack! Du mieser kleine Abzieher!

Statt Heroin kursierte vermutlich irgendein khakifarbener bitterer Strychninverschnitt in meiner Blutbahn! Wie konnte ich so naiv sein und etwas kaufen von einem abgewrackten Altjunkie, von dem es in der Szene hieß, er schieße Heroin nur im Cocktail mit Rohypnol und wanke wie ein Geistesgestörter durch die Nacht. Mehrfach hatte ihn eine Streife aufgegriffen und gleich ins LKH verfrachtet, erzählte man sich auf der Platte. Und die Platte hatte immer Recht. Was immer sie einem erzählte.

Zornig auf mich selbst sprang ich am Rathaus aus dem Bus, mit einem solch harten Satz, dass es mir beinah den Fuß verdrehte, als ich auf dem Asphalt aufsetzte. Sofort spielte ich die Möglichkeiten durch, wie ich Schröder auf dem Platz entgegentreten würde, um meine Ansprüche durchzusetzen.

"Eh, du Blender! War in dem Bubble vorhin auch Heroin drin?" hörte ich meine Worte, wobei ich die Rückforderung der Kohle im Geiste mit einer gewaltigen Kopfnuss unterfütterte, Ca-dongg, dass es nur so schepperte. Und wirklich: Schröder hing immer noch vorm Kaufhof herum, bei den Bimbos. Das waren die größten Abzieher. Bimbos beschissen die Leute nicht nur, wo sie konnten, gemeiner noch: sie waren clean, sie brauchten das Heroin nicht zum Leben, im Gegensatz zu den einheimischen Dealern, die durch die Bank selber süchtig waren und keine Möglichkeit sahen, anders zu Geld zu kommen.

Als ich auf Schröder zutrat, drehte er das Gesicht zur Seite. Eine Geste, die ich zunächst als Ausdruck seines schlechten Gewissens interpretierte, bis ich die beiden Gestalten links und rechts von Schröder ausmachte, die ihn merkwürdig in die Mangel nahmen. Normal gekleidete Gestalten waren das, keine Bimbos und Polacken, keine Junkies – nein, das waren Zivilbullen. Ohne einen weiteren Blick zu riskieren, schlenderte ich am Treppenaufgang vorbei, die Fußgängerzone runter, ab durch die Mitte, raus aus der Innenstadt. Na großartig. Das war‘s dann mit meiner Umtauschaktion. Kein Dealer auf der ganzen Welt würde am nächsten Tag einen Nachschlag raustun. Versuchte man es dennoch, kamen Argumente wie, "was sagst du, die Schore war schlecht? Kann gar nicht sein. Da bist du aber der einzige, der das sagt, der sich beschwert. Alle anderen waren zufrieden.."

Bla bla Kopfnuss waren die.

Im Schaufenster eines Modegeschäfts, das von einem großen Spiegel dominiert wurde, machte ich den ultimativen Pupillentest. Manchmal ist man ja breit und merkt es nicht. Soll vorkommen. Stattdessen bekam ich einen Mordsschreck, als ich mein Spiegelbild betrachtete: Die Pupillen, die mich anglotzten, waren groß wie Bratpfannen, das Ganze in einer aschfahl gehetzten Fratze. Ich musste schleunigst was unternehmen, um die Pupillen auf Stecknadelkopfgröße schrumpfen zu lassen, ohne einen verdammten Pfennig Geld auf der Tasche.

Da half nur zaubern.


"ZUGRIFF!"

Das war Kennie. Er hockte auf der Terrasse des neuen italienischen Eiscafés und winkte feixend mit der Zeitung. Mit dem Stellenmarkt.

"Wie sieht’s aus, Meister?" rief er.

"Schlecht", sagte ich und reichte ihm die Hand. “Kennie, hallo.“ Obwohl: vielleicht ließ sich da was reißen. Wenn Kennie gut drauf war, lief er gern in Spendierhosen rum. Machte auf dicken Max. Mit modisch dicken Eiern. Er war der einzige Junkie, den ich je sonntags in der langen Schlange beim Methadon-Doc mit der FAZ in der Hand gesehen hab, in aller Seelentruhe den Kulturteil studierend. (Aber das war Jahre später.)

"Wo kann man denn was klarmachen?" fragte er. "Ne Ahnung?"

"Eventuell, ja. Aber ich bin nicht flüssig."

"Macht nichts. Bin heute spendabel. Big Spender, ha ha! Du checkst, ich drück was ab.“

"Hast du ne Telefonkarte?" fragte ich.

"Klar, Mann. Hier."

Kennie war ein Sonderfall. Er war geschlagene zehn Jahre lang clean gewesen, von 1984 bis 1994. Dann hatte er einen Telefonanruf gekriegt, und ehe er sich versah, saß er im Cabrio nach Dortmund, zur alten Stammdealerin. (Was das für ein Anruf war, darüber ließ er uns alle im Unklaren, bis zu seinem Tod im Jahr 2007, nur wenige Wochen vor dem Tod von Ringo.) Unterwegs nach Dortmund baute er einen kapitalen Auffahrunfall und fuhr mit dem Taxi weiter, den Wagen ließ er der Einfachheit halber zurück. Beim Aussteigen in einem Dortmunder Arbeiterviertel knickte er am Bordstein mit dem Fuß um, Achillessehnenabris. Scheißegal. Nach zehn Jahren Abstinenz war nur noch ein Ziel in seinem Kopf: einen Schuss setzen, einen Mordsschuss, einen Heroinknaller, wie ihn sich die Welt noch nicht gesetzt hatte, auch wenn diese Aktion alles aufs Spiel setzte, was er in den letzten zehn Jahren erreicht hatte.

Der Witz in Kennies Fall, sagen wir, ein weiterer Witz in einem an Witz nicht armen Drogenzeitalter: in der Zeit, als er clean gewesen war, arbeitete der gelernte Sozialarbeiter lange Zeit in einer Drogenklinik, wo er fest als Therapeut angestellt und bei den Patienten wegen seiner praktischen Erfahrung überaus gefragt war.

"Gut dotierter Job war das, und krisenfest!"

Kennie quasselte gern. Mal träumte er von der Eröffnung eines kombinierten Brauhauses/Cafés auf Westerland („Oder wo auch immer, jedenfalls keine stinknormale Kneipe, damit kann man heutzutage nix mehr reißen“), mal von dem Aufbau einer Art Unternehmungsberatung, die sich auf die optimale Nutzung vorhandener Räumlichkeiten spezialisiert hatte.

"Was glaubst du, wie viel Konzerne gar nicht wissen, dass sie zwanzig, dreißig Zimmer Leerstand haben!" war er mal wieder kaum zu halten in seiner Begeisterung, was man in diesem Leben noch so alles anstellen könnte, außer Heroin zu sich zu nehmen.

"Kennie, pass auf, ich probier’s mal bei meiner Connection", fiel ich ihm entnervt ins Wort und stiefelte zur nächsten Telefonzelle, auch wenn mir diese verdammte Stiefelei zur nächsten Telefonzelle langsam auf die Nüsse ging. Wieso legte ich mir kein Mobiltelefon zu, wie andere auch. Um diese Uhrzeit gab es zwei Möglichkeiten, wo man, außer auf der Platte, was checken konnte: bei der Unke oder bei Toni. Ich wählte die Nummer der Unke. Die Unke saß für ihr Leben gern auf der Couch und verkaufte mit ebenso stämmigen wie nackigen Schenkeln ("Puuh, ist heiß heute, oder?") Schore und Koks. Da sie beides auch selbst zu sich nahm, in rauen Mengen, war ihre Nase in der Regel verstopft; sie schnoberte wie ein marodes Industriepferd.

Ihr Anrufbeantworter sprang an.

"Frau Doktor macht gerade Hausbesuche. In dringenden Fällen sprechen Sie ihre Mitteilung auf Band. Frau Doktor meldet sich dann zurück. Gute Besserung."

Ich stöhnte. Machte die Unke erstmal ihre Runde, war sie frühestens um Mitternacht wieder daheim. Und manchmal kam sie gar nicht nach Hause, das konnte auch passieren. Gut. Andere Connection. Toni. Der war nicht nur teurer als die Unke, der war noch auf der Arbeit. Er jobbt als Werkzeugmacher. Lief den ganzen Tag im Blaumann durch die Gegend, auch in seiner Freizeit, erst recht beim Verchecken. Der Blaumann schien ihm die perfekte Tarnung zu sein. Wem fiel schon ein Handwerker auf, der einem Mann die Hand gab, wenn man sich beiläufig auf der Straße traf. Dass dabei Heroin-Bubbles gegen Drogengeld getauscht wurde, na, mein Gott, Herr Vorsitzender, das konnte nun wirklich niemand ahnen!

Es war gleich drei Uhr. Toni hatte in einer Stunde Feierabend, erst dann konnte ich ihn anrufen. Bis dahin hieß es, zurück ins Café und dem verdammten Geplapper von Kennie lauschen. Seinen horrenden Leberwerten. Dem verfluchten Alkohol. Den vielen Jägermeistern.

"Es ist schon so weit, dass ich trotz Methadon einen Affen schiebe, wenn ich mal einen Tag keinen Jägermeister saufe."

Er plapperte und plapperte, er plapperte gegen den Stillstand an wie die ganze Welt gegen den Stillstand anplapperte, dabei wartete er nur darauf, dass es endlich vier Uhr wurde und Toni, der Italiener, von der Arbeit kam, so wie die ganze weite Welt nur darauf wartete, dass Toni endlich von der Arbeit kam und sie glücklich machte.
"Wieso bist du eigentlich pleite?" meinte Kennie. "Ich meine, so vollständig pleite."

Was war das denn für eine Frage.

"Weil ich mir heut schon einen Fuffie geholt hab", antwortete ich leichtfüßig.

"So siehst du aber nicht aus. mit deinen großen Pupillen."

"Was ja auch Abzug."

"Ein Abzug? Wer hat dich abgezogen?"

"Schröder."

"Welcher Schröder? Doch nicht DER Schröder..!?"

"Genau der."

"Alter, wie doof muss man sein, um von dem Fertigen zu kaufen. Hast du mal in sein Gesicht geguckt? Da ist keine Kontur mehr, der sieht aus wie ein beschissener Kretin, ach was, wie ein leerer Kanister."

"Ja ja, ist ja schon gut." Ich hatte keine Lust, eine jüngste Niederlage breitzureden. "Wie viel brauchst du überhaupt?"

"Hunni", meinte Kennie.

Cool.

Fünf vor vier stand ich in der Telefonzelle. Zwar besaß Kennie ein Handy, aber das durfte ich nicht benutzen, er wollte nicht geortet werden können. Kennie war schizophren, was Bullen anbelangte. Überall sah er Schmiere, ständig fühlte er sich verfolgt. Auch Toni wechselte sein Handy alle paar Monate. Seit ein oder zwei Wochen hatte er eine neue ellenlange Nummer, die ich trotzdem schon auswendig kannte. Ich hatte sie hundertmal gewählt, er war hundertmal nicht drangegangen.

"Ja, halloo?" meldete er sich mit dieser extra-cremiger Stimme, wie er es manchmal draufhatte, wenn ihm der Schalk im Genick saß. Wenn er den Geschäftsführer gab, sonor im Blaumann.

"Wie geht‘s?" sagte ich hastig. Endlich.

"Ja. Gut", sagte er. "Willst du mich besuchen?"

Ich atmete auf. Darauf hatte ich gewartet. Auf genau diese Formulierung: Willst du mich besuchen. Das war das Zeichen, dass er was auf der Tasche hatte, dass man sich wieder sehen konnte. Ich strahlte innerlich. Ein einziger kleiner Satz, und ein heroinabhängiger Mann war glücklich. Kurzfristig, versteht sich. Ein Süchtiger lebt von Kick zu Kick, der Kick ist seine einzige Konstante.

"Genau. Das habe ich vor."

"In Ordnung. Wie lang willst du bleiben?"

Es war ein lächerliches Spiel, aber Toni zog es gnadenlos durch. Wer mit Toni ins Geschäft kommen wollte, musste mitspielen.

Wenn "Willst du mich besuchen?" der Code für "Alles Okeh" war, ich hab was zu verkaufen, dann ging es bei der Frage "wie lange willst du bleiben" darum, wie viel man kaufen wollte. Sagte ich etwa "zehn Minuten", bestellte ich einen Hunderter. Fünf Minuten entsprachen fünfzig Mark usw. Die Achillesferse des codierten Frage-Antwort-Spiels war die Bekanntgabe des Übergabetreffpunkts, denn der variierte ständig und nicht jeder Ort hatte seinen Code, andere dagegen waren klar festgelegt.

Sagte Tonio etwa „Wir treffen uns dahinter“, so bedeutete es HINTER DER GROSSEN SHELLTANKSTELLE, in deren Nähe er wohnte. Und sagte Toni „wir treffen uns in der Stadt“ bedeutete es den Parkplatz hinterm Rathaus. An diesem Tag gab es ein ziemliches Durcheinander. Toni, in der Stadt unterwegs, drückte sich beim Telefonieren so lange vor der Bekanntgabe des Übergabepunktes herum, wie es ging.

"Äh, wo bist du? Zu Hause?" wiederholte ich.

"Nee, in der Stadt. Ecke Kasinostrasse Oststrasse."

"Äh", sagte ich überrascht, "gegenüber vom Friedhof?"
"Genau. Halbe Stunde."

Hm. Das zum Thema codierte Bestellungen.

"Halbe Stunde", sagte ich, und Kennie atmete auf. Wir überbrückten die Wartezeit mit zwei Pils und einer kleinen Marihuana-Lolle, was Kennie nervös machte, warum auch immer. Dann war es soweit, und er steckte mir den Hunni zu.

"Ich muss noch ein, zwei Besorgungen machen. Treffen wir uns wieder hier im Café?"

"Klar", sagte ich und zog los.

Ecke Kasino/Oststrasse ließ ich mich auf den Stufen vor dem italienischen Frisör nieder. Und wartete. Und wartete. Kein Toni weit und breit. Wo blieb der scheiß Itakker. Als ich schon aufstehen und gehen wollte, um nach einer verdammten Telefonzelle zu suchen, kam er mir keuchend auf dem Rad entgegen.

„Na endlich. Ich dachte schon, du lässt mich hängen.“

„Quatsch. Hab ich dich jemals draufgesetzt?“

„Ja“, sagte ich.

„Ach so. Okay. Stimmt. Das war was anderes. Das war ..“
„Schon gut, schon gut…“

Wir tauschten Stoff gegen Geld. Ich warf einen Blick auf die Ware.

"Oh nee, Scheiße. Nicht schon wieder so ein dunkles Zeug, Toni!" brauste ich auf. Zwei Abzüge an einem Tag verkraftete das stärkste Suchtherz nicht.

"Quatsch, die Schore ist nicht dunkel. Nur die Folie drumrum ist dunkel, ich hatte keine andere, aber die Schore da drin ist die helle, wie immer."

Na okay. Wollten wir das mal glauben. Was blieb mir auch anderes übrig. Die helle war gut. Damit konnte man arbeiten.

Am Randes des Friedhofs verzog ich mich aufs Männerklo. Machte mir ein gutes Näschen, knotete den Bubble zu. Knotete ihn wieder auf, streute mir noch ein Näschen, knotete den Bubble zu. Überlegte, ob ich mir auf die Schnelle noch ein drittes Näschen genehmigen sollte, fand das aber übertrieben, obwohl.. nur rasch den Bubble aufknoten, nur ein kleines bisschen noch, ein Näschen nur.. Als Kennie mir auf der Kasinostrasse entgegenkam, (er hatte keine Ruhe mehr gehabt im Café auf mich zu warten), hatte er eingekauft. Er war im Blumen- und im Fischladen gewesen. Er trug einen Strauß Rosen in Packpapier (bestimmt für seine Mutter), in der anderen Hand eine Schillerlocke in dünnem Fischeinwickelpapier (bestimmt für sich).

„Na, endlich!“ meckerte er. „Wurde auf Zeit.“

"Kennie“, sagte ich. „Willst du nach Hause? Machst es dir gemütlich, wie?"

Geistesgegenwärtig suchte er nach Spott.

"Sicher. Den Fisch in die Blumen stecken und auf die Heizung stellen, halbe Stunde voll aufdrehen, fertig ist der Budenzauber."

"Feine Sache auch", sagte ich und steckte ihm den Bubble zu, den Rest vom Hunni.

Der nächste Mittag. Bevor ich nach Elberfeld aufbrach, hing ich eher unhungrig im McDonalds herum und knabberte an einem Cheeseburger, als die Türe aufschnappte, und wer kam da rein? Fleschkönigs.

"Ist nicht wahr! Der alte Flesch!"

"Herr Graf."


Wir fielen uns in die Arme.

"Ich dachte, du wärst tot", meinte ich.

"Nee, noch lebe ich, Alter.“

Und wie er lebte. Wie immer nämlich. Die BILD-Zeitung so leger unter den Arm geklemmt wie ein Banker die FAZ, das rot gelockte Haar schulterlang, Schneidezähne im Eimer, Sonnenbrille X-Large.

"Na ja, die Leber ist was angeschlagen, das schon, aber sonst.. Ich bin noch auf dem Schirm." Er züngelte nach dem Cheeseburger in meiner Hand. "Seit wann frisst du denn diese Ami-Pappe, Alter?"

Wir hatten uns Jahre nicht gesehen. Damals war Fleschkönigs verschwunden, von einem Tag auf den anderen. Wie vom Paralleluniversum verschluckt. Keiner wusste etwas Genaues, nicht mal sein schweigsamer Kumpel, mit dem er ständig rumgehangen hatte. Gerüchte machten die Runde. Mal hatte Flesch AIDS und siechte in einer Spezial-Klinik in New England dem Tode entgegen, mal war er auf der Flucht vor den Bullen in Nordspanien verhaftet worden.

"Wo hast du denn nun gesteckt, all die Jahre?"

"Erst in Rotterdam", sagte Flesch. "Drei Jahre in nem Zigeunerlager, unter Messerwerfern und Feuerschluckern. Einen riesigen Ami-Wohnwagen hab ich gehabt, und so einen großen Puffi-Hund, hör mal." Bis ihn der internationale Haftbefehl doch noch ereilte, und Flesch die letzten achtzehn Monate in Wuppertal absitzen musste. "Im Knast hab ich das Schreiben angefangen. Mehr so den drastischen Stil, verstehst du."

Er machte eine Geste, als ob ich schon Bescheid wüsste, und nahm die Sonnenbrille ab.

"Ich hab keine Lust mehr, so zu tun, als hätte ich noch ein zweites Leben in petto, das ich beizeiten aus der Tasche ziehen kann."

"Und sonst? Was macht das Gift?" fragte ich.

Flesch kam näher. Seine Pupillen waren harte, kleine Diamanten.

"Na, du kennst das ja. Wenn sich eine Gelegenheit bietet.. ich mein, wer sagt schon gern nein.." Er wurde leiser. "Ich will hier nicht den Lauten machen, aber einen letzten Bubble kann ich noch abdrücken, hab ich gestern in Hannover klargemacht, auf der Platte."

"Auf der Platte in Hannover?"

"Hab eine Woche Messebau gemacht. Hannover ist die Härte, Alter. Hannover hat ne härtere Platte als Berlin oder Rotterdam. Da schleichen am Bahnhof Hunderte Fertige um dich herum und alle wollen für dich was klarmachen, die abgerissensten Vögel, total krank. Ich steh da also mit meinem Hunni wie der König von Hannover und weiß nicht, wem ich trauen soll. Urplötzlich umkreisen mich fünf, sechs Leute, schirmen mich regelrecht ab, und ein kleiner Bimbo kommt an und zählt mir elf Bubbles in die Hand. Eins, zwei, drei, vier.. ein Handel unter ehrlichen Kaufleuten, elf Bubbles fürn Hunni, richtig korrekt fette Teile. Ich sofort ins Hotel, die Türe zu und einen Bubble nach dem anderen weggeraucht."

"Der König von Hannover", flachste ich.

"Der König von Hannover mit elf Bubbles! Wie gesagt, einen Bubble kann ich dir abdrücken, eins a Material", meinte Flesch.

Das rötliche Lockenhaar, das einst sein Gesicht so engelsgleich einrahmte, es war immer noch da. Nur grober. Verfressener. Manche Haare sitzen auf dem Kopf, als wollte es ihren Besitzer bei lebendigem Leib auffressen. Wie ein Tier sitzt das Haar auf dem Kopf, das Hunger hat.
Wir einigten sich auf einen Zwanni.

"Ist wirklich eins a, das Stöffchen, da knallst du mit dem Schädel auf den Tisch, versprochen. Hör mal, im Moment wohne ich noch bei ein paar Hühnern auf der Niedersachsenstrasse, aber demnächst mache ich ne Wagenburg auf. Wie in Rotterdam. In Rotterdam hab ich Blut geleckt. Ich such nur noch ein paar Leute, die mitmachen, die auch einen Wohnwagen haben oder so. Grundstück hab ich an der Hand, ein verlassener Schrottplatz. Was meinst du? Kein Interesse? Kennst du jemanden, der Lust auf ne Wagenburg hätte? Kannst mich ja mal besuchen kommen. Mit deiner Frau."

"Wo? Auf dem Schrottplatz?"

"Nee, bei den Hühnern auf der Niedersachsenstrasse. Bin da noch ne Weile gemeldet."

Die Praxis lag in der Fußgängerzone von Elberfeld. Da ich mein Kommen telefonisch angekündigt hatte, ging ich davon aus, dass das Codein-Rezept bereits ausgestellt war und ich es nur abholen musste. Die Bruckner, eine agile Sprechstundenkraft, die stets mehrere Dinge gleichzeitig erledigte, telefonierte gerade und stöberte währenddessen in einer gewaltigen Patientenkartei. Das Wartezimmer war proppenvoll, Junkies aus Wuppertal und dem gesamten Bergischen Land gaben sich die Klinke in die Hand.
Als die Bruckner den Hörer auflegte, schob ich wie üblich den Fünfer Rezeptgebühr über den Tresen. Sie gab meine Daten in den Rechner ein, schaute auf den Computerbildschirm.

"Tja, mein Freund und Kupferstecher, heute ist nochmal ne UK fällig."

"Schon wieder? Ich hab doch erst letzte Woche.."

"Tja, wir müssen vier UK’s pro Quartal machen. So steht’s geschrieben. Dazu sind wir verpflichtet, mein Freund."

Den Kupferstecher ließ sie bereits weg. Sie roch den Braten. Verflucht. Das hatte noch gefehlt. Von der Schore, die Flesch mir abgedrückt hatte, war ich breit wie lange nicht, meine Pupillen Stecknadelköpfe. Die Bruckner reichte mir einen Plastikbecher. Für die Urin-Kontrolle. "Oder möchten Sie gleich zum Doktor rein?"

"Nee", beeilte ich mich, "nee, schon in Ordnung."

Vielleicht traf ich ja auf dem Männerklo jemanden, der saubere Pisse abdrücken konnte. Ich stand mit dem leeren Plastikbecher in der Hand vorm Waschbecken und wartete auf irgendeinen cleanen Kameraden, doch es war wie verhagelt. Entweder hatten die Leute ebenfalls Beikonsum gehabt oder aber ich erntete erst gar keine Antwort. Nach zehn Minuten gab ich auf, pinkelte in den Becher, und stellte ihn, nur spärlich gefüllt, "mehr geht nicht", im Labor ab.

"Ist das Rezept schon fertig?" versuchte ich es.

"Na, Moment, mein Freund", rief die Bruckner, die meine Frage vorn an der Rezeption mitbekommen hatte. "Erstmal schön das Ergebnis abwarten."

Ich nahm im Warteraum Platz. Pech auf ganzer Linie. Schließlich konnte man Glück haben und das Rezept wurde schon ausgehändigt, bevor das Screening durch war und das positive Ergebnis feststand. Positiv getestet auf Morphine, Amphetamine, Benzos, Kokain. Dann hieß es, schnell um die Ecke in die Apotheke und das BTM-Rezept einlösen, bevor eine Arzthelferin in der Apo anrief, um das Rezept zu stornieren. Dann war Sense mit Take Home, dann hieß es mindestens zwei Monate lang jeden Tag in der Praxis in Elberfeld antanzen und Codein abschlucken, statt den Vorrat für eine Woche mitnehmen zu dürfen.

Als ich so dahockte, zwischen all den anderen Fertigen, schraubte der Doc plötzlich den Kopf aus dem Chefzimmer, und zufällig traf mich sein Habichtblick. Er fixierte mich regelrecht. Auch wenn der Vorgang nur eine Sekunde dauerte, ich sah Hass aufblitzen in seinen Augen. Es dauerte keine zwei Minuten, da winkte der Doc mich ins Chefzimmer. Und kam gleich zur Sache.

"Was haben Sie denn für Pupillen?"

Diese verfluchten hellgrünen Augen. Da blieb nichts verborgen.

"EIGENTLICH MÜSSTE ICH KNALLHART SEIN GEGENÜBER PATIENTEN WIE SIE EINER SIND! SIE WOLLEN GAR NICHT ENTZIEHEN, SIE WOLLEN AUCH OHNE HEROIN GUT DRAUF SEIN!"

Was redete der Mann? Wieso ohne Heroin? Zeigte das Test-Ergebnis etwa nicht die Einnahme eines Morphins an? Der Doc schien zu glauben, ich hätte zu viel vom Codein intus und von daher so winzige Pupillen..

"Ich äh hab heut Morgen.. ich bin..", setzte ich konfus an, doch der Doc schien einen schlechten Tag zu haben: demonstrativ zerriss er das neue Rezept (wo hatte er das denn her, so plötzlich?) in zwei Teile.

"UND JETZT RAUS MIT IHNEN!"

"Doktor, ich geb ja zu, ich hab heute.. die vergangenen Tage zu viel genommen, ich hab Stress.. mit meiner Freundin, und damit ich keinen.. Beikonsum.."

Während ich irgendetwas faselte, fasste ich den Entschluss, hier so lange sitzen zu bleiben, bis ich ein neues Rezept in den Händen hielt, und sollte es auch das letzte sein, was ich in dieser Praxis jemals ausgehändigt bekommen sollte. Der Arzt tippte unwirsch auf der Tastatur herum.

"WIE OFT KOMMEN SIE? EINMAL DIE WOCHE?!"

"Ja, alle sieben Tage."


"NA, DAS IST JA WOHL EINMAL DIE WOCHE ODER NICHT!?!"

Das könnte ihn besänftigen, dachte ich. Schließlich war ich genau im Rhythmus. Ich war keinen Tag zu früh in der Praxis. Viele Junkies kamen einen Tag vor ihrem Regulären Turnus-Tag, weil sie zu viel genommen hatten und ihnen ein Tag fehlte. Das brachte den Doc regelmäßig auf die Palme. Der Doc schien einen Gang zurückzuschalten. Er seufzte.

"Wissen Sie eigentlich, dass Sie Codein zutiefst unterschätzen? Ein Codein-Entzug ist härter als ein Heroin-Entzug."

Ja, das war mir nicht neu. Das war Dauerthema in der Szene. Noch schlimmer sollte der Entzug von Methadon sein, eine monatelange Qual. Dennoch lauschte ich den Worten des Doktors, als hörte ich alles zum ersten Mal. Ich machte ein liebes Gesicht.

"Ein schwerer Codein-Entzug dauert mindestens sechs Wochen, und geht vor allem nach vier Tagen erst richtig los. Jedenfalls wenn man mit dem Saft so maßlos umgeht wie Sie."

Er wollte wissen, wie viel ich heute genommen hatte.

"Zehn Milliliter", tischte ich ihm auf. Das wäre zwei mehr gewesen als die verordnete Tagesdosis.

"So, zehn also. Und wie kommen Sie dann mit den Töpfen eine Woche lang aus, wenn Sie das Zeug saufen wie Wasser?"

"Das hab ich ja nur heute gemacht.. und gestern."

Dann kam ich drauf: das Ergebnis war ihm noch gar reingereicht worden. Anders konnte ich mir seine Worte nicht erklären. Er hatte meine winzigen Pupillen zufällig im Warteraum gesehen und glaubte aus unerfindlichen Gründen, der Grund dafür sei zu viel Codein gewesen. Für einen kurzen Moment erschauderte ich bei der Vorstellung, dass die Bruckner jetzt zur Türe reinkam, das Ergebnis in den Händen: Positiv auf Heroin getestet. Dann wäre ich erledigt gewesen.

".. das war das letzte Mal, Doktor, versprochen!" hörte ich mich betteln.

Der Doc winkte genervt ab.

"Ich kenn euch Vögel doch. Wenn euch das Wasser bis zum Halse steht, erzählt ihr einem das Blaue vom Himmel. Was wir machen ist folgendes: Ich seh Sie in vierzehn Tagen hier wieder. Fangen sie mit acht Milliliter an und dosieren sich jeden Tag ein bisschen runter bis Sie wieder auf fünf sind. Sie werden sehen, das funktioniert. Wenn nicht, müssen Sie sich Nachschub auf dem Schwarzmarkt besorgen, oder wo auch immer, ist mir egal.."

Er begleitete mich zur Tür und rief der Bruckner zu, sie sollte ein neues Rezept für mich ausstellen. Im Warteraum waren alle Blicke auf mich gerichtet. Ich wiederum guckte an der Rezeption vorbei, zum Labor. Da stand mein voller Becher, immer noch auf dem Tablett. Er war noch nicht mal getestet worden. Man hatte ihn schlicht vergessen.

"Noch mal Glück gehabt, wie", meinte die Bruckner, während der Drucker ratterte und mein neues Rezept schrieb.

Ich fühlte mich clean wie lange nicht.
20.7.17 17:20


Geschichten

Manchmal sind die Geschichten noch warm, wenn ich mich an den Schreibtisch setze. Es ist wie in der Bäckerei, wo einem die Verkäuferin beim Verlassen des Ladens aufgeregt hinterherschnattert, "nicht zumachen die Tüte, junger Mann, die sind ofenwarm, die müssen noch atmen… sonst werden die weich!"

"Die Geschichten?"

"DIE BRÖTCHEN!"
22.7.17 10:17


Glumms Anderer Leuts Zitatenschatz

"Ich kenne keinen, der sich so vehement gegen Veränderungen sträubt wie du. Als würde hinter der nächsten Straßenecke die große Veränderungsschlange warten, die dir in die Finger beißt", sagt sie.

Stimmt ja auch! Alles könnte in Schmerz enden!

*

„Woran man merkt, dass man älter wird? Wenn einem das, was einen früher fasziniert hat, plötzlich Angst macht.“


*

"Manche Leute sind auch in ihren Häusern obdachlos."


*

"Es gibt sowieso nur einen einzigen akzeptablen Suizid: die Schwerkraft ausknipsen und kopfüber ins All fallen. Alles andere ist Kokolores."

- Die Gräfin -


*

"Man müsste drei Pimmel haben!!!" schrie Lonnie betrunken und schlug auf den Tresen, dass das Holz nur so splitterte. "Einen zum Pissen, einen zum Poppen und einen für den Showroom!!!"

*

"Die Leute, die man am längsten kennt, kommen einem am spätesten nah", hat Karlos mal gemeint.

*

"Die Menschheit steht am Abgrund, sagen die Politiker, dabei sind wir über den Abgrund weit hinaus - wir sind längst am Fallen, und niemand weiß, wie lange der Fall dauern wird, und wo er endet."

Benzini

*

"Wenn man seine Hände in Unschuld wäscht, kriegt man die dann sauber?"


*

"Na, hast du dir wieder einen Satz von mir gestohlen und drübergezogen wie ein schönes Hemd..!?"

- Die Gräfin -
26.7.17 10:56


Ein blo(g)ckierter Mann

"Man kann vor alles und jedem flüchten in der Welt, aber nicht vor sich selbst. Man muss damit klarkommen, wie man ist", sagt die Gräfin.

Manchmal tut es einfach gut, gewisse Dinge zu hören.

*

Der Großteil der Kraft eines Grizzlybären liegt in seinen Vorderpfoten - der Schreibhand. Und: Zum Markieren seines Reviers, etwa wenn die lokale Bärin jückig ist, pinkelt er sich auf die Füße und stampft ausgiebig durchs Gelände, und zwar so lange, bis auch der letzte lokale Bär Bescheid weiß, wem dieses Landgut gehört.

Das sind Dinge, die ich im Nachtprogramm von Phoenix gelernt habe, sie sind mir die liebsten. Vielleicht war es auch im Rahmen eines nächtlichen Doku-Marathons auf n-tv, kann auch sein. Ist auch nicht schlecht, n-tv. Ist ja auch egal, wo die Sendungen laufen, die Sendungen an sich müssen gut sein. Man kommt schon mal durcheinander, wenn man schlecht schläft, man weiß oft gar nicht, wo man die Nacht im Einzelnen verbracht hat, ob auf Pro7 oder WDR, wenn man am Morgen - ja, was denn: aufwacht??! Kann man denn von Aufwachen reden, wenn man gar nicht geschlafen hat?

*

Belgisches Frittenwetter, sagt sie.

*

Regenschauern extrem. Talsperren laufen über. Dazu hohe Luftfeuchtigkeit. Sie meint, ich solle mal im Internet gucken, wahlweise auf Videotext, wie lange sie noch Kopfschmerzen hat.

"Verdammter Vollmond! Nicht mal den Mittagstisch aufräumen kann man, ohne dass man mit dem Schädel gegen die Küchenlampe rumst."

Kein Wunder, dass sie Kopfschmerzen hat. Sagt sie. Wenn die Küchenlampe so niedrig abhängt.

Draußen nieselt es.

*

"Jeder Mensch, der richtig zu Schotter kommt, verändert sich, dagegen kann man nichts machen. Selbst wir würden uns verändern, mit ein paar plötzlichen Millionen im Rücken. Man fliegt ein bisschen, wenn man reich ist, und man hat keine große Lust mehr aufs gewöhnliche Fußvolk."

*

"Mit einem umtriebigen Geist wie meinem gibt es nichts Schöneres, als am frühen Nachmittag im Bett zu liegen und dem Universum zu lauschen. Das ist die totale Entspannung. Weißt du, was die eigentliche Vertreibung aus dem Paradies ist? Unser Nicht-Entspannen-können in der Welt."

- Die Gräfin -

*

Anfang Juni hatte ich die schlimmste Verstopfung meines Lebens. Ein Gefühl, als würde nur noch eine Umwälzpumpe helfen können, meinen Darm in Bewegung zu bringen.

"HOLT EINE DECKE, DER BULLE KALBT!!"

Ich habe mich noch nie so blockiert gefühlt über einen so langen Zeitraum.

Darmtechnisch gesehen jetzt.

*

Ich kenne keinen, der sich so vehement gegen Veränderungen sträubt wie du, sagt sie.

"Als würde hinter der nächsten Straßenecke die große Veränderungsschlange warten, die dir in die Finger beißt", sagt sie.

Stimmt ja auch! Alles könnte in großen Schmerzen enden!

*

Gut kacken ist wie das Auslaufen eines Schiffes aus dem Heimathafen, auf den Landungsbrücken stehen die Menschen, sie werfen Hüte in die Luft und jubeln. Verstopfung? Ist ein vergammelter alter Kohlehafen.

*

"Verdacht auf Ileus", schrieb der Doktor auf den Einweisungsschein fürs Klinikum. "Damit gehen wir auf Nummer Sicher. Warten Sie noch ein oder zwei Tage und machen ein paar Einläufe, aber wenn es Samstagmorgen immer noch nicht geklappt hat, gehen Sie besser ins Krankenhaus."

"Ileus ist Darmverschluss, schätze ich?" sagte ich.

"Ja."

*

Ein blockierter Mann.
Ein blogierter Mann.
Ein blo(g)ckierter Mann.
Ein blo(g)kierter Mann.


*

Ich wurde 1960 geboren, dem Jahr, in dem Armin Hary in Rom die 100 Meter in 10,0 Sekunden lief, in dem John F. Kennedy in den USA Präsident wurde, trotz schlimmster Rückenschmerzen, und in dem der Rock'n Roll seine erste große Krise durchlebte.

Als die Gräfin zwei Jahre später geboren wurde, im September 1962, hatte Marylin Monroe einen Monat zuvor Selbstmord verübt.

"Dabei ist ihre schillernde Seele über den großen Teich gekrochen, geradewegs in mich hinein", glaubt sie. "Mit all den Depressionen."

*

Freitagmittag besorgen wir uns in der Apotheke ein Prager Klistier, ein großes Arzneimonster mit Pumpe, groß genug, um einem Waldelefanten aus der Not zu helfen. Insgesamt verpasst mir die Gräfin innerhalb weniger Stunden vier kolossale Klistiere. Der große Durchbruch kommt aber erst am nächsten Tag. Da rappelt es im Karton. Ene mene miste.

Die Verdauung kommt so fluffig, ich hab mir im Nachhinein noch mehrfach in die Hosen gemacht. Breischiss, sag ich nur. Wer aber einmal so richtig Verstopfung gehabt hat, der begrüßt jeden durchfallähnlichen Abgang wie eine weltweit geliebte Persönlichkeit.

Seitdem habe ich Odysseus hinter mir, wie die Mutter der Gräfin zu sagen pflegt, wenn sie aus einer Nummer heil rausgekommen ist.

*

Ich hatte zuvor fünf, sechs Tage nicht geschissen, aber das war nicht der Auslöser für meine plötzliche Panik. Ein paar Tage nicht aufs Klo können, mein Gott, da habe ich schon schlimmere Verstopfungen erlebt, als ich noch Heroin schnupfte. Was es aber so knifflig machte: Ich hatte schon in den Wochen zuvor stets das Gefühl gehabt, mich nicht komplett zu entleeren, und zuletzt nur noch Böhnchen gekackt.

Freitagfrüh latsche ich zu Fuß los, ich will zum Doc. Mir geht's nicht gut.

"Ich hab ein Geschmack im Maul wie ein korrupter Tscheche", sag ich zur Gräfin.

"Ich kann dich doch fahren", meint sie, aber ich winke ab. Ich brauche Bewegung. Vielleicht kann ich den Darm noch offenlatschen. Außerdem bin ich mittlerweile nicht nur blockiert, was den Darm betrifft, auch die Psyche nimmt Schäden. Ich mag nicht Autofahren. Schon die Vorstellung, in einem Auto zu sitzen, macht mich zum Wrack.

Große Panik No. 54. Glumm stirbt, er kackt seit Wochen schlecht. Ich seh mich schon mit Darmverschluss auf der Gastro liegen, ich werde operiert, ich hole mir Krankenhauskeime en bloc, ich verblute auf dem OP-Tisch, es ist ein Elend. Andere Leute sagen sich vielleicht, was soll's, ich hab Verstopfung, mach' ich mir ne Packung Abführmittel auf und gut ist, das ist bei mir nicht drin. Ich sterbe jedes Mal, wenn mein Körper in seiner Funktion gestört ist. Ich schaffe es Freitagfrüh kaum in die Stadt, so kraftlos bin ich, so sehr nervt das Getöse um mich herum.

Vor der Kapelle des Friedhofs Kasinostraße hupt jemand, der Vater der Gräfin sitzt im parkenden Wagen und winkt mich heran. Ich sterbe, würde ich am liebsten sagen, doch er kommt 80jährig selbst grade vom Arzt, ich sehe das Pflaster in der Armbeuge.

Angst ist das Gegenteil von Vertrauen.

Der Vater der Gräfin meint später, er hätte mich noch nie so blass und müde gesehen wie an diesem Morgen.

*

Als ich im Bus nach Gräfrath fahre, zur Praxis meines Hausarztes, bin ich so fixiert auf mein Leiden, auf meine verdammte Verstopfung, dass ich die automatische Banddurchsage missverstehe. Statt "Nächste Station Central" höre ich "nächste Station rektal."

*

"Weißt du, in welchem Zeitalter wir leben?" fragt sie später beim Abendbrot. "In dem, wo die Reichen den Himmel gekauft haben und das Kamel durchs Nadelöhr spaziert."

*

Der Doktor gab mir noch etwas mit auf den Weg, den Tipp, zum Frühstück Weißbrot links liegen zu lassen und lieber Müsli zu essen. Das beherzige ich seither, obwohl die Gräfin schon seit Jahren neben mir sitzt und Basismüsli ohne Rosinen frühstückt, was ich stets mit einem blasierten "lass mich mit den Jod SL-Körnchen in Ruhe" von mir wies. Jetzt steht jeden Morgen ein Schüsselchen Getreideflocken vor mir, in Hafermilch getränkt, und es schmeckt großartig und ich scheiße wie ein junger Prinzgemahl.
27.7.17 18:29


Götz Otto liest Glumm

Es gibt eine neue App, die Storyapp, da liest der James Bond-Schauspieler Götz Otto eine Geschichte aus meiner "Geplant war Ewigkeit"-Reihe, hier mit dem ungewöhnlichen Titel "Geplant war Ewigkeit."

Hört sich gut an.
28.7.17 14:11


s



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