Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Überall Till Brönners

"Es ist wie beim Jazz. Der Jazz kennt keine schmutzigen Typen mehr, es ist alles aus und verloren. Überall Till Brönners, die schöne Baby-Musik machen mit Brei-Trompetchen und dafür auch noch gefeiert und herumgereicht werden, wenn auch von den falschen Leuten, auf den falschen Schultern, mit vergifteten Komplimenten.

Wer erinnert sich noch an die alles verschlingende Gier in der Stimme eines Chet Baker, wer an die Schwindsucht eines Charlie Parker, an die herbe Verschwitztheit einer Billie Holiday? Es ist nichts geblieben. Nur weiße, brave, sich selbst feiernde, stinkende Langeweile."

aus: Is okay, Riese!
1.6.17 09:06


Die Funktion des Vorbilds

Im Netto-Markt treff ich Agnetha, die sofort auf mich einsülzt, ohne großes Vorspiel, Ostergebäck in der Hand: Wie isses? Was machst du? Was macht die Gräfin? Der Hund, gesund?

Ach!

Agnetha war auf Heroin, lange her, zu Beginn der Achtziger. Damals jobbte sie im neueröffneten McDonalds nahe der Autobahnzufahrt und ich schätze, es gab weltweit keine Thekenkraft mit zerstörterem Gebiss.

Solange sie die Klappe hielt und nur die Bestellung entgegennahm, war alles in Ordnung. Doch wehe, sie fasste nach. "Die Pommes groß oder klein?"

In diesem Moment offenbarte sich dem entsetzten Kunden eine Reihe derart ruinierter zerschlissener Mundmöbel, durchgesessen, eingesaut, in stinkigem Fleisch abgesoffen, dass manche Bestellung nicht weiter verfolgt wurde.

Nun ja, lange her. Ihre Zähne sind tipp-topp restauriert, sie ist clean, hat zwei Kinder, nur gelegentlich sieht man ihr die alte Erschöpfung noch an. An solchen Tagen stellen sich die Heroinfalten wieder auf, als hätten sie nur kurz Schönheitsschlaf gehalten.

Sie hat ihren achtjährigen Sohn dabei, der hat Langeweile im Discountermarkt, logisch. Und damit er nicht stört, während sie mich vollsülzt, ("der Große ist jetzt in der Pubertät bla bla der hat zu nichts mehr Bock bla bla der stinkt wie ein Hirsch"), schickt sie ihn zum Regal mit den Knabbereien.

"Geh Chips zählen, Tim", sagt sie.

Der Junge hockt sich nieder vorm Salz-Regal und kämmt die Pringles-Dosen und Crunchips-Tüten durch.

"Drei im Sinn", höre ich ihn murmeln.

"Das kann Timmy supergut", sagt Agnetha mit dem Stolz der Mutter, die so eben noch die Kurve gekriegt hat. "Alles muss er durchzählen, da ist er ganz wild nach. Und wenn er es richtig zählt, darf er es auch aufessen. Der Schulzahnarzt schlägt schon die Hände zusammen, wenn er Timmy kommen sieht."

Hah!
7.6.17 07:26


Verzeihen Sie mein Deutsch (und mein Leben)



Anfang des 20. Jahrhunderts stellte die KPD im „roten Solingen“ zwei Mal hintereinander den Oberbürgermeister, das gab es sonst im ganzen Deutschen Reich nicht. Solinger Kommunisten waren hochspezialisierte, überdurchschnittlich gutverdienende Schneidwarenarbeiter, dementsprechend war auch ihr Selbstbewusstsein.

Schon 1848 waren zornige Arbeiter zu den Fabriken der Schneidwarenmagnaten geströmt, um gegen das Trucksystem zu protestieren: Für ihre Arbeit wurden sie nicht mit Bargeld, sondern mit Waren entlohnt. Die Wut darüber war groß, Fabriken brannten nieder und lagen in Schutt und Asche, das verhasste Trucksystem wurde abgeschafft. Zu Ehren dieser Aufstände, die mit der französischen Revolution einhergingen, heißt das Baguette noch heute in der traditionellen Solinger Bäckerei Knüppelbrot.

Hä hä.

Gern möchte ich in diesem Rahmen an den 28. April 1988 erinnern. Einige Dutzend Bierkommunisten hatten am Abend zuvor im Mumms auf der Mummstraße den 140. Jahrestag der Solinger Schleiferaufstände gefeiert. Nach bestätigten Berichten war nach Mitternacht am Tresen sogar kurz die Sonne herausgekommen, in beteiligten Schädeln.

Einen Tag später erwachte ich früh, mit fiesem Nachgeschmack und einem Herzpochen, als wolle jemand raus aus mir. Als würde jemand von innen Klopfzeichen geben: Hilfe, man bringt mich um. Der Kerl trinkt zu viel. Der Kerl stinkt nach Kippen. Ich lag da und hörte die Regionalbahn, die oberhalb des Zedernwegs das südöstliche Stadtgebiet streift, ein entferntes Rattern auf weichem Gleisbett, sehnsuchtsvoll, gleich dem Brausen des Meeres.

Flüchten, dachte ich. Raus hier.

Wegkommen ist alles.

Ich flüchtete mit der Obus-Linie 83 Richtung Wuppertal-Vohwinkel, von da per Schwebebahn bis Elberfeld, Zentrum des Frühsozialismus und Heimat der schwarzen Seele Else Lasker-Schülers.

Ich suchte ein Straßen-Café auf. Beobachtete am Nebentisch einen Schnösel, der seine Manschetten richtete und wichtigtuerisch die FAZ ausbreitete. Natürlich gehört man nicht automatisch zum Establishment, nur weil man Anzug trägt und die FAZ liest, aber irgendwie doch. Die vielen engen Buchstaben am Nebentisch machten mich kirre, zwangen meine armen verkaterten Augen zum Tränen: dieser verdammte Schnaps! Dieses verdammte Kommunistenpack! Ständig waren alle gleich besoffen, alle gleich voll, aber nicht alle gleich verkatert.

Ich war immer der Verkatertste.

Das Schlimme am Saufen war ja nicht das Saufen an sich, das Schlimme war der nächste Tag. Der nächste Tag war definitiv kein Kommunismus mehr, da musste jeder selbst zusehen, wie er zurande kam. Ich wusste verkatert nichts mit mir anzufangen, und da ich mindestens zwei Mal die Woche besoffen war, wusste ich zwei Mal die Woche nichts mit mir anzufangen.

Dieses trübe Katerfeeling, als lastete ein schwarzer Himmel auf der Seele, ein schwerer schwarzer Regenhimmel, der sich jeden Moment entladen konnte, doch er entlud sich nicht, er verweigerte dem trinkenden Arbeiter in mir diesen Gefallen, er blieb nur präsent und drückte einen nieder.
Zum 140. Jahrestag hatten wir die Aufstände Solinger Schleifer besonders kräftig begossen, an zwei Abenden hintereinander, und das auch noch mit Altbier, weil im Mumms ein neues Kühlsystem montiert wurde und kein Kölsch gezapft werden konnte.

Um 15.01 Uhr saß ich dann (komischerweise) im Nahverkehrszug nach Bottrop. Bottrop? BOTTROP? Wie scheiße nonstop besoffen muss man gewesen sein, um am nächsten Tag freiwillig die Eisenbahn Richtung Bottrop zu besteigen!?

Ich legte den Kopf in den Nacken und lachte den Herrgott aus für seine Entscheidung, mich, Andreas Glumm, auf dem Elberfelder Bahnsteig 2 vor den großen Fahrplan (Abfahrt) gestellt zu haben, nur um das Fahrziel mit der längsten Fahrzeit zu ermitteln, das unser Tarifgebiet mit Tagesticket hergab. Damit ich so lange wie möglich unterwegs war und aus dem Fenster starren durfte.

Tatsächlich fühlte ich mich so lausig und neben der Spur, dass nur noch Zugfahren half. Da half nur noch Schuhe ausziehen, mich langmachen und aus dem Fenster blicken, Landschaft und Autobahnzubringer vorüberziehen lassen, da half nur noch Strecke machen bis Bottrop. Vorbei an Barmen, dem Geburtsort Friedrich Engels‘, bis Essen-Kupferdreh, wo zwei Frauen zustiegen, die gut miteinander konnten.

„Bei meiner Schwägerin in Italien ist jetzt die zweite Brust auch weg.“

Zwei Teenager steckten die Köpfe in die BRAVO GIRL, jemand zählte sein Kleingeld. Das Geräusch kam mir bekannt vor, ich hatte tags zuvor meine gesammelten 5-Pfennig-Stücke zur Bank gekarrt (30 Mark 70), weil die Groschen schon vierzehn Tage vorher an der Reihe gewesen waren.

Der Kupferkassierer war nett, half beim Zählen. Ist mal ne Abwechslung, sagte sein Blick. Ich bring morgen die Zweipfennigstücke, sagte ich. Morgen ist Sonntag, log er.
Unsere Hände rochen streng nach Kupfer.

15 Uhr 15, Essen-Steele. Frische Brise in Essen-West, 15 Uhr 25.

Warum ich immer so traurig bin, hatte mich in der Nacht am Tresen die mollige Blondine gefragt. (Auf Bahnsteig 3 trillerte der Schaffner zur Weiterfahrt.) Warum ich immer so besoffen bin, hätte sie mich genauso gut fragen können. Das wäre anständig gewesen. Ist doch wahr. Wahrheit und Anstand, darum geht‘s, bis zum bitteren Ausstand.
Wir kamen aus Essen irgendwie nicht raus.

Essen-Borbeck, 15 Uhr 32.

Plötzlich war ich ganz allein im Abteil. Essener Hinterland flog vorbei, die Schrebergärten-Kolonien. Schrebergärten sind das Meer des Ruhrpotts, die RWE-Fahnen seine Segel. Wir passierten ein Trainingscamp für Springpferde, der Parcours war abgesteckt mit Oxern und Kombinationen, auf meinem Weg nach Bottrop. Richtung Vergessen, den Kater abmurksen. Richtung See, die ihr Silber heranrollt.

Ich betrachtete meine schmutzigen Fingernägel. Wie zum Henker kriegt man vom Saufen schmutzige Fingernägel? In Elberfeld war ich zweimal hintereinander in der Peepkabine gewesen. Hatte lachen müssen beim zweiten Mal, weil der Schwanz in der Hand so vertrottelt dreinschaute. Ein Kasperle auf Brautschau. Das erste Mal war besser gewesen, da hatte ich gründlich gewichst. Ja, ich war ein Freund von Auftakt, vom ersten Mal.

Der Aschenbecher klappte zu, in wilder Fahrt. E´pericoloso sporgersi. Verzeihen Sie mein Deutsch und mein Leben, ich kann nicht anders. Ich fang gerade erst an. Lesen Sie weiter, steigen Sie aus, ganz wie Sie mögen, es bleibt gleich.

Die Dame mit der abgewetzten Aldi-Tüte lutschte Zitroneneis in Höhe Essen-Dellwig Ost, 15 Uhr 43.

15 Uhr 45, Bottrop.

Vom Bahnhof aus nahm ich den Bus in die innere Stadt. Da, wo alle ausstiegen, stieg auch ich aus. In der Fremde sucht der Flüchtende stets die Herde, die Gleichgesinnten. Ich stieg den Pferdemarkt rauf und runter, kehrte entschlossen in eine Gaststätte ein.

Beim Rudi. Kölsch? Die Wirtin war baff. Wir sind im Revier! Na. Dann eben ein großes Pils.

„Gut. Und selbst?“

„Solang es noch schmeckt.“

Das Publikum am Tresen: drei Männer, eine Frau. An der Wand ein Mannschaftsfoto der Boxfreunde Bottrop. Doofe Schlagermusik. Weiteres Publikum polterte herein. Begrüßung per Handschlag. Irgendeiner hieß immer Orlowsky. Ein anderer hatte vierzehn Tage lang keinen Fusel getrunken. Jetzt Pils und Aufgesetzte. Die einzige Frau stellte ihr leeres Fanta-Glas ab und sagte heiser Auf Wiedersehen.

„Immer schön langsam, genau.“

Die Wirtin, ein nettes, servierte mit Bedacht. Ein männliches Kneipentier erhob sich und schloss die Eingangstür, weil ihm kühl wurde.

„Ich hab zugemacht, ne.“

„Tag Oskar.“

Zwei Frauen traten ein.

„Tag Anni.“

Sie kamen vom Einkauf, rauschten mit Tüten und Taschen bepackt in die Küche. Wo sie weiterschnatterten. Im Radio das Hafenkonzert live! aus Duisburg. Sozusagen um die Ecke praktisch. An Rhein, Ruhr und Wupper ist ja alles um die Ecke praktisch. Trotzdem: Was wussten die im Pott vom Schleiferaufstand 1848 in Solingen. Ich lehnte mich zurück.

Manchmal bin ich Jesus, hatte ich am Abend zuvor dem Mitsubishi Boy anvertraut, im besoffenen Kopf. "Nee, mein Freund, du nicht. Du hast ein paar üble Gestalten und Gott in dir", hatte er geantwortet, "aber du bist nicht Jesus. Nicht grundlegend. Vielleicht ich."

Ich war beim dritten Pils angelangt, als das Hafenkonzert von Werbung unterbrochen wurde für Deutsches Suppenhuhn, Güteklasse A, eins neunundneunzig. „Ticke-Ticke-Tacke, jeder hat ne Macke.“ Das Jugendschutzgesetz stierte mich vergilbt an, so von der Wand herunter. „Ne große oder ne kleine – jeder Mensch hat seine.“ Ein Pils noch.

Ich war im Revier angekommen. Ein Rentner humpelte auf Krücken rein. „Hundert Meter schaff ich in ner Viertelstunde!“ Er trug einen schwarzen Hut mit breiter Krempe.

„Mensch, Jung, dat is doch so dunkel hier in der Ecke..“, meinte die Kellnerin, als sie mir das vierte Pils an den Tisch brachte und das Notizbuch sah. „Und dann noch so klein schreiben. So kleine Buchstaben. Mach doch größere. Ist besser für die Augen, Jung.“

Ich Jung, ich Solinger Bierkommunist, ich auf der Flucht! In der Fremde! Mich schreibend bewegend! Notierend! Kleine Notizen! Das stimmt!

„Hört ma, Männer, kommt da ein Gewitter?“

„Musste mal oben anfragen, darauf kann ich dir so keine Auskunft geben.“

„Tschö Oskar. Komm, gib mir die Linke, die Flinke.“

„Wir haben ja strammen Ostwind, aber die Wolken kommen von Westen.“

„Der Theo hat den Finger im Wind gehabt, der muss dat wissen.“

„Wenn es in Bottrop regnet, hört dat die nächsten zwei, drei Stunden nich mehr auf.“

„Is dunkel draußen wie die Nacht.“

Theo wurde weinerlich und blendete Geschehnisse vom letzten Weltkrieg ein. Ganz plötzlich. Ohne Überleitung. Von gelben grausamen Granaten, die überm Pott einschwebten und explodierten, aber keiner hörte zu. Hans suchte sich einen Hocker. Mit einer Stimme, spät genesen von bösem Asthma.

„Hast du in der Firma keine Sitzgelegenheit?!“

Die Flucht endete in einer Reibekuchenbude, ganz am Ende des Pferdemarkts. Drei goldene Deckel aus frischen Kartoffeln. Mir gegenüber mampfte ein kleiner mongoloider Junge eine Currywurst und starrte mich an.

„Du siehst aus wie ein Rocker“, sagte er.

Als ich schon auf der Straße war, wiederholte er seine Beobachtung: „Du siehst aus wie ein Rocker!“ rief er mir nach.

Rückfahrt. Ich saß entgegen der Fahrtrichtung und rauchte etwas Gras. Das Stadtgebiet Essen wollte wieder nicht enden. Ich sah große beleuchtete Discountermärkte, wie Raubtiere standen sie da, mit aufgerissenem Schlund, am Wasserloch nach Kundschaft schnappend. Der Schaffner glitt freundlich durch den Zug und erinnerte mich daran, beim Aussteigen die Schuhe nicht zu vergessen. Nee, natürlich nicht.

Ich bin doch nicht besoffen.

Dahinten, das Meer.
9.6.17 01:59


Ein großes düsteres Live-Konzert

Ein Dienstag des Jahres 2009. Die Gräfin backt Reibekuchen, wünscht sich aber schnell einen Ratgeber für Problempfannen.

"Oder sehen so etwa Reibekuchen aus!?"

Entnervt wirft sie die Brocken hin. (Und es sind tatsächlich Brocken, die sie da hinwirft.)

"Ach, ist doch nicht schlimm", sag ich. "Geh ich eben hoch zum Laden und hol uns ne Pizza. Ist doch egal. Und Salat hast du doch schon gemacht."

Sie verzieht sich schmollend in ihr Zimmer.

"So kann ich nicht arbeiten! Bring ne neue Pfanne mit!"

Der Hund folgt mir durch den Park hoch zur Wupperstrasse. Der Himmel ist zugestellt mit dunklen Wänden, Gewitterwürmchen schwirren umher. Vorm Laden leine ich Frau Moll am Fahrradständer an. Der steht unterm Vordach, da bleibt sie trocken. Denn kaum latsche ich durch die Gänge und werfe die Zutaten in den Wagen, Pizza Quattro Stationi (Alles vom Bahnhof), Käse, Thunfisch, geht draußen ein mächtiges Gewitter nieder. Es blitzt, es donnert, und der Regen steppt über die Strasse wie Popcorn in einer heißen Pfanne.

"Bitte werfen Sie uns Ihr Portmonee entgegen!" brüllt die Kassiererin, als ich an der Reihe bin. "Mit erhobenen Händen!"

Krude Tagträume, die hat man, wenn man das Gefühl nicht los wird, dass alle nur noch DEIN Geld wollen. Ich meine, ein Vogel zahlt doch auch keinen Euro, wenn er im Baum sitzt und singt. Soll ich euch was sagen. Ich sage euch was. Eines Tages laufe ich Amok. Dann schieße ich einen scheiß Supermarkt zusammen. Einfach so, weil ich schlechte Laune habe.

Oder kein Geld.

Als ich wieder draußen bin, junkert Frau Moll als wäre sie eine Stunde lang angeleint gewesen, allein auf weiter Flur. Dabei hab ich keine fünf Minuten gebraucht.

"Wir müssen warten", sag ich, "bis der Regen aufhört."

Bis der Große Elektriker aufhört den dunklen Himmel zu spalten mit der Licht-Axt.

(Der Hund bekommt es mit der Angst.)

"Hallo."

"Ach", sag ich, "hallo.."

Hab ihn gar nicht bemerkt. Steht plötzlich neben mir, NETTO-Tragetasche in der Hand. Frau Moll knurrt in seine Richtung. Sie mag keine Fremden. Schon gar nicht bei Gewitter.

Sie ist auch nicht gern angeleint.

"Scheiß Regen, wa", sagt er.

"Ja, ne", sag ich.

Er ist klein und drahtig, der mittlere von drei Brüdern. Der jüngste war ein Fußballkumpel von mir, der vor Jahren was Falsches auf dem Löffel hatte und daran krepierte. Ich mochte ihn gern. Und er hatte eine nette Freundin, Mischa. Die ist auch tot.

Mit dem mittleren der drei Brüder dagegen habe ich nie viel zu tun gehabt. Meist begnügen wir uns mit einem knappen Kopfnicken, wenn wir uns begegnen. Jetzt, unterm Vordach der NETTO-Filiale, stehen wir nah beieinander, der Regen prasselt nieder. Es kracht im Himmel. Der Hund schaut zu mir hoch. Ich halte seine Schnauze in meiner Hand wie einen kleinen Vogel, das beruhigt ihn.

"Was macht dein älterer Bruder?" frag ich. "Der.. na, wie hieß er noch?"

"Wen meinst du?"

"Na, den Ältesten."

"Sammy..?"

"Sammy. Genau. Den hab ich ewig nicht mehr gesehen."

"Ich auch nicht."

"Wie, du auch nicht? Ist doch dein Bruder."

"Ja. Aber ich hab ihn seit acht Jahren nicht mehr gesehen"

Er erwidert es so postwendend und genau, als hätte er heut morgen noch durchgezählt. Die acht Jahre. Ein merkwürdiger Vogel, der mittlere. Er hat eine Fresse, die man nicht vergisst. Und er hat sich kaum verändert. Dieselbe plattgeschlagene Boxernase wie damals, als er überall nur Negernase gerufen wurde. Darunter ein ungemein schlecht gelaunter Mund.

"Wieso acht Jahre?" frag ich ihn. "Wieso weißt du das so genau?"

"Weil vor genau acht Jahren meine.. unsere Mutter gestorben ist."

Als wolle er ganz allein dem Gewitter Paroli bieten, das wie ein großes düsteres Live-Konzert über der Stadt steht, blickt er um sich und spannt den Brustkorb an. Schon früher, in den wilden Siebzigern, wollte er immer lässig rüberkommen, lässig und mutig. Doch sobald er seinen coolen Travolta-Gang hinzulegen versuchte konnte man drauf wetten, dass eine Hüpfburg draus wurde. Und wollte er böse dreinschauen, so richtig finster, wurde er einfach übersehen. Keine Frage. Wenn kleine Männer es an sich schon schwer haben, dann haben es kleine weiße Männer mit Negernase noch schwerer.

Er schaut abwechselnd in mein Gesicht und in den Regen, während ich draufhalte auf sein Gesicht, die Großaufnahme suche. Ich bin eine Art Kamera, aber keine digitale. Ich blicke weiterhin auf traditionellem Silberfilm um mich. Die Aufnahmen sind im Ergebnis nicht weniger unerbittlich als die in digitaler Machart, aber weicher in der Unterhaltung. Vertrauenswürdiger.

Und Vertrauen ist das Pfund jedes Kameramanns.

"Ich hab ihn zwischendurch mal kurz im Mumms gesehen. War ein Samstagmittag. Da stand Sammy keine drei Meter entfernt am Tresen", sagt er, "aber wir haben kein Ton miteinander gesprochen."

Er winkt ab.

"Dabei kommt das gar nicht von ihm, dass er so geworden ist. Dass er sich so zurückgezogen hat. Das ist seine Alte. Wenn er mal abends ein Bierchen trinken will, muss er sich schon aus dem Haus stehlen."

"Ist wahr? So kenn ich ihn gar nicht. Der war doch früher nur solo. Solo und besoffen."

"Früher. Aber seit er verheiratet ist.."

Ich bin fasziniert von diesem Gesicht. Es ist so bodenlos in seiner Wahrhaftigkeit. So hässlich, so wahr. So sehr Nase. So analog.

In den frühen 80ern hat er lange als Rausschmeißer und Gläsereinsammler im Riverside gearbeitet, einer Innenstadt-Disco. Einmal war ich im Riverside dermaßen betrunken gewesen, dass ich nicht mehr den Ausgang fand. Ich wusste einfach nicht mehr, wo die Türe war. Ich irrte hinter den Tischen her und wurde zunehmend panisch. Ich komm hier nicht lebend raus, glaubte ich.

Bis ich plötzlich IHN erblickte, auf der anderen Seite der Disco, hinter der Tanzfläche, auf einem kleinen Podest. Da stand er und versuchte mich zu dirigieren, mit weit ausholenden rudernden Armbewegungen, in Richtung Ausgang. Und nach einigen Fehlinterpretationen seiner Gebärden und Rempeleien mit anderen Gästen schaffte ich es endlich an die frische Luft.

Dafür danke ich ihm heute noch schön. Dass er mich 1982 aus dem Schwarzlicht geleitet hat. Für seine Lotsendienste. Aber ich sage nichts. Ich danke ihm still.

"Aber wenn's ums Erbe geht..", sagt er.

"Erbe? Was meinst du?"

"Na, das Erbe meiner Mutter.."

Jetzt wird's spannend. Moneten. Mord. Menschen, die qua Blut füreinander da sein sollten. Dazu ein spöttelnder Mund, der davon berichtet.

"Mein älterer Bruder hat damals Anzeige erstattet, gegen Unbekannt. Aber selbst der Bulle, der mich vernommen hat, meinte, dass er mich damit meinte, mit Unbekannt."

Ich kapiere kein Wort. "Hm?"

"Mein lieber Bruder hat doch damals überall rumposaunt, ich wäre es gewesen, der unsere Mutter tot aufgefunden hat. Ich wäre der erste gewesen in der Wohnung und hätte das ganze Geld geklaut, das sie unterm Bett aufbewahrte."

Seine gefüllte Unterlippe, wie Pastete. Ich hab Hunger. Die tiefgekühlte Pizza taut auf. Die Gräfin wartet. Der Hund ist ungeduldig. Der schwere Regen. Hard Rain. Plötzlich hab ich Bob Dylan im Ohr - live. Nur weil ich hier stehe und darauf warte, dass das Gewitter aufhört und der Hund und ich nach Hause gehen können.

"Wieviel Kohle denn?" frag ich.

"Bei den Bullen hat Sammy dreißig bis fünfunddreißigtausend Mark angegeben, die fehlten. Dabei war ER der erste in der Wohnung gewesen, nicht ICH. Ich war ne Stunde später da. Konnte es aber nicht beweisen. Aber später hab ich Kontobewegungen gefunden, die stimmten hinten und vorne nicht. Und wer war stets der Empfänger? Mein lieber Bruder."

Ein Gewitter ist so ähnlich wie ein Karton voller Elektrokabel und Blitzlichtwürfel, nur verkehrtherum übers Land gestülpt. Wenn irgendwann alles zur Erde geplumpst ist, wird der Karton wieder angehoben, Licht fällt auf die Straße, der Regen lässt nach. Der mittlere von drei Brüdern, von denen der Jüngste einen Herointod gestorben ist und der Älteste sich aus dem Haus schleichen muss für ein Bierchen, nimmt die Tragetasche vom Boden.

"So, ich muss los. Ein bisschen nass werden schadet ja nicht, wa? Wir sind ja nicht aus Zucker. Tschö."

"Ja, machs gut", sag ich, obwohl ich schon gern noch gehört hätte, was aus der ganzen Erbsache nun geworden ist. Andererseits, ist schon acht Jahre her, scheiß drauf.

Ich sehe ihm nach, wie er sich davonmacht im nachlassenden Regen, ein Mann Mitte vierzig, negroide Nasenführung.
9.6.17 13:23


Sandys Alkoholentzug

Sandy war so fertig, so geschlaucht von der Trinkerei, ihre Leber spielte nicht mehr mit. Die halbe Flasche Schnaps, die sie morgens brauchte, um nur den Pegel aufzufüllen, um überhaupt die Hände ruhig zu kriegen, bekam sie nicht mehr runter, ohne alles wieder auszukotzen. Sie brauchte jeden Morgen einen zweiten Start, um den Schnaps drin zu behalten.

„Je ne regrette rien? Dass ich nicht lache. Ich bereue alles..! ALLES!“

Sie hatte seit Wochen kaum noch gegessen, war abgemagert auf 52 Kilo. (Wovon alleine fünfzehn Kilo Wasser waren, wie sich im Krankenhaus später zeigen sollte.) In dieser Zeit liess sie sich kaum noch blicken, Sandy schloss sich zum Trinken zu Hause ein. Aus einer einstmals rätselhaft schönen, etwas blassen Frau, die an Jeanne Moreau erinnerte, war ein krankes Geschöpf geworden.

„Du hast überhaupt keinen Arsch mehr in der Hose“, sagte ich hochmütig, als sie mir einmal über den Weg lief, ich hatte ja keine Ahnung, dass sie so schwer am Saufen war, andererseits: Wer in den Neunzigern nicht nach irgendetwas süchtig war, der war auch nicht dabei. Der muss sich irgendwo versteckt haben, wo die Neunziger nicht hinreichten.

Die Neunziger waren nichts als ein langer finsterer Korridor. Wer dieses Jahrzehnt durchlief, ohne durchzudrehen, hatte gewonnen: das nächste beschissene Jahrtausend.

Die Aufnahme im Städtischen Klinikum gestaltete sich als schwierig. Sandy hatte einen Einweisungsschein von ihrem Hausarzt, den sie in der Ambulanz vorzeigte. Der diensthabende Oberarzt wurde gerufen, er überflog die Einweisung, las von Alkohol- und Drogenabusus, reichte den Schein zurück, murmelte „Nehmen wir nicht..“ und rauschte mit wehendem Kittel davon.

Sandy: „Ich hinterher, zwei dicke Koffer in den Händen.“

„Ich hab hier einen Einweisungsschein, Sie MÜSSEN mich aufnehmen..! Ich bleibe solange hier sitzen, bis ich schwarz werde..! Ich geh hier nicht weg!“

„Na, denn viel Erfolg.“

Der Arzt verschwand, Sandy nahm Platz vor seinem Büro. Eine halbe Stunde liess sich niemand blicken, dann kehrte der Oberarzt zurück. Er warf einen Blick auf die Frau.

„Immer noch hier?“

„Immer noch hier“, sagte sie.

Nach einem weiteren Disput, („Wir haben kein Bett frei für Neuaufnahmen!“ „Dann schlafe ich auf dem Gang!“ „Das dürfen Sie nicht!“ „Ist mir egal. Sie dürfen mich auch nicht abweisen. Sie müssen mich aufnehmen..“ etc.) gab der Doktor zähneknirschend nach.

„Na schön“, knurrte er. „Folgen Sie mir.“

Den Weg zur Inneren hätte man bequem per Aufzug bewältigen können, doch der Oberarzt dachte gar nicht daran. Er liess Sandy hinter sich her stolpern, einen Koffer links, einen Koffer rechts, dazu ihr beginnender Alkohol-Entzug. Sie hatte früh am Morgen gerade so viel Wodka reingekriegt, um sich auf den Beinen halten zu können. Der Arzt nahm das Treppenhaus, flog voran mit flinkem Schritt, Sandy mühsam hinterher, aber sie dachte nicht daran aufzugeben. „Dann hätte ich ihm ja nur in die Hände gespielt.“

Sie sprüht Funken, als sie davon erzählt.

„Der Arsch hat mir jede, wirklich JEDE Zwischentür vor der Nase zugeschlagen, immer in der Hoffnung, ich würde den Anschluss verlieren und aufgeben, da hatte er aber nicht mit mir gerechnet. Anstatt mich zu entmutigen, aktivierte ich meine letzten Reserven, das war so etwas wie meine letzte große Mobilmachung: ich flog alle paar Meter fast auf die Fresse, so fertig war ich, aber irgendwann hatten wir die verdammte Station erreicht. Mir lief die Suppe so runter.“

Sie blieb zwölf Tage, zwölf Nächte, die alles andere als eine Belohnung für ihre Hartnäckigkeit waren. Nicht nur von den Ärzten, auch vom Pflegepersonal wurde sie gemieden, wo es nur ging – mit vom Schnaps ruinierten Weibern will niemand etwas zu tun haben. Trotz des vielen Wassers in ihrem Körper bekam sie in der ganzen Zeit nicht eine einzige Entwässerungstablette, was die Aufnahmeärztin des LKH Langenfeld, Sandys nächster Station, zu der entsetzten Fragestellung verleitete: „Was zum Teufel hat man denn zwölf Tage lang in diesem Krankenhaus mit Ihnen gemacht!??“

„Nichts.“

„Ja, seh ich auch so.“

Aber sie hat durchgehalten. Nicht diesen ersten Versuch, der schlug fehl, aber den zweiten Alkoholentzug hat sie bestanden, in einer feinen Essener Klinik. Seither ist Sandy clean. Seit acht Jahren.

Spielt sie wieder Nouvelle Vague.
13.6.17 08:12


Lonnies Nacht

Ich hatte es nicht mitgekriegt. Ich saß mit dem jüngeren Bruder vom dicken Hansen im Nebenzimmer, als es passierte. Ich stand auf, weil ich plötzlich ein ungutes Gefühl hatte, weil ich nachsehen wollte, was da los war im Wohnzimmer, irgendetwas war im Gange. Also bin ich rüber und was ich zu fassen bekam, war nur noch das Schwänzchen einer prekären Situation. Die Sache war schon entschieden, als ich dazustieß. Es war schon alles gelaufen, dennoch steckte ich sofort mittendrin. Mitgefangen, mitgehangen. So hatten wir es als Kinder gelernt. So würde es bleiben für alle Zeit.

Der Bruder vom dicken Hansen und ich hatten nebenan gesessen, an diesem großzügigen Konferenztisch, und ein Blech geraucht und dabei palavert, unschlagbare B-Film-Dialoge.

“Das hier ist doch kein Holz!”

“Aber Metall auch nicht.”

“Was dann?”

“Keine Ahnung. Kunststoff?”

“Ach was, das ist doch kein Kunststoff.”

“Nee, Kunststoff ist das nicht.”

“Sag ich doch. Aber irgendwas muss es ja sein.”

“Ja, irgendwas schon. Plastik?"

“Kein Plastik! Ist doch kein... PLASTIK!”

Es war nach Mitternacht und die Luft immer noch stickig, obwohl alle Türen auf Durchzug standen, auch die hintere Veranda zum Stadtwald hin. Man hörte das Schnauben der Reitpferde, die unten im Stall standen und ein aufziehendes Gewitter fürchteten, man hörte die Käuzchen, die sich in entfernten Baumwipfeln ein klärendes Zwiegespräch lieferten.

„Manchmal werde ich nachts wach und denke, ich wohne im Zoo“, hatte Lonnie mal gemeint, und er hatte nicht übertrieben.

Im Salon nebenan hockte der Rest der Nachtbande: Siebels, sein Buddy Twing und Lonnie, der Gastgeber. Siebels, selbstverliebt, aber im Kern unsicher, eine vertrackte und in Drogenkreisen häufig anzutreffende Mischung, war gelernter Krankenpfleger und hatte lange Jahre im Hospital gearbeitet, aber die Finger nicht vom Giftschrank lassen können. Eine doppelte Kurpackung Valium 10 kostete ihn schließlich den Job. Mit seinem streng gescheitelten blonden Haarschopf und der fahrigen Gestik wirkte Siebels wie aus einem Hergé-Comic aus den Sechzigerjahren. Er hatte ein Faible für Germanenkult und Einstürzende Neubauten.

"Ich bin unheimlich weiß", sagte er gern und mit düsterem Nachdruck, "und ich komme aus dem Beton."

Neben Siebels lümmelte Twing auf dem Sofa und streckte alle viere von sich. Twing war ein langjähriger Drogenkumpel von Siebels, ein Stehaufmännchen, ein zähes Comeback Kid, das zwei Dekaden später an Krebs sterben sollte, kurioserweise zu dem Zeitpunkt, als es erstmals Vater geworden war, mit Mitte Fünfzig.

(Zu dem Zeitpunkt traf ich Twing frühmorgens in den City-Arkaden, es war keine sieben Uhr. Was machst du so früh in der Stadt? wunderte ich mich, und Twing offenbarte, dass man bei ihm tags zuvor Darmkrebs diagnostiziert hätte und er auf dem Weg zum Doc sei. "Mir juckt schon die Ritze", grinste er lapidar, und: "ich hab voll die Arschkarte gezogen", und verschwand in Hauseingang.)

Lonnie saß am Kamin. Er war wie gewohnt sturzbetrunken und der lauteste von allen. Er hatte diese raubeinige Stimme, die auf der Stelle alte Westernfilme mit John Wayne aufflammen ließ.

„Reiten kann ich! Kein Thema...! Hab ich gelernt.. schon als Pico!“

„Du musst doch nicht reiten können, um einen Reiter im Film zu synchronisieren, es reicht, wenn du dich so anhörst, als ob du reiten könntest!“ feixte Siebels. Er versuchte Lonnie deutlich zu machen, dass mit dem Synchronisieren von Spielfilmen gutes Geld zu verdienen sei. Ein Thema, das die beiden nicht losließ.

„Ja schon! Aber in echt bin ich noch besser als in als ob, hör mal!“

Lonnie krähte vor Vergnügen und schlug sich vom Sessel rüber aufs Kingsize-Sofa, wo er zwischen Siebels und Twing Platz nahm. Mit dem jüngeren Bruder vom dicken Hansen, der am Konservatorium Rotterdam Jazzmusik studierte, und mir waren wir zu fünft in dieser Nacht. Fünf Slacker, fünf Herumtreiber, die sich das Recht herausnahmen, die Tage zu vertändeln – bloß um zu sehen, was am Ende dabei rumkommt. Auch wenn jedermann wusste, was am Ende dabei rumkommt, wenn man den Teufel einlädt mitzufeiern. Wenn man zwar nicht stramm auf Endzahl spielt, das Ergebnis aber gleichwohl feststeht, von Anfang an, bei Drink Nummer Eins, Nase Nummer Eins, Blow Nummer Eins.

Mit Ende zwanzig hatten wir das Alter erreicht, wo deutlich wurde, dass es so nicht weitergehen konnte, doch anstatt die Pulver- und Fusel-Show in Würde ausklingen zu lassen, gaben wir noch mal richtig Gas – lieber in staubigen Stiefeln abkratzen als in der Kantine tot vom Stuhl zu rutschen, in der Mittagspause, ein allerletztes Schirmchen-Dessert in Reichweite.

Slacker wie wir, Heroin und Bier!

Na, großartig. Mit Anfang Dreißig war ich es immer noch gewohnt, in entfernten Ecken der Stadt aufzuwachen und mich verbeult und verkatert vom Acker zu machen.

„Weißt du, was dich sympathisch macht?“ fragte Lonnie. „Dass du so voll einen an der Klatsche hast!“

Wir verbummelten die Tage wie Teenager und warfen alles ein, auf dem das Wort Droge eingraviert war, bis zu dieser stickig warmen Sommernacht, als Knall auf Fall eine Überdosis dazwischen sauste, ein Zwischenfall, eine dumme Geschichte zur falschen Zeit. Etwas, das niemand so recht gebrauchen konnte, aber verhindern ließ es sich erst recht nicht.


Was zum Henker...?!

Ich blieb im Durchgang stehen und sah verblüfft zu, wie Siebels die Spritze aus Lonnies Arm zog. Im ersten Moment hielt ich es für Fake, für eine Art .. na ja, Probebohrung, ehe ich begriff, ehe mir klar wurde, dass es wirklich geschah, jetzt gerade vor meinen Augen.

Scheisse, der kann Lonnie doch keinen Druck setzen! Das geht doch nie und nimmer gut! Lonnie ist doch.. kein Junkie!

Schon krachte Lonnie zusammen, auf dem Sofa. Lonnie war nicht mal ein Gelegenheitsuser, was Heroin anging, er war ein Trinker. Wenn er einmal anfing zu trinken, trank er tagelang durch, er konnte nicht aufhören zu trinken und zu krakeelen, bis er völlig erledigt war und alles doppelt und dreifach sah.

„DREI PIMMEL MÜSSTE MAN HABEN, JUNGS – DREI! EINEN ZUM PINKELN, EINEN ZUM POPPEN, EINEN FÜR DEN SHOWROOM!“

Wenn er seinen Lauf hatte, war Lonnie voller Ideen. Einmal schaffte er das Drehbuch für einen Science-Fiction Film bis zur Hälfte, es sah richtig gut aus. Der Plot: Aliens aus einer anderen Galaxie landen auf der Erde, auf der Suche nach Futter. Sie ernähren sich von Lärm, von elektrischem Licht und von Dummheit, die Erde ist für sie das Schlaraffenland. Sie machen reiche Beute, bis Seite 43. Oder 44. Dann war Sense und Lonnie ging einen saufen.


Sofort brach Panik aus.

„LONNIE...! LONNIE!!“

Siebels verpasste ihm klatschende Backpfeifen – paff paff paff.

„MACH DIE AUGEN AUF, LONNNNIE!“

Twing kam hinzu, zu zweit brachten sie Lonnie zum Stehen, versuchten seinen Kreislauf in Schwung zu bringen, in dem sie ihn in ihre Mitte nahmen und zum Gehen animierten.

"DU SOLLST DIE AUGEN AUFMACHEN, LONNIE!!"

Es war ein erbärmliches Bild. Zwei gestandene, vom Wuchs aber eher schmächtige Junkies schleppten den in sich zusammengesunkenen Säufer-Hausherrn durchs Wohnzimmer, und der stolperte hinterher, so gut es ging, kraftlos, vergiftet von Morphin.

(Bis Mitternacht hatten wir fünf in einem von Schnaken und Wupper-Mosquitos verseuchten Biergarten am Fluss gesessen und gefeiert, und als es darum ging, wo feiern wir weiter, lud Lonnie uns ein, die Nacht bei ihm zu verbringen, im Haus der verreisten Eltern am Stadtwald. "MEINE ALTEN SIND IN TIMBUKTU! MA-HAAA!")

Lonnie lief blau an, er war ohne Bewusstsein. Jetzt zählte jede Sekunde. Twing begann hektisch die üblichen Junkutensilien einzusammeln, Siebels suchte seine Jacke. Sein Blick war leer, gehetzt. Es sind immer die leeren, die gehetzten Blicke.

„Ich hau ab“, sagte er, fast trotzig.

„Hier haut keiner ab.“

Ich war selbst überrascht, dass die Worte von mir sein sollten. Außer blöd gucken war von mir noch nichts gekommen, was irgendwie zur Rettung Lonnies beigetragen hätte. Natürlich hatte ich uns die ganze Scheiße nicht eingebrockt, klar, aber Lonnie deswegen verrecken lassen? Weil ich nicht schuld war..!??

Auch der Bruder vom dicken Hansen hielt sich im Hintergrund. Wie nicht anders zu erwarten war. In der Not ist man nicht plötzlich ein anderer, das macht keinen Sinn. Wenn es um Leben und Tod geht, reagiert der Mensch wie unter Brennglas. Es lässt sich schnell erkennen, aus welchem Holz einer geschnitzt ist. Wer in Flammen aufgeht, wer löschen hilft, wer sich verpisst.

„Das ist kein Holz!“ „Ja, was ist es dann, Kunststoff?“
„Quatsch! Ist doch kein Kunststoff!“ „Aber irgendwas muss es doch sein!“

„Wir müssen den Notarzt rufen“, sagte ich.

„Dann ruf doch den Notarzt!“ rief Twing. „Aber ohne mich!“

„Mach endlich einer die scheiß Musik aus!“

Im Carrara gefliesten Korridor, wo der Telefonapparat stand, ein altmodisches Teil mit Wählscheibe, wählte ich die 112.

„Wenn wir jetzt abhauen, sind wir dran wegen unterlassener Hilfeleistung. Dann sind wir verdammte Mörder!“

Das saß. Dabei ging es mir in diesem Moment weniger um Lonnies Leben, ich hatte bloß Muffen vor etwaigen Konsequenzen. Während auch Siebels sich besann und zur Herzdruckmassage überging und darüber fast die Nerven verlor, LONNNIE, KOMM SCHON, REISS DIE SCHEISS AUGEN AUF, verschwand Twing aufs Klo.

„Ich muss kotzen.“

Der Bruder vom dicken Hansen und ich liefen auf die Straße, um den Krankenwagen abzupassen. Die hell erleuchtete Stadtvilla im Stil eines spanischen Landhauses, Lonnies Eltern hatten mit der Produktion von Rollkoffern schwer Kohle gemacht, stand am Ende einer steil abfallenden Sackgasse. Die plötzliche Kühle des nahen Stadtwalds, die Sterne am Himmel, ihr unbeteiligtes Funkeln, alles nahm seinen Gang, als wäre nichts geschehen, als kämpfte niemand um sein Leben, nirgendwo auf der Welt. Stille. Es war nichts zu hören. Selbst in den Stallungen war es ruhig geworden, die Pferde schliefen in ihren Boxen, die Käuzchen in den Baumwipfeln.

Vielleicht ist Lonnie schon tot, dachte ich, als sich endlich der Ambulanzwagen näherte, im Schritttempo. Aber er blieb weiter oben am Berg stehen, mit kreiselndem Blaulicht, ohne Sirene. Wir winkten wie verrückt, um auf uns aufmerksam zu machen, umsonst.

„Nein...! Scheißdreck! Die sehen uns nicht hier unten!“

Sie waren ausgestiegen und suchten die richtige Hausnummer. Der Schein einer Taschenlampe schnüffelte durch die Nacht, Hansens Bruder pfiff laut durch die Finger. Wir standen unter einer Straßenlaterne. HE, HIER UNTEN!!Endlich bemerkte man uns. Der Rettungswagen rollte mit ausgeschaltetem Motor die Straße runter, ein Arzt sprang heraus, den Notkoffer schwingend, gleich dahinter der Fahrer, ebenfalls in Weiß.

„Hier ist jemand kollabiert?“

Während wir das Haus über den Flur betraten, berichtete ich, dass Lonnie gesoffen hätte wie ein Loch und plötzlich umgekippt sei.

„Und was hat der Gute noch intus, außer Alkohol meine ich?“

„Weiß nicht“, log ich.

Der Doc schaute belämmert aus der Wäsche. „Ja also das müssen wir schon genau wissen, um die richtigen Maßnahmen einleiten zu können.“

„Irgendwelche Hammer-Pillen.. keine Ahnung.“

Lonnie lag ausgestreckt im Salon, direkt vor dem Kamin mit den handgeschmiedeten Gittern. Der Doc und sein Assistent mühten sich, ihn zu stabilisieren, sie veranstalteten einigen Wirbel, Umverpackungen von Medikamenten flogen durch den Salon, ein Venenzugang wurde gelegt. Niemand von uns rückte mit der Sprache raus, was wirklich passiert war, da konnte der Doktor noch so sehr dazwischenfunken. Auch wenn die Überdosis uns ernüchtert hatte, wir funktionierten trotzdem nicht richtig, wir waren trotzdem auf Pulver. Natürlich durfte ein Rettungssanitäter nicht einfach die Bullen informieren, wenn bei einem Einsatz Drogen eine Rolle spielten, das war uns schon bewusst, er hatte Schweigepflicht, und dennoch – niemand wusste, wie sich diese Nacht noch entwickeln würde.

Was, wenn Leon nicht mehr aufwachte? Wer hätte Schuld an seinem Tod? Wer würde wen verraten, wer wen decken, wenn es hart auf hart käme? Und warum überhaupt dichthalten? Einer würde sowieso plappern. Einer plapperte immer. Es war eine gefährliche Situation. Vier linke Kimmen, ein Halbtoter, zwei Sanitäter.

Urplötzlich berührte uns das Grundthema der Zivilisation, des Menschen unter Menschen: Bist du ein Mörder oder bist du kein Mörder? Kann ich dir trauen oder kann ich dir nicht trauen?

„Heroin“, sagte ich endlich. „Er hat.. Heroin gespritzt.“

Jetzt ging es blitzschnell. Der Rettungsarzt zog ein Gegenmittel auf und injizierte es. In Nullkommanichts lag Lonnie festgeschnallt auf der Tragebahre und wurde in den Rettungswagen geschoben – Abfahrt.

Wir räumten auf, wir saugten die ganze Hütte, wir spülten Gläser, wir trockneten ab. Wir vernichteten alles, was irgendwie mit Pulver in Verbindung gekommen war, jeden Fitzel Aluminiumfolie, Zigarettenfilter, Papers. Niemand machte Siebels einen Vorwurf, dass er einem stadtbekannten Säufer Heroin gespritzt hatte. Lonnie musste den Druck geradezu erbettelt haben, hörte ich, und, wie ich staunend erfuhr, nicht zum ersten Mal.

„Ich hab bloß eine Messerspitze aufgekocht“, stammelte Siebels, „Mann, das war doch nur ein Fliegenschiss!“

Wir waren erschöpft wie nach einem Zehnkampf. Das Ergebnis blieb zunächst unklar, es galt das Fotofinish abzuwarten. Hatten wir zu lange gezögert, bis die Notfallmediziner endlich wussten, was zu tun war? War Lonnies Gehirn zu lange unterversorgt gewesen mit Sauerstoff? Noch bevor die Ambulanz losgefahren war, hatte ich diese Frage dem Doc gestellt, doch der wollte sich nicht festlegen.

"Vielleicht hat euer Freund Glück."

Der Bruder vom dicken Hansen und ich blieben den Rest der Nacht zusammen. Wir fuhren zu ihm nach Hause, blowten das übriggebliebene Pulver weg. Bei Sonnenaufgang riefen wir im Krankenhaus an, erkundigten uns nach Lonnies Gesundheitszustand. Erst rückte der Nachtpfleger keine Information raus, später erfuhren wir immerhin, dass Lonnie bei Bewusstsein war. Und dass wir gegen acht Uhr kommen könnten, um ihn abzuholen.

Der Bruder vom dicken Hansen war ein schläfriger und gutmütiger Bursche, ein talentierter Musiker, ein Drummer, die Finger ständig an der Hosennaht, um den Takt einzuklopfen. Es gab Tage, da warfen wir einfach die Congas und Bongos auf den Rücksitz seines Golfs und fuhren raus ins Grüne, eine Lolle dampfen und trommeln. Das waren Sachen, die konnte man mit dem Bruder vom dicken Hansen prima machen, er war der richtige Mann für unkomplizierte spontane Aktionen.

Mitten im Drogen-Tohuwabohu der späten Achtzigerjahre packte er seine sieben Sachen und verschwand nach Havanna, wo er das Konservatorium für Musik besuchte sowie einheimische Kokainhändler. Er heiratete eine Kubanerin und zeugte ein Kind mit ihr. Jahre später führte er mir das Hochzeitsvideo vor. Ich war irritiert, wie isoliert er in der Familie schien, doch unglücklich war er nicht.
Er kehrte in die Heimat zurück und machte da weiter, wo er aufgehört hatte. Neu war nur der Voodoo-Schrein, den er in einem Schrank eingebaut hatte und mit kleinen Gegenständen bestückte, die ihm etwas bedeuteten.

Nicht mal sein älterer Bruder wusste davon. Niemand wusste davon. Nicht, dass er sich dafür geschämt hätte. Er fürchtete lediglich, der Zauber könne verfliegen, der Altar entweiht werden, sollte ein Ungläubiger einen Blick darauf werfen.

In diesen frühen Morgenstunden aber, irgendwann in den späten Neunzigern, gestattete er mir den Einblick in seine kleine karibische Hexenwelt. Nicht sehr lange, keine zwanzig Sekunden lang schaute ich in eine sehnsüchtig flackernde Installation aus kleinen Elektro-Kerzen, die ihr Licht gegen ein mit rotem Glanzpapier ausgekleidetes Schrankfach warfen, ein Mini-Voodoo-Club, in dessen Mitte ein winziger Weihwasser-Kessel schaukelte – ich sah ein Amulett und rote Gebetsfähnchen, handgefertigt in Tibet, und Lamettastreifen. “Ahora es mejor”, hörte ich Hansens Bruder wie im Gebet.

Wir haben nie wieder ein Wort über diese Szene verloren.

Ich hatte auch keinerlei Fragen.

Als es hell wurde, kündigte sich der nächste heiße Sommertag an, auch wenn er sich zunächst bedeckt hielt und nicht mehr als eine graue Pinnwand abgab. Noch hatten wir keine genaue Nachricht, in welchem Zustand Lonnie war. Wir fragten uns, warum wir so feige gewesen waren und so lange gewartet hatten, bis wir mit der Wahrheit rübergekommen waren, ob Feigheit ein Charakterzug der Deutschen war.

Ich erzählte, dass ich manchmal dieses Spiel spielte, wenn ich durch die Stadt ging. Der Kerl da vorn, der mit dem Käppi an der Fußgängerampel, wäre der bei den Nazis als Mitläufer dabei gewesen? Und was war mit mir? Hätte ich den Mumm gehabt, jüdische Nachbarn zu verstecken, unter Einsatz meines Lebens? Hätte ich mich gegen das herrschende System gestellt, ausgerechnet ich mit meinem Hang zum Unsichtbarmachen, um die Dinge beobachten zu können, aus sicherem Versteck heraus? Wo ich es nicht mal gebacken kriegte, dem Notarzt die Wahrheit zu sagen, wenn es um Leben und Tod eines Kameraden ging?
Wir kamen überein, dass wir in der Nazizeit die Nähe fetter drogensüchtiger Spitzenfunktionäre der NSDAP gesucht hätten, um leichter ans Morphium zu gelangen.

„Wie hieß nochmal der fette süchtige Doktor der Nazis, Goebbels?“

„Nee, Goebbels war das Hinkebein, Göring war der süchtige Doktor. Die deutsche Morphium-Szene 1944, die verdammte Platte, das war Hermann Göring höchstpersönlich.“

Punkt acht fuhren wir am Eingang des Städtischen Klinikums vor. Wie der Zufall es wollte, kam uns genau in dem Augenblick Lonnie entgegen, untergehakt bei seiner bildhübschen Freundin. Lonnie wirkte wie ein Boxer, der nach schwerem Knockout langsam wieder auf die Beine kam. Er war blass, er bibberte vor Kälte, aber er war okay. Er würde keinerlei Schäden zurückbehalten, ließ er uns sofort wissen.

„Habt ihr gedacht, ihr könntet Staub und Asche aus mir machen, wa? Ja Scheiße, ihr verdammten Schlaumeier.“

Erinnerung an die Nacht hatte er so gut wie keine. Bis auf diesen einen kurzen Moment, als der Notarztwagen vorm Haus losgefahren war und er durch einen Schlitz das zittrige Blaulicht auf dem Dach sehen konnte. Da fühlte er sich in einem gewaltigen Flipper gefangen.

„Freispiel! dachte ich.“
18.6.17 00:58


Die letzten Anarchisten

An sich hat sie ihn gern, den Fernseher.

„Ich sitze in meinem Zimmer und kriege die ganze Welt mit“, sagt die Gräfin, die als Kind eine Weile aussah wie Trude Herr ihr Kind: große Augen, pausbäckig, immer auf Zack. „Das kommt meinem Phlegma entgegen.“

Auch Internet findet sie nicht schlecht. Ist ja alles die gleiche Bilderbrut. Was sie nicht mag, sind deutschen Fernsehkrimis. Sie verachtet Tatort und Polizeiruf. Miserable Dialoge, kaum Action, schlechte Schauspieler. („Woran erkennt man einen deutschen Schauspieler? Daran, dass er schauspielert.“) Und die Handlung? Spielt sich nur noch im Kieferbereich ab. Es wird gequasselt, gequasselt, gequasselt.

„Gestern hab ich zufällig einen alten Schimanski gesehen, Blutsbrüder. Der war tausend Mal wärmer und menschlicher als die ganzen neurotischen Ermittler heutzutage. Spannender sowieso. Schimanski war sich auch nicht zu schade, einen schmierigen Verdächtigen am Schlafittchen zu packen und ihn ranzunehmen bis der sich vor Angst in die Hosen gemacht hat. Das sieht man heutzutage nur noch in den Nachrichten.”

*
„Sag mal, ist nichts anderes drin?“ stöhnt sie und zappt durch die Programme. Ich nehme die TV-Zeitschrift vom Tisch und lese ihr den Titel eines Hochsee-Thrillers vor, der gerade anläuft.

„Open Water, USA, 2003. Effektiver Low-Budget-Überraschungshit.“

„Nee, den kenne ich“, winkt sie ab. „Da hängen irgendwelche Penner die halbe Zeit im Wasser und schreien rum, weil dicke Fische angeschwommen kommen. Hallooo!! Wo sollen Fische denn sonst hin??“

Die TV-Ansagerin kündigt den Spätfilm an, eine französisch-italienische Co-Produktion, einen Sixties-Klassiker, sinnlos im Plural. Sinnlos im Plural..? Wie, sinnlos im Plural? Was redet die fürn Scheiß? Oder ist das eine verdammte Literaturverfilmung? Erst als ich in der TV Today nachschlage, begreife ich: der Schinken ist mit Lino Ventura.

Zehn Minuten später.

„Schnell! Komm mal!“ ruft die Gräfin aus der Wohnküche, wo sie am Fenster steht. „Die Sterne sind vom Himmel gefallen.. mitten in unseren Garten!“

„Das wurde aber auch Zeit“, geb ich zurück. „Endlich fette Beute.“

„Nun komm schon..! Mach hin!“

Bis ich den zunehmend dicken trägen Hintern aus dem Bett bewege und endlich in der Küche ankomme, ist sie schon einer neuen Theorie auf der Spur.

„Ich glaub, da unten sind Glühwürmchen zugange. Oder nicht? Guck mal! Meinst du, das sind Glühwürmchen…??“ Sie zerrt an meiner Schulter. „Aber wieso liegen die im Gras?! Was machen die da unten im Gras? Bumsen?“

Welch ein Spektakel, trotz Dunkelheit und Nieselregen: Es leuchtet und flackert im ganzen Hinterhof, winzige bläulich-gleißende Lagerfeuer, entzündet von liebestollen Fluginsekten. Es glüht wie auf einer verdammten Festwiese.

Wir stehen ergriffen am Fenster, wie zwei Frührentner, die um Mitternacht noch wach sind, weil sie zufällig zur gleichen Zeit aufs Töpfchen müssen. Aber ich bin skeptisch. Wir hatten zwar schon öfters Glühwürmchen im Garten, die zu Dutzenden durch die Nacht sausten, wie eine grünlich blinkende Halluzination von zu viel Glutamat, aber im Oktober…? Glühwürmchen? Und bei dem Wetter?

„Ach was, ist denen doch schnuppe, wenn die ein bisschen nass werden. Wenn die einmal glühen, glühen die. Dann wird gebumst, Freunde!“

Sie schlüpft in ihre Ballerinas und flappt die Treppe runter in den Hof. Flapp-flapp-flapp. Ich bleibe solang oben am Küchenfenster und versuche zu erkennen, was sie da unten im Garten treibt. Leuchtkäfer fangen und eintüten, so wie es unsere Großväter einst mit Maikäfern getan haben? Gut möglich. Ich kenne sie als Anhängerin traditioneller Lebensführung.

Sie springt auf der Wiese umher wie das Sterntalermädchen, nur dass ihr keine Sterntaler ins Hemdchen fliegen, sondern fluoreszierende Insekten.

Es dauert keine Minute, und sie ist zurück – durchgefroren, das Nachthemd nass, die Möpse vor Spitzbergen.

„Glühwürmchen, so ein Blödsinn – weißt du, was das ist? Das sind Regentropfen, die auf den Grashalmen sitzen und das Licht reflektieren aus den umstehenden Häusern. Irgendwelche Küchenlampen, Haustürleuchten..“

Still und leise gesellt sich der Hund dazu, genau in unsere Mitte. Unbeeindruckt von dem ganzen Trara und Geflacker war er auf seiner Decke geblieben, ganz gegen seine Gewohnheit.

Er gähnt ausgiebig.

Es ist null Uhr fünfzehn, als wir im Bett liegen und uns alles noch mal durch den Kopf gehen lassen. Die Sache mit den Glühwürmchen, funkelnde Regentropfen, das Gähnen unseres alten Hundes, der allmählich hinfällig wird, andererseits aber nicht unclever agiert.. und dass Glühregen und ähnliche Wetter-Kapriolen so etwas wie die letzten Anarchisten sind in diesem Land.
19.6.17 06:54


Hitparaden

Als Teenager war ich die fleischgewordene Rangliste. Ich liebte alle möglichen Sport-Tabellen, Torjägerlisten, Pop-Charts - in alles, was nur irgendwie nach Platz 1 bis Platz 50 roch, steckte ich meine Nase und nahm einen tiefen Zug.

Selbst als ich 30 Jahre später mit dem Bloggen anfing, war ich stolz wie Oskar, als 500beine erstmals in der myblog-internen täglichen Rangliste auftauchte, irgendwo unter ferner liefen. Und als 500beine erstmals auf Platz 1 landete, setzte ich Himmel und Hölle in Bewegung, um einen Screenshot hinzukriegen. Das musste für alle Zeiten als Dokument zur Verfügung stehen.

Mitte der Siebzigerjahre führte ich meine eigene wöchentliche Top Twenty Show. Dafür hatte ich ein Extra-Heft angelegt, auf dem dick und fett DOPPELTE BUCHFÜHRUNG IM HAUSHALT geschrieben stand, damit meine Geschwister auch ja ihre unegalen Finger von dem Heft ließen und nichts verraten konnten, womöglich die aktuelle No. 1 ausplauderten, bevor ich davon wusste.

Ich achtete streng darauf, meine Charts am Wochenende aufzustellen, so wie in der Branche üblich. Oder was ich damals für in der Branche üblich hielt. Ich konnte den Samstagnachmittag kaum erwarten: 15 Uhr - endlich durfte ich meinen brandneuen Spitzenreiter präsentieren, und zwar: mir selbst.

Die Hitparade setzte sich größtenteils aus den Songs zusammen, die ich unter der Woche auf Kassette mitgeschnitten hatte, von den angesagten Radiosendungen mit Frank Laufenberg (Pop-Shop, SWF) und WDR-Discjockey Mal Sondock, einem in Köln gestrandeten Amerikaner, der sein Deutsch mit einem Akzent würzte, breit wie ein texanisches Funkhaus.

Mein Kassetten-Rekorder war ein unverwüstlicher silbriger Hitachi, aber er hatte ein Manko: er war mit dem langsamsten Rücklauf der Weltgeschichte ausgestattet. Man musste alle Zeit der Welt haben, um einen Song wiederzufinden.

Es war die große Ära der Glam-Rocker. Hatten T. Rex eine neue Single auf dem Markt, WHATEVER HAPPENED TO THE) TEENAGE DREAM, stürmte sie bei mir automatisch von Null auf Eins und hinterließ eine Spur der Verwüstung in meinem Heft.

Slade fand ich klasse, das war herrlicher Lärm, Mungo Jerry (In the Summertime), und die wilde Suzi Quatro natürlich, mit ihrer großen Klappe: TOO BIG! schrie sie:
HONEY, I NEVER LOSE!

John Lennon war zehn Wochen lang meine Nummer 1, und zwar mit der Wiederveröffentlichung von GIVE PEACE A CHANCE, aber auch nur, weil der Rhythmus stampfte wie eine Schlaghose, wenn sie aus der Wäsche kam.

Ein einziges Mal schaffte es ein Blues an die Spitze meiner Hitparade: EV'RY DAY von Slade. Tags zuvor hatte ich mit der dunkelhaarigen Tina, einem Mädchen aus der Nachbarschaft, im Kinderzimmer schön gefummelt, und dabei war auf BFBS, dem britischen Soldatensender, diese Ballade im Hintergrund gelaufen: Ev'ry day, when I'm away, I'm thinking of you-hou..

Neulich ist mir dieser selten gespielte Oldie von Slade nochmal zu Ohren gekommen, ganz zufällig im Radio, und sofort sah ich Tina wieder vor mir, Tina in ihrem roten Indianerkleidchen und dieser scharfe Verhütungsschaum, den sie damals verwendete. Mann, hat mir der Pimmel gebrannt, obwohl überhaupt nichts richtig geklappt hat, da drin. Es war, als hätte ich Kisskiss (wie meine italienische Oma das nannte) mit einer Peperoni gehabt.

1975 erfuhr ich von Gleichgesinnten, die ebenso wie ich ihre eigenen Charts ermittelten und einen Klub gegründet hatten. Der Vorsitzende hieß Jürgen, er war auch der Älteste. In den 70ern gab es stets irgendwo einen Jürgen, der als Ältester seine Finger im Spiel hatte.

Jürgen schickte eine bespielte Kassette mit den Songs der aktuellen Klub-Hitparade los, und diese Kassette wurde wie eine Art Kettenbrief von einem zum anderen weitergeschickt, wobei jedes der dreißig Mitglieder die eigene, neue Top Twenty am Ende des Bandes hinzufügen musste, per Mikrofon. War die Runde durch, sendete der Letzte das Tape zurück an Jürgen, der anhand von dreißig Mitglieder-Top Twentys die neue KLUB-TOP TWENTY erstellte. So flitzten immerzu C-90-Bänder durch die Republik, sehr ermüdend das Ganze, aber die Post hatte gut zu tun.

Jürgen wohnte in Osnabrück, war aber beruflich viel unterwegs, wie er einem ständig in den Ohren lag. Eines Tages, er hatte in der Gegend zu tun, stand er vor unserer Tür, ohne Vorankündigung. Meine Mutter öffnete.

"Schönen guten Tag, ich bin der Jürgen vom Klub", stellte er sich vor, den Fuß schon halb im Flur. Ob er mich mal sprechen dürfe. Meine Mutter, ohne Ahnung, von welchem Klub die Rede sein sollte, führte ihn vertrauensselig auf den Balkon.

Es war Mitte August, große Sommerferien. Ich lag faul in der Sonne, dick eingeölt mit Tiroler Nussöl, das sich allmählich mit dem Körperschweiß vermischte und aus mir einen türkischen Ringer mit riesiger Naturkrause machte.

Jürgen schien perplex. Er hatte mich ja nie zuvor gesehen. Und ich ihn auch nicht.

Da stand er nun. Anfang zwanzig, schwul, ein Vertreter, der trotz der tropischen Temperaturen Anzug trug, darunter ein Hawaii-Hemd, als wäre er auf dem Weg zur Volkshochschule, um ein Honululu-Referat zu halten, während ich in der sengenden Sonne vor mich hin troff, ein verrutschtes Einzelbild im Hochglanz-Fotoroman, unschuldige fünfzehn Jahre alt.

Nicht, dass ich nicht gut ausgesehen hätte, Gott bewahre, aber die Hitze, das viele Sonnenöl, meine mächtige Matte, das war nicht das, was Jürgen erwartet hatte.

Wir hielten es exakt 2:40 Minuten miteinander aus, eine lausige Slade-Single lang, aber auch nur die A-Seite, dann war Schluss, und Jürgen verabschiedete sich abrupt. Ich habe nie wieder von ihm oder seinem Klub gehört, auch seine idiotischen Rausche-Kassetten, die immerzu mit "Tschüssikowski, ihr Lieben!" endeten, schickte ich nicht mehr weiter, sie landeten fortan im Müll, bis sie ausblieben.

Ich glaub, ich war die ganze pomadige Hitparadenkacke einfach leid. Ich war 16, ich wollte endlich mal dranpacken, meinetwegen konnte es losgehen.

Halbe Stunde drauf klingelte Tina in ihrem leuchtend roten Kleidchen. Ich war frisch geduscht, meine Eltern übers Wochenende weg, sturmfreie Bude. Aber die schneidend scharfe Anti-Baby-Schlacke ließen wir fortan weg.
22.6.17 15:49


Ecke Kasino- und Goerdeler Straße

Ecke Kasino- und Goerdeler Straße erinnert ein verblassendes Rechteck an der Hauswand daran, dass hier lange Jahre ein Briefkasten gehangen hat, in den alten Briefkasten- und Telefonzellenzeiten. Als Hardware noch groß und gelb und sperrig war und nur wenige auf die Idee kamen, das würde sich jemals grundlegend ändern. Genau da, unter dem Ex-Briefkasten, finde ich einen Zettel auf dem Boden, mit einer Nachricht in Schreibschrift. In Schönschrift.

Kleine Buchstaben, lauter Text.

In dem Moment, wo ich das Stück Papier aufhebe und zu enträtseln beginne, bleibt eine alte Frau vor mir stehen, mit einem Pudel an der Leine. Sie baut sich so selbstverständlich vor mir auf, man könnte auf die Idee kommen, wir wären gut miteinander bekannt. Als würden wir täglich unsere Hunde miteinander raufen lassen und dabei nett plaudern.

„Ooh, was bin ich hier.. heut Morgen.. böse hin.. gefallen“, keucht sie. Sie hält sich die Backe, die leicht gerötet und geschwollen ist. "Ich hab gleich beim Arzt an.. gerufen und einen Termin gemacht. Das ist so nah am Auge, da kriegt man doch Angst. Nicht, dass das noch wandert.. ist nicht un.. gefährlich.“

Unsere Hunde stehen sich unbeteiligt auf dem Trottoir gegenüber - zwei resolute Weibchen, die sich gegenseitig der Teilnahmslosigkeit bezichtigen. Man hechelt sich an. Es ist Sommeranfang, seit Tagen über dreißig Grad. Wenn Wind aufkommt, schmiegen sich heiße Tücher an die Haut. Der Hund der alten Dame, ein Pudelweibchen, sieht aus wie eine kleine dicke Frisörin, die Feierabend hat und froh ist, gleich daheim zu sein. Sie hat ganz rote Bäckchen, schätze ich mal. Erkennen kann man es nicht unter dem Pudelfell.

„Was äh ist denn passiert?“ frage ich höflich.

Auch wenn ich die beiden noch nie gesehen habe: Wenn einem eine alte Frau erzählt, dass sie auf die Fresse geflogen ist, heißt es zuhören, Hilfe anbieten. Da habe ich so gelernt. Das gehört zur Basisausstattung. Schließlich könnte es auch die eigene Mutter sein, der so etwas zustößt, und dann möchte ich dich mal sehen!

„Was passiert ist!?“ jammert sie eifrig und fasst sich an die Backe. „Dahinten, wo es so eng ist, bei dem Haus.. mit den Schindeln, da ist.. es passiert.“

Sie wackelt, wie unter dem Einfluss von Beruhigungsmitteln. Oder unter Schock.

„Da ist.. der Gehweg so eng, da passt man als.. Fußgänger kaum allein drauf. Und da kommen mir zwei Mädchen entgegen..“

Frau Moll blickt zu mir hoch, mit diesem strengen, fast schon tadelnden Gouvernanten-Blick: He Chef, nun mach mal hinne, ich hab wirklich keinen Nerv hier stundenlang mit ner fetten kleinen Frisöse rumzustehen! So was Arrogantes, denke ich. Wo hat sie das bloß her?

Frau Moll legt sich im Schatten ab, um der Mittagshitze zu trotzen. Wie sie so daliegt, muss ich zweimal hingucken. Ihre Vorderläufe, wie lange Hasenpfoten. Queen of Klopfer.

"Aber meinen Sie, die machen Platz, die jungen Dinger?! Ja Puste.. kuchen. Nichts da. Da muss ich arme alte Frau schon auf die vielbefahrene Straße ausweichen, und schon ist es passiert..! Bleib ich mit dem Absatz an der Bordsteinkante hängen, und bums - lieg ich auf der Nase. Sind ja überall.. so ähm Schlaglöcher hier.. auf der Straße. Die von der Stadt machen ja.. was sie wol-len.“

Zornig dreht sie ihr Gesicht zur Seite.

„.. aber glauben Sie, die Mädchen hätten.. mir hochgeholfen? Im Leben.. nicht! Die treten noch drauf heutzutage, die jungen Dinger!“

„Na ja, sind ja nicht alle so..“, verteidige ich die Jugend von heute, ein Impuls, der mich stets überkommt, wenn Teenager etwas anstellen.

Die alte Frau hört gar nicht hin.

„Ich bin auf dem Weg zum Doktor, nicht, dass die Beule noch wandert. Ist so nah am Auge.. Ach, wenn doch nur meine kleine Micky dabei gewesen wäre, die hätte keinen an mich rangelassen, die hätte mich verteidigt. Nicht wahr, kleine Mikki?! Tapferes kleines Mädchen. Jetzt ist sie auch noch scheinschwanger geworden, von all der Aufregung.“

So direkt angesprochen, macht die Pudeldame einen Schritt zur Seite. Ihre rosa Zitzen schleifen über den Boden, wie Schnürsenkel, die zu lang und schlaff geraten sind. Dann wackeln Frau und Hund jäh davon, ohne sich zu verabschieden. Aber warum auch, schließlich kennen wir uns ja gar nicht.

Ecke Kasino- und Goerdeler Straße, in Höhe des alten Briefkastens, beziehungsweise wo früher einmal ein Briefkasten montiert war und jetzt nur noch ein verblassendes Rechteck an der Hauswand an die alten Briefkasten- und Telefonhäuschenzeiten erinnert, falte ich den Brief ganz auseinander, der auf dem Boden gelegen hat.


Liebster,

wir haben gleich 4 Std. Deutsch scheiß Blockunterricht, und ich könnte soo wegpennen. Hoffentlich klappt das morgen mit Nico. Der ist ja dann sowieso wieder total bekifft. Na, wer kennt ihn schon anders.. Hauptsache, morgen abend klappt alles und wir können schön einen ziehen.

Bitte lass uns nicht wieder streiten, wenn wir breit sind, Liebster! Lass uns lieber zu den Laubenpiepern gehen und einen Quickie schieben. Ich hab morgen sowieso mein Kleid an. Ich mach mich richtig schön für dich.

So, jetzt muss ich wieder rein, Deutsch wartet. 4 Stund. scheiß Blockunterricht! Vielleicht hast du recht, und wir beide sehn uns zu oft, kann schon sein aber ich mag dich eben ganz doll. Nein, nein, nein: ich liebe Dich!! Bis morgen um 6 bei Nico.

Deine Nina

P.S.: War gestern noch mit Mel in der Stadt. Als wir nach Hause wollen, kommt uns eine alte Frau entgegen und fällt hin. Ich glaub, die ist umgeknickt mit dem Fuß. Die liegt da und fängt direkt an zu schreien, wir wären asoziale Fotzen, warum wir nur dastehen und ihr nicht helfen, dabei haben wir gar nichts gemacht, wir wollten ihr sogar hochhelfen. Danach nicht mehr natürlich. Mel hat dann noch so getan, als wollte sie ihr fett in den Arsch treten. Voll malle.
23.6.17 11:46


Jeans on

Ihre Plattensammlung umfasste vielleicht 100 Alben, als wir uns 1987 kennenlernten. In den Platten einer Frau zu stöbern heißt immer auch etwas über ihre Vergangenheit zu erfahren. Eine Plattensammlung ist die Abkürzung ins Herz einer Frau. Man sollte sich Zeit nehmen beim Durchsehen. Auf spöttische Kommentare kann man verzichten, hochgezogene Augenbrauen sind rasch wieder beizudrehen.

Ich fand einige seltene Reggae-Sachen, die mich überraschten. Noch mehr überraschten mich aber die Soundtracks von "Jenseits von Afrika" und "Flash Dance". So normale Sachen machten mich stets stutzig. Bis mir einfiel, Moment, das war die Plattensammlung einer Frau, hier hatte eine Frau die Finger im Spiel. Frauen hatten andere Finger, sie spielten ihre eigenen Platten.

Sie besaß sogar einige wenige Singles, und es waren keine 80er Jahre Extended Versions irgendwelcher Euro Dance Tracks von Bowie oder den Eurythmics, sondern echte 45er-Singles aus den 70ern, darunter "Too big" (Honey, I never lose!) von Suzi Quatro (was mir mächtig imponierte, da die Nummer nicht gerade das war, was man von Suzi Quatro zu haben pflegte, im Gegensatz zu "48 Crash", aber die Single hatte sie auch), und David Dundas Monster-Hit aus dem Jahre 1976, "Jeans on".

Natürlich zählt "Jeans on" nicht zu den besten 50 Singles der Pop-Historie, nicht mal zu den besten 50.000.

“Aber ich fand den Song super”, erzählt sie. “Samstagmorgens die Single auflegen, in die Jeans steigen und durchs Kinderzimmer tanzen, darüber ging lange Zeit gar nichts. Und irgendwie schien immer die Sonne vom Himmel, wenn Jeans On in meinem Zimmer lief, und unten im Hof wartete der blonde Alex auf dem Moped und drehte schon mal ne Runde, aber ich war noch nicht so weit, ich hatte noch zu tun. Ich musste noch schnell die Stelle mit dem tschkk-tschkk hören, auf das tschkk-tschkk war ich total heiss, wenn das tschkk-tschkk kam, rastete ich aus. Also, ich meine, cool. Ich rastete cool aus..”

Ursprünglich handelte es sich bei "Jeans on" um ein Werbe-Jingle für eine US-Marke namens Brutus Jeans, bis man das Hit-Potential erkannte und den Song als Single veröffentlichte. Vom ersten Takt an hat man eine frisch gewaschene Blue Jeans am Körper, nach Weichspüler duftend und so knalleng, dass man nur mit dem Schuhlöffel reinkommt. Und sobald die Hose einmal am Körper sitzt, verursacht der Hintern tatsächlich dieses knackige Geräusch, ähnlich dem unübertroffenen tschk-tschk!-Geschnalze von David Dundas, mit dem er die frohe Botschaft, I pull my Blue Jeans on, unterstreicht.

Wobei lange Zeit unklar blieb, was eigentlich mit Upper Jeans gemeint war, denn das war es, was ich damals als Teenager verstand: "I pull my blue jeans on, I pull my upper Jeans on". (Erst jetzt bei der Recherche lese ich, was er tatsächlich gesungen hat, nämlich nicht upper Jeans, sondern "I pull my old blue jeans on"!)

Damals wunderte ich mich, dass die Penner in England anscheinend Upper Jeans und Lower Jeans kannten, Jeans für drunter und drüber. Na, war auch egal, erstens handelte es sich um Briten, die flogen sogar mit Regenschirmen durch die Luft, und zweitens sangen wir ständig irgendwelche englischen Textfetzen mit, die nicht die Bohne stimmten, das taten wir andauernd, wen kümmerte das schon, solange nur das tschkk-tschkk zur rechten Zeit kam und die Sonne knalleng überm Haus stand.
26.6.17 06:18


Zwischenstand 1:1 - Ein schönes Ergebnis unter Männern

Am Kaugummiautomat für 50 Cent "Magic Water" gezogen, eine FART BOMB made in Belgium. Seither juckt es mich in den Fingern, die Bombe zu werfen. Das Bömbchen. Doch wen soll es treffen? So viele Menschen hätten es verdient, bestunken zu werden. Kaum jemand nicht. Fast schmeiße ich mir die Stinkbombe selbst vor die Füße. Gerade noch mal davongekommen. Das war knapp.

Die gelbe Flüssigkeit, Schwefelwasserstoff, schwimmt in einer kleinen Glasampulle. Lange her, da steckte so ein Ding schon einmal in meiner Hosentasche, in der Sexta. Vor der Lateinstunde. Ich hatte Türdienst, was bedeutete, man musste auf den Lehrer warten und ihm die Türe des Klassenzimmers aufhalten, bis er reinkam und guten Morgen wünschte.

Wenn ich mich recht erinnere, war der Türdienst streng an den Tafeldienst gekoppelt und wurde wöchentlich gewechselt. Ich stand einmal an der Tür und wartete auf unseren Englischlehrer, als der dumpfe Mitschüler Britzefeld ziemlich aus der Puste und auf den letzten Drücker zur ersten Stunde erschien. Als er mich an der Tür erblickte, rief er fröhlich "Ich bin im Stimmbruch! Ich war gestern beim Arzt!" und rauschte durch ins Klassenzimmer, wo er das gleiche noch mal verkündete. Der blöde Angeber.

Na ja. Schon okay. Die Schwertstrasse war noch ein strenges Bubengymnasium.

In den Bänken saßen verdiente Rabauken wie Karlos, der dicke Hansen und Ringo. Alles spätere Opiumsüchtige. Und natürlich der Mitsubishi Boy, der im Freibad Schellberg unermüdlich Gucklöcher in die Mädchenkabinen bohrte, in Muschihöhe, wovon noch spätere Schülergenerationen profitierten. Erst als die Mädels an Größe zulegten und von ihnen nur noch die verdammte Kniekehle zu sehen war, regte sich Verdruss.

Niemand wusste von meinem Plan. Der Fart Bomb. Als der Lateinpauker ankam und den Fuß in den Klassenraum setzte, Herr Paus, ein Aushilfslehrer, ein schmales nervöses Hemd, schloss ich die Tür und zertrat heimlich die zuvor am Lehrerpult positionierte Glaskapsel. Dann schlenderte ich auf meinen Platz, "Seasons in the sun" auf den Lippen.

Keine halbe Minute später miefte es im Klassenraum, als hätte Kartoffelbauer Schmattke seine gesamte Wintergülle ausgefahren.

WELCHES SCHWEIN WAR DAS!?

Unser junger Lateinlehrer verlor sofort die Contenance. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Er bebte vor Zorn. Als sich niemand meldete, rannte er los und holte den Direktor. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte gedacht, jemand macht das Fenster auf und fertig. Paar betäubte Lacher vielleicht und Gestöhne, aber doch keinen Direx holen. Der war zwar "ein schidderig Kerlchen", wie der Solinger sagt, ein schmächtiges Kerlchen, aber wehe, man spielte Streiche. Das konnte er auf den Tod nicht ab. Er war ja nicht umsonst Direktor geworden. Er hatte Qualitäten. Er war bei den Nazis gewesen, erzählte man sich.

Wenn er sich ärgerte, verdickten sich die Adern auf seiner Stirn zu Telegraphenkabeln und er schnarrte mit metallischer Feldherrenstimme: WER WAS DAS? WELCHER ROWDY HAT DEN JUXARTIKEL GEZÜNDET?

Bei jedem anderen Lehrer hätte die Klasse geprustet vor Lachen, nicht bei Direktor M., es herrschte Totenstille. Definitiv. Weil niemand reagierte, gab er dem "Unhold" eine allerletzte Chance, sich zu melden, sonst, so drohte er, hätte die ganze Klasse darunter zu leiden.

Ich hob den Arm und gab mich zu erkennen.

"Mitkommen", knurrte M.

Im Nachhinein frage ich mich schon, was mich damals geritten hat. Warum ich mich outete. Aber mit elf Jahren ist man im ritterlichen Alter. Da steht man noch zu dem Mist, den man baut. Schon zwei Jahre später hätte ich alles meinem kleinen Bruder in die Schuhe geschoben. Der ging zwar noch in den Kindergarten, zwei Kilometer entfernt, aber diesen Widerspruch hätte ich schon irgendwie hingebogen. Er wäre seiner verdienten Strafe nicht entkommen.

Kaum fiel die Tür zum Direktorzimmer hinter uns ins Schloss, hatte ich eine Ohrfeige im Gesicht, ich kippte fast um. Erstens aus Überraschung. Zweitens wegen der Wucht. Ich dachte, alle Zähne sind weg, als wäre mir ein VW Bus in die Fresse gesprungen, mit Anlauf. Zusätzlich brummte mir der Direktor eine 10seitige Strafarbeit auf. Credo: warum ich so etwas nie wieder tun dürfe.

"Auf Latein, mein Freund."

O me miserum! - Oh, ich Unglücklicher!

Zu Beginn der 90er Jahre sah ich M. zufällig vorm Stadt-Theater wieder. Mein Kumpel Karlos spielte mit dem Städtischen Ensemble Profan "In der Einsamkeit der Baumwollfelder", aber dahin zog es den Ex-Direx nicht, er wollte in die Operette, die zeitgleich im Konzertsaal gegeben wurde.

Ich beobachtete den mittlerweile 80jährigen, wie er Eintrittskarten am Schalter kaufte und zurück Richtung Atrium eilte, wo seine Frau wartete. Er übersah den frisch gewienerten, geschlossenen Flügel der Eingangstür und lief frontal vor die Scheibe, mit der Nase voran, RAA-PAFFF, dass alle Anwesenden glaubten, seine Knolle müsse auf alle Zeiten bis auf die Wurzel eingedellt sein. Somit stand es 1:1. Ein schönes Ergebnis unter Männern.

So als Zwischenstand, meine ich.
27.6.17 17:37


Sozialbilanz

Es gibt Tage, da fällt meine Sozialbilanz verheerend aus. Ich sehe so gut wie niemanden, ich spreche nur das nötigste. Nicht etwa, weil mir nichts einfiele, (wenn das der Grund wäre, hielte ich noch viel öfter die Klappe), sondern weil ich anderes zu tun habe. Es sind nicht die schlechtesten Tage. Fellpflege findet nicht statt.

Alleinsein ist Bedingung, Alleinsein ist des Daseins Krone, wenn du schreibst. Dem sozialen Tier nur die Notration gönnen. Immer ein bisschen hungrig bleiben, und dann, im Alleinsein:

prassen.

Die Sozialbilanz bessere ich an anderen Tagen auf. Mit Leuten, die mir begegnen, Leuten wie Maik. Er ist den zweiten Herbst obdachlos. Die Stadt hat ihm eine „Pennerwohnung angeboten, wo tausend Leute den Schlüssel haben und dich bestehlen, wenn du schläfst, nee, lass mal stecken, da mach ich lieber Platte.“

Jeden Morgen klappt er vorm Eingang eines Warenhauses in der Innenstadt sein mitgebrachtes Regie-Stühlchen auf und macht es sich bequem. Er bleibt den ganzen Tag dort hocken, er bettelt wortlos. Es gibt kein Pappschild, das auf seine Obdachlosigkeit hindeuten würde, keinen Becher für Münzgeld, nichts, gar nichts, nicht mal einen Hund oder eine Wolke tanzender Flöhe, es gibt nur sein verschlossenes missmutiges Gesicht.

Maik ist kein guter, kein effizienter Bettler. Er mag das Betteln nicht. Er mag es dazusitzen und der Welt sein Unglück zu präsentieren, schaut her, was ihr aus mir gemacht habt, und sollten dabei ein paar Groschen abfallen, ist es gut, wenn nicht, dann eben nicht.

Maik raucht bröseligen schwarzen Tabak, "ich rauche schon den Staub, der ich mal werde", ächzt er.

Wer sich dauernd in Gesellschaft befindet, der sehnt sich nach Alleinsein, doch kaum ist man einen Tick zu lange allein, auch Scheiße. Der Mensch braucht einen Sozius. Einen, der einsteigt und dich einen Teil des Weges begleitet. Alleinsein ist schön, wenn man weiß, dass jemand da ist und im Hintergrund auf dich wartet. Sonst ist Alleinsein Scheiße. Ich spreche hier nicht von Einsamkeit. Das ist eine ganz andere Geschichte. Einsam ist die Rückseite des Mondes.

Der Geschäftsführer des Warenhauses wollte Maik zunächst vertreiben, doch Maik ließ sich nicht vertreiben, nicht einen Meter rückte er von seinem angestammten Platz ab. Auch Polizei und Ordnungsamt sind machtlos. Er sitzt ja nur da in seinem Stühlchen und tut niemanden etwas. Genaugenommen bettelt er nicht einmal. Es ist rechtlich kaum möglich, ihm Platzverbot auszusprechen.

Und mit der Zeit änderte sich das Verhältnis zwischen Maik und Mitarbeitern des Warenhauses. Weil er jeden Morgen um neun seinen Platz einnimmt, pünktlich zur Eröffnung des Hauses, grüßt man sich nett und wechselt einige Worte. Maik kann freundlich sein, wenn er nicht betrunken ist, und morgens um neun ist er selten betrunken.

Wie wird das Wetter, was macht die Frau, sind die Katzen gesund.

Selbst der Geschäftsführer wird auf Maiks Verlässlichkeit aufmerksam und überträgt ihm kleinere Arbeiten, etwa das Zusammenschieben von Einkaufswagen. Dafür gibt es einen kleinen Obolus, doch wichtiger noch, man redet miteinander.

Schließlich bekommt Maik vom Geschäftsführer persönlich einen neuwertigen Rollkoffer geschenkt. Der Koffer hat bei einem Sturz einige winzige Kratzer abgekriegt und lässt sich nicht mehr verkaufen. Es ist ein edles tintenschwarzes Teil namens „Pierre“, „beinah dokumentenecht“, wie Maik jedem grinsend mitteilt, ob der es nun hören will oder nicht.

Es ist ein kurioser Anblick. Dieser Geprügelte, dieser depressive Trinker und ex-Rauschgiftsüchtige („Heroin hab ich mir mit Jägermeister abgewöhnt, Alter“), dieses Wrack zieht nun, wenn es nicht gerade in seinem Regie-Stühlchen versinkt, tagein, tagaus mit einem ausgemusterten exklusiven Rollkoffer namens „Pierre“ durch die Innenstadt, begleitet von diesem unpassenden Sound hart rollender Rädchen auf dokumentenechtem Bürgersteig, den Blick in sich gekehrt, gereizt.

„Ich kann schlecht allein sein, wenn niemand da ist“, hat Ringo mal gesagt, ein Freund der richtigen Worte zur richtigen Zeit. Es hätte auch von Maik stammen können, mutterseelenallein, inmitten all der Leute.
28.6.17 11:49


Balance

Vermutlich weil das Leben so schön ist, muss man sterben. Wegen der Balance.

- Die Gräfin -
30.6.17 09:03


Der man einmal war, bevor das Leben schrecklich wurde

23. Januar 2014

Morgens rufe ich im Krankenhaus an, wo man ihn vorsorglich eingeliefert hat, weil die Blutzuckerwerte verrückt gespielt haben. Er liegt auf der Nephrologie. Da gehört er nicht wirklich hin, doch auf der Inneren war auf die Schnelle kein Bett frei, schon gar kein Privat-Bett.

“Wie geht's meinem Vater? Wie hat er die Nacht verbracht?”

“Wie er die Nacht verbracht hat, kann ich Ihnen nicht sagen, da müssen Sie die Nachtwache fragen.“

Die Krankenschwester klingt gleichzeitig amüsiert und genervt.

“Im Moment sitzt Ihr Vater wieder draußen auf unserem Hanse-Stuhl und schimpft über Gott und die Welt, wie man ihn kennt.”

Hanse-Stuhl?? Was ist ein Hanse-Stuhl?! Und was heißt wie man ihn kennt..? Ich meine, da ist unser alter Vater nicht mal einen Tag auf Station, schon heißt es, wie man ihn kennt... Wenn das mal kein Qualitätsmerkmal ist.

Als ich die Station betrete und nach jemand Ausschau halte, der zum Zustand meines Vaters kompetent Auskunft geben darf, komme ich an einer offenstehenden Tür vorbei. Ein Männlein steht mitten im Zimmer, das weiße Krankenhaus-Leibchen schlottert an seinem Körper. Es hat eine Strickjacke übergeworfen, deren Knöpfe falsch geknöpft sind. Haltlos tapst es umher, auf Socken, die schiere Panik im Gesicht. Erst, als es mich erblickt, erkenne ich ihn.

“Papa..!!” ruf ich erschrocken.

Er macht große erstaunte Augen, dann ruft er meinen Namen und gräbt sich in meine Arme. Sein weißes Haar steht wirr in der Luft, wie nach einer Razzia.

“Ich dachte schon, ihr hättet mich alle abgeschrieben! Ich könnt so luggen..!”

Er ist kaum zu bändigen. Er irrt im Kreis umher, das Gesicht in den verschorften Händen. Ein alter Dickhäuter, der zu lange schon auf der Welt ist, um sie noch zu verstehen. Ich versuche ihn zu beruhigen. Jetzt bin ich ja da, sag ich. Jetzt bist du nicht mehr allein. Ich fühle mich elend. Es dauert seine Zeit, bis ich Vater so weit runtergefahren bekomme, dass er sich ins Bett legt. Er muss Ruhe kriegen.

Auch ich bin aufgebracht. Ich bin aufgebracht, weil man ihn ohne Rücksprache ins Klinikum eingeliefert hat. Mit der Leitung des Altenheims war abgesprochen, Vater nur noch dann ins Krankenhaus einzuweisen, wenn es dazu medizinisch keine Alternative gibt und wir Kinder zuvor informiert werden. Jeder Krankenhausaufenthalt bereitet ihm solche Qualen, dass er vom Moment der Einlieferung an radikal abbaut, seelisch wie körperlich. Ortsveränderungen sind Gift für demenzkranke Menschen. Die vielen fremden Gesichter, die überflüssigen und langwierigen Untersuchungen, mit denen Kliniken ihre millionenschweren Apparateparks auslasten, die damit verbundenen Strapazen und Ängste.

Du willst einen an Demenz erkrankten Pflegefall töten? Stecke ihn ins Krankenhaus und warte fünf Minuten.

Trotz der Abmachung mit der Altenheimleitung geschieht es immer wieder, dass einzelne überforderte Pflegekräfte sofort nach dem Notarzt telefonieren, wenn Vater sich morgens beim Waschen nicht kooperativ zeigt und grantig wird. Was passieren kann, wenn man früh um fünf aus dem Bett gescheucht wird, im Kommandoton. Und wenn dann noch die Blutzuckerwerte gestiegen sind, an einem Freitag, wie der Zufall will, dann konstruiert man daraus kurzerhand ein gefährliches Auf und Ab der Blutzuckerwerte. Und je nachdem, welcher Notarzt gerade Dienst hat, fackelt der nicht lange und schreibt so fix eine Einweisung, dass keine Zeit bleibt, sich mit irgendwelchen Angehörigen in Verbindung zu setzen, die eh nur Ärger machen – Sache erledigt. Soll sich doch das Städtische Klinikum übers Wochenende mit einem dementen Deppen herumärgern.
 
Bis 19 Uhr liegt er im Bett und schläft. Aber es ist ein unruhiger Schlaf. Trotz zwei zusätzlicher Wolldecken und der auf volle Pulle gestellten Heizung ist ihm so kalt, dass er fröstelt, er bibbert regelrecht, mit geschlossenen Augen. Ich hole eine dritte Decke aus der Wäschekammer. Zwischendurch öffnet er kurz die Augen, rollt mit den Pupillen, starrt zur Decke. Er ist nicht mehr richtig von dieser Welt. Es sind Kurzreisen, die sein Gehirn bucht, wenn er zwischendurch in der Wirklichkeit des Krankenzimmers haltmacht. Dann fällt er wieder in den Schlaf. Unruhig, ohne echte Entspannung. Doch immerhin, er liegt im Bett. Er irrt nicht umher.

“Zum ersten Mal an diesem Tag,” wie die Pflegerin erleichtert feststellt, als sie ins Zimmer reinschaut, um das Abendbrot zu bringen. “Er hat praktisch den ganzen Nachmittag auf dem Flur im Hanse-Stuhl verbracht und gezetert und geschimpft. Oder er ist rumgelaufen.”

Der Hanse-Stuhl, erfahre ich, ist ein Riesenmöbelstück, das am Ende des Gangs steht und dem amtierenden König der Station vorbehalten bleibt. Die Jury besteht aus dem Pflegepersonal, das aktuell Dienst schiebt, und der Arzt-Visite. Die hat auch ein Wörtchen mitzureden. Der Hanse-Stuhl hat weitläufige Armlehnen, die ihn zu einem majestätisch anmutenden Thron, ja zum Herrschersitz aufbrezeln. Selbst von anderen Stationen kommen am Wochenende Patienten und Pflegekräfte auf einen Sprung rüber, um dem aktuellen König zu huldigen. Unser Vater.
Der alte Schreihals. Der er niemals war.

“Die trachten mir nach dem Leben”, soll er nachmittags in einer Art Dauerschleife geschrien haben, höre ich. “Die wollen mich abspeisen, die wollen mich fertig machen! Das ist ein ganz dreckiges Stück, was hier gespielt wird. Und das nur, weil ich nicht weiß, welches Datum heute ist und welchen Wochentag wir haben.. Der ist bestusst, heißt es dann. Das ist ein ganz dreckiges Stück, was hier gespielt wird!”

Man kann es nicht anders sagen. Seit Vaters Umzug von Zuhause ins Altenheim feiern Demenz und innere Erregung fröhliche Eskapaden, dabei spricht er nur die Wahrheit – nichts als die Wahrheit. So wie sie zu ihm durchdringt.

Manchmal beobachte ich ihn und muss an früher denken, als ich ein Teenager war. Ich weiss nicht, an wieviel aberhundert Abenden ich im Wohnzimmer am großen Kirschbaumschrank saß, die Kopfhörer aufgesetzt und am Stereo-Radio meine Lieblings-Musiksendungen mitgeschnitten habe. Sendungen, die sich um Pop drehten, um US-Charts und britische Neuentdeckungen, während keine drei Meter entfernt, mit dem Rücken zu mir, Vater seinem spät entdeckten Hobby nachging und Heimorgel spielte, ebenfalls die Kopfhörer aufgesetzt. Er in seiner beschwingten Farfisa-Welt, ich in meinem UKW-Universum.

Was besonders in Erinnerung geblieben ist: wie mein Vater, er war damals Ende vierzig und ich vierzehn, beim Spielen mit den Beinen arbeitete. Er trat in die Pedale seiner Hammond-Orgel, als wolle er den Tourmalet erobern, dazu kam die Handarbeit an den zwei Manualen. Er schmiss sich in die Tasten wie ein Handwerker, der Feierabend hatte, aber nicht davon ablassen konnte zu schmirgeln, zu schweißen, sich ins Zeug zu legen.

Eine schöne Zeit war das. Wir fröhnten beide unseren Leidenschaften, Abend für Abend, Rücken an Rücken, jeder für sich und doch gemeinsam, ohne den anderen zu behelligen.

Und dauernd sah ich seinen rockenden Rücken.
 
An sich hatten wir kaum Gemeinsamkeiten. Zwar waren wir uns vom Gemüt her ähnlich und auch äusserlich unschwer als Vater und Sohn zu erkennen, doch damit hatte es sich auch schon. Mit meiner Leidenschaft für Fußball konnte er nichts anfangen, ich kann mich nicht erinnern, dass er je ein Spiel besucht hat, bei dem ich auf dem Platz stand, und ich habe zehn Jahre im Verein gespielt. Nicht, dass es mir wirklich gefehlt hätte, ihn am Spielfeldrand zu erleben wie so viele andere Väter meiner Klubkameraden, die sich den Hals wund meckerten, weil ihr Sohn nicht so mit Flanken gefüttert wurde, wie es einem ehrgeizigen Vater vorschwebte, aber es zeigte eben doch, wie wenig er sich für mein Leben interessierte.

Einspruch.

Es gab ein Spiel, wo er mit dabei gewesen ist. Und meine Mutter auch. Es muss im Sommer 1972 gewesen sein, wir spielten mit dem RSV in Baumberg am Rhein, auf prächtig gepflegtem Rasen, und Vater probierte seine neue Super 8 Kamera aus. Schöne Farbaufnahmen, aber ich war nicht gut in Form an diesem Tag. Mein Vater stand am Spielfeldrand und filmte mich. Das machte mich nervös. Kaum ein Trick gelang. Aber wenn es in den folgenden Jahren einen Dia-Abend im Hause Glumm gab, schob mein Vater stets die Super 8-Aufnahmen aus Baumberg dazwischen. Ich glaube, ihm war gar nicht klar, dass ich normalerweise viel besser Fußball spielte als an diesem Sommertag. Mann, hab ich schlecht gespielt an diesem Tag.
 
Der Bettnachbar auf der Nephrologie, wesentlich jünger als mein Vater, ist ein komischer Kauz. Ständig ins Kreuzworträtsel versunken, zeigt er keinerlei Interesse an seiner Umgebung. Nicht mal in dem Moment, als ich das Zimmer betrete, blickt er auf. Und auch als Vater lauthals schreit, “DIE WOLLEN MICH FERTIGMACHEN!”, bleibt er stur im Kreuzworträtsel verhaftet. Wie ein Bussard, der über der Zeitschrift steht und nur darauf wartet, dass er endlich Beute macht, ein Buchstabenbussard. Erst im Laufe des Abends merke ich, dass der Mann ein gewaltiges Problem mit dem Hören hat, dass er vermutlich schwerhörig ist und außerdem kaum Deutsch spricht, geschweige denn versteht. Kein Wunder, dass er mit dem Kreuzworträtsel nicht zurecht kommt.

Als ich ihn frage, ob er vielleicht eine Ahnung habe, wie sich das grelle Licht am Kopfteil des Krankenbetts herunterdimmen ließe, muss ich schon dreimal nachfassen und ihm direkt unter die Augen treten, bis er endlich kapiert, was ich von ihm will. Dann aber gibt er bereitwillig und kompetent mit Händen und Füßen Auskunft und ruckzuck herrscht gemütliche Dämmerstimmung im Zimmer.

Eigentlich ganz in Ordnung, der Typ.

Vater hat dennoch keinen Respekt vor ihm. Er nennt ihn bloß Vinzenz, wenn er von ihm spricht. Nun weiß ich aus jahrelanger Erfahrung, dass Vater nur solche Leute Vinzenz nennt, die er nicht ernst nimmt. Ein Vinzenz rangiert im Ansehen meines Vaters noch weit unter der Pfeife, und eine Pfeife gilt schon nicht viel. Ironischerweise ist Vinzenz von Viktor abgeleitet und bedeutet: Sieger. Aber so ist das nun mal mit den Märtyrern im Dunstkreis meines Vaters.
 
“Mir ist kalt”, jammert Vater, die Decke bis zur Nase hochgezogen. Immer wieder erkundigt er sich, ob ich die Heizung auch wirklich hochgedreht habe. “Ich friere wie ein Schneider.”

“Du bist ein Frösterpitter”, sag ich, und er lächelt. Wenn ich Platt spreche, lächelt er.

“Ich hab schon als kleiner Junge immer gefroren”, sagt er.

Das ist doch mal ein Wort. Ich steige sofort darauf ein.

“Wie hast du es denn später im Beruf gemacht?”

“Was meinst du?”

“Na ja, wenn du als Installateur in Kellern gearbeitet hast, ich mein, da muss es doch ständig bitterkalt gewesen sein. Oder hat dir jemand von den Stiften alle zwei Stunden eine Wärmflasche vorbeigebracht?”

Er übergeht den müden Scherz.

“Na, deswegen hab ich mich doch früh selbständig gemacht.” Er wartet einen Moment, um zu prüfen, ob ich weiß, worauf er hinaus will. “Damit ich als Meister solche Arbeiten nicht ausführen musste. Das konnte ich.. delegieren. Das waren meine Überlegungen damals. Es war ja alles genau geplant. Als Meister musste ich nie irgendwo arbeiten, wo es unangenehm kalt war. Außerdem konnte ich mittags nach Hause fahren, was essen und mich ein Stündchen aufs Ohr legen.”

“Ich erinnere mich.”

Jeden Mittag, zwischen eins und halb drei, hatten wir Kinder still zu sein, Papa hatte sich hingelegt. In diesen knapp anderthalb Stunden war in der ganzen Wohnung nichts zu hören, ausser dem leicht wiegenden Surren der Spülmaschine und Vaters Schnorcheln.

“Ja, siehst du. Das hätte ich als einfacher Geselle alles nicht gekonnt.”

Da hatte er also Mitte der 50er Jahre seinen eigenen Betrieb eröffnet, um nicht sein Leben lang selbst in kalten Kellern buckeln und frieren zu müssen. Noch Jahrzehnte später ziehe ich den Hut vor solchen Schachzügen, die einem das Leben erleichtern. Und nicht nur das: Weil er in seiner Kindheit oft frieren musste, wollte er seinen Kindern diese Erfahrung ersparen. Also bekam jeder von uns Dreien seinen eigenen privaten Heizkörper ans Bett montiert.

Ehrensache.
 
Vater schließt die Augen und schläft noch mal etwas. Ich schaue ihm zu, seinen unruhigen Atemzügen, den Zuckungen in seinem Gesicht, mit denen er auf Geräusche vom Stationsflur reagiert. Einmal kracht draußen ein Tablett zu Boden, mit lautem Geschepper. Er reißt die Augen auf.

“Was.. war das denn..??!”

“Ach nichts. Draussen auf dem Gang ist.. Besteck  zu Boden gefallen.”

Er nickt zufrieden. Unterdessen nehme ich seine Hände, die über Kreuz auf dem Brustkorb liegen, in meine Hände, und drücke sie.

“Ja, das kannst du ruhig tun”, flüstert er.
30.6.17 19:42


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