Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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DAS AUGE, GLUMM! JETZT KOMMT DAS AUGE!

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*

Einmal saß ich besoffen auf dem Beifahrersitz neben Selle, einem Bekannten, es ging runter in die Wipperaue. Wir wollten Pepe aus dem Schlaf klingeln, um einen Bong zu rauchen. Es war mitten in der Nacht. Die lange Katternberger Strasse runter fielen Selle am Steuer ständig die Augen zu. Ich versuchte ihn wach zu halten, boxte ihm in die Seite.

„He! Die Augen auf, Mann!“

Wir waren nicht wirklich Freunde. Nicht, dass ich Selle nicht gemocht hätte, seine stoische Art, die Dinge anzugehen und seine kindliche „Jetzt mit noch mehr Monstern!“-Lache gefielen mir, doch selbst in jungen Jahren hat ein Herz nur bedingt Platz für Freundschaft, es passt manchmal einfach nichts mehr rein.

„Guck auf die Strasse, Selle! PASS AUF!!“

Dann sackte ich ebenfalls weg. Wir rasten im Blindflug die Strasse runter. Das erste, was ich sah, als ich die Augen öffnete, war eine beleuchtete Baugrube, deren Absperrung wir rumpelnd durchbrachen. Glas splitterte, mein Schädel ging durch die Scheibe. Der Unfall verursachte solch einen Lärm, es waren sofort Anwohner zur Stelle. In Panik war ich aus dem Wagen gesprungen, während Selle zurück in den Fahrersitz prallte und mit schockgeweiteten Augen seinen Körper abtastete.

„Sind Sie verletzt? Sind Sie in Ordnung?“ (Eine Frauenstimme.)

Auch wenn wir auf der Stelle stocknüchtern waren, so richtig war uns nicht bewusst, was geschehen war. Während man uns nebenan in eine gepflegte kleine Wohnung brachte, inklusive Samstagabendshow im Ersten, und wir auf den Krankenwagen und die Polizei warteten, („Keine Bullen..!“, hatte Selle noch gerufen, vergeblich), bemühte sich das nette Paar um uns. Die Frau wusch umsichtig das Blut aus meinem Gesicht, wobei ich einen Blick in den Spiegel warf. Das war's mit meiner schönen Fresse, war mein erster Gedanke. Aus, vorbei. Frankenstein.

Im Krankenhaus wurde ich mit zwölf Stichen genäht, an Stirn und Wange und auf der Nase. Selle war beim Zusammenstoß ein halbes Ohr abgerissen worden, was jedoch erst im Spital auffiel. Die Polizisten durchsuchten den demolierten Wagen, fanden das knorpelige Teil auf dem Boden, es wurde in aller Eile ins Klinikum gebracht und angenäht.

Seit diesem Tag bin ich auf Blut nicht sonderlich gut zu sprechen, auch wenn die Narben in meinem Gesicht gut verheilten. Der Anblick von Blut setzt mir zu, erst recht im Zusammenhang mit Operationen oder Unfällen. Dass ich 1981 dennoch freiwillig einen Großteil meiner Zivildienstzeit als Springer im OP verbrachte, lag allein daran, dass es der einzige Zivi-Job im Marienkrankenhaus Düsseldorf-Kaiserswerth war, bei dem man das Wochenende regelmäßig frei hatte. Ausserdem gab es eine kleine monatliche Zulage von 100 Mark, ein Zückerchen, weil niemand den Job machen wollte. Als ich mich probeweise für den Springer-Dienst im OP entschied, war dort schon über ein Jahr kein Zivi mehr aufgelaufen. Dementsprechend skeptisch wurde ich empfangen.

Und tatsächlich, es war ein harter Job. Besonders für jemanden wie mich, für den (von Autounfällen angesehen) das heftigste bislang ein Pieks in den Finger gewesen war, um den Blutzuckergehalt zu bestimmen. Aber ich hielt durch. Ich riss mich zusammen, obwohl es weh tat. Ich blieb im OP und wischte den Chirurgen ihren scheiß Schweiss von der Stirn, ich sammelte das Blut in Eimern und kippte es in den Ausguss, ich gewöhnte mich an die abstrusen Gerüche aufgebohrter Oberschenkel, warum? Weil mir die geregelten Arbeitszeiten von Montag bis Freitag ein freies Wochenende garantierten.

Das konnte ich mir unmöglich durch die Lappen gehen lassen.

Nach einem Jahr Fünf-Tage-Woche im OP hatte ich mich an den Gestank von aufgefrästen Knochen und an den spritzenden Blutbrei gewöhnt. (Blut ist kein Saft, Blut ist ein sämiger, von weisslich-gelblichen Fasern und Gewebefetzen durchtränkter zähflüssiger Brei, der jede Kanalisation sofort verstopft). Doch sobald Feierabend war und ich im Fernsehen zufällig auf eine unblutige kleine Knie-Punktion stiess, schaute ich angeekelt weg. Es war widersinnig und nicht zu erklären. Da stand ich im OP-Saal vor weit geöffneten blubbernden Körpern, doch wovor ekelte ich mich? Vor einer kleinen Augen-Operation mit Fremdkörperlöffel im Fernsehen. Keine Ahnung, warum. Wer kann es mir sagen. Niemand.

Meine Aufgabe als Springer bestand darin, von OP-Saal zu OP-Saal zu springen und den Herren Chirurgen die große OP-Leuchte richtig einzustellen. Bei schwierigen Eingriffen musste das Licht immer wieder in neue Positionen gebracht werden, und da sich mit jeder Bewegung das Lichtfeld veränderte, musste auch ständig nachjustiert und fokussiert werden. Das klingt einfacher, als es ist. Besonders am Anfang schaffte ich es oft nicht, die um die Lampe herumlaufende Reling so zu handhaben und zu steuern, dass das Licht auf den Punkt gebündelt ankam, wo es gebraucht wurde, etwa wenn eine kaputte Hüftpfanne von einem Implantat ersetzt werden musste, eine kniffliche Milimeterarbeit. Der Chef-Chirurg wetzte ungeduldig das Besteck in der Hand und konnte doch nicht fortfahren, solange ich den Krisenherd nicht exakt ausleuchtete. Die versammelten OP-Schwestern beobachteten mich missmutig, und während ich noch mit der störrischen OP-Lampe im Clinch war, begannen alle Umstehenden unterm warmen Halogenlicht in ihre Kopfhaube zu ölen, was mir später zusätzliche Arbeit verschaffte.

Aber das Wochenende war frei.

Das knalligste im OP-Saal waren die Augen. Von Kopfhaube und Mundschutz verdeckt war von den Gesichtern der Menschen kaum mehr zu sehen. Auch wenn man die Kollegen mit der Zeit an Körperbau und Bewegungsablauf erkennen konnte, ich orientierte mich automatisch an der Augenpartie. Die Beschränkung auf den schmalen Schlitz zwischen Unterkante Kopfhaube und Oberkante Mundschutz machte jeden Blick spannend und hochinteressant. Mehr als einmal passierte es mir, dass ich mich während einer ereignislosen Meniskus-OP kurzfristig in den scharfen Blick einer OP-Schwester verknallte. Nicht in einen konfrontierenden offenen Blick, nein, eher in einen verlorenen kleinen Seitenblick hellblauer Augen, in den Nebenaspekt einer Situation, etwa wenn die Schwester gedankenverloren nach dem Knochenzement griff.

"Schwester Gudrun.. SCHWESTER GUDRUN!!"

Dann war da noch Igor, Anästhesist aus Bulgarien, ein Kerl, der auch gern mal verkatert zum Dienst erschien. Ein Mann mit der Statur eines Hochhauses und mit solch wuchtigen Händen, er hätte den Tunnelbau in ganz Osteuropa alleine vorantreiben können. Wenn es bei einer Operation hoch herging und das Blut gleich literweise abgesaugt wurde, machte er mir oft Kniepäugelchen, um dem Moment die skandalöse Schwere zu nehmen, und wir mussten beide lachen. Einmal summte er der Oberschwester „Es gibt kein Blut auf Hawaii“ ins Ohr, ich stand daneben. Womit die Wahrheit bewiesen wäre.

Die Krönung der Zeit im OP war mein letzter Tag 1982. Nach einer aufwändigen Bein-Amputation, (es war mir freigestellt worden, dabei zu assistieren), schleppte ich das noch warme Bein einer alten Frau, eingewickelt in pastellgrünes Krepp-Papier, über die Flure des Krankenhauses ins Krematorium. Das Bein zitterte in meinen Händen, es zitterte wie ein Welpe, es lebte noch ein bisschen. Ein Bild, das mich bis in meine Träume verfolgte. Immerzu sah ich mich mit einem Bein, das niemanden mehr gehörte, durch die Gänge des Spitals irren, und es war flutschig wie ein Fisch.

Das schlimmste Bild aber, das mich lange Zeit verfolgte, hat nichts mit meinem Zivildienst zu tun. Es stammt aus dem Andalusischen Hund von Luis Bunuel und Salvador Dali. Der Film lief Ende der 70er Jahre regelmäßig im von Filmfreaks betreuten Programm des Metropol-Kinos, und immer wieder gelang es Karlos und Schnaat, mich in die Nachmittagsvorstellung zu lotsen, gegen meinen Willen. Sobald ich Platz genommen hatte, schloss ich die Augen. Ich fürchtete den Prolog, in dem die berühmte Rasierklinge im Bild auftaucht und eine menschliche Pupille aufschneidet. Auch wenn es in Wahrheit ein Kuhauge war, wie ich später erfuhr. Weil Karlos und Schnaat genau wussten, wie sehr diese Szene mich fertig machte, warnten sie mich die halbe Zeit, HE, GLUMM! DIE WERBUNG IST ZU ENDE, GLEICH GEHTS LOS! GLEICH KOMMT DAS AUGE, GLUMM!

JETZT KOMMT DAS AUGE!

Wenn der Film dann endlich begann, war ich nicht nur abgestumpft von den dauernden Warnungen, es warnte mich auch niemand mehr, wenn die Rasierklinge und ein Auge im Großformat auf der Leinwand erschien und loslegte, und so bekam ich jedes Mal einen Zipfel des Wahnsinns zu fassen, EINEN RIESEN-ZIPFEL! noch bevor ich weggucken konnte. Ich meine, was gibt es schlimmeres für ein menschliches Auge, als dabei zuzusehen, wie ein anderes menschliches Auge seziert wird. Was würde ich dafür geben, hätte ich diese gottverfluchte Nahaufnahme auf der Kinoleinwand nie gesehen.

 

4.4.17 18:59


Man kommt als Rohdiamant zur Welt

Man kommt als Rohdiamant zur Welt, sagt sie, und endet als Irgendwer.

Als irgendwer, der in einem schlichten verwaschenen Pullover rumrennt, auf dem mal Strass-Steine aufgeklebt waren.

*

Sein kleiner, aber voluminöser Mund saß wie ein Schiffchen in seinem Gesicht. Frauen, die ihn küssten, riefen unwillkürlich: "Herr Kapitän! Nimm mich mit auf die Reise!"

Was wie ein gelungener kleiner Trick wirkte, war in Wahrheit ein Stück gelungener Natur.

*

"Kurt holt Schrott ab!" stand auf dem weißen Pritschenwagen mit Essener Kennzeichen, der mit Schrittgeschwindigkeit durch die Siedlungen der Solinger Nordstadt krauchte, von einer so lauten und jämmerlich quietschenden Federung unterstützt, als hopste jemand auf Omas Sofa herum, unablässig und frohen Mutes.


*

Es gibt Tage, wenn ich da etwas über Überlebende von Bergen-Belsen und Auschwitz lese, möchte ich rübergehen zu den Nachfahren und mich persönlich entschuldigen für das, was ihnen einst im Namen meiner Vorfahren angetan wurde.

Eine Geste der Hilflosigkeit, natürlich, denn als ich 1960 geboren wurde, waren die Konzentrationslager bereits seit 15 Jahren geschlossen, ich hatte mit Naziverbrechern nichts am Hut, aber darum geht's nicht.

Es ist eine romantische Vorstellung, ich weiß, und dennoch: Ich bin der Auffassung, ein Volk ist wie eine Familie, wo der eine für den anderen einsteht, in guten wie in bösen Zeiten.

*

Dem fernöstlichen Prinzip von Ying und Yang hat der Westen noch ein Jung hinzugefügt.

Ein ewig Jung.

*

Liebe sucht immer den Idealfall, sagt sie.

Das ist ja das Problem, sag ich.
12.4.17 02:54


500beine, die nächste

Verschiedene Leute in meiner Umgebung, die sich zuvor nicht kannten, hatten sich unabhängig voneinander und zur gleichen Zeit eine französische Bulldogge zugelegt. Das erklärte auch, warum einem diese Hunde neuerdings dauernd über den Weg liefen. In unserer Hood.

Gerade erst hatte Frau Moll eine französische Bulldogge angerempelt, schon kam uns am Rasenplatz das nächste Exemplar entgegen, das genauso aussah, mit kleinen knackigen Hodeneiern. Keinen Hacken Unterschied. Bis auf die Namen. Einer hieß Zeus, einer Jerry, der dritte Stu. Alles Rüden aus demselben Wurf, plus Kimba, die laufende Nummer 4. Sie war das einzige Bulldog-Mädchen, das hier am Stadtrand rumlief und mit ihren knapp neun Monaten auch schon trächtig war und die nächste Ladung kurzatmiger nasenloser Krächzer vorbereitete, mit knackig-geballten kleinen Hodeneiern.

*

- Mutti, schau mal da vorn! Die Frau weint ja Butter! -

- Psst, Kindchen.. Das sind reiche Leute. -


*

Womit man sich so alles beschäftigen muß, bevor man in den Himmel kommt. Mit Hundehaufen zum Beispiel, die einem plötzlich unterm Schuh kleben. Und dann sitzt man beim Frisör und wundert sich über den Gestank, der einem in die Nase steigt. Aus dem eigenen Körperkeller. Üble Situation. Der Frisörkittel, den man standardmäßig umgebunden kriegt, um abgeschnittenes Haar abzufangen, ist nicht lang genug, um über die Schuhe zu fallen, die nach Hundescheiße müffeln.

"Ich muss eben noch was erledigen", entschuldige ich mich, und bin weg.

Den Kittel lass ich da.


*

Ich schritt mit dem Hund der Cronenberger Strasse entlang, da hockte in der prallen Mittagssonne eine fette schwarze Kellerspinne an einer weiß getünchten Hauswand, wie eine französische Bulldogge auf dem Sprung, den Kopf eingezogen. Kurz vorm Zupacken. Sogar Frau Moll blieb stehen und kläffte wütend die Spinne an. Hätte ich den Hund nicht weitergezogen, es wäre in eine böse Beisserei ausgeartet.

*

"Ich muss noch eine Weile rumoren und reifen."

- Die Gräfin -

*

"Ja und? Ich komm doch auch von früher!" sagt sie entrüstet, weil ich mich wundere, dass ihr der Bandname Geier Sturzflug noch ein Begriff ist.

"Wieso?" entgegnet sie. "Kennt doch jeder."

"Nee, nicht jeder. Bestimmt nicht. Vielleicht früher mal."

"Ja und, ich komm doch auch von früher."


*

Normalerweise ist die Trommel unserer Waschmaschine mit 3/4 Wäsche von ihr und 1/4 Wäsche von mir befüllt. Ich bin sparsamer mit Wäsche, ich zieh mich seltener um, ich dusche nicht so oft. Ich trage Hosen bis sie allmählich ihre Form einbüßen und vom Hintern rutschen. Ich liege hoffnungslos hinten am Waschtag. Ausnahme: Wenn besonders schmutzige Wäsche in die Trommel kommt. Wo man mit Essig ran muss und einer höheren Waschtemperatur, um noch Grund reinzukriegen, wie meine Mutter gesagt hätte. "Da kriegt man ja kein Grund mehr rein!" Dann bin ich vorne. Dann steht es, bei einer 6/6-Auslastung, 5/6 für mich, und 1/6 für sie. Sieg!!

*

- Psst! In mir sprechen gerade mehrere Menschen. -

- Ach.. Hast du wieder deine Stimmen an? -

*

Sobald ich das Haus verlasse, ist das Notizbuch griffbereit in meiner Jackentasche. Ich gehe nie ohne Notizbuch aus dem Haus, nicht mal die paar Meter zur Mülltonne. Ich hab maßlos Angst davor, von einem Fremden das ganze Leben in 2 1/2 Sätzen erklärt zu kriegen, und niemand schreibt mit.

*

Mittags im Discounter-Markt, Kasse 1.

Kundin (vor mir): "Na, die Stimme kenn ich doch!"

Kassiererin: "He, Maggie! Was tust du denn hier!?"

Kundin (vor mir): "Na, einkaufen. Und du?"

Kassiererin: "Na, kassieren."

Sie steht vom Stuhl auf, die Kundin beugt sich übers Laufband, die Beiden umarmen sich umständlich.

Kundin (vor mir): "Du siehst so wuschig aus. Warst du beim Frisör?"

Kassiererin: "Frisör? Ich? Wuschig..? Nö, nicht dass ich wüsste. Aber die wachsen gerade, die Haare."

Kundin (vor mir): "Ach, siehst du. Deswegen so wuschig. Und..? Wohnt ihr noch Nachtigallenweg?"

Kassiererin: "Nee, ich bin ausgezogen. Endgültig."

Während sie redet, nimmt die Kassiererin einzelne Artikel vom Band und zieht sie über den Scanner.

Kundin (vor mir): "Was denn!? Endgültig? Ist wahr?!"

Kassiererin: "Ja, da war nichts mehr zu machen. Ich hatte die Nase voll von dem Kerl.. Ich war ja immer an allem schuld. Achtzehn achtundneunzig."

Die Kundin reicht einen 20-Euro-Schein rüber, die Kassiererin gibt Wechselgeld raus.

Kassiererin: "So, bitteschön. Ein Euro und zwei zurück."

Kundin (vor mir) : "Danke. Na. Dann machs mal besser."

Kassiererin: "Klar, dafür ist immer Platz."

Kundin: "Was..? Wofür?"

Kassiererin (guckt mich an): "Für besser. Für besser ist immer Platz. Oder nich?"
16.4.17 14:11


Jetzt musst du es machen, Glumm

"Wusstest du schon, Brautigan hat sich die Kugel gegeben", sagte Linus eines Abends, als er ins Mumms reinkam.

"Was..? Richard Brautigan??"

"Ja. Er hat sich erschossen, in seinem Haus in Kalifornien, mit ner 44er Magnum. In den Kopf. Ist wohl schon letzten Herbst passiert. Jedenfalls wäre er heute fünfzig geworden. Hab ich im Autoradio gehört."

"Ach du Scheiße.. Das wusste ich nicht."

Ich nahm einen Schluck Bier.

"Brautigan ist tot.. Du Scheiße. Gibts doch gar nicht.. Warum?"

Linus hatte große Kulleraugen und raspelkurzes Haar, wodurch seine Augen noch größer wirkten, wie Auftaktsiege.

"Warum der sich erschossen hat?" fragte er.

"Ja."

"Weiß nicht. Hat er mir nicht gesagt."

Er stieß mit mir an.

"Auf Brautigan. Auf seinen Fünfzigsten."

"Ja..", sagte ich verstört.

Ich war wie betäubt. Brautigan war tot. Ich kannte seine Bücher noch nicht sehr lange, und es war Linus gewesen, der mich darauf gebracht hatte. Linus, der immer einen Geheimtipp auf Lager hatte. Wir liebten beide die Amerikaner und ihre Art, das Leben zu schreiben. Das lebendige, das unverkopfte. Ich lieh ihm einen meiner Favoriten, John Steinbecks legendären Loser-Roman "Die Straße der Ölsardinen".

Linus verliebte sich so sehr in das Buch, dass er, je länger er darin las, immer langsamer wurde, um das drohende Ende hinauszuzögern. Für die letzten beiden Seiten benötigte er geschlagene zwei Monate. Jeden Abend gönnte er sich wenige Sätze. Für den letzten Absatz brauchte er 14 Tage. Als er das Buch endlich zuklappte, weinte er.

“Jetzt ist nur noch Hank übrig”, sagte ich deprimiert, und Linus nickte.

Jetzt war nur noch Bukowski unter den Lebenden.
Brautigan und Bukowski waren unsere Helden gewesen in einem Meer aus Scheiße, plus John Fante, aber der war schon lange tot. Ihre Bücher machten Mut, dass es auch anders ging. Dass es einen Versuch wert war, so zu schreiben, als hätte das Herz eine Füllerkappe. Einen Boxhandschuh. Ein Reinheitsgebot.

Oder einfach gute Laune.

"Jetzt musst du es machen, Glumm", meinte Linus.

Ich sah in sein Gesicht und versuchte irgendwelche Anzeichen von Ironie zu entdecken, oder Verhohnepiepelung wenigstens, doch es war nichts zu sehen.

Mir brach der Schweiß aus.
22.4.17 19:56


Leben steht still seit Montag

Schon im gleichen Moment, als ich die angsterfüllte Stimme meines Vaters höre, weiß ich, dass ich den Klang nie mehr loswerde, für den Rest meines Lebens.

„Es ist was ganz Schlimmes passiert“, sagt er am Telefon, „Mutter ist tot.“

Ich stehe in der Küche. Ich bin gerade reingekommen, verschwitzt vom Einkaufen. Mutter ist tot. Es ist was ganz Schlimmes passiert. Ich sinke auf den Stuhl nieder.

„Was ist los?“ ruft Sanne.

„Meine Mutter ist tot“, sage ich tonlos, und zu Vater in den Telefonhörer: „Ich komme.. sofort. Ist jemand da?“

Ja, ein Bruder meines Vaters ist bereits da, der Bruder, der zwei Häuser weiter wohnt.

Die Nachricht vom Tod eines Menschen zu erhalten, den man liebt, das ist, als würdest du bei voller Fahrt den Kopf aus dem Zugfenster stecken und gegen einen Mast knallen. Mit dem Unterschied, dass du gar nicht wusstest, dass du im ICE unterwegs bist.

Sanne, Tränen in den Augen, nimmt mich in den Arm. Ich trinke ein Glas Wasser. Ich bin verschwitzt vom Einkaufen. Wieso trinkst du jetzt? Deine Mutter ist tot. Wie kannst du etwas so Profanes tun wie trinken?? Planeten müssten einstürzen, die Zeit müsste einfrieren, ich müsste im Boden versinken vor Scham.

Ein Glas Wasser.

Ich versuche meine Schwester zu erreichen, sie ist im Winterurlaub in Tirol. Sie geht nicht ans Handy. Ich atme auf. Ich will nicht derjenige sein, der die Todesnachricht überbringt, auch wenn man damit rechnen musste. Irgendwann. Aber doch nicht jetzt. Dem Tod dieser rätselhaften stolzen Frau, die es gern schlicht hatte und von der Sanne einst sagte, sie sei Igel und Hase zugleich: wehrhaft, und doch ständig auf der Flucht.

Ich rufe meinen Bruder an. Im Kölner Büro. „Mutter ist tot“, sage ich.

„Ach du Scheiße“, stammelt er leise. „Ich komme. Soll ich dich abholen? Fahren wir zusammen zu Vater?“

Er ist so durcheinander, so in sich verloren, ich höre förmlich, wie er die Gedanken sortiert: bloß nicht durchdrehen, jetzt.

Weil Sanne an Heiligabend, dem letzten Tag, an dem wir Mutter besucht haben, nicht mitkommen konnte, drängt sie darauf in die Klinik zu fahren, um sich zu verabschieden. „Ich möchte sie noch mal anfassen.“ Wir rufen Vater an, fragen, ob er mitkommen möchte, nein, wir sollen ohne ihn fahren. Mein Bruder ist sich nicht sicher, ob er Mutter noch einmal sehen möchte, ob er dazu in der Lage ist, ihren Leichnam zu sehen, und auch ich fürchte, dass ihr schönes Gesicht in meiner Erinnerung fortan zur Totenmaske erstarren könnte, ich halte mir die Entscheidung offen.

Zu dritt schleichen wir im Wagen meines Bruders durch die verschneite Stadt. Es geht nur langsam voran. Rollsplitt knirscht unter den Rädern, Granulat. Niemand spricht ein Wort. Obwohl viele Autos unterwegs sind, hört man kaum Fahrgeräusche. Die Dauerlast des Pappschnees hat die Bäume reihenweise umknicken lassen. Wie vom Blitz getroffen sind viele in der Mitte gespalten und umgestürzt; sie zersplittern, noch warm im Fleisch, schmerzhaft schön.

Bevor wir die geräumte Stadtautobahn erreichen, stoppt mein Bruder am Straßenrand. Er steigt wortlos aus und macht sich an die Arbeit, löst die Schneeketten von den Vorderreifen. Die Situation ist so unwirklich, als bewegten wir uns im Séparée der Wirklichkeit. Ich fühle mich leer und abgekämpft. Das Spiel meines Lebens: verloren. Mutter ist tot. Meine Mutter..

„Meine auch“, murmelt mein Bruder, als er wieder am Steuer sitzt und sich das Eis aus den Kleidern klopft. Sein Atem dampft. Sanne schaut aus dem Fenster, ist wie aus Porzellan. Immer wieder höre ich die Stimme meiner Mutter, es treibt mir die Tränen in die Augen: dass ich sie nie wieder hören werde. Wo sie doch so gern geschnattert hat, das Kinn vorgestreckt wie ein Vögelchen seinen Schnabel: “Ja, du wirst verrückt!” sagte sie gern, wenn man ihr etwas anvertraute. Du wirst verrückt im Sinne von Ja, das gibt’s doch nicht!

Ich spüre Sannes Hände. Endlich erreichen wir die Klinik. Wir erkundigen uns nach der Intensivstation, doch der Portier schickt uns versehentlich auf Station 30, wo wir Mutter Heiligabend besucht haben. Frau Wolf, ihre Bettnachbarin, ehemalige Hutmacherin aus Hamburg, telefoniert gerade, sie blickt uns erschrocken an. Noch sind alle Utensilien von Mutter im Zimmer. Ich sehe die Brille auf dem Nachttisch, die Reader’s Digest-Hefte. Wir kommen gleich wieder, bedeute ich Frau Wolf, die den Hörer mit der flachen Hand abdeckt, obwohl niemand etwas sagt. Wir machen uns auf die Suche nach der Intensivstation.

Der Zimmer des Abschieds. Wie Mutter daliegt, mit dem Kopf zum Fenster, genau in der Schneise, die das dämmrige Licht spendet an diesem Dezembertag. Ich bewundere diesen prächtigen, beinah dem Hinduismus huldigenden Leberfleck auf ihrer Stirn, der immer prächtiger geworden ist, je mehr sie abmagerte. Das weiße Bettlaken ist bis unters Kinn hochgezogen, nur das blasse wächserne Antlitz ist zu sehen, ihr spitzes Näschen. Wie Toblerone. Das Kinn wird von einer Stütze gehalten. Nichts in ihren friedlichen Gesichtszügen deutet auf den letzten großen Kampf hin. „Ihre Mutter ist uns unter den Händen weggestorben.“ Sie ging mit einem Paukenschlag: zwei Herzinfarkte, kurz nacheinander. Eine große bleiche Ruhe erfüllt den Raum.

Während mein Bruder im Hintergrund bleibt und das Zimmer bald fluchtartig verlässt, streichle ich Mutters Wange, die Gräfin schnuppert an der noch warmen Haut. Sie duftet nach Nivea. Wir ziehen das Laken zurück, wie immer liegt Mutters Hand auf dem Unterbauch, wo sie zeitlebens den Sitz ihrer Seele ausmachte. Eine Schwester betritt den Raum, dimmt das grelle Licht, „so ist es besser, nicht wahr.“ Sie fragt, ob sie etwas für uns tun kann, ich fühle ihre Hand an meiner Schulter.

11:30 ist als Todeszeitpunkt auf der Sterbeurkunde angegeben, die man Mutter aufs Totenbett gelegt hat, in Höhe der Fußknöchel. 11 Uhr 30. Genau zu dieser Zeit kam ich bepackt wie ein Sherpa vom Einkaufen und ging den engen Kannenhof runter, der noch nicht von Schnee und Eis geräumt war, da stand dieser Wagen halb auf dem Gehweg. Die Beifahrertür war offen und ragte weit auf den Bürgersteig, ohne dass der Mann im Wagen etwas davon bemerkt hätte, er war mit dem Handschuhfach beschäftigt.

In diesem Moment ist Mutter gegangen.


Auch wenn sie eine richtige Oma geworden war, klein und hutzelig, der Hals eine faltige Manschette, sie war noch in der Welt. Auch wenn sie Stück für Stück aus diesem Leben verschwand und zum Schluss kaum mehr 48 Kilogramm wog, (die zehn Kilo, die sie vorübergehend zugelegt hatte, waren im Gewebe angesammeltes Wasser, weil das Herz nicht mehr richtig arbeitete), sie war noch in der Welt. Auch wenn sie nicht mehr wusste, „wo ich es noch suchen soll“ und ihre Stimme oft schwach war und ins Schlingern geriet, sie war noch in der Welt, wir hörten ihr Wort, ein leises Schüss, bevor sie ein letztes Mal den Telefonhörer auflegte. Ihr Tod überraschte uns alle. Damit hatte niemand gerechnet. Nicht so rasch. Nicht jetzt.

Nachdem sie sich zu Hause bei einem Sturz einen komplizierten Bruch oberhalb des Knies zugezogen hatte, sie war im Beisein meines Vaters über die eigenen Schläppchen gestolpert, als sie ein Dessert-Tellerchen aus der Küche holen wollte, wurde sie in die Ohligser Lukas-Klinik eingewiesen und behandelt. Sie erinnerte an ein zerzaustes Vögelchen, das in den Regen gekommen war, aber sie kam nicht mehr auf die Beine. Während der täglichen Arztvisite am 27. Dezember erlitt sie einen Herzinfarkt. Sie wurde sofort reanimiert und auf die Intensivstation verlegt, wo sie kurz darauf einen weiteren schweren Herzanfall bekam.

„Ihre Mutter starb uns unter den Händen weg. Sie gab uns ja gar keine Chance mehr.“

Wäre sie nicht gestorben, sie wäre ein Pflegefall geworden, abhängig von Familie und Pflegepersonal. Doch ihr Herz spürte ihren letzten Willen und nahm das Heft in die Hand. Das Heft des Handelns. Das Welt-Heft, in dem für jedes einzelne Herz, das auf dieser Welt schlägt, detailliert aufgeführt wird, wann seine Zeit gekommen ist.

Zuvor war sie für vier Wochen nach Bethanien verlegt worden, um sich im Einzelzimmer zu erholen. Auch wenn sie in diesen Tagen oft allein war, sie genoss sichtlich die Ruhe im Sanatorium. Eine lange nicht mehr gesehene Entspannung bemächtigte sich ihrer Seele – es war, als hätten ihre inneren Streitkräfte ein letztes Mal die Waffen ruhen lassen, auch wenn sie in diesen Tagen oft allein war. Ich weiß, ja, wir hatten das schon – aber sie war wirklich viel allein damals. Einsam. Und es tut mir im Nachhinein leid, dass ich sie nicht öfters dagewesen bin.

An einem Sonntag im späten November 2010 besuchten wir sie in Bethanien: Vater, Sanne und ich. Zu viert saßen wir in ihrem Zimmer im Erdgeschoß, in diesem gemütlichen kleinen Erker mit Blick auf das weitläufige Parkgelände. Vater war mal wieder viel zu laut und redete dummes Zeug, bekam sogar einen Hustenanfall vor lauter Nervosität, doch selbst damit arrangierte sich Mutter, erst gegen Ende des Besuchs schien sie genervt. Ansonsten saß sie unerschütterlich wohlgesonnen in ihrem Rollstuhl am Fenster und rief den hochgewachsenen indischstämmigen Boy herbei, um ihre Bestellung aufzugeben, mit einem lässigen Fingerschnippen, lässig wie ein Pokerspieler, der ein bravouröses Turnier spielt und sich nun dem Personal gegenüber großzügig zeigt. Es war, als säßen wir in einem Café in Bombay und nicht in Bethanien; ein Maharadscha-Moment erster Güte.

„Vier große Kaffee, Kiran“, sprach sie mit heiterer Nonchalance, dass wir alle dahinschmolzen zu Füßen der Königin, und sie lächelte nachsichtig auf uns nieder. „Sie sah aus wie Astrid Lindgren“, sagte Sanne später. Und so saßen wir ein letztes Mal am Fenster und blickten hinaus in den Park, der Winter hielt Einzug, und du warst so sanft und warm und still, ich glaube, an dem Abend hast du Abschied genommen von uns, und wir haben es verpasst, haben nicht richtig hingehört, wir, die gleichzeitig An- und Abwesenden.

Als Indianersquaw hätte Mutter den Namen „Kleiner Vogel“ erhalten. Wenn man sich zur Begrüßung am Krankenbett zu ihr hinunterbeugte, bot sie einem ihr geschürztes Mündchen feil - ein hungriges Vögelchen, das Futter erwartete. Nur mit dem Unterschied, dass Mutter im Alter kaum noch Appetit verspürte. Und was das Begrüßungsküsschen betraf: eines reichte vollkommen.

Sanne schenkte ihr an diesem Tag ein gerahmtes kleines Bild, das sie gemalt hatte, zehn mal zwanzig Zentimeter groß. Sie war über ihren eigenen Schatten gesprungen und hatte auf Mutters Wunsch hin ein klassisches Stillleben angefertigt. („Mir fiel überhaupt nichts ein, aber ich habe mein ganzes Herzblut hineingelegt.“) Das Bild zeigt einen Strauß Blumen in einer Vase. Mitten in dem bunten Strauß rekelt sich eine dicke Raupe, im Hintergrund sieht man ein kleines Mädchen, das durch die Verandatür ins Haus späht, mit einem kecken Winken: Sanne. Das kleine Bild stand nicht nur in Bethanien am Fenster, es leuchtete später auch vom Fenstersims des Zweibettzimmers in der St. Lukas-Klinik.

Am Abend vor ihrem Tod, an zweiten Weihnachten, so erzählte es die letzte Zimmergenossin, eine herzensgute Hanseatin, gelernte Hutmacherin, schalteten Mutter und sie um 20 Uhr 15 den Fernseher ein, wo eine Sendung mit dem unvergessenen Diether Krebs lief. Ein Weihnachts-Special. „Eine Quatschsendung“, so die Hutmacherin, und dass Mutter sich prächtig amüsiert hätte. Wenn mir seither beim Zappen ab und an eine alte Sketchup-Folge mit Diether Krebs begegnet, muss ich daran denken, dass ihr letztes Lachen einem schnoddrigen Dickerchen und ex-Juso aus dem Ruhrpott galt. Und dann muss ich lachen. Nicht so richtig. Es ist vielleicht nicht mal ein Lachen. Aber irgendwas Kleines schon, verdammt.


Und plötzlich war Mutter tot. Diese rätselhafte stolze Frau, die es gern schlicht hatte und von der die Gräfin einst sagte, sie sei Igel und Hase zugleich: wehrhaft, und doch ständig auf der Flucht. Zum Schluss wurde sie so still, sie beteiligte sich kaum noch an der Unterhaltung. Wo sie doch sonst so gern geschnattert hatte, den Schnabel vorgestreckt wie ein vorwitziges Vögelchen: „Ja, du wirst verrückt!“ sagte sie gern, wenn man ihr etwas anvertraute. Du wirst verrückt im Sinne von Ja, das gibt’s doch nicht! Was gibt es schöneres, als sich unter Liebenden etwas anzuvertrauen.


Dass sie es sehr genau genommen hätte, kann man nicht sagen, das verbot ihr schon das halbitalienische Blut, das ihr das Leben mitgegeben hatte, sie war eine geborene Lesizza, mit Eltern und Geschwistern aus dem Friaul ins Bergische Land eingewandert, aber sie hatte ein waches, umherflitzendes Auge, dem nichts entging. Auch profane Dinge. Noch im Alter bemerkte sie während eines Friedhofbesuchs, dass auf dem Grabstein eines Anverwandten ein Buchstabe fehlte, der Steinmetz hatte es ausgelassen, mitten im langen Nachnamen. Ein Lapsus, der weder dem Steinmetz selbst noch nahen Angehörigen aufgefallen war, obwohl der Stein schon eine Weile gestanden hatte. Daraufhin musste die Schrift komplett erneuert werden. Das fand nicht jeder gut.


Es war ein Ritual geworden. Beim Verlassen des Krankenzimmers blieb ich kurz in der Tür stehen, drehte mich um und warf ihr ein Handküsschen zu, eine Geste, die sie wahlweise mit einem Augenzwinkern oder einem Lächeln erwiderte. Keine große Sache, doch es sind stets die kleinen Sachen zwischen zwei Menschen. Noch zwei Jahre nach ihrem Tod lag ich nachts im Bett, gerade wach geworden, und boxte in die Matratze: Warum zum Teufel habe ich mich ausgerechnet an diesem letzten Tag im Krankenhaus NICHT zu ihr umgedreht!? Warum habe ich diese allerletzte Chance verschenkt?! Was hat mich damals geritten, zum Teufel? Ich drehte mich um, und schlief weiter. Tief und traumlos, wie in Zement eingelegt.


Die letzten Jahre schlief sie alleine im Ehebett im Interlübke-Einbau–Schlafzimmer, während Vater ins große Wohnzimmer auswich, weil er zu sehr schnarchte und sie nachts oft raus musste. Das Schlafzimmer in seinem ganz in weiß gehaltenen Mobiliar strahlte eine Nüchternheit aus, die mich sprachlos machte, wenn ich es betrat oder auch nur einen kurzen Blick hineinwarf. Mutter war zuletzt so geschwächt, wäre sie nicht während der Reha-Maßnahme im Krankenhaus an einem Herzinfarkt gestorben, dieses weiße Zimmer wäre ihre letzte ständige Residenz geworden, die sie nicht mehr verlassen hätte. Sie wäre eine unglückliche bettlägerige alte Interlübke-Hexe geworden, doch dem hat Gott vorgebaut.


Eine Woche nach ihrem Tod trug ich abends 37 eingetütete Trauerbriefe zur Hauptpost, zur Nachtleerung, und jeder Brief bekam vorm Einwerfen ein Küsschen.


Beim Begräbnis sprachen mir zum ersten Mal im Leben Menschen ihr Beileid und Mitgefühl aus. Auch wenn die Trauer mit der Zeit nachließ, gab es noch Monate später Momente, ganz plötzlich und unerwartet, wo mir alles unendlich leidtat, wo ich immer noch damit haderte, wie das Leben ist, dass es nämlich dazu neigt, aufzuhören. Dass der Tod ein vom Amtswegen durchgeschnittener Personalausweis ist, ungültig gemacht im Bürgerbüro, entwertet wie ein Ticket, auf dem Postweg an den Witwer versandt.


Im Fernsehen verfolgte ich einen Nachtfilm. Eine Figur meinte: „Jeder hat doch eine Mutter!“ „Ich nicht!“ zürnte ich dem Fernseher.


Einer ihrer letzten Sätze, geflüstert in mein Ohr: „Pass auf, dass Papa keinen Blödsinn macht.“


Sie starb in der 351. Nacht des Jahres, der Raunacht.


Abgesehen von diesem schlichten Testament („ich vererbe hiermit alles an meinen Ehemann“) und der Absprache, nach der sich sowohl Mutter als auch Vater Ave-Maria bei der Trauerfeier wünschten, haben meine Eltern wohl eher wenig über den nahenden Tod gesprochen. („Was ist intimer als die Sprache unter Eheleuten“, sagt die Gräfin dazu.) Und: „Deine Eltern sind sehr kindlich geblieben bis ins hohe Alter.“


Das allerletzte Mal, dass wir sie sahen, zwei Tage vor ihrem Tod, war Heiligabend. Wir besuchten sie in der Klinik. Sie scherzte, dass sie ja schon deswegen gesund werden müsse, um bei der Schlussziehung der Aktion Mensch abzusahnen, wo sie seit vielen Jahr ein ä hatte.

„Eine Million“, wünschte sie sich.

„Und dann?“ fragte ich, „was machst du mit der Million?“, obwohl ich genau wusste, was kommen würde, aber ich wollte es hören.

„Dann nehme ich euch alle mit.“

„Wohin?“

Sie zwinkerte.

„Weg von hier.“


Man sagt, dass man erst dann erwachsen wird, wenn beide Eltern tot sind. Nun liegt Mutter seit dem 27. Dezember (Dritten Weihnachten!) 2010 unter der Erde, da, wo der gemeine Wurm seine Werkbank hat, doch Vater bot dem Wurm noch einige Jahre Paroli, er blieb noch ein bisschen. Solange sein altes Herz schlägt, bleibe ich ein halbes Balg, dachte ich. Schlag weiter, altes Vaterherz – schlag!


Man muss nicht unbedingt fünfzig werden, um zu begreifen, dass Geburt und Tod die rigorosesten Dinge sind, die dieses Leben zu bieten hat. Geburt und Tod sind die Lunte, die von beiden Enden aufeinander zu brennt und sich in der Mitte trifft, in der Lebensmitte, wo all die existentiellen Fragen auflaufen. Wer bin ich? Was soll das? Kommst du mit?


Am 2. Weihnachtstag 2010, dem Abend vor ihrem Tod, rief sie aus dem Krankenhaus an und hinterließ mit leiser und brüchiger Stimme einige Worte auf der Mailbox.

"Susanne, sag doch dem Andreas, er möchte mir Tempotaschentücher und Baldrian extra-stark mitbringen."

Die Nachricht beschloss sie, wie üblich, mit einem beschwingten "Enn-de!", als handelte es sich um ein altmodisches Spaßtelegramm, das an die Haustür gebracht wird. Und während sie nun den Hörer mühsam in Richtung Telefonapparat bugsierte, um einzuhängen und auf der Mailbox das damit verbundene Geraschel der Spital-Bettwäsche zu hören ist, wünschte sie noch ein fernes und sehr leises "..schüss..", ein kleines Wörtchen, das in den Schluchten von Zeit und Raum verschwand wie ein allerletztes Winken.

Außerdem im Hintergrund: das Tuscheln der nur wenige Jahre jüngeren Bettnachbarin, die in den Wirtschaftswunderjahren als Hutmacherin in Hamburg gearbeitet hatte. Vielleicht war aber auch Besuch für sie da, oder vielleicht telefonierte sie ebenfalls. Eine freundliche Person, die alte Hutmacherin, und der letzte Mensch, mit dem Mutter gemeinsam Zeit vorm Fernseher verbracht und gelacht hat.

Der nächste Tag, Montag, der 27. Dezember, beginnt ungemütlich, irgendwie geht alles schief. Seit Wochen liegt Schnee, nun wird es wärmer, Regen setzt ein und es beginnt zu tauen.

Weil ich zum Doc nach Gräfrath muss, um mein Rezept abzuholen, bin ich früh unterwegs. Ich hab ruckzuck nasse Füße, weil die Boots nicht mehr richtig dicht sind - fluchend verpasse ich den ersten Bus. Ich seh nur noch die roten Rücklichter, als er an der nächsten Ampel hält, ein schwerfälliges arrogantes Kastenwesen. Dann gibt es Gas, begleitet von hinterhältigem Geheul.

Weil ich keine Lust habe, zwanzig Minuten in der Nässe rumzulungern, bis der nächste Bus kommt, vergrabe ich die Hände in der Jackentasche und laufe weiter bis zur nächsten Haltestelle. Dann stehe ich da und warte. Vertrete mir die Beine, von einem Fuß auf den anderen stippelnd, zwanzig, dreißig Minuten geht das so, aber da kommt kein Linienbus.

Ein Lastwagen habe sich oben in Meigen quergestellt, höre ich endlich. "Der Bus kommt nicht durch." Ich könnte kotzen, so verärgert bin ich. Anstatt direkt zu Fuß in die Stadt gegangen zu sein und die 683 Richtung Vohwinkel/Gräfrath bestiegen zu haben, warte ich fast eine Dreiviertelstunde auf einen Bus, der nicht durchkommt, und hole mir nasse Füße. Nasse Füße sind ein großes Ärgernis.

Gegen halb elf bin ich zurück aus Gräfrath. Ich kaufe in der Innenstadt Mandelsemmel und Brötchen zum Einfrieren, wie jeden Montag. Weiter zum Discounter auf der Wupperstrasse, für ein paar Kleinigkeiten. Als ich den Kannenhof runtergehe, bepackt mit zwei Tragetaschen, ist es kurz vor elf und ich hab keine Ahnung, dass meine Mutter zehn Kilometer entfernt im Stadtteil Ohligs mit dem Tode ringt.

In der Lukas-Klinik erleidet sie kurz hintereinander zwei Herzinfarkte. Den ersten während gerade die Arzt-Visite stattfindet. Sie liegt im Bett, läuft blau an, röchelt, verliert das Bewusstsein. Weil Arzt und Schwestern im Zimmer sind, wird sie sofort reanimiert, schneller kann keine erste Hilfe sein. Sie wird sofort auf die Intensivstation gebracht, wo sie, laut Auskunft der Ärztin, ein weiterer "Rieseninfarkt" ereilt.

"Ihre Mutter hat uns keine Chance mehr gegeben. Sie ist uns unter den Händen weggestorben."

11:49 wurde als Todeszeitpunkt auf der Sterbeurkunde angegeben, die man Mutter auf dem Totenbett aufs Laken gelegt hatte, in Höhe der Fußknöchel – eine Uhrzeit, die nicht den Tatsachen entsprechen konnte, da unsere Mailbox bereits Punkt 11:30 den Anruf einer Intensivschwester aufzeichnete, ich möchte bitte umgehend zurückrufen.

Zur gleichen Zeit gehe ich bepackt wie ein Sherpa den Kannenhof runter, der immer noch nicht von Schnee geräumt ist, und da steht dieser PKW halb auf dem Gehweg. Überall ist es eng, wegen der vielen Schneehaufen, freie Parkflächen sind rar, am Kannenhof ist es besonders eng. Die Beifahrertür des Wagens steht weit offen und ragt auf den Bürgersteig, ohne dass der Fahrer im Wagen es bemerken würde, er ist mit dem Handschuhfach beschäftigt.

Ich schlängele mich seitlich am Wagen vorbei, bleibe dabei kurioserweise mit dem Innenfutter der offenen Jacke an der oberen Kante der Türe hängen. Erhitzt vom Einkaufen hab ich den Reißverschluss der Jacke aufgemacht. Für einen winzigen Moment steht die Jacke nun weit offen wie ein Zelt, es ist, als präsentierte ich mein Herz, es ist groß und geöffnet für diesen einen winzigen Augenblick.

Im Weitergehen, nachdem ich die Jacke von der Autotür befreit habe, denke ich so für mich, "Ja, was war das denn jetzt? Das ist mir ja noch nie passiert, in fünfzig Jahren Bürgersteig nicht", und lächle den Fahrer blöde an, der seinen Fauxpas mittlerweile bemerkt hat und entschuldigend nickt. In diesem Moment ist Mutter gegangen.
25.4.17 16:14


Iwan und Buddy

Früher konnte ich Boxer, ich meine die Rassehunde, nicht leiden. Das hat sich geändert. Zum einen hat man ihnen das boxertypische Sabbern größtenteils weggezüchtet, zum anderen haben wir Regina kennengelernt. Die Frau mit den zwei Boxern Iwan und Buddy, die noch Boxer vom alten Schlag sind mit ordentlich Speichelfluss. Regina nennt sie nur "meine zwei Sprinkleranlagen."

Wir treffen Regina am Nachmittag. Sie hat nur einen der beiden Boxer dabei, Buddy. Der ist ganz verrückt nach Frau Moll, die beiden Hunde machen sich sofort übereinander her und spielen Ich-bin-hier-der-Chef-ich-steig-dir-jetzt-aufs-Dach-halt-du-mal-schön-dein-Maul-du. Regina ist wie immer gesprächig. Sprudelt geradezu über.

"Ich bin noch ganz durcheinander.. Hab eben einen Anruf bekommen. Unser Kassierer hat sich erschossen. Im Wohnzimmer."

Wenn man das so hört, denkt man ja gleich:

"Unterschlagung?" frag ich.

"Nee, keine Unterschlagung. Ist ja nur unser kleiner Boxer-Club, da lohnt keine Unterschlagung. Außerdem hätte der Willi das niemals getan. Der ist.. der war in Ordnung."

"Ja, das denkt man immer", entgegne ich. "Weil Buchhalter harmlos und still in der Ecke hocken und das Geld zählen und dann ist das Geld weg und wer ist auf und davon? Der Buchhalter."

"Ach, der Willi, nee. Eigentlich war er ein lustiger Kerl, ein richtig gemütlicher Kölner, bis man vor einem halben Jahr Darmkrebs bei ihm diagnostiziert hat."

"Ach, der arme Kerl", sagt die Gräfin.

"Ja sicher, aber letzte Woche hat Willi erfahren, dass der Krebs gutartig war. Er hatte also gar keinen Grund mehr sich zu erschießen, er wäre ja wieder gesund geworden. Und dann noch im Wohnzimmer. Das muss doch nun wirklich nicht sein. Oder?"

Regina spricht stets in derselben Tonlage. Niemals aufgeregt. Immer cool. Sie hat eine kleine rote knubbelige Nase, wie ein Clown, der keine Maske aufziehen muss, weil er von Natur aus so aussieht. Eine praktische Frau. Rein von der Veranlagung her.

"Ich mein, da kommt die Rosi von der Arbeit nach Hause und wer liegt da im Sessel und hat sich erschossen? Ihr Mann. Muss das sein? Hätte der nicht in den Wald gehen können? Oder vor ne Mauer fahren? Oder einen Unfall vortäuschen, dann hätte die Rosi wenigstens die Lebensversicherung ausbezahlt gekriegt, aber so. .bei Selbstmord. Es wird in Köln schon schwer genug, einen Pfarrer zu finden, der die Beerdigung macht. Der war ja Katholik, der Willi."

"Vor ne Mauer fahren ist nicht ungefährlich", werfe ich ein. "Womöglich bleibt man querschnittsgelähmt und hat die Kacke richtig am Dampfen."

"Ach was, mit hundert vor die Mauer, da bleibt nicht viel übrig", meint Regina. Sie trägt ein schickes schwarzes Collegejäckchen, das ich noch nie an ihr gesehen hab. "Der Willi fuhr einen alten Ford. Das hätte schon geklappt. Der wär mausetot gewesen, auf der Stelle. Aber gemütlich im Wohnzimmersessel sitzen, die Zeitung lesen und sich erschießen, nur weil der Krebs plötzlich doch nicht bösartig ist, das muss nun wirklich nicht sein. Oder?"
Buddy, die noch Boxer vom alten Schlag sind mit ordentlich Speichelfluss. Regina nennt sie nur "meine zwei Sprinkleranlagen."

Wir treffen Regina am Nachmittag. Sie hat nur einen der beiden Boxer dabei, Buddy. Der ist ganz verrückt nach Frau Moll, die beiden Hunde machen sich sofort übereinander her und spielen Ich-bin-hier-der-Chef-ich-steig-dir-jetzt-aufs-Dach-halt-du-mal-schön-dein-Maul-du. Regina ist wie immer gesprächig. Sprudelt geradezu über.

"Ich bin noch ganz durcheinander.. Hab eben einen Anruf bekommen. Unser Kassierer hat sich erschossen. Im Wohnzimmer."

Wenn man das so hört, denkt man ja gleich:

"Unterschlagung?" frag ich.

"Nee, keine Unterschlagung. Ist ja nur unser kleiner Boxer-Club, da lohnt keine Unterschlagung. Außerdem hätte der Willi das niemals getan. Der ist.. der war in Ordnung."

"Ja, das denkt man immer", entgegne ich. "Weil Buchhalter harmlos und still in der Ecke hocken und das Geld zählen und dann ist das Geld weg und wer ist auf und davon? Der Buchhalter."

"Ach, der Willi, nee. Eigentlich war er ein lustiger Kerl, ein richtig gemütlicher Kölner, bis man vor einem halben Jahr Darmkrebs bei ihm diagnostiziert hat."

"Ach, der arme Kerl", sagt die Gräfin.

"Ja sicher, aber letzte Woche hat Willi erfahren, dass der Krebs gutartig war. Er hatte also gar keinen Grund mehr sich zu erschießen, er wäre ja wieder gesund geworden. Und dann noch im Wohnzimmer. Das muss doch nun wirklich nicht sein. Oder?"

Regina spricht stets in derselben Tonlage. Niemals aufgeregt. Immer cool. Sie hat eine kleine rote knubbelige Nase, wie ein Clown, der keine Maske aufziehen muss, weil er von Natur aus so aussieht. Eine praktische Frau. Rein von der Veranlagung her.

"Ich mein, da kommt die Rosi von der Arbeit nach Hause und wer liegt da im Sessel und hat sich erschossen? Ihr Mann. Muss das sein? Hätte der nicht in den Wald gehen können? Oder vor ne Mauer fahren? Oder einen Unfall vortäuschen, dann hätte die Rosi wenigstens die Lebensversicherung ausbezahlt gekriegt, aber so. .bei Selbstmord. Es wird in Köln schon schwer genug, einen Pfarrer zu finden, der die Beerdigung macht. Der war ja Katholik, der Willi."

"Vor ne Mauer fahren ist nicht ungefährlich", werfe ich ein. "Womöglich bleibt man querschnittsgelähmt und hat die Kacke richtig am Dampfen."

"Ach was, mit hundert vor die Mauer, da bleibt nicht viel übrig", meint Regina. Sie trägt ein schickes schwarzes Collegejäckchen, das ich noch nie an ihr gesehen hab. "Der Willi fuhr einen alten Ford. Das hätte schon geklappt. Der wär mausetot gewesen, auf der Stelle. Aber gemütlich im Wohnzimmersessel sitzen, die Zeitung lesen und sich erschießen, nur weil der Krebs plötzlich doch nicht bösartig ist, das muss nun wirklich nicht sein. Oder?"
25.4.17 17:42


Surreale Lottobude

"Wenn ich einmal tot bin, möchte ich, dass die Menschen sagen: Sie hatte immer einen kleinen Spielfilm im Gesicht.."

- Die Gräfin -


*

Nachdem sie eine saftige Apfelsine geschält hat, fährt sie sich mit tropfnassen Fingern durchs Haar und über den Hals, hinterlässt eines ihrer herrlich kurzfristigen Parfüms.


*

"Kein Wunder, dass der Peyote-Kaktus aus dem Hochland von Bolivien stammt. Im Hochland von Bolivien muss man ja surreal werden. Auch als Kaktus."


*

Die Tante in der Lottobude ist aufgebracht.

„Sollen se doch alle dableiben, wo se herkommen, die Türken und all die viereckigen Schwarzköppe! Was meinst du, was wir hier alles zu hören kriegen.. Nur Ansprüche. Sollen se doch zuhause bleiben, wo se herkommen, ist doch wahr.“

Dann, ein wenig leiser und beinah verschwörerisch: „Dir kann ich das ja sagen, wir sind ja unter uns.“

Unter uns? Mh, ja. Die Gräfin meinte neulich schon, mit meinem Blouson sähe ich am manchen Tagen aus wie vom Ordnungsamt.

Nur an manchen Tagen? gab ich ironisch zurück. 

Ja, wenn du scheisse drauf bist.

Ich hab keine Ahnung, welche anatolische Laus der Lotto-Tante über die Leber gelaufen ist, warum sie so sauer ist auf Flüchtlinge und Türken, es ist mir auch egal.

Meist spielt ja die Gräfin Lotto, ich komme höchstens einmal im Monat in die Lottobude und fülle eine Spalte aus mit unseren Glückszahlen. Wir haben noch nie wirklich etwas gewonnen, obwohl wir schon seit Jahren spielen. Aber klar, ich meine, wenn die Türken dauernd 6 Richtige abgreifen, und die anderen Schwarzköppe 6 Richtige plus Superzahl.. was bleibt da für UNS DEUTSCHE noch übrig?!!

„HAARGENAU!“ kräht die Lotto-Tante. "DIE KOCHEN UNS DEUTSCHE AB, UND WIR LÄCHELN AUCH NOCH FREUNDLICH!"

Na ja. Freundlich lächelnd sehe ich hier keinen im Moment.
29.4.17 08:13


Große Sprünge sind kleines Fliegen

Am Tag gibt der Mensch durchschnittlich acht Stunden für den Tod aus, zumeist in den Nachtstunden.

Oder was ist eine Bettdecke anderes als ein wohlig-warmer leichter Sargdeckel?

*

Ich war zehn, als es losging, und zwanzig, als es endete: Die 70er Jahre.

Was in Nachhinein schrill und farbig erscheint und nach mächtig klappernden Plateausohlen klingt, war in Wirklichkeit ein dunkles und fremdes Jahrzehnt.

Als ich der Gräfin einmal davon erzählte, wie mir nach Schulschluss im Bus ein alter Mann von hinten in die langen lockigen Haare gegriffen hatte, "Das hätte es bei der SS nicht gegeben!", änderte sich ihr Bild der 70er und aus Gold wurde beige. Sie war sogar ein bisschen böse auf mich, dass ich damit ihre Illusion beschädigte, die 70er Jahre wären sexy, fortschrittlich und verrückt gewesen, und nicht finster, fremd.

Jede Nacht, sobald Sperrstunde war und die Discos und Kneipen ihre Schlagläden schlossen, zogen wir Teenager durch die Straßen und hatten nichts Besseres zu tun, als Laternen auszutreten, eine nach der anderen, bis es dunkel war in der Stadt.

Es gab einen exakt definierten Punkt am Mast, den man treffen musste, damit das Natrium-Licht erlosch. Der Punkt befand sich in gut einem Meter Höhe, da, wo die Elektronik saß (oder wir sie zumindest vermuteten).

Natürlich gab es auch widerborstige Exemplare, die das Leuchten nicht lassen konnten, da waren wir als Gang gefragt. Wie eine Herde grimmiger Kung Fu-Bullen sprangen wir nacheinander den Laternenmast an, ein Trommelfeuer an Tritten ging auf den Punkt nieder, HA! HU! HO!, so wie Carl Douglas in Kung Fu Fighting sang, bis es geschafft war. Endlich Dunkelheit. Endlich Nacht.

Endlich 1976.

*

Der Regen rast durch den Wald, als hätte er Räder. Niemand unterwegs, außer mir und Frau Moll. Selbst im Homosexuellengebüsch am Panoramaweg herrscht Flaute. Der Regen spült gelangweilt die Wichse aus dem Erdreich. Der Hund? Steht verdrossen im Gebüsch, wie ein nasser Tankwart, der einem Wagen hinterherglotzt, der niemals anhält.

*

Ich war schon immer ein Außenseiter, ich hab nie wirklich irgendwo dazugehört, auch wenn ich noch so sehr oben war, auf dem Olymp der Kumpel.

*

Wir sitzen beim Griechen. Es gibt gebackenen Ziegelstein, der auf der Schiefertafel im Eingangsbereich als "Heute: Gebackenes Zieglein" angepriesen wird. Schätze, da muss auf dem Weg von der Küche bis zu unserem Tisch irgendwas schief gegangen sein. Schwere zähe Knoblauchkost, und die Kartoffeln hat der Koch einfach mit reingeschmissen in den Backofen und später mit der Schürze rausgeholt. Freut sich der Hund, wenn wir nach Hause kommen.

Eine Tante der Gräfin, lange Jahre als Altenpflegerin beschäftigt, erzählt beim Essen (mal wieder) von früher, als sie den alten Knaben auf Station die Rosinen vom Hintern geschnitten hat.

"Die waren schon ganz plattgesessen!"

Während ich auflache, ruft die Schwester der Gräfin, Chef-Laborantin beim Bayer-Konzern: "Och, Mensch, Tante Sigrid! Nicht beim Essen!"

"Wieso? Ist doch nichts schlimmes."

"Ja, vielleicht für dich nicht, du hast den Beruf ja auch gelernt! Ich aber nicht! Ich bin ja nicht umsonst mit Maschinen zusammen!"

Am nächsten Morgen. Die Gräfin hat einen fiesen Geschmack im Mund, "als wär ich wieder ein Stück gestorben heut Nacht."

"Man stirbt doch jede Nacht ein Stück", wende ich ein.

"Ja, klar. Aber man muss nicht so riechen.

*

Es gibt Zeiten, da bewege ich mich draussen dunkel und unauffällig, wie ein Donnerstag.
Der Typ, den ich unterwegs treffe, ein Künstler. Sagt er. Redet so verschwurbelt, als drohe er jeden Moment in seinem Schnauzbart zu ersaufen.
Später begegne ich einer Chinesin. Sie ist so dünn, dass sie im Stehen eine Kurve macht.
Ich guck sie mir genau an.

*

"Du kannst nichts dafür, da hast du einfach Glück gehabt", meint die Gräfin, als wir nebeneinander hergehen. "Du riechst auch heute noch nach Fußball und nach Camping in Holland mit deiner Familie. Du bist durchdrungen von deinen Kinderjahren."

*

In der Nähe wohnt die Großfamilie aus Somalia. Lauter kleine Burschen, bei denen man das Gefühl nicht los wird, dass sie einfach nicht wachsen. Und dann sieht man sie plötzlich nicht mehr. Sobald sie die 1 Meter 50 erreicht haben, sind sie weg. Es heißt, sie seien fortgezogen. Wohin? Keiner weiß es. Bis sie eines Tages zu Besuch kommen und zwei Meter lang sind. "He, Langer, wie ist die Luft da oben?!" Na ja. Aber wo waren sie zwischen 1 Meter 50 und 2 Meter? Ein afrikanisches Geheimnis, auf bergischem Boden.
30.4.17 20:07


s



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