Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Aus der Reihe: Hunde vor Gericht

1.3.17 15:25


Es war ein nebliger Montag


Ich lebte in Fußballbüchern, wenn ich nicht gerade draussen auf dem Platz stand und selbst gegen den Ball trat. Bis auf „Fußballtrainer Wulff“, vom eigenen Taschengeld gekauft, waren es Bücher, die mir mein fußballvernarrter Patenonkel Fitting überlassen hatte, Bücher aus seiner eigenen Kindheit und Jugend in den Fünfzigerjahren, schmale Romane wie Spinne, der Torwart und Elf Jungens und ein Fußball.

Dann gab es noch Uwe findet zum Fußball, Fußballweltmeisterschaft 1966, Fußballweltmeisterschaft 1958 und einen aus dem Französischen übersetzten Fußballroman für Jungs, Die verschworene Mannschaft, der mit der programmatischen Einleitung begann "In allen Unterrichtspausen spielten wir Fußball." Nicht zu vergessen das 600 Seiten starke blaue König Fußball-Buch, in das ich mich regelrecht vergrub, stets mit einer Tasse schwarzem Tee bewaffnet. Manche Sätze in König Füßball musste ich wieder und wieder lesen, wie ein begeisterter junger Trinker. Ein Satzsäufer.

Besonders die schnellen schnörkellosen Sätze hatten es mir angetan, begnadete kleine Dribbler wie: Der Druck des englischen Sturmes wurde von Minute zu Minute stärker, bis er zu explodieren drohte. Oder: Das Drama kam in der zweiten Spielhälfte zum Höhepunkt, als Mathews sich durchtankte. Es waren 100.000 Menschen, die trotz Regenschauern aushielten, sie dankten dem Spieler durch nicht enden wollende Jubelchöre und liessen ihn hochleben.

Fans, die im strömenden Regen auf die Barrikaden gingen, um Sir Stanley Mathews zum Bleiben zu bewegen, der noch im biblischen Alter von 50 (!) Jahren für Stoke City in der ersten englischen Liga auflief – von solchen Legenden konnte ich nicht genug kriegen, das war es, was ich lesen wollte, das gefiel mir an alten Zeiten. Ich wurde eins mit der begeisterten Masse, die ihre Helden auf Schultern durch die Strassen trug und bittere Tränen vergoss, wenn ein Sir Stanley Mathews in die ewigen Rechtsaussengründe einging.

Ich las von Garrincha, dem brasilianischen Fußball-Mythos der 1950er und 60er Jahre, und seinem Misstrauen. Das Geld, das er bei Botafogo verdiente, dem Club, dem er zeitlebens treu blieb, vertraute er keiner Bank an, er versteckte es daheim im Kleiderschrank. Zu Beginn der Saison, wenn eine neue Lieferung kam, in kleinen gebrauchten Scheinen, stemmte sich die ganze Familie mit vereinten Kräften gegen die Schranktüren, um sie wieder zuzukriegen. Dazu lief jedes Mal laute Bossa Nova Musik, um die neidischen Nachbarn auszutricksen.

Garrincha hatte nicht nur einen Onkel Dagobert-Geldspeicher der Holzklasse im Schlafzimmer, er hatte auch von Geburt schlimme Beine: ein O- und ein X-Bein. Rein rechnerisch hätte er nach jedem Schritt umfallen müssen. Stattdessen wagte er auf dem Rasen die witzigsten, ja die kaputtesten Dribblings, die Brasilien je gesehen hatte, er tanzte Gegner gegen jede theoretische Wahrscheinlichkeit aus, er belästigte und kompromittierte sie und liess sie hinter sich zurück wie gründelnde Enten. Er fiedelte alles und jeden um den Verstand.

Er starb besoffen.

Hier ruht Garrincha, der die Freude der Menschen war

so steht es geschrieben auf seinem Grabstein. Noch heute pilgern treue Fans zu seiner Ruhestätte, noch heute fliessen dort Tränen. Mehr noch als Pele oder Maradona dribbelte sich Garrincha ins Herz Südamerikas.

Aber der 11jährige Mensch lebt nicht vom Fußball allein. Auf dem Regal meiner großen Schwester entdeckte ich eine Reihe Abenteuerbücher von Enid Blyton. Nicht die berühmten Fünf Freunde-Reihe, sondern die Geheimnis-Bücher: Geheimnis um eine Tasse Tee, Geheimnis um einen roten Schuh, Geheimnis um eine Efeuvilla..

Ähnlich wie bei den Fünf Freunden siedelte die Autorin die Geheimnis-Bücher in den englischen Sommerferien an, wenn Dicki, der Anführer, aus dem Internat zurückkehrte, um mit den anderen Spürnasen und Purzel, einem schwarzen Scotchterrier, in Peterswalde Verbrechen aufzuklären. In Peterswalde..? Ich war fassungslos. Ich war baff, und ich war entsetzt. Wie zum Himmel konnte eine Stadt in England Peterswalde heissen? Peter's Wood meinetwegen, The Peter Forrest oder New Peter City - aber "Peterswalde"? Das klang ähnlich beknackt wie "Hans der Herzen", wie ich später einmal "Jack of Hearts" aus einem Songtext der Doors versehentlich übersetzen sollte, den Herz-Buben. Karlos lachte sich noch jahrelang scheckig über meinen Fauxpas. "Na, Hans der Herzen", begrüßte er mich gern, wenn ich wieder mal Zoff mit Lena hatte, oder mit wem sonst gerade Zoff auf der Agenda stand.

Der grösste Feind der Spürnasen in Peterswalde war ein dicker Dorfpolizist, den alle nur "Wegda" nannten. Wenn er auf seinem Rad unterwegs war und Purzel, Dickis Scotchterrier, kreuzte zufällig seinen Weg, trat "Wegda" nach dem Köter und schrie mit hochrotem Kopf "Weg da!", worauf Purzel wütend wurde und noch im Laufen nach dem Hosenbein schnappte. Dabei geriet "Wegda" ins Straucheln und legte sich lang in den britischen Staub. Da diese Szene in jedem Buch mindestens drei Mal vorkam, lag ich mindestens drei Mal japsend im Lesesessel.

Vom Taschengeld besorgte ich mir weitere Geheimnis-Bücher, bis ich die Reihe komplett hatte. Dann saß ich da und hatte nichts mehr zu lesen. In meiner Not beschloss ich, mir selbst was auszudenken, ein Buch zu schreiben. Ja warum denn nicht. Andere Leute hatten auch Bücher geschrieben, sonst hätte ich nichts zu lesen gehabt. Ich nahm ein leeres schwarzes Schulheft und legte los. Der erste Satz kam schnell, und er war gut. "Es war ein nebliger Montag". Mysteriöser Stoff. Gutes Aroma. Ich schnupperte aus dem Fenster. Nebel. Hm. Hm.

Weiter.

Fiel mir nichts ein. Das Papier starrte mich an. Da stand ein Satz, ein zweiter wollte nicht gelingen. Ausserdem, da war kein Nebel auf der Strasse. Wie sollte man über etwas schreiben, was es so nicht gab. Oder sollte ich vielleicht die Wahrheit schreiben: Es war Dienstag und nirgends Nebel auf der Strasse? Das war vielleicht die Wahrheit, aber wen juckte die Wahrheit, wenn sie so lapidar daherkam. Wen juckte kein Nebel. Nein, auf der verdammten Strasse vor meinem verdammten Fenster war Dienstag und verdammt noch mal nichts los, fertig, aus.

Vergiss es, dachte ich. Es mochte ja sein, dass Enid Blytons Spürnasen gefährliche, ja hochbrisante Kriminalfälle aufklärten in Peterswalde, England, doch Solingen war nicht England, es war nicht mal neblig hier. Wenn ich aus dem Kinderzimmer blickte, sah ich lediglich diese langgezogene Hecke, die von der Schillerstrasse kommend einen Bogen in die Kurze Strasse beschrieb. Diese Hecke und ein Kippenautomat waren noch das Spannendste, was es hier zu sehen gab. Na schön - ein guter Schreiber kam mit dem Wenigen zurecht, das er vorfand. Vermutete ich mal. Woher sollte ich das wissen. Ich klappte das Heft deprimiert zusammen und beschloss, mich wieder auf das zu konzentrieren, was ich konnte: Elf Jahre alt sein, gelernter Mittelstürmer, ne Zwei in Englisch.

Jeden Tag nach der Schule feuerte ich den Tornister in die Ecke und lief auf O-Beinen zum Fuße des Klauberg runter, wo unser Bolzplatz lag. Ein staubiger und relativ großer Platz, den es bereits in den 30er Jahren gegeben hatte, bis ihn die Nazis kurzerhand zum Exerzierplatz für Pferde umfunktionierten. Das war auch der Grund, warum die Alten den Klauberger Bolzplatz nur Reitplatz nannten.

Ausser mir waren auch Wiwi Wupperbusch und Pille stets mit von der Partie. Natürlich waren es viel mehr Jungs, die sich am Nachmittag dort trafen, aber wir drei waren so ziemlich immer da. Wiwi, gelernter Rechtsaussen, spielte mit mir gemeinsam beim RSV Kohlfurth, Pille, der Rotschopf mit den Sommersprossen, wohnte in der Nachbarschaft, das musste reichen in seinem Fall. Auserdem war Pille es gewesen, der die allererste Suzi Quatro-Single 48 Crash aufgetrieben hatte, zu einem Zeitpunkt, als sie noch gar nicht im Radio lief. Das gab schwer Renommee, davon zehrt Pille bis zum Ende aller Tage. Und dafür durfte er damals in unserer Mannschaft sein und den Ball aufpumpen.

Im Winter rückte ein Kamerateam an.

Die Schillerstrasse sollte als Kulisse für einen Spielfilm herhalten. Heutzutage würde man von Location Scouts sprechen, die unsere Strasse als Drehort entdeckt hatten. Wir hatten aus der Zeitung daraus erfahren. Das mussten wir sehen. Vielleicht liess sich ja noch was lernen, für mein Buch. So ganz hatte ich die Idee noch nicht fallen gelassen, und ein Spielfilm drehen und ein Roman schreiben schien nicht so weit auseinander zu sein.

Die Strasse wurde abgesperrt. "Action!" Ein Wagen kam vorgefahren. Keine Ganovenkarre, keine Ladylimousine, ein normaler Opel. Ein Schauspieler stieg aus, rannte die Treppe hoch, ins Haus rein, in eins der backsteinroten Genossenschaftsbauten, die den Siedlungscharakter herausstrichen, während weiter unten auf der Schillerstrasse eine Reihe imposanter Gründerzeitvillen standen, die aber für den Film keine Rolle zu spielen schienen.

"Wieso ist die Tür auf? Die kann man nicht einfach aufdrücken! Die muss man aufschliessen!" empörte sich Wiwi Wupperbusch neben mir. Er wohnte mit seinen Eltern nur drei Häuser vom Aufnahmeort entfernt und kannte die Haustüren aus dem Eff-Eff. Da konnte ihm keiner was vormachen. "Oder er muss klingeln! Dann kann ihm jemand von drinnen die Tür aufdrücken. Also elektrisch."

"Wieso, der hat seine eigenen Schlüssel", meinte Pille. "Der ist doch erwachsen."

"Aber trozdem muss er erst mal aufschliessen! Der hat die Tür aber einfach aufgedrückt! Das geht nicht bei den Türen! Die muss man erst aufschliessen, mit dem Haustürschlüssel! Die lassen sich nicht einfach aufdrücken, von allein. So ein Quatsch! Auch wenn er noch so erwachsen ist!"

Wiwi war kaum zu beruhigen. Ich sagte nichts. Türen, die offen standen? War doch okay, eigentlich. Scheiss doch der Hund drauf. Ein Dialog wurde gefilmt. Um etwas mitzukriegen, mussten wir näher ran. So nahe, bis der bärtige Kabelschlepper, den ich am besten fand, uns heranwinkte.

"Hier. Hol mir mal einer Zigaretten."

Er gab mir ein Zweimarkstück. Ich lief zum Automaten Ecke Kurze Strasse und zog eine Packung Ernte 23. Als ich zurückkam, war der Dialog zwischen Mann und Frau schon im Kasten. Dabei hatte ich lernen wollen, wie das geht. Was der eine sagt, wenn der Andere was anderes sagt. Und zurück. So Ping Pong. Die beiden Schauspieler rannten die Haustreppe hinauf - wieder in den Flur rein. Ein Mann und die Frau. Als wären sie auf der Flucht. Die Tür stand offen und man konnte von der Strasse aus zusehen, wie sie sich im Flur küssten, mit den Rücken an die Kacheln gelehnt. Aber den Dialog hatte ich verpasst. Ich fragte Pille und Wiwi Wupperbusch, was das Paar gesagt hatte, als ich die Kippen geholt hatte, aber die beiden zuckten nur mit der Schulter.

War zu leise, sagte Pille, aber ich glaubte ihm  nicht richtig. Er war mit den Gedanken woanders gewesen, jede Wette. Das machen die roten Haare, sagte meine italienische Oma immer. Rote Haare machen Jungs meschugge.

Klar, der hat ja auch einen roten Busch, Oma!

Nach drei Tagen waren die Filmaufnahmen beendet. Einmal hatte es Ärger gegeben, weil die dicke Angela, die immer Ärger machte und auf der Margaretenstrasse wohnte, während einer Filmszene volles Rohr angerannt kam, worauf die Szene wiederholt werden musste.

1974 lief der Film im WDR, dem dritten Programm. Wir saßen alle zusammen oben bei Wupperbuschs im kalten Wohnzimmer und waren bitter enttäuscht. Unsere Schillerstrasse war nur in wenigen Einstellungen zu sehen, und die Dialoge, so mein Verdacht, mussten woanders neu aufgenommen worden sein. So jedenfalls hatte keiner geredet, so geschwollen, als wir bei den Dreharbeiten zugeguckt hatten. Eigentlich hatten die ja nie viel geredet.

Das ist ja wie beim Blindenfilm, meinte ich aufgebracht, wie mit falschen Zähnen.

Keiner wusste, was ich damit meinte, auch ich selbst nicht so richtig, aber der Satz stand so in der Luft, wie ich ihn gesagt hatte, also liessen wir ihn da stehen bis ein Anderer was anderes sagte und ihn ablöste. Eins immerhin war geschafft: Mein Buch war fertig, ich hatte das schwarze Schulheft bis zur letzten Seite vollgeschrieben. Die Geschichte hatte Anfang, Mitte und Ende. Es ging um einen Kabelträger beim Fernsehen, der bei Aussenaufnahmen tot umkippte. Der Inspektor, ein gutaussehender einheimischer Lockenkopf, hatte alle Hände voll zu tun.

1.3.17 16:45


Für ein bisschen Kif

 

Am Busbahnhof im entlegenen Stadtteil Aufderhöhe stand ein runtergekommenes großes altes Fachwerkhaus, das der Stadt gehörte und von einer Handvoll Freaks und Hipstern der Aktion Wohnungsnot besetzt war. Es gab weitere besetzte Häuser im Stadtgebiet, doch die waren allesamt schnell geräumt worden, bis auf den runtergekommenen alten Bums am Aufderhöher Busbahnhof, an dessen Fenstern weiße Banner und Bettlaken wehten: Dieses Haus ist besetzt.

Nun wusste jeder Bescheid.

Und mir war das Dope ausgegangen. Gut. Ich war jetzt nicht der ganz große Kiffer vor dem Herrn, aber ich musste immer was im Haus haben, sonst wurde ich unruhig. Sonst fehlte mir was. Erst eine kleine Pflichtpfeife Haschisch rundete das Mahl ab, welches ich täglich um halb eins bei meinen Eltern einzunehmen pflegte. Oder doch beinahe täglich. Sagen wir, dreimal die Woche. Meine Mutter freute sich, wenn ich rüberkam, und mein Vater nannte mich augenzwinkernd einen Kostgänger. Und ein Pfeifchen THC war mein Nachtisch, mein Obstsalat.

Zur Sache, Quatschkopf.

Ich lief an diesem Nachmittag durch die Stadt, vage nach einem Dealer Ausblick haltend. Ich war der Ausguck oben am Mast, unterwegs in bekannten Gewässern, und sichtete Paffrath, der auf dem Weg nach Australien war. Er wollte auswandern. Er wollte was von der Welt sehen. Das Visum hatte er bereits in der Tasche, doch der Abflug ließ auf sich warten. Da er sein Appartement in der Nordstadt schon gekündigt und aufgelöst hatte, wohnte er auf Vermittlung eines Freundes für ein paar Tage im besetzten Haus.

“Meinst du, einer von den Jungs hat was Brösel auf der Tasche?” fragte ich, obwohl das Haus nicht gerade für den Verkauf von Drogen bekannt war, aber ich suchte ja nur eine Kleinigkeit.

"Na ja, schätze schon", meinte Paffrath, "die haben doch sonst nichts zu tun", also setzten wir uns in den Obus der Linie 93 und rumpelten Richtung Aufderhöhe.

Auch Paffrath war kein echter Kiffer, er war durchgeknallt aus Überzeugung. Er zählte zu den umtriebigen Typen, die das Leben vital missbrauchten, die ständig was am Start hatten und sich mit fliegenden Fahnen bewegten und immer ging etwas daneben. Sein größter Traum: einmal ins Weltall fliegen und dann, oben angekommen, etwas auf die Erde fallen lassen. Was denn? fragten sich alle, die zuhörten, was denn fallen lassen? Aber er hielt sich bedeckt. Man fragte sich, ob Auswandern das Richtige war für ihn. Er war ein Spinner und ein Unglücksvogel.

Ich erinnere mich an eine Situation im Mumms, wo ich mit Benzini und anderen Jungs zusammenstand. Benzini schilderte temperamentvoll, wie er als junger Bursche in den Gassen von Pamplona mit den Stieren gelaufen und dabei fast zu Fall gekommen war. "Ich spürte den Speichel von dem Ungeheuer schon im Nacken", rief Benzini.

Das begeisterte Paffrath so sehr, dass er es sofort nachspielen musste. Mit den Zeigefingern setzte er sich zwei Hörner auf, scharrte mit den Hufen und stürzte sich gebückt von einem Podest runter Richtung Tresen, wo wir ihn erwarteten. Darauf vertrauend, dass wir ihn schon auffangen würden, gab er Vollgas, doch wir spritzten alle auseinander und bildeten eine Gasse, an deren Ende Paffrath mit einem trockenen Gong! gegen den Tresen knallte, mit dem Schädel zuerst.

Olé! machten wir.

Immerhin. Daneben gegangen war die Aktion nicht. Perspektivisch gesehen jetzt.

Paffrath hatte einen suchenden Gang, wie jemand, der nie genau wusste, wohin die Reise ging. Er drehte sich quasi jeden Morgen von neuem in den Tag hinein, wie ein türkischer Öl-Ringer in den nächsten Gegner. Aber er war unverwüstlich. Ich bin ein Paffrath, pflegte er zu sagen. Ich bin ein Meteorit. Ich komm jetzt.

Während der Busfahrt erzählte er von einer Reise nach Sri Lanka, wo es ihm gestattet worden war, einen Reitelefanten im Fluss zu waschen, obwohl es Touristen streng untersagt war. Und ob ich wisse, wie abschätzig die Wale Menschen anguckten beim Whale Watching in Kanada? Das sieht aus, als hielten die uns alle für total plemplem, wenn wir vor Freude juchzen, nur weil ein dicker Fisch aus dem Wasser auftaucht.

“Keine Ahnung. Man findet immer was. Zur Not wässere ich den Aussis ihr Outback, mhaah.. Ach wo, ich arbeite als Barkeeper. Oder als Dachdecker. Werden überall gesucht, Roof Specialists."

Sein vorübergehender Unterschlupf im besetzten Haus war von alttestamentarischer Kargheit. Als Bett diente ihm ein Holzpodest mit ein paar versifften Wolldecken. Höhepunkt der Bruchbude: ein kaputter Regenschirm, der von der Decke hing und nur aus losen Streben und längst vergangenen Regenfällen zu bestehen schien. Es war nicht ersichtlich, was der tote Schirm da unter der Zimmerdecke zu suchen hatte, er hing einfach da. In der Luft war der Gestank von herumstreunenden Katzen, er dominierte das ganze Haus, dominierende Katzenkacke, mit Katzenstreu abgelöscht.

“In der Hütte hier kann man eigentlich nur aufwachen, die Nase zuhalten und so schnell wie möglich Leine ziehen”, meinte Paffrath.

"Was ist denn jetzt mit was zu rauchen?" meinte ich.

Er verschwand Richtung Dachboden. Ich hörte, wie sich irgendwo über mir eine Tür öffnete, ganz kurz war Musik in der Luft. Ich hörte Stimmen. Großes Palaver. Ich will doch nur ein kleines Piece, dachte ich. Kein Kilo. Er blieb nicht lange weg.

“Dauert noch einen Moment mit dem Dope, aber es lohnt sich”, versprach er. “Die haben das im Wald verbuddelt.“

„Die haben das verbuddelt..? Ein Erddepot? Ich will doch kein Kilo kaufen.“

„Schon klar. Die haben ziemlich Paranoia hier.“

“Ich geh solang was essen”, sagte ich.

Die Pommesbude war links die Straße runter. Currywurst, doppelte holländische Pommes, eine Kanne Kölsch. Hinter mir saßen zwei Anstreicher, die Pause machten.

“Fragt mein Sohn gestern die Oma: Oma, wenn du mal stirbst, kriege ich dann deinen Fernseher? Sagt die Oma: Wenn es soweit ist, sicher. Musst du dir aber jemanden suchen, der dir den Fernseher runterträgt. Darauf mein Sohn: Ist doch kein Thema, Oma. Ich hab doch noch Opa.” Dann habe der Junge sich schweigend wieder an die Arbeit gemacht, an die alphabetische Auflistung seiner Weihnachtswünsche, in einer handlichen Kladde. “Damit ihr nicht so ein Durcheinander habt, Oma.”

Als ich zurück ging zum besetzten Haus, begann es zu regnen. Paffrath stand unten an der Tür. Er wartete schon auf mich.

“Die Jungs sind noch unterwegs. Auf dem Dachboden ist ein Proberaum. Können wir was Musik machen, uns die Zeit vertreiben.”

Wir stiegen das schmale Treppenhaus hoch. Der geräumige Speicher war mit Silberpapier, Bitumenfolie und jeder Menge Eierkartons ausgekleidet und gedämmt, um nichts von dem Krach nach draußen dringen zu lassen. Ein paar grandios langhaarige Eingeborene machten Musik. Der Hippie an der Stromgitarre faselte was von 7/8-Takt, Blues in a und Rumba, spielte aber immer den gleichen tristen Stiefel, der nicht vom Fleck kam. Weil der Bassist gerade im Wald unterwegs war, wechselten sich zwei Nieten an dem Gerät ab. Und mitten im Raum, auf einem Schemel, fläzte sich mit gekrümmten Rücken ein sorgsam verfilzter Rastafari, der sich bar jeglichen Talents an einem Saxofon versuchte.

“Spielt mal was Orientalisches!” forderte er die anderen auf.

War das denn nicht orientalisch? War das nicht Kairo die staubige Autobahn rauf und runter? Nur Paffrath, immerhin, hielt an den Congas den Takt.

Jemand kam aus der Pommesbude und packte ein triefendes halbes Hähnchen aus. Ihm folgte ein kleiner Junge in schmuddeliger Montur, der dem Vater das weiße Fleisch des Geflügels aus den Händen riss und es sich in den Mund stopfte, ein hungriger kleiner Streuner. Ich war im Musikantenstadl gelandet. Im Mundraubstadl. Ich saß zwischen wummernden Verstärkern und wartete sehnsüchtig auf das Piece, damit ich mich vom Acker machen konnte. Und die ganze Zeit fanden die Jungs beim Musikmachen nicht ein einziges Mal zueinander. Es war eine Kakophonie, es war Milzbrand. Es war eine Kriegserklärung.

“Ich kann nur Chaos”, meinte das Wrack am Saxofon, als es gerade mal wieder an der Reihe war, sich am Bass zu versuchen. Ich war bis unter die Hutschnur bedient, doch Paffrath ließ sich die gute Laune nicht vermiesen. Im Schneidersitz bearbeitete er die Congas mit einer Vehemenz, es war eine Freude, ihm zuzusehen.

Eine Woche darauf landete er in Brisbane und kehrte erst Jahre später zurück, auf einen Kurzbesuch - den Kopf voll schräger Ideen, wie man in der portugiesische Algarve mit einem Mountainbike-Verleih die Mörder-Mark machen könnte.

Irgendwann wurde ich erlöst, und der Brösel aus dem Wald hielt Einzug auf dem Speicher. Ich kaufte einem der Hippies ein paar Gramm ab und machte, dass ich aus dem Irrenhaus rauskam, rein in den nächsten Oberleitungsbus Richtung Innenstadt. Die Flucht hatte schon fast etwas Militärisches an sich, so flotten Charakter. Was man an manchen Tagen so alles auf sich nahm, nur für ein bisschen Kif.

2.3.17 13:32


Notoperation Pyometra

 Die kompakte kleine Tierärztin blickt auf den Bildschirm.

"Sehen Sie hier, die Gebärmutter ist entzündet und auf die Größe einer Faust angeschwollen. Wenn die aufplatzt, und das kann in diesem Stadium jederzeit passieren, haben wir den Schlamassel. Dann ist der ganze Bauchraum voller Eiter und Blut, dann können wir nichts mehr machen.. Dann wird's schwer." Sie fährt die Sonde des Ultraschallgeräts über den Bauch des Hundes und sieht ihre erste vage Diagnose bestätigt. "Pyometra. Da hilft nur noch eins: Notoperation."

"Was denn.. sofort..!?"

"Morgen früh."

Ihre Worte stehen noch in der Luft, als sie längst weiterredet, wie Balkenüberschriften stehen die Worte da, monströse finstere Wahrheiten in einem gemütlichen Dasein: PYOMETRA - GEBMUTTERENTZÜNDUNG - NOTOPERATION.

Sanne ist ganz blass.

"Und was, wenn wir früher gekommen wären?" höre ich mich fragen. "Letzte Woche?"

Frau Moll kam uns da schon komisch vor: die ungewohnte Appetitlosigkeit, der Drang, dauernd zu saufen, (einmal stand sie wie ein irre gewordener Schaufelbagger im Bachlauf am Sportplatz und speiste ihren Organismus mit Unmengen kühlendem Wasser), das Blut, das aus der Scheide tropfte. Dummerweise war ihre Hitze gerade vorbei, danach ist sie stets neben der Kappe, beinahe depressiv, und blutet etwas nach. Also haben wir es nicht wirklich ernst genommen, auch wenn es uns komisch vorkam.

Die Luft in den Praxisräumen ist brühwarm und organisch.

"Wären Sie früher gekommen, dann wäre der Hund früher operiert worden", antwortet die Tierärztin lapidar und nach kurzem, kaum wahrnehmbarem Zögern. Ihr offenherziges Dekolleté zeigt zwei große weiße Brote. Ich glaub, sie hat es nicht so mit Männern. Sie wendet sich grundsätzlich Sanne zu, wenn sie mit uns spricht. Ich bin eher Beiwerk, bin der Typ mit den spitzen Knochen: ein Mann. "Wenn die Gebärmutter aufplatzt, das suppt richtig heraus. Dann ist Feierabend. Dann wird's schwer."

Da in der Praxis keine Operationen durchgeführt werden, stellt uns die Tierärztin zwei Alternativen zur Auswahl: Tierklinik Duisburg und Tierklinik Neandertal.

"Neandertal ist näher, aber doppelt so teuer. Ich empfehle grundsätzlich Duisburg."

Da fällt mir ein, was ein Hundehalter erlebt hat. Sein Henry, ein dick gewordener Cocker Spaniel, musste sich in Duisburg einer Prostata-OP unterziehen: 6 Tage Klinikaufenthalt, 1900 Euro.

"Und die rücken den Hund erst raus, wenn man die Rechnung beglichen hat. Solange bleibt der in der Klinik. Da sind die rigoros, da kennen die nix. Die machen Gefangene."

Die kompakte kleine Tierärztin beendet die Sonografie und ruft in Duisburg an, macht für Frau Moll einen Termin klar für morgen, Samstag, 10 Uhr. Sie drückt uns die Daumen.

"Wird schon gutgehen. Das sind Profis. Das ist Routine für die. Die machen das sechs Mal am Tag."

Mag sein. Aber mit unserem Hund machen die das nur ein Mal. Und dieses eine Mal muss sitzen.

 


"Man kann so alt und weise werden, wie man will, gegen die Ungeheuerlichkeit, dass plötzlich jemand fehlen könnte im Leben, den man lieb hat, dagegen kann man sich einfach nicht wappnen", stöhnt Sanne, als wir im Auto sitzen.

"Noch lebt der Hund", sag ich.

"Aber morgen könnte er tot sein. Oder heut Nacht."

"Ich auch."

"Was, du auch?"

"Ja, ich könnte auch morgen tot sein. Jeder von uns könnte ständig morgen tot sein.."

"Du wirst aber morgen nicht operiert."

"Das weißt du doch nicht.. Vielleicht platzt mir heut Nacht der Blinddarm.. und dann.."

".. haben wir zwei Not-OP's."

Sie hat natürlich Recht. Ich bin auch kein großer Freund von Tod und Veränderung, schon mal gar nicht bei Dingen, die sich über einen längeren Zeitraum eingespielt haben und die so schön und griffig in der Hand liegen, dass ein Wegfall kaum vorstellbar erscheint. Andererseits: Wenn sich niemals etwas ändert, hat man auch niemals etwas von früher zu erzählen, von damals, als die Dinge noch anders lagen. Kein Kind wird einen anschauen mit erstaunt aufgerissenen großen Augen, "ist das wahr, Opa..? So habt ihr damals gelebt?!"

Der Hund hechelt auf dem Rücksitz. Er ahnt, dass es um ihn geht. Dass irgendetwas nicht stimmt. Hunde sind merkwürdige Personen. Sobald es um ihre Gesundheit geht, machen sie sich so klein und unsichtbar wie möglich. Damit wollen sie nichts zu tun haben, mit Medizin und OP-Besteck.

Auf dem Weg nach Hause die ersten Tränen. Wir halten am Geldautomat. Sanne räumt ihr Konto leer, bis zum Anschlag. Bei meinem Konto brummt schon die rote Laterne. Sollte ich es trotzdem versuchen und ein paar Hunderter abheben, hab ich tags drauf die Bank-Lotsen an Bord, die alles wieder zurückführen, plus Strafgebühren. Sanne schließt ihr kleines Portmonee, das vor lauter Geldscheinen aufseufzt. Da geht er hin, unser Urlaub. Paar Tage Zeeland. Haben sich gerade erledigt.

"Sag mal, was ist eigentlich, wenn so ne Operation ansteht und man ist absolut pleite und niemand da, der einem aus der Patsche hilft?" frage ich. "Muss man den Hund dann einschläfern lassen? Oder wie?"

Sie zuckt nur mit den Schultern.  "Wir reden nur noch über Geld, wie alle anderen auch", meint sie leise.

"Stimmt doch gar nicht, wir reden über KEIN Geld."

"Noch schlimmer."

Dass die Aufzucht von Geschichten, wie ich sie betreibe, keinerlei Profit abwirft, ist unvermeidlich. Es braucht Zeit, bis ich mit dem Schreiben zu Potte komme, so wie ich für alle wichtigen Sachen im Leben Zeit brauche, mehr, als vorgesehen ist, normalerweise.

"Du hast einen extrem langen Atem, du sitzt sogar die Götter aus. Und das muss man erst mal hinkriegen, als Sterblicher." (Sanne)

So wie es auch Zeit brauchte, bis ich mich mit Hunden anfreunden konnte. Bevor Sanne mich in ein Leben mit Hunden einweihte, mochte ich Hunde nicht. Ich hasste Hunde. Hunde waren für mich üble Gestalten, die nur eines im Sinn hatten: mich am Arsch zu kriegen mit ihrer riesigen Schnauze. Ich hatte keinerlei Vorstellung davon, wie warm und tröstlich so eine Hundeschnauze sein kann, und welch großartiger Wesenszug es ist, im Leben immerzu alles zu geben. Ein Hund ist niemals nur so lala. Er bringt einen immer dorthin, wo das Leben wichtig ist, wo man bellen, buddeln, rennen kann.

"Alles geht so schnell, ich kriege mal wieder kaum mit, was passiert", murmelt Sanne, woanders mit ihren Gedanken.

Sie hadert schon mal gern mit dem Dasein. Mit den Prinzipien von Leben und Tod, die ihr zuwider sind und unausgereift erscheinen. Und dass die Erde ein Wunderwerk sei in diesem ganzen weiten Kosmos, wir Menschen aber nichts Besseres zu tun haben, als einen Trümmerhaufen zu hinterlassen.

"Die Evolution ist eine verkommene alte Schlampe. Und weißt du, was wir Menschen sind..?! Ein Ü-Ei mit nix drin!"

 


Der Hund riecht komisch, meint sie und fühlt sich an ihre Kindheit erinnert, an den aasigen, leicht süßlichen Geruch von Kaninchenkadavern. Sie wuchs am Rande des Waldes auf.

"Irgendwie mag ich diesen Geruch sogar, aber nicht aus dem Hintern meines Hundes, wenn er noch lebt."

In der Nacht wacht Sanne beim leisesten Geräusch auf, ich schlafe erst gegen Morgen ein. Frau Moll liegt still vorm Bett. Als sie einmal in die Küche geht und nicht zurückkehrt, geh ich nachgucken, was los ist. Sie liegt in ihrer Höhle unterm Küchentisch und blickt so schwach hoch, dass ich insgeheim schon den Knall der aufplatzenden Gebärmutter höre, die Implosion, und das war's. Keine unbegründete Sorge, auch wenn die kleine kompakte Tierärztin uns zu beruhigen versucht hatte.

"Wenn die Gebärmutter bis heute noch nicht aufgeplatzt ist, warum sollte es dann ausgerechnet heute Nacht passieren..?"

Merkwürdige Argumentation, war es ihr doch andererseits zu gefährlich, mit der OP bis Montag warten.

 

 

Samstagmorgen.

"Ich seh aus, als hätte ich unterm Altar geschlafen", meint Sanne aufgekratzt. Sie hat im Traum wirr gebetet. Der Hund hat zu nichts Lust. Man kriegt ihn kaum vor die Tür. Keinen Mucks gibt er von sich. Beim Kaffeetrinken lese ich Zeitung. Eine, die schon ein paar Tage hier rumfliegt.

"Ach, du Scheiße."

"Hm?"

"Hier.. Aus einer Übung von Drogenspezialisten ist dank Diensthund Leon in der Nacht zu Freitag Ernst geworden. Eigentlich sollte Leon in einem Industriegebiet in Autos versteckte Drogen aufspüren, doch er folgte stattdessen einer anderen Witterung. Schnurstracks steuerte er einen 40 Meter entfernt liegenden Hof an und führte sein verdutztes Herrchen zu einem Gewächshaus voll mannshoher Cannabispflanzen. Ein Tatverdächtiger wurde ermittelt."

"Oh Gott, der Arme", meint Sanne. "Diese scheiß Hunde machen alles kaputt."

Sie drängt zum Aufbruch. Schon um halb zehn biegen wir in Duisburg, gleich hinterm Zoo, auf den Parkplatz der Tierklinik ein. Wir sind die ersten im Wartesaal. Es ist still. Kein Gebell, kein Maunzen, keine heimlich entnommenen Organe, die zu früher Stunde abtransportiert werden. Nur die kranke Frau Moll dünstet Gerüche aus.

Als die Rezeption Punkt zehn öffnet, redet Sanne auf die beiden Mitarbeiterinnen ein, als wüsste die ganze Welt Bescheid, dass unser armer Hund krank ist.

"Das hat sich entzündet, das ist groß wie eine Männerfaust, das wird eine Not-OP", sprudelt sie drauflos und möchte wissen, wann Frau Moll drankommt, wie lange die Operation dauert, ob sie intubiert wird, bleibt sie über Nacht, zur Beobachtung?

Und sind Sie auch lieb zu ihr?

"Sie heißen?" fragt die Mitarbeiterin geduldig.

"Glumm", sag ich.

"Ihr Hund?"

"Moll. Frau Moll. Frau Maria Moll."

"Nehmen Sie Platz. Es dauert noch etwas. Sie werden abgeholt."

 


Schon in der Praxis der Tierärztin hatten wir tags zuvor Mühe, Frau Moll zu rasieren, damit man die Sonde des Ultraschallgeräts am Bauch ansetzen konnte.

"Was soll das erst geben", meint Sanne, "wenn wir gleich nicht nicht dabei sind und die versuchen an Molli ranzukommen?"

Ja, das ist ein Problem. Selbst wenn es ihr gut geht, Frau Moll lässt niemanden an sich heran, außer uns. Als Welpe mussten wir sie zum Pinkeln vor die Tür tragen, soviel Angst flößte ihr die Außenwelt ein. Es hat lange gedauert, ihr klar zu machen, dass die Angst nicht ihr Chef, sondern ihr bester Mitarbeiter ist. Gib deiner Angst eine Aufgabe und sie wird sich den Arsch aufreißen, um dir zu gefallen zu sein. Aber erkläre das mal deinem Hund. Ich kapiere es ja selbst kaum. Aber es funktioniert. (Sogar bei mir.) Und Frau Moll hat sich seither mit der Welt arrangiert, solange die Leute nur hübsch ihre Flossen bei sich behalten und nicht nach ihr greifen mit schnellen hektischen Bewegungen. Wer das beherzigt, der kann Frau Moll tätscheln ohne die Hand zu riskieren.

Der junge Tierarzt, der uns im Wartesaal abholt, trägt einen Fünftagebart und das schwarze Haar so strubbelig, als wäre es seit Jahren in einer eisigen Windböe eingefroren. Der Mann ist eine Mischung aus Balkan und Jong vom Duisburger Hafen. Ständig in Eile quasselt er drauflos, als hätte er Feststoffraketen und Feuerbohnen gefressen, und zwischendurch, wenn das Handy klingelt, während er zack zack auf dem PC-Bildschirm kontrolliert, was er kurz zuvor eingetippt hat, Diagnose: Pyometra, nickt er uns kurz zu, "schulligung!", und nimmt ein Gespräch an, das nicht warten kann.

Sanne versucht ihm klar zu machen, dass es für fremde Hände schwierig wird, wenn nicht unmöglich, Frau Moll anzufassen. Mit unserem Hund Kirschen essen ist eine Sache für sich, sag ich, am besten man hängt frischen Pansen in den Obstbaum, aber er hört nicht richtig hin, meint nur: "Wir haben schon richtig böse Hunde hier gehabt, das ist unser täglich Brot, mit Hunden aller Couleur umzugehen. Und bisher sind wir noch mit jedem Hund klar gekommen."

Er scheint Frau Molls makabre Psyche nicht ernst zu nehmen, doch Sanne lässt sich so schnell nicht abwimmeln. Will wenigstens einen Blick in die Boxengasse werfen, um zu sehen, wie die Hunde hier versorgt werden, doch da hat die Geduld des Chirurgen abrupt ein Ende. So strikt, dass es den Anschein hat, er müsse den Spruch täglich 20mal aufsagen, verwehrt er uns den Zutritt zu den angrenzenden Sälen: "Das ist ein absolutes Tabu für Besucher."

So bestimmt kommt er damit rüber, dass ich sofort einlenke, (nee, ist klar), während Sanne entgeistert, fast empört aus der Wäsche guckt. Schließlich ist sie von amerikanischen TV-Serien, die im Klinikalltag spielen, gewohnt, dass man überall hinkommt, wo man will, jedenfalls am Bildschirm.

Frau Moll wird innerhalb der nächsten drei Stunden operiert, wagt der Fachtierarzt für Kleintiere eine Prognose. Außer der Gebärmutter werden auch die Eierstöcke entfernt.

"Alles muss raus."

Weil wir in der Klinik ja doch nichts tun können, rät er uns, nach Hause zu fahren. Sollte etwas Außergewöhnliches vorfallen, er habe ja unsere Nummer.

"Meine Linie: no news are good news", nuschelt er, ich versteh ihn nicht, "Bitte was?", "No news are good news", wiederholt er, fast schon genervt, dass er eine Sekunde eingebüßt hat im Rattenrennen. Das ist nicht unsere Liga, blickt Sanne mich an, nee, aber seine, denk ich, und er hat das Skalpell.

"Rufen Sie doch.., sagen wir.. um 17 Uhr an."

Als er Frau Moll an der Leine abführt, gebe ich ihr einen kurzen Klaps auf den Po, mach’s gut, das wird schon, während Sanne auf dem Flur wartet, sie will keinen Abschied, es könnte ja für immer sein, und da soll sich kein letztes Bild einprägen.

 


Dass sich bei Hunden die Gebärmutter entzündet, so hat der Doc es ausgedrückt, führt man zurück auf die Wölfe. Im Wolfsrudel produzieren auch nicht trächtige Weibchen Milch, um den Alpha-Weibchen bei der Aufzucht des Nachwuchses behilflich zu sein. Fatalerweise hat sich das bis heute im Haushund gehalten und äußert sich in Scheinschwangerschaften. Da die Milchproduktion jedoch nicht benötigt wird, kann es im schlimmsten Falle, bei starker Milchsekretion, zu einer Entzündung der Gebärmutter kommen.

"Das ist der Salat, den wir hier sehen."

Rückfahrt. Dreispurige Autobahn. Rechts ein Kennzeichen DU-MM 24, links ST-UR 49, in der Mitte WIR. Die Decke auf dem Rücksitz müffelt nach Hund und süßem Aas.

Als wir nach Solingen reinkommen, sehen wir Rauch aus dem hohen Schornstein der Müllverbrennungsanlage steigen, einen langen rötlichen Schal, als habe die Mafia Blutmüll angekarrt aus Süditalien, lauter tote Hunde.

"Was denkst du gerade?" fragt Sanne, als sie mein fassungsloses Gesicht bemerkt.

"Nichts."

16 Uhr 10. Wir haben ein wenig zu Mittag gegessen, Sanne hat sich eine Stunde aufs Ohr gelegt, und bis jetzt hat das Telefon Ruhe gegeben. Ist noch was hin bis 17 Uhr. Die OP dürfte gelaufen sein. Aber bei einer Narkose kann immer was schiefgehen. Die Zeit steht sich selbst auf den Füßen. Es ist heiß. Die Fenster sind weit auf, draußen ruft eine Frau ihren Hund zur Ordnung, "Fuuuß!" Ich koche Kaffee. In der Ferne grummelt ein Gewitter. Kann auch ein Flugplatzfest sein. Keine Ahnung.

"Mein Herzschlag lauert so", sagt Sanne, als sie vom Bett aufsteht, "ich kann nicht schlafen."

Sie lässt sich eine Badewanne einlaufen.

Wir können nicht mal mit dem Hund raus. Wir können nicht mal zu dritt eine kleine Runde drehen. Es ist nicht mal Winter. Frau Moll ist ja eigentlich ein Wintertier, ein Bodenfroster. Ab null Grad abwärts taut sie auf. Das ist ihr Wetter. Und Schnee ihr General.

Wir warten auf 17 Uhr.

"Ich funktioniere wie Treibholz", sagt Sanne, das sie in der Wanne treibt. "Ich stoße mal hier an, mal da.."

5 vor 5, das Telefon.

"Nein!" ruf ich.

Sanne: "NEIN!"

Dann, ich: "Blödsinn, so kurz vor fünf ruft der doch nicht an, um uns was Schlimmes zu verkünden, wenn wir um fünf sowieso anrufen..!"

Sanne hebt ab.

"Ach, du bist's..!"

Rita, die wieder am Kannenhof einzieht. Zum vierten Mal. Oder das fünfte Mal. Sie betreibt Umziehen als athletische Disziplin. Diesmal ist es eine Wohnung unterm Dach, eine paar Häuser weiter den Berg hoch.

Viertelstunde später haben wir Gewissheit, wir rufen in Duisburg an. Der Hund erwacht gerade aus der Narkose, die Operation ist gut verlaufen.

"Er liegt auf einer schönen warmen Decke unter Rotlicht."

Wir sollen morgen Vormittag anrufen, wieder gegen elf Uhr. Und uns keine Sorgen machen, was über Nacht alles passieren kann, nach so einer OP. Die Wunde kann sich entzünden, Frau Moll kann Fieber kriegen. Draußen läuten Kirchturmglocken. Im Osten, so hört man, soll es in der kommenden Nacht Unwetter geben.

"Ich glaub, ihr seid mit Frau Moll zum richtigen Zeitpunkt zum Tierarzt gegangen", meinte Rita am Telefon hellsichtig.

Abends schauen wir uns im Fernsehen eine Natur-Dokumentation über Südamerika an.

"Kein Wunder, dass der Peyote-Kaktus aus Bolivien stammt", meint Sanne. "In Bolivien muss man ja surreal werden, auch als Kaktus." 

In der Nacht geht ein Gewitter nieder. Es kracht und es blitzt und ich schrecke aus einem dünnen Traum hoch, "was ist los..?! Werde ich fotografiert!?"

 

 

Sonntag. Punkt elf rufen wir an. Ja, wir können den Hund abholen. Es ist alles in Ordnung. Alles bestens.

Als wir eine dreiviertel Stunde später in Duisburg an der Rezeption stehen, meint die Mitarbeiterin, Frau Moll habe die Nacht gut geschlafen, jetzt sei sie noch beduselt von der Narkose, "aber heut Morgen war sie bereits wieder sehr.. äh, rege. Sie wollte sich partout nicht Fieber messen lassen. Unser Doktor hat beinah seinen Finger eingebüßt."

"Wer lässt sich schon gern ein Thermometer in den Arsch schieben", sag ich.

"So kenne ich meinen Hund!" lacht Sanne. "Der ist jeden Cent wert!"

Apropos Cent. Es werden dann doch 600 Euro.

"Wieso 600..? Unsere Tierärztin sprach von 400.. Ach so. Hm. Hm. Wochenenddienst.. Zuschlag. Und über Nacht geblieben. Hm."

Eine Dame aus Krefeld steht ebenfalls am Bezahltresen und mischt sich ein.

"Wenn mein Hund keinen Maulkorb trägt, kommt auch niemand an ihn heran. Das ist jedes Mal so, wenn er hier ist."

"Wieso, sind Sie öfters hier?" frag ich gut drauf. "Führen Sie ein Rabattheft?"

"Ja, ich hab einen schwarzen Schäferhund, total überzüchtet. Hat dauernd Magenprobleme. Aber man kann ihn ja deswegen nicht gleich erschießen."

Sie guckt mich an, als wollte sie sagen, oder vielleicht doch? Haben Sie eventuell ein kleines Kaliber dabei? Ein kleines Kaliber reicht. Sie finden mich auf dem Parkplatz. Krefelder Kennzeichen. Ich blinke 3mal kurz auf.

Wir müssen uns gedulden, bis der Hund gebracht wird. Wir bezahlen schon mal. Schieben die Scheinchen rüber, dass ich denke, es hört gar nicht mehr auf. Ich wusste gar nicht, dass es so viel Scheinchen gibt auf der Erde. Wie nachts im Telefon-Quiz, wenn 10-und 20-Euroscheine von einem Laufband in den gläsernen Behälter stürzen, was die Gewinnsumme alle paar Sekunden erhöht, aber niemand kennt die Antwort, weil keiner durchgestellt wird ins Studio.

Sanne kommt mit einer anderen Dame im Gespräch. Die hat einen regen kleinen Pudel im Arm, der von einer Biene gestochen wurde.

"Oder von ner Pferdebremse, weiß nicht. Mitten auf die Nase. Hier, ganz geschwollen. Ne dicke Knolle. Die sind ja so naiv, die Tölen. Spielen mit Wespen und schlagen mit den Pfoten nach ihnen und hinterher sind sie sauer, wenn sie einen Stachel in die Nase kriegen. Dann machen sie voll auf Dramaqueen."

Das Pudelmädchen heißt Jeannie, wird aber Flaschengeist gerufen. Dann ist es soweit. Da kommt sie. Um sich die Nähte nicht auflecken zu können, trägt Frau Moll einen Trichter, eine sogenannte Braunüle, am Kopf, und an den Knöcheln, wo die Infusion gelegt wurde, eisblauen Kreppverband. Sie sieht aus wie ein bandagiertes Zirkuspferdchen, das kopfüber in einen Lampenschirm gestürzt ist.

Sie ist der pure Zorn, sie blickt uns an wie: WAS ERLAUBEN STRUUNZ!? Sie allein zu lassen über Nacht in den Händen von Schlachtern und diesem Raubein vom Balkan! Ich kann nicht anders, ich muss lachen.

Wie die aussieht!

"Wird nie wieder passieren, Mollymaus", nimmt Sanne den Hund in die Arme, sie weint vor Freude, dass Frau Moll gleich wieder zum Einsatz kommt, mit ihrer warmen Schnauze, einmal trösten, bitte. Aber sie riecht immer noch komisch.

"Nach Aas. Wie eine alte Tür im Fischereihafen."

"Du meinst, hier duftet es leckerer als an jeder St. Pauli-Laterne ganz unten!" werfe ich übermütig ein.

"Das liegt daran, dass wir sie nicht waschen konnten", meint der Tierarzt, "sie hat uns partout nicht an sich rangelassen", und dabei meine ich erstmals so etwas wie Achtung aus seinen Worten herauszuhören, Achtung für unsere tapfere kleine Hündin.

Auf dem Parkplatz beobachten wir ein Kaninchen, das in aller Gemütsruhe über die Rasenflächen spaziert, während Frau Moll nicht mal drei Schritte entfernt stehen bleibt, sprachlos bei so viel Dreistigkeit. Sie zerrt einmal kurz an der Leine, spürt aber, dass nichts geht heute, und lässt gut sein. 

"Schätze, die Klinik-Kaninchen sind lädierte Hunde gewöhnt, die so kurz nach einer OP nichts zuzusetzen haben", sag ich, "die haben keinen Respekt vor denen."

So ist das. Es gibt überall Gewinner im Leben. Mal ist es ein Karnickel, das mit freiem Oberkörper in der Sonne flaniert, mal ein Hund, der einen dahin führt, wo es wichtig ist. Wo sich bellen, buddeln, rennen lässt.

Wir loben den Tag.

7.3.17 17:18


Tschad Child Warriors

 

Kortenbach wurde in Köln von zwei jungen Nafris bedroht, mit den Worten: „Tschad Child-Warriors! Gimme all money! We kill you!“ Nordafrikaner heissen in Köln nur noch Nafris, seit Hunderte von ihnen in der Silvesternacht 2016 deutsche Frauen belästigt haben. „Wovon aber keiner spricht“, so Korte, der schon lange in Köln lebt, „wieviel deutsche Männer Silvester aufs Maul gekriegt haben.. davon will keiner erzählen.“

Die Stimmung in der Stadt ist gereizt, von der kölschen Lässigkeit im Umgang mit Fremden ist nicht viel geblieben. (Von Projekten wie Urban Gardening mit Flüchtlingskindern mal abgesehen.) Was war passiert? Korte saß Freitagabends in seinem kleinen Laden im Gewerbegebiet. Es ist kein Ladenlokal, eher eine Art Lager mit Büro. Plötzlich geht die Tür auf, stehen da zwei junge Burschen.

„Nafris – vielleicht elf, zwölf Jahre alt. Mit Schraubenziehern in der Hand, so angespitzte Schraubenzieher. Tschad Child-Warriors! Gimme money! All money!“

Kortenbach war so überrumpelt, er wusste überhaupt nicht, was er machen sollte.

„Ich hab denen tief in die Augen geguckt.. ich hab noch nie soviel coole Abgewichstheit gesehen. Die hätten mir für ein paar Euro die scheiß Schraubenzieher in den Bauch gerammt..“

Was tun? Sich auf einen Kampf mit Kindern, mit skrupellosen Kindern einlassen? Korte greift nach einem Holzknüppel unter der Theke, den er erst Tage zuvor dort platziert hat, und schlägt einem der Kids auf die Hand, und der angespitzte Schraubenzieher, „die Dinger sahen aus wie im Knast gefrickelt", fällt zu Boden. Der Junge will sich nach der Waffe bücken, und Korte haut geistesgegenwärtig auch dem zweiten Burschen den Schraubenzieher aus der Hand. Damit haben die beiden nicht gerechnet, sie fliehen durch die offenstehende Tür.

„We come back! We kill you! Tschad Child-Warriors!“

Halbe Stunde später. Kortenbach hat zwischenzeitlich die Polizei informiert, doch obwohl die nächste Wache keine fünf Minuten entfernt ist, hat sich niemand blicken lassen. Auch beim zweiten Anruf wird Kortenbach nur vertröstet.

„Die Kollegen müssten gleich da sein.“

Dann sieht er sie kommen, schon aus einiger Entfernung, bestimmt an die zehn Halbwüchsige aus dem Maghreb. Burschen, die nichts zu verlieren haben, die Schulden haben bei ihren Schleusern und auf Teufel komm raus Geld machen müssen. Doch diesmal ist Korte gewappnet. Er hat sich keine Woche zuvor eine täuschend echt aussehende Schreckschusspistole besorgt, ab der zweiten Kugel kommt Pfeffermunition zum Einsatz. Er läuft aus dem Laden, den Jungs entgegen, brüllt „PISS OFF OF MY CLOUD!“ und schiesst in die Luft. Er macht soviel Bohei, dass die Bande Hals über Kopf kehrt macht und flieht. Nachdem sie weg sind und Staub und Pfeffer auf dem Hof sich gelegt haben, füllen plötzlich Sirenen und Blaulichtbatterien das Gewerbegebiet, die Schmiere ist da, im Einsatz sind fünf Streifenwagen mit Kölner Kennzeichen.

„Bisschen spät, wa“, meint Korte.

14.3.17 10:14


Noord-Brabant

                                                     

 

Im Juni 2012, ich war noch angeschlagen von der Herzattacke, packten wir den Hund und unser neues großes Zelt in den Wagen und fuhren Richtung Zeeland.

Autobahnring Antwerpen. Krater auf dem Asphalt, ein einzelner Kinderschuh, eine überfahrene Katze, die im Tod aussah wie gebügelt, und jede Menge Spurrillen, bösartige belgische Spurrillen. Alle paar Meter machte es FFRRAKKKKKKKKSCHH!!, ein Geräusch, als würde unser Wagen quer über die Betonquader in den Gegenverkehr rutschen, FFRRRRRRRRRRRAK-SCHRRRRRRRRRRRRAKK!

"Stimmt doch gar nicht. Das mit der überfahrenen Katze war noch in Holland, nicht in Belgien", berichtigte sie mich, stimmte mir aber grundsätzlich zu. "Mit so ner ollen Karre sollte man keine belgische Autobahn fahren. Jeden Moment kann die Achse brechen, oder die Räder krachen einem zur Seite weg."

"Sag mal, wieso steht da Turnhout acht Kilometer?" wunderte ich mich. "Turnhout haben wir doch längst hinter uns."

"Belgien darfst du nicht so ernst nehmen, Belgien ist Comicland. Schau mal nach oben, sogar der Himmel ist hier wie im Zeichentrickfilm."

Ich blickte durch die Windschutzscheibe. Was ich zu sehen bekam, erinnerte eher an skandinavische Dunkelkrimis: finster schraffiert, das Firmament. Kommissar Wallander hatte schlechte Laune. Eine Katze war überfahren worden.

"Aber warum steht da Turnhout 8 KM, wenn Turnhout längst vorbei ist?"

"Weil Belgier alles tun, wonach ihnen der Sinn steht. Wenn ein Beamter in Brüssel meint, ich knall denen da unten in Brabant an Kilometerstein 67 ein Schild an die Autobahn, auf dem TURNHOUT noch 8 KM steht, auch wenn Turnhout längst vorbei ist, dann tut er das eben, einfach, weil er Bock darauf hat. So funktioniert Belgien, weisst du doch."

Ich war angetan, ich war durchaus angetan von Belgien, ich war begeistert. Wenn auch noch nicht ganz überzeugt.

"Liegt Turnhout denn wirklich acht Kilometer hinter uns?"

Sie seufzte. "Du musst es wieder ganz genau wissen, he? Keine Ahnung. Turnhout ist so ein Knotenpunkt. Guck doch auf der Karte nach."

Auch wenn wir uns im 21. Jahrhundert befanden, wir hzwei, nein, wir drei reisten immer noch wie die Neanderthaler, ohne elektronische Sprachanweisungen und 3 D-Ansichten, nur mit Faltkarte auf dem Schoß. (Daheim war unser Maximum an technischer Versiertheit der Einsatz von Videotext.) Mit dem Zeigefinger suchte ich die Karte ab. Da war Antwerpen, da war Turnhout, dann schätzte ich die Entfernung ab zwischen beiden Punkten: acht Kilometer vielleicht. Ja, das könnte hinhauen. Ich pfiff kurz auf.

"Cool."

                                                  *

Dem Hund, einem erklärten Autohasser, hatten wir auf dem Rücksitz ein muckeliges Plätzchen gebaut, mit Lieblingsdecke und etwas Dörrfleisch vor der Nase, um ihm die Hinfahrt halbwegs schmackhaft zu machen, doch es brachte nicht viel. Anstatt sich hinzulegen und eine Runde zu schlafen, während Sanne uns sicher von Ort zu Ort kutschierte, ohne die Autobahn je zu verlassen, hockte er aufrecht wie eine Steinskulptur auf dem Rücksitz und hechelte nervös. Nur gelegentlich quetschte Molli die Schnauze aus dem Seitenfenster, das einen Spalt weit geöffnet war, und nahm eine Prise frischer belgischer Autobahnluft.

"Mach endlich Platz, Hund", sagte ich.

"Lass sie doch", sagte Sanne.

Unser Ziel war das niederländische Cadzand, unweit von Knokke (Belgien), auch bekannt als Nur Knokke-Heist heisst Knokke-Heist, wie wir 1991 schon witzelten, bei unserem ersten Besuch hier in der Gegend. Es standen drei Campingplätze zur Auswahl, die Hunde akzeptierten und nicht weit entfernt vom Strand waren. Het Platte Putje in Groede, 2009 zum grünsten Dorf Hollands gekürt, ein Mini-Camping auf einem Bauernhof ohne Namen, und, unser Favorit, Camping De Hoogte, zwischen Nieuwsfliet und Cadzand.

Es ist früh am Nachmittag, als wir De Hoogte ansteuern, und es regnet leicht. Es fisselt, sagt der Solinger.

"Wir sind endlich mal nicht in Solingen", mault Sanne, "und was tut der Herr? Erzählt den Leuten, wie es in Solingen auf Platt heisst, wenn es Bindfäden regnet."

"Ich seh keine Leute."

"Siehst du, noch nicht mal das."

Mir fallen noch mehr Solinger Besonderheiten ein. So sagt der Solinger nicht Zigaretten, sondern Z'aretten. Er ist ein wenig knauserig, was die Anzahl der Silben angeht.

Ein paar Kilometer weiter bessert sich ihre Laune. Sie erzählt, wie sie im Alter von drei Jahren mit ihren Eltern Urlaub in Österreich machte, in Waging am See, und wie sie ihrer Mutter dauernd den braunen Schminkstift mopste, um fremden Leuten einen Fleck über den Mund zu malen.

"Weil die da alle keinen Leberfleck hatten, so wie ich einen hatte, und das konnte nicht sein. Das gefiel mir nicht. Die mussten da auch einen Leberfleck haben, sonst waren das keine richtigen Menschen."

Das Muttermal war mir sofort aufgefallen, als ich sie das erste Mal sah. Es leuchtete über ihrem schönen Mund wie eine Pastille.

"Salmiakpastille."

"Du bist ein unerschöpfliches Reservoir an Einfällen", sagt sie schnell, auch wenn ich stark vermute, dass sie es ironisch meint. "Hoffentlich versiegt das Reservoir nicht ausgerechnet in diesem Urlaub."

"Dann bin ich weg", sag ich.

"Ich auch", sagt sie.

 *

Die Nordsee gilt seit meinen Kindheitstagen als Allheilmittel gegen körperliche Schwächezustände und Fehlentwicklungen jeglicher Art, aber diesmal liegt die Sache nicht so einfach. Ein Infarkt heilt nicht mal eben so aus, nur weil man lange Strandspaziergänge unternimmt und salzige Meeresluft einatmet.

Vielleicht war die Idee nicht so gut, kurz nach dem Einbringen von drei Stents in die Herzkranzgefäße ans Meer zu fahren. Als wir am zweiten Urlaubstag in der Mittagsglut von Zeeland eine Wanderung durch das Reservat De Zwarte Polder unternahmen, bekannt für seine blauen See-Disteln und brütende Vögel, stieß ich an meine Grenzen. Wie ein leck geschlagenes Schiff, in dessen unteren Mannschaftsräumen das eindringende Wasser hin-und her schwappte, manövrierte ich mit schweren Beinen über die sandigen Wege und lief bald auf Grund. Ich war heilfroh, als wir den Strand-Pavillon erreichten und Sanne es bei fünfunddreißig Grad im Schatten übernahm, zwei große Gläser heißen Pfefferminztee zu ordern.

*

"Die ersten Fundstücke sind die besten."

Auf dem runden Campingtisch breitete sie die Schätze des Tages aus, Steine aus rotem Tuff und aus Kalksandstein, Feldspat, ein Schneckenhäuschen, Muscheln vom Strand. Mittendrin flackerten zwei Teelichter, die wir entzündet hatten - ein heiliger Bezirk in der Abenddämmerung.

Het brummtje en het summtje!

Da sind wir also tatsächlich für ein paar Tage an die Küste gefahren, nach Holland. Zeeland. Provinz Noord-Brabant. Zeeuws-Vlaanderen. Ein schönes Kind hat viele Namen. Wir haben ja schon nicht mehr dran geglaubt. Zu viele Dinge standen im Weg. Vorallem das schlechte Wetter. Und allein die Vorstellung, dreihundert Kilometer Autobahn zu bewältigen, zwischen Hochgeschwindigkeitslastwagen, feistem Güterverkehr und Versicherungsheinis..

Das versteht natürlich nicht jeder. Berufspendler, die täglich drei Stunden auf der Autobahn verbringen, bei einer Stauwahrscheinlichkeit von 75 %, glotzen da nur verständnislos: Sag mal, in welcher Welt lebt ihr beiden Hübschen da eigentlich? In welcher Kuschelwelt? Seid ihr die Sahnekuchenkinder?! Eine gute Frage. Und niemand kennt die Antwort. Und da wäre noch der Hund, der Autofahren hasst. Der im Laufe der Jahre schon gegen das Einsteigen in den Wagen eine heftige körperliche Abneigung ausgebildet hat, mit Speichelfluss und jäher Muskelschwäche. Immerhin wusste der Hund nichts vom Stand der Urlaubsplanung, bis wir ihn unmittelbar vor der Abfahrt auf den Rücksitz verfrachteten, "nun mach schon, spring rein".

Erst da wird ihm schlagartig klar, warum wir in den letzten Stunden so viele seltsame Dinge ins Auto gestopft haben, Dinge aus der Küche zum Beispiel, die die Küche das letzte Mal vor zwei Jahren verlassen haben, als wir ebenfalls Richtung Holland aufbrachen und diese schreckliche Zeit im Zelt verbrachten. Diesem winzig-kleinen Haus mit wackligen Wänden.

OH NOOO!

                                                   *

"Wieviel Tausende von Jahren die Muschel wohl gebraucht hat, um ausgewaschen und geformt wie ein Ohr auf unserem Campingtisch zu liegen, neben einen Schneckenhäuschen aus ganz anderer Zeit..?"

"Vier?" werde ich eine Vermutung los.

"Vier.. was?"

"Viertausend Jahre?"

"Ach so. Ja. meinst du?"

                                                 *

Die Sache mit dem Wetter. Der Sommer kommt einfach nicht in die Gänge, und das tut er, wie wir hören, auch in den Niederlanden und Belgien nicht.

"Vielleicht ist der Dauerregen ja ein Zeichen für uns", meinte Sanne. "Bleibt daheim und haltet die Füße still."

Zu spät. Am nächsten Tag begann es zu regnen, und hörte nicht mehr auf. Wir saßen mit aufgespanntem Regenschirm im Zelt fest wie in einer großen Fruchtblase und konnten nichts anderes tun als Vorsorge zu treffen, dass wir nicht fortschwammen oder bei aufkommenden Winden davongetragen zu werden.

"Seit wann hat Holland Monsun?" stöhnte ich.

Da noch Vorsaison war, hatten wir auf dem Zeltplatz ein Areal für uns ganz allein, Areal 108, groß genug für ein Dutzend Caravans und Mobilheime. Der viele Platz hatte auch Nachteile und sorgte bei Dauerregen für zusätzlichen Verdruss. Das Fehlen jeglicher Nachbarschaft, in deren Windschatten sich unser Zelt hätte verstecken und einigeln können, ließ uns zum Hauptangriffspunkt der Regen- und Sturmböen werden. In der Nacht fielen die Temperaturen auf fünf Grad. Selbst der Hund verkroch sich tief im Schlafsack. Eine unglückliche Woche.

Enttäuscht von uns selbst, dass wir den Widrigkeiten der Wirklichkeit nichts mehr entgegenzusetzen hatten, bauten wir das Zelt ab und traten die Heimreise an. Was uns früher als Paar ausgezeichnet hatte, nämlich noch aus der gröbsten Scheiße etwas zu machen, schien verloren gegangen zu sein. Wir waren ein normales, humorloses Paar um die fünfzig, das sauer war, weil es im Urlaub regnete, obwohl man bei Sonnenschein gebucht hatte.

"Red keinen Scheiß", sagte Sanne, schaute dabei aber aus der Wäsche, als hätte sie es selber gesagt.

Als ich zehn Tage später die Urlaubsfotos abholte, fühlte ich mich bestätigt. Da war nichts mehr zu sehen vom jungen Mann, der einst mit jedem Tag am Strand mehr an Bräune und damit an Leichtigkeit und Charme gewann. Die Kleinbildkamera, die wir statt der Digitalen mitgenommen hatten - der verflixte Nordseesand hatte mir schon einmal eine Spiegelreflexkamera ruiniert - tat ihr übriges. Die Fotos wirkten, als hätte man mich in den Siebzigern mit Vorsatz falsch fotografiert: mein grotesk überbelichtetes Gesicht erinnerte an weißen Schweinebauch.

"Ich glaube, ich sterbe langsam", stänkerte ich, als wir die Bilder durchgingen.

"Stirb langsam, Teil 45", murmelte Sanne.

"Ist der mit Bruce Willis?"

                                                    *


*

Natürlich war es nicht so schlimm, ich neige zur Übertreibung, in die eine wie in die andere Richtung. Eines aber war in diesem Kurzurlaub genauso wie immer, wenn ich in Zeeland bin: ich schlafe gut. Niemals schlafe ich besser, niemals schlafe ich tiefer als in einem Zelt am Meer. Es sind diese 24 Stunden Dauerbetankung mit Sauerstoff, der man beim Camping ausgesetzt ist und die mich im Ergebnis so tiefenentspannt schlafen lässt. Es riecht nach See, man hört die Brandung, das Einrollen der Wellen, eine späte Möwe ist unterwegs.

Küste in der Nacht.

Auch gut: die neue Matratze, die wir uns gegönnt haben. Die beste Camping-Investition aller Zeiten: Queen-Size, Comfort Quest. Made in Shanghai.

"Die verdammten Chinesen wissen, wo es langgeht", urteilt Sanne. "Verdammtes Pack."

(Sogar im Kühlschaum gegen Sonnenbrand ist u.a. Buxus Chinesis enthalten. BUXUS CHINESIS!) 

 *

Auch wenn der Hund mittlerweile 8 Jahre alt ist, wenn Molli so daliegt im Sand, ganz klein und eingemuckelt, wie ein Klecks in der Weltgeschichte.. man könnte ganz vergessen, dass sie eines Tages nicht mehr unter uns weilen wird.

Areal 108 ist von hohen Hecken umzäunt, eine lauschige, eine schattige Ecke. Tauben gurren, Möwen scheissen im Flug, nachts schnauft der Igel hinterm Zelt auf der Suche nach Essbarem, was wiederum den Hund interessiert knurren lässt.

"Egal, wo man ist, egal, wo man sich aufhält, irgendwie bleibt man doch immer zu Hause. Die einzige Entfernung, die man für sich verbuchen kann, sind die 300 Kilometer, die man im Auto gesessen hat." (Sanne)

Der Sonnenbrand hat uns wirklich erwischt, an Armen und Füßen hauptsächlich. Het dampftje und het kokeltje. Sanne verbringt die Nacht auf dem Rücken liegend, da die Seitenlage nur bewirkt, dass ihre sonnenverbrannten Füße fies aneinanderreiben.

Wir sind jetzt schon so viel herumgelaufen, dass die leicht parfümierten Einlagen in den Turnschuhen, die sonst 3 Wochen halten, schon nach drei Tagen in Fetzen gelatscht sind.

 *

Fatal, wie der kleine Bursche vom Campingplatz es geschafft hat, mich reinzulegen. Dabei war ich mir so sicher, dass er ein steifes Bein hat. Dass er ein behinderter Knirps ist, der mein Mitgefühl verdient.

Ach was, der hat kein steifes Bein, meinte die Gräfin dagegen von Anfang an, mit sicherem Blick. Der spielt nur. Der spielt Humpelbaron.

Nee, der spielt nicht. Guck mal, was für ein verzerrtes Gesicht der hat. Das tut dem doch weh, das Gehen. Der ist mit steifem Bein zur Welt gekommen, das sieht man doch.

Weisst du, was ich sehe? Ich sehe ein Kind, das für sich allein spielt, und Kinder haben es faustdick hinter den Ohren, wenn sie für sich allein spielen. Die tun nur niedlich, wenn Erwachsene in der Nähe sind und ein Euro für ein Eis drin ist. Wenn Kinder allein sind, spielen Kinder grausame Sachen. Steifes Bein, Humpelbaron.

Davon wollte ich nichts hören. Ich stand im Bann des kleinen Lausejungen vom Zelt gegenüber, ich war blind für eine andere Perspektive. Es war speziell dieses eine Bild, das sich eingeprägt hat. Der Kleine kommt aus dem Vorzelt und hinkt im schnürenden Regen Richtung Familienauto, das neben dem Caravan parkt, auf der durchgeweichten tiefen Wiese. Es stellt sich heraus, dass der Wagen abgeschlossen ist, also muss der Knirps zurück ins Vorzelt, um vom Vater den Autoschlüssel zu holen. Und die ganze Zeit hat der arme Kerl Probleme, auf dem tiefen Geläuf nicht das Gleichgewicht zu verlieren und hinzufallen. Er hinkt wie Sau.

Ein Wolkenbruch hatte kurz zuvor alle Camper in die Wohnmobile, Lord Münsterland-Caravans und Familienzelte vertrieben, ich war weit und breit der Einzige, der draussen unter seinem Regenschirm saß. Ich beobachtete den Burschen vom Zelt gegenüber. Den kleinen humpelnden Belgier. Ich war Luft für ihn, ja, die ganze Welt war Luft für ihn, er guckte nicht nach links und nicht nach rechts, er war vertieft in sein 10jähriges Sein – warum also sollte er so tun, als habe er ein lahmes Bein, wenn er sich niemals versicherte, ob ihm jemand dabei zuschaute?

Das macht doch keinen Sinn, sagte ich.

Der Junge, ungefähr zehn Jahre alt, trägt ein Fußballtrikot von Chelsea London. Zehn Jahre ist ein großartiges Alter, besonders im Nachhinein, wenn man auf sein Leben zurückblickt. Aber im Nachhinein ist selbst 54 ein großartiges Alter, jedenfalls wenn man gerade 84 wird und ein steifes Bein hat voller Kampfadern.

Krampfadern heisst das, sagt sie.

Ich meine aber Kampfadern, entgegne ich.

Am nächsten Morgen bin ich früh wach und seh den Jungen auf dem Fahrrad über den nassen Campingplatz stürmen, immer Vollgas. Er fährt Rennen gegen sich selbst, die Stoppuhr am Lenkrad befestigt, so dass er stets die aktuelle Rundenzeit im eigenen Kopf ausrufen kann.

Eene Minüt seven! verstehe ich ihn, während das Regenwasser nur so aufspritzt.

Neben seiner Tätigkeit als Radrennfahrer ist er gleichzeitig auch als Kommentator des flämischen Sportkanals tätig. Mit zehn Jahren lässt sich alles sein, was man sich erträumt, und zwar alles auf einmal und nie wieder.

Er schmeisst das Rad auf die schlammige Wiese und rennt ins Vorzelt, um sich einen Schluck aus der schnellen Pulle zu genehmigen. Auf zwei höchst intakten Beinen.

Von wegen Humpelbaron.

“Der hat doch tatsächlich die ganze Zeit nur Hinkefuß gespielt”, staune ich auf meinem Beobachtungsposten.

“Wer?”

“Na, der Bursche da drüben, der kleine Belgier. Der hat überhaupt kein steifes Bein. Der hat mich verarscht.”

“Sag ich doch.”

Mein Urteilsvermögen ist am Boden. Ich mein, man vertut sich schon mal und hält ein froschgrünes Laubblatt, das in der Abenddämmerung reglos auf der Erde kauert, für eine plattgefahrene tote Kröte, das kann passieren. Logisch. Aber das ein 10jähriger Pico mich dermaßen an der Nase herumführt..

Erst jetzt fällt mir sein bulliger Gesichtsausdruck auf, seine bullige Statur, wie ein belgisches Kaltblut. Für sein Alter geradezu kriminell kalt und bullig. Ein flämischer Teufel. Wüssten alle Erwachsenen Bescheid, wie es um ihre lieben Kleinen wirklich bestellt ist, wenn sie allein für sich sind und spielen, sie würden ihre eigene Brut nicht wiedererkennen. Der Homo Sapiens hat erneut eine tiefe Kerbe in mein Gemüt geschlagen. Zutiefst gefoppt erhebe ich mich aus dem Campingstühlchen und blase auf dem Gaskocher den ersten Espresso des Tages an.

Drecksack.

                                                       *

 

6. Juli 2012

Mit Beginn der Hauptsaison werden die Sanitäranlagen auf dem Campingplatz generalüberholt: die Herren-WC's bekommen Klositze und Deckel. Die Deutschen sind im Anmarsch.

"Guck mal!" sag ich zu Sanne. "Was liegt denn da vorn auf der Strasse!??"

"Das ist ne Pfütze."

"Ach so."

Wir haben dieses Jahr den All Inclusive-Urlaub überhaupt: Regen, Sonne, Nacht - du kannst von allem so viel haben, wie reingeht.

Wir fahren mit dem Sommerbus von Nieuwsfliet bis Breskens-Hafen. Machen einen kleinen Ausflug. Eigentlich wollten wir zuvor in Groede aussteigen, das zum schönsten Dorf Hollands gekürt wurde, aber dann hätten wir schon in Groede Strand-Camping aussteigen und noch jede Menge zu Fuß gehen müssen. Ohne uns. Danach steht uns nicht der Sinn. Wir sind in Ferien. Nicht mal der Hund macht Anstalten, den Sommerbus bei Groede Strand-Camping zu verlassen. Bleiben wir also sitzen und brettern durch bis Breskens.

Wir schlendern durch den kleinen Hafen, essen frischen Fisch, machen Fotos von Vögeln, insgesamt: Das Ausflugsverhalten von 50jährigen. Man bewegt sich so langsam, als habe man ein Stühlchen unterm Hinterrn, das sich jederzeit aufstellen lässt. Es wird eine Fahrt angeboten mit dem Schleppnetzfänger, aber die Wortwahl ist unglücklich. Schleppnetzfänger ist ein Arschlochberuf.

Dafür tut sich etwas anderes. Nach anderthalb Tagen Dauerregen klart der Himmel auf, die Sonne lässt sich blicken. Het brenntje en het knuspertje.

"Siehst du, die Hoffnung stirbt zuletzt", meint Sanne.

"Dann stirbt alles andere vorher?? Das gibt aber eine Riesensterberei", wende ich ein.

Als wir am Nachmittag gegen halb vier vom Ausflug zurückkehren nach De Hoogte, beginnt es sofort zu regnen, nach zwei Stunden Sonnenschein im Hoheitsgebiet von Breskens-Haven. Das ist ja schon fast Vorsatz, schimpft Sanne.

"Boh, auf dem Ding hier kann man bestimmt Salto machen!" rufe ich begeistert aus, als wir nach dem Regen dem Spielplatz einen Besuch abstatten. Es gibt ein volleyballfeldgroßes, wie neu aussehendes Air Trampolin, dem ständig Frischluft zugeführt wird. Ich klettere aufs Trampolin und lege mich sofort aufs Maul, rutsche seitlich runter und lande mit der Fresse im Gras.

Sanne lacht sich einen Ast.

*

Merkwürdigkeit am Abend. Ein einbeiniger Regenbogen steht über dem benachbarten Retranchment. Auch merkwürdig: nachdem wir an den ersten beiden Abenden soviele Karnickel auf dem Zeltplatz gesehen haben, dass Molli kaum wusste, wo sie zuerst hinschnappen sollte, so läuft uns heut Abend nicht ein einziges Tier über den Weg. Sanne hat die Erklärung: "Die Kaninchen haben überall Kalender hängen, auf denen der Ferienbeginn in NRW dick angestrichen ist."

 *

Wir haben Sonnenbrand, die Haut ist eine Feuerstelle. Dabei waren wir nur zwei Stunden am Strand. Sanne ist direkt ins Wasser, Molli bellend hinterher, ihr ist das Meer nicht geheuer, schon mal gar nicht, wenn das Frauchen vorausläuft.

Wir lopen lekker über den Deich.

Als die Flut kommt, entdecken wir einen schwarzen Schatten, der durchs Wasser gleitet, vielleicht 30 Meter vom Ufer entfernt. Ein Seehund! ruft Sanne. Tatsächlich. Das Tier taucht kurz auf und zeigt seine Nase. Später lese ich, dass es in der Nähe eine Sandbank gibt, auf der eine Kolonie von 30 Seehunden ihr Brutgebiet hat. Wir können uns beide nicht daran erinnern, jemals am Arm Sonnenbrand gehabt zu haben. Ausser jetzt. Auf allen vier Armen. Die Spraydose mit Panthenolschaum ist im Dauereinsatz, um die Zellen zu reparieren. "Het is de Brandweer."

*

Als ich am Deich ein Foto schiesse, fallen mir im Hintergrund unbeteiligte Urlauber auf. Ein Urlaubsfoto. Eine Strandaufnahme aus Zeeland. Im Hintergrund sieht man einen Mann, der einen Drachen steigen lässt, Marke Windsbraut, laut am knattern, wenn sie den Himmel abkurven. Genau in dem Moment, wo ich den Auslöser drücke, (im Vordergrund: Frau Moll im Sand), erblickt der Mann meine Kamera. Und so sieht man bis heute den erstaunten Ausdruck in seinem Gesicht, in meinem Fotoalbum, auf diesem Urlaubsfoto, Noord-Brabant, Sommer 2012. Was der Knabe wohl heute treibt, denk ich ein paar Jahre später.

Und auf wieviel Bildern in irgendwelchen Fotoalben stehe ich eigentlich im Hintergrund und ahne nichts davon, dass ich geknipst wurde. In wievielen Wohnzimmerschränken ich wohl eingekerkert in Fotoalben existiere, irgendwo auf der Welt, unbeachtet und zugeklappt, jahrelang dem Gilb ausgesetzt, dem Stubenstaub – nur selten aus dem Regal gezogen und beim Durchblättern mit knappen Blick bedacht.

Was ein seltsamer Gedanke.

Wir alle existieren in fremden Wohnzimmern zwischen 64 Seiten starken Sammelmappen und Fotobüchern und haben doch keinerlei blassen Schimmer davon. Wir verstauben im Hintergrund von Fotografien, bei denen wir nicht mal mitbekommen haben, dass sie gemacht wurden – wir alle sind ahnungslos in Fotoalben verstaubende Personen, weltweit inkognito publiziert.

*

"Hat der Hund zu viel Sand gefressen in Holland?" fragt der Nachbar, der drei Kinder im Teenageralter hat und als Kolonnenklopper bei der Bundesbahn arbeitet. Dafür ist der Mann erstaunlich entspannt.

"Wieso?" sag ich.

"Na, weil Molli so eine weisse Schnauze gekriegt hat."

Hah! Sie hat auch Sonnenbrand!

*

(Es war der Sommer, in dem der Hund zur Person aufstieg. Zur Persona grata.)

 

 

22.3.17 12:52


Ben, der Personenschützer

 

Ich drehte eine Abendrunde mit Frau Moll durch den Park. Die Wiesen waren frisch gemäht, es duftete nach städtischen Gärtnern, die gelangweilt ihrer Arbeit nachgehen, mit einem stoischen Hass auf alles Grüne.

Ben kam mir entgegen, mit Kinderwagen und Hund Taylor. Ben, 23, war ein kräftiger Personenschützer, der seit einem halben Jahr zuhause blieb und sich um die kleine Pauline, 18 Monate, kümmerte, während seine Freundin eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin machte.

"Gleich kommt die Frau nach Hause, ich muß Essen machen!"

"Ist wahr?"

"Bist du doof? Ich und kochen.. Ich bin froh, wenn ich für die Kleine das Fläschchen warm krieg, Alter."

Ben hatte die Statur eines American Football-Cracks. Er erzählte von seinem Schwiegervater in spe, der seit zwei Monaten im Krankenhaus lag, "nach einer halben Lebertransplantation."

"Einer halben was?!"

"Lebertransplantation."

"Wie, einer halben..?"

"Na, er hat die eine Hälfte einer gesunden Leber gekriegt, und irgendein anderes armes Schwein die andere Hälfte."

"Das gibts wirklich?"

"Ja nun, es stand nur eine gesunde Leber zur Verfügung, für zwei halbtote Patienten. Also bekam jeder eine Hälfte. Besser als nichts, oder."

Seit es Frühling geworden war, sah ich Ben fast täglich den Kinderwagen durch den Park schieben. Was heißt schieben: er jagte mit seiner ganzen Personenschützerpower über den Parcours und flog quasi hinter dem Kinderwagen her wie eine muskelbepackte Mary Poppins, dabei nach Taylor brüllend, seinem bekloppten Hund, der mal wieder ausgebüxt war:

"TAYYLORRRR!! HIERRR!!"

Taylor, ein kastrierter schwarzer Labradorrüde, machte, was er wollte. Manchmal hatte der Hund solch einen Speed drauf, dass er nicht mehr abbremsen konnte und ins Distelgebüsch knallte, wo er jaulend zum Stehen kam.

Ben kannte das schon. „Der ist zu blöd zum Anhalten, der Hund.“

„Zu blöd zum Anhalten? Der ist zu jung zum Anhalten“, widersprach ich. „Das möcht ich auch noch mal sein, zu jung zum Anhalten.“

Ben glotzte mich an. Klar, er war erst 23. Und wie das so ist mit dreiundzwanzig, war Ben ein Kiffer vor dem Herren, und ein Näschen Speed am Wochenende war Pflicht. Ausserdem stand sein Mundwerk niemals still.

"Alter, ich hab bei Ebay einen schwarzen Böhse Onkelz-Müllsack ersteigert, für 3 Euro 50."

"Einen was?"

"Einen Böhse Onkelz Müllsack, schwarz, vom vorletzten Auftritt der Onkelz, 2005 am Lausitz-Ring."

"Wieso, gibts die nicht mehr?"

"NÄH! DIE ONKELZ HABEN SICH LÄNGST AUFGELÖST, ALTER! 2005! WO LEBST DU DENN! AUFFEM ORION?"

Ich meinte zwar eigentlich diese ominösen Müllsäcke, ob es die nicht mehr gibt, aber egal. Angeblich wurden von den legendären beiden letzten Konzerten der Onkelz nicht nur Müllsäcke mit irgendwelchen Extra-Aufklebern versteigert, sondern auch die letzten auf dem Festivalgelände verkauften, noch ungeöffneten Bierdosen.

"Davon zieh ich mir auch noch ne Palette Büchsen an Land, Alter! Granate!"

Ich setzte gerade mit der Frage an, ob die Bierdosen auch spezielle Onkelz-Etikette getragen hatten, da tauchte Bens scheue Freundin aufTaylor stürzte ihr jaulend entgegen.

Ein seltener Anblick, Bens Freundin im Park. Und ein klapperdürrer Anblick.

"Hallo", wisperte sie.

"Na", meinte Ben.

Sie blickte mir nie in die Augen. Ob aus Desinteresse oder Schüchternheit, keine Ahnung. Sie blickte durch mich hindurch, den Mund halb geöffnet, ich sah ihre winzigen weißen Zähnchen. Sie wirkte wie ein Gespenst, das sich gleich die Zähne putzt, mit der Geisterzahnbürste.

Sie schaute in den Kinderwagen, wo die kleine Pauline vor sich hinbrabbelte. Ben erzählte ihr vom schwarzen Böhse Onkelz Müllsack, den er für drei Euro fuffzig ersteigert hatte, bei einem Kumpel im Internet.

"Du mit deinen blöden Onkelz", sagte sie.

"BLÖDE Onkelz..? Wie, blöde Onkelz? Ich bin mit den Onkelz aufgewachsen. Fünfzehn Jahre hab ich nur Onkelz gehört, nie was anderes."

Sie verdrehte die Augen.

Ich erinnerte mich, wo mir Mitte der 80er Jahre erstmals der Begriff Böhse Onkelz begegnet war:  an einer Straßenlaterne in Solingen-Wald, hingepinnt mit pechschwarzem Edding. Ich wusste nicht, dass es sich um eine Band handelte, dachte, da hätte sich jemand einen Spaß mit der deutschen Sprache erlaubt: Böhse Onkelz! Hab ich lange dagestanden und gelesen. Wieder und wieder. 

Das Zuhause von Ben und seiner Freundin, sie wohnten um die Ecke, war mit Kleintier-Terrarien zugestellt. Schlangen, Echsen, Kröten. Labrador Taylor wohnte auf dem Balkon, was bei den Nachbarn nicht gut ankam. Wegen dem großen Geschäft und so.

"Weißt du nicht zufällig, wer ne Perserkatze kaufen will?" fragte Ben.

Ich schüttelte den Kopf.

"Ich will einen Goldhamster", meinte seine Freundin fast ein wenig patzig, was Ben mit einer Handbewegung abtat.

"Blödsinn. Da braucht Taylor doch nur das Maul aufmachen, dann war's das mit deinem Goldhamster. Nee, wir müssen erstmal Platz schaffen und unsere Emma loswerden, ne Perserkatze. "

"Sag mal, euer Taylor ist kastriert, stimmt doch, oder?" warf ich ein.

"Klar. Wieso?"

Weil Taylor und Frau Moll über die Wiese tollten, und weil Frau Moll immer noch die Hitze hatte - sie war sogar mitten in den ganz brisanten Tagen, in der Standhitze, wo Hündinnen gern mal den Schwanz beiseite schieben und den Weg frei machen für so ziemlich jeden dummen roten Hundepimmel, ohne Ansehen der Person.

Frau Moll hatte eine merkwürdig rigide Art Rüden aufzureissen. Sie sprang ihnen von hinten auf den Rücken, stellte die Vorderpfoten hoch und bumste sie durch. Nicht die feine Art. Aber funktionierte. Hin und wieder.

Unbedingt.

Als ich das nächste Mal hinschaute, bestieg Taylor Frau Moll und stiess zu. Aber es war ein unrhythmisches theatralisches Scheinstoßen, so als simulierte er den Akt nur. Blitzschnell das alles, wie in einem Hollywoodspielfilm, nur nicht so schön geschnitten.

"Scheiße!"

Ben und ich eilten hinzu, und ich holte Taylor von Frau Moll runter. Wäre er wirklich in ihr drin gewesen, hätte das nicht mehr funktioniert. Aber es war nichts passiert, es funktionierte. Taylor stand hechelnd im Gras, Frau Moll guckte sich um, als wartete sie auf den Bus. Sie lächelte. (Später machte sie es sich im gemähten Gras gemütlich, alle viere von sich gesteckt und so glücklich, als hörte sie über Stereo-Kopfhörer Beifall auf sie niederprasseln, als liefe DAS SCHÖNE MÄDCHEN VON SEITE 1.)

"Der hat doch gar keine Eier mehr", meinte Ben's Freundin. "Kann doch gar nichts passieren."

"Wer weiß. Vielleicht hat Taylor noch einen versteckten Schuß frei", sagte Ben und tätschelte sein Köpfchen. "Der böse Onkel."

Er nahm mich beiseite.

"Alter, du bist doch im Internet unterwegs. Kannst du nicht mal gucken, ob du was findest über Australische Beutelmäuse. Die will ich mir holen, Alter. Granate, die Viecher."

Während Frau Moll im Gras und in Tagträumen Zuflucht suchte, erzählte Ben von Beutelmäuse-Männchen, die im Testosteronrausch draufgehen, sobald sie ausgewachsen sind.

"Die vergessen sogar zu essen und zu schlafen, wenn sie Weibchen riechen. Die legen sich in Grüppchen auf die Lauer und fallen über die Alten her. Nee, Moment. Andersrum. Also die Alten über die Männchen. Ich weiß nicht genau. Jedenfalls sind die Männchen nach zwei Wochen völlig verausgabt vom Sex und fallen tot um. Granate."

"Hm. Und die willst du haben?"

"Alter, logisch! Zwei Wochen voll die Action im Käfig!"

Zuvor wollte er aber wissen, wie teuer Australische Beutelmäuse sind, das sollte ich in seinem Auftrag recherchieren im Internet, Alter, wäre nett.

"Ein Terrarium haben wir ja noch frei."

Er hätte gern ein junges Pärchen, meinte Ben, so ein Jahr alt. Seine Augen leuchteten vor Begeisterung.

"In der Natur überleben die Männchen nicht, weil sie sonst den Weibchen die Nahrung streitig machen, und so viel Nahrung gibt der Busch nicht her in Australien."

Bens Freundin stand plötzlich vor mir, keinen halben Meter entfernt, und blickte durch mich hindurch, den Mund halb geöffnet. Ich sah kleine weiße Zähnchen. Sie wirkte wie ein Gespenst, das sich gleich die Zähne putzt mit der Geisterzahnbürste. Mir wurde ungemütlich.

"Schön, ich werd sehen, was ich tun kann", versprach ich Ben und schnippte eine ausgerauchte Zigarette ins Gebüsch. Taylor, der jedes Mal regelrecht krank wurde, wenn Frau Moll läufig war, dann klapperten seine Zähne, er schlief nicht mehr, war vor Verlangen richtig gestört, jagte kläffend der Kippe hinterher. Wie einem Nikotinstöckchen.

"Der ist bekloppt, wa?" strahlte Ben.

27.3.17 07:26


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