Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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3. Todestag Philip Seymour Hoffman

2. Februar 2014

Wie The Daily Beast unter Berufung auf New Yorker Polizeikreise meldet, wurde Schauspieler Philip Seymour Hoffman (46) Sonntagvormittag in einem als Büro genutzten Appartement in Manhattan tot aufgefunden. Er lag im Badezimmer, bekleidet mit Unterhose und T-Shirt, die Pumpe noch im Arm. Es wurden Briefumschläge gefunden, zum Teil versehen mit der Aufschrift "Ace of Spades", einer Heroinsorte, die angeblich seit 2008 in New York nicht mehr im Umlauf ist. In Interviews hatte Hoffman wiederholt frühere Drogenprobleme eingeräumt, hinterliess aber den Eindruck, seit über 20 Jahren clean zu sein. 2013 liess er sich nach einem Rückfall für 10 Tage in eine Entzugsklinik einweisen.

Das Problem bei Leuten, die einmal auf H waren: Die Erinnerung an die totale, unvergleichlich tiefe Entspannung, die Heroin nun mal bietet, (solange man halbwegs gutes Material bezieht), wird man kaum je wieder los. Heroinsucht bleibt ein Riesenmöbel in der süchtigen Seele, sperrig und flauschig zugleich. Du kannst im Leben noch so einen Lauf haben, noch so zufrieden sein, ein Ex-Junkie ist niemals davor gefeit, dem kleinen Teufel nachzugeben, der dir auflauert und einflüstert, he, mein Freund, du weisst doch, es könnte noch besser sein, noch viel schöner, noch viel viel schöner. Erinnere dich an den krönenden Kick, der alles in den Schatten stellte.. erinnere dich, als dir der Stoff den Rücken hochkroch wie eine warme freundliche Schlange. Weisst du nicht mehr, wie es war, wenn dir nach dem Kick der Sabber aus den Mundwinkeln lief, war es nicht die reine und unschuldige Wollust? Der Höhepunkt einer Existenz? Mach es noch mal, Phil. Mach es noch einmal..

Und dann macht man es noch einmal.

Er war ein großartiger Schauspieler.

"In Mission Impossible 3 spielte Hoffman den fiesesten Edel-Schurken aller Zeiten", meint die Gräfin. Mein Lieblingsfilm ist eher Before the devil knows you're dead aus dem Jahr 2007 (unsäglicher deutscher Titel Tödliche Entscheidung). Ethan Hawke und Hoffman spielen ein Brüderpaar, das einen Raub auf das Juweliergeschäft der Eltern verübt. Natürlich geht alles schief und endet im Desaster.

Ich hab den Film sechsmal gesehen.

2.2.17 11:09


Der Abend streicht um die Häuser wie ein Päckchen gute Butter


Paar Kinder sind noch draussen, die 10 bis 12jährigen. Ihre Alten sitzen daheim vorm Fernseher, was sich nur noch ertragen lässt, wenn man dabei ununterbrochen Glutamat in sich reinschaufelt, Geschmacksverstärker und rosa Lebensmittelfarbe.

Das haben die sich fein ausgedacht, damals, die Herren Grundig und Telefunken, als sie dem Frollein Bahlsen und Herrn Dr. Oetker geschäftliche Avancen machten. "Fernsehen und Fressen", meinte Max Grundig 1952 konspirativ, "sind das nächste große Ding!", worauf Frollein Bahlsen vor Freude nachsalzte.

Was die Alten damals nicht bedachten: dass die Buntkisten immer größer werden, sich aufblähen zu King Size Swimmingpoolgröße, und dass die Snacks da kaum mehr mithalten können: Wer kriegt schon ein Knoppers groß wie ein Schuhkarton ins Maul.

Kinderstimmen vom Spielplatz:

"Kennt ihr den Boomer?"

"Den Boomer? Klar. Den kennen wir. Warum?"

"Ist der cool?"

"Der Boomer? Der und cool? Nee."

"Wie, nee? Ich dachte, der Boomer wär cool. Der fährt doch jeden Samstag runter ins Tal, rammeln. Ne Bitch. Oder nich?"

Wem solche Sätze abends ins Zimmer schwappen, durchs offene Fenster drängeln, ich meine, ist es da nicht logisch, dass man aufsteht und sich das mal anguckt, live, vorn am Fenster, was draussen los ist? Nichts zu sehen. Man hört nur Stimmen. Es geht um Boomer. Ich kannte mal einen Hund, der hiess Boomer, das war ein Streuner, der kam 1975 immer Samstagnachmittags aus Amerika ins ZDF. Ein Hollywoodhund. Boomer, der Streuner. Aber hat der denn eine Bitch im Tal klar gemacht? Frag den Abendwind. Die Stimmen der Kids kommen vom Spielplatz, man hört sie frech in die Buddelkiste rotzen. Ich seh den kleinen rothaarigen Nachbarsungen, der seit Jahren nicht mehr wächst, der immer nur klein bleibt, Richtung Spielplatz laufen.

"He, ihr Penner! Wartet! Hier ist eine, die will euch einen lutschen!"

Er zieht seine größere Schwester hinter sich her, die es lachend geschehen lässt. Das Hinterherziehen. Die Kumpel reagieren nicht. Damit hat er nicht gerechnet. Er lässt die Schwester los und kratzt sich am Hintern, genau wie die Alten daheim vorm Fernseher.

*

Hunde streicheln einen nie zurück. Gibt einem das nicht zu denken? Vielleicht wollen die gar nicht gestreichelt werden.

*

Manchmal, gerade jetzt im Februar, ist es draussen so neblig und diesig, als wäre die Erde ein Stück tiefer in den Weltraum gerutscht, raus aus der alten Milchstrasse, rein ins Nebulon, wo es ruppig zugeht. Bis die Große Dunstabzugshaube eingeschaltet wird, und der Spuk ein Ende findet: freie Sicht auf die wuppernden Berge.

Wupp. Wupp. Wupp.

*

Wenn man alt wird und die Körperfehler kommen.

*

Der Mensch wird erst dann interessant, wenn ihm etwas wegbricht, was ihm lange lieb und heilig war. 

*

Der Abend streicht um die Häuser wie ein Päckchen gute Butter

*

Es ist schwer, jemandem die Wahrheit zu sagen, den man liebt.

22.2.17 18:01


Elberfeld, Platte

Es gibt Typen, die treten in dein Leben, erledigen, was zu erledigen ist, und sind wieder weg, als hätte es sie nie gegeben. Da war dieser Russland-Deutsche. Verschlagener Gesichtsausdruck, die Nase ein Geo-Dreieck, Ostblock-Adamsapfel. Ein Dope-Verticker, wie er in amerikanischen Short Storys an jeder Ecke steht, in den Backentaschen ein halbes Dutzend eingeschweisster Heroin-Bubbles, verkaufsfertig portioniert und zum Runterschlucken geeignet, falls Zivilfahnder auftauchen und einem an die Kehle gehen... so ein Typ eben.

Es ging mir nicht gut an diesem Vormittag. Doch zeig mir einen Tag, an dem es mir gut ging in den späten Neunzigern. Vielleicht morgens um neun, kurz nach der ersten Nase, für zwanzig, fünfundzwanzig Minuten.

In der Fußgängerzone geriet ich in einen komplett schwarz gekleideten Pulk von Teenagern, der sich durch die Stadt schob, ein gruseliger Anblick, der von einem einzigen farbigen Klecks durchbrochen wurde, einem gelben Briefkasten, der an der Hauswand hing und mehrfach am Tag geleert wurde. Daher hatte er das Recht, einen roten Punkt zu führen. Ein Pulk schwarz gekleideter junger Leute vor einem quietschgelben Briefkasten mit rotem Punkt, Wahnsinn, diese Stadt. Links und rechts Treppen, über mir das Rumpeln der Schwebebahn.

Ich war in Wuppertal.

Einmal die Woche besorgte ich mir in einer Elberfelder Arztpraxis ein Rezept für Codeinsaft. Ich kam nicht gut klar auf dem Zeug, es nahm einem nicht den Suchtdruck, nur der Affe war halbwegs plausibel weg. Lieber hätte ich Methadon genommen, doch die wenigen Substitutionsplätze bei niedergelassenen Ärzten waren voll. Also versuchte ich mich auf dem Schwarzmarkt mit Methadon einzudecken, wenn kein Heroin aufzutreiben war.

Die Codein-Praxis lag nur wenige Meter entfernt von der Elberfelder Platte. Ich ging auf zwei Gesichter zu, die sich unterhielten, und fragte, wo was zu schnappen wäre und erntete nur Schulterzucken.

"Ist tot, Wuppertal. Kein Gift nirgendwo. Kannst du vergessen."

"Was ist mit Saft?"

"Saft? Was meinst du? Metha?"

Ich nickte. "Oder Pola, egal."

Auch wenn sich Methadon sowie das teurere und nur selten verschriebene Polamidon, (das eine Zeug war links-, das andere rechtsdrehend), als Zweitwährung in der Szene etablierte, es gab nur einige wenige lizensierte Ärzte, die solche Rezepte ausstellen durften, und so konnte das knappe Angebot die Nachfrage nicht abdecken. Metha/Pola hatten einen unschätzbaren Vorteil: der Stoff hielt 24 Stunden an, und er war sauber. Eigentlich. Denn uneigentlich entstand schnell ein Schwarzmarkt, und die Leute panschten die mit einem gelben Trägerstoff versehene, bittersüß schmeckende Lösung mit allem, was sie in die Finger kriegten, vorzugsweise Leitungswasser oder Spülmittel. Das war schlecht für die Junkies, die schussgeil waren und sich das Zeug in die Vene drückten statt es zu trinken.

"Ich hab mir einen Shake geschossen", hörte man dann, weil weder Wasser noch Spülmittel in den Blutkreislauf gehörten, Folge: die Leute krampften wie kleine Babys.

Der Handel mit Ersatzstoffen blieb dem örtlichen Rauschgiftdezernat nicht verborgen. Es fuhr in zivil Streife durch die Strassen und hatte leichtes Spiel. Überall, wo Junkies zusammenstanden und miteinander kungelten, blitzten die roten Verschlusskappen der Plastiktöpfchen auf, in denen Methadon gehandelt wurde.

Der mausgesichtige schwarze Ojay, seit zwanzig Jahren auf allen möglichen Drogen, ein echtes Multitalent, stand am Springbrunnen, aus dem schon lange kein Wasser mehr sprudelte, und winkte mich heran. Wie viele Solinger hatte es ihn schon vor Jahren ins größere Wuppertal gezogen. Er kam gleich zur Sache, auch wenn wir uns lange nicht gesehen hatten.

"Was suchst du, Alter, Metha?"

Ich fragte mich, ob er Lippen lesen konnte oder ob mir die Suche nach dem Ersatzgift schon ins Gesicht geritzt war, und nickte.

"Der Russe dahinten vertickt was."

"Welcher Russe?"

"Na, der aus Kasachstan, hinten auf der anderen Seite."

"Aus Kasachstan?"

"Ja. Oder Ukraine, was weiss ich denn, woher der kommt. Irgend so ein Schwarzkopp eben."

"Der mit der Mütze?"

"Ja. Der."

Ich ging über die Strasse und sprach ihn an. Er stand vorm Schaufenster des Pressehauses und las in den ausgehängten Lokalseiten. Ein schlaksiger Vogel, einen Kopf größer als ich. Knochiges verschlagenes Gesicht, tiefsitzende Augen, Ballonmütze. Auf den ersten Blick traute ich ihm nicht über den Weg, andererseits hatte Ojay ihn empfohlen, und Ojay kannte ich noch aus alten Kifferzeiten in der Nordstadt.

"Du hast Saft zu verticken?" fragte ich.

"Wer sagt das?"

"Ojay. Dahinten."

Der Russe nickte. "Wieviel brauchst du?"

"Na, was geht."

Fehler. Der muss doch denken, ich hätte die Taschen voller Kohle, dachte ich, wenn ich alles nehme, was geht, dabei hatte ich gerade mal einen Zwanni zusammen. Sei nicht albern. Nur weil er Russe ist, wird er dich nicht gleich abstechen. Er trug eine olivgrüne Bomberjacke, ein original Achtzigerjahre-Blouson mit üppigen Schulterpolstern. Dazu die Mütze und eine überlange Nase, die wie ein Holzsteg auf den See hinausragte. Der Rest seines Gesichts war sumpfiges Gelände, Betreten auf eigene Gefahr.

Der Typ sah aus wie im Film.

"Wir müssen erst meine Frau wecken", sagte er.

"Deine Frau? Wieso?" Ich wurde sofort misstrauisch. "Was hat die damit zu tun?"

"Die hat das Metha."

"Ich dachte, du hättest was dabei."

Wir gingen bereits einige Schritte Richtung Bahnhofstunnel, er hatte sich in Bewegung gesetzt und ich folgte auf gleicher Höhe.

"Nein, nein. Meine Frau bekommt Metha. Aber sie muss erst zum Doc. Mit Schwebebahn."

Ich blieb stehen.

"Na, Moment?! Sie muss erst zum Doc fahren, das Rezept holen, und dann auch noch in die Apotheke..?"

"Ja. Dauert mindestens eine Stunde, ja. Dafür mach ich es billiger."

Sein Blick schweifte unaufhörlich hin und her, nichts in der Umgebung schien ihm zu entgehen. Passanten wurden beäugt, die Besatzungen vorbeifahrender Automobile eingescannt und abgeglichen. Ich fühlte mich zunehmend unwohl in seiner Nähe. Wenn ich irgendetwas hasste in meiner Junkiezeit, dann Situationen, die nach Bullen geradezu stanken. Auch wenn ich nie im Knast war, diese Erfahrung wollte ich mir ersparen.

Aus einer Ruck-zuck-Aktion entwickelte sich gerade eine den Vormittag ausfüllende Nummer, aber hatte ich eine Wahl? Es blieb nur die Option, auf der Platte in Elberfeld rumzulungern und auf Leute zu warten, die ich nicht kannte und die nicht kommen würden - das war keine Option. Das war Scheissdreck. Das war Hühnerkacke.

Wir verliessen den Bahnhof, eilten durch Nebenstrassen, die ich noch nie gesehen hatte. Elberfeld war nicht mein Revier. Ich kannte gerade mal die Fußgängerzone. Ich war im Ausland.

(Gebell aus fernen Höfen.)

 

"Zwanzig können wir abgeben."

"Okay", sagte ich.

"Hast du zufällig saubere Pipi?" fragte er.

"Ja."

"Wirklich sauber?"

"Ja natürlich."

Viele Junkies im Methadon-Programm waren ständig scharf auf sauberen Urin, also ohne Spuren von Heroin, Kokain, Benzos etc. Manche wurden wöchentlich auf Beikonsum getestet. Ich hatte extra was mitgenommen, aus dem Tiefkühlfach. Mittlerweile hatte es sich vermutlich auf Körpertemperatur aufgewärmt. Wir fuhren zwei Stationen mit dem Bus.

Ich fragte ihn, wo er herkam. Aus Kasachstan. Einer kleinen Stadt. Unvermittelt erzählte er, wie man ihn als Teenie auf der Strasse verprügelt hatte, bei dreissig Grad minus. Er wurde bewusstlos für einige Minuten. Schliesslich fand ihn ein Autofahrer und brachte ihn ins Krankenhaus. Als er wach wurde lag er im Krankenbett, um ihn herum drei Schwestern, die ihn vorsichtig mit Schnee einrieben. Er fror erbärmlich, ihm klapperten alle Knochen, wie einem Gespenst. So Hui Buuh, original, Alter. Und die ganze Zeit rieb man ihn mit Schnee ein. Bis er allmählich auftaute. Lange her, meint er. Ein paar Monate später ging die ganze Familie nach Deutschland und wurde heroinsüchtig. Bis auf die Mutter.    

"Wir sind da." 

Das Haus lag im Hinterhof. Zweite Etage. Strom abgedreht, kaum Möbel, Kündigungsklage. Seine Frau saß lesend auf der Couch und beobachtete mich nicht weiter, als wir das Zimmer betraten. Der Typ reichte mir ein leeres Jägermeisterfläschchen.

"Kannst du vollmachen mit Pipi?"

Als ich im Badezimmer des deutsch-russischen Junkiepaars stand und Pisse abfüllte, bereitete ich mich innerlich schon auf einen Faustkampf vor. Der Flaschenhals des Jägermeister war zu klein, die Pisse lief warm über meine Finger und zu den Seiten des Fläschchen herunter. Als ich das Fläschchen zurückbrachte, abgespült, gab mir der Russe ein halbes Töpfchen Methadon.

"Hier, ist noch Rest drin, kannst du schon mal haben. Vielleicht vier, fünf Milliliter. Kannst du schon haben. Damit es dir besser geht. Entspann dich. Wir fahren gleich mit der Schwebebahn zum Doc nach Barmen."

Die Frau las unbeteiligt in ihrem Roman, mit strengen Augen. Knallrotes Paperback, kyrillische Buchstaben, darunter: SEX AND CRIME - sowie ein Foto auf dem Umschlag, das an ein verwischtes Menü-Foto bei McDonalds erinnerte und Kalaschnikows und halbnackte Weiber zeigte, in schusssicheren roten Netzstrümpfen.

Die Dinge liefen besser als erwartet.

23.2.17 17:21


Irgendwann geht das Telefon und jemand ist tot, den du liebst

Karlos saß am Küchentisch, als ich reinkam, und starrte aufs Telefon. Er war aschfahl im Gesicht, jegliches Blut war raus.

“Der Pepe ist tot”, sagte er.

“Was..?”

“Der Pepe ist tot. Überdosis.”

Ich hatte schon verstanden, was er gesagt hatte. Ich dachte nur, beim zweiten Hören würde ich etwas empfinden. Eine Todesnachricht kriegt man nicht alle Tage, selbst wenn man in Pepes Fall damit rechnen konnte, irgendwann. Aber jetzt schon? Mit 25? Und warum sagte Karlos dauernd „DER Pepe ist tot“, so als gäbe es noch einen anderen, einen zweiten Pepe, einen, der nicht tot war, einen, den man sich aus dem Hut zaubern konnte und der das Weiterleben ohne Drogen gewählt hatte.

Ich mußte lachen. Es war kein Lachen, natürlich nicht. Es war eher eine Art leichter Zerrung, um den Mund herum. Es grenzte an Hysterie. Ich wusste überhaupt nicht, was ich fühlen sollte. Ein Freund war tot, so erzählte man, und es war mir egal.

Junkies sterben, so ist das.

"Woher weisst du, dass Pepe tot ist..?"

"Matiny hat eben angerufen.. vor zwei Minuten.. jetzt eben.“

Vor zwei Minuten. Dann hatten Karlos und Matiny höchstens zwei Minuten telefoniert.. Es war diese Kälte, die mir zu schaffen machte, und ich war der kälteste von allen, wenn es darauf ankam. Weil ich nichts fühlte. Du kannst doch jetzt kein Lachen im Gesicht haben, dachte ich.

Karlos biss sich auf die Lippen, sein ganzes Gesicht arbeitete, war in Bewegung.

„Matiny, ah.. und der weiss das.. woher..?“ fragte ich.

„.. von Pepes Freundin.. die hat ihn heut morgen angerufen.“

Ich liess mich am Küchentisch nieder. Matiny lebte wie Pepe in München, ging aber auf eine private Schauspielschule, war in der Künstler-Szene angekommen. Die beiden wohnten nicht mal weit voneinander, doch sie waren unabhängig voneinander nach München gegangen und hatten keinen großen Kontakt gehabt, soviel wir wussten. Aber was wussten wir schon, wir in der alten Heimat.

Pepe hatte sich rar gemacht, seit er seine fünfzehn Monate abgesessen und sein Vater ihm in München einen eigenen Jeans-Store auf der Leopoldstrasse spendiert hatte, spendiert wie ein großes Eis mit doppelt Sahne und Krokantkrümelchen. Street Life hieß der Laden, ich sehe die silbrige Visitenkarte noch vor mir, Street Life, Leopoldstrasse. Da, wo Münchens Geld shoppen ging. Weit weg von Solingen, weit weg von den alten Drogengesichtern.

Start me up!

Auch wenn das ganze nicht auf Pepes Mist gewesen war. Sein Vater gab ihm eine allerletzte Chance, zu beweisen, dass er doch dazu taugte, sein Nachfolger zu werden. Chef über ein kleines Imperium Mode-Shops.

„Wann ist es passiert..?“ fragte ich.

Jetzt, wo ich saß, wo mein Hintern Halt hatte, wurde es weicher in mir.

„Schon am Freitag, vor drei Tagen.“ Karlos klang wirklich niedergeschlagen. „In irgendeinem Cafe in München. Der Wirt hat Pepe auf dem Klo gefunden, tot. Die Pumpe steckte noch im Arm.“

„Schore?“

Er zuckte mit den Achseln. Karlos tat mir leid. Er hatte keine Schutzmechanismen, wenn etwas schlimmes passierte. Wenn ihm etwas zusetzte, war er wie ein kleiner Junge.

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich. Ist wohl noch nicht freigegeben, der Leichnam. Wahrscheinlich.. Schore, logisch.“

Das letzte Mal gesehen hatten wir Pepe zwei Monate zuvor, als er überraschend im Mumms aufgetaucht war, an einem Samstagnachmittag, kurz vor der Sportschau, wie aus dem Nichts, in Fruit of the loom-Klamotten und nagelneuen Wildlederboots. Wir hatten uns anderthalb Jahre nicht gesehen.

„He, ihr verdammten Luser hängt ja immer noch hier rum..!“ feixte er mit seinem charmanten Jungsgrinsen, und wir packten uns kurz gegenseitig an die Eier, so wie wir es immer gehalten hatten, mal eben gucken, was los ist beim anderen.

Er war extra aus München eingeflogen, zum 50. Geburtstag seines Vaters. Dem König der Übergrößen. Dem Big Boy aller Big Boys. Erfolgreicher Geschäftsmann und stets so braungebrannt, als wäre er überm Toaster eingepennt, das war Pepes ebenso stolzer wie unbrauchbarer Vater.

Eine halbe Stunde standen Pepe, Karlos und ich noch mal am Tresen des Mumms wie in den alten Zeiten und quatschten und lachten. Brachten den alten Running Gag, „Gute Idee, Boss!“, wenn einer etwas raushaute, was absolut keinen Sinn machte. Dass es unsere letzte halbe Stunde sein sollte, die wir je miteinander verbringen würden, konnte niemand ahnen. Doch was hätte das auch geändert. Es wären nicht plötzlich drei Stunden daraus geworden, nur weil man gewusst hätte, dass man sich nie wieder sieht, nicht in diesem Leben.

„Gute Idee, Boss!“

Pepe schmiss eine Runde Tequlia, ein letztes Tablett. Ich hatte seit Tagen Rückenschmerzen und Schwierigkeiten, beim Schnapstrinken Schritt zu halten, aber das liess Pepe nicht gelten.

„Jesus hatte es auch im Kreuz, du alter Jammerlappen.“

Pepe war ein lieber Kerl, ein Träumer, der es meist locker angehen liess, auf der anderen Seite war er schnell auf Hundert. Wenn ich noch zögerte, hatte er schon durchgeladen, abgedrückt und begann die Leiche zu verscharren. Er war nicht nur der erste aus unserer Clique, der Heroin nahm, er war auch der erste, der sich den ganzen braunen Kram aufkochte und in die Venen jagte anstatt es teuer durch die Nase zu ziehen. Und dass er auch der erste sein sollte, den eine Überdosis dahinraffte, auf einem stinkenden Pisspott in München, mit gerade mal 25, es rundete das Bild nur ab.

Pepe liebte Reggae und Sixties-Soul a la Diana Ross und den Samba-Pop von Blue Rondo a la Turk, Hauptsache gute Laune und immer was zu kiffen im Haus. Eine typische Scheibe, die er anschleppte, war In the southern part of France where the ladies wear no pants, eine putzige Mittelmeer-Schnurre von Zwol, von der er nicht genug kriegen konnte. Die Platte drehte sich einen ganzen Sommer lang in der Wipperaue, einem Tal am Stadtrand, wo die Wupper fliesst und wo Pepe gemeinsam mit seinem durchgedrehten älteren Bruder ein Fachwerkhaus angemietet hatte.

Wie in alten Fachwerkhäusern üblich, war es in der Wipperaue feucht und muffig, und wenn man zuviel gekifft hatte, knallte man im Dunkeln gern mal gegen einen freistehenden Balken, dass es nur so schepperte. Mit anderen Worten, es war saugemütlich in der Wipperaue, es gab eine Scheune im Hof, wo das Haschisch versteckt wurde, die Wupper plätscherte gemächlich hinterm Haus, wie sie es all die Jahrhunderte zuvor auch schon getan hatte.

Wie oft erwachte ich morgens auf dem Sofa und musste verkatert zusehen, wie ich aus der Wipperaue wegkam, vom Arsch der Welt, ohne vernünftige Busanbindung. Pepe war längst zur Arbeit, ebenso sein bekloppter Bruder Heinz. Also half nur den Daumen raus oder die fünf Kilometer zu Fuß gehen bis zum Aufderhöher Busbahnhof.

Mit Heinz, Pepes Bruder, war kein Staat zu machen. Nicht, dass er verkehrt gewesen wäre, er war einfach durch den Wind, er war verkorkst, plemplem. Oder, wie Heinz selbst von sich sagte: „Jungs, ich bin mal wieder total fix und foxi!“

Beide Söhne waren bei ihrem Vater angestellt, Inhaber einer Reihe florierender Bekleidungsgeschäfte. Während Pepe am Werwolf seinen eigenen kleinen Jeans-Shop führte, wo wir ihn oft besuchten und in den Umkleidekabinen ein Näschen Koks zogen, buckelte der ältere Bruder auf dem Zentrallager und lieferte Ware aus. Das entsprach exakt dem Bild, das der Vater sich von seinen Söhnen gemacht hatte.

Pepe, gut aussehend, jovial und schon ganz der Juniorchef, sollte als Nachfolger aufgebaut werden. Er hatte von seinem alten Herrn das Draufgänger-Gen geerbt, das Heinz gänzlich abging. Heinz gab sich schnell zufrieden, mit allem. Ein Wesenszug, für den ihn sein braungebrannter zuckerärschiger Superdaddy zutiefst verachtete. Wenige Jahre nach Pepe erwischte es den vier Jahre älteren Heinz ebenfalls: eine Überdosis Heroin in Hagen.

Glaubhaft überliefert ist die Schlussbemerkung des Vaters, als er in Hagen am Grab seiner beiden Söhne stand und angewidert zu den wenigen Umstehenden sprach: „Ich habe niemals Söhne gehabt.“ Er eliminierte sie aus seinem Leben, als hätte es sie nie gegeben, diese Kretins. Dass er als Vater irgendwie mit der Drogensucht seiner Söhne zu tun haben könnte, kam ihm offenbar nicht in den Sinn. Dass sie nie einen Vater gehabt hatten, bloß einen braungebrannten Lackaffen mit viel Geld, darauf kam er nicht.

Es gibt nur eine Erinnerung an diesen hochgewachsenen sonnengebräunten Blödmann, die es wert ist festgehalten zu werden: Wie er uns 1976 als Teenager im dicken Benz zum Zappa-Konzert in der Kölner Sporthalle chauffierte. Während des Konzerts ging er mit seiner neuen Freundin schön essen, nach dem Konzert holte er uns auf dem Parkplatz vor der Sporthalle ab und fuhr uns gut gelaunt heim. Vielleicht hätte er lieber Chauffeur werden sollen. Ein schmissiger Businessman durch und durch, für den Geld alles war. Ein Mann, der ohne Wärme durchs Leben stolzierte, weshalb er auch ständig auf die Sonnenbank musste, um innerlich nicht zu erfrieren.

Wenn ich so zurückblicke:  die Dinge sind ganz schön schief gelaufen.

28.2.17 06:37


Is okay, Riese

Er ist seit bald vier Jahren tot. Vier Jahre sind eine lange Zeit. Vier Jahre reichen, um einen Menschen zu vergessen, um ihn auszulöschen im Getriebe einer Stadt.

Ab und zu begegne ich seinem Hund, der jetzt in anderen Händen ist: Sniff, ein kantiger Schäferhundrüde, der nichts lieber tut, als Frisbee-Scheiben aus der Luft zu beißen, mit einer Nonchalance, als würde es auf der ganzen Welt nichts leichteres geben für einen kräftig gebauten Schäferhund, als fliegende Frisbees aus der Luft zu beißen.

Das letzte Mal gesehen hab ich Selle im Frühsommer 2013 in der Linie 83, einem dieser langen Gelenkbusse nach Höhscheid, wo man eine Viertelstunde braucht, um es vom Fahrer vorn bis ganz nach hinten zu schaffen. Es war ein schwülwarmer Nachmittag, er hockte in sich gekehrt in der letzten Sitzreihe, die Füße angezogen, die Arme verschränkt, unrasiert, die Augen auf Halbmast.

Ich war gerade zugestiegen und beugte mich über ihn, wie ein Schatten im Hitchcock-Film.

“Die Fahrkarten bitte!!”

Ich hielt den Satz hart an der Leine, ich machte ganz auf Staatssicherheit, auf Kontrolletti. Er schlug die Augen auf.

“Ach du bist es, Riese”, sagte er müde, “was is los?”

Nein, er war nicht gut drauf in diesen Tagen, etwas war anders geworden. Aus einem gestandenen Kobold und Stehaufmännchen war ein trauriger kleiner Mann geworden. Depressionen, Alkohol-Exzesse, Einsamkeit hatten ihm zugesetzt, der Dreisatz des Alterns.

„Eine Depression, weisst du, wie sich das anfühlt?" fragte er einmal, ohne die Antwort abzuwarten. "Als wäre man im Klammergriff eines Ungeheuers, das sein schwarzes Gift in dich reinpumpt.“

 *

Er war intelligent, er hatte Sprachwitz. Ein kleiner Mann mit rötlichem Haar, der sein Leben an die Drogen verschenkt hatte, ohne darüber je in Larmoyanz zu verfallen. Nichts ist schlimmer in Drogenkreisen als die weinerliche Hätte-ich-doch-nicht-Fraktion, die den Grund für ihre Abhängigkeit gern bei anderen sucht. Ach, hätte ich doch den und den nicht kennengelernt, dann wäre dies und das nicht passiert. Jammergestalten, die nicht begreifen, dass jeder Mensch nicht nur sein Glück, sondern auch sein Unglück fest in beiden Händen hält.

An diesem Tag fuhren wir einige Stationen zusammen, er war auf dem Weg zu seinen Eltern, den Hund abholen. Er stänkerte ein paar Teenies an, die sich ebenfalls in die letzte Bank der 83 verkrochen hatten, er pupte mit blöden Opa-Sprüchen um sich. “Na, macht ihr Hübschen auch bald Abitur..?!” scherzte er, lahmes Opa-Zeugs, das aus ihm heraus musste, das die frische Luft suchte. Es war nicht böse gemeint, es musste einfach nur raus in den Wind und verschwinden. Es war nicht der Rede wert.

Er war ein knurriger alter Hahn geworden, mit rotem Schopf und bräunlichen Schneidezähnen vom vielen Tabakrauchen. Ein Knurrhahn mit Bürstenhaarschnitt, eine Comicfigur im Rohzustand, noch nicht wirklich zu Ende gedacht, obwohl schon 46 Jahre alt. Ein prima Typ, einer, der sich im Leben immer gerade gemacht hatte. Einer, der zu seinem Wort stand, einer, der neugierig blieb bis zum Ende. Er war wie ein Kind, das nicht abwarten kann bis es endlich Morgen wird und das alles daran setzt, schneller zu schlafen.

Ich würde ihn gern noch mal sehen. Ich würde ihn fragen, wie ist das denn nun mit dem Ankommen im Himmel.

Is okay?

*

Wir leben in einer traurigen tückischen Zeit, wo alles schon mal dagewesen ist, wo nichts von Wert, nichts von Dauer zu sein scheint. Wo man schon froh sein muss, auf seinem Weg ein paar echte Figuren aufzulesen, die einen angucken mit echten Problemen und Bürstenhaarschnitt und üppig hervorstehenden Schneidezähnen, Figuren, deren Anblick ein sofortiges Gruppengefühl auslöst. Komm her, du! Lass dich umarmen. Es ist kalt da draussen.

Es ist wie beim Jazz. Der Jazz kennt keine schmutzigen Typen mehr, es ist alles aus und verloren. Überall Till Brönners, die schöne Baby-Musik machen mit Brei-Trompetchen und dafür auch noch gefeiert und herumgereicht werden, wenn auch von den falschen Leuten, auf den falschen Schultern, mit vergifteten Komplimenten.

Wer erinnert sich noch an die alles verschlingende Gier in der Stimme eines Chet Baker, wer an die Schwindsucht eines Charlie Parker, an die herbe Verschwitztheit einer Billie Holiday? Es ist nichts geblieben. Nur weiße, brave, sich selbst feiernde, stinkende Langeweile.

*

„Du kannst mich mal an meinem klapprigen Hühnerarsch lecken!“ meinte Selle gut gelaunt.

Er trug eine merkwürdige Cordhose mit Schlag und diese cognacfarbenen Lederslipper. Ich schaute auf seine Schuhe.

„Was ist denn da los?“ lachte ich. „Was soll das denn geben?“

Sein Onkel war plötzlich gestorben und hatte jede Menge Kleidung hinterlassen. Da beide von ähnlicher Statur waren, trug Selle das Zeug nun auf, doch es handelte sich um Klamotten, die er sich selbst niemals gekauft hätte. Viel zu piefig, das Zeugs. Das ist der Zwiespalt bei geschenkter Kleidung. Sie mag passen, doch in 99 % aller Fälle käme man selbst niemals auf die Idee, sich solch einen Mist zu kaufen. Es waren 20 Paar Schuhe, Jacken, Reisestrümpfe, Chinos und Leinenhosen, Blousons, Designerjeans und bestimmt eine Million Gürtel.

„Was ich früher alles zu Muttern geschleppt hab zum Nähen und Ausbessern, schmeiss ich heute alles weg. Kommt alles in den Müll. Ich hab ja jetzt genug Klamotten.“

Dafür sah Selle aber auch aus wie der kleine Gatsby an dem einen Tag und wie ein Lude im Kontakthof am nächsten Tag. Nichts halbes, nichts ganzes.

„Ich seh voll kacke aus, wa?“ strahlte er.

*

Er hatte etwas Nordisches an sich, mit seinem roten Haar. Ein agiler kleiner Tausendsassa, der so gar nicht klein wirkte. Er zählte zu den Kalibern, die  sich gar nicht erst groß aufpumpen mussten, um größer zu wirken. Doch selbst ein Stehaufmännchen altert und steht irgendwann nicht mehr auf. Er hatte seinen Körper aufs äusserste getriezt, mit Kokain, Speed, Heroin, zuletzt mit immer mehr Jägermeister.

*

Er drehte sich zu den Jugendlichen um.

"Kennt ihr Hübschen denn noch das stille Penis-Spiel? Das haben wir früher im Unterricht gespielt. Soll der Onkel davon erzählen?"

Die Kids kicherten.

"Wie bei Stille Post wird ein Wort von Nachbar zu Nachbar weitergeben, ins Ohr geflüstert, das Wort heisst.. na? Penis. Aber im Unterschied zu Stille Post wird Penis von Mal zu Mal lauter gesprochen, die Lautstärke wird jedes Mal erhöht bis irgendwer irgendwann der Dumme ist und PENIS so laut sagt, dass der Lehrer es nicht mehr überhören kann. Und der kriegt dann den ganzen Trouble ab."

"Das geht auch mit dem Wort Gemüsefrikadelle", gab ein Junge gelangweilt seinen Senf dazu, "aber nur unter Kiffern."

                                                      *

Ich habe eine gewisse Affinität zu Strassenfußballern und Pförtnern, schon klar, und auch der ein oder andere Drogensüchtige hat bei mir ein Stein im Brett.

„Bei dir haben alle Süchtel ein Stein im Brett“, stellt die Gräfin richtig.

Kann schon sein. Ich mag Aussenseiter, ich mag Verlierer, und kein Tod wird in unserer strikt aufs Funktionieren ausgerichteten Gesellschaft schneller vergessen und abgenickt als der Tod eines Drogensüchtigen. Doch nur weil jemand robust Richtung Tod ackert, bedeutet das noch lange nicht, dass man nicht traurig sein darf, wenn so ein Mensch plötzlich tot umfällt und nicht mehr da ist.

Wenn es stimmt, was man sich erzählt, war Selles Tod höchst ungemütlich. Es war ein sprichwörtlicher Abgang. Angeblich platzten ihm die Halsschlagadern, als er sich zu Hause auf eine Flasche Schnaps und irgendwelchen original in Polen verpackten Hammerpillen (gegen Alkoholismus!) einen allerletzten Löffel Heroin aufkochte. Die Arterien seiner geschundenen Leber rissen, und das Blut muss nur so aus ihm herausgesprudelt und zur Decke hinauf geschossen sein. Was zuletzt von ihm blieb, das war wohl eine Art Zimmerspringbrunnen. Das hätte ihm gefallen.

"Ich voll am sprudeln, Riese!" 

Trotz seines relativ frühen Todes überlebte er seinen älteren Bruder, der ebenfalls an einer Überdosis Heroin starb, um beinahe dreißig Jahre, und das bei fast identischer Lebensführung. Schon für diese Leistung möchte man kurz den Hut lupfen und eine Spezial-Marke anmelden.

Selle.

Er erzählte von einem Kokser, mit dem er in Amsterdam die Nächte durchgemacht hatte.

„Das war der durchgeknallteste Koks-Junkie, den ich je kennengelernt hab. Wir teilten uns ein Zimmer in einer billigen Absteige und taten vierzehn Tage nichts anderes als uns zuzuballern. Er hatte diese coole Panama-Connection am Nieuwmarkt, wo er ein Koks von 80prozentiger Reinheit auftrieb, das ist heute gar nicht mehr vorstellbar. Jeder glaubt, ich binde ihm einen Bären auf, wenn ich das heute erzähle.“

„Ein Kerl wie ein Schrank und voll okay, aber wenn er sich Koks geschossen hatte, wenn er auf dem Koks-Run war, drehte er völlig ab. Dann zog er sich splitternackt aus, nur die Cowboystiefel behielt er an, und sagte Dinge wie, he, guck mal, da krabbeln tausend Würmer aus mir raus! Guck doch mal! Mach die da weg! Nee, das sind keine Würmer, versuchte ich ihn zu beruhigen, aber ich war selbst im Stress. Versuch mal ne intakte Vene zu finden, wenn du schussgeil bist auf dieses super-ungestreckte Amsterdam-Koks der Achtziger, und neben dir tickt ein Knabe aus wegen irgendwelcher unsichtbaren Würmchen.“

„Der liess nicht locker, der fing immer von neuem an. Da ist jemand an der Tür! schrie er und schnappte sich sein Butterfly-Messer. Darin war er echt ein Meister, mit dem Butterfly-Messer konnte er umgehen wie ein Zirkus-Artist, das machte wirklich was her, wenn er da mit dem Messer hantierte. Dann riss er die Zimmertür auf und sprang auf den Gang, ein pudelnackter Kokser in Westernstiefeln, der wild mit dem Messer rumfuchtelte und wirres Zeugs schrie, Riese, ich sag dir, der Knabe war echt durchgedreht, der hatte das Limit wirklich überschritten.“

„Eine halbe Stunde später mussten wir den Zug nach Köln kriegen. Wir hatten die letzte Kohle in zwei Tickets investiert, aber es musste unbedingt dieser eine bestimmte Zug sein, sonst wären die Karten ungültig geworden. Ich seh uns noch an der Gracht entlang stolpern, zugekokst bis unter die Schädeldecke, ich mit meinem Leder-Hut, der Typ in Westernstiefeln und den Pimmel aus der Hose fliegend. Dass uns damals keiner verhaftet hat, allein fürs Dasein auf diesem Planeten, begreife ich bis heute nicht.“

*

Einmal sprach er von den Nahtoderfahrungen, die er in 30 Jahren Drogenkarriere gesammelt hatte.

„Nicht, wenn man sich aus Versehen zuviel auf den Löffel gepackt hat und ein paar Minuten lang abkickt“, nein, die echte authentische Überdosis, da, wo es richtig scheppert, „wo einem der Rotz aus der Trompete fliegt“, wo es auf Messers Schneide steht, ob man diesen Shake überlebt, „oder ob einen der verdammte Notarzt wieder mal aus der Scheiße holt.“

Das war es, was er meinte, wenn er vom in den Tunnel einfahren schwärmte, diesen Zustand zwischen Leben und Tod, nach dem man süchtig werden könne.

Ich weiß, es klingt abgegriffen, sagte er und es klang abgegriffen, aber wenn du in den Tunnel einfährst, siehst du plötzlich das Weiße am Ende des Tunnels, du reißt innerlich die Augen auf, du möchtest näher ran ans Licht, du möchtest dich hineinwinden in das grelle Licht bis es dich fett umschliesst, aber dann wirst du im letzten Augenblick zurückgezogen, ruckartig, wie am Schlaffitchen, das ist der Notarzt, die Ambulanz, ein unglaubliches Gefühl, mit nichts zu vergleichen.

Und dann wagte er doch einen Vergleich.

„In Indien lassen sich Fixer von Giftschlangen beissen, guck nicht so blöde, ist wahr. Die kriegen ihren Kick, wenn sie von einer Cobra gebissen werden, das Schlangengift versetzt einen für Stunden in diesen Schwebezustand zwischen Leben und Tod. Und es ist nie klar, ob man den Biss überleben wird..“

„Kann man doch ein Gegenmittel spritzen“, sagte ich.

„Ja klar – aber das kann man auch schön bleiben lassen und abwarten, ob man abkratzt oder nicht.“

Ach so.

*

Jeder kennt so Typen, jeder hat so einen Spezi, dem jedes Mal, wenn man ihn trifft, etwas neues zugestoßen ist. Auserwählte, bei denen man das Gefühl nicht los wird, dass der Hergott sie ganz besonders hart und innig ins Gebet nimmt.

Ausser der Drogensucht hatte er ein gewaltiges Alkohol-Problem am Hals. In den zwei Jahren, die ich näher mit ihm zu tun hatte, begann er mindestens ein Dutzend Entzüge, einige zog er durch. Ein anderes Mal flog er bereits am ersten Tag aus dem LKH raus, als die Betreuer Marihuana und starke Schlaftabletten bei ihm fanden, die er auf Station schmuggeln wollte.

„Zum Pennen verabreichen die nur so rosa Tralala. Nee, wenn ich schon entziehe, will ich wenigstens vernünftig pennen.“

Er war ein Pegeltrinker, die Leber war dahin, er hatte Zirrhose und Hepatitis. Aber er wollte mir weismachen, dass er supergut riechen könne seitdem die Leber hinüber war.

„Ich rieche einen vor Stunden verschütteten Klecks Vollmilch aus fünf Metern Entfernung. Meine Leber ist so im Arsch, der entgeht nichts. Würde ich an der Mosel leben, ich könnte den Wein schon schnuppern, wenn er noch in der Traube hockt und sich das Näschen putzt. Alle meine Sinne sind hyperempfindlich, seit ich Leberwerte hab wie Keith Richards 1971. Ich kann auch besser sehen seither, ich hab Augen wie ein Bussard. Wenn ich durch die Stadt gehe, erkenne ich schon unten am Woolworth, was die Jungs oben auf der Platte an Bubbles und Pillen in der Tasche haben..“

Er konnte sich wunderbar für Dinge begeistern. Und wie alle Leute, die gern schwärmen, übertrieb er gern.

„Ich weiß, Riese, ich neige zur Übertreibung wie ein ICE zur Spitzengeschwindigkeit, aber ungelogen, die besten Silvester-Feten gibts bei mir!“

Er bot mir an, bei ihm Silvester zu feiern. Er wohnte an der Krahenhöhe, dem höchsten Punkt der Stadt, im vierten Stock eines direkt an der lauten Hauptstrasse gelegenen Appartementhauses, von wo er einen Riesenpanoramablick genoss.

„Silvester verkauf ich Sitzplätzte auf meinem Balkon für.. vierzig Okken!“ schnitt er auf. „Na, für dich und deine Olle kostet das natürlich nix.“

Er weihte mich in Beobachtungen ein, die er von seinem Balkon aus gemacht hatte. Etwa, dass die Stadt Düsseldorf ihre Strassenbeleuchtung bereits auf LED-Licht umgestellt habe, so dass man von dort nachts nur noch punktuell Laternenschein wahrnehmen könnte. „Düsseldorf in der Nacht ist beinah finster, während über Leverkusen immer noch eine dicke fette Blume strahlt. Die haben immer noch das alte Laternenlicht.“

„Ne fette Blume über Leverkusen“, blieb eine Zeitlang unser Running Gag.

*

An anderen Tagen war er so blass um die Nase, als hätte man zuviel Mehl in ihn reingekippt.

„Auch das kommt von der Leber. Die klaut mir das Blut aus der Fresse. Die braucht das Blut für Reparaturarbeiten.“

Er lebte schon sehr in seiner eigenen Welt.

Erzählungen aus vergangenen wilden Drogen-Tagen leitete er stets mit „So, jetzt erzählt Opa aus dem Krieg“ ein, und ich lehnte mich zurück. Mit seinen Anekdoten aus der Szene stieg ich tief ein in die dunkle Drogensaga Bergisches Land. Da war die unglaubliche Geschichte des Thomas Hufschmied, der schon in den frühen 80ern an einer Überdosis verreckte. Aber was für eine Überdosis das war!

Hufschmied, damals Anfang 20, hatte sich Zutritt zum alten Bunker an der Schwertstrasse verschafft, um sich in Ruhe einen Druck zu machen. Keine Ahnung, wie er das hinkriegte, der Bunker war ziemlich gesichert, aber er war der erste Mensch, der sich dort umsah, nach vielen Jahren. Dabei fand er eine staubige alte Ledertasche voller Ampullen: Morphiumfläschchen aus den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs. Diese letzten vergessenen Bestände in den Händen eines stadtbekannten Draufgängers, der Ein Mann-Heroin-Guerilla Thomas Hufschmied, das konnte nur schiefgehen. Am nächsten Tag fand man ihn leblos auf der Strasse. Sein Tod wurde verschwiegen so gut es ging, allein in der Szene wurde er als letztes Opfer Nazi-Deutschlands gehandelt.

„Den hat der Göring auf dem Gewissen“, hiess es.

*

Jeder kennt so Spezis, denen jedes Mal, wenn man sie trifft, etwas Neues zugestoßen ist. Typen, bei denen man das Gefühl nicht los wird, dass der Herrgott sie ganz besonders oft und innig ins Gebet nimmt. Leute mit fahrigen Händen und lädierter Nase, einem schrägen Humor und Nierensteinen.

Er lachte sich kaputt über das Geräusch, das Nierensteine machen, wenn sie beim Ausscheiden nach und nach in die Kloschüssel fallen, er liebte es das Geräusch nachzuahmen, wenn wir im Bus saßen. Er bekam nicht genug davon, wie ein kleines Kind. Plink, plink, PLINKK! zu machen. PLAKK und Pokter! Pokkta! POkkTT!! Es haute nicht besonders hin, wirklich nicht, aber darum ging es nicht. Es ging um die Mühe, die er sich mit allem machte, was er anpackte.

*

Einmal stieg er krebsrot in den Bus. Er litt unter einer schweren allergischen Reaktion. Er hatte auf seinem Balkon Mariuhana angepflanzt, eine Sorte namens Amnesia, dreizehn fette Stauden so hoch wie bis zur Decke. Angeblich roch es schon wie im Dschungel auf seinem Balkon, er stand kurz vor der Ernte, als ihm ein Mißgeschick unterlief. Er hantierte wegen der Hitze an diesem Tag mit bloßem Oberkörper an den Pflanzen herum, wollte nur etwas zuschneiden und geriet dabei mit einigen der schweren, reifen Blüten in Hautkontakt. Sofort brannten Bauch und Arme, zuletzt der ganze Oberkörper, ich war am leuchten wie ein Hummer.

Er wäre fast verrückt geworden vor lauter Kratzerei.

Ein anderes Mal hatte er die Hand in Gips. Ein Hund hatte ihn gebissen. Nicht sein eigener, ein anderer Hund. Er musste genäht werden, ambulant beim Unfallchirurgen.

„Das Nähen machte ein Geräusch wie früher auf dem Bauernhof meines Opas, wenn die Schweine kastriert wurden.“ Und wieder machte es ihm einen Heidenspaß, Geräusche zu imitieren. Dieses Mal waren es die Schweine seines Opas, die kastriert wurden, als er ein Kind war: mimmmi! mimmmi! Die ganze blöde Busfahrt hörte ich nichts anderes. MIMMI MIMMMI MMMIMMI! Total bescheuert. Wieso machen Schweine, die kastriert werden, mimimi?

Das letzte Mal gesehen hab ich ihn im Bus nach Höhscheid, im Juni vor 2 Jahren. Es war einer dieser langen Gelenkbusse, wo man eine Viertelstunde braucht, bis man endlich hinten ist. Es war Nachmittag, er hockte in sich gekehrt in der letzten Sitzreihe. Unrasiert, angetrunken, die Augen geschlossen. Ich beugte mich über ihn .

„Die Fahrkarten bitte!“

Nach einem Moment Unverständnis und Gereiztheit blitzten seine Augen auf.

„Riese“, sagte er müde, „was is los?“

Wir fuhren einige Stationen zusammen, ich war auf dem Weg zu meinem Vater ins Altenheim, er zu seinen Eltern, um den Hund abzuholen. Er war nicht gut drauf. Er war besoffen und pupte ein paar Teenies an, mit blöden Sprüchen. „Na, macht ihr auch schön euer Abi?“ So blödes Opa-Zeugs, das manchmal aus ihm herausdrang an die frische Luft, es war nicht böse gemeint, es musste einfach raus und im Wind verschwinden.

28.2.17 16:44


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