Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Psilos

 

 

Das Hühnerfrikassee an der Raststätte hatte einen Schlag gehabt. Mir war so kotzübel, ich bekam kaum die Scheibe runtergekurbelt, schon landeten Geflügelbröckchen und ein schlieriger Haufen Reis auf dem Rücksitz des Wagens und im Schoß meiner großen Schwester.

Vater hatte Mühe, die Spur auf der Autobahn zu halten, weil im Wagen alles durcheinanderschrie, bei Tempo 90. Schneller fuhr Vater grundsätzlich nicht, mit dem Wohnwagen hintendran. Ein englisches Modell, überlang. Aber er fuhr auch ohne Wohnwagen selten schneller als neunzig. Er war ein vorsichtiger Vater. Und ich war ein vorsichtiger Junge, dem das Essen hochkam.

Seit diesem Tag hab ich kein Hühnerfrikassee mehr angepackt. Allein das Wort Frikassee löst eine gewisse Unruhe aus, sobald es in meiner Nähe fällt. Es killert in der Speiseröhre und ich muss sofort das Fenster aufreißen und frische Luft reinlassen, sonst sitze ich wieder hinten im Ford 20 M, auf dem Weg zum Gardasee.

Ganz ähnlich verhält es sich mit Cinzano, seit Freunde von mir und ich im Frühjahr 84 die glorreiche Idee hatten, frisch gepflückte halluzinogene Pilze mit einer Flasche Vermouth runterzuspülen. Seither brauche ich an der Plirre nur zu nippen, schon wird mir schummrig im Kopf. Und das bloß, weil ich es damals partout nicht wahrhaben wollte, dass Pilze, die auf der Wiese nebenan wachsen, den gleichen Effekt auslösen können wie synthetisch hergestelltes Acid, das man teuer bezahlen muss beim dicken LSD-Händler um die Ecke.

“Die Pilze müssen dunkelbraune Lamellen und ein weißes Hütchen haben, sonst taugen sie nichts”, dozierte Danny, als wir über die Pferdewiese streunten. Er trug den rechten Arm in Gips, seit ihm dieses Malheur passiert war. Er war zu Hause am Tisch eingeschlafen, „breit wie ne Natter“, den Kopf auf der Hand aufgestützt, und als er am nächsten Morgen wach wurde, pochte sein Arm wie verrückt und war gebrochen.

“Die besten Psilos findet man in dunklen Ecken, wo kein Licht hinfällt. Wo die Pferde hinscheißen.”

“Ich hab's geahnt. Wir suchen Pferdescheiße.” Karlos klimperte mit den Augen. Er liebte es mit den Augen zu spielen. Riss sie auf, kniff sie zu, ließ sie Männchen machen, doch Danny war nicht aus der Ruhe zu bringen.

“Psilos wachsen zwischen Dung, Psilos sind Mistbewohner. Deswegen törnen die so gut.“

"Weil die aus Scheiße bestehen?"

"Weil die aus Scheiße bestehen."

Danny wusste, wovon er sprach. Von Psilocybin. Magic Mushrooms. Zauberpilzen. Dem rituellen Gift der Azteken. Von heiliger Scheiße. Und davon, dass Psilos verboten sind, "genauso wie LSD, auch wenn sie draußen auf der Wiese wachsen.”

Danny war eins neunzig lang und schmal, geradezu eine Gerte von einem Mann. Aus der Ferne wirkte er wie ein großes schlaksiges Ausrufezeichen. Und er hatte einen schlimmen Silberblick, an dem auch die altmodische Hornbrille nichts zu ändern vermochte – im Gegenteil, die Gläser machten seinen Blick noch einen Tick silbriger. Man wusste nie genau, ob Danny einen wirklich meinte, wenn er einen anblickte.

“Verboten? Wieso? Sind doch Pilze”, entgegnete Karlos. “Kann doch jeder pflücken. Ist doch öffentlich, so ne Pferdekoppel. Wer will einem denn verbieten, Pilze zu sammeln. Sag ich einfach, Herr Kommissar, ich bin Pilzsammler, treten Sie bitte nicht auf meine äh Psilos, sonst muss ich Sie dingfest machen."

Ich musste lachen, Danny rückte seine Brille zurecht.

“Psilocybin ist dem Opiumgesetz unterstellt, genau wie Koks oder Heroin.”

“Na ja klar, mit Verbieten hatte Deutschland noch nie Probleme”, gab sich Karlos geschlagen.

Danny kannte sich nicht nur mit biochemischen Prozessen aus, er war auch in Rechtsfragen bewandert. Es gab Leute, die nannten ihn nur den Prof, wie in einem Abenteuerbuch für Jungen. Ich hab ihn wenig später aus den Augen verloren, wie so viele andere auch. Vielleicht hat er tatsächlich Jura studiert, oder er ist Meteorologe geworden. “He, Langer! Wie ist die Luft da oben!?” war die Lieblingsfloskel, mit der man ihn stets zum Lachen bringen konnte. Was auch immer aus ihm geworden ist, eins stand fest: Sobald ihm eine Sache zu heiß wurde, sah man nur noch einen Wusch, und Danny-Boy war über alle Berge.

Wir hatten uns bei Karlos getroffen, in seiner düsteren Mansarde am Bismarckplatz, nun marschierten wir zu dritt Richtung Stadtwald. Es war nicht weit. Keine halbe Stunde Fußweg bis zur ominösen Pferdewiese, die angeblich nur Danny kannte. Ein Hauch von wildem Schnittlauch lag über dem Forst, und wir grüßten die Raben in den Bäumen, wie Kundschafter saßen sie da und beobachteten uns.

“Da vorn ist sie, die beste Psilo-Wiese weit und breit”, rief Danny und breitete die Arme aus, als grüßte er den Messias. Dummerweise schien sich das mit der besten Psilo-Wiese bereits herumgesprochen zu haben, denn der Eigentümer der Pferdekoppel hatte den Zaun nicht nur erhöht, sondern auch gleich mit gelben Hochspannungsschildchen und elektrischen Kontakten versehen.

Danny führte uns ein paar Meter weiter, zu einem Törchen, verdeckt von Holunderbüschen. Es war nicht abgeschlossen. Er grinste zufrieden. Siehste, sagte sein Blick, lasst das nur den Prof mal machen. Pflücken war allerdings nicht Dannys Ding. Wegen des Gipsarmes. Sagte er. Das müssten wir schon erledigen, Karlos und ich.

So einfach allerdings, wie er getönt hatte, waren die Dinger nicht zu finden. Sie machten sich rar, zudem musste man sich auf der sumpfigen Wiese in Acht nehmen, dass man nicht mit dem Fuß umknickte. Es dauerte fast eine Stunde, bis wir endlich genug Zauberpilze zusammen hatten.

Zurück in Karlos schattiger Bude am Bismarckplatz kippten wir alles auf dem Küchentisch aus, samt Erde und Wurzelwerk. Das Trocknen der gut zwei Dutzend Pilze übernahm Danny selbst, trotz des störenden Gipsarmes. Mit der gesunden Hand wusch er sie in einer Plastikschüssel und breitete sie auf einem vorgewärmten Küchenhandtuch aus, so vorsichtig, als handelte es sich um Trüffel. Karlos und ich machten uns ein bisschen über ihn lustig, Danny, das Trüffelschwein, das Psilo-Schwein, "hoffentlich bricht er sich nicht den Arm beim Waschen", und schoben die nikotinschweren Fenstervorhänge zur Seite. Während der Lange zu tun hatte, genossen wir die Frühlingssonne, die sich, wenn auch schüchtern, in die Haut fummelte. Ich durchsuchte den Stapel Platten, den Karlos vor seinem Plattenspieler aufgebaut hatte und von dem die Hälfte mir gehörte, und legte ein Album von Johnny Cash auf.

"Ein bisschen Frömmeln kann nie schaden", sagte ich.

So ganz geheuer war mir die Sache nicht. In den Siebzigern hatte ich jede Menge LSD genommen, bis zu diesem fatalen Patti Smith-Konzert in der Düsseldorfer Philipshalle, ein Trip, der mich fast um den Verstand gebracht hätte. Später nutzte Karlos die Horrorstory, um sich vor dem Wehrdienst zu drücken. Die Musterungskommission erklärte ihn auf der Stelle für “untauglich” und empfahl ihm, mit fahlen Gesichtern, ein Psycho-Drama, um sich von den traumatischen Erlebnissen zu befreien.

Nach dem Erlebnis in der Philipshalle liess ich jahrelang die Finger von LSD. Erst die Psilocybin-Pilze machten mich wieder neugierig. Angeblich wirkten sie um einiges sanfter als herkömmliche Trips. 

Eine Stunde später waren die Pilze getrocknet, das Experiment konnte beginnen. Allerdings in veränderter Besetzung. Danny hatte sich nach getaner Arbeit davongestohlen, ohne ein einziges Exemplar probiert zu haben. Doch so kannte man Danny nun mal. Ohne viel Worte machte er sich auf und davon. Außerdem war der dicke Hansen just in dem Moment aufgekreuzt, als sich der Prof verabschiedet hatte. Sie waren sich noch an der Haustür begegnet.

“Als hätte ich’s gerochen”, freute sich Hansen.

Zur Feier des Tages öffnete Karlos eine Pulle Cinzano, es war nichts anderes im Haus. Da war bloß ein kleines Problem. Weil keiner von uns Dreien je psylocibinhaltige Pilze probiert hatte, kannten wir die Dosierung nicht. Der dicke Hansen schob sich zwei fingerlange Lamellenpilze in den Mund und versuchte sie mit einem Schluck Cinzano runterzuspülen, doch man musste schon ordentlich kauen, sonst erstickte man an den Knollen. Es war grässlich. Es schmeckte, als würde man die Schnauze tief in die Erde stecken und Mutterboden fressen. Und die Idee, die Pilze mit Schaumwein runterzuwürgen, war auch nicht hilfreich. Leitungswasser hätte es vermutlich besser getan. Aber irgendwie hatten wir gehört, dass man Psylocibin unbedingt in Verbindung mit Alkohol runterspülen musste, wegen der besseren Gift-Verwertung. Ist klar.

Hansen war mit dem Auto da. Wir fuhren einfach drauflos. Wolken zogen am Himmel entlang wie Gasflämmchen an einer langen Schnur. Am Katternberg hielten wir an, unter einem blühenden Goldregen. Ben’s Billard Kingdom. Ein riesiger Billardschuppen.

“Ich muss ne Kleinigkeit essen“, meinte der dicke Hansen. Er nahm eine Prise Schnupftabak, den er tags zuvor auf dem Boden des Hauptbahnhofs gefunden hatte, in einem durchsichtigen Tütchen. Wenn es denn wirklich Schnupftabak war.

“Da gibt’s nix zu essen, Hansen. Das ist ne Spielhalle.”

“Was zum Aufbacken werden die ja wohl haben. Ne heiße Hexe kriegst du überall.“

Die dunkelbraune Masse, die nach Pfefferminz duftete, verschwand in seinem Nasenloch. Er bot uns auch eine Prise an, doch wir lehnten ab, während er das Gesicht verzog. Er stand kurz vor einer Niesattacke.

"Ihr Feiglinge", sagte er, und explodierte. "Seht ihr, ist Schnupftabak."

Im Billard-Saal fochten wir ein Turnier aus. Jeder gegen jeden, mit Rückspiel. Mitten in der Partie gegen Karlos fing es an. Ich wollte einen Stoß setzen, als sich das grüne Tuch vom Billardtisch hob. Es wölbte sich, knickte ein. Ich setzte erschrocken den Queue ab. Lauter kleine Hügel und Pyramiden standen auf der Billardplatte – das Tuch kringelte sich wie eine übergroße benutzte Serviette.

“Ehh.. zum Teufel..”, wich ich zurück. Um der schieflaufenden Optik zu entgehen, drehte ich mich um, zum dicken Hansen. Er lehnte an der Wand, brauner Sirup suppte aus seiner Nase.

“Wo.. ist Karlos hin..?” fragte ich mit einer Stimme, die ich niemals gehört hatte. Ein Fremder kauerte in meiner Kehle und stieß Steinbrocken hinab.

“Auffem Pott. Kotzen, glaub ich. Weiß nicht. Er hat nix gesagt. Aber er sah so aus, als müsste er kotzen”, meinte Hansen ungerührt.

Ich lugte vorsichtig zum Billardtisch. Wollte sehen, was es mit dem Tuch auf sich hatte. Ob es sich noch kringelte. Ob die Geschichte sich vielleicht beruhigt hatte, ob das Leben weitergehen konnte wie gehabt. Ich stand da wie ein Murmeltier, das nach langen Wintermonaten aus dem Bau gestiegen war und nun die Gegend nach verrückten grünen Billardtischen absuchte. Nach riesigen Servietten.

“Ich muss hier.. weg”, krächzte ich.

Hansen sah mich bestürzt an. Plötzlich war auch Karlos wieder da, blau im Gesicht. So blaugrün. Wir drei alle raus, zum Auto. Weg hier, weg vom Katternberg, dem Billard-Kingdom. Dreimal mindestens musste Hansen anhalten, weil einer von uns kotzen musste. Fast immer war es Karlos.

"Da kann doch gar nichts mehr zu kotzen drin sein", klopfte ihm der dicke Hansen auf die Schulter. Und musste schon wieder anhalten.

Straßen und Häuser flogen vorüber, in Beton eingenähte Pralinenmenschen, Passanten. Der dicke Hansen, immer noch hungrig und von uns dreien mit den besten Nerven ausgestattet, steuerte Börse 17 an, ein berüchtigtes Nacht-Restaurant in der Innenstadt, dessen Küche um diese Uhrzeit offiziell noch geschlossen war. Hansen musste schon sämtlichen Charme aufbieten, um ein Hüftsteak klarzumachen.

Im leeren Gastraum verteilten wir uns an drei Holztischen. Unterdessen schwappte das Psylocibin durch unsere Körper, in verschieden hohen Wellen. Ich wusste nie, woran ich war. Mal wähnte ich mich bereits im fiebrigen Vorraum einer LSD-Hölle, dann wiederum lockerte sich mein zur Fratze erstarrtes Gesicht, weichte auf und ich musste grinsen. Ich beobachtete den dicken Hansen, erstaunt, in welchem Tempo er seinen Teller Fleisch und Bratkartoffeln und Salat abarbeitete. Mir war schleierhaft, wie man in diesem Zustand einen Bissen runterkriegen konnte. Schon die Gerüche in der Spelunke machten mich krank, Gerüche von abertausend aufgewärmten Portionen Spaghetti Bolognese, die in den Vorhängen und der Kirschbaumvertäfelung steckten. Der dicke Hansen und Karlos schienen unbeeindruckt von alledem. Sie hatten anderes im Sinn. Sie beharkten sich mal wieder.

“Sex mit ner Frau wär jetzt nicht übel”, meinte der dicke Hansen und roch an seinem Finger. “Ne kurze schmutzige Nummer auf dem Klo, wo es schön stinkt. Hier..”, er hielt den Finger Karlos hin, „..nimm mal nen Sniff.“

Karlos riss die Augen auf, tat erstaunt, er spielte Tootsie.

"Na, der Herr, ich muss doch sehr bitten!"

An mir leckte schon die nächste Psylocibin-Welle. Ein Monster. Während Hansen sich wieder seinem Steak widmete, verfolgte ich das Besteck in seiner Hand, wie es sich selbständig machte und in seine Halsschlagader stieß. Ich sah das Blut über den Tisch sprudeln, hörte eine Gabel tief im Porzellan kratzen. Ein toxisches Orchester. Ich stand abrupt vom Tisch auf, ich kraulte in Richtung Tür.

Ich schob den Holzperlen-Vorhang beiseite.

Draußen. Parkplatz. Sonnenschein.

“He.. was ist denn mit dem los!?” sagte jemand.

Hundegebell von nahen Höfen.

“He! Warte..” Karlos kam nach. Allein. Ohne Hansen. Durch die Fensterscheibe sahen wir ihn am Tisch sitzen, blass, vor seinem Trog. Er blickte uns nicht mal nach. Wir kreuzten die Fußgängerzone und die vielbefahrene Goerdeler Strasse, ohne ein Wort zu wechseln, Richtung Malteser Gründe. Karlos kannte mich lange genug, um zu wissen, was los war. Gehen. Schnauze halten. Da sein.

Ostern 1978, das Patti Smith Konzert in der Philips-Halle, Flashback. Und jetzt steckte ich wieder in solch einem Debakel, getrieben von der Angst, nie mehr zur Normalität zurückkehren zu können. Für immer gefangen zu bleiben in drastischer Über-Intensität, in Bildern, die man normalerweise nicht zu Gesicht bekommt – und das bloß, weil ich es nicht wahrhaben wollte, dass Dinge, die in der Natur wachsen, den gleichen Effekt haben können wie im Labor gebautes LSD. Wie doof kann man eigentlich sein.

Ist nicht alles, was Menschen bauen, denken, erfinden Natur, weil der Mensch selbst Natur ist. Ein von Menschenhand geschaffenes Beton- und Stahlmonster wie New York ist Natur, Plastiktüten vom Supermarkt, Kernkraft, Lourdes, Psilos, LSD – es ist alles Natur. Von uns gemacht, von der Erde gemacht. Wir stecken alle unter einer Decke. Es ist alles ein einziges großes Naturschauspiel, ihr ollen Buckelzirpen.

Es dämmerte. Im Stadtpark hinterm Haus der Jugend roch es nach frisch gemähten Wiesen. Ein Gärtner fackelte Unkraut mit dem Bunsenbrenner ab, mit finster entschlossener Miene, sein Kollege schob Gras zu Häufchen zusammen. Wir stoppten an einer Bank, um eine Runde zu entspannen, auszuatmen, doch jäh machte das Psilocybin wieder Station.

Hitze rotzte durch mein Gesicht.

Karlos, ich konnte Dich damals nicht angucken. Deine Visage, erstarrt zum gealterten Pinocchio. Keine Ohren, nur rotes Knorpelmaterial, OBWOHL ICH GAR NICHT MEHR HINGUCKTE – NICHT HINGUCKEN KONNTE

SPRANG ICH

von der Bank auf, taumelte die Manege hoch, über die Wiese; DER FRISCH GEMÄHTE RASEN TRÄGT BUBIKOPF! lächelte jemand in mir. Hinter mir ein Lärm, als würden gusseiserene Gullydeckel in die Luft gesprengt, das war Karlos, seine Schritte auf dem Fußweg. Er kam nach. DER RASEN WURDE ELEKTRISCH NIEDERGEMÄHT! trieb eine Schleife durch mein Gehirn. ELEKTRISCH NIEDERGEMÄHT, ELEKTRISCH NIEDERGEMÄHT. Ich hockte mich nieder, versuchte ein Büschel Gras zu berühren, in die Hand zu nehmen, versuchte mich durch Berührung zu beruhigen, die Panik zu dämpfen, mich zu spüren, mein Ich zu spüren, doch waren DAS überhaupt Finger, die aus mir heraus in die Wiese griffen...?

Voller Angst, es nicht mehr zu schaffen.. nicht dieses Mal.. auf immer gefangen zu bleiben, geknechtet von Eindrücken, verkochte das Gras in meiner Hand zu grünen Leprafetzen – blubberten die Beine, bepackt mit Marschflugkörpern, unterwegs zur Hölle, sämtliche Tickets waren gelöst. Man winkte mich durch und die Engel kicherten: Ahh, da isser wieder, der Fertige..

Wenn das Bewusstsein nicht mehr funktioniert, wenn es nur noch ein überquellendes Postfach ist, weil die Sortierer nicht zum Dienst erscheinen, bleibt zuletzt nur Bewegung, um nicht zu krepieren, auch wenn die Dämonen im Gleichschritt mitmarschieren, niemals stehen bleiben! immer weiter

gehen

weil stehenbleiben schon mittendrin ist in jeder späteren Psychose, schon im Superwachkoms, "werd locker, Junge.. Du schaffst das", hörte ich Karlos wie durch Watte.

Ich sehnte mich nach abends im Bett liegen und der Fernseher läuft, nach ganz alltäglichen Sachen sehnte ich mich, ich sagte zu Karlos, “lass uns zu dir gehen. Lass uns baden.” Die Vorstellung, in die Wanne einzutauchen, gemeinsam mit dem Freund, als wollte ich eine Fehlgeburt rückgängig machen.

"Sicher", sagte Karlos. "Lass uns gehen."

Nein.

Wir gingen nicht zu Karlos. Wir stiegen nicht ins verheißungsvolle heiße Bad, aber wir hätten es tun können, das war die Hauptsache. Wir blieben noch etwas zusammen, eine halbe Stunde vielleicht, bis die Wirkung der Pilze ganz plötzlich abflaute und aus der Angst (und wie schnell das mit einem Mal ging!) nie dagewesene Befreiung erwuchs. Es war, als häutete ich mich, und ein zweites Mal ließ ich das frisch gemähte, noch feuchte Gras der Malteser Gründe durch die Finger rieseln, wie Samt diesmal, ich freute mich wie ein Kind, ein tränenweißes Königskind, heilfroh, dass die Pilze endlich ausatmeten, dass ich noch mal die Kurve gekriegt hatte.

Die Nacht holte Luft.

6.9.16 17:43


Pferdegebiet (Dear Diary, what a day it's been..)

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14. Januar 2007

Das Bergische Land ist einer der wenigen Landstriche in dieser Republik, wo es noch ganz natürlich ist, sein Pferd aufzuessen, wenn es tot im Stall liegt.

Jedes Viertel hat seinen speziellen Pferdemetzger, der Pferdegulasch anbietet. Oder Fohlengulasch, was noch zarter ist, Pferdesauerbraten, Pferdewürstchen, Pferdegehacktes, eben alles, was es von anderen Speisetieren auch so gibt.

Die Geschäfte laufen nicht schlecht.

Eine gewisse lokale Berühmtheit erlangte ein You Tube-Filmchen über einen Triebtäter, der keinen Hehl daraus macht, was ihn am meisten erregt: Er träumt davon, nachts in ein frisch geschlachtetes Pferd zu steigen und sich darin zu wälzen, wie in einer blutwarm ausgekleideten Speisekammer.

Das ist aber niemand hier aus der Gegend.

Sagt man.

 

*

 

Es gibt auf Solinger Platt einen Spruch, der einiges über den Humor der Einheimischen verrät.

 

"Ich hann vielleicht nen Duorscht
ich könnt en Perd freten
so müöd bin ich!"

"Ich hab vielleicht 'nen Durst,
ich könnt ein Pferd fressen,
so müde bin ich!"

 

*

 

Die Gräfin holt mich überraschend von der Arbeit ab. Ich bin sofort misstrauisch. Es ist die Art, wie sie den Nissan parkt, unser altes graues Pferdchen, mit der Schnauze direkt vorm Eingang. Wie sie mir sofort jegliche Fluchtmöglichkeit nimmt.

"WIR FAHREN IN DIE STADT", ruft sie, die Scheibe runtergelassen, "UND DU HOLST DIR EINE NEUE JACKE! ICH KANN DIE OLLEN JOPPEN NICHT MEHR SEHEN!"

Ich hasse es, einkaufen zu gehen. Ich hasse Einkaufszonen, Einkaufscenter, Shopping Malls, Karstadt, ich hasse die ganze Bagage. Kleine Läden sind noch schlimmer. Wo sie direkt auf dich zugeiern, Sie kommen zurecht!? Meine Dame, ich bin in meinem ganzen Leben noch nicht zurecht gekommen, da werde ich einen Teufel tun, genau hier und heute in diesem verschissenen Schuppen damit anzufangen!

Dann lieber Karstadt.

Ich probiere bestimmt zwanzig verschiedene Jacken und Blousons an, dazu drei robuste Allrounder, sogar ein Sakko, alle Schrott. When I look around me, all I see is misery. Und wenn mir doch mal was gefällt, ist es zu klein und in meiner Größe nicht vorrätig. Fast hab ich die Gräfin schon soweit, dass sie entnervt die Brocken hinschmeissen will und wir endlich nach Hause können, ohne irgendeine neue Klamotte am Leib, da trabt dieser lange Knecht um die Ecke. Ein Karstadtknecht, mit einem Front-Igel.

"Ich hab da noch was auf Lager", schnalzt er übereifrig, "eine brandneue Lieferung, da ist bestimmt was für Sie dabei."

Erst denk ich, woher will der Lulatsch wissen, was mir steht, und dann hat er tatsächlich Recht, der Knecht. Eine schwarze North-West Territories, mit Pelzbesatz am Kragen, Kunstpelz natürlich, kanadisch wild geschnitten. Was soll ich sagen. Das Ding geht in Ordnung. Seither nennt mich die Gräfin "mein kanadischer Platzwart" und friemelt den ganzen Tag an mir rum. An meiner Jacke. Das funktioniert, weil ich sie selbst beim Abendessen nicht ablege. Junge, ich sehe aber auch klasse darin aus. Eins a.

Tipp topp der Bursche.

 

 

12. Mai 2007

Frau Moll humpelt. Sie ist in eine Glasscherbe getreten, und obwohl die Wunde im Fußballen verheilt ist, vermeidet sie jegliche Belastung auf dem Vorderbein, besonders auf Asphalt. Die ersten Tage hat sie noch einen schwarzen Sanitätsschuh getragen, mit dem sie nicht gut zurecht kam, und die Gräfin taufte sie El Schühchen. Eine humpelnde mexikanische Volkssängerin.

Natürlich wäre Frau Moll ein humpelndes Hollywoodsternchen lieber gewesen. Eines dieser Wesen, die es sich erlauben können, im Spätsommer dicke Flanellhosen zu tragen und Whisky zu trinken, jedenfalls was Scharfes in der Hand, und die sofort und in Gänze zu Staub zerfallen, wenn die Kameras aus sind.

El Schühchen also.

 

*

 

Morgenrunde, 10 Uhr früh. Ein stechend blauer Himmel, sonnige 25 Grad. Richtung Treppenbach vernehme ich Gesang, ein schwungvolles Da-di-balla-da-di-balla-da. Das kann nur Frau Feller sein, und Cara, die Dackeldame.

Tatsächlich wackeln die beiden hinter der nächsten Kurve auf uns zu, Frau Feller vorneweg wie ein viereckiges Schiffchen. Sie trägt ein fleckiges Lackmäntelchen, lindgrüne Mütze, Stulpenstiefel, und die Schminke ist verlaufen.

„Morgen! Lang nicht mehr gesehen“, ruft sie, was sie immer ruft.

Cara folgt ihr ohne rechte Begeisterung. Sie und Frau Moll haben sich nichts zu sagen. Sind jetzt keine Rivalinnen, aber erst recht keine Sympathiesantinnen. Sie existieren nicht füreinander und würdigen sich keines Blickes. Sowohl Frau Feller als auch ich könnten ebenso gut mit vier Tonnen Luft spazieren gehen.

„Ich hab Hühneraugen an den Füßen“, fährt Frau Feller ohne Umschweife fort und baute sich vor mir auf, „kriegt man nicht weg, kann man machen, was man will, ich hab so Tropfen, wissen Sie, bringt aber nichts. Das tut vielleicht weh, sag ich Ihnen, furchtbar ist das.“

Ich nicke fortwährend und will auch mal was sagen, komme aber nicht zum Zuge. Dabei weiss ich doch um die Unannehmlichkeiten, wenn man viel auf den Beinen ist und die Füße schmerzen.

„Was ist denn mit dem lieben Hund los? Humpelt der?“

„Ja, El Schühchen ist in ne Scherbe getreten. Letzte Woche schon.“

Als El Schühchen seinen Namen hört, beginnt El Schühchen zu seufzen und legt sich ab, mitten auf dem Radweg. Eine geschundene Seele.

„Schlimme Menschen gibt es“, sagt Frau Feller. „Erst saufen sie und dann schmeissen sie die Flaschen kaputt und unsere Hunde holen sich blutige Pfoten. Ist doch so.“

Wie sie so vor mir steht, erinnert sie an eine bunte Torte auf dem Kindergeburtstag, voller Liebesperlen und in der Mitte ein mopsiger Mund. Die wunderbare kleine Cara, ihre kleine Geheimwaffe, die nie einen Ton von sich gibt, die immer still ist und geduldig, lässt sich ein paar Meter zurückfallen. So wie die kleine Dackeldame es immer handhabt, wenn ihr alles zu viel wird. Die Gesänge des Frauchen, das Gemeckere des Frauchen, die schwere bergische Luft.

„Meine Tochter hat letzte Woche für 20 Euro Pferdefleisch geholt. So Pferdewurst. Konnte ich alles wegschmeissen. Richtig beim Pferdemetzger in Höhscheid. Die waren so blass, die Würstchen, als hätten sie Wasser in den Beinen gehabt, schlimm. Ganz blass. Konnte ich alles verschenken, an die Hunde. Die haben sich gefreut, klar.“

Frau Feller kommt nicht von hier. 1941 gebaut in einer norddeutschen Werft, wurde sie Ende der Fünfzigerjahre ausgeliefert ans Bergische Land. Ein kleines, ohne Pause plapperndes Schiffchen, das schnell Kontakt fand. Die meisten Menschen, die offenherzig sind in diesem Landstrich, die auf andere Menschen zugehen und sich nicht von vornherein versperren, sind Zugewanderte, Hängengebliebene.

Den gewöhnlichen Einheimischen erkennt man auf hundert Meter Entfernung: mißtrauisch, in sich gekehrt, verspannt. Dann doch lieber eine Durchgeknallte, die der Herrgott erfunden hat, damit er’s nicht am Herzen kriegt.

„So, ich habs eilig, ich krieg gleich Möbel geliefert, zwei Badezimmerschränkchen, gebrauchte Möbel, wissen Sie, hat mich dreißig Euro gekostet, bezahlt das Grundsicherungsamt, seit zwei Jahren schon, glaub ich, gibt es so neue Gesetze, aber die Ausländer, die kriegen alles, die wissen, wie man das macht, die kriegen hundert Euro, ungerecht ist das, die Welt ist ungerecht, es gibt keine Gerechtigkeit mehr, so, Carrrra, komm, grüßen Sie schön ihre Frau.“

Queen Feller legt ab.

7.9.16 17:37


Du klaust? Warum klaust du??

 

Das Klauen von LP's war schon Routine geworden. Ich wurde mit der Zeit richtig frech, ich machte nicht mehr viel Federlesen. Kurz umgeguckt, die Platte untern Arm geklemmt, rausmarschiert.

Aber das Herzklopfen blieb. Das Herzklopfen und die Erleichterung, wenn man das Geschäft verlassen hatte und niemand folgte einem. Das war der Kick überhaupt. Es war wie Sex, obwohl ich noch nie Sex gehabt hatte. Das Nicht-erwischt-werden. Das Immer-mehr-wollen. Das Noch-mal-wollen.

Meist klaute ich in den Musikabteilungen großer Warenhäuser, wenn ich nach Schulschluss durch die Stadt trödelte. Meine siebte Stunde nannte ich es geheimnisvoll, wenn Klassenkameraden fragten, was ich eigentlich nach der Schule in der Stadt so trieb.

Kleine Fachgeschäfte wie das Zakk am Eiland betrat ich nur, um zu sehen, was neu auf dem Plattenmarkt war, zur Orientierung sozusagen. Zum Stehlen war es mir in kleinen Läden zu heikel, man stand zu sehr unter Beobachtung. Ausserdem lernte man mit der Zeit die Mitarbeiter gut kennen, man entwickelte eine Beziehung zu ihnen. Das war nicht gut. Leute, die man kennt, beklaut man nicht so schnell. Man bekommt Skrupel. Das war die nächste Lektion: entweder man freundet sich mit jemand an, oder man beklaut ihn. Beides kann man nicht haben. Nicht zur selben Zeit.

Das Zakk gehörte einem lässigen Macker aus Remscheid, der im langen beigefarbenen Kaschmirmantel zur Arbeit erschien und einen klapprigen Maserati fuhr. Er war die coolste Sau, die ich kannte. Er hatte stets einen Geheimtipp auf Lager und lächelte, wenn er mich kommen sah. Er hatte vermutlich total saubere, gut riechende Eier, wie sollte man so einen Typ bestehlen. Es war zum Mäusemelken. Gute menschliche Kontakte vermasselten einem das kriminelle Geschäft. 

Hatte ich im Zakk genug Informationen gesammelt, was sich auf dem Plattenmarkt tat, zog ich die Fußgängerzone hoch in den Kaufhof oder ins Karstadt, wo ein Schüler nicht sonderlich auffiel, der mittags eine Weile in den Platten wühlte und unverrichteter Dinge wieder abzog. Allerdings mit Beute unterm Arm. Als Sandwichkind in der Geschwisterfolge war ich darin geübt, mich unsichtbar zu machen, wenn es drauf ankam. Darin war ich ein As. Niemand sah mich, wenn ich nicht gesehen werden wollte, trotz wallender Mähne. Ich guckte woanders hin und zog die Blicke, die mich eben noch beobachtet hatten, einfach ab. Ich flog weit unterm Radar her, wenn die Situation es erforderte.

Meine Mutter drückte sich einmal so aus: "Mit deinem Bruder kann ich mich streiten, bis die Fetzen fliegen, mit dir geht das nicht. Du bist glitschig wie ein Fisch, man kann dich nicht packen. Jedes Mal, wenn man glaubt, man hat dich endlich zu packen gekriegt, macht es flutsch – und du bist wieder weg.“

Die Gräfin: "Man legt sich voller Vertrauen zu dir nieder und lässt sich massieren, du machst es gekonnt, mit viel Gefühl und warmer Hand, und kaum ist man so richtig schön weggesackt und lässt sich verwöhnen, macht es ratttschsch! und deine scharfen Fingernägel schneiden sich ins Fleisch. Und wenn man sich dann umblickt und losschimpfen will, guckt man in die treuherzigsten Augen der Welt, die keiner Fliege was zu leide tun.“

"Is wahr? So eine linke Kimme bin ich?"

"Ja. Bist du. Genau."

Am schönsten stehlen war im Kaufhof. Von der Plattenabteilung, die im Erdgeschoß untergebracht war, bis zum Ausgang waren es keine vierzig Schritte, schon war ich draussen auf dem Mühlenplatz. Es war, als hätten die Innenarchitekten beim Konzept des Warenhauses hauptsächlich an mich gedacht, wie ich mein Diebesgut rasch und sicher ins Trockene bringen konnte. Dass das Ganze nur ein Trick war, um einen in Sicherheit zu wiegen und irgendwann abzukochen, nämlich dann, wenn man überhaupt nicht mehr damit rechnete, beim Klauen erwischt zu werden - na, mein Gott, ich war fünfzehn, ich wusste von solchen Sauereien noch nichts. Ich war ein kleiner Plattendieb. Ein Vinylgauner.

Eine meiner ersten Lieblings-Singles war Paranoid von Black Sabbath. Auf dem Cover standen ein paar Kerle mit unglaublich langen Haaren herum. Der Song war rasend schnell, ein Speedboot, das Haken schlug. Die B-Seite The Wizard war mindestens genauso gut. 

Zu jener Zeit saß ich Abend für Abend am Radio, bewaffnet mit Tapedeck und Stereokopfhörern und schnitt die Neuerscheinungen mit, die es aus London und New York ins deutsche UKW-Radio geschafft hatten. Doch bei aller Liebe zum Hitachi-Cassettenrecorder, der mir viele Jahre die Treue hielt, nichts ging über Vinyl, über Singles und Langspielplatten, da kam keine selbstbespielte Cassette mit.

Weil das Taschengeld aber nicht ausreichte und es in der Stadt nicht genug abonnierte Zeitungen gab, die ich hätte austragen können, um all meine Vinylwünsche zu finanzieren, klaute ich wie ein Rabe. Noch heute schlummert eine Unzahl LP's aus den 70er Jahren auf meinem Dachboden, die meisten bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und zu Tode gespielt. Ich nahm nie groß Rücksicht auf den Zustand meiner Lieblinge.

“Deine Platten waren deine kleinen Nutten”, sagt die Gräfin, “so abschätzig, wie du sie behandelt hast.”

Damit liegt sie nicht ganz falsch. Wenn ich mir früher (schön) einen runterholte, passierte es immer wieder, dass die Schlacke achtlos auf einer am Boden liegenden Platte landete und die Rille verstopfte - ein pointiertes kleines weißes Unwetter. Hach, Popmusik, herrlich. All die achtlosen Angelegenheiten.

Eine Band, die ich in den Achtzigerjahren gerne hörte, waren die Pretenders. Der Sound war frisch und neu, sogar aufregend, sie retteten etwas vom aufmüpfigen Kinks- und The Who-England der Sechziger rüber ins Computerzeitalter. Die letzte 45er Single kaufte ich mir 1989, Everything I own von Boy George, eine verwässerte Hommage an das Original von Ken Boothe: ein wunderbar schlichter Reggae, eine Sommerhütte am Strand, früh am Abend, Windstille - und hinterm Küchenschrank kriecht ein Ohrwurm hervor, groß wie ein Gecko.

An dem Tag, als ich erwischt wurde, als meine Karriere als Plattendieb ein jähes Ende fand, gab es im Zakk am Eiland einige Neuerscheinungen, die mich reizten, die ich mir gerne einverleibt hätte, doch weder im Karstadt, noch im Kaufhof waren sie schon eingetroffen. Weil ich aber nicht ohne Neuheit nach Hause kommen wollte, entschied ich mich notgedrungen für das neue Solo-Album von Stephen Stills. Viel wusste ich nicht von ihm, ausser dass er Mitglied bei Crosby, Stills, Nash and Young gewesen war, die Band sich aber getrennt hatte. Einen Song von seinem Solo-Album Stills hatten sie im Radio gespielt, es gefiel mir nicht besonders. Egal. Ich nahm die Platte in die Hand, bückte mich, las ein wenig in den Credits, jedenfalls tat ich so. In Wahrheit sondierte ich die Umgebung. Der einzige Verkäufer, der in der Musikabteilung um die Mittagszeit Dienst tat, hatte anderes im Sinn, als ein Auge auf mich zu werfen, also ließ ich Stills locker in die Jutetasche gleiten, erhob mich und verließ das Warenhaus.

Ich trug selten Tornister, Tornister waren out. Ich ging meist mit Umhängetasche in die Schule, und wenn wir sechs Stunden hatten und ich einen Haufen Schulsachen einpacken musste, nahm ich zusätzlich einen Jutebeutel mit. Meist wusste ich schon früh am Morgen, dass heute eine LP fällig war, wenn ich den Jutetbeutel einsteckte. Aber ich war mit der Zeit nachlässig geworden. Es war zu oft gut gegangen. Wenn man sich unschlagbar fühlt, passiert es. Die Gräfin hat es einmal so ausgedrückt: Wenn man dem Schicksal beweisen möchte, dass man der Härtere ist, wenn man vermessen wird, dann gehts schief. Dann fliegt man auf die Schnauze. Es war schon viel zu oft gut gegangen mit der Klauerei.

Ich hatte eine stattliche LP-Sammlung zuhause, für mein Alter.

"Wo hast du denn die Platte schon wieder her?" fragte Mutter oft, wenn ich mittags eine Scheibe heimbrachte und es kaum abwarten konnte, sie zu hören.

"Geliehen", antwortete ich knapp.

"Geliehen..? Schon wieder? Von wem?"

"Na, von Freunden."

"Du hast aber eine Menge Freunde."

Wie immer profitierte ich davon, dass selbst Menschen, die tagtäglich mit mir zu hatten, mich nicht wirklich kannten. Dass ich den lieben Jung nur spielte. Dass die Pubertät neue Seiten aufschlug, die ich unbedingt ausprobieren musste. Und wenn ich mich dafür ein wenig verstellen musste, na, mein Gott, es gab schwerere Dinge.

Entscheidend war der Moment, wenn man das Warenhaus verließ. Der Hauptausgang des Kaufhof bot diesen einzigartigen Marylin Monroe-Effekt. Man stieg über einen  rechteckigen vergitterten Lüftungsschacht, aus dem warme Luft in die Höhe stieg, verbrauchte, tausend Mal gefressene Kaufhausluft. Eine Art Quarantäne, die jeder Kunde passieren musste, ob er das Warenhaus nun betreten oder verlassen wollte. Für mich bedeutete der Schacht den Unterschied zwischen Himmel und Hölle, ein vergittertes Niemandsland, wo alles möglich war; Schuld, Unschuld, Gefängnis, ein schönes Leben.

Ich ging hinaus auf den Mühlenplatz, im Ohr das Heißluftgebläse, und verschwand zügig im Gewühl, mit diesem Kribbeln der Befreiung im Bauch, dem Gefühl, nicht erwischt worden zu sein, ein neue Trophäe zu besitzen.

Da passierte es. Wenn man sich unschlagbar fühlt, passiert es. Ein Ladendetektiv griff zu, als ich im Menschengewimmel des Mühlenplatzes untertauchen wollte, einem City-Areal mit großzügigen Grünflächen, mit Bäumen und Wasserspielen. Die Hand, die meine Schulter packte und mich zurückhielt, seine tiefe männliche Stimme, "darf ich mal in deine Tasche gucken?" mit dem vorangestellten "Junger Mann," es reichte aus, dass ich mich in einer Pfütze aus Sühne, Scham und Gepinkel wiederfand. Ertappt. Dieses Mal war es nicht gut gegangen.

Eine Woche zuvor war ich sechzehn geworden, es war noch Geburtstagsgeld übrig, ich hätte gar nicht klauen müssen. Ich klaute mehr und mehr aus Gewohnheit und wegen des Gefühls der Befreiung, wegen dem sexy Kribbeln, wenn es gut gegangen war.

Der Detektiv war alt und müde, aber in dem Moment, wo er mich packte, hellte sich sein Gesicht auf. Später, im Büro, fiel es wieder in sich zusammen. Als er mich vorm Kaufhof abführte, sah ich einen Bekannten in der Nähe, einen jungen Polen. Ein hochaufgeschossener Junge, der wenig Worte machte und den ich vom Sportplatz am Klauberg kannte, wo er mit uns Fußball spielte. Sein entgeistertes Gesicht seh ich heut noch vor mir: Du klaust..? DU? Warum klaust du?!

In den folgenden Jahren liefen wir uns ab und an über den Weg, nickten uns kurz zu, das letzte Mal Anfang 2000. Jedes Mal war da dieser überraschte Ausdruck in seinem knochigen Danziger Gesicht, für immer festgefroren, rübergerettet aus dem Jahre 1975, du klaust? Warum klaust du?

Na, weil ich noch keine zehntausend Scheiben für den Dachboden zusammen hab, du Depp!!

21.9.16 18:04


She brings the rain

Ich war jung, noch keine zwanzig, und verliebt. Es war Sonntag. Ich saß am Schreibtisch meiner Mutter, mit Blick auf die dampfende Stadt, und telefonierte mit Lena. Aus irgendeinem Grund konnten wir uns nicht sehen. Es war regnerisch und kühl, ein Sonntag im April.

Sie sagte, Moment, ich hol mir was zu trinken. Dann kam lange Zeit nichts. Die Tür zum Balkon stand auf. Ich sah die Regentropfen auf dem Geländer sitzen, kleine dicke durchsichtige Militärposten. Und dann hörte ich es langsam auf mich zukriechen, aus dem Telefonhörer, aus dem Hintergrund, eine hypnotische kleine Melodie, als würde eine Bassgitarre spazieren gehen.

Sie war zurück am Apparat.

"Was ist das denn..?" fragte ich.

"She brings the rain."

"She brings the rain? Was soll das sein?"

"Sag bloß, du kennst nicht She brings the rain?"

Sie fragte es in einem Ton, als hätte ich schon tausend Tage verschollen sein müssen, um She brings the rain nicht zu kennen. Aber ich kannte den Song nicht. Ich hatte ihn niemals gehört. Vielleicht war ich ja tausend Tage verschollen gewesen, keine Ahnung. Der Basslauf schwang sich gekonnt von Zimmer zu Zimmer.

"Von wem ist das?" fragte ich.

"Von Can."

Oh.

Daher wehte der Wind. Aus Deutschland. In diesem Moment wiederholte sich der Refrain: Oh yeah. She brings the rain. In the dawn of the silvery day, clouds seem to melt away..

Sie hatte den Song von ihrem großen Bruder. Ich wusste zwar, dass er eine stattliche LP-Sammlung besaß, die er pflegte wie sein dünnes langes Haar, darunter rare Charlie Parker Sachen, aber so was gutes hatte ich ihm nicht zugetraut. Wir teilten nicht gerade die gleiche Vorliebe, wenn es um Popmusik ging. Sofort stieg er in meinem Ansehen, er nahm zehn Stufen auf einmal.

Wir sprachen kein Wort, wir hörten das Lied. Sie knackig laut im Reihenhaus im Stadtteil Aufderhöhe nahe der Nußbaumstrasse, ich eher auf Samtpfoten aus dem Telefonhörer. Eine behutsam marschierende Bassgitarre, eine sehr sexy, sehr verhaltene, irgendwie verstörte Männerstimme.

Als die Nummer zu Ende war, schwiegen wir weiter. Ich saß am Schreibtisch meiner Mutter, an dem sie die Buchführung für den Betrieb meines Vaters erledigte und der schon seit vielen Jahren in meinen Besitz übergegangen ist und an dem ich jeden Tag sitze und arbeite, und schaute hinunter in die Stadt, in den silbernen Regen.

 

 She brings the rain

30.9.16 13:59


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