Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Eet Planten, Vrienden! Oder auch niet!

Ill. Sanne Eggert

 

Mein Leben gehört zu den Filmen, wo man die ganze Zeit darauf wartet, dass es endlich losgeht.

Und plötzlich: FIN.

                                               

Beim Busfahren bin ich jedes Mal aufs Neue fasziniert vom Nothammer, diesem feuerroten Werkzeug, das in unmittelbarer Nähe zum großen Panoramafenster in einer leicht verstaubten Hängevorrichtung vor sich hinhängt.

HOL MICH RAUS, schreit es mich tonlos an, KLOPP MICH INS GLAS - NUN MACH SCHON!



Furioser Anblick auf der Rückfahrt. Eine Araberin, komplett in schwarzes Tuch gewickelt, lediglich Nase und Augen sind frei zugänglich, führt im Schoß eine halbvolle weiße Plastiktüte spazieren, mit grellbuntem Aufdruck,

maoam.


                                               

So langsam will ich auch meine eigene Burkha haben. Eine Mini-Burkha, nur für die Augen.

Was die sich alles gefallen lassen müssen.

 

 

"Das hat schon seinen Grund, warum Großstadtmenschen so aneinander vorbeihetzen und sich ignorieren", sagte sie, "die Leute würden sich sonst an die Gurgel gehen und gegenseitig abmurksen, wie gestresste Hochleistungshühner.."

"Hochleistungs..hühner? Du meinst die Hühner in großen Legebatterien..?"

"Ja, genau die. Aber Bio-Hühnern gehts auch nicht viel besser. Die haben alle einen Knall weg, die Hühner. Egal, ob Bio oder Nicht-Bio."

Sie kennt sich aus in der Materie, seit sie fünf Jahre lang für einen tipptopp geführten Bio-Bauernhof Bestellungen im gesamten Bergischen Land auslieferte.

"Bio-Hühner werden zwar mit teurem Bio-Futter gepäppelt, sie haben genug Auslauf im Stall und ausreichend Platz für den Nestbau, sie leben auch länger als normale Hühner und legen mehr Gewicht zu, und trotzdem - Hochleistungsgeflügel bleibt Hochleistungsgeflügel, darauf gedrillt, Tag für Tag so viele Eier wie möglich zu produzieren."

Solche High End Hühner sind im Grunde nichts anderes als extrem verwöhnte Bodybuilder - wehe, der Bio-Bauer karrt das Futter mal nicht pünktlich an, dann bricht im Bio-Stall augenblicklich die Bio-Hölle los.

"Die gehen sich gegenseitig an die Kehle, so auf die Minute genau sind die aufs Fressen geeicht. Noch schlimmer ist es nur, wenn eines der Hühner plötzlich krank wird und Schwäche zeigt. Sofort macht sich der Rest der Bande über das arme Tier her. Die Hühner geraten in einen regelrechten Blutrausch und picken dem Artgenossen die Augen aus und hacken ihn zu Tode, wenn der Bauer nicht aufpasst und rechtzeitig eingreift."

Es ist das Adrenalin, das die Viecher dermaßen aggressiv macht, egal, ob sie nun herkömmlich oder unter Bio-Bedingungen gehalten werden. Organische Broiler bekommen lediglich das bessere Futter und sind etwas komfortabler untergebracht. Vielleicht schmecken die Eier auch etwas mehr nach Ei und weniger nach Fischfutter, das ist aber auch alles. Da soll man sich nichts vormachen, sagte sie.

Warum wir uns an einem Abend des Jahres 2009 darüber unterhalten haben? Weil Report Mainz heimlich gedrehte Aufnahmen aus Mast-Farmen zeigte, die zum Geflügelkonzern Wiesenhof gehörten. Zu sehen waren "Impftrupps", die von Hof zu Hof unterwegs waren und kranke Hühner aus dem Verkehr zogen, indem sie deren Köpfe gegen Eisengitter schleuderten, so lange, bis sie sich nicht mehr rührten. Andere Tiere wurden zu Tode getreten. Das Bildmaterial wurde so lange wiederholt, bis auch der letzte Zuschauer Hass auf diese komplett verrohten "Impftrupps" aufbaute. Ich war kurz davor, in den Fernseher zu steigen und alles abzuknallen, was auch nur im entferntesten mit Chicken McNuggets zu tun hatte.

Dann hielt ich inne. Ich fragte mich, wie ich mich als Arbeiter eigentlich verhalten würde in solch einer riesigen Geflügelhalle - täglich dem Lärm und bestialischen Gestank ausgeliefert, im Nahkampf mit zusammengepferchten, tief unglücklichen Viechern, die panisch um sich schlagen, sobald ich sie zu packen versuche? Würde ich meinen Hass auf diesen elenden Job nicht irgendwann auch auf diese armen elenden Kreaturen projizieren? Würde ich nicht irgendwann auch die Nerven verlieren, wenn ich mich ständig von Dutzenden hypernervöser Tiere umgeben sähe, die vor lauter Angst nur so um sich scheißen?

"Ach was! Die Arschlöcher, die da arbeiten, verlieren doch nicht die Nerven, nein, die treten ganz routiniert zu, das sieht man doch!" empörte sich die Gräfin, die nach solchen TV-Aufnahmen regelmäßig keinen Schlaf findet. "Die haben null Mitgefühl. Die disqualifizieren sich als Mensch, wenn sie so etwas machen."

Sie lag im Bett und heulte. Sie versteht Menschen nicht, die in Legebatterien und auf Mastfarmen arbeiten.

"Was heisst Menschen, es sind immer nur Männer, die solche Jobs machen. Oder hast du da je eine Frau gesehen? Niemand zwingt euch Typen schließlich dazu, in so einem Hühner-KZ zu arbeiten."

Stimmt schon. Aber komischerweise stehen die meisten Hühner-KZ's im strukturschwachen Osten, hielt ich dagegen. Wo es sonst kaum Jobs gibt.

"Was also, wenn ich vier Kinder zu versorgen habe und weit und breit ist keine Arbeit in Sicht? Mach ich da nicht auch den letzten Scheißjob, wenn mir nichts anderes übrigbleibt?"

"Nee, das ist kein Argument. Selbst wenn du für zehn Kinder sorgen musst, du hast immer noch ein Gewissen. Brot geht nicht vor Leid, das du einem anderen Geschöpf antust."

Natürlich hatte sie recht. Aber manchmal halte ich schon aus Prinzip dagegen. Besonders, wenn die Lage so klar erscheint, wenn kaum eine andere Meinung möglich ist.

Zum Schluss plädierte sie dafür, in Deutschland wieder Raubtiere anzusiedeln, wie in den guten alten Zeiten, und nicht nur weißes Brustfleisch.

"Der Mensch braucht in seinem Lebensraum echte Freßfeinde, damit er das Leben zu würdigen weiß", sagte sie. "Löwen, Hyänen, Krokodile. Dann wird er vielleicht auch wieder etwas kleinlauter und demütiger."

1.8.16 16:11


Das Leben ist gekommen, um es hinter sich zu lassen

 

Kann da draussen mal bitte jemand den tropischen Regenwald abstellen, ja?! Das macht echt keinen Spaß mehr, die Schwitzerei.

- Die Gräfin -

 

Haltestelle Gräfrath. Auf der Bank sitzt ein Raucher, um die sechzig, schmales Hemd, halbe Glatze, Plastikschuhe. Insgesamt verwohnt, der Anblick.

Wir warten auf den Bus.

Ich sende eine SMS an die Gräfin, um letzte Modalitäten bezüglich des Montag-Einkaufs zu klären - Basis-Müsli, mit oder ohne Rosinen - , als die elektronische Info-Tafel eine 5minütige Verspätung der Linie 83 anzeigt.

"Muss man ja haben", meint der Raucher unvermittelt.

Er blickt auf das Handy in meiner Hand.

"Ja?" sag ich.

"Ja.. Ich hab ja jetzt auch eins."

Er spricht ganz langsam. Er betont jede Silbe, wie Menschen das gelegentlich tun, die lange daran gearbeitet haben, deutlich zu sprechen. Ein gewisser Stolz schwingt mit. Versteht sich.

"Ja?" sage ich, als nichts mehr kommt.

"Ja. Ich hab auch eins."

Gut. Wir warten auf den Bus. 

"Hab ich bei der Telekom gekauft.. neunzehn neunzig", sagt er, und widmet sich wieder der Zigarette. Er raucht nicht, er saugt. Ein Säugetier, ein Filtertier. Seit ich nicht mehr rauche, geniesse ich jede einzelne Kippe, die in meiner Gegenwart brennt, Zug für Zug. Es sei denn, und es passiert öfter, als man denkt, der schöne blaue Tabakqualm wird von einem schlimmen Mundgeruch überlagert. Obwohl wir gut anderthalb Meter voneinander entfernt sind, lässt sich der käsig-warme Gestank nicht ignorieren. Er kommt tief aus den Eingeweiden des Mannes und wird noch verstärkt von seinen ungeputzten Zähnen, den in den Zwischenräumen eingepressten aufgeweichten Weißbrot-Bröckchen. Mir wird ein bisschen übel, doch ich muß zwanghaft hinsehen. Ich bin fasziniert und angeekelt zugleich. Ich bin auch nur ein Kameramann.

Er ein schmales Hemd, um die sechzig.

Chinesische Plastikschuhe.

"Hab ich aber Pech gehabt mit dem Handy. War der Akku kaputt. Wo krieg ich denn einen neuen her, hab ich gefragt, einen neuen Akku. Beim An- und Verkauf. Ja, und was war? War ich noch mal zwanzig Euro los. Aber ich brauche das Handy ja nicht oft. Nur wenn ich nächstes Jahr in Urlaub bin und meine Schwester anrufe.." 

Er zieht schwer an der Zigarette.

".. um ihr zu sagen, dass alles in Ordnung ist", führe ich den Satz für ihn fort, ungefragt, einfach so, er lächelt.

"Genau. Ja. Und wenn ich Freitags beim Gesangsverein bin", sagt er. "Dann brauch ich das auch.. das Telefon.."

"Meigener?" frage ich.

"Kotter", antwortet er, und nickt zufrieden.

Ich sehe es vor mir, wie die Chorprobe eines der ältesten deutschen Männergesangsvereine aus dem Ruder läuft, weil ein langjähriger Gesangsbruder auf Plastikschuhen aus dem Hals stinkt. Wie die große Solostimme steht er da, Unmengen von Platz um sich herum. Der Welten Gestank ist der Welten Raum.

Endlich, die Linie 83 kommt angekrochen, den Berg rauf aus Wuppertal. Es ist schwül-heiß an diesem Montag, echtes Apnoe-Wetter. Die Luftfeuchtigkeit so hoch, man glaubt, man spaziere durch eine lange dicke Wolke. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, mit dem Hemdsärmel.

Man möchte ein kleines Gegenfeuer zünden, um die Sinne zu beruhigen.

4.8.16 11:34


Fritz macht den Sound!



Im Jahre 2009 begann es zu rumoren im Haus, immer um die gleiche Zeit. Es fing kurz nach Mitternacht an und endete nicht vor vier, halb fünf in der Früh. Es war kein durchgängiges Geräusch, es war eher ein wiederkehrendes dumpfes Geraschel. Es kam aus der Wohnung über uns, wo Gus lebte, der Altpunk, mit seinem 15jährigen Sohn, der gerade schwerpunktmäßig die Kifferei entdeckte, mit wechselnden besten Kumpeln. Aber das Geräusch hatte mit Kiffen nichts am Hut. Es war kein Kiffergeräusch. Es fiel kein Bong zu Boden und es folgte kein stundenlanges Ablachen und Geplansche im Bongwasser. Es war anders. Es war nervend.

Es störte.

Für sich genommen war das Geräusch nicht mal besonders laut. Wenn man aber nachts im Bett liegt und kann nicht einschlafen, weil irgendein blödes Geraschel nicht weggeht, dann hört man irgendwann erst recht hin und es wird immer lauter und bedrohlicher und man findet erst recht nicht mehr in den Schlaf.

Das Geräusch erinnerte an einen kleinwüchsigen Bodenturner, der auf Papierbahnen eine Rolle vorwärts einübte, Pause machte und zur Rolle rückwärts überging, aber rückwärts auf Stützrädern. Und wenn es kurzfristig heftig wurde, und es wurde kurzfristig heftig, jede Nacht, begann ich zu halluzinieren und sah einen brodelnden Kochtopf mit Menschenopfern vor mir, eine Voodoozeremonie, nur von dünnem Mauerwerk getrennt.

Zwischendurch Stille. Mal zehn, mal zwanzig Minuten, auch mal eine Stunde. Eine Stille, die einen fast schon in den Schlaf überstellte, bevor die Hölle dann doch weiterging.

Ich kam nicht drauf, was den Radau verursachte. Ich wusste nur eines: Irgendetwas Unheimliches ging da oben vor sich. Ich hörte die Jungs abends durchs Treppenhaus steigen, abgefüllt mit Marihuana, ja, die liebe Nachbarschaft. Man weiß nie so genau, was die plant. Was sie so tut. Na klar, man gibt vor, täglich die Realschule aufzusuchen, man erklärt ohne rot zu werden, ein monatliches Gehalt zu beziehen, in Wahrheit arbeiten Nachbarn grundsätzlich undercover beim Amt für Punk & Altpunk und lassen es krachen, Nacht für Nacht.

Als ich dem Bruder vom dicken Hansen davon erzählte, der eine Weile auf Kuba gelebt hatte, lachte er bloß.

"Das nennst du Lärm..? Das ist doch kein Lärm. In Havanna, da ist Lärm, da läuft immer irgendwo Salsa, da trommelt immer irgendwo einer am offenen Fenster und es wird gestritten und geschrien und Liebe gemacht und ein Dodge mit kaputtem Auspuff kommt angeknattert..“

Das hatte ich jetzt davon. Ich wurde nicht mal mehr ernst genommen von meinem achtbesten ex-Freund. Ich hatte endgültig genug von dem Lärm. Es reichte.

„Vielleicht drucken die da oben Falschgeld“, sagte ich zur Gräfin, „dann sollen die Brüder wenigstens ein Bündel runterreichen, die Schweinehunde.“

Was mir schleierhaft war: Wieso der komische Sound nur in der Nacht zu hören war, niemals tagsüber.

"Das ist doch nicht normal!"

"Zeig mir mal etwas, das normal wäre in dieser Hütte", meinte die Gräfin gelassen.

An gewisse Dinge ging sie mit einer stoischen Ruhe heran, die mich aufregte. Ich meine, wenn mich das Scheißgeräusch nervte, hatte sie das gefälligst auch zu nerven, wenn man schon zusammenwohnte! Und da spielte es auch keine Rolle, dass in ihrem Zimmer gar nichts zu hören war von dem nächtlichen Rumore und Gekoller. Ich war voll der Gelackmeierte in dieser Geschichte. Tagsüber war die Stube über mir das reinste Schweigegelübde, das leiseste Flüsterzimmer der Welt, und in der Nacht..

Na schön. Es führte kein Weg daran vorbei. Ich würde Gus zur Rede stellen müssen. Wieder einmal.
 

„He!“ rief die Gräfin mir nach, als ich die Treppe hochstiefelte. „Bleib ruhig. Lass dich nicht provozieren.“

Was..? Moment. Ich kam noch mal kurz zurück. Sie hatte recht. So einfach war die Sache nicht. Es gab Dinge zu beachten. Gus und ich, wir hatten uns schon mal gegenseitig am Schlaffittchen gepackt, als er und sein besoffener Kumpel Sprotte so unverschämt laut auf Sham 69 abgerotzt hatten, dass wir eine Etage tiefer die Contenance verloren. (Flurpunk). 

Ein anderes Mal hatte Gus seine Spielekonsole EXAKT auf der Stelle am Boden platziert, unter der eine Etage tiefer mein Bett stand, mit mir drin, schlaflos und blass. Der Dauerbrummton seiner fabrikneuen X-Box breitete sich aus wie ein Wasserfleck an der Decke, langsam aber sicher bedrohte er meine Ohren. Damals hatte es nicht mal einen halben Tag gedauert, schon stand ich wie ein sabbernder Köter vor seiner Tür, bereit zum Angriff. So gesehen war ich diesmal ein Ausbund an Höflichkeit. Ich hatte mich viel zu lange schon zurückgehalten.

"Bleib ruhig, Mann", sagte die Gräfin. "Kein Ärger. Lohnt nicht."

"Nein. Lohnt nicht, Frau", sagte ich.

So instruiert zog ich die Cloggs an, die im Flur standen. Cloggs machen grösser. Dabei war ich eh schon grösser als Gus. Aber man kann nicht groß genug sein in gewissen Situationen, wo es eventuell auf die Fresse gibt. Gus hatte zudem ein breiteres Kreuz als ich. Es stand 1:1. Ich die Treppe hoch. War ja nicht weit. 18 Stufen. Vielleicht fünfzehn.

Ich drückte die Türschelle. Drinnen war Musik zu hören. Da drin war immer Musik zu hören. Punk war das allerdings nicht. Eher so Singer/Songwriter-Zeugs, das plötzlich wieder Konjunktur hatte. Gus öffnete die Tür. Er kaute auf irgendwas herum, ein Baguette vielleicht, und machte große erstaunte Augen.

„Hallo Gus“, sagte ich locker.

„Ja. Hallo. Ist was?“

Er legte den Kopf eine Nuance zurück. Als hätte er andeuten wollen: Du willst doch wohl nicht ernsthaft behaupten, die Mukke dahinten wäre zu laut..?? 

„Sag mal, habt ihr irgendwo eine neue Maschine stehen? Eine, die nur nachts arbeitet?“ fragte ich.

Seine Augen zogen sich gefährlich zusammen, zu Schlitzen.

„Maschine? Was meinst du?“

Er stellte sogar das Kauen ein.

„Na, weiss nicht. Eben irgendwas, was man nur in der Nacht hört. Das über den Boden schabt und schlirrt. Was weiss ich. In dem Zimmer über mir. Wo dein Sohn wohnt.“

„Hm? Der ist längst ausgezogen. Der wohnt wieder bei seiner Ma.“

Er blickte kurz nach rechts, in das bewusste Zimmer, in das, wie ich erfuhr, sein halbstarkes Töchterchen eingezogen war, Greta. Da konnte sie in Ruhe knutschen, mit ihrem neuen Freund, der kein Punk war, so Gus, sondern Singer/Songwriter, so Zeugs.

„Aber keine neue Maschine“, meinte Gus. "Das haben wir hier nicht."

„Und woher kommt dann jede Nacht dieser verfluchte Krach?“

"Was fürn verfluchter Krach?"

"Na, so ein.. Rascheln, dunkles Geschepper.."

"Rascheln..?"

Plötzlich erhellte sich seine Miene.

"Ich glaub, ich weiss, was du meinst! NATÜRLICH!"

Er gluckste.

"Das ist Fritz!"

"Fritz?"

„Ja, Fritz! Greta hat sich doch einen Goldhamster gekauft. Fritz läuft jede Nacht im Rad, wie ein Bekloppter...! Fritz macht den Sound! Ich bin die ersten Tage auch nachts wach geworden und hab gedacht, was ist das für ein scheiß Gepolter hier? Hat da einer die Spülmaschine angelassen? Aber nee, das ist der Fritz, der neue Hamster, Mann!“

Gus kaute fröhlich sein Baguette weiter. Auch ich war erleichtert. Insoweit.

„Ich dachte schon, du würdest hier oben heimlich Gefangene machen und aufkochen.“

Er verstand nicht. "Hä..?"

„Schon gut“, sagte ich.

Wir einigten uns darauf, dass er den Hamsterkäfig unterfütterte, mit einer Schaumstoffunterlage vielleicht, damit wieder Ruhe war im Haus. Die Mauern in unserem Altbau waren so dünn, sie wirkten eher wie Resonanzböden. Es war die Hölle.

Gus, ein Handwerker, nahm Fahrt auf.

„Ich hab noch so ne blaue Turnmatte von früher im Keller. Kennst du bestimmt auch, die schweren Dinger, auf denen wir in der Schule Flick-Flack geübt haben, Rolle rückwärts und son Kack. Was so ne Matte dämpft, glaubt man nicht. Da kannst du ne Elefantenkuh draufschmeissen und bumsen, hört kein Schwein. Die Matte kommt unter den Käfig, dann hörst du nicht mal mehr, wenn Fritz zum Wassernapf tippelt..“

"Super Sache", sagte ich.

Wir reichten uns kurz die Hand. Greta kam aus ihrem Zimmer und guckte mich schräg von der Seite an.

Was will der Blödmann denn schon wieder?

5.8.16 18:02


The Sound Of Große Klappe


 
 
 
"Ich muß nicht berühmt werden, nein danke, weltbekannt reicht."
7.8.16 16:08


Slade kamen aus Nottingham


 

Für Slade brauchte man massive dicke Wände im Kinderzimmer, sonst gab's Ärger mit der Nachbarschaft. Vor allem, wenn die neueste Single der Band rauskam, die zehnmal hintereinander gespielt werden musste, bis sie richtig saß. Mit Rigipswänden kam man da nicht weit. Slade waren roh und rotzig, Slade waren scheiße laut, Slade kamen aus Nottingham. Ich hatte sechs oder sieben Singles von Slade. Von ihren größten Kontrahenten, The Sweet, schaffte es nur Ballroom Blitz auf meinen Plattenteller.

Sweet oder Slade – man hatte sich zu entscheiden Mitte der Siebzigerjahre. Im Pop gab es sie immer, die Zweikämpfe, das Ringen um den Lorbeerkranz, das definitive Armdrücken.

Beatles oder Stones. Michael Jackson oder Prince. Mods oder Rocker. Punks oder Popper. Oasis oder Blur. Geha oder Pelikan. American Dad oder Family Guy. Ernie oder Bert. Van Halen oder AC/DC. Pearl Jam oder Nirvana. Little Richard oder James Brown. Sean Combs oder Puff Daddy. Eminem oder Slim Shady. Rechts oder links. Radierung oder Kupferstich. Jetzt oder nie. East Coast oder West Coast. Tribüne oder Stehplatz.  Wrangler oder Levis. Oder Lois. Ständig hatte man Farbe zu bekennen. Es gab keinen Mittelweg, keinen goldenen Standard, auf den man sich zurückziehen konnte. Es ließ sich nicht zwischen zwei Stühlen sitzen, ohne durchzuhängen und voll auf dem Hintern zu landen. Entweder du warst heiß oder du warst kalt.

Entscheide dich, Gringo!

1973/74, auf dem Gipfel des Glam-Rock, als meine Generation im Teenageralter war, fand der Feuerwechsel hauptsächlich zwischen Slade- und Sweet-Anhängern statt. Beide Bands kamen von der Insel und versammelten Kids hinter sich, die mit dem anderen Lager unversöhnlich auf dem Kriegsfuß standen.

Natürlich konnte es passieren, dass einem die neue Single des Todfeinds ausnahmsweise mal gefiel, aber dann hatte man damit gefälligst hinterm Berg zu halten. Hausieren ging man damit jedenfalls nicht, den Refrain flötend womöglich. Ich erinnere mich, das schwuchtelige Co Co von Sweet im Strandbad gehört zu haben, aus einem Kofferradio, als ich gerade ein Mädchen toll fand. Co Co fand ich auch toll, aber ich durfte es nicht zeigen. Nicht als erklärter Slade-Fan, als Noddy Holder-Anbeter, als ein Working Class Kid.

Slade bedienten die arbeitenden Massen. Slade machten Musik für Lastwagenfahrer, die sich auf der Überholspur einen runterholen und gleichzeitig eine Pall Mall rauchten - ohne Filter -, während Sweet-Kids beim Masturbieren streng darauf achteten, nur ja nichts einzukleckern in Papas Hobbykeller.

Ich mochte Sweet nicht, und ich mochte die Jungs nicht, die Sweet mochten. Sweet waren genauso fade wie die Knilche von der 1. Sportvereinigung, die in schneeweißen Trikots aufliefen und nach Spielschluß immer noch keinen Fleck auf der Hose hatten, obwohl ihr Platz aus roter Asche bestand. Das musste man erstmal hinkriegen. Ich mein, ich war schon eingesaut, wenn ich morgens die Augen aufschlug und nicht schnell genug die Finger über die Decke kriegte.

Slade waren anders. Slade waren dreckige Prolls, Viehzeugs fast, Slade kamen aus Nordengland. Der Frontmann Noddy Holder war ein Shouter vor dem Herren. Sein UFO-Haarschnitt kam vom beklopptesten Planeten, der 1974 durchs Weltall trieb – zu einer Zeit, als das Universum ohnehin im Minutentakt durchdrehte, in hohen Bühnenstiefeln und Prinz Eisenherz-Anzügen. Noddy Holder war in Wahrheit unser Kommandant, nicht Major Tom. Wer war das überhaupt, Major Tom? Ein verdammter Österreicher??

Slade hatten eine Reihe großartiger Hits, die heute noch durch die Jeans-Werbung geistern. Das unschlagbare COZ I LOVE YOU, das Mississippi-Lagerfeuer-Epos FAR FAR AWAY, das komplett durchgeknallte MAMA WEER ALL CRAZEE NOW usw.. Die Nummer aber, die mich in ihre Arme trieb, war das programmatisch harte CUM ON FEEL THE NOIZE. Seither bin ich gezeichnet, genoddyholdert, für alle Ewigkeit.

Und dennoch. Wenn ich ehrlich bin, (und wofür sollte ein kleiner Ausflug in längst vergangene Zeiten sonst gut sein), überstrahlte Ballroom Blitz  von Sweet alles andere aus dieser Ära. Sogar alles von Slade und T. Rex und Mud und Gary Glitter. Ich wiederhole: Ballroom Blitz von Sweet war die Top-Schlagzeile der frühen Siebziger. Angeblich ist der Song von einem Zwischenfall im Januar 1973 inspiriert, als The Sweet in Kilmarnock, Schottland, vom wütenden Publikum unter einem Flaschenhagel von der Bühne vertrieben wurde – warum? Keine Ahnung. Vielleicht weil Sweet zu schnittig aussahen für dubiose schottische Verhältnisse.

Schon die Eröffnung der Nummer war eine Klasse für sich. Ich erinnere mich, wie wir Jungs die Reihen geschlossen durch die Straßen zogen, den Anfang von Ballroom Blitz nachahmend. Wo jeder der Leadsänger sein wollte, der semmelblonde Brian Connolly, der dieses eine Mal Noddy Holder abhängte.

 

Are you ready, Steve ? Uh-huh !
Andy ? Yeah !
Mick ? OK !
All right, fellas …

LET’S GOO !!!

 

„Ballroom Blitz, 1973. Ein Killersong, eine Mischung aus Highspeed-Striptease-Soundtrack und musikalischer Anleitung zum Amoklaufen. Wir sprachen das zitierte Intro auf dem Weg zur Schule, während der Schule und auf dem Weg nach Hause mit verteilten Rollen und ich habe keine Ahnung mehr, wer ich dabei war. Steve Priest (Bass, er war auch derjenige, der in “Fox On The Run” das verhallende “Fox is on the ru-hun!” sang) jedenfalls nicht, Mick Tucker (Drums) auch nicht. Ich muss Brian Connolly (Gesang) oder Andy Scott (Gitarre) gewesen sein.“

(Johnny Häusler im Spreeblick, 2008)

 

Der Song war primitiv, er war verrückt, er war Blitzkrieg, er war completely nuts. Er war genauso verdammt einfach wie die Zeit, als wir jung waren. Die Feindbilder waren sauber abgesteckt. Man war gegen die Eltern, man hasste es abends vor dem Fernseher zu sitzen, Woodstock war längst tot und kaputt, der Punk noch nicht erfunden. Bloß der ganze Rotz lief uns schon aus der Nase. Während die Welt auf die Sex Pistols wartete, blitzte und donnerte es schon in überall den Kinderzimmern.

8.8.16 07:34


Ich spreche mit einem Engel

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Ich stand beim Bäcker an und betrachtete die alte kleine Frau neben mir. Sie musste über neunzig sein, weit über neunzig. Ihre gekrümmte Haltung erinnerte mich daran, wie ich meiner Mutter vor Jahren in den Mantel geholfen hatte. Ich bemühte mich, die widerspenstige Beule glatt zu streichen, die sich auf ihrem Rücken gebildet hatte, fast so groß wie der Knauf eines Treppengeländers, bis mir aufging, dass es sich gar nicht um eine Beule im Mantel handelte, sondern um ihren Buckel, verdammt!

Die alte Frau lächelte mich an. Sie war ärmlich gekleidet. Ihre Schühchen waren so ausgetreten, dass sie eine Nummer zu groß erschienen, das Regencape war ausgeblichen und verknittert, die ausgeleierten Nylonstrümpfe warfen Falten. Sie stützte sich umständlich auf den Rollator und suchte in ihrem Portmonee nach Kleingeld, obwohl sie noch gar nicht an der Reihe war.

Sie lächelte.

Je länger ich ihr wohlmeinendes, von Runzeln bewehrtes Gesicht betrachtete, von einer verflachten Dauerwelle umrandet, desto vergnügter wurde ich. Es war so ein Moment, wo einem eine unbekannte Person in unmittelbarer Nähe so sympathisch wird, dass man sie am liebsten an der plötzlichen Zuneigung teilhaben lassen möchte.

Madam, Sie sind wunderbar.

Auch wenn solche Momente gar nicht so selten sind, man sagt diese Sachen nicht. Man denkt es nicht mal. Man fühlt es nur. Man spürt die Wärme, die sich in einem bildet.. vielleicht. Wenn man Glück hat.

“Die Dame.. ? Guten Morgen. Sie wünschen..?”

Die Verkäuferin hatte Mühe, die kleine alte Frau vor der Theke auszumachen. Sie war kaum zu sehen. Man sah hauptsächlich den Rollator, und eine graue Dauerwelle.

“Ich nun.. drei Kümmelbrötchen”, piepste die Alte. Dabei lächelte sie so unschuldig, als wäre sie gerade vom Himmel gestiegen, um auf der Erde kurz nach dem Rechten sehen. Und wo sie schon mal hier war, nahm sie noch gleich drei von diesen herrlichen Brötchen mit, die sie früher so gern gegessen hatte.

„Oh, tut mir leid, aber Kümmelbrötchen führen wir schon lange nicht mehr.. Vielleicht Laugenbrezel..? Darf ich Ihnen drei Laugenbrezel einpacken?“

Die Alte schaute mich an. Ich nickte. Warum? Keine Ahnung. Eine Eingebung.

„Gut. Dann drei.. Brezel.“

Sie zwinkerte freundlich, und aus meiner Sympathie erwuchs ein generationsübergreifender heißer Tsunami der Zuneigung. Ich hielt ihr noch die Türe auf, als sie das Geschäft längst verlassen hatte. 

“Der Herr..! Halloo.!? Darf ich Ihnen jetzt weiterhelfen?”

Ruhe. Ich spreche mit einem Engel.

8.8.16 17:17


Wo wichst Mustafa?

 

 

Februar '93. Nachtschicht im Turm-Hotel, die siebte hintereinander. Die letzte. Danach hatte ich sieben Tage frei. Nach sechs Nächten ein Gefühl, als ob man aus einem langen dunklen Tunnel herausfährt und wieder Licht sieht. Zwar schwach noch und beschädigt von den vorangegangenen Nächten und schier endlosen Kilometern. Dem Schlafentzug. Den Selbstgesprächen.

Der Langeweile.

Aber Licht.

Endlich Licht.

Die siebte Nacht hatte mit den sechs Chaos-Nächten zuvor wenig gemein, sie stand ausserhalb von Ebbe und Flut. Die siebte Nacht bedeutete jedes Mal das baldige Ende von Finsternis und dünnem Schlaf, es war der Schritt aus dem Dickicht in die offene Savanne, aus dem Affe wurde wieder ein Mensch. Endlich wieder eine Nacht durchschlafen, endlich am Tresen stehen und einen ansaufen, endlich in der Früh aufwachen und den Hund ins Bett holen.

In dieser siebten und letzten Nacht, es war die Nacht von Sonntag auf Montag, verzeichnete die Zimmerliste gerade mal sieben Gäste: die fünf Chinesen auf Montage sowie ein deutsches Pärchen, das eben eingetroffen war und mal ordentlich rammeln wollte. So jedenfalls hatte es mir der Chef bei der Übergabe zu verstehen gegeben, wobei er den Daumen zwischen Zeige-und Mittelfinger klemmte und unter meiner Nase hin- und her wackeln ließ, eine Geste, die mich an alte Teeniezeiten erinnerte, wenn man vor den Freunden angeben wollte, was man alles für schweinische Zeichen drauf hatte.

"Fikifiki", meinte der Chef bloß und glotzte mich an. 

Laut Meldevordruck für Beherbergungsstätten handelte es sich bei dem Pärchen um Kati Kösau aus Erfurt plus Begleitung. Es logierte in Zimmer 16 im elften Stock, nahe der Rezeption. Die Chinesen belegten fünf Einzelzimmer im 14. Stock. Wir nannten sie nur "unsere fünf Wanderarbeiter". Jeden Morgen Punkt sechs standen zwei von ihnen in der Hotelküche und holten die vorbestellte heiße Milch ab, ganze Thermoskannen voll, fürs Frühstück.

"Vergessen Sie morgen früh nicht die Milch für die Chinesen", meinte der Chef immer, wenn er mich um 22 Uhr in die Nacht entließ.

Einmal hatten die Chinesen aus Versehen ein Schriftstück an der Rezeption liegen lassen. Ich hatte mir das Papier fasziniert angeschaut, rauf und runter, immer und immer wieder. Mich erstaunte, was andere Völker an Zeit und Geduld aufbrachten, um Schriftzeichen zu malen, die wie Marsmännchen in Bambushütten aussahen, eine witzige und irgendwie sportliche Angelegengeit. Es machte mich sprachlos. Andererseits, wenn man für jede kleine Notiz erst mal die Staffelei aus dem Kofferraum holen musste, war das natürlich auch Scheiße.

Die siebte Nacht von Sonntag auf Montag war die mit Abstand langweiligste der ganzen Woche. Kaum ein Kumpel rief an oder kam auf einen Sprung vorbei, ein Näschen Schore auf der Tasche. Auch sonst gab es keine Laufkundschaft wie in den Nächten zuvor, wo Leute um zwei in der Früh Sturm klingelten und ein Doppelbett buchten für ein paar Stunden, ohne Frühstück.

So wie Droese es gern tat, ein dicker Haushaltswarenvertreter, der meist Samstagnacht auftauchte gegen drei, vier Uhr, im Arm die pferdescheue Geliebte.

"Morgen Meister!" dröhnte er und rempelte mit seiner Plauze gegen die Rezeption. "Geht was?!"

Ohne eine Antwort abzuwarten, ob überhaupt ein Zimmer frei war, legte Droese nach.

"Das beste Zimmer, und nicht so ne Bumsbude!"

Das Turmhotel hatte knapp fünfzig Zimmer, in Größe und Ausstattung genormt, bis auf die Eckzimmer, die waren etwas geräumiger und hatten Panoramafenster.

"Für Sie, Herr Droese", sagte ich verschwörerisch, "hab ich noch ein Eckzimmer.." und nahm den Schlüssel vom Haken, "nur für Sie." Droese freute sich jedes Mal wie ein Ganove, dem ein unerwarteter Coup gelungen war, auf seine alten Tage.

"Immer nur das beste für den dicken Droese!" loderten seine blutunterlaufenen Augen, worauf er noch eine Pulle Schampus mitnahm und die Geliebte, die ansonsten nur still dabeistand, mich anstrahlte,

"..und nicht so eine Bumsbude."

Logisch, dass es stets ein gutes Trinkgeld gab.

In der letzten von sieben Nächten tauchte nie ein Droese auf. Wäre die siebte von sieben Nächten nicht die letzte für die nächsten acht Tage gewesen, ich hätte mich aus lauter Langeweile und Verdruss mehr als einmal in die Tiefe gestürzt. Um Mitternacht hatte ich die Nase voll vom Nichtstun. Ich schlüpfte in die Birkenstocksandalen des Chefs, die immer irgendwo rumstanden und auf mich warteten, und schlappte den Flur runter. Wie ein Indianer, der keine Lust mehr hatte auf traditionelles Kabelfernsehen, der ein bisschen Abwechslung suchte, blieb ich vor Zimmer 16 stehen und horchte an der Tür. Ich fragte mich, was das Pärchen aus Erfurt da drinnen wohl trieb. Pimpern, okay. Aber wieso in Solingen. In Köln meinetwegen oder in Düsseldorf, liegt ja beides um die Ecke, da ist was los, da gibt es Nachtleben. Aber ausgerechnet Solingen? Wer kam für einen GV nach SG?

Geplapper war zu hören. Kichern. Ich ging näher ran, presste das Ohr an die Tür. Das Pärchen schien sich im Bad aufzuhalten. Es schäkerte vergnügt, während Badewasser einlief.

"Ist doch logisch, dass ich schwimmen gehen will, wenn ich schon mal in einem Fünf-Sterne-Hotel bin", ulkte der Typ. Dann erzählte er etwas, was ich nicht ganz mitkriegte, vermutlich sprach er von seinem Hund, "ein ganz aktiver Bursche ist das, der ist den ganzen Sommer über steif."

Kati Kösau kiekste.

Die Beiden kannten sich noch nicht lange, jede Wette. Ein spezielle Spannung lag in der Luft und waberte unter der Türritze her, es duftete nach hoteleigener Seife und kurzen Dialogen. Das Badewasser wurde abgestellt. Dann wurde es still. So still, ich lauschte immer versunkener. Da musste doch was los sein im Bad, Unterwasserpraktiken, schnelle Handgriffe. Stattdessen hörte ich schnelle Schritte. Ich wich zurück und hob hastig die Hand, den Mittelfinger gekrümmt, so als wollte ich jeden Moment anklopfen. Falls die Tür sich geöffnet hätte. Man weiß ja nie. Doch die Schritte entfernten sich. Man planschte. Fehlalarm.

Punkt zwei Uhr ging das Telefon am Empfang. Der Bäckersbursche rief an und nahm die Brötchen-Bestellung entgegen. Kaum hatte ich aufgelegt, klingelte das Telefon erneut. Der dicke Hansen. Ob ich Lust hätte mitzukommen zum Konzert von Link Wray. Die Gitarren-Legende spielte in Köln, Dienstagabend. Eigentlich kannte ich von ihm gerade mal den Namen und einen einzigen Instrumentalkracher, der nach schwarzem Leder roch.

Link Wray.

Schöner Name.

Nach dem Telefonat pirschte ich zurück zum Zimmer 16. Das Badewasser gluckerte im Abfluss. Na, vielen Dank auch, lieber Bäckersbursche, und danke auch dir, dicker Hansen. Das Live-Baden hatte ich schon mal verpasst.

"..aber nicht lachen, ja? Dann geht's nämlich nicht!" japste Kati K. aus Erfurt.

Ich hatte keine Ahnung, was in dem Zimmer Sache war, welche Sauerei da vor sich ging, als es plötzlich KLACK machte. Ein Lichtschalter wurde angeknipst, und mir fuhr ein Riesenschreck in die Knochen. Wäre jetzt die Tür aufgegangen, hätte der Nachtportier des Turmhotels dagestanden mit langen Ohren, und Kati Kösau, Stressbiene aus Erfurt, hätte erschrocken aufgeschrien. Das musste ich nicht haben, einen Eklat in der letzten Nacht, wo der neue Tag sich zaghaft schon am Horizont zeigte.

Ich zog mich zurück ins Büro hinter der Rezeption. Da passierte wenigstens nichts. Da war es friedlich. Da wurde ich bezahlt fürs Abhängen im Chefsessel und Aufpassen auf gar nichts. Ich zog die Schlappen aus. Ein Schneesturm kam auf und umtoste den vierzehnstöckigen Turm, schickte etwas Eisregen vorbei, der gegen die Fensterfront klimperte wie verirrte Silvesterraketen. 

War das laut.

War das öde.

Noch fünf Stunden, dann war die Nacht um.

Fünf Stunden können sehr lang sein.

Fünf Minuten später. In der Hocke vor Zimmer 16. Ich blickte angestrengt durchs Schlüsselloch, obwohl die Schlüssellöcher blickdicht waren. Dann sagte der Kerl in Zimmer 16, ich hatte immer noch keinen Schimmer, wie er aussah, einen ganz wunderbaren Satz. Der Satz fiel, als Kati Kösau aus Erfurt versuchte, ihm einen Pickel auf der Nase auszudrücken.

"Halt doch mal still, Mann! Wie soll ich den denn klein kriegen!?"

"Laß den Scheiß, Kati", murrte er. "Der fällt doch von ganz allein ab."

Welch ein Satz! Ein Monument! Wieviel Männer müssen es tagtäglich über sich ergehen lassen, dass Frauen ihnen irgendwelche Mitesser, Furunkel oder Eiterbläschen streitig machen wollen. Dabei fallen die Dinger doch von allein ab. Den Satz musste ich haben. Vielleicht konnten ihn die Chinesen für mich abmalen.

"Der fällt doch von ganz allein ab!"

"Genau..", pflichtete ich dem Mann bei, in meiner Position an der Zimmertür. Auch Kati Kösau gackerte, sie kriegte sich kaum wieder ein, in dieser Nacht in Solingen.

"Mhaaa.."

Kurz darauf.

"Ist das ein Wind hier", hörte ich Kati sagen. "Das jammert ja richtig.."

Eine Tür fiel ins Schloss, irgendwo in den oberen Etagen, und mir rutschte wieder mal das Herz in die Hose. Junge, hatte ich Muffen, erwischt zu werden. Dazustehen wie ein blöder Spanner. Ich hörte die beiden miteinander reden, in schneller Folge ging es jetzt hin und her.

"Mustafa, pass auf."

Aha. Mustafa also. Ein Kümmel. Ein Deutsch-Kümmel. Die Stimme von Kati Kösau bekam einen barschen Ton.

"Du musst aufpassen.. echt, Mustafa. Die brauchen doch nur hier reinzumarschieren und schon können sie dich problemlos vierundzwanzig Stunden lang festhalten!"

24 Stunden festhalten? Daher wehte der Wind. Mustafa hatte krumme Geschäfte am Laufen. Die Schmiere auf den Fersen. Deswegen versteckte er sich in Solingen. Die Sache wurde interessant. Aktenzeichen XY.

"Sonntags verhaftet werden, das ist aber link!" lachte Mustafa. "Das ist ja wie in Amerika!"

"Ah, Mann, du nimmst auch gar nichts ernst. Das wird dir noch das Genick brechen."

Was war da los?

Ich kann es euch sagen, was da los war: Geräusche waren da los. So ein Rascheln, das entsteht, wenn Leute sich ankleiden. Das Plaudertäschchen aus Erfurt und ihr schwerkrimineller Galan schienen sich ausgehfein zu machen, um drei Uhr in der Nacht. Von Sonntag auf Montag. In Solingen, wo man die Nachtklubs an einer Hand abzählen konnte, und wo es nicht schadete, wenn drei, vier Finger fehlten.

"Mustafa, sag: Wo wichst du?" fragte Kati wie nebenbei.

"Was?! Wie bist du denn drauf?" antwortete Mustafa dunkel, aber freundlich.

"Ach, komm, Mustafa! Sag, wo wichst du am liebsten?!"

"Wie bist du denn drauf.."

Sie liess nicht locker.

"Nun sag schon.. Sei kein Frosch."

"Na, wo wohl. Im Bett natürlich."

"Aha. Im Bett. Wie spannend.. Und wo sonst noch? Unter der Dusche? In der Umkleidekabine? Auf der Autobahn?“

(Mustafa grunzte.)

"Ah, auf der Autobahn also, der Herr wichst beim Fahren. Wichst du beim Fahren auf der Autobahn, Mustafa? Gibs zu. Komm, das macht dir doch Laune.. abspritzen auf der A 46! Gibt das kein Aquaplaning? Das gibt doch Aquaplaning, Mustafa! Auf der Überholspur, ich werd nicht mehr.. Oder wo wichst du am liebsten!"

(Mustafa lachte.)

"Oder vorm Spiegel? Im Stehen? Bestimmt! Ja? Mustafa wichst vorm Spiegel im Stehen!"

Ich hörte eiliges Getrappel in Richtung Tür und machte, dass ich fortkam. Auf Schlappen den Gang runter, ins kleine Büro hinter der Rezeption, das dem Personal als Rückzugsort diente. Um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, ich könnte sie belauscht haben, fummelte ich an der Fernbedienung herum, ich tat so, als suchte ich ein TV-Programm. War aber gar nicht nötig. Die Beiden waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, ohne mich eines Blickes zu würdigen schlenderten sie an der Rezeption vorüber.

Ich hatte Herzklopfen. Ich hatte sie heimlich belauscht. Ich kannte sogar den Vornamen des Mannes und das Geheimnis seines Hundes. Ich sah das Paar durch die offene Tür Richtung Fahrstühle verschwinden. Kati Kösau aus Erfurt trug Lederjacke und sportliche Jeans, eine kleine emsige Person. Mustafa, langes schwarzes Haar, sah frisch aus, wie ein gut sortierter Dealer.

Es war drei Uhr in der Früh.

"Steckst du den Schlüssel ein?" flüsterte sie.

Dann waren sie im Aufzug verschwunden, und der Wind schoss direkt unter den Fenstern eine kleine Eisrakete ab.

18.8.16 13:09


Wochenende durchsaufen war Sport

 

 

Wochenende durchsaufen war Sport. Wir waren Freitags voll, Samstags voll, Sonntags halbvoll. Schlimm war es an langen Wochenenden: Freitags voll, Samstags voll, Sonntags voll, Montags halbvoll. Der Gipfel waren die Karnevalstage. Da waren wir Montags auch noch voll, und halbvoll fiel flach.

Ich erinnere mich an einen Rosenmontag. Wir saßen in den Malteser Gründen, einem Park abseits der Hauptverkehrsstraße, wo der Karnevalszug hermarschierte, Dschingderassabum. Karlos war so besoffen, dass er sich im Sitzen über die Schuhe göbelte. Mittendrin in der Kotze, zwischen Stückchen Salamipizza und Gin und Osaft, machte ich einen Zigarettenfilter aus. Auch wenn niemand sich erklären konnte, warum Karlos einen Kippenfilter gefressen hatte, Karlos musste ihn ausgekotzt haben. Eine andere Erklärung war nicht möglich. Hätte das Ding schon vorher dagelegen, es hätte nicht so ausgekotzt ausgesehen. Karlos selbst konnte sich am allerwenigsten erklären, warum er plötzlich Zigarettenfilter futterte, aber das war normal. Dass er solche Dinge nicht wusste. Karlos war immun gegen jegliche Motivforschung. Die Dinge waren, wie sie waren, fertig, aus. All diese bescheuerten Warums und Wiesos bringen doch nichts, sagte Karlos. Hab ich eben Spaß an nem Kippenfilter gehabt, ja, na und?!

Niemand hat je unsere Gegenwart so unbestechlich kommentiert wie Karlos.

"Als keiner gelacht hat, musste ich grinsen."

Genial.

Oder wenn er mich nachts oben im Turmhotel besuchte und zum Schluss den Aufzug betrat: "Jetzt geht es abwärts, Glumm - definitiv."

Es waren ruhelose barbarische Zeiten. Ein durchgesoffenes Wochenende begann Freitagabend mit einem schnellen bösen Absturz. Schnell und böse, weil wir uns angewöhnt hatten, es von Montag bis Donnerstag drunterher zu tun, wie wir das nannten, nüchtern zu bleiben, nichts zu trinken. Die cleanen Tage unter der Woche, die einem notdürftig wieder auf die Beine halfen und wo jedermann seinen Geschäften nachging. Dementsprechend brauchte es Freitagabend am Tresen nicht sehr viel Alkohol, und man war hinüber. Solche Besäufnisse hatten oft einen Makel: einen lückenlosen Filmriss.

Samstagmittag traf sich alles am Tresen wieder. Man warf sich verkaterte Grüße zu, konnte sich an nichts erinnern, unerklärliche Blessuren wurden herumgereicht, "hat einer ne Ahnung, warum ich neben dem Rektalthermometer meines Hundes aufgewacht bin?" Man blieb für den Rest des Tages im Mumms hängen, abgesehen von heiseren kleinen Ausflügen zu Fisch Meier für ein Fischbrötchen mit Mayo. Ausnahme: irgendwo war eine Party angesagt. Es gab eine Menge Partys damals. Später nicht mehr.

(Um an die Tradition zu erinnern, gegen einen Kater Fisch zu essen, warf Fisch Meier Samstagvormittags um elf Uhr das große Fischgebläse an. Sofort stank es in der gesamten Innenstadt nach Bratfisch, wie von einer unsichtbaren Rattenfängermelodie geführt konnte man gar nicht anders, als bei Fisch Meier einzukehren, sich anzustellen und Fischbrötchen zu fressen.)

Am besten besoffen war man grundsätzlich am zweiten Tag, am Samstag. Noch gut eingesoffen vom ersten Abend waren wir wie junge Vögel, die der Kellnerin ihr zittriges Köpfchen entgegenreckten und schrien, wenn Marina mit dem nächsten Tablett angeflogen kam – Marina, Mutter aller Biertabletts, Mutter aller "ICH ZAHLE AM MONTAG, MARINA! VERSPROCHEN!!“-Deckel.

Spätestens um Mitternacht erwischte ich mich auf dem nach Pferdefrikadellen und Kölschbierpisse stinkenden Männerpissoir im Mumms, wo ich grinsend vorm Spiegel stand und mich anblaffte, „na, Meister, hast es wieder geschafft, he? Glückwunsch!“

Samstagabend im Mumms war der natürliche Höhepunkt aller Trinkgelage. Dickwandige Cocktailgläser, gefüllt mit Wodka und Ginger Ale, notdürftig von einem Bierdeckel abgedeckt, knallten auf den Holztresen.

"RAPIDO!" schrie Benzini, und kippte sich den grau-goldenen Schaum in den Hals.

Wem es zwischenzeitlich nicht gut ging, wer glaubte, nichts geht mehr, ich muss gleich kotzen, der tauchte eine Weile ab und verschnaufte im Stadtgarten, bis die zweite Luft nahte und das Säuferherz wieder freischaufelte. Ergebnis: der obligatorische zweite Filmriss. Der erwischte einen zumeist Sonntags im Morgengrauen, bei irgendwem auf der Bude, wo ohne Unterlass Haschischpfeifen und Bongs präpariert wurden, unterfüttert von Amphetaminen, dem allgegenwärtigen Arbeiterkoks.

Traditioneller Abschluss jeder Wochenendsauferei war Sonntagmittag auf der Terrasse des Cafe Metropol, direkt an der langen staubigen Strasse Richtung Gräfrath, doch insgesamt blieb der Sonntag bloßer Abklatsch, uninteressant.

Dritte Wahl.

Aber schön betrunken war man doch.

Montagfrüh wurde ich völlig zerstört wach. Ich war so groggy, dass ich geschlagene zwanzig Minuten auf dem Bettrand hockte und dumpf ins Nichts stierte. Mein Schädel schnaubte und ächzte, als wäre ich in der Nacht in eine Turbine geraten, das Gewebe schmerzte bis in allerletzte und bis dato unbekannte Kammern. Wie schwach so ein Körper werden konnte, wenn er plötzlich ohne Alkohol zurecht kommen musste..

Ich ließ eine Badewanne einlaufen, stellte die Klingel ab, das Telefon leise. Ich konnte außer Stille und heißem Wasser nichts ertragen. Bewegungslos versumpfte ich in der Emaille, den Blick über Stunden starr zur Decke gerichtet, die Nerven ein Trümmerfeld. Zwischendurch ließ ich immer mal heißes Wasser nachlaufen, bis es irgendwann nichts mehr brachte und soweit abgekühlt war, dass ich aus der Wanne musste, ob ich wollte oder nicht. Sobald ich mich nämlich bewegte und Badewasser schwappte gegen den Bauch, bibberte ich erbärmlich. Die Haut in Runzeln gelegt, war ich nur noch eine unangenehm große Spätgeburt.

Beim Abtrocknen fiel mein Blick ins blaue Saunatuch. Ich bemerkte zwei Flecke. Da waren noch mehr Flecke, da waren drei, vier große Flecke, wie Hühnereier. Ich bekam einen Riesenschreck, versuchte mein Gesicht zu erkennen im von Wasserdampf beschlagenen Spiegel. Ich spürte diesen eigenartig warmen Geschmack von Blut in Mund und Nase, den Geschmack von warmem Eisen. Blut rann durch mein Gesicht, tropfte ins Saunatuch. Es war, als stünde ich neben mir, auf einem erhöhten Treppchen, als beobachtete ich mich entgeistert.

Ich drehte Wasser auf im Handwaschbecken, schüttete es in mein Gesicht, während das Blut lustig weitertropfte, auf den Boden, ins Waschbecken, ins Saunatuch.

Nasenbluten, versuchte ich mich zu beruhigen, ist nur Nasenbluten, ist nichts schlimmes, so was passiert.. Nasenbluten reinigt. Es war Montagmorgen, und ich spuckte ruhig Blut.

19.8.16 13:05


Irgendwas mit Mädchen


 

Sobald der Rummel seine Fahrgeschäfte auf dem großen Platz hinter der Klingenhalle aufbaute, kamen wir aus allen Ecken der Stadt angekrochen. Besonders Blue Hawaii hatte es uns angetan. Gefahren bin ich Blue Hawaii so gut wie nie, aber das Ding war auf jeder Kirmes Anlaufstelle No. 1, wenn es um Mädchen ging. Alle wussten: Mädchen trifft man am Blue Hawaii. Das war der place to be. Da stand man Stunde um Stunde rum und wartete, dass etwas passierte.

Irgendwas mit Mädchen.

Sie war klein und kompakt und hatte blondes Haar, das ihr wie ein Helm auf dem Kopf lag. Ein pudriger weißer Film von Schminke lag auf ihrem Gesicht, wie der Zucker auf einem Streifen Wrigleys-Kaugummi, den man frisch aus der Packung holte. Sie trug knackig-enge Jeans und achtete streng auf ihr Äußeres, gleichzeitig strahlte sie etwas mildes und nachsichtiges aus. Darauf stand ich total. Ihre Augen blitzten grüngrau, echte Katzenwelten, darüber diese langen Lider, wie Markisen eines Pelzhändlers.

Ich wusste nie, wie ich sie ansprechen sollte. Es war auch nicht gerade leicht, sich den Mädels überhaupt zu nähern. Wir Jungs standen in der einen Ecke des Fahrgeschäfts, der Pulk der Mädels auf der gegenüberliegenden Seite, dazwischen rotierten die Gondeln, von Motoren, Riemen und dem dröhnenden Glitter-Rock der Glitter Band angetrieben, Rock’n Roll. Part One. Die mitreisenden Schausteller standen gegen den Fahrtwind gelehnt auf der rotierenden Drehscheibe, aufrecht und stolz wie Stehruderer auf venezianischen Gondeln. Die Haare geföhnt, hielten sie sich an den Rückenlehnen der Sitze fest. Aber sie kriegten nie ein Mädchen ab. Die Mädchen gehörten uns, den einheimischen Jungs. Die Mitreisenden durften ein bißchen aufschneiden, sie durften auf dicke Hose machen, dagegen hatte niemand etwas einzuwenden, weil alle wussten: spätestens nach anderthalb Wochen hiess es das Fahrgeschäft abbauen, und weiter ging’s Richtung Gelsenkirchen. Wir dagegen waren noch in der Stadt, wenn die Kirmes längst weitergezogen war, wir hatten es in der Hand, die Sache mit den Mädchen. Wir guckten, wie es weiterging.

Wenn ich mich nur getraut hätte.

Sie hatte keinen Freund, das stand mal fest. Ich sah sie stets mit anderes Mädels über die Kirmes ziehen, zum Auto Scooter, zum Kentucky Derby, zur Spinning Racer Achterbahn und zum Stand mit den roten Zuckeräpfeln, nie mit einem Kerl. Und selbst unter ihren Freundinnen schien sie eher für sich zu sein. Eine hübsche kleine Einzelgängerin. Dagegen waren andere Mädchen bloße Staffage. Jedenfalls für meine Augen. Karlos hatte eine andere Puppe im Blick, er beachtete meinen Schwarm überhaupt nicht. Er nannte sie nur die kleine Katze.

Wenn mein Blick sie traf, schaute sie schnell woanders hin, während zwischen uns die Gondeln vorübersausten, in ständiger Kurvenlage und so laut und rumpelnd, dass einem der Hintern flatterte. Doch wenn sie sich ein Herz nahm und endlich mal zurückblickte, wenn sie sich endlich mal traute, dann fixierte sie mich regelrecht. Und mir wurde mulmig. Ihre Katzenaugen hatten etwas kühles, gleichzeitig höchst inniges. Sie war ein Rätsel. Sie war hypnotisch.

Ich träumte von ihr.

Von ihrer Stupsnase und dem Kragen ihrer Jeansjacke, den sie stets hochgeschlagen trug, wie ein kleines Postergirl. Ich kannte ihren Bruder, er war so alt wie ich, ein Gitarrist, der später bei Fehlfarben einstieg. Mit der familieneigenen Stupsnase.

Jahre später sah ich sie wieder. Sie lächelte genauso schüchtern wie früher und hatte ein Kaugummi in Arbeit. Sie war immer noch kompakt wie ein Block Wrigleys, sie roch nach Minze und frisch gewaschener Jeansjacke, der Kragen war hochgeschlagen, da war die Stupsnase. Es war irgendwie perfekt. Ich wollte sie ansprechen, nach all den Jahren, warum nicht, meine Güte, wir waren keine Kinder mehr. Sie stand nicht mal einen Meter entfernt an der Fußgängerampel, doch ich liess es sein. Es hätte keinen Sinn gemacht. Es war zu spät. Jetzt konnte es auch bleiben, wie es ist.

Sie lächelte, und blickte schnell weg.

19.8.16 15:22


Der Hitzepeter ist in der Stadt

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Haltestelle Felder Straße, 35 Grad.

"He..! was ist das denn??!" Der Blick des Busfahrers fällt nach unten, immer dem Rinnsal nach, der schmalen Spur, die unter dem Behindertensitz endet. Fassungslos schiebt der Fahrer die Sonnenbrille hoch. "Da hat doch nicht etwa jemand in die Ecke gepinkelt??"

"Sieht irgendwie.. klebrig aus", sage ich und stecke das gerade gelöste Kurzfahrten-Ticket in die Hemdtasche, "wie Limo.. so Limette."

"Hm", sagt der Fahrer besänftigt und lässt den langen Gelenkbus der Linie 695 anrollen, mit einem trockenen Ruck, der auch die Pisse wieder in Bewegung setzt.

Ein Busfahrer muss nun nicht mit jedem Kleinpiss belästigt werden.

 

*

 

Laut ist es im Bus, laut und mächtig heiß, Montagmorgen. Schüler und andere schwitzende Personen lassen sich von einem Punkt der Stadt zum anderen karren. Ob die alle immer so genau wissen, wohin sie wollen, wohin die verdammte Reise geht?

"ABER WIR WOLLEN JA NICHT KLAGEN! IST BESSER ALS FRIEREN!" schreit die Frau mit dem knusprigen Teint ihre Banknachbarin an, nachdem sie ihr zuvor unermüdlich ihr Leid geklagt hat.

"Oben in unserer Dachgeschosswohnung ist eine tropische Hitze, da finde ich erst früh um vier endlich Schlaf, aber dann muss ich auch schon aufstehen und alle Fenster aufreißen, um die Nachtkühle reinzulassen.. Da ist mit Schlaf direkt wieder Sense.. Aber wir wollen ja nicht klagen, ist besser als frieren.., ja?"

Ich finde frieren besser. Jedenfalls besser als während der Hitzewelle im Bus zu sitzen, in dem es nach Pisse stinkt, nach Zwiebelkuchen, nach Menschen mit vom Wochenende verprügelten Gesichtern.

 

*

 

Elf Uhr. Kein Windhauch geht, 38 Grad im Schatten und so dicke Ränder unter den Augen, als hätte ich unermüdlich mit der Nacht-Flex gearbeitet.

Zur Erfrischung überbringen wir uns gegenseitig Ozeanworte, Worte wie: ultramarinblau.

Riff.

"Mhh.. schön kühl", sagt sie.

Die Gräfin hat es sich unterm Sonnenschirm bequem gemacht, auf der schmalen Campingliege. Wie ein Skispringer liegt sie im Garten, kurz nach dem Abheben vom Schanzentisch. Die Arme angewinkelt, auf dem Bauch, regungslos. Nur ihre Augen zucken leicht im Vormittagstraum; zwei Vögelchen, die nach innen schweben.

"Drehen wir ne Runde", flüstere ich Frau Moll ins Ohr, die unterm Essigbaum ruht.

Man hört nicht viel von ihr, bis auf ihre lange Hundezunge, die alle paar Minuten ins Leere abknallt – ein dunkel peitschendes Falllopp. Im Anschluss: nicht enden wollendes Hecheln.

Wir schlendern durch den schattigen Hinterhof, und ich schaue mir ein bisschen die Unterhosen an, die Nachbarn zum Trocknen rausgehangen haben, wobei die Unterhosen, die ich an der Wäscheleine sehe, wenig gemein haben mit den Unterhosen, die man aus der Werbung gewöhnt ist: Cotton Basics Feinslips, Boxer Shorts Plus, Stretchlimos, die wohnen hier nicht.

Frau Moll tapert lustlos hinter mir her. Die Russin von nebenan, die Brote backen kann groß wie Kopfkissen, steht am offenen Fenster und grüßt.

"Ist ein Lüftchen, wie wenn man Banane vierzig Mal kaut", sagt sie fröhlich. "Wie warme Brei, so ist Luft. Grüßen Sie schöne Frau."

 

*

 

Es war der Sommer der Hitzerekorde.

Wochenlang Dschungelwetter, Gartentörchen knackten, in den Industriegebieten stand die Produktion still. Nichts rührte sich mehr. Man war schon froh, wenn ein Windstoß hinter der Ecke lauerte, auch wenn der Bursche gar nicht zum Einsatz kam. Einen Windstoß kurz zu Gesicht zu bekommen war schon sensationell. Windstöße standen kurz vorm Aussterben. 

"Der Hitzepeter ist in der Stadt", stöhnten die Leute.

Er nahm sich alle gängigen Erquickungen zur Brust und vernichtete sie. Windstöße, kurze Landregen, Schattenspiele - es blieb kaum etwas übrig, was die Gluthitze linderte.

Ende August wurde die 40 Grad-Marke geknackt. Es war so drückend heiß, dass ich mir einen Eimer Wasser unter den Schreibtisch stellte, den ich stündlich mit frischen Eiswürfeln auffüllte. Das machte es erträglich. Und schreiben musste ich ja. Sonst drehte ich durch. Schreiben hielt die Dämonen in Schach. Halbwegs.

Im Fernsehen zeigte ein Nachmittagsmagazin mit Handy aufgezeichnete Wiederbelebungsversuche am Ufer des Badesees. "Ich kann mich nicht mehr bewegen", stöhnte der junge Mann, der kopfüber ins flache Wasser gesprungen war und einen Felsvorsprung getroffen hatte. Jetzt lag er da und ahnte noch nicht, was das für ihn bedeuten sollte für den Rest seines Lebens. Es war sein erster querschnittsgelähmter Nachmittag. Sein erster von vielen tausend, die noch kommen sollten. Und ich saß vorm Fernseher und guckte mir das an, machte mir meine Gedanken dazu, die ich Sekunden später vergessen haben würde.

Es gab Momente, da verachtete ich das Leben für seine Unnachgiebigkeit, seine beispiellose Konsequenz.

Drüüt! ging die Türschelle, drüüüt! Drüüüüt!

Der Hund kläffte, aber nur ein einziges Mal, dann lag er wieder ausgepumpt in der Ecke. Es war zu stickig, um sich groß aufzuregen, nur weil die Klingel ging und jemand Einlass begehrte. Auch ich blieb am Schreibtisch sitzen und guckte aus dem Fenster. Da parkte ein großer roter Taunus, direkt vorm Haus. Ich kannte keinen, der einen großen roten Taunus fuhr. Andererseits wechselten die Leute dauernd ihre Autos, schon um mich zu irritieren. Damit ich nicht mehr ein noch aus wusste, wenn in einem Wagen, der mir eben noch bekannt vorkam, plötzlich eine Gestalt saß, die da nicht reingehörte.

Ich pitschte auf nassen Füßen zur Haustür. Ein älterer hagerer Mann stand auf der Matte. Er trug einen Kittel und in der Hand einen Bastkorb, gefüllt mit Obst, und er schwitzte.

"Guten Morgen..", sagte er. "Könnt ihr Äpfel gebrauchen?"

"Äpfel?" Ich schüttelte den Kopf. "Eigentlich nicht."

"Dankeschön."

Na, du lässt dich aber schnell abwimmeln, dachte ich. So gibt das aber nichts. So wirst du nicht einen Apfel los.

Er klingelte eine Etage über uns.

"Da ist niemand um diese Tageszeit", sagte ich.

Er klingelte ganz oben, unterm Dach. "Und hier?"

"Da wohnt Lester. Der Hase."

"Ein Hase?"

"Ja. Das heißt, nein. Hase ist nur sein.. Deckname. Eigentlich heißt er Lester. Er hat ein paar Tage Urlaub, glaub ich. Kann sein, dass er zuhause ist.. weiß nicht."

Lester war der Prototyp eines Einzelgängers. Ich wusste nicht viel über ihn, obwohl er fast genauso lange im Haus wohnte wie ich, fast zwanzig Jahre. Mit seiner mächtigen Naturkrause sah er aus wie jemand, der den Schrank voller Zappa- und Captain Beefheart-Scheiben hatte. Auch wenn er wie ein aus der Zeit gefallener Hippie wirkte, ich kannte niemanden, der sein Leben so straight nach Plan lebte wie Lester.

Er verließ jeden Morgen Punkt halb Sieben das Haus, fuhr zur Arbeit, kam gegen fünf heim. Um halb acht brach er in die Stadt auf, um bei Enzo einen Kaffee zu trinken. Spätestens eine Stunde später war er zurück, wir hörten seine Schritte im Treppenhaus. Je nachdem, wie der Tag verlaufen war, trat er auf. Manchmal stampfte er zornig durchs Haus, manchmal federte er geradezu. Seine Waschmaschine lief jeden Mittwochabend rund, von halb sieben bis halb acht, im Sommer machte er vier Wochen Urlaub in Andalusien. Einmal im Monat legte die Post das alternative Musikmagazin Visions in seinen Briefkasten.

Lester machte keinen unglücklichen Eindruck, aber mit der Zeit schlichen sich Sprachfehler ein, zuletzt stotterte er beinah. Was war passiert? Wir wussten es nicht. Vielleicht war er einsam. Keine Ahnung. Wir wohnten ja nur im selben Haus, wie soll man da wissen, ob jemand allein ist oder schon einsam. Die Leute reden ja nicht. Die Männer. Man muss schon sehr genau hinhören, um bei einem Typ wie Lester mitzukriegen, was wirklich mit ihm los ist. Wenn wir ihn durchs Haus stampfen hörten, hatte er einen schlechten Tag gehabt, das stand mal fest.

Der Obstverkäufer gab nicht auf. Er stand sozusagen auf Lesters Klingel, wenn auch mit dem Zeigefinger. Er schwitzte und er klingelte. Vielleicht hatte er meine Gedanken gelesen. Dass ich ihm nichts zutraute, als Obstverkäufer. Dem zeig ich's aber, dem Erdgeschossler! Von wegen, ich geb zu schnell auf!

Ich holte mir ein Wasser aus der Küche, tropische Hitze macht durstig. Ich trank seit Tagen ein Wasser nach dem anderen, vermutlich bestand ich schon zu zwei Dritteln aus Sprudelwasser.

"WAS IS LOS?!"

Das war Lester. Er brüllte von oben durchs Haus.

"WER IST DA?"

"GUTEN MORGEN, JUNGER MANN!" rief der Obstverkäufer durch das Spalier der Treppengeländer. "SAGEN SIE, KÖNNT IHR ÄPFEL GEBRAUCHEN?!"

"WER IST DA?!"

"ÄPFEL! ICH VERKAUFE ÄPFEL! ICH BIN DER OBSTVERKÄUFER! KÖNNT IHR..!?"

Im zweiten Stock fiel krachend die Wohnungstür ins Schloss. Lester machte nicht viel Worte. Ein staubtrockener Geselle. Nur sein Gang hatte etwas Nobles an sich. Er bewegte sich, als wäre er sein eigener Butler.

"Tja", sagte ich zum Obstverkäufer.

Er stand auf der Matte am Hauseingang und blickte mich verlegen an. Eigentlich, sagte dieses Gesicht, könnte ich jetzt auch Feierabend machen. Oder mich weghängen.

"Trotzdem vielen Dank, junger Mann."

Ich ging an den Schreibtisch zurück, zu meinen Eiswürfeln, zu meinem Hund und den Geschichten. Ich sah aus dem Fenster, beobachtete den Obstverkäufer, er betrat das Haus gegenüber. Er sah irgendwie witzig aus, eine Gestalt aus Grimms Märchen. Ich versuchte zu lachen, doch zu heiß zum Lachen reicht es nur zum Glucksen.

Mir schoss ein Gedanke durch den Kopf. Warum nicht ein paar frische Äpfel kaufen und am Abend die Gräfin überraschen? Mit einem Obstsalat. Einem Apfelsalat.

Ich erwischte den hageren Obstverkäufer auf der Straße, fröhlich pfeifend schritt er voran. Da hatte er wohl im Haus gegenüber einen guten Deal hingelegt, der alte Boskop-Lümmel. Der Hund war mit nach draussen gekommen. Auf kochend heißem Terrain waren wir barfuß unterwegs. Der Teer platzte hier und da schon auf. Die Sonne knallte unerbittlich, kein Baum spendete Schatten, obwohl es genug Bäume gab in der Nachbarschaft. Doch in jenem Sommer standen sie nur tatenlos in der Gegend rum und weigerten sich, Schatten zu werfen. Es war, als hätten sie über die Jahre so viel Schatten gespendet, jetzt war genug. Dazu noch die Windstöße, die kurz vorm Aussterben standen.. Das Wetter war auf einem absteigenden Ast in jenen Tagen.

"Hallo..!" rief ich.

Der Mann blieb stehen.

"Ich nehm doch ein paar Äpfel."

Er wartete, bis ich zu ihm aufgeschlossen hatte.

"Sind die auch lecker?" fragte ich.

Weil es so heiß war auf dem Asphalt, tänzelte ich von einem Fuß auf den anderen. Der Hund war cleverer. Er blieb auf der Wiese und legte sich ab.

"Das ist Berlepsch, seltene Sorte, superlecker. Wieviel Äppel brauchen Sie denn, junger Mann?"

"Na, drei, vier Stück vielleicht."

"Wie? Drei oder vier..? Nein, das geht nicht. Ich hab das Obst doch nur abgepackt. Sehen Sie! Ist ganz frische Ware."

Auf seiner Stirn bildete sich eine Art Ypsilon. Ich hatte noch nie ein hingeschwitztes Ypsilon auf der Stirn eines reisenden Obstverkäufers gesehen. Und seine knollige Nase erinnerte an einen nachlässig aufgerollten Damenstrumpf. Leute gab es. Keine schöne Sache. 

"Wie..? Einzelne Äpfel verkaufen Sie nicht?"

"Nein. Tut mir leid. Ist alles abgepackt." Er zeigte in seinen Korb. Knallrote Äpfel leuchteten mich an, in Folie eingezogen. Wie im Märchen. "Da müsste ich die Packungen ja alle auseinanderreißen.."

Ich hüpfte in den Vorgarten, zum Hund. Da war es kühler.

"Und was ist die kleinste.. Einheit?"

"Fünf Kilo, acht Euro."

Fünf Kilogramm! Acht Euro!! Mannomann! Gibts doch nicht!

"Das sind ja mindestens.. fünfzig Äpfel! So viele Äpfel will ich doch gar nicht!"

"Nein, sind dreißig", entgegnete er ölig. "Maximal dreißig. Normale Größe, süß, saftig. Berlepsch. Seltene Sorte, fast ausgestorben."

Aber ich hörte gar nicht mehr richtig hin. Das Ding war gelaufen. Dabei hätte es so romantisch werden können. Ein paar wilde Äpfel an der Haustüre kaufen, vielleicht noch einen verwunschenen Kamm mit ein bisschen Gift dran, aber nur ein bisschen Gift, zum Antörnen..., aber - fünf Kilo?! Was sollten wir mit fünf Kilo Obst?!

Ich war froh, als ich wieder in meiner schattigen Bude hockte, die Füße baumelten im Eiswasser, der Hund schnorchelte leise vor sich hin.

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25.8.16 07:56


Mein Lieblingsbild: Frauenzimmer, Susanne Eggert

 
 
 
 
29.8.16 06:55


Madam, Sie müffeln, und das nicht zu knapp!


 

In einem seiner autobiografischen Romane hilft der italienischstämmige US-Autor John Fante alias Arturo Bandini seinem alten Vater beim Bau eines Hauses. Wie immer geht eine Menge schief, tragende Wände stürzen ein, Knochen brechen. Und da ist der alte Familienhund, der als Running Gag den ganzen Tag in der Ecke liegt und vor sich hin furzt, mit Flatulenzen im Endstadium.

Als ich das Buch Anfang der Neunzigerjahre in einem Haps weggezogen habe, amüsierte mich die bestialisch müffelnde alte Töle in der Ecke, ohne zu ahnen, dass uns zwei Jahrzehnte später ein ähnliches Schicksal ereilen sollte: eine Hündin, die hässliche kleine heiße Schleicher absondert, während wir friedlich zu Tisch sitzen. Ein bösartiger Gestank, der einem keine andere Wahl lässt als angewidert aufzustöhnen, verdammt, was hat der blöde Hund draußen wieder gefressen! Ist ja nicht zum Aushalten! Hau ab!

Frau Moll trollt sich beleidigt, todunglücklich aus dem Hintern stinkend. Was sie eine Stunde später im Coppelpark nicht davon abhält, ganz nach ihrem Herzensmotto Fressen gehört dem, der es findet ein Stück weggeworfene Fleischwurst, noch in der Pelle, aufzunehmen und in einer Hast zu verschlingen, die keinen Eingriff meinerseits erlaubt - so schnell ist das Aas, wenn es was zu fressen findet.    

Wenn ich sie dann ausschimpfe, macht sie erstmal auf schön Wetter. Sie ist unterwürfig wie Goebbels.

"Aber ich habe doch einen Hinkefuß! Ich kann doch nicht anders!"

"Ich bin nun mal ein Schwein, wenn ich Fleischwurst rieche!"

"Ich bin ein Fleischwurstjunkie!"

"Eine Billigschauspielerin!"

"Ich hab immer Hunger! Ich bin unschuldig! Ich befinde mich Tag und Nacht im Hagel meiner Lüste!"

An selbstbewussteren Tagen sieht die Sache anders aus. Kaum kommen wir auf ihre Blähungen zu sprechen, aus Gründen, die in die Nase steigen, dreht sich Frau Moll auf ihrer Schmusedecke um und furzt in die andere Richtung. Als wäre das so einfach. Als würden sich Darmgase auf diese Art und Weise nicht im Raum verbreiten. Manche Hunde neigen zur groben Simplifizierung von Problemen. 

Überhaupt sehen Hunde manche Dinge anders als der Mensch. So ist es zwar Mollis größter Traum, einmal die Hosen anzuhaben, und zwar an allen vier Beinen gleichzeitig, doch die Beziehung zum eigenen Körper ist kompliziert. So ist es für einen Hund längst keine ausgemachte Sache, wem so ein Hintern gehört, nur weil weiter vorn der eigene Kopf draufsteckt. Mit dem Hinterteil an sich hat der Hund nichts zu schaffen. Das Bewusstsein für sein Ich endet mit der Schnauze. Alles, was danach kommt, obliegt einer fremden Macht. Es passiert immer wieder, dass Frau Moll vor den eigenen Darmgeräuschen davonläuft. Sie kapiert nicht, dass es aus ihrem eigenen Leib kommt. Geruch und Klangfarbe empören sie derart, dass sie den ganzen Abend auf der Flucht vor sich selbst ist.

Arme Frau Kimble.

31.8.16 11:06


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