Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Blueshunde

2. Juli 1987

Sonnenaufgang: 5 Uhr 10. Todestag: Hemingway. Namenstag: Wiltrud.

Als um acht die Ablösung kam, war ich ausnahmsweise mal nicht k.o. vom Nachtdienst. Und das, obwohl ich am Vorabend durch einen Telefonanruf erfahren hatte, dass Pepe tot war, in der Woche zuvor gestorben, in München. An einer Überdosis.

"Schönen Vormittagsschlaf", wünschte mir Frau Wessel, die gerne ohne Unterbechung redete, damit niemand auf die Idee kam, sie hätte nichts zu sagen.

"Nö", sagte ich, "ich geh erstmal schwimmen."

"Oh, was ein agiler Mensch", sagte Frau Wessel, da war ich schon um die Ecke. Ich war ja noch gar nicht fertig. Ich musste erst das Gepäck abfertigen für eine 40köpfige amerikanische Reisegruppe und das Honorar einsacken, dann nahm ich den Obus Richtung Strandbad.

Am Pfaffenberg stieg ich aus und schlug mich bergab durch den Busch, die enge, am Sack zwickende Badehose druntergezogen. Ich war selbst erstaunt, dass Pepes Tod mich irgendwie nicht erreichte. Ich freute mich einfach auf den ersten Freibadtag dieses Sommers und sah mich schon relaxed auf der Decke liegen, ein Bier trinken und zwischendurch ins Wasser fallen.

Stattdessen - war der Eingang verrammelt.

Am Tor hing ein Schild.

 

 Öffnungszeiten in der Woche:
11-20 Uhr

 

Schon auf dem Waldpfad hatte ich mich über die ungewohnte Stille gewundert. Normalerweise wurde das Kindergeschrei um so lauter, je näher man dem Freibad kam, doch davon war nichts zu hören gewesen. Kein Gekreische, kein Geplansche, nichts. Was tun? Zwei Stunden am Eingang rumlungern, bis der Laden aufmachte?! Etwa den ganzen Weg zurücklatschen, berghoch, für nichts?

Ich stand am Gitter, ließ mich vom Anblick des Schwimmbeckens einlullen, vom teenagerblauen Schimmer des Wassers und dem Flug der Libellen, die über die Wasseroberfläche rotierten und Loopings zeigten, ein zackiges Zirkusgeschwader.

Wollte Pepe mir vielleicht etwas mitteilen? Warum konnte ich nicht weinen? Was war los? Wer hätte je unsere jungenhafte leichtsinnige Suche nach Liebe besser ausdrücken können als Pepe. Sein Wille zum pausenlosen Gutdraufsein hatte ihn gekillt. Dann sah ich ihn. Ein Mann im Trainingsanzug. Er marschierte auf der hinteren Liegewiese auf und ab, in den Händen diesen überdimensionierten Frittenpieker.

Ich rüttelte am Gitter. “Halloo!? Hee!”

Er reagierte nicht.

“HALLOOO!!”

“Ja..?”

“SAGEN SIE, KÖNNTEN SIE MICH REINLASSEN?”

“Ist zu!”

“WAAS?!”

“IST NOCH ZU! WIR MACHEN ERST UM ELF AUF!”

“JA , WEISS ICH, ICH HAB DAS SCHILD GELESEN.. ABER ICH BIN EXTRA ZU FUSS RUNTERGEKOMMEN..”

Er stierte zu mir rüber, unentschlossen.

“ZU FUSS, ICH BIN EXTRA ZU FUSS..!“

“SCHON GUT, SCHON GUT. ICH KOMME JA SCHON..”

Er ließ sich Zeit. Er trottete den langen Weg an den Umkleidekabinen vorüber, in die der Mitsubishi Boy in den frühen Siebzigern seine legendären Löcher gebohrt hatte, in perfekter Muschihöhe, in mühsamer Kleinarbeit, mit dem Handbohrer. Ich wartete.

Der Bademeister rief etwas in meine Richtung. Ich verstand ihn nicht. WAAS!? Ich solle zu einer anderen Toreinfahrt kommen, rief er. In Ordnung. Klar. Anderes Tor.

Das Gitter schob sich automatisch ein Stück auf, schon stand er vor mir, der Bademeister - mit einer Töle, die er stramm und kurz an der Leine hielt. Wo zum Teufel hatte er die so schnell her..? Ein Boxer-Mix. Ein Mordsvieh. Hektor. Unter Garantie Hektor. Solche Hunde kennen keinen anderen Namen.

“Was gibt’s?”

“Können Sie mich reinlassen?”

“Wir machen erst um elf auf.”

“Schon, ja.. aber ich komme direkt vom Nachtdienst..! Ich bin vom Pfaffenberg zu Fuß runter.. den ganzen Weg extra durch den Wald. Ich dachte, ihr macht um neun auf.. Können wir nicht eine Ausnahme machen?”

Die Töle hechelte mich an. Wuppertaler SV las ich auf dem blau-roten Trainingsanzug des Bademeisters. Ein abgewetztes Teil, so aus der Nähe. Ich sagte nichts mehr. Ab jetzt war jedes Wort zu viel. In kniffligen Momenten sollte man seinem Gegenüber stets das Gefühl geben, er habe das Heft in der Hand, und schön die Klappe halten.

“Na gut, aber ins Wasser erst ab elf. Vorher ist das Schwimmen untersagt.”

“Okay! Kein Problem. Ich will mich nur was auf die Wiese legen..!”

Ich drückte ihm das Eintrittsgeld in die Hand, und hinter mir schnurrte das Tor zu. Drin war ich. Ganz allein, mutterseelenallein, im Schellberger Strandbad, Donnerstag, 2. Juli 1987, neun Uhr in der Früh. Welch eine Stille. Nur das Plätschern der Brunnen im Kinderbecken war zu hören, das Knistern der Stromleitungen, die sich übers ganze Gelände schwangen, von Strommast zu Strommast, wie aufgeweichte Linien im Notenheft.

Das Gras, noch feucht von der Nacht. Völlig übermüdet breitete ich das weiße Handtuch aus und schlief auf der Stelle ein. Ein windiger Schlaf. Der Himmel bedeckte sich, ich spürte es im Traum. Unter den Strommasten sammelten sich die ersten Stechmücken und machten sich ausflugfertig für elf Uhr, für die erste Blut-Tombola des Tages.

Einmal wurde ich jäh wach und glaubte den Bademeister schimpfen zu hören, “ja, gottverdammich! Wieso springt der nicht an?!” Kurz darauf startete ein Wagen und entfernte sich knatternd den steilen Schellberg hinauf. Vielleicht fuhr der Bademeister Würstchen kaufen, dachte ich. Für den Kiosk.

Für um elf.

Es dauerte keine Minute und ein paar prüfende Blicke, ob der Kerl auch wirklich nirgendwo zu sehen war, schon war ich unten am Beckenrand und sprang kopfüber ins Wasser. Keep it on the cool side..! Ich machte einige Tauchgänge, schnappte nach Luft, kämpfte mit Libellen, hörte Gebell.. Gebell? Hektor!! Es dauerte keine Minute, und ich lag wieder auf meinem Handtuch in Hanglage, und schlief weiter, ominöse Träume träumend.

“He – woher kenn ich dich noch mal?!”

Die Frage erreichte mich gedämpft, wie durch einen Holzperlenvorhang. Ich schob die Augen auf und blinzelte. Ein Kerl mit schmuddeligem T-Shirt und Bierplauze stand direkt über mir, ein Bier in der Hand. Geh mir aus der Wolke, knurrte ich in Gedanken. Du dicker Flegel.

“Ich kenn dich doch irgendwoher”, wiederholte er. “Woher kenn ich dich noch mal?”

Hatte der noch was anderes auf Lager? Ich stütze mich mit dem Ellbogen auf und guckte mir den Knaben an. Auf seiner Schläfe wuchs eine Warze, darauf ein Büschel Haar – er sah aus wie der Hexer.

“Vielleicht kennst du mich aus dem Mumms”, murmelte ich. “Die meisten Leute kennen mich aus dem Mumms..”

"Und wie heißt du?"

"Glumm."

"Glumm? Aus dem Mumms.. ist nicht dumm!"

Er lachte und setzte sich zu mir auf die Wiese. Ein bisschen zaghaft, weil ich ihn nicht eingeladen hatte, sich hinzusetzen, ein bisschen unentschieden. Aber einen abweisenden Eindruck machte ich auch nicht. Im Gegenteil. Er gefiel mir. Trotz seines immensen Bauches bewegte er sich erstaunlich flink. Er nahm einen Schluck aus der Bierflasche. Es war Malzbier.

"Und du? Wer bist du?" fragte ich.

“Kennst du Rolf der Wolf und die Blueshunde?”

“Schon mal gehört, ja.. glaub schon.”

“Das ist meine Band.”

Den Namen kannte ich von diversen Plakaten. Rolf der Wolf und die Blueshunde. Guter Name. Mal kein englischer Scheiß.

“Dann bist du Rolf..?” vermutete ich.

“Rolf, der Wolf, genau. Sänger und Songschreiber. Willst du auch nen Schluck? Is Malzbier.”

“Nee danke. Lass mal.”

Dann erzählte er. Ohne Umschweife. Von Lymphdrüsenkrebs. Von der Chemotherapie. Von der Psychose. Vom Blues.

“Manchmal höre ich meine eigene Stimme im Radio", sagte er und die Selbstgedrehte zitterte in seiner Hand. "Dann denk ich, hey – seit wann liest du Nachrichten im Radio, alter Mann?! Dann ruf ich bei nem Kumpel an, er soll WDR anmachen, ob er das auch hört. Er sagt natürlich, Quatsch, ist doch nicht deine Stimme, das bist du nicht, Bruder, aber er kann sagen, was er will, in solchen Phasen glaube ich keinem, nur meinen eigenen Ohren.”

Er nahm einen Schluck aus der Pulle.

“Wenn es ganz schlimm kommt, denke ich, ich bin Jesus und könnte das Fernsehprogramm manipulieren. Ich meine, weltweit. Ich könnte mich überall reinmixen, wo ich auch will.”

“Hm, komisch. Das hat mir schon mal einer erzählt”, sagte ich.

Aber davon wollte er nichts hören. Das war nicht von Interesse. Er forderte den Sololauf. Da ging es nur um ihn, um Rolf, den Wolf, den Blueshund, nicht um irgendein Jesus-Gelumpe.

“Und manchmal springen alle Ampeln auf grün, wenn ich auf dem Moped unterwegs bin, ich kann herfahren, wo ich will. Überall grün.”

“Oh, wie praktisch”, warf ich ein.

"Ja, überall grün."

Je mehr Rolf erzählte, desto kurzatmiger wurde er. Seine Nikotinfinger glänzten im Sonnenlicht. Er duftete nach frisch gepresstem Angstschweiß. In seiner nervös nestelnden Art erinnerte er mich an die verrückten Debütanten in alten Top of the Pops-Ausgaben, die immer einen Tick zu aufgeregt waren fürs Scheinwerferlicht. Sie meinten es gut, sie hatten einen ersten Hit im Gepäck, und doch hätten sie beinah alles vermasselt. Sie waren zu aufgeregt.

Auf dem Höhepunkt einer Psychose sprang Rolf, der Wolf, splitternackt über die Autobahn – da nahmen sie ihn fest und steckten ihn ins Irrenhaus, wegen fortgesetzten gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr.

“Ich war fünfzehn Mal im Irrenhaus. Ich sag immer Irrenhaus. Hier.”

Er zeigte mir seinen Handrücken, auf dem drei Buchstaben eintätowiert waren: L.K.H. Darunter lauter kleine blaue Pünktchen. Er zählte sie ab, damit ich auch sehen konnte, dass es stimmte. Fünfzehn Stück. Ich glaubte ihm auch so. Niemand liess sich so viele knastblaue Punkte stechen, wenn er nur zwei Mal im Landeskrankenhaus gewesen war. Logisch.

“Jetzt werde ich ambulant behandelt, das ist besser. Alle vierzehn Tage krieg ich jetzt eine Depotspritze, gegen die Jesus-Euphorie. Die ist am schlimmsten. Da dreh ich immer am dollsten ab.”

Er blickte mich triefäugig an.

“Wusstest du, warum Jesus so früh sterben musste, mit Siebenundzwanzig? Er hätte es nicht länger auf der Erde ausgehalten, bei all dem Ärger hier, und wenn doch, hätte er gefressen und gefressen und wäre fett geworden und die Leute hätten ihn ausgelacht und im Stich gelassen. Kein Jünger wäre einem Fleischklops gefolgt.”

“Jesus ist mit Siebenundzwanzig gestorben?”

“Jesus war der erste, der mit 27 starb.”

"Hm. War der nicht 30 oder so?"

"Ja, das behaupten viele. Mal war Jesus 30, mal 33, mal 35. Fest steht, er ist 27 nach Christus gestorben."

Weil Rolf so kurzatmig war, erkundigte ich mich, wie er das mit dem Singen hinkriegte live auf der Bühne. Ob er da auch schon mal außer Atem war.

“Nee, beim Singen hab ich nie ein Problem, live bin ich grundsätzlich voll. Der Bassist auch, der Organist sowieso, nur unser Schlagzeuger, der trinkt nicht, der ist link. Der will nach jedem Konzert bar ausbezahlt werden.”

“Die linke Sau”, stimmte ich zu.

“Die Psychose liegt in der Familie”, fuhr Rolf fort. “Bei uns haben alle einen an der Klatsche.”

Dann war das Malzbier alle, und die Mittagssonne putzte die letzte Wolke von der Platte. Pepe war nur 24 geworden. Es wurde unerträglich heiß. Der Schweiß floss durch Rolfs Gesicht wie nach einer spontanen Wurzelbehandlung - ohne Betäubung.

“Aber mit dem Krebs ist gut. Ist besser geworden. Ist Stillstand.”

Elf Uhr dreißig. Das Freibad füllte sich. Stechmücken rieben sich den Rüssel im Erkundungsflug, Rolf, der Wolf, seinen Bauch.

“Ich glaub, ich geh gleich mal ins Wasser, was gegen die Wampe tun”, sagte er und klopfte aufs Fett. Stattdessen blieb er einfach im Gras hocken, in seiner speckigen Jeans, und rauchte.

“Mann, ich schwitze wie eine Sau. Weißt du, woher das kommt? Vom Saufen. Ich sauf zuviel. Das ist das Dilemma in meinem Kopf. Die letzten zwei Wochen war ich in Kur. Die hat mich ruiniert. Direkt gegenüber vom Kurhaus war so ein SPAR-Markt. Kennst du die Halbe-Liter-Dosen aus dem SPAR?”

“Moment.. Die weißen Dosen, wo nur BIER draufsteht..?”

“Genau die. Achtundsiebzig Pfennig die Büchse. Von morgens bis abends, eine nach der anderen, bis ich Hyänen gesehen hab am hellichten Tag. Ha ha! Die Kur hat mich ruiniert.”

Er rauchte Schwarzer Krauser ohne groß Pausen einzulegen. Kaum war eine Kippe ausgedrückt, drehte er die nächste.

“Hast du vielleicht mal ne Aktive?”

“Nee, ich rauch auch Tabak”, sagte ich.

“Ach so, stimmt, da liegt er ja. Schade. So zwischendurch mal, ne Aktive.. zur Abwechslung. Ich bin ja nicht mehr so viel unter Leuten, seit ich wieder mit ner Frau zusammen bin, wir gehen kaum noch weg. Wir trinken unser Bier zu Hause. Maria hab ich beim Psychosozialen Dienst kennen gelernt, sie hat da gearbeitet. Dann hat man sie rausgeschmissen, aber sie geht immer noch jeden Tag hin und arbeitet zwei Stunden, damit sie im Herbst wieder eingestellt wird.”

“Wie..? Umsonst?”

“Sie kriegt keinen Pfennig. Sogar das Fahrgeld muss sie selbst zahlen.”

“Und das nennt sich sozialer Verein.”

“Psychosozialer Dienst”, verbesserte mich Rolf. “Ist aber egal. Ist eh alles der gleiche Schweineverein in Deutschland, egal, wo du hinguckst. Die machen uns fertig. Die wollen uns nicht mehr sehen, so Typen wie uns. Beim Psychosozialen Dienst haben sie schon heimlich Bolzenschussgeräte installiert, unten im Keller.”

Er rotzte ins Gras und beobachtete mich. Dann lachte er auf.

“So, ich dreh mal weiter meine Runde, mal sehen, wen ich noch treffe. Wenn du Lust hast, wir spielen Freitagabend im Art Nouveau. Acht Uhr. Komm vorbei. Die Blueshunde sind ne geile Live-Band.”

Am späten Nachmittag, ich brach gerade meine Zelte ab, hörte ich die Lautsprecherdurchsage vom Bademeister.

“Alle Kinder, die sich mit Müllaufsammeln eine Mark verdienen wollen, am Kassenhäuschen melden.”

Es bildete sich eine ziemliche Schlange beim Bademeister. Er verteilte riesige Müllpieker und Handgreifer an die Kinder. Am Ausgang drehte ich mich noch mal um und sah zufällig Rolf, den Wolf, wie er mit einem Bier am Beckenrand saß, die käsige Haut knallrot verbrannt, als säße er im Fegefeuer. Mittendrin. In der Endlosschleife. Ich winkte zu ihm rüber, doch er sah mich nicht.

 

*

Zu Ehren von Rolf der Wolf Lenzen, der um die Jahrtausendwende unter ungeklärten Umständen ums Leben kam, haben die alten Blueshunde rund um Andreas Hansen im Jahr 2016 eine großartige CD vorgelegt, HAUSVERBOT IM LKH.

Anspieltipp:

Sehnsucht

"Meine Nächte sind so kalt, und ich werd langsam alt" (Rolf der Wolf)

1.7.16 16:09


Chlor

 

Wir wohnen in einem Feuchtgebiet. Damit meine ich nicht den ehemaligen Botanischen Garten um die Ecke, der in den Sechzigerjahren umgesiedelt wurde, weil es hier zu nass und zu sumpfig war für manchen Baum und vieles kaputt ging, ich spreche das innerhäusige Milieu an.

Alle paar Monate ist es soweit: Die Gräfin sprüht das Badezimmer mit Schimmelentferner ein, Kacheln und Fugen werden desinfiziert, Viren vom Duschvorhang geholt, die Wände geklärt. Dagegen wäre nichts zu einzuwenden. Bisschen Hygiene, mein Gott. Wäre da nicht dieser Chlorgeruch, der die ganze Wohnung innerhalb Sekunden einnebelt. Wie betäubt sitze ich am Schreibtisch. Ich bin neun Jahre alt, heute ist Schwimmunterricht im Hallenbad Birker Straße, einem düsteren Jahrhundertwendebau. Die Badehose ist schon drunter. Sie ist eng. Es kneift am Sack.

Schulschwimmen ging mir auf die Nerven. Schulschwimmen fiel in etwa in die gleiche Kategorie wie der Besuch beim Schulzahnarzt, weil der immer was zu meckern hatte, wenn er mir ins Maul schaute, oder Oma Lesizzas Graupensuppe, die für mich ein großes Unglück darstellte, wenn ich mittags aus der Schule kam. Ihre Linsensuppe dagegen mochte ich ganz gern und ihre Reibekuchen, in herzensgutem Olivenöl gebacken und im Dutzend übereinander gestapelt, waren so ausgezeichnet, sie standen außer jeder Konkurrenz.

Mit meinem Cousin, dem eine Herzklappe fehlte und der in den frühen 70ern mehrfach vom berühmten Dr. Debakey in Texas operiert worden war, veranstaltete ich regelrechte Wettbewerbe im Reibekuchenfressen. Jedes Mal ging ich als Verlierer vom Tisch, weil mein Cousin ein großes breites Maul hatte. Er schob sich die Reibeplätzchen in den Mund wie Dragees, lutschte kurz darauf herum und schluckte sie runter. Na schön. Dafür war sein Herz kaputt. Da konnte er noch so viel fressen, am Ende stand es unentschieden, mit leichten Vorteilen für mich.

Ich weiß nicht mehr genau, aber ich glaube, ich war der letzte Junge der vierten Klasse, der immer noch nicht schwimmen konnte. Nur wegen dem dämlichen Schwimmen drohte ich in Sport kein Sehr gut zu bekommen, es sei denn, ich würde es bis zum Ende des Schuljahrs schaffen, das Freischwimmerabzeichen zu machen. Mein letztes großes Ziel in der Grundschule. Auf dem Gymnasium für Jungs, soviel stand fest, war Schwimmen kein Unterrichtsfach mehr. Wer also nach Beendigung der vierten Klasse immer noch nicht schwimmen konnte, würde es nie lernen. Der war geliefert. So wie mein Onkel Fitting. Der konnte auch nur auf dem Fußballplatz rumstehen und meckern, wenn kein Ball kam, und wenn er im Sommer ausging und eine Frau kennenlernen wollte, musste er Zaubertricks vorführen, weil, er konnte ja nicht schwimmen. Mit ans Baggerloch fahren war jedenfalls Essig. Er musste sich ständig was neues einfallen lassen, um eine Frau zu verführen. Das war mir zu anstrengend. Ich brauchte den Freischwimmer.

Wenn alle zwei Wochen Donnerstags nach der großen Pause der Reisebus vor der Grundschule Klauberg stand, der uns zum Hallenbad bringen sollte, war der Tag für mich gelaufen. Zusammengekauert saß ich in der hintersten Reihe neben Annemie Müller. Ich verachtete ihren Schwimmbeutel, ich verachtete meinen Schwimmbeutel, ich verachtete alle Schwimmbeutel der ganzen verdammten freien westlichen Welt. Die Fahrt zur Badeanstalt war kurz, dauerte nicht mal fünf Minuten. Fünf Minuten können eine ungemütlich stramme Zeitspanne sein, wenn die enge Badehose am Sack kneift und am Ende der Fahrt die Zwangseinweisung ins Wasser droht.

Da beide Unterrichtsstunden in die reguläre Öffnungszeit fielen, blieben wir Jungs in der Gemeinschaftsdusche nicht unter uns. Da standen Rentner mit durchgedrückten dünnen Beinchen, roten Köpfen und weißen fetten Bäuchen, die zuhause keine Duschmöglichkeit hatten. Mitleidlos und zornigen Waschfrauen gleich seiften sie ihre riesigen hängenden Gemächte ein, putzten und schrubbten sich mit einer Hingabe, als walkten sie Wäsche am Amazonas, während wir Picos die Köpfe senkten und verschämt dem Seifenschaum nachblickten, der in langen Kolonnen Richtung Abfluss sickerte – ein übles Gemisch aus Schamhaaren, Kolibakterien, Alterszucker und Fa.

Und dann begann der Horror.

Noch war ich schliesslich nicht im Wasser. Zum Abkühlen wechselten wir unter die eiskalte Brause, von der es in den Gemeinschaftsräumen nur eine einzige gab und wo man in der Schlange fröstelnd darauf warten musste, bis man endlich an der Reihe war, bevor es im Gänsemarsch ins Becken ging, ins kachelblaue Chlor-Inferno.

Schwimmlehrer Kaulitz, ein Stiernacken in weißen Shorts und Badelatschen, hatte eine Stimme, deren schnarrender Klang von der hohen Decke, den Balustraden und Backsteinmauern der alten Schwimmhalle zurückgeworfen wurde. Und dann waren da die Jauchzer der Mitschüler, die Freude am Schwimmen hatten, die gut Butterfly und Kraulen und Rückenschwimmen konnten, die mich anrempelten und zur Seite stießen, wenn ich im Weg stand - mich, die Nummer 1 in allen Sportarten außer Schwimmen, die Nummer 1, die in sich gekehrt und bibbernd den Ausgang im Blick behielt, den Exit.

Zur Vorbereitung auf den Freischwimmer galt es eine Viertelstunde im Tiefen zu absolvieren, im Schwimmerbereich, immer in Nähe des Beckenrands, wo Schwimmlehrer Kaulitz zu Fuß unterwegs war. Er führte eine Rettungsstange mit sich, an deren Ende ein korbgroßer Metallring befestigt war, der im Wasser vor einem her trieb, stets in Griffweite, falls man abzusaufen drohte. Ich fühlte mich wie eine Kaulquappe, mit dem Kaulitz seine kleinen Späße trieb, jederzeit konnte er mich an Land holen und in den Eimer geben, zu den anderen Kaulquappen. Eine Viertelstunde schwimmen bedeutete für mich eine Viertelstunde nicht abzusaufen. Ein Riesenjob. Permanent schluckte ich Chlorwasser, Kopf hoch, Junge! schnarrte Kaulitz, ich hatte Chlor in den Augen.

Es gibt Gerüche, die einen an die schönsten Momente der Kindheit erinnern. Wenn ich Brombeeren im Sommerregen pflücke, bin ich glücklich. Ich liege als junger Kaiser von Konstantinopel auf dem Kanapee, werde von Brombeeramazonen verführt und wünsche mir Brombeerpflücken als Klingelton. Doch wehe, von irgendwoher steigt mir Chlor in die Nase, dann ist knallhart Kindheit angesagt in der Badeanstalt. In der Badeanstalt machte ich mich so klein und unauffällig wie möglich. Nach einer Weile gehörte ich nicht einmal mehr zur Kaste der bibbernden Kinder, die in der Ecke standen und erbärmlich froren, die Lippen blau wie Tinte – ich war einfach nicht mehr da. Nicht mehr vorhanden. Ich war entmaterialisiert. Hätte es eine Liste gegeben, in der man als Viertklässler seine Anwesenheit dokumentieren musste, ich wäre darauf nicht aufgetaucht. Schulschwimmen war für mich, als wachte ich alle zwei Wochen im falschen Erdzeitalter auf, wo sich Amphibien gerade erst entwickelten und ich als Gottes früher Versuchsfrosch zu Wasser gelassen wurde, währenddessen Gott in weiß gekleidet und herrisch schnarrend am Beckenrand entlangspazierte und mit unverschämt trockenem Fuß in sein verdammtes Gottnotizbuch kritzelte, was alles falsch lief. Beim kleinen Glummi.

Meine unkoordinierten Versuche, mich so lange über Wasser zu halten, bis ich endlich zur Freischwimmerprüfung zugelassen wurde, dauerten bis zum Ende der vierten Klasse, da bestand ich die Prüfung, und wo ich schon mal dabei war, packte ich vierzehn Tage später gleich den Fahrtenschwimmer drauf: 30 Minuten nicht untergehen, Sprung vom Einer, bisschen tauchen - geschafft. Ich hatte den begehrten Freien-Fahrten, das war’s für mich mit der Schwimmerkarriere - fertig, aus.

Rückenschwimmen und Kraulen kann ich bis heute nicht. Die Arme ins Wasser schlagen und einige Längen tun, als wäre ich ein begnadeter Butterflyer, das geht in Ordnung, mehr aber auch nicht. Ich bin bis heute neidisch auf all die Burschen, die im Sommer lässig und souverän im Freistil das Mittelmeer durchpflügen. Ich kann nur langweilig Brustschwimmen, nicht mal eine Arschbombe kriege ich gebacken ohne Schmauchspuren in der Bikinizone zu hinterlassen - und zwar in der Bikinizone von anderen Männern! Zudem sorgt eine ausgewachsene Pisshemmung unter Wasser dafür, so dass ich nicht mal das verdammte Becken vollsicken kann. Es ist ein Kreuz mit dem Schwimmen, und es stinkt mächtig nach Chlor.

5.7.16 11:37


Hier ist ein Bürger, der hat seine Brieftasche verloren

 

 

So erlag er beinahe den Anstrengungen des Krieges

gegen sich selbst

und den erhaltenen Wunden

in hiesiger Stadt

 

 

Noch Wochen nach dem Infarkt spülte ich jeden Tag mehr als ein halbes Dutzend Medikamente runter, darunter Betablocker und Blutdrucksenker, die dafür sorgten, dass ich morgens wie auf Eierkartons unterwegs war, sowie ein Blutgerinnungsmittel, das die Blutungsneigung verstärkt, wenn man Pech hat.

Beim Rasieren passierte es. Ich hatte eine brandneue Highspeedklinge in den Nassrasierer eingelegt und kappte prompt eine kleine Hautunebenheit zwischen Nase und Oberlippe, die noch Stunden später, wir waren zu Fuß unterwegs, blutete wie Sau. Um die Blutung zu stillen, blieb ich zwischendurch immer wieder stehen und versorgte die an sich winzige Wunde mit rechteckigen kleinen Tupfern, die ich aus einem Tempotaschentuch riss und ständig erneuern und auswechseln musste, weil die Schnipsel rasch durchgeblutet waren und über meinem Mund klebten wie "Hitlers kleiner Blutschnäuzer", wie die Gräfin sich kaputt lachte.

Keine Ahnung, woran es wirklich lag, aber seit ich zusätzlich zum Methadon, das auch nicht gerade zur Helligkeit in meinem Kopf beitrug, irgendwelche Herz- und Kreislaufmittel einnahm, die ihre Wirkstoffe gleichmäßig über den Tag absetzten, wurde mir mein Dasein zunehmend suspekt. Ich verlegte Dinge und fand sie nicht wieder, ich vergaß, was ich gerade gedacht hatte und als nächstes sagen wollte, ich vergaß alles mögliche. Vorläufiger Höhepunkt: die Brieftasche im Bus der Linie 82, ich ließ sie auf dem Sitz liegen.

Fensterplatz.

Nachdem ich, kaum ausgestiegen, den Verlust realisierte und hilflos auf dem Bürgersteig herumstand, folgte eine spontane Selbstbeschimpfung, ein nicht enden wollendes Ich-Gemecker, DU BIST SO WAS VON BLÖDE, ANDREAS GLUMM, sowie verschwitztes Durch-die-Gegend-rennen-und-die-Polizei-alarmieren, die zufällig am Central im Streifenwagen saß und Rasern auflauerte, bis ich daherkam.

"FOLGEN SIE DIESEM BUS! Da fährt mein Geld! Meine Papiere! Die Bankkarte!"

Aber von Anfang an. Das ist besser.

 

 

Juli 2012

Freitagfrüh.

Ich muss zum Doc nach Gräfrath, um das wöchentliche BTM-Rezept abzuholen. Ich nehme die Linie 82, obwohl das bedeutet, dass ich oben am Central umsteigen muss, aber ich hab keinen Nerv länger auf die 83 zu warten, die Direktverbindung nach Gräfrath. Im Bus hole ich sofort das Notizbuch raus, um eine Beobachtung niederzuschreiben, so lange sie noch warm ist.

Ein dicklicher Junge mit gutmütigen italienischen Gesichtszügen, der neben mir an der Bushaltestelle sitzt, wird von einer Klassenkameradin aufgefordert, sein Zeugnis zu zeigen. Das Mädchen steckt voller Energie und Sommersprossen, der blonde Zopf wippt hin und her, ein Wirbelwind. Es ist der letzte Schultag vor den großen Sommerferien. In Erwartung von sechs Wochen Freiheit wissen die Kinder kaum wohin mit all der Power. Bis auf den kleinen Italiener. Der ist die Ruhe selbst, mit seinen kurzen Stampferbeinen und den dicken Knien. Er nimmt die Aufforderung, "wie ist dein Zeugnis? Zeig mal!", so ernst, dass ich ihm minutenlang fasziniert dabei zuschaue, wie er seinen Rucksack ablegt, ihn umständlich öffnet und eine Plastikcassette hervorholt. Darin liegt das Zeugnis, darin ist es gut verwahrt. Er nimmt es in die Hand, liest darin, nicht unzufrieden, wie es scheint, während um ihn herum Busse abfahren, ein Motorrad hupt, Klassenkameraden toben. Seine Augen verfolgen das Mädchen, das die Sache mit dem Zeugnis längst vergessen hat. Er weiß aus Erfahrung, dass es zwecklos ist, es daran zu erinnern. Gedankenverloren faltet er das Papier zusammen und legt es behutsam zurück in die Kassette.

Während die 82 in Richtung Central rumpelt, frage ich mich, was mich ursprünglich dazu bewegte, die Szene festzuhalten. Schliesslich ist gar nichts passiert. Nichts besonderes.

Man kriegt die eigene Beobachtungssucht nicht gebändigt.

Ich registriere, dass der Bus langsamer wird, aber erst im letzten Moment, als ich aus dem Fenster blicke und die Haltestelle Central entdecke, das Notizbuch in der Hand und von der Morgensonne geblendet, fällt mir auf, wo wir sind. Verdammt.., ich muss hier raus! Ich drücke die STOPP-Taste, raffe meinen Rucksack, den Stift und das Notizbuch zusammen und verlasse hastig den Bus, ohne mich noch mal umzuschauen.

Am Central, Knotenpunkt zwischen Solingen-Wald und Solingen-Gräfrath. Da, wo Pina Bausch aufgewachsen ist, wo einst ihr Elternhaus stand und wo sie Sonntags zum Bäcker tänzelte und vor sich hin flötete, genau da bleibe ich, kaum dem Bus entstiegen, auf dem Trottoir stehen, wie angewurzelt. Irgendetwas stimmt nicht. Irgendetwas fehlt. Mein Hintern ist zu flach. Da, wo normalerweise die Geldbörse steckt, da fehlt..

DIE GELDBÖRSE!

Hektisch durchforste ich die Hosentaschen, doch da ist nichts, gähnende platte Gesäßleere. Ich nehme den Rucksack vom Rücken, ziehe den Reissverschluss auf, durchwühle fahrig den Inhalt. Da ist ein Notizbuch, ein altes Feuerzeug, Kugelschreiber - aber keine Brieftasche. Es geht zu wie in der Handtasche einer kargen Frau, aber am Rücken eines kargen Mannes.

Ich dreh mich um und seh gerade noch, wie die 82 um die Kurve verschwindet, Richtung Stadtteil Wald, mit meiner Brieftasche an Bord. JUNGE, WIE BLÖD BIST DU EIGENTLICH?! schnauzt es durch meinen Kopf. Die Brieftasche liegen lassen..! Ich will es nicht wahrhaben und nehme mir ein drittes Mal den Rucksack vor, mit blauen Herzhänden. Vielleicht ist die Geldbörse zwischen irgendwelches anderes Zeugs geraten.. welches andere Zeugs? Der Rucksack ist fast leer. Ich hab ihn nur dabei, weil ich später ein paar Dinge einkaufen muss. Das Portmonee bleibt verschwunden.

Es geht weniger um die 25 Euro, es geht um die Bank- und die Krankenkassen-Karte und andere Papiere, es geht um den neuen, erst im Februar ausgestellten computerlesbaren Personalausweis, auf dem ich aussehe wie ein hamsterbackiger Posträuber - kein Verlust, so gesehen. Es geht um Handynummern von toten Junkies und Campingplätzen in Zeeland, es geht um den Ausweis der Stadtbibliothek, den Substitutions-Ausweis und seltene Zeitungsausschnitte, die mich in Siegerpose zeigen, es geht um das Monatsticket, das ich mir ausnahmsweise geholt hab.

Es regt mich auf, wenn ich an den ganzen Ärger denke, der auf mich zukommt - neue Passfotos machen, Formulare ausfüllen, bei Ämtern rumsitzen.. Ich passiere das Brachgelände, auf dem bis vor einiger Zeit Pinas Geburtshaus stand und wo nur eine von Unkraut und wildem Weizen überwucherte Steppe geblieben ist, und marschiere aufgebracht über die vielbefahrene Kreuzung.

Wäre wenigstens das Handy, das mein Bruder für mich in seiner Schublade gefunden hat, "ein ganz einfaches Gerät, taugt wirklich nur zum Telefonieren", schon in meinem Besitz, ich könnte schnellstmöglich bei den Stadtwerken anrufen und den Verlust melden, und die könnten ihrerseits den Fahrer der Linie 82 anfunken und darüber in Kenntnis setzen, was er da wichtiges spazieren fährt, und der Fahrer könnte SOFORT anhalten und die Geldbörse in Sicherheit bringen.

Dummerweise ist könnte und hätte keine Option. Könnte und hätte ist was für Knauserer, die ihr Leben dauernd auf Sparflamme köcheln und sich wundern, warum das Fresschen nicht heiss wird. 

Wieso hab ich auch das verfluchte Handy noch nicht abgeholt!? Wieso liegt das Ding immer noch bei meinem Bruder auf dem Küchentisch, und der ist in Urlaub, der Bruder, der mich stets mit einigen Jahren Verspätung an der allgemeinen elektronischen Fortentwicklung teilhaben lässt. Da war der Personalcomputer, der Mitte der 90er Jahre auf meinem Schreibtisch landete, da war das Internet, mit dem er mir irgendwann verkabelte, obwohl ich mich so tapfer dagegen gewehrt hatte, da waren Spielkonsolen und ein Faxgerät und..

Moment.

Mag ich womöglich keine technischen Neuerungen?

Während ich ungeduldig und mich selbst zusammenstauchend auf die 83 Richtung Gräfrath warte, (wegen der Sommerferien hat der Doc verkürzte Sprechzeiten und nur bis zehn Uhr geöffnet), fällt mir am Hotel Tack ein Streifenwagen auf, versteckt in der Einfahrt und vom fliessenden Verkehr nicht zu sehen. Einer der Polizisten ist aufgestanden und hat den Wagen verlassen, er lümmelt lässig in der Sonne, am Chassis.

Kurzentschlossen und ohne auf den Verkehr zu achten laufe ich zur anderen Strassenseite zurück und halte auf den Beamten zu. Ein junger blonder Bursche, der mich kommen sieht und misstrauisch Haltung annimmt, man weiss ja nie, wer sich da nähert, welches verkommene Subjekt. Erstmal grüßen, denk ich. Erstmal kurz die Luft säubern. So. Dann ist auch genug mit freundlich tun.

Ich erzähle dem jungen Polizisten, dass meine Geldbörse im Bus liegen geblieben ist, mit allen Ausweisen und Papieren. Ich bin ein quengelnder Brandmelder, der das Feuer anzeigt, Löschen müssen andere. Die Polizistin mit dem blonden Pferdeschwanz, die am Steuer sitzt und durchs offene Seitenfenster mithört, was ich zu erzählen habe, macht sofort Meldung an die Leitstelle.

"Hier ist ein Bürger, der hat seine Brieftasche verloren!"

Ich bin begeistert. Welch ein Deutsch. Was ein Satz. Welch kühne Klarheit in Satzbau und -stellung. Jetzt brauche ich nur noch meine Kröten und die Papiere zurück und die Welt ist eine gefeierte Short Story. Während ihr Kollege freundlicherweise auf seinem Smartphone nach der Telefonummer der Stadtwerke googelt, um den Busfahrer unterwegs anrufen zu können, spielt der vergessliche Bürger mit dem Gedanken, der Streifenwagenbesatzung weiszumachen, statt der mickrigen 25 Euro wären, sagen wir, stattliche 2500 im Portmanee und ob man nicht rasch die Verfolgung des Busses aufnehmen könne, in Anbetracht der hohen Summe..

An diesem Punkt der Berichterstattung möchte ich kurz auf die Mitteilung des Mitsubishi Boy hinweisen, die er gestern auf der Mailbox hinterliess, nachdem er die erste Online-Fassung dieser Geschichte gelesen hat: "Eh, du faule Sau! Hättest du den beiden Bullen nicht was auf die Mappe hauen können, den Streifenwagen mopsen und dann dem scheiß Bus hinerher?? Na, mit dir ist auch nix mehr los. Gute Besserung."

Danke. Gute Besserung, kann man immer gebrauchen. Es sind ja immer öfter die ganz normalen Sätze ganz normaler Bürger, die gut tun. Als meine Mutter starb und ich zum ersten Mal im Leben Beileidsbekundungen entgegennahm, fühlte sich das sehr richtig an. Als hätte ich einen Anspruch darauf gehabt. Wie auf Salbe. Gute Besserung. Danke.

Tatsächlich werde ich das Gefühl nicht los, dass mein Herz seit dem Infarkt nicht mehr so hart aufschlägt wie früher, ich spüre den Beat nicht mehr so akzentuiert, ich bin ständig einen Schritt hinter dem Beat. Manchmal ist es ein Gefühl, als würden die von der Medikamentenindustrie entwickelten Präparate das Herz flach unterm Radar herschieben, damit nicht so auffällt, wie kaputt es ist.

Die Polizistin spricht mit den Stadtwerken. Sie fragt an, ob man dem Fahrer des betreffenden Busses nicht unterwegs Bescheid geben könnte, was los ist, doch während der Fahrt ist so ein Busfahrer angeblich nicht erreichbar, gibt sie an mich weiter. Wieso, die haben doch Funk, sag ich. Die Polizistin gibt meinen Einwand durch. Ja schon, aber nur für internen Dienstverkehr, teilt sie mir mit. Aber immerhin, die wissen jetzt Bescheid bei den Stadtwerken. Sobald die Linie 82 ihren Endpunkt erreicht, schaut der Fahrer nach meiner Brieftasche. Busmitte, Fensterplatz. Versprochen.

Plötzlich hab ich es eilig. Ich hab keine Zeit, hier noch länger mit der Schmiere rumzulungern, ich muss zum Doc, sonst macht der gleich dicht, und ich brauche mein Gift. Sonst geh ich kaputt. Da ich nicht mal mehr Geld für die Kurzstrecke in der Tasche hab und das Monatsticket in der verlorenen Brieftasche steckt, lasse ich die Bushaltestelle Richtung Gräfrath links liegen und mache mich zu Fuß auf, innerlich am kochen. Der fortwährende Strom vorbeifahrender Autos verleitet mich dazu, den Daumen rauszuhalten und Autostopp zu versuchen. Die Fahrer glotzen mich an, als käme ich direkt aus den Siebzigern.

Zwanzig Minuten später erreiche ich die Praxis, schweißüberströmt und stinksauer auf mich. Ich erzähle einer der drei Arzthelferinnen, der nettesten, was passiert ist.

"Sie müssen sofort Ihr Konto sperren!" ruft sie über die Theke.

"Lohnt nicht", entgegne ich. "Ist eh nichts drauf."

Aber das lässt sie nicht gelten.

"Da gibt es doch so eine Nummer, die muss man anrufen, um sein Konto zu sperren.. Moment.."

Sie schaut im Telefonbuch nach, und einen Moment lang ist mir alles zu viel. Ist doch nicht nötig, will ich protestieren, mein Konto ist doch eh überzogen, da kann überhaupt niemand auch nur einen Cent abheben, aber andererseits.. wer weiß. Hinterher gelingt es den Brüdern sogar ein Bankkonto leerzuräumen, das noch nie ein Pluszeichen gesehen hat. Welche Brüder eigentlich? Etwa die Brüder, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben, als mit der Linie 82 hin- und her zu gondeln, in der Hoffnung, eine Brieftasche zu finden?? Genau die Brüder.

Die nette Arzthelferin reicht mir ihr Smartphone.

"Hier ist die Nummer, rufen Sie wenigstens bei Ihrer Bank an. Gehen Sie hinten ins Labor, da haben Sie Ihre Ruhe."

Ich rufe bei der Hauptstelle an.

"Kontosperrung kostet fünfzehn Euro", flötet die Tante und empfiehlt mir bei der Polizei erstmal Anzeige zu erstatten, wegen der KUNO-Sperrung. Wegen der was? Der KUNO-Sperrung. Was ist denn KUNO-Sperrung? Sie erzählt irgendwas, das ich nicht so richtig verstehe, dann wird sie abgelenkt und entschuldigt sich kurz, und als sie wieder am Hörer ist, haben wir beide vergessen, worum es ging. Im Anschluss rufe ich sowohl beim Fundbüro der Stadtwerke als auch beim Fundbüro der Stadt Solingen an, doch nirgends ist eine Geldbörse abgegeben worden.

Das Smartphone ist von meinem Handschweiss feucht und fischig geworden und mittlerweile eine ziemlich eklige Angelegenheit. Bevor ich es zurückgebe, wische ich es das Display an meinem Hemd ab, wodurch alles nur noch schlimmer wird und verschmiert. Das Ding sieht aus, als hätte es sich den halben Tag im Hähnchengrill gedreht und vor sich hingeölt. Danke, sag ich, als ich es los bin.

(Zwischendurch hab ich noch zu Hause angerufen und auf die Mailbox gesprochen, die Gräfin muss schliesslich wissen, in welch prekären Lage ich mich befinde, wenn sie heimkehrt und den AB abhört.)

"Sollen wir Ihnen Geld für die Rückfahrt leihen?" fragt eine der drei Arzthelferinnen, die, die am meisten mitdenkt.

"Ja, das wäre nicht schlecht."

Sie zieht einen Fünfeuroschein aus der Kasse und reicht ihn rüber.

Zurück mit der 83 in die Nordstadt. Obwohl ich die Brieftasche bei der Hinfahrt in der 82 verloren hab, durchforste ich die Sitzreihe am Fenster nach Brieftaschen. Dass ich mich beim Einstieg schon beim Fahrer erkundigt habe, haben Sie zufällig eine Geldbörse gefunden, die auf den Namen Glumm hört - geschenkt.

"Nein, aber hab ich schon über Funk gehört", meint er gelangweilt.

In der City löse ich mein BTM-Rezept in der Apotheke ein und rufe von einer Telefonzelle aus die Gräfin an, die ist immer noch nicht zuhause. Ich versuche es nochmal beim Fundbüro der Stadtwerke, wo man zunehmend genervt reagiert.

"Herr Glumm, sobald Ihre Geldbörse hier auftaucht, rufen wir Sie schon an!!"

Plötzlich wird mir ganz heiss. Auch das kleine Passfoto meiner Mutter ist weg! Es steckte in der Brieftasche ganz vorn in einem Sichtfenster. Ein Passfoto aus der Zeit, als sie ungefähr so alt war wie ich heute bin, und das mich jedes Mal anlächelte, wenn ich den Klettverschluss der Geldbörse öffnete. Das ist kein gutes Zeichen, denke ich. Man verliert nicht das Bild seiner Mutter.

Ich erstatte Anzeige bei der Polizei. In der neuen Hauptwache. Wegen Unterschlagung einer Fundsache.

"Wann haben Sie die Geldbörse verloren?" fragt der diensthabende Wachtmeister. Er thront hinter einem großen nackten Empfangstresen, vor sich ein Breitwandmonitor.

"Na, vor anderthalb Stunden."

Er blickt auf.

"Dann würde ich noch ein, zwei Tage warten, vielleicht wird sie ja noch abgegeben."

"Glaub ich nicht."

"Glauben Sie nicht?"

"Nein, glaub ich nicht." 

"Das glaube ich aber für Sie mit, aus Erfahrung. Die Leute finden ein Portmonee, nehmen es mit und gucken sich zu Hause in aller Ruhe an, was sie da gefunden haben, bevor sie es zurückgeben."

"Ist wahr?"

"Ja."

Er ist erkältet und zieht ungeniert Rotze hoch, er klingt wie ein Seehund. Es entsteht eine ungemütliche Pause.

"Na, ich bin eigentlich hier, weil die Mitarbeiterin der Bank mir geraten hat, Anzeige zu erstatten, damit die Kontosperrung von allen gängigen Systemen erfasst wird." 

Der Wachtmeister gibt sich geschlagen.

"Ja, das ist richtig. Da gehts ums Lastschriftverfahren, die KUNO-Sperrung." Er seufzt. "Wir machen uns jetzt die Arbeit, und morgen ist Ihr Portmonee wieder da und alles war umsonst."

Eher widerwillig nimmt er die Anzeige auf, zieht zwischendurch immer wieder Rotze hoch, ohne sich im geringsten zu genieren. Na schön. Ist ja auch ein Bulle, ein Bulle darf das, dem muss man das schon mal durchgehen lassen. Nachdem die KUNO-Sperrung vollzogen ist, geh ich nach Hause.

Ich erzähle der Gräfin von meinem Abenteuer in einer düsteren Welt, wo Fundsachen nicht dem rechtmäßigen Besitzer zukommen. Es ist eine trostlose, eine hinterfotzige Welt. Die Mischpoke Mensch ist definitiv noch nicht ausgereift.

 "Sei doch froh, dass endlich mal was los ist in deinem beschaulichen kleinen Leben", meint die Gräfin nur lapidar. "Bisschen Adrenalinschub."

Wir essen zu Mittag, trinken Kaffee bei offenem Fenster. Gerade als die Kamera auf mich zufährt und die Großaufnahme sucht, von einem Voice-Over-Kommentar begleitet: So erlag Glumm beinahe den Anstrengungen des Krieges gegen sich selbst und den erhaltenen Wunden in hiesiger Stadt, genau in diesem Moment fährt draussen ein silbriger Wagen vor, mit dem Emblem der Stadtwerke auf der Seitentür. Ein Mann steigt aus. Er hat diesen suchenden Blick. Ich trete ans Fenster.

"Suchen Sie mich?" 

"Wenn Sie der sind, der.. Herr Glumm?"

Ich nicke.

"Das ist vor einer Stunde bei uns abgegeben worden."

Er reicht mir die Brieftasche durchs Fenster. Ich bin fassungslos. Es ist alles drin. Papiere, Karten, sogar die ganzen Kröten. Nicht ein Cent fehlt. Wir winken dem Mann von den Stadtwerken hinterher. Was ein netter Mann. 

Dieses Leben, es ist ideal.

18.7.16 18:14


Fotomann 2003

25.7.16 07:51


Wozu die Plackerei


 

Ab Mitte der Neunzigerjahre war ich mit der Schreiberei fertig. Ich steckte nicht mal mehr ein Notizbuch ein, wenn ich das Haus verließ. Das war das Ende. Kein Notizbuch mehr einstecken war gleichbedeutend mit der Einsicht: egal, was mir unter die Augen kommt, ich finde es nicht interessant genug, um es festzuhalten.

Ich finde mich nicht interessant genug, die Welt festzuhalten.

Der Grund lag auf der Hand. Ich war auf dem besten Wege in die Morphinsucht abzurutschen und traute mir nüchtern kaum noch was zu. Zudem hatte ich das Gefühl, dass alles, was ich in der Lage war zu schreiben, ohnehin schon geschrieben worden war, von Anderen und besser, als ich es je zustande bringen würde. Wozu sich also noch anstrengen. Wozu die ganze Plackerei. Vergebliche Müh.

Rauchen wir noch ein Blech, Jungs.

Da ich es aber doch nicht ganz lassen konnte, beteiligte ich mich ab und zu an öffentlich ausgeschriebenen Literatur-Wettbewerben. Es gab einen festen Einsendeschluss, bis dahin musste man einen Text zustande bringen und anonymisiert einreichen - oder eben nicht. Jeder hatte seine Chance. Ich hatte immer noch ein Sportlerherz. Ich wollte gewinnen, ich wollte den besten, den weitesten Satz machen - ab und zu jedenfalls. Eine wirkliche Strategie war das natürlich nicht. Aber wann war ich je weiter entfernt von einer wirklichen Strategie als Mitte der Neunzigerjahre.

Dem Wettbewerb der Füllerfirma Montblanc war ein Thema vorgegeben: Der Termin. Schon im Jahr zuvor hatte ich teilgenommen und war in der Anthologie gelandet, in der die besten 20 Geschichten zusammengefasst waren. Thema: Der Gipfel. Ich hatte einfach eine ältere Story umfrisiert bis sie halbwegs zum Thema passte. Diesmal aber war ich ratlos. Zum Thema Termin fiel mir nichts ein. Ich hatte keine Termine. Noch genau vier Tage, dann war Einsendeschluss. Aber wie sollte ich in vier Tagen eine Zehn-Seite-Geschichte auf die Beine stellen?

Gegen 21 Uhr, eine Stunde vor Dienstbeginn im Turm-Hotel, rief ich mir ein Taxi und ließ mich zu Tonio nach Höhscheid bringen.

"Warten Sie hier, ich komme sofort wieder", sagte ich zum Fahrer.

Ich hatte zuvor bei Tonio angerufen. Er wusste, dass ich auf dem Weg zu ihm war, jetzt war er nicht zu Hause. Nur seine Frau Gina und die drei kleinen Blagen. Ein Teller mit aufgewärmten Erbsen und Möhren aus der Dose stand auf dem Küchentisch.

"Abendbrot?" sagte ich.

"Abendbrot, Abendbrot!" tanzte das älteste der Mädchen um mich herum.

"Wo ist Tonio?" fragte ich Gina.

"Tonio nis da."

"Ja, das seh ich. Aber er wusste doch.."

"Du Fuffie?"

"Ja", sagte ich.

Keine halbe Minute später war ich wieder draussen und änderte meinen Plan. Ich bezahlte die Droschke und machte mich zu Fuß auf in die Innenstadt. Ich war so scharf auf die Schore, dass ich die nächstbeste Telefonzelle ansteuerte und mir eine Line zog, während ich so tat, als würde ich im Telefonbuch eine Nummer raussuchen. Eine verdammt lange Nummer. Das Telefonhäuschen stand auf einem Hügel und war hellerleuchtet wie ein UFO, und das in dieser tristen Gegend. Aber mir war alles egal.

Auf dem Weg zum Turm-Hotel klapperte ich dunkle Seitenstraßen ab. Ich blieb alle paar hundert Meter stehen und kotzte. Zuletzt kam nur noch Galle raus. Ich ekelte mich vor mir selbst bis nach zwanzig Minuten endlich die Wirkung einsetzte. Ich erreichte die Hauptstraße, und mir ging es besser. Nahe dem alten Hauptbahnhof suchte ich die nächste Telefonzelle auf, diesmal eine mit Kartentelefon. Danach musste ich nicht mehr kotzen. Ich fühlte mich auch nicht mehr so schlapp wie die vergangenen Tage, die ich nur im Bett verbracht hatte, mit ausgedörrten Sinnen.

Nachts um zwei kam der dicke Hansen vorbei. Ich saß im Büro an der elektrischen Schreibmaschine, stierte aber in den Fernseher. Ich war viel zu dicht um zu schreiben. Ich fragte mich immer, wie all die berühmten Beatnik-Autoren das hingekriegt hatten, im Drogenrausch zu schreiben. Ich bekam es nicht geregelt. Wenn ich breit war, war ich breit und hatte zu nichts anderem Lust, als mich dem Rausch hinzugeben. Wie soll man sich da motivieren und an die Schreibmaschine klemmen. Ich war kein Schreiber. Ich versank lieber im Chef-Sessel und stierte in den Fernseher.

"Außerdem hab ich kaum Termine", klagte ich dem dicken Hansen mein Leid.

"Dann schreib über KEINE Termine."

"Ach wo. Hab ich doch schon alles durchgekaut."

Hansen hatte ebenfalls Schore auf der Tasche und sah schlecht aus. Gute Schore und Gesichtszüge, eine tragische Partnerschaft. Ergebnis: zwei alte Hunde in der Nacht.

"Du musst doch nicht unbedingt über dich schreiben", meinte Hansen.

"Nee, natürlich nicht. Klar. Ist kein Muss."

"Immer schreibst du nur über dich, klar, dass du dich langweilst. Schreib doch über mich." Hansen hing breit im Drehstuhl und rauchte eine Winston nach der anderen. Wenn er mal keine Winston in Arbeit hatte, fielen ihm prompt die Augen zu. "Guck mal, im Gegensatz zu dir bin ich eine wichtige Person. Ich hab ständig Termine. Ich hab Proben-Termine, ich hab Unterrichts-Termine, ich hab Rendezvous-Termine. Ich hab Arzt-Termine.“

"Noch was?"

"Hm... nee. Sonst nichts. Reicht doch. Worüber möchtest du was hören? Rendezvous-Termine?"

"Lass hören."

"Gut.. Moment.. Ein Termin hatte schönes dickes Haar. Blondes Haar. Sah jetzt nicht supergut aus, aber auch nicht Sperrgut. Bisschen schiefe Nase vielleicht. Eine Klavier-Schülerin von mir. Sie meinte, sie will mal koksen. Mal ausprobieren, wie das ist. Okay, hab ich gesagt, ich guck mal, was sich machen lässt."

Den dicken Hansen kannte ich seit Jugendtagen. Er nagelte so ziemlich alles, was ihm vor die Flinte kam. Er war der Typ deutscher Tourist, der am Flughafen Bangkok landet und sofort von einheimischen Schleppern in Beschlag genommen wird: "Eh, du neckermanngeile Sau?!" Andererseits musste Hansen nicht erst nach Bangkok fliegen, er bekam schon daheim schöne Frauen. Besonders seine Klavier-Schülerinnen hatten es ihm angetan. Ich fragte mich, wie er die Mädels rumkriegte. Er hatte kaum noch Haare auf dem Kopf und zwanzig Kilo zu viel auf den Rippen. Aber er hatte einen zupackenden Drive. Einen selbstverständlichen Charme, mit dem er seinen Schnitt machte.

"Und.. weiter?" fragte ich.

"Nur, wenn ich in den Chef-Sessel darf, auf dem Scheiss Drehding hier krieg ich Rückenschmerzen. Also, was ist? Tausche Spitzen-Story gegen den Chef-Sessel."

Ein fairer Handel. Jedenfalls nicht auf Anhieb unfair, sagen wir so. Ich überließ ihm das cognacbraune Kunstleder-Exemplar, das beim Aufstehen dazu neigte, ein despektierliches Furzgeräusch von sich zu geben, wenn die Luft aus den Bezügen entwich.

Hansen steckte sich eine Kippe an.

"Gut, pass auf. Die wollte koksen, die junge Dame. Ein lustiges Wesen. So vielfältig irgendwie. Sie war jedes Mal anders, wenn ich sie sah. Dann hab ich sie angerufen. Sie war aber nicht da, also hab ich ihr auf die Mailbox gesprochen. Was denn jetzt mit der Nase Koks wäre. Ob wir die nicht endlich nehmen sollten."

"Und? Hat sie zurückgerufen?"

"Na, weiß nicht. Kann sein. Jedenfalls ruft seither dauernd einer an und legt wieder auf."

"Das ist sie!"

"Sicher. Mh."

Er fläzte sich so tief in den Chefsessel, ich wusste gar nicht, dass man sich so tief in den Sessel fläzen konnte. Er verschwand darin wie in einer Geschichte aus tausendundeiner Sitzgelegenheit. Man sah kaum mehr als den dicken Kopf.

"Hast du schon mal ne Frau gefesselt und dann gefickt?" fragte er.

Jetzt kamen wir der Sache näher. Der Terminsache. "Nee. Du?"

"Natürlich! Ich glaub, zwischen dreißig und vierzig hat man nur Sex im Kopf. Sex und Geld."

Aus dem Radio in der Hotelküche wehte leise Jazz rüber, Nachtarbeiter-Jazz von Chet Baker, der ein paar Jahre zuvor mit seinem Saxofon in Amsterdam aus dem Hotelfenster gefallen war. Der dicke Hansen paffte Winston-Kringel in die Luft. Er schwieg, und schlief ein.

"He, deine Kippe!" Ich rüttelte ihn wach. "Pass auf, Hansen, du brennst ein Loch in den Teppich!"

Die Sex-Story also.

Hansen hatte einen Nebenjob gesucht, für vormittags. Er las ein Inserat im Wochenblatt. Fahrer für tgl. 5 Std. gesucht. Er rief die Nummer an. Eine Frau hob ab.

"Veroonika, hallooo..?"

"Ja. Hallo. Ich hab Ihre Anzeige in der Zeitung gelesen."

"Jaa? Schööön."

"Äh ja.. da wollte ich mal fragen, worum es sich dabei handelt."

"Jaa, Herr.."

"Hansen.."

"Herr Hans?"

"Hansen."

"Darf ich Sie so nennen? Herr Hans?"

"Hans..? Wieso?"

"Na, nur so."

"Na meinetwegen.."

"Gut, Herr Hans. Mit dem Job verhält sich wie folgt. Sie würden mich morgens gegen 8 Uhr 30 abholen und dann fahren Sie mich.. wohin.."

"Wohin?"

"Jaah, das.. ist abwechselnd. Aber innerhalb der Stadt, in aller Regel. Vielleicht mal Wuppertal oder Düsseldorf, muss man sehen, je nachdem. Die Fahrt würde ungefähr zeehn Minuten dauern, dann haben Sie eine Stunde.. Freizeit. Anschließend holen Sie mich wieder ab und wir fahren zum nächsten ääh Job, wieder ungefähr zeehn Minuten Wegstrecke, und wieder haben Sie frei, so eine, anderthalb Stunden. Das geht so bis.. etwa 12 Uhr 30, maximal 13 Uhr. Dann ist Schluss. Verstehen Sie, Her Hans?"

"Äh ja. Gut. Und mit welchem Wagen?"

"Jaah, Herr Hans, das ist auch wieder so ein Problem. Ich hab nämlich einen schöönen neuen Wagen, der hat einen Neuwert von fast vierzigtausend D-Mark, und wenn Sie zwischen den Einsätzen im Wagen ääh rumsitzen würden, alsoo, das wäre mir nicht recht, sag ich mal. Sie müssten schon Ihren eigenen Wagen nehmen, nicht waahr.“

"Na, okay, kein Problem. Was ist mit Bezahlung?"

"Ääh.. das ist einfach. Sie müssten täglich von 8 Uhr 30 bis 13 Uhr für mich erreichbar sein, Ihre eigentliche Arbeitszeit beträgt aber maximal eine Stunde.. oder auch nur mal dreißig Minuten, kommt drauf an, jaah? Ich würde Ihnen daher wöchentlich ein Entgelt von hundert Mark zahlen."

"Hundert Mark..? In der Woche?? Ist das Ihr Ernst?"

"Äh, ja."

Der dicke Hansen war kein Typ, um lange sprachlos zu bleiben.

"Und wenn Sie mich in Naturalien auszahlen?"

"Wie das denn?"

"Nun ja. Mit einem Nümmerchen."

"Nümmerchen?"

"Ja. Nümmerchen, genau."

"Das wäre ja dann.. nun, nicht mal ein Nümmerchen pro Woche, Herr Hans.."

"Dann legen Sie halt noch was drauf."

"Was drauflegen.. das wäre mir aber nicht recht."

"Wir könnten aber sofort einen Probetermin ausmachen. auf der Stelle. Einen Vorschuss, quasi. Hätte ich kein Problem mit."

"Ich suche aber erst für Anfang Januar, da zahle ich doch jetzt keinen Vorschuss."

Damit war das Gespräch beendet.

"Und?" sagte ich.

"Nix", sagte Hansen.

"Wie, nix?"

"Na, die Kuh wollte sich auf keinen Vorschuss einlassen."

"Schon klar, und darüber soll ich schreiben? Da war das ja mit deiner Schülerin noch spannender."

"Mit der gab's aber Ärger. Also mit ihr direkt nicht, aber mit den Eltern. Die haben nämlich den Anrufbeantworter abgehört. Mit meiner Nachricht."

"Oh. Das mit dem Koksen?"

"Genau. Wusste ich ja nicht, dass die Kleine noch zu Hause wohnt. Jetzt hat sie natürlich Stubenarrest."

"Stubenarrest..? Wie alt ist die Kleine denn??"

Hansen war plötzlich gereizt.

"17. Oder 15. Keine Ahnung. Mein Gott, die sehen doch heute alle aus wie Mitte vierzig. Wie die jungen Dinger heute so sind. Große Fresse, dicke Möpse."

In der Küche spielte das Radio Club-Jazz. Hansen hatte keine Lust mehr zu erzählen.

"Ich kann nicht mehr klar denken."

Er lag lang ausgestreckt im Chef-Sessel und schnupperte an seinem Zeigefinger. Endlich ging die Sonne auf.

26.7.16 10:58


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