Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Dynastie der schönen Nachmittage

Es wurde Frühling. Vater und ich saßen auf dem Balkon im Dachgeschoß, ließen den Blick über die Stadt schweifen, schlürften heißen Kakao und aßen Apfelkuchen. Aber ohne Sahne. Die Sahne hatte Mutter immer geschlagen, sie war nicht mehr unter uns, es war keine Sahne mehr nötig. Ohne Sahne war auch lecker. Einfach den Kuchen aus der Gefriertruhe nehmen und auftauen lassen. Außerdem hatte keiner von uns Lust, den Mixer anzuwerfen. Die ganze Arbeit, bloß für Sahne.

Wir beobachteten zwei Zitronenfalter, die sich fröhlich in der Luft balgten.

"Hörst du eigentlich auch die vielen Vögel?" fragte ich Vater.

"Welche Vögel?"

"Na, hier ist doch jede Menge Gezwitscher in der Luft. Hörst du gar nichts davon..?"

Er lauschte angestrengt, die Augen rollten hin und her. Er gab sich alle Mühe, doch es war nichts zu machen, er hörte immer schlechter. Es gab Tage, da musste ich jeden einzelnen Satz wiederholen, eine anstrengende Sache für alle Beteiligten. Hörapparate kamen ihm trotzdem nicht ins Ohr. "Die machen alles nur noch schlimmer", sagte er. Angeblich seien die Nebengeräusche überproportional laut und würden nur die ganze Kulisse zukleistern.

"Hörst du die denn.. gar nicht?"

"Die Vögel?" Er schüttelte den Kopf. "Nein. Nicht einen Piep."

"Das ist aber blöd", sagte ich.

"Ja, das ist blöd", sagte Vater.

Er blickte über die Balkonbrüstung in den blauen Himmel, wo ein paar Schleierwolken vorüberzogen, im lockeren Verbund.

"Und was ist mit den Wolken?" meinte er. "Machen die auch so'n Krach?"

 

*

Vater kam zunehmend mit den Tageszeiten durcheinander. Wenn ich ihn nachmittags am Telefon erwischte - was an sich schon ein Glücksfall war, weil er das Klingeln meist überhörte - hatte er gerade ein Schläfchen gehalten und war der Auffassung, es sei früh am Morgen und er müsse die Heizung anwerfen und frühstücken. "Ich han richtig Schmeit", sagte er auf Platt, ich hab richtig Appetit.

Es dauerte, bis ich ihn auf die richtige Spur brachte.

"Es ist fünf Uhr durch, Papa.. Du hast längst zu Mittag gegessen."

"Wer?"

"Na, du."

"Ich? Zu Mittag..? Ich.. hab schon.. zu Mittag gegessen, sagst du? Um fünf Uhr früh??"

"Es ist fünf Uhr Nachmittag."

"Nachmittag..."

Während er sprach, arbeitete es ihm. Er suchte nach Anhaltspunkten, die bestätigten, was ich sagte. Nach Resten einer warmen Mahlzeit, nach Fleischfasern, die in seinem Mundraum vagabundierten, nach einem Klecks Apfelmus auf der Trainingshose. Nach Besteck vielleicht, das er aus Versehen mit ins Wohnzimmer genommen hatte, wo er nun saß und mit mir telefonierte.

"Mittagessen..", hörte ich ihn murmeln.."Nein. Ich hab heut noch nichts zu Mittag gehabt."

"Doch, bestimmt. Es ist fünf Uhr durch, und das Mittagessen kriegst du immer gegen zwölf gebracht."

"Richtig!" warf er ein.

Wir warteten. Ich wartete, ob noch was kam von ihm, Vater wartete grundsätzlich, aber daran hatte er sich gewöhnt. Gewöhnen müssen, weil das Leben jenseits der Achtzig zu einem großen Teil aus Warten besteht. Das fragliche Mittagessen hingegen setzte ihm zu.

"Das begreif ich nicht", hörte ich ihn leise mit sich selbst ringen, auf Platt natürlich, "ich begriep dat nit..", und ich ärgerte mich, ihn überhaupt gefragt zu haben, da jedes kleine Sich-nicht-erinnern-können für Demenzkranke eine Niederlage darstellt. Andererseits war er jedes Mal stolz wie Oskar, wenn er sich plötzlich erinnerte, dass der Menu-Bringdienst ja doch schon dagewesen war und welches Gericht er gebracht hatte. Was gar nicht so einfach zu merken war, weil alles gleich schmeckte, für Vaters Geschmack, "da können die ihre biligen Puffbohnen noch so sehr Prinzessböhnchen nennen."

 

*

Ich hatte angerufen, um ihm mitzuteilen, dass ich erst am folgenden Tag zu ihm käme und nicht heute, wie ursprünglich abgemacht.

"Ich komme morgen, Papa, dann hast du ja Geburtstag."

"Geburtstag? Ich..?"

"Ja. Morgen, du hast morgen Geburtstag."

"Was ist denn morgen?"

"Dienstag."

"Aha.. Und wann kommst du?"

"Morgen", sagte ich. "Dienstag."

"Dienss..tag..", wiederholte er so langsam, als müsse er die neue Info erst verarbeiten und mitschreiben. "Gut.. Morgen ist.. Dienstag. Aber du kommst.. heute?"

"Nee, morgen. An deinem Geburtstag."

"Ah so.. ja. Klar."

Die Telefonate häuften sich, die sich auf diese Weise in die Länge zogen, bis ich es mir abgewöhnte, Vater mit blöden Fragen in Verlegenheit zu bringen, Fragen, die mit Terminen und Uhrzeiten zu tun hatten und nur Unfrieden stifteten.

 

*

Als wir Kinder klein waren bereitete es Vater diebische Freude, sich vor uns aufzubauen wie Lehrer Lämpel im Großen Wilhelm Busch-Album und den Spruch zu bringen, von dem ich bis heute nicht weiß, woher er stammt. Ich habe recherchiert, ich habe gegoogelt, ich hab nirgends auch nur eine Spur des Verfassers gefunden. Und dass Vater ihn selbst erfunden hat, glaube ich nicht. Auch meine Geschwister sind da skeptisch.

Wer anderen in der Nase bohrt, sprach Vater, ist selbst ein Schwein.

Was er damit genau ausdrücken wollte, blieb im Dunkeln - vermutlich, dass jeder gefälligst vor der eigenen Haustür kehren solle. Aber das war ja auch nicht so wichtig. Sinnsprüche und Tellerwahrheiten bildeten die Ausnahme in der Familie. Es blieb jedem selbst überlassen, dem Leben sein Geheimnis abzuknöpfen. Es gab lediglich so etwas wie stille Übereinkünfte, auf die man sich verständigte. Etwa die Überzeugung, dass der Virus Mensch eines Tages das All erobert, und dann Gnade Gott den anderen Planeten. Bis dahin aber blieb man mit seinem Hintern am besten dort, wo man gerade war, und harrte der Dinge.

Wer anderen in der Nase bohrt, ist selbst ein Schwein..

Als Knirps sah ich jedes Mal riesige Zwitterwesen und Sauhunde vor mir, die sich gegenseitig in den Nüstern pulten, wenn Vater mit aller Inbrunst seinen Lieblingsspruch brachte.

Ein ungeheuerlicher Vorgang, und ich blickte Vater mit großen Augen an.

 

*

Seit Mutters Tod nach Weihnachten 2010 war er alleinstehender Witwer, herz- und zuckerkrank, von Asthma geplagt und zunehmend dement, in einer neunzig Quadratmeter großen Wohnung unterm Dach. Ein alter Mann, der nicht mehr viel zu tun hatte, außer warten, dass jemand aus dem Kreis der Familie zu Besuch kam. Am Ende des Lebens bleibt nur die Familie. Wehe dem, der zeitlebens geschludert hat in dieser Richtung, der ist erledigt. Der ist dreimal tot, bevor er tot ist, weil niemand mehr auf der Welt ist, der sich für dich interessiert. Und wofür ist man sonst auf der Welt. Was bleibt, wenn dich niemand mehr nach deiner Meinung fragt. Wenn sich niemand mehr erkundigt, sag mal, wie würdest du das tun, wie siehst du die Sache.

Solange Vater gesund gewesen war und Mutter noch lebte, zog er sich gern in die Stille und berührende Enge seines bis unter die Decke vollgestopften Hobbykellers zurück und bastelte die großartigsten Puppenhäuser und Kasperletheater für seine Enkelkinder, echte Zauberapparate. Vater war immer ein Mann der Tat gewesen, doch im Alter waren es ausgerechnet die Hände, die ihn, vom Gedächtnis mal abgesehen, im Stich ließen. Er konnte nicht mal mehr eine lumpige Mineralwasserflasche öffnen, ohne Zuhilfenahme einer Wasserpumpenzange. Orgelspielen ging nicht mehr, Basteln war vorbei - so blieb am Ende nur Warten, dass jemand kam und ihn besuchte.

Dass er sich selbst aufmachte, um Leute zu besuchen, war Geschichte. Sein letzter Versuch in dieser Richtung - er wollte eine alte Bekannte aufsuchen, die an der Hasseldelle wohnte, einen guten Kilometer entfernt - endete mit einem Schwächeanfall samt anschliessendem Sturz in die Hecke. Vater konnte noch froh sein, dass eine aufmerksame Autofahrerin anhielt und ihn einsammelte und wieder nach Hause brachte.

Von sieben Tagen die Woche war er nun an sieben Tagen zu Hause, es sei denn, es standen Termine beim Arzt an oder meine Schwester holte ihn ab und unternahm kleine Ausflüge mit ihm. "Ich bin ein richtiges Hausschwein geworden", beschwerte er sich. Dennoch erlaubte ich mir Montags schon mal den Gag, Vater zu fragen, was er denn übers Wochenende so alles angestellt habe.

"Oh, ich bin hübsch zu Hain use geblieben!" flötete er lakonisch.

"Schön. Dagegen ist nichts einzuwenden", entgegnete ich.

 

*

Pflegestufe 1 bedeutete: Morgens und abends kam der Pflegedienst in die Wohnung, blieb aber selten länger als zehn Minuten. Da Vater noch selbständig gehen und sich waschen konnte, sparten die Pflegekräfte bei ihm jede Minute ein, die andere Patienten nötiger hatten. Ja, sie machten ihm sogar ein schlechtes Gewissen, wenn es bei ihm mal länger dauerte, "das muss ein Bettlägriger gleich büßen."

Ich kam im Schnitt dreimal die Woche zur Schillerstraße und blieb den ganzen Nachmittag. Meine Schwester, die Ernährungslehre unterrichtete, kam Freitags und am Wochenende, ihre Tochter, Studentin, wenn sie in der Stadt war. Mein Bruder war aus Vaters Versorgung größtenteils ausgeklammert, da er als Software-Administrator in Köln arbeitete und unter der Woche kaum vor 20 Uhr zu Hause war. Hinzu kamen seine beiden Jungs im Grundschulalter, seine Frau, die als Krankenschwester auf halber Stundenzahl arbeitete, sowie Walburga und Lily, zwei französische Langfellschafe, die das Gras am Berghang hinterm Haus kurz hielten und jedem Besucher persönlich vorgestellt wurden. Mit anderen Worten, der Bruder war zeitlich ausgereizt und vieles blieb an mir hängen.

Die Wochentage, an denen ich Vater besuchte, wechselten, doch der Montag war eine feste Bank.

Wenn du von deinem Vater kommst, bist du meist aufgelockert und irgendwie.. zufrieden, so die Gräfin damals.

Natürlich gab es Tage, wo ich lieber zu Hause geblieben wäre. Wo ich knurrte, dass ich SCHON WIEDER los müsse, wo ich doch gerade erst so schön am Schreibtisch in Form gekommen war. Aber hatte ich mich einmal aufgerappelt und kam zur Schillerstraße, den treuen Hund an der Seite, war es jedes Mal in Ordnung. Ich freute mich darauf, Vater zu sehen und Zeit mit ihm zu verbringen. Darin hatte ich es mal zur Meisterschaft gebracht, das war lange Jahre mein Ding gewesen, das Verbringen und Verplempern von Zeit, doch nun war mein alter Vater der letzte, mit dem es noch halbwegs funktionierte, das Beisammensitzen und den Tag hinterm Horizont verschwinden zu sehen.

Nichts bleibt wie es ist, schon klar, doch manchmal, in Ausnahmefällen, könnte es ruhig etwas länger bleiben, wie es ist.

Hinzu kam: ich meine, was bleibt dem ältesten Sohn einer gestandenen Klempnermeister-Legende übrig, als das Leben zu verplempern, wenn es schon nicht zum Klempner gereicht hattte, rein vom phonetischen Standpunkt aus gesehen. Das Leben verklempnern hatte sich früh erledigt, wegen meiner exorbitant linken Hände. Es ist bis heute so schlimm, dass ich selbst handwerklich geprägten Begriffen wie FERTIGUNGSHALLE grundsätzlich skeptisch gegenüber stehe. Oder hier, BARRIEREFREI.

 

*

Während meine Schwester unseren alten Vater so oft wie möglich ins Auto verfrachtete, ihn ins Oberbergische karrte und irgendwo einkehrte, wo Kaffee und Kuchen gereicht wurde, leistete ich ihm zu Hause Gesellschaft. Ich war sein persönlicher Gesellschafter. Wir verdrückten warmen Apfelstrudel, tranken heißen Kakao und lasen Zeitung auf dem Balkon hoch über den Dächern der Stadt. Manchmal trugen wir ähnliche Thermohemden.

Am liebsten war mir, wenn er aus alten Zeiten erzählte. Das waren echte Highlights. So erfuhr ich, dass Opa ständig Jagd auf Ratten gemacht hatte, mit der 6mm-Pistole legte er sich auf die Lauer und schoss auf das Gelichter, das aus dem nahen Bärenloch rüberkam und im offenen Abwasserkanal nach Nahrung suchte. Bei solchen Erinnerungen schwebte ich förmlich über dem Balkon und sah mich an Vaters Lippen hängen, genauso fasziniert wie Mutter zu ihren Lebzeiten an seinen Lippen geklebt hatte.

Die kleinen Erinnerungen hatten es mir besonders angetan, Dinge, die er unbedeutend fand und eher nebenbei erwähnte. Etwa dass es bis in die Dreißigerjahre auf der Solinger Seite von Kohlfurth eine Kneipe namens "Der liebe Jüng" gab, wo es nach feuchter Pappmaché und Sägespänen duftete, wie im Saloon.

Nicht weit vom "lieben Jüng" lag das sagenumwobene Kohlfurther Strandbad an der Wupper. In meiner Phantasie besitzt es bis heute schon deshalb hohen Stellenwert, weil es seine Pforten längst geschlossen hatte, als ich 1960 zur Welt kam. Ich kenne es nur vom Hörensagen. Ein Naturbad, das von eiskaltem Bachwasser gespeist wurde und wo man mit einer 10er-Karte locker über den Sommer kam, weil die Betreiber es mit dem Eintritt nicht so genau nahmen.

Auch kleinere Familiengeheimnisse lüfteten sich an den Nachmittagen auf dem Balkon. So war mir neu, dass der Cronenberger Onkel mit der schwarzen Hand schwul gewesen war. Einmal im Jahr nahm er sich eine mehrwöchige Auszeit vom Eheleben und fuhr ins nahe Antwerpen Männer küssen, während seine Frau, Tante Christel, den Lebensmittelladen weiterführte und nach aussen hin so tat, als wäre der liebe Gatte in Kur.

Ich seh den Onkel noch bei meinen Großeltern in der Küche sitzen, mit der steifen Hand, die in einem schwarz-glänzenden Lederhandschuh steckte. Eine schwarze Hand, aus der ich Pfefferminzbonbons entgegennahm, immer einzeln, wie bei einer Taubenfütterung. Erst vierzig Jahre später verstand ich, dass es sich um eine Prothese handelte, über die ein Handschuh gestülpt war. Eine Kriegsverletzung, Erster Weltkrieg.

Er war kein unfreundlicher Mann, die schwarze Hand, während Tante Christel eher verkniffen rüberkam. Vom jahrelangen Stehen im Lebensmittelgeschäft hatte sie ein Elefantenbein, das sie mit Bandagen umwickelte, während man beim Anblick des anderen Beins dachte, hups, da kommt der Storch, weil es so dünn und knickrig geblieben war. All das sowie die Sorge um den schwulen Ehemann in Zeiten des Nationalsozialismus sorgten dafür, dass Tante Christel mit schweren Seufzern durchs Leben navigierte, eine Angewohnheit, die sie auch nach dem Krieg nicht ablegte.

 

*

Das kleine windschiefe Häuschen am Stöckerberg war vor dem Krieg ein stattliches dreigeschossiges Schieferhaus gewesen, in der Bombennacht 1944 fiel es in Schutt und Asche. Mein Großvater baute es 1946 eigenhändig wieder auf, doch weil nach dem Krieg Geld und Material knapp waren, reichte es nur noch zum einstöckigen Häuschen, in dessen Keller später die Werkstatt meines Vaters untergebracht war, der sich als Gas-und Wasserinstallateur selbständig gemacht hatte.

“Bei deinem Opa in der Küche fühlte man sich wie in einer Puppenstube”, meint die Gräfin, die Großvater zum 90. Geburtstag ein klingendes Glückwunschtelegramm überbrachte, damals jobbte sie als Eilbotin bei der Deutschen Post. “Wenn man das Häuschen betrat, erwartete man automatisch winziges Geschirr und Messerchen.”

Opa hatte ihr persönlich geöffnet, obwohl das Häuschen voller Gäste war an diesem Tag im Mai 1990. In der  Hand hielt er eine angebrochene Flasche Korn, und er liess sich nicht davon abbringen, dass sie ihm zu Ehren einen mittrinken müsse, “Depeschen ausfahren hin oder her.”

“Also musste ich mich in der Puppenstubenküche auf die Eckbank zwängen und zwischen den alten Männern ein Schnäpschen trinken. Und da erst erkannte mich dein Opa und wusste, wo er mich hinstecken sollte. Du bist doch dat Kleen vom Andreas, dröhnte er und schenkte noch einen ein. Ich muss noch fahren, protestierte ich, doch das liess er nicht gelten. Wenn die Schmiere dich anhält, schiebst du alle Schuld auf den aulen Bock aus dem kleinen windschiefen Häuschen am Stöckerberg. Dat klappt schon.”

 

*

Wenn sich die Verwandtschaft bei Opa und Oma sammelte, hockte ich als Pico unterm Küchentisch und staunte angesichts all der muffigen Alte-Tanten-Beine, die in Nylonstrümpfen steckten. Ganz schlimm roch es aus den halben Strumpfhosen, die bis knapp übers Knie reichten und ins Wabbelfleisch weiblicher Oberschenkel übergingen. Ich war fasziniert und beschämt zugleich. Ich nahm ein tiefes Näschen und kauerte untem Tisch, bis wir aufbrachen.

 

*

Mein Bruder schildert, wie er als kleiner Hosenmatz bei einer Familienfeier unterm Tisch saß und mit Autos spielte, als neben ihm plötzlich ein Gebiss zu Boden ging. Onkel Willi hatte es beim Lachen verloren. Mein Bruder hob die Prothese vom Teppich auf, "ich dachte erst, das wär Legospielzeug", und reichte sie Onkel Willi hoch, der meinem Bruder im Gegenzug ein Fünfmarkstück in die Hand drückte.

"Du bist ein lieber Jung."

 

*

An Sonntagen besuchten wir gelegentlich Tante Christel und die schwarze Hand, die in Wuppertal-Cronenberg einen Lebensmittelladen führten. Die Tante nahm mich beiseite und führte mich in den Laden, den sie extra für mich aufschloss. Das imponierte mir, auch wenn sie kein Licht machte und die Räume schummrig blieben, denn sie war geizig, die Tante, und Elektrizität teuer.

Vorbei an der Wursttheke ging es zu den Süßigkeiten. Lose Ware, die Tante Christel mit dem Schäufelchen auflud und in eine kleine weiße Papiertüte füllte, extra für mich. Darunter Pfefferminzdragees, logisch, waren ja billig, aber auch Erdbeerschaumgummi und Pastillen, die nach lila Zucker schmeckten. Was sagte man dazu?

Da sagte man danke, Tante.

 

*

Bei aller Einsamkeit, die ihm seit Mutters Tod zusetzte, sobald Menschen in seiner Nähe waren, zu denen er ein Band hatte, taute Vater auf. Wie oft saßen wir nachmittags auf dem Balkon, teilten uns die Zeitung, und wenn Vater auf ein Wort stieß, das er nicht kannte, wurde er neugierig und er erkundigte sich nach der Bedeutung. Englische Begriffe erriet er gern, auf Basis seiner Grundkenntnisse aus britischer Kriegsgefangenschaft. Bei Heart Attack etwa war er sich sofort sicher: harte Attacke!

Manches blieb ihm allerdings ein Rätsel. Etwa das Internet in seiner Gesamtheit. Zwar demonstrierte ihm mein Bruder am Laptop, was das Internet so alles kann und wofür es taugt, doch so richtig leuchtete es Vater nicht ein. Das Internet war nicht fassbar für ihn.

"Wenn du das Internet selbst ausprobieren würdest, wüsstest du ganz schnell, wie der Hase läuft", sagte ich, doch Vater winkte ab. Er hatte für sich beschlossen, das Internet für die große neumodische Erfindung zu halten, für die er zu alt war, um noch einzusteigen, damit war die Sache besiegelt. Lediglich wenn ihm ein Wort wie Google dauernd in den Schlagzeilen begegnete, wollte er mehr darüber wissen.

"Was ist das, Gogle?" 

"Gugel", verbesserte ich.

"Gugel?"

"Ja. Gugel führt dich durchs Internet, es kennt sich da gut aus. Gugel ist wie ein Schleppkahn, der dich weltweit in jeden Hafen bringt, den du suchst."

"Hoyy!" sagte Vater. "Ist das denn so groß, das Internet?"

 

*

"Dieses Bemühen Schritt zu halten in diesem ganzen täglichen Wahnsinn, das haben dein Vater und du gemein, das ist schon ein bisschen rührend", so die Gräfin. "Dieses erst dann aufwachen, wenn die Dinge längst Geschichte sind, das liegt bei euch in der Familie. Nur dein Bruder checkt die Dinge schneller. Deine Schwester auch. Also, du und dein Vater, ihr seid echte Kriechtiere. Ihr seid so langsam, da sind die meisten Leute ja im Stehen schneller."

Was mich betrifft, ich habe tatsächlich eine verlangsamte Wahrnehmung. Tiefenwirksam erst in dem Moment, wo ich allein bin und mich konzentrieren kann, wenn alle Geschwindigkeit der Welt abgeschüttelt ist und ich mich im Nachhinein ganz dem Objekt hingeben kann. Solche Leute nennt man Aufschreiber.

 

*

Anfang Juni 2013 stürzte Vater in der Küche und zog sich eine Platzwunde am Kopf zu. Was damals genau passiert war, blieb unklar, eins aber stand fest: Er hatte es hernach noch auf die Reihe gekriegt, das Blut vom Küchenboden aufzuwischen, damit weder wir Geschwister noch der morgens und abends nach dem Rechten sehende Pflegedienst Verdacht schöpfen konnte, dass er hingefallen war. Bloß nicht ins Krankenhaus war seine Devise. Bloß nichts ins Altenheim. Hauptsache in der alten Wohnung bleiben.

Eine Devise, die wir teilten.

Es gab Überlegungen, Planspiele, Vorschläge. So fragte Vater die Gräfin und mich, ob wir uns vorstellen könnten, bei ihm einzuziehen und ihn quasi im Vorbeigehen mitzuversorgen. "Ich mache doch nicht viel Arbeit", sagte er, und wie er das sagte, hatte ich dieses schummrige Gefühl im Bauch, das sich immer dann meldet, wenn Liebe zu stark zu werden droht und die Perspektive verschiebt. Wenn man zu Entscheidungen neigt, die man eines Tages eventuell bereut. Doch für drei Leute und einen Hund war Vaters Wohnung definitiv nicht geeignet, die Räume waren zu ungünstig aufgeteilt, das sah Vater letzten Endes auch ein. Niemand hätte je wirklich seine Ruhe gehabt. Nein. Tut mir leid, Papa, es geht nicht.

Auch mein Bruder und seine Frau stellten sich die Frage, ob ihre Hazienda in den Wupperbergen für eine zusätzliche Person ausreichen würde, doch das alte Haus war zu verwinkelt und die Innentreppe zu steil, es wäre für Vater gefährlich gewesen. Außerdem waren da die beiden kleinen Rabauken, beide im Grundschulalter und gestählt in endlosen Konkurrenzkämpfen und Lärmorgien.

Nein, wir machten uns die Entscheidung fürs Altenheim nicht leicht, doch die behandelnde Haus-Ärztin setzte uns irgendwann die Pistole auf die Brust. Sie könne keine Verantwortung mehr für Vater übernehmen, solange er allein zu Hause war, wir sollten uns schleunigst was einfallen lassen. Zum Glück fanden wir schnell einen Heimplatz, der zudem in der Nähe meiner Schwester lag.

 

*

Vermutlich hatte Vater in der Küche gehockt, eine Tomatenbutter mit Zwiebeln gegessen und war dabei vom Drehstuhl gerutscht und auf den Boden aufgeschlagen. Ob er dabei kurzfristig ohnmächtig gewesen war, niemand konnte es mit Bestimmtheit sagen. Irgendwann nach dem Sturz musste er sich aufgerappelt haben, um das Blut vom Linoleumboden aufzuwischen, mit Taschentüchern, die ich im Abfall gefunden hatte. Übersehen hatte er dabei nur einen kreisrunden Klecks in der Mitte der Küche, der ihn schliesslich verriet.

Ich war gegen halb vier mit dem Hund zur Schillerstraße gekommen. Wenn ich die Wohnungstür aufschloss und nachschaute, wo Vater sich aufhielt, musste ich vorsichtig zu Werke gehen, wie ein Ermittler, der erstmals den Tatort aufsucht und nicht weiß, ob der Täter sich vielleicht noch in den Räumen aufhält. In seinem einsamen Mittagsschlaf war Vater oft dermaßen tief versunken, dass er beinahe einen Herzschlag erlitt, wenn man plötzlich vor ihm stand und hallo sagte.

Hallo Papa.

"Mannn.. hast du mich erschreckt..! Bist du verrückt!? Das kann man doch nicht machen!"

Wie man es denn machen sollte, verriet er allerdings nicht.

Heikel war es, wenn er sich zum Mittagsschläfchen ins Esszimmer zurückgezogen hatte, da schlief er besonders tief und fest - man kriegte ihn einfach nicht wach. Da konnte ich beim Betreten der Wohnung noch so laut PAPA! dröhnen, ICH BIN'S! Oder gleich den Hund vorschicken, SUCH DEN ALTEN MANN! WO IST DER ALTE MANN?! Aber dann war die Gefahr groß, dass Vater wach wurde und plötzlich stand ein Riesenköter vor ihm und zog die Lefzen hoch, und er starrte mitten hinein.

Wie ich es auch versuchte, das Aufwecken blieb ein Problem. Im ersten Moment, im Auftauchen aus tieferen Traumschichten, war ich für Vater stets ein Fremder, den er nicht kommen gehört hatte, der ihn überfallen und ausrauben wollte. In Amerika, mit der Pumpgun unterm Kopfkissen, hätte er mich locker zwanzig Mal erschossen.

 

*

Vater lag unter Decken begraben auf dem Sofa, er schlief tief und fest, ein vertrauter Anblick. Nur sein Kopf war zu sehen und das wirr abstehende weiße Haar - ein Dirigent, der sich zwischen zwei Aufführungen aufs Ohr gehauen hat, um sich zu erfrischen.

Ich stand über ihm und beobachtete seinen Schlaf. Manchmal blieb ich minutenlang so stehen, still, bewegungslos, den Blick auf seinen alten geschundenen Körper gerichtet. Wie ein Herzschlag-Bussard kreiste ich über ihn und wachte über seine Herzschlagfrequenz, da man in Vaters Alter, in seinem Zustand nie ganz sicher sein konnte, ob die Wolldecke, die sich da im Rhythmus der Atemzüge hob und senkte, sich nun wirklich im Rhythmus der Atemzüge hob und senkte oder ob ich mir das ganze nur einbildete und Vaters Körper längst schon - oder unlängst - erkaltet war. Ich war wie ein Luftbild-Archäologe, der aus einem Meter Höhe Muster zu erkennen versuchte im Schädel des Ahnen. Hirnströme.

Oh, welch süße sorglose Tage dagegen, wenn ich ans Sofa trat und er laut und wild schnarchte und jäh die Augen aufriss und hellwach war!!

Ach du bist es!

 

*

Manchmal hatte ich die Nase voll. Ich hatte alles mögliche probiert, um ihn schonend wach zu bekommen, doch es war nichts zu machen, er reagierte auf nichts, bis ich kurzentschlossen an seiner Schulter rüttelte wie an einer bösen Stiefmutter.

"JAA.. BIST DU DENN..? DES WAHNSINNS..? ICH HAB MICH VIELLEICHT ERSCHROCKEN!!"

So. Jetzt war er wach. Wenigstens das.

 

*

Ich erkannte einen dunklen Fleck am Haaransatz, wie Blut - getrocknetes Blut. Ich bückte mich. Das Blut verklebte sein graues Haar. Er stöhnte leise im Schlaf. Ich ermunterte den Hund laut zu bellen, damit Vater aufwachte, doch der Hund kapierte nicht, was ich von ihm wollte, da das Bellen in diesen Räumen sonst eher untersagt war.

Ich stand vor der Schlafcouch, sagte laut "Vater!", zupfte unschlüssig an der gesteppten Decke, was natürlich nichts brachte, dafür ist der Schlaf ein zu mächtiger Altersbegleiter, da hilft es wenig, unschlüssig an der gesteppten Decke zu zupfen. Ich griff zum finalen Mittel. In der Küche hing ein Wasser-Boiler aus den Sechzigerjahren. Sobald das Wasser heiß wurde und zu kochen begann, setzte Daueralarm ein, ein Inferno, dass dem Haus fast das Dach wegflog, und tatsächlich: sofort war Vater wach, mit schreckensweit geöffneten Augen.

"WER IST.. WAS IST LOS..?!" keuchte er, aus dem Nachmittags-Traum gerissen.

"Na, das frag ich dich..", sagte ich.

"WAS??!"

Ich liess ihn erstmal zu sich kommen. Er stöhnte und schmatzte. Nach einer Weile stieß er die Decke weg, streckte die Hand nach dem Hund aus.

"Ach, da ist ja auch der Hund.. Hallo.. Molli."

Frau Moll schleckte genüsslich Vaters Hand, rauf und runter, wie einen dicken Fleisch-Lolli. Sie liebte seine milchige, nach Aprikose duftende Creme, die der Pflegdienst gern mal auftrug.

"Sag mal, Papa.. was hast du am Kopf gemacht..?"

"WAS??!"

"WAS HAST DU AM KOPF GEMACHT?"

Er saß jetzt halb auf dem Sofa, halb hing er durch und winkte verschlafen ab.

"Ach so.. ja. Weiß auch nicht, was da passiert ist.."

Er versuchte das Thema nicht weiter zu berühren, "na, Molli, wo warst du denn so lange?", doch ich nagelte ihn fest.

"Bist du hingefallen?"

"WAS?!"

"OB DU GESTÜRZT BIST! DU HAST DA EINE DICKE PLATZWUNDE AM KOPF! DA MÜSSEN WIR WAS MACHEN. DAS KÖNNEN WIR NICHT EINFACH SO LASSEN, PAPA! WAS HAST DU GEMACHT?"

Er nickte müde. Ja, ich weiß.. Da war so was. Da ist so was.. geschehen.. Unangenehme Geschichte. Scheint die Sonne..? Setzen wir uns draußen auf den Balkon? Ja?

"Sollen wir Appelkuoken auftauen..?"

Seine Augen waren rot und müde, wie die Scheinwerfer eines betagten Doppeldeckers, der den Himmel so oft abgeflogen war, dass ihm jeder noch so kleine Winkel bekannt war, jedes noch so kleine feindliche Luftschiff hatte er gesehen. Lass mich einfach in Ruhe, sagten diese Augen. Ich hab alles gesehen.

"Was ist passiert, Papa?"

Er konnte sich nicht erinnern. Ich schaute mir die blutverschmierte, verklebte Wunde aus der Nähe an. Es war nicht zu erkennen, was darunter los war. Vielleicht hatte er eine Gehirnerschütterung. Zum Glück war ihm nicht übel, er hatte auch kein Kopfweh, und schwindelig war ihm sowieso ständig, vom Zucker.

Um rekonstruieren zu können, was geschehen war, klapperte ich die Wohnung ab und fand schliesslich den kreisrunden Fleck Blut auf dem Küchenboden und die mit Blut besudelten Tücher im Abfall.

"Du bist in der Küche gestürzt", sagte ich, holte eine Schüssel warmes Wasser und einen Waschlappen. Vater versank auf dem Sofa, ein Häufchen Elend. Er blickte mich aus großen ängstlichen Peter Lorre-Augen an.

"Was machst du da..?"

"Ich versuch das Blut abzutupfen .."

"WAS?!"

"ICH VERSUCH DAS BLUT ABZUWASCHEN."

Es war aussichtslos. Das Blut war bereits eingetrocknet. Es gelang mir lediglich, die Kruste etwas aufzuweichen, worauf die Wunde wieder zu bluten begann. Es war halb sechs. Der Pflegedienst konnte jeden Moment einfliegen. Vielleicht reichte es, wenn die Pflegerin einen Blick auf Vater warf. Vielleicht auch nicht. Ich suchte die Telefonnummer des Pflegedienstes, entschied mich aber, lieber bei der Hausärztin anzurufen, deren Praxis um die Ecke lag, keine dreihundert Meter entfernt.

Wir sollten uns sofort auf die Socken machen. Wir haben bis 18 Uhr geöffnet. Ich legte auf und rief ein Taxi. Zu Fuß schaffte Vater es nicht mehr, auch keine 300 Meter.

Ich half ihm beim Anziehen, was nicht so einfach war, da er es hasste, gleich nach dem Aufwachen in eine hastige Aktion verstrickt zu werden. Der Hund spürte, dass die Situation brenzlig zu werden versprach, und dackelte die ganze Zeit hinter uns her. Er wollte nichts verpassen. Da die Gräfin Molli tags zuvor stundenlang gebürstet hatte, sah sie aus wie ein Riesenstofftier von der Kirmes, und wir mussten lachen, sals ich Vater davon erzählte.

Um zehn vor sechs war das Taxi da. Ein Taxi für eine Fahrt von 300 Metern. Da hilft nur üppig Trinkgeld, sonst hast du schnell ein Messer zwischen den Rippen.

Der Fahrer, ein mürrischer Türke, und ich nahmen Vater in die Mitte und führten ihn drei Etagen durchs Treppenhaus runter zum Wagen, wobei ich mit der freien Hand die Hundeleine halten musste, weil Frau Moll uns sonst zwischen den Beinen hin- und her gewuselt wäre. Ich kam mir vor wie ein Marionettenspieler, der Mühe hatte, die Fäden seiner Puppen auseinander zuhalten.

Natürlich wäre es einfacher gewesen, Frau Moll allein in Vaters Wohnung zu lassen, solange wir beim Arzt waren, doch leider neigte der Hund dazu, Hausgemeinschaften in Schutt und Asche zu kläffen, sobald er sich dort alleine aufhielt.

Nachdem Vater im Taxi saß, schickte ich den Wagen voraus und folgte zu Fuß mit dem Hund zur Vereinsstraße. Alles sehr umständlich. Da die behandelnde Haus-Ärztin nicht im Haus war, musste sich ein anderer Arzt aus der Gemeinschaftspraxis um Vaters Wunde kümmern. Während Vater, der sehr schwach und unkonzentriert wirkte, im Sprechzimmer auf den Doc wartete, trudelten ständig weitere Patienten ein, obwohl die sechs Uhr-Deadline längst überschritten war.

Ich hatte andere Probleme. Wohin mit dem Hund? Ich leinte Frau Moll draussen im Flur am Geländer an, sie machte es sich auf den Treppenstufen bequem, das war okay für sie. Es liess sich aber nicht vermeiden, dass Nachbarn, die in die oberen Etagen wollten oder von dort kamen, über den Hund hinweg steigen mussten, was Frau Moll auf den Tod nicht ausstehen konnte. Dann geriet sie in Stress und verlor schnell jegliche Contenance und Beisshemmung, auch wenn es bloß ein Beißen in die Luft war, eine Art Warnbeissen.

Was sollte ich tun? Den Hund mit in die Praxis nehmen verbot schon die Front der Arzthelferinnen, ein Trio blutjunger türkischer Frauen mit Kopftuch. Da konnte ich mir jegliche Diskussion sparen.

Ich teilte mich auf. Mal fand ich mich für einige Minuten im Sprechzimmer ein, wo ich Vater Gesellschaft leistete, mal war ich im Flur und kraulte den am Geländer angeleinten Hund.

Die ganze Aktion dauerte anderthalb Stunden. Irgendwann rief der Doktor mich zu sich, ein jovial auftretender Mann, leger gekleidet wie für den Everyday Award, der im Gespräch ständig zwischen Du und Sie lavierte und unentschlossen wirkte, wie er mit Vater verfahren sollte.

"Mir fehlen hier die Gerätschaften, um festzustellen, ob Ihr Vater eine Gehirnerschütterung erlitten hat. Er kann sich ja nicht einmal daran erinnern, was überhaupt passiert ist. Vielleicht war er unterzuckert und ist eine Weile ohnmächtig gewesen, wer weiß."

Da Vater Diabetes hatte, war der Verdacht durchaus begründet, er bekam seit einiger Zeit Insulin gespritzt. Der Doktor tendierte dazu, Vater übers Wochenende ins Klinikum einzuweisen, zur Beobachtung, "dann sind wir auf der sicheren Seite. Wenn Sie mir jetzt natürlich versprechen, ich schlafe heut Nacht bei meinem alten Daddy, gut, dann können Sie ihn wieder mitnehmen."

"Dann machen wir das so", sagte ich, obwohl ich keine große Lust hatte, im ex-Ehebett meiner Eltern zu übernachten, aber darüber war das letzte Wort noch nicht gesprochen. Hauptsache, er musste nicht ins Krankenhaus, wo übers Wochenende eh keine Untersuchungen stattgefunden hätten.

Er bekam eine Tetanusspritze, die Wunde wurde gereinigt und desinfiziert. Genau in dem Moment hörte ich plötzlich lautes Gebell und Gepolter aus dem Treppenhaus.

"WEM GEHÖRT DER SCHEISS KÖTER!!?"

Mit einem unguten Gefühl stürzte ich durch die sich leerende Praxis Richtung Ausgang und stieß die Tür zum kühlen Treppenhaus auf.

"Der Hund gehört mir. Wieso?"

Frau Moll saß aufrecht auf dem untersten Treppenabsatz und hechelte gestresst, während ein Mann in meinem Alter etwas abseits im Flur stand, er war kaum zu bändigen.

"DER ALTE BOBTAIL DA WOLLTE MEINEN SOHN BEISSEN!"

Ich blickte mich um. Ich sah kein Blut, keine ausgebissenen Fleischstücke, keinen vereinzelten Zahn. Ja, da war nicht mal ein Sohn zu sehen. Da war.. eigentlich gar nichts. Ich beschloss Ruhe zu bewahren. Alles andere machte keinen Sinn.

"Das ist kein alter Bobtail", stellte ich klar. "Und wo ist denn ihr Sohn?"

"DER IST DRAUSSEN, SO EINE ANGST HAT DER GEKRIEGT! DER IST RAUSGERANNT! DER KÖTER WOLLTE MEINEN SOHN KILLEN!"

Ich fragte, was genau passiert war. Ich entschuldigte mich. Ich sagte, dass ich als Junge ebenfalls Schiss vor Hunden gehabt hätte, dass ich das gut nachvollziehen könne, dass es mir leid täte, dass der Hund niemals wirklich zubeißen würde, er würde nur in die Luft schnappen zur Warnung, wenn man über ihn hinweg steigt, etc. etc. Ich nahm allen Wind aus den Segeln. Ich hielt den Ball flach. Es war nichts passiert, und ich hatte andere Sorgen.

 

*

Während Vater mit versorgter Wunde noch in der Praxis saß, warteten Frau Moll und ich im Hausflur aufs Taxi, das uns wieder nach Hause bringen sollte. 300 Meter, fett Trinkgeld. Ich kraulte Frau Moll das Fell, um sie zu beruhigen. Ganz kleinlaut lag sie da, mit umgeklappten rosa Öhrchen.

Sie hatte nach dem Jungen geschnappt, der im Treppenhaus auf dem Weg nach unten über sie hinweg marschiert war, und ihn dabei in den Arm gekniffen. Der Vater, alarmiert von dem Geschrei, war aus der Wohnung im zweiten Stock gestürzt, direkt hinterher. Gut, ich hatte mich entschuldigt. Vater und Sohn waren nach oben gegangen, zurück in die Wohnung. Dachte ich. Bis ich ein Flüstern wahrnahm, das immer lauter, genervter wurde.

"Jetzt haben wir uns ausgesperrt, Vati.."

"..na, sauber.."

In dem Tohuwabohu hatte der Vater den Schlüssel in der Wohnung liegen lassen, und der Durchzug hatte die Tür zugeschlagen. Jetzt warteten sie auf die Tochter, die hatte einen Schlüssel. Ich verhielt mich mucksmäuschenstill, schließlich lag das ganze Schlamassel im Schwenkbereich meiner Schuld. Das alles wäre nicht passiert, hätte ich den Hund nicht im Flur angeleint.

Endlich kam das Taxi. Ich holte Vater aus der Praxis. Zum Glück war es derselbe Fahrer wie auf der Hinfahrt. Ich musste nicht viel erklären.

8.4.16 16:17


Die 5 %-Regel / Der Löwenmann


Die Erde ist so schön wie die Welt scheisse ist - Die Gräfin

 

Sie ist bis heute davon überzeugt, dass ich grundsätzlich nur knapp ein Zwanzigstel von den Dingen mitbekomme, die um mich herum geschehen. Sie nennt mich einen dickfelligen Flegel, "bei dem man sich die Mühe machen und winzig-kleine TV-Bildschirme um die Dinge herum bauen müsste, das würde einen Typ wie dich neugierig machen."

"Ein Zwanzigstel", das bleibt hängen. Ich finde es seltsam, und ich werde es nicht los. Wieso sagt sie ein Zwanzigstel? Wie kommt sie darauf? Warum nicht ein Zehntel, ein Fünfzigstel. Sie weiß es selbst nicht. Aber damit habe ich auch nicht gerechnet. Sie ist die große Diva der Intuition. Ihren Worten liegt stets eine Wahrheit zugrunde, die angeflogen kommt. Welche genau und woher sie abstammt, worauf sie beruht, das muss man selbst heraustüfteln. Sie liefert sozusagen das fertige Werkstück.

 

*

Recherchen in meinem Kopf ergaben, dass ich mit fünf von hundert Leuten etwas anfangen kann. Mit einem von zwanzig. Daher also weht der ein Zwanzigstel-Wind. Es ist die 5 %-Regel. In welcher gesellschaftlichen Schicht ich mich auch bewege, ob unter Bankern oder Fernfahrern, unter Junkies oder Cheerleadern, stets sind es 5 %, mit denen ich gut klar komme. Und eine echte Freundschaft kommt wiederum nur mit 5 % dieser 5 % in Frage.

Der Mensch lernt in seinem Leben im Schnitt 1700 Leute kennen, und er sieht sich 5800 Spielfilme an. Fragt mich nicht, woher ich diese Statistik habe, mein Notizbuch hat sie. Von den 1700 Leuten bleiben nach der 5%-Regel am Ende 85 übrig, mit denen man in Urlaub fahren würde. Wirklich für eine Freundschaft indes taugen von den 85 Leuten wiederum nur 5%, was exakt 4,25 Freunde fürs Leben ausmacht. Das haut hin, Freunde. Alles ist gut, solange man nicht im Promillebereich landet, was Freundschaft betrifft.

Von 5800 Spielfilmen gefallen einem 290 ausgenommen gut, wovon exakt 14,5 Filme private Oscarqualität haben.

 

*

Forscher gehen davon aus, dass erdähnliche Trabanten in 5 % aller Galaxien möglich sind.

 

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"5% der Menschheit sind intelligent - die restlichen 95 % sind unsere Anhänger." (Bhagwan)

 

                                                      *

Würden nur 5 % aller Autos computergesteuert fahren, ließen sich die meisten Staus auf Autobahnen und Fernstraßen vermeiden, so Verkehrsforscher.

 

                                                      *

Hersteller von Computerspielen machen Profit, indem sie ihre jugendliche Kundschaft dazu bringen, Spielverbesserungen einzukaufen, um die Performance zu verbessern und in den Rankings aufzusteigen. 95 % der Spieler geben nie Geld dafür aus, begnügen sich mit der Basisversion. Die Hersteller werden reich mit den restlichen 5 %, die von den Spiele-Entwicklern nur noch "Wale" genannt werden. Sie wollen stets den dicksten Fang, sie geben alles Geld dafür aus, das sie in die Finger kriegen.

 

                                                      *

Von den Schlachtfeldern des 1. Weltkriegs zogen 5 % aller 13 Millionen deutschen Soldaten schwere psychische Schäden davon. Die sogenannten Kriegs-Neurotiker konnten zum Teil nicht mehr aufhören zu zittern, so sehr litten sie unter ihren Erfahrungen. Sie zitterten am ganzen Körper, Tag um Tag. Die Kriegszitterer.

 

                                                      *

Maximal 5 % aller Leser sind gewillt, für Online-Texte Geld auszugeben.

 

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"Mein Herz hat 300 Prozent." (Die Gräfin)

 

*

Der Löwenmann hatte die imposantesten Dreadlocks der Stadt bis ihm das Haar eines Tages kaputt ging und ausfiel. "Kann man nichts machen", sagt er. Wir ziehen eine Weile durch die Strassen, unterhalten uns länger, als es sonst üblich ist unter Arbeitskollegen, die jahrelang in derselben Firma angeschafft haben, Morphin & Co LTD. Es fallen Namen aus längst vergangenen Tagen, verbrannte Namen, verschollene Gesichter.

“Erinnerst du dich an Jessy?”

“Jessy..?”  Nach einer kurzen Rückschau sag ich: “Ja sicher.. Jessy.”

Bei einem Namen, der fünfundzwanzig Jahre lang nicht gefallen ist, kann es schon mal dauern, bis die dazugehörige Gestalt sich bequemt, Konturen anzunehmen. Augen, die Haare, die Nase. Die Nase ist wichtig in der Erinnerung. Erinnerst du dich an die Nase, kommt das restliche Gesicht von allein.

Jessy war Tscheche, ein Wuschelkopf, von kleiner muskulöser Statur. Er hiess Jechiczek oder so ähnlich, doch weil die Deutschen das nicht aussprechen konnten, nannte er sich Jessy. Einer der seltenen Fälle, wo sich jemand selbst einen Spitznamen verpasste.

“Bis über den Tod hinaus”, meint der Löwenmann düster.

“Wieso? Ist Jessy tot?”

“Ach, der ist doch schon 1992 gestorben, an AIDS im Knast. Aber auf Jessy lasse ich nichts kommen. Der war in Ordnung. Den haben die Bullen tagelang mit drei Mann in die Mangel genommen, aber der Junge hat dicht gehalten. Auf den lasse ich nichts gekommen. Selbst als die Russen ihn in den Kofferaum steckten, wenn du uns nicht verrätst, wo die Schore ist, versenken wir die Karre im Baggerloch, mit dir hintendrin, ist er nicht weich geworden. Jessy hat nie jemanden angeschissen. Der hat sich immer gerade gemacht.”

Ich wundere mich, warum der Löwenmann, ein eher introvertierter Typ, hochgewachsen, ein Einzelgänger mit verschorfter deutscher Innenwelt, immer noch so begeistert ist von Jessy, nach so langer Zeit. Der Löwenmann kann aber auch laut und unangenehm werden, wenn ihm etwas gegen den Strich geht. Dann ist er ein echter Hitzkopf. Etwa wenn der Wind im falschen Moment aus der falschen Richtung kommt und ihm frech unter den Trenchcoat bläst und die Kippe aus der Hand schlägt. Dann fletscht er die Zähne und scheisst die versammelte Fußgängerzone zusammen. “OH NO! WAS EINE … GOTTVERDAMMTE SCHEISSE DIESES LEBEN WIEDER IST!!” Ältere Passanten machen sich da schon mal dünne.

An anderen Tagen seh ich den Löwenmann in der Stadt sitzen und frage mich, was los ist in seiner Welt. Wie schockgefroren sitzt er da, die Haut wächsern, als habe er vor Jahren schon sämtliches Blut gespendet. Gesundheitlich gehts bergab, meint er.

"Mir tut die Leber weh. Die Leber ist doch hier hinten, oder..?! Na ja, kann auch vom Gulasch kommen letztens."

 

*

Ich kenne den Löwenmann schon seit den Siebzigern, aber bloß vom Sehen. Wir hatten nie näher miteinander zu tun. 1998 liefen wir uns zufällig im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme über den Weg, waren über ein Jahr lang in einer Bau-Schreinerei angestellt. Aber auch wenn wir in den gleichen Räumen arbeiteten, wir redeten kein Wort miteinander. Zwei verstockte Junkies, die nicht miteinander konnten.

Was auffiel war sein ungeheures Schwitzen. Besonders bei Arbeiten, die Mundschutz verlangten, lief ihm die Suppe nur so runter, etwa beim Abschmirgeln alter Türen. "Das kommt vom Methadon", raunten die Kollegen. Ich war damals im Codein-Programm, fuhr einmal die Woche zum Doc nach Elberfeld und nahm ansonsten fröhlich Heroin, wie der Löwenmann auch. Man hätte meinen sollen, dass man sich untereinander aushilft, aber so war es nicht. Zwischen uns herrschte absolute Funkstille. Ich sah es seinen winzigen Pupillen an, wenn er gutes Material auf der Tasche hatte.

Erst im Jahr 2013 kamen wir miteinander ins Gespräch, und waren uns unerklärlicherweise auf Anhieb sympathisch. Ein hochintelligenter Bursche, der das Gymnasium einige Wochen vorm Abitur verlassen musste, weil die Bullen hinter ihm her waren, wegen Dealerei. Er floh in die Niederlande, wo sie ihn kaschten, er fuhr für einige Jahre ein.

Im Rausch unterliefen ihm die gröbsten Schnitzer. Einmal war er kurz vor Feierabend im Karstadt eingeschlafen, nachdem er sich auf dem Herren-WC einen Schuß gesetzt hatte. (Ich weiß von einem Junkie, der nach einem Druck im Nahverkehrszug zwischen Solingen und Remscheid eingepennt war, im Sitzen vor dem Lokus. Er pendelte zwei Stunden lang hin und her, ohne wach zu werden, bevor Beamte der Bahnpolizei die Tür aufbrachen. Weil die Sitzposition ihm das Blut abgeklemmt hatte, mussten ihm beide Beine amputiert werden.)

Karstadt: Als der Löwenmann mitten in der Nacht wach wurde, dauerte es seine Zeit, bis er realisierte, wo er sich befand. Er irrte durch die dunklen Gänge des Warenhauses, geriet in Panik. Kurzerhand trat er eine Seitentüre aus Glas ein, und lief direkt einer Polizeistreife in die Arme: Unbemerkt hatte er Alarm ausgelöst. Niemand glaubte ihm, dass er nicht einbrechen, sondern ausbrechen wollte.

"Hätte man doch anhand der Lage der Scherben feststellen können", sagte ich, "dass du nicht von draussen kamst, sondern von drinnen", doch der Löwenmann winkte ab. "Glaubst du doch nicht im ernst, dass die Bullen bei einem Junkie soviel Aufheben machen.. Außerdem war mir damals alles piepegal. Alles, was mir interessierte, war der nächste Pitch."

Die Quittung: 14 Monate wg. Einbruch, ohne Bewährung.

*

"Das Sympathische an Männern, und was Frauen so hassen: dass jeder Mann glaubt, er sei unschlagbar. Ihr seid alles Buschpiloten."

(Die Gräfin)

*

Und was war nun mit Jessy?

Die Freundschaft zwischen dem Löwenmann und Jessy begann 1976 mit einem Faustkampf in der unterirdischen Ladenpassage des Turm-Zentrums. Da stand ein Weinlokal leer, wo man sich zum Prügeln verabreden konnte wie früher zum Duellieren. Man konnte sogar Wetten platzieren. Es traten an Hippies gegen Rocker, altgediente Mods gegen Kommunisten, Pleitiers gegen Privatiers, Jessy gegen den Löwenmann. Jedes Wochenende ging es hoch her. Montags geschlossen. Der Löewenmann und Jessy schlugen sich gegenseitig solange auf die Fresse, bis sie nicht mehr konnten und der Fight für remis erklärt wurde. Danach hatten beide Junkies zeitlebens Respekt voreinander.

“He, da kommt mein Bus!” ruft der Löwenmann plötzlich, und im Weglaufen, “Pass auf dich auf!”, den Überlebensgruß unter uns Überlebenden.

“Ja, du auch, Löwe.”

19.4.16 12:31


Bleibst du Mensch? Wirst du Maschine? Du hast die Wahl


Ehrlich gesagt, ich hab wenig Ahnung, wie technische Dinge funktionieren. Alles, was über das Drücken der START-Taste einer Maschine hinausreicht, ist für mich nur schwer nachvollziehbar. Gut, STOP geht auch noch. Besser ist aber, der Apparat kapiert von sich aus, dass ich mit einer bestimmten Angelegenheit durch bin und fährt automatisch runter. Doch diese Mühe macht sich nur die ein oder andere Gerätschaft. Ist den anderen doch schnuppe. Hochnäsiges New School-Pack.

Manchmal sitz ich vorm Fernsehapparat und überlege, wie das Bild in die Kiste kommt, ob hochauflösend oder tief, ich hab keine Ahnung. Oder ich häng am Computer. Großes Naturwunder Internet. Wie geht das denn, bittesehr? Ich skype mit einer Antilope in Kamerun. Wahnsinn. Na gut, dahinten ist ein langes Kabel, das geht vom Computer in die Zimmerwand, das hat irgendwie damit zu tun. Aber ohne Kabel geht auch.

Außerdem: Ich hab noch nie verstanden, wie ein schweres Flugzeug aus Eisen es schafft, in die Luft abzuheben und zu fliegen, ohne mit den Flügeln zu schlagen wie echte Vögel.

Hexerei.

 

*

Ich kann mit dem rechten Fuß so versiert gegen einen Ball treten, dass die Flugbahn die Form einer Bratwurst nachzeichnet, und zur Not kann ich über dieses Phänomen des Effet-Schusses auch einen Bericht schreiben, aber sonst? Ich bin eine Inselbegabung. Ich kann detailliert berichten von der Insel, auf der ich lebe, ich kann das Meer beschreiben, das um die Insel herum tost und mich becircst, jedenfalls, so weit ich das überblicke. Doch zu viel mehr bin ich nicht in der Lage.

Die Gräfin ist darauf sogar ein bisschen neidisch. Sie fühlt sich von vielen Talenten umstellt, sie ist eine Inselkette. Es gibt eine Insel für Ölmalerei, eine fürs Steine hauen, sogar eine für Chansons singen. Sie kann gut Autofahren, sie kann wunderbar kochen und den Hund versorgen, wenn er krank ist und aus der Pfote blutet. Ich kann das alles nicht. Ich kann Flanken schlagen wie Bratwürste und Worte hinstellen, dass sie nicht direkt umfallen.

“Du hast es gut”, seufzt sie öfter mal. “Du musst dich nicht entscheiden.”

 

*

Zwischen 2007 und 2009 war ich in der Bibliothek des Design-Instituts mit der digitalen Archivierung von Fachbüchern aus dem Bereich Industrial Design, Kunst und Architektur beschäftigt, da klingelte irgendwann das Telefon. Wie das funktioniert ist mir auch schleierhaft. Der Transport von Stimmen von hier nach da, dazu noch in Echtzeit und ohne Gesichtsverlust, also, ich weiß nicht.. Transport bedeutet für mich nichts weiter als es von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft zu schaffen, über knifflige Zeitspalten und Stimmungsschwankungen hinweg half, das ist schon schwer genug zu verstehen. Ausserdem, ist nicht jedes Telefongespräch eine Fata Morgana, ein Luftgebilde, das sofort in sich zusammenstürzt, sobald das Gespräch zu Ende ist? Ich würde mal sagen:

weiß nicht.

Auf dem Display der Telefonanlage blinkte GESCHÄFTSFÜHRUNG auf. Das Institut hatte einen neuen Geschäftsführer, frisch von der Universität Bonn hansdampfte er über die Flure, ein effektiver neuer Besen. Mit dem alten Geschäftsführer hatte ich diese unausgesprochene Abmachung getroffen, dass wir uns gegenseitig in Ruhe liessen, ohne Einmischung von anderer Seite, und jetzt das. Darauf musste man sich erstmal einstellen. Das war ein ganz harter Kanten Brot. Plötzlich hatte ich alle Hände voll schlechter Karten, was den Job betraf.

GESCHÄFTSFÜHRUNG, drängelte das Display. GESCHÄFTSFÜHRUNG, GESCHÄFTSFÜHRUNG.

Ich nahm den Hörer ab. Ob ich die Zeitung besorgt hätte. Die Zeitung?

“Ach ja.. Nee. Noch nicht. Hol ich gleich.”

Zu Beginn der Woche war in der Lokalpresse ein Artikel über den neuen Geschäftsführer erschienen, inklusive eines kurzen Interviews. Ein Belegexemplar lag in der Redaktion der Morgenpost zur Abholung bereit, und auf der wöchentlichen Instituts-Besprechung hatte ich leichtfertigerweise versprochen, mich darum zu kümmern, was ich im nächsten Atemzug wieder vergessen hatte.

In der Mittagspause machte ich mich auf die Socken zur Geschäftsstelle der  Morgenpost in der Fußgängerzone. Es waren nur einige hundert Meter. Es hatte den ganzen Vormittag geregnet und gestürmt, jetzt kam die Sonne raus und warf einen riesigen Regenbogen an den Himmel, es wirkte fast wie der Henkel an der Handtasche Gottes. Es war so gewaltig, dass ich, als ich darunter her schritt, glatt vergaß, mir etwas zu wünschen.

“Ach nee!” grinste jemand. “Herr Geheimrat!”

Fleschkönigs stand vor der Hauptpost, die BILD so lässig unterm Arm geklemmt, als wär’s die FAZ. Er kam gleich zur Sache.

“Hör mal, ich bin clean. Ich bin jetzt im Methadonprogramm.”

Was eine Ansage. Ich wusste nicht, ob ich mich für Flesch freuen sollte, schließlich ist Methadon so eine Sache. Wenn Heroin schon kein Publikumsknüller ist, dann ist Methadon wirklich ein einsames Geschäft. Niemand leistet einem Gesellschaft, wenn man in der Früh sein tägliches Quantum abschluckt, das der Doc für einen vorgesehen hat. Und dann liegt der liebe lange Tag noch vor einem. Nicht mal mehr losziehen muss man noch und Geld besorgen für Stoff.

“Was ich in meinem Leben schon alles geklaut und abgegriffen hab, dafür komm ich garantiert in die Hölle. Da darf ich dann all meine Schulden abarbeiten", kicherte Flesch. "Jede Wette. Meine Schulden bei Karstadt, bei Kaufhof und bei Woolworth.. und bei der Tengelmann Group sowieso.”

Seine Stimme war ein bißchen eingerostet, doch als er darauf zu sprechen kam, dass er neuerdings seinen Doc bescheißen musste, um nicht gleich wieder aus dem Methadonprogramm zu fliegen, gewann seine Stimme an Kontur.

Weill bei den turnusmäßigen Urintests immer weniger Patienten positiv auf Beikonsum getestet wurden, war der Doktor misstrauisch geworden und hatte die Kontrollen verschärft. “Ich kenn euch Vögel doch. Ihr seid doch nie und nimmer clean.” Fortan gab es eine Neuerung: Es wurde nur noch unter Sicht abgepinkelt, damit es auf dem Klo mit rechten Dingen zuging. Damit niemand mitgebrachte saubere Pisse kurz auf Körpertemperatur erhitzte und als die eigene abgab.

“Da hat der Doc aber nicht mit mir gerechnet”, so Fleschkönigs.

Ein erfinderischer Mensch, der Daniel Düsentrieb der Drogenszene. Ausführlich schilderte er mir die komplizierte Apparatur in seiner Unterhose, mit der es weiterhin schaffte, sauberen Urin, auf Körpertemperatur vorgewärmt, am Pimmel vorbei in den Pappbecher fließen zu lassen, durch einen superdünnen Spezialschlauch, den der Doc von seinem seitlichen Standpunkt aus nicht sehen konnte, wenn er ihm beim Pinkeln auf dem WC beobachtete, um jeden Betrug auszuschliessen. Ich kapierte hauptsächlich Bahnhof, was den technischen Aspekt betraf, es klang aber hochprofessionell und nötigte mir Respekt ab. Ach was, Respekt -ich war hellauf begeistert von Idee und Ausführung!

“Wenn die Schweine aufrüsten, rüsten wir eben nach!” gab Fleschkönigs die Losung aus, und die Leute vor der Hauptpost drehten sich neugierig um

“Hm, ja, seh ich ähnlich”, sagte ich zum Abschied. Eigentlich sah ich es sogar ganz genauso – wenn ich die Technik denn geblickt hätte.

Zurück im Institut, mit der Morgenpost des Vortages unterm Arm, nahm ich den Aufzug in den zweiten Stock. Da die Sekretärin erkrankt war, öffnete der neue Geschäftsführer persönlich. Ich drückte ihm die Zeitung in die Hand. Der Mann hatte krauses Haar wie ich, aber in einer dünneren, graueren, drahtigeren Ausführung. Während meine Locken weich wie Butterflocken vom Kopf fielen, standen ihm die Metallspäne geringelt vom Haupt. Richtig, er hätte genauso gut einen Schrotthandel managen können. Im großen Stil. Versteht sich. Ist klar.

“Kopieren Sie den Artikel bitte vier Mal, ich hab gleich ein wichtiges Meeting. Dann muss das fertig sein.. Inklusive Interview, versteht sich. Sagen wir, in einer halben Stunde? Vier Kopien? Ja? Ist das drin?”

Ich nickte.

“Schön”, sagte er, "schön, schön", und widmete sich wieder seinem aufgeräumten Schreibtisch, auf dem nichts los war. Natürlich lief der PC, aber das bedeutete nichts, PC’s liefen auf jedem Schreibtisch der Welt, ohne dass auf dem Monitor was los war.

Ein seltsamer Vogel. Wir passten irgendwie nicht recht zusammen. Die Chemie stimmte nicht zwischen uns, die Physik stimmte nicht, der Sportunterricht nicht, die Deutschstunde nicht, Erdkunde und Religion auch nicht – es war alles großer Käse zwischen uns. So wie man gelegentlich auf Menschen stößt, mit denen auf Anhieb alles möglich ist, so gibt es auch Menschen, wo von vornherein alles verloren ist. Das muss man akzeptieren. Man kann höchstens alles daran setzen, den Boden wieder gut zu machen, den man beim ersten Mal verwüstet hat. Falls daran Interesse besteht. Von beiden Seiten. Man kann nämlich auch schön alles lassen, wie es ist und damit leben – ja natürlich, das geht auch. Ist jetzt eher meine Methode. Soll er doch sein Leben und ich meines.. eben.

Ich seh es so: Die Menschheit ist nichts anderes als der Versuchsballon des Universums. Die Evolution probiert an uns aus, wie weit sie gehen kann. Wir sind Getriebene. Oder wie die Gräfin mal meinte: “Die tun einem richtig leid, die Menschen. Die können ja gar nichts dafür, wie sie sind.” So gesehen ist jeder von uns ein getriebenes armes Schwein, was sollen wir uns da gegenseitig auffressen. Soll doch jeder sein eigenes Leben verbocken und verdaddeln und dem anderen genug Platz lassen, damit der sein kleines Leben ebenfalls verdaddeln und verbocken kann. Ich bin für gerechte Verteilung. Einen links, einen rechts, einen fallen lassen. Jeder ist eine Soko, jeder wurde speziell zusammengestellt für sein eigenes Leben.

Der Kopierer befand sich ein Stockwerk tiefer, gleich neben dem Computer-Labor, das in dieser Woche wie leergefegt war. Mitarbeiter waren in Urlaub, bummelten Überstunden ab oder hatten sonstwie frei. Im ganzen Institut schien überhaupt niemand zu arbeiten, außer der neuen Geschäftsführung und mir.

Als ich den Artikel mal eben kopieren wollte, musste ich feststellen, dass die Zeitung ein ungünstiges Format hatte. Der über mehrere Spalten verteilte Artikel und das angehängte Interview passten nicht ins vorgegebene A4-Raster. Auch wenn es nur ganz knapp scheiterte, es scheiterte. Es passte nicht auf die Glasplatte. Nichts zu machen.

Ich faltete den Artikel enger, noch enger, nahm Ränder weg, mehr Ränder, doch auf den anschliessenden Probekopien fehlte stets etwas. Entweder war die Überschrift abgeschnitten oder die unterste Passage fehlte. Zudem begann das dünne Zeitungspapier schon einzureissen, von der ganzen blöden Falterei.

Nächster Versuch. Wenn es nicht auf A4 ging, musste der Artikel eben auf A3 kopiert werden. Ich entfaltete die Seite zurück in ihren Ur-Zustand und legte sie auf der Glasplatte in den vorgegebenen A3-Raster. Wieder passte es nicht, wieder lappte es über. Also die Ränder wieder weggefaltet, bis es endlich passte. Ich drückte START – es tat sich nichts.

BITTE PAPIER EINLEGEN.

Hm. Ja. Ach so. Ich holte einen Stapel A3-Bögen aus dem Schrank, öffnete das Papierfach des Kopierers. Als ich den Blick hob, begegnete mir eine Kurzanleitung. Wie mit dem Farb-Kopierer umzugehen ist, wenn man auch schwierige Situationen meistern will. Mir wurde warm vor Freude. Ich las weiter. Dummerweise stand da nichts von Zeitungsartikel kopieren. Zeitungsartikel kopieren schien definitiv keine schwierige Situation zu sein. Gottseidank. Das Papier war im Fach, die Zeitung lag auf dem Vorlagenglas, es war alles bereit zum Kopiervorgang, es konnte losgehen. Ich schloss den Deckel, START.

Und die Maschine ratterte los. Es klang eine Weile richtig kopierermäßig, XEROX-Sounds at his best – plötzlich war Sense. Es machte krrk: Ein Geräusch, als spürte die Würgeschlange, dass sie was falsches gefrühstückt hatte. Eine Eckbank vielleicht. Die Kopie im Großformat A3 blieb zur Hälfte im Auswurf stecken. Es ging nicht vor und nicht zurück. Genau in dem Moment – logisch –  kam der Geschäftsführer die Treppe runter. Hatte es eilig. War im Stress. Wollte nur schnell die fertigen vier Kopien abholen, die ich noch nicht nach oben ins Büro gebracht hatte – entgegen der Abmachung.

“Warum eigentlich?” hetzte er.

“Das hat äh nicht geklappt. Das Ding streikt”, sagte ich.

Er war ein bisschen angesäuert. Die Zeit drängt, stand in seinem Gesicht geschrieben, und zwar nicht in digitalen Zeichen, sondern in altmodischen römischen Kapitälchen: NOCH 10 MINUTEN BIS ZUM MEETING! SIE SCHERZKEKS!

“Da tut sich nichts”, zeigte ich auf den Kopierer. Die Maschine hatte jetzt nicht einmal mehr Licht. Total dunkel stand sie da. Ein Leichnam.

“Na toll, das kann ich jetzt gut gebrauchen”, knurrte der neue Geschäftsführer. Er war mir nicht mal besonders unsympathisch, ich wusste einfach nicht, was ich von ihm halten sollte. Es war einer dieser forschen Typen, die einem auf Schritt und Tritt begegneten.

“Ich wollte auf A3 wechseln, weil auf den A4-Kopien immer was fehlte, mal der Titel, mal unten das Interview”,  babbelte ich drauflos. Ziemlich sinnloses Zeugs. “Entweder es fehlte die Überschrift oder.. unten.. fehlten die.. äh..”

“Dann machen Sie doch einfach zwei Seiten draus”, unterbrach er mich und drehte auf dem Absatz um. Ein verärgerter Lucky Luke, der jeden Augenblick die raffinierte Daltons-Bande zum Lunch erwartete, doch im Moment hatte er noch mit Rantanplan zu tun, dem dusseligsten Präriehund New Mexicos. “Und zwar möglichst rasch. Kriegen Sie das hin?”

Als er fort war, blickte ich auf dir kühltruhengroße Kopiermaschine und entdeckte eine Order, die mir zuvor nicht aufgefallen war: BEFOLGEN SIE DIE ANLEITUNG AN DER SEITLICHEN ABDECKUNG. Ein Pfeil wies nach rechts unten. Ich folgte brav dem Pfeil und öffnete an der Seite des Kopierers einen Schacht. Wie immer, wenn mir das Wort SCHACHT begegnete, setzte sich eine Assoziationskette in Gang, seit ich während der Umschulung zum Steuerfachangestellten neben einem deutsch-ukrainischen Mädel gesessen hatte, das hieß Schacht. Ein patentes Mädel. Bisschen langsam im Kopf, vielleicht. Und patzig. Die patzige Schacht. Die im Unterricht noch jeden Umsatzsteuer-Lehrer zur Verzweiflung trieb mit ihrem russisch gefärbten harten Singsang: WIE, BITTE SCHÖN, LÄSST SICH DAS LOGGISCH DENKEN?! fragte sie, wenn sie im Unterricht mal wieder etwas nicht verstanden hatte. Ja verflucht, genau das hätte ich jetzt auch zu gerne gewusst, wie sich das logisch denken lässt! Das Leben, die Kopien!

4 Stück, bitte!

In der Anleitung wurde auf Englisch und Schritt für Schritt die Duplex-Funktion geschildert. Die Duplex-Funktion? Was zum Himmel sollte das jetzt!? Ich wollte nicht beidseitig kopieren, ich wollte bloß eine Kopie in der Größe von A3 ausgeworfen haben, Freunde! Oder A4 meinetwegenl! Vier kleine Kopien! Herrschaftszeiten! War war so schwer daran, einen winzig-kleinen Zeitungsartikel in vierfacher Ausfertigung zu kopieren? Nicht zu vergessen das dazugehörige Interview! Das konnte doch so schwer nicht sein, Himmel!

Ich und die Technik, das war schon immer ein sehr spezielles Mißverhältnis, auch wenn ich insgesamt eine straighte Linie verfolge. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Menschheit aufs vollelektronische Finale zusteuert, wo sich jeder zu entscheiden hat: Bleibst du Mensch? Oder wirst du Maschine? Du hast die Wahl.

In einer Maschinenwelt, in einer Maschinengesellschaft wird von dir erwartet, dass du dich wie eine Maschine verhältst. Es muss keine bewusste Erwartung sein, im Gegenteil, alle rutschen so rein in die Erwartungshaltung, aus einem einfachen Grund: weil wir zunehmend von Maschinen, Computern, Apparaten umstellt sind, die für uns entscheiden. Die Maschinengesellschaft erwartet, unbewusst, dass man nicht aus der Reihe tanzt, dass man funktioniert, ohne große Reibungsverluste, die ein Menschsein in der Regel mit sich bringt. 

Je mehr Maschinen und Computer unser Leben dominieren, desto mehr werden wir selbst Computer und Maschine. Der Mensch neigt dazu, sich nach oben zu orientieren. Zur Führung, zum Maschinengott.

Du kannst dich aber auch dagen entscheiden. Du kannst dich dagegen auflehnen, von Maschinen Befehle zu empfangen und auszuführen. Davon bin ich überzeugt, so wie die Gräfin davon überzeugt ist, dass sich jeder Mensch eines Tages entscheiden muss: Geh ich ins All und helfe beim Aufbau einer außerirdischen Kolonie, oder bleibe ich unten auf der Erde. "Auf diesen Tag freue ich mich schon, wenn all die Störenfriede zu den Sternen schippern, mit riesigen Köpfen, und bei uns auf der Erde wird es wieder schön ruhig. Schade, dass ich nicht 2000 Jahre alt werde und das miterleben darf. Frechheit.”

Was die Frage Mensch oder Maschine anging, so hatte ich mich längst entschieden. Aber gut, ich hatte auch leicht reden, als Technikdepp hätte ich eine miserable Maschine abgeben. Eine, die öfter mal ausfällt, die klappert und an der falschen Stelle dampft – und alle Ingenieure, alle Techniker sind ratlos. So etwas kann niemand wirklich gebrauchen. Da ist man lieber ein schlechter Mensch als eine gefährliche Maschine.

“Das kann doch nicht so schwer sein..!”

Der Geschäftsführer war zurück. Er hatte krauses Haar wie ich. Ja, ich weiß, das hatten wir schon, aber wir hatten auch das Problem mit dem Zeitungsartikel schon, ohne dass ich nennenswerte Fortschritte gemacht hätte. Ich bekam diesen verdammten Kopierer nicht gebacken, nichts zu machen. Ich war zu blöde. Der neue Chef trat von hinten an mich heran und blickte mir ungeduldig über die Schulter.

“Sehen Sie..! Da steckt noch Papier drin! So klappt das schon mal gar nicht!”

Mit einem kräftigen Ruck zog er den A3-Bogen aus dem Auswurf. Genau das hatte ich mir zuvor auch schon überlegt, aber wieder verworfen, weil ich meinem Plan nicht traute. Vielleicht ging ja jetzt was, wo der verknüddelte A3-Bogen den Auswurf verlassen hatte.

“Haben Sie auch das Raster umgestellt?”

Wenn der Geschäftsführer etwas fragte, wartete er die Antwort selten ab. Warum fragte er dann überhaupt. Am Papierfach befand sich ein Rädchen, das so lange weitergedreht werden musste, bis die gewünschte Norm erreicht war und einrastete. Die gewünschte Norm war:

A3.

“Nee”, sagte ich. “Wusste ich nicht, dass man das so von Hand einstellen muss.. Ich mein, ich dachte, das wär ne Maschine, die macht das.. automatisch..”

“So. Weiß er denn überhaupt etwas? Weiß er denn überhaupt etwas?” murmelte der Geschäftsführer, als wäre er der Großwesir am Hofe des Sultans und ich der kleine Muck. Er fummelte mit hektischen Fingern an dem kleinen Plastikrädchen herum. “Sehen Sie: Das Rädchen muss doch auf A3 stehen! Ist doch logisch! Wie soll die Maschine denn sonst das Format erkennen?”

Er hatte die Nase voll. Ich auch. Es reichte uns beiden an allen Fronten.

“Wissen Sie was? Machen Sie einfach zwei Seiten draus..! Ich muss jetzt hoch zum Meeting”, beschied er mich. Er musste sich zusammenreißen, um nicht endgültig die Contenance zu verlieren. Er schnappte sich die erste Probe-Kopie, die ich ganz zu Anfang gemacht hatte und auf der Überschrift und unterste Zeile des Artikels fehlten, aber das war ihm jetzt auch schnurz, Hauptsache, er hatte überhaupt etwas in der Hand, das er präsentieren konnte.

“Einfach alles auf zwei Seiten verteilen, ja? Eine Seite Bericht, andere Seite Interview. Kriegen Sie das hin? Was meinen Sie..? Und dann bringen Sie uns das bitte hoch ins Büro.”

Er stieg die Treppe hinauf. Er war innerlich so auf 180, man sah die Metallspäne auf seinem Schädel glühen. Was mich betraf, so war danach ganz aus. Es ging nichts mehr. Der Kopierer warf alles durcheinander, was ich ihm auftrug, er streikte auf ganzer Linie – das Display lag vor mir wie ein mausetoter grauer Tümpel. Alles war tot, tot, tot.

Als ich es immerhin hinkriegte, dass wieder Licht in die Maschine kam, versuchte ich den Zeitungstext in winzigen 1%-Schritten zu verkleinern, ein reiner Verzweiflungsversuch, der ebenso misslang wie alles andere, das ich zuvor schon ausprobiert hatte. Ich begann die Zeitungsseite erneut so akkurat wie nur möglich zu falten und auf irgendein unbekanntes J54-Format zu trimmen, bis die Zeitung komplett zerfleddert unterm Kopierer lag.

Kurz verfolgte ich noch den verwegenen Plan, den Artikel in aller Eile per Hand abzuschreiben und der Geschäftsführung als Kassiber zu übergeben, konspirativ, versteht sich, doch dann liess ich alles stehen und liegen und verduftete ein Stockwerk tiefer in die Bibliothek. Ich schmiss den Rechner an, archivierte auf die Schnelle drei, vier Bücher, darunter eins von Coletti, dem Großmaul der internationalen Designer-Kaste, dann machte ich eine Stunde zu früh Feierabend und bewegte mich heim, Richtung Kannenhof.

Bloß weg hier.

Unterwegs begann es zu regnen. Erst als ich die Haustür aufschloss, hörte der Regen auf, und die Gräfin und der Hund begrüßten mich.

“Schau mal”, sagte sie fröhlich.

Sie hatte im Garten einen Regentropfen von der Wäscheleine gepflückt und balancierte ihn nun auf der Fingerkuppe vor sich her wie ein kleines russisches Herz, und schenkte ihn mir. Sie schenkte mir einen frischen kleinen Regentropfen. Ich war überwältigt. Ich war begeistert von Plan und Ausführung. Meine Stimme gewann an Kraft.

“Hallo ihr beiden Mädchen.”

Ich war zuhause.

29.4.16 15:13


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