Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Kleine Anatomie des Schriftstellers

 

Gelbes Pferd - Malerin Eggert

 

Es hat Generationen gedauert, bis sich der heutige Typus des Schriftstellers herausgebildet hat. In früheren Zeiten gab es Geschöpfe mit bis zu achtzehn Fingern, die noch in der Nacht, während des Schlafes, am Tisch saßen und komplexe Essays verfassten, doch diese frühen Schreiber starben oftmals an Erschöpfung und Dehydrierung, sie setzten sich nicht durch.

Wie andere vielzellige Lebewesen auch, etwa die Pampahasenforscherin oder der Suffragettendarsteller, befindet sich der Schriftsteller heutiger Prägung nicht am Ende seiner Entwicklung. Einige anatomische Besonderheiten jedoch lassen sich festhalten.

Beginnen wir bei den Zähnen. Die Zähne eines Schriftstellers sind seine Sätze, sie sind sein Strahlen. Ein Schriftsteller, der einen während eines vertraulichen Hintergrundgesprächs nicht mindestens einmal volles Rohr anstrahlt, hat Dreck zwischen den Stecken. Ein guter Schriftsteller sorgt für seine Zähne. Putzt sie regelmässig, zeigt sie dem Lektor, lässt sie reparieren. Ist ein Schriftsteller, der seine Zähne nicht pflegt, demnach ein schlechter, ein verkommener Schriftsteller? Nicht notwendigerweise, nein. Aber man könnte es vermuten.

Kommen wir zu den Buchstaben. Ja, die Buchstaben, die ollen Lettern, sie sind die Blutgefäße jedes Schriftstellers. Sie bilden den Blutkreislauf. Das ist auch der Grund, warum ein erfolgreicher Schriftsteller niemals Blut spendet. Er würde sich nur ins eigene Alphabet schneiden - das wäre ja noch schöner. Das wäre ungefähr so, als würde der Fisch den ganzen See leersaufen und sich dann beklagen, dass kein Sprit mehr da ist, um mit seinen Kumpanen eine Runde Schwimmen zu gehen.

Der Plot einer Story ist in den Eingeweiden des Schriftstellers beheimatet und über den Körper verteilt. Hat der Schriftsteller für ein Projekt erst einmal den Plot gefunden, wird gewöhnlich ein Schlachtfest gefeiert. 

Das Lektorat sitzt in den Nieren und entgiftet den Text, bis die Pisse (die Story im ganzen) am Ende gut riecht und in Druck gehen kann.

Als Knochen des Schriftstellers bezeichnet man einzelne Kapitel seines Werks. Mal sind sie knackig-kurz, mal lang, mal gebrochen und schief und fehlgestellt, mal zusammengewachsen und gerade – immer ist es ein Sammelsurium voller Knorpel und Mark.

Gedichte, sie sind das Fingerspitzengefühl des Schriftstellers. Ein Schriftsteller, der nicht wenigstens hin und wieder in die Scheiße fasst, ist kein guter Schriftsteller. Schriftsteller ohne Scheiße an den Fingerspitzen verfassen gern regionale Sachbuch-Flops wie

Vom Tausendsassa zum Pflegefall

in nur 1 Woche

 

Kommen wir zur Blase. Die Blase ist dafür bekannt, noch jede Schreibhemmung zu beseitigen, seit sie sich den Ruf als Fluter jeder noch so stabilen Pisshemmung erarbeitet hat, wenn man sie zuvor nur ordentlich zur Tränke geführt hat. Dass das ganze nur logisch ist, ist eine Erfahrung, die viele Schriftsteller machen, die ihr halbes Schriftstellerleben auf dem Pisspott verbringen - ohne jemals zu müssen, zu können oder überhaupt zu wollenmüssenkönnen.

Das Herz eines Schriftstellers sind seine Worte, das Herz pumpt die unzähligen Buchstaben-Kombinationen durchs Geläuf. Doch Obacht. Das Infarktrisiko wächst mit Alter und zunehmendem Wortschatz. Besonders beim Gebrauch pseudo-männlicher Substantive wie Klappspaten und Personalrat macht es gern kurz piff (auch paff): Wortinfarkt. Dann heisst es behutsam den Wortschatz erneuern, auch mal weiche Begriffe einstreuen, keine Angst vor Feminismus, Sweetheart. Und ausserdem: Nichts klingt abgehalfterter als der Jargon deiner Jugend. Geht doch um nix!? Tja. Mag sein. Trotzdem, weg damit.

Im Unterbauch des Schriftstellers, nahe der Seele, ruht das Buch. Auch im digitalen Zeitalter ist das Buch das A und O jedes Schriftstellers. Warum? Das Internet gehört allen, es gehört der ganzen  Welt, ein Buch jedoch nur dir - dem Leser. Wer wollte das je toppen?

Die Lunge ist das Fenster zum Hof jeder Schriftstellerwohnung. Man sollte gelegentlich stoßlüften, aber nicht zu oft, da ein gewisser Mief unerlässlich ist für jedes gelungene Milieu.

Hab ich was vergessen?

Schamhaare!

Sind Gedankenstriche.

5.1.16 20:08


Keep looking out for No. 1


 

Die Erfahrungen, die ich mit Buchverlagen gemacht hatte, waren ernüchternd und nervig. Kaum einer wagte frischen Wind reinzulassen, alle hatten Schiss vor neuen Autoren, dass sie keine Auflage machten und rote Zahlen verursachten, dass sie den eigenen kleinen Lektorenjob bedrohten. Neugier Fehlanzeige, Mutlosigkeit, Windstille. Wund gelegen.

Ich lernte schnell: Verlage hielten grundsätzlich Ausschau nach Autoren, die ähnlich wie Erfolgsautor XY schrieben, der gerade en vogue war. Da war ein eigener Stil eher hinderlich. Auch das Publikum schien wenig Interesse an eigenwilligen Texten zu haben. Ich gewöhnte mich im Internet daran, dass Blogs, die nur wiederkauten, was woanders schon tausendfach geschrieben war, am besten liefen. Sie forderten nichts vom Leser. Aber warum sollte das Internet anders sein als die normale Welt. Das Internet war die normale Welt. Das Internet war hypernormal.

Verlagshäuser waren es gewohnt, dass sie sich um Nachschub nicht groß bemühen mussten. Dass die Manuskripte zu ihnen kamen, in ihr Postfach schwappten, dass sie Beute machten ohne einen Finger zu rühren - es war nicht aus ihnen heraus zu kriegen. Verlagshäuser waren es gewohnt, Texte zu erhalten, zu bewerten und nach Gutsherrenart zu entscheiden, welcher eine Chance bekommen sollte und welcher nicht. Besonders welcher nicht.

Wahrscheinlich bin ich ungerecht. Aber es macht mehr Spaß, aus der Position des verkannten Genies heraus über die Weide zu stiefeln und den Bauern anzublöken, was für ein Blödmann er ist, als halbwegs gerecht im Gras zu liegen und das Harem die ganze Arbeit machen zu lassen.

Obwohl, auch nicht schlecht.

Auf die Idee, im Internet auf eigene Faust nach neuen Autoren zu fahnden, kamen nur wenige Verlage. Und wenn ein Verlagsmensch doch einmal in die Niederungen der Blogwelt hinabstieg, war er auf der Suche nach Autoren und Autorinnen, die Kriterium Nr. 1 der Industrie erfüllten: jung musste man sein, je jünger, desto besser. Und da kam ich alter Sack daher, mit dem Duktus eines Beatniks. Da konnte man es auch gleich lassen.

Ach na und, Bücher sind sowieso überbewertet, meinte die Gräfin. Jeder Hinz und Kunz bringt heutzutage ein Buch auf den Markt, daran ist nichts besonderes mehr. Bücher werden heutzutage wie Söckchen verramscht. 6 Stck. 3,99. Es ist mittlerweile was besonderes, als Autor KEIN Buch zu veröffentlichen. OHNE Buch als Autor zu bestehen. Ein rein virtuelles Dasein aus Nullen und Einsen zu bestreiten, im Internet, das ja angeblich nichts vergisst, – jedenfalls, solange es Nullen und Einsen gibt -, während der Buchmarkt dement ist und ein Buch innerhalb vierzig Tagen abhakt, wenn es keine Auflage schafft.

Na ja. Man kann es sich auch schön reden, wandte ich hüstelnd ein.

(Vielleicht sollten ja Apfelbäume, Gräser und Kartoffeln beginnen Bücher zu verfassen, damit wir endlich mitkriegen, wie die unsere Welt sehen. DAS würde mal frischen Wind in die Bude bringen.)

Und außerdem: Ein Buch bedeutet Unannehmlichkeiten. Werbemaßnahmen. Eine Lesereise. Ich hasse es vor Publikum zu lesen, ich hasse Hotelzimmer, ich hasse Reisen. Das ist alles Mist, der einem nur Zeit raubt und Konzentration und wo man nachts die Groupies abräumen muss, die Genitiv und Genital erst verwechseln und dann total süß finden, süß wie falsche Artikel.

Der Person hat gereibt!

Also, warum zum Teufel solltest du knickrigen Buchverlagen hinterherjagen, wenn du das auch allein geregelt kriegst im Internet?! Wo du als Self-Publisher die Fäden selbst in der Hand hältst? Ohne sich einem Verlag auszuliefern, der dich mit einem Honorar in Pfennigstärken abspeist?

WARUM?

 

neues notizbuch

 

 

“Darum.”

Der Chef des mittelgroßen ambitionierten Verlages aus dem süddeutschen Raum hatte mein Manuskript mit nach Marseille genommen, wo er vierzehn Tage Arbeitsurlaub plante. Danach wollte er anrufen. Don't call us, we'll call you . Als als nach drei Wochen immer noch kein Anruf kam, rief ich an.

Ach, der Herr.. Glumm. Sie wollte ich auch noch anrufen.

Na, das ist ja jetzt nicht mehr nötig, entgegnete ich kühl. Die Stimmung war am Boden. Er wollte etwas zu meiner Biografie wissen. Ich war sprachlos. Es ist nicht so schwer, meinen Namen zu googeln. Wer sich ein bisschen Zeit nimmt, erfährt etwas über mich. Wahrscheinlich hatte er diese Art von Recherche bislang nicht nötig gehabt, schliesslich rannten ihm die Autoren auch so die Bude ein, Autoren, die von Ruhm träumten, von Groupies mit hochgestrubbeltem Haar und grandios übers Papier fliegenden Satzbauten. Träumern. Vollidioten wie mir.

Also erzählte ich. Das nötigste. Wer ich war, woher ich kam, wo ich noch nie gewesen war und auch niemals hin wollte. Fortziehen aus der Heimat war nie ein Thema, sagte ich, aber nachdem ich die Bücher von Brautigan, John Fante und Charles Bukowski entdeckt hatte, wünschte ich mir manchmal, ich wäre woanders geboren wurden - in Los Angeles vielleicht, oder in den weiten Wäldern von Montana.

"Dann hätte ich dort bleiben können."

"Wär vielleicht besser gewesen."

"Mh."

Dann sagte der Verleger, dass er unschlüssig sei, was mein Manuskript betraf. Es passe so gesehen in keine Kategorie. Es sei zu stark autobiografisch für jemanden, der keinen Namen hatte. Das sei schon mal.. schwierig. Im übrigen, der Text gehe großartig los, baue aber im zweiten Teil stark ab.

Kann schon sein, sagte ich. Mit dem zweiten Teil hab ich mir jetzt nicht so die Mühe gegeben wie mit dem Anfang. Aber daran lässt sich arbeiten. Autoren arbeiten ständig an Texten. Das ist der Job eines Autors. Seine Profession.

Gut, aber er habe da noch ein Problem. “Du hast keinen Namen.”

“Andreas Glumm”, sagte ich.

Nein. Keinen bekannten Namen.

Na wie denn auch, sagte ich. Wenn alle Verleger so reden, werde ich nie einen Namen haben, nicht auf dem Buchmarkt. Und so ganz unbekannt bin ich ja nicht, ausserhalb des Buchmarkts, als Blogger.

Ja, als Blogger, stöhnte er. Und wie viele Leute kennen und lesen dich? Ein paar hundert? Ein paar tausend, wenns hochkommt?

Ja, für den Anfang doch besser als nichts.

Ja, aber das sind doch selbst alles Blogger. Blogger bleiben immer unter sich. Entschuldige, dass ich so deutlich werde, aber Blogs sind ein Ghetto. Jedenfalls im deutschsprachigen Raum. 99 Prozent, ach was, 99, 9 Prozent der deutschsprachigen Blogs sind Grütze.

Kleine Pause. Einen Moment Verschnaufen.

Sagen wir so. Wenn du schon irgendwie einen Namen hättest.. das wär besser. Egal als was. Als Basketballstar in Israel, als verurteilter Schwanzlutscher in Saudi-Arabien, egal, egal, egal. Du verstehst, was ich meine? Die Leute kaufen kein Buch von jemanden, dessen Name ihnen nichts sagt. Besser noch sie kennen deine Fresse, die einen vorn auf dem Umschlag anknallt. Das ist Umsatzbringer Nummer 1. Deine Fresse.

Meine Fresse.., dachte ich.

Na, deine jetzt nicht. Die kennt ja keiner.

Pass auf, sagte er. Wir machen es so. Du hast eine Minute. Sag mir, warum ich mich für dich entscheiden sollte und nicht für Autor Y, von dem ich hier ebenfalls ein Manuskript auf dem Tisch habe – ein Autor, der jünger ist als du und schon ein bisschen bekannter.

Das soll ich dir beantworten?! sagte ich.

Ja, sagte er. Erkläre mir, was dich auszeichnet. Warum es ein Buch von dir geben muss, warum dein Name künftig jeder kennen wird. Du hast eine Minute.

Ich saß da und dachte, was ist denn jetzt los. Wo ist der Buzzer. Da kratzt jemand an deinem Lack. Da geht einer an deinen Stolz. Der will sehen, ob du dich verkaufen kannst. Ob du ein Marktschreier bist für die eigenen Belange. Daran ist nichts ehrenrühriges, dachte ich, der Mann ist Unternehmer, der will verkaufen, der muss Geld verdienen, ist doch klar, und schwieg.

Ein Name also. Glumm ist kein Name, da hatte er irgendwie Recht. Glumm ist ein Zustand. Ein physikalischer Widerstand. Eine Minute. Wie wärs mit einem Künstlernamen. Einem Pseudonym. Randolph Stuttgard, Chicago Hoffmann.

Ich hörte Schreibtischgeräusche am anderen Ende der Telefonleitung. Ich hörte ein Verschieben von Stiften, da waren Kratzgeräusche im Hintergrund. Der Sauhund kritzelte, während wir miteinander sprachen.

Wir nutzten beide Festnetz. Wir waren ungefähr gleich alt. Alter verlangt Chuzpe. Ohne Chuzpe bist du aufgeschmissen ab 50, und je älter du wirst, desto aufgeschmissener bist du, weil die Chancen weniger werden, wenn du in diesem Alter IMMER NOCH kein Bein im Geschäft hast. Weil du so spät angefangen hast zu begreifen, was das alles überhaupt soll, die Geschichte mit den 24 Stunden jeden Tag. Nun ja. Wie sagte die Gräfin einst so treffend?

"Mich stört es gar nicht so sehr, dass ich so langsam bin und so viel Zeit brauche, dass ich ein echtes Kriechtier bin, mich stört, dass das Leben so kurz ist, verdammt."

Auch die Gräfin hat immer was zu kritzeln in der Hand, während sie telefoniert. Daran ist nichts respektloses. Dass man beim Telefonien kritzelt. "Ich könnt mich totkritzeln!" Aber der Typ ging mir mit jeder Sekunde mehr auf den Sack, egal, was er tat.

“Wenn du wenigstens einen Roman hättest”, klagte er. “Nicht nur Storys.”

“Es gibt doch heutzutage kaum noch Autoren, die autobiografisch schreiben wie ich”, hörte ich mich sagen, ungenau und hochtraberisch. "Von Heroin, von Altersdemenz..” Das waren alles keine Gewinner-, keine Bringersätze. Ein Verleger will nicht hören, dass man anders schreibt, ein Verleger will gefälligst hören, dass man so ähnlich schreibt wie Bestseller-Autor Heinz X. Aber das hatten wir schon. Du wiederholst dich, Glumm. In diesem Moment kackte ich ab. Das war's. Dabei war ich fast sicher gewesen, dass der Verlag mein Manuskript annehmen würde. Wir hatten zuvor schon über Vorschuss verhandelt, über den Veröffentlichungstermin, Auftrittsorte für Lesungen besprochen. Da hing die Wurst also vor mir, so nah, ich hätte nur noch Hinschnappen müssen, und plötzlich – war sie weg. Weggezogen, wie zum Hohn. Wieder mal. Wenn du eine Chance vertust, kommt das Schicksal von hinten und tritt dir noch mal in den Hintern, mit der Pieke. Damit du es auch richtig spürst.

Scheiß doch auf die Verlage, meinte die Gräfin später. Mach es selbst. Nachdem sie zuvor etwas gesagt hatte, das ich interessanter fand: DIE CHANCEN SIND SOWIESO IN DER WELT. WENN DU SIE NICHT NUTZT, NUTZT SIE EBEN EIN ANDERER. DER CHANCE IST EGAL, WER SIE NUTZT.

“Du bist sowieso am besten, wenn niemand mehr mit dir rechnet – das ist deine ganz persönliche Pole Position.”

Ich blickte sie an. Wir waren seit mehr als 25 Jahren zusammen, niemand kannte mich so gut wie sie. Was sie sagte, war Gesetz. Sie war die Botin.

Wenn man so lange zusammen ist wie wir und sich beim gemeinsamen Frühstück zur selben Zeit räuspert, dann ist das wie Wasserballett, nur Räusperballett.

Manchmal ging sie durch die Wohnung und ich schaute ihr hinterher, mit diesem Gefühl der Rührung. Zwei Menschen, die gut miteinander können, haben was rührendes, Zerfall hat was rührendes. Sätze haben was rührendes, wenn sie zur Welt kommen in der richtigen Umgebung. In der Sprach-Serengeti: Als würde ein Junges aus dem Hintern der Antilopenmutter fallen und losstaksen, inmitten lauter Nullen und Einser. Nur einen Namen musste das verdammte Kind haben. Einen spannenden Künstlernamen. Eine Bombe.

Guntherschnabel, vielleicht.

Auch schön.

 

foto.abendbrotgebiet
8.1.16 12:40


Einer von den Alten


Es macht einen Riesenunterschied, ob man die Leute kennenlernt, wenn man drauf ist und täglich dem Pulver nachjagt, oder ob man sie noch von früher kennt, bevor es losging mit der Sucht. Den “Alten” vertraut man naturgemäß mehr. Der kleine Wiegand war einer von den Alten. Er trug Lederweste und Fransenjacke, er sah aus wie ein Trapper auf dem Santa Fe-Trail. Einer, der seit Jahren unterwegs war, mit einem Packesel an der Seite und Apachen im Genick.

Wenn er zuviel getankt hatte, verlor Wiegand schnell den Überblick, und er schlief immer und überall ein. So war es auch, als er in der Linie 3 von vier Kiddies mit Baseballcaps ausgeraubt wurde. Die Polizei meinte später, er sei vermutlich schon dabei beobachtet worden, wie er Geld vom Bankautomaten abhob. Es war Monatsende, Kohle schon auf dem Konto, und Wiegand hatte alles abgehoben, was ging: ALG II sowie die kleine Rente, die ihm zugesprochen worden war, für einen in den Achtzigerjahren erlittenen Arbeitsunfall. Die Unfallversicherung hatte ihm eine einmalige Nachzahlung von achtzigtausend Euro angeboten, wahlweise eine monatliche Rente von 300 Euro.

“Ja wie..!? Erzähl mir nicht, du hast dich für die Rente entschieden..!” Ich konnte es nicht fassen. “Bist du wahnsinnig? Solange lebst du doch gar nicht mehr, dass sich das noch lohnt!”

Der kleine Wiegand, sonst immer für einen Gag gut, für eine prompte Rückantwort, grunzte nur vor sich hin und nahm einen Schluck Bier.

“Dich alte Labertasche überlebe ich allemal.”

Wiegand hob 750 Euro ab, wackelte volltrunken ins Schuhgeschäft und leistete sich für 150 Euro rote Nikes, die er sofort anbehielt. Die alten Treter ließ er im Geschäft zurück. Keine Verkäuferin wollte die Dinger anfassen. Echtes Trapper-Bukett. Dann stieg er in die 3 nach Höhscheid und schlief in der letzten Bank des überlangen Gelenkbusses ein.

Die folgende Abzocke ist auf Video dokumentiert, alle Busse der Stadtwerke werden videoüberwacht. Vier Hip Hopper, die Basecaps tief ins Gesicht gezogen, kommen hinzu und nehmen den schlafenden Wiegand in ihre Mitte. Sie streifen ihm in aller Seelenruhe die nagelneuen Sneakers vom Fuß, zocken seine Brieftasche bis auf den letzten Cent. Eine Haltestelle weiter steigen sie aus. Auf dem Videomitschnitt sieht man schliesslich, wie der Busfahrer an der Endhaltestelle auf Wiegand zukommt, ihn aufweckt und rausschmeißt, obwohl er nur noch Strümpfe an den Füßen hat.

“Der hielt mich für einen Penner. Und ich war so voll, ich wusste überhaupt nicht, was Sache war. Ich hab nix mehr geschnallt.”

“Na, das ist ja nun auch nix Neues”, sagte ich.

Wir lachten. Es ist ein Riesenunterschied, ob man sich erst auf der Szene kennenlernt oder ob man schon vorher eine Beziehung zueinander hatte.

*

Er hatte eine neue Bleibe gefunden, die typische Single-Wohnung oben unterm Dach: 2 kleine Zimmer, kleine Küche, tausend Satelliten-Programme – “tipp topp, die Bude.” Auch die Nachbarn schienen soweit in Ordnung zu sein. Griechen, Kroaten, zwei Hübschlerinnen aus Polen, bei denen es ein und aus ging, zwei Schwarze, ein paar desorientierte Deutsche.

Um zu kontrollieren, wie die Hausgemeinschaft es mit der Reinlichkeit hielt, musste der Pflaster-Test ran. Den hatte der kleine Wiegand von seiner Mutter abgeguckt. Die hatte den Test jedes Mal gemacht, wenn die Familie umzog. Eine riesige Familie, neun Kinder. Da musste man als Mutter wissen, wie die neue Nachbarschaft tickte.

Ja, deine Mutter vielleicht, sagte ich, aber doch nicht du. Du bist doch selbst ein halber Messie!

Er hörte überhaupt nicht hin. Wenn Wiegand einmal anfing, war er nicht mehr zu stoppen. Ein Trapper auf dem Trail. Der Pflaster-Test also. Man legt den Köder im Hausflur aus, an exponierter Stelle, und wartet ab, was passiert.

Das gebrauchte Heftpflaster, das dem kleinen Wiegand im Hausflur der vierten Etage des Mehrfamilienhauses an der Adenauer Strasse wie versehentlich aus der Hand fiel, bewegte sich innerhalb der nächsten vierzehn Tage kontinuierlich nach unten, Etage für Etage, Treppenabsatz für Treppenabsatz, Stufe für Stufe, weiter, immer weiter. Wie bei einem nicht abgesprochenen Staffellauf kickte jeder Mieter das Pflaster aus seinem unmittelbaren Verantwortungsbereich in den des nächsten Mieters, bis es schliesslich im Erdgeschoss landete, unter der Phalanx der Briefkästen, wo sich keine Sau mehr darum scherte. Wo es zur Ruhe kam. Wo es sich verlor, hinter der Ziellinie. Allenfalls der kleine Wiegand, der die ganze Sache initiiert hatte, behielt es noch eine Weile im Auge, das Heftpflaster, das ursprünglich eine schlecht verheilende, Eiter suppende Brandwunde an seinem linken Ringfinger verschlossen hatte.

“Meine Mutter hat das früher auch immer so gemacht.”

Ja klar, sagte ich. Aber deine Mutter war auch kein halber Messie, der selbst nie das Treppenhaus putzt, du taube Nuss. Und ausserdem - wer bückt sich schon nach einem versifften Stück Hansaplast, das nach den 10 ekligsten ansteckenden Krankheiten auf einmal aussieht?

"Zehn auf einen Streich", feixte der kleine Wiegand, und das Thema war durch.

*

Er besuchte mich im Institut, um 2008 herum. Ich hatte ihn zwei, drei Wochen zuvor in der Stadt getroffen und dabei erwähnt, dass ich jetzt am alten Hauptbahnhof arbeitete, im Design-Institut, wo ich die kleine Bücherei verwaltete. Ich war schon eine Weile aus der Szene raus, er war immer noch drin. Nun stand er in der Tür, mit einem beschädigten Grinsen im Gesicht, halb forsch, halb scheu, und brauchte Geld. 170 Euro genau genommen.

“Meine Frau hat einen Roten draussen. Die kann jeden Moment verhaftet werden.”

Einen Roten draussen haben heisst, ein zuständiger Richter hat einen Haftbefehl unterschrieben, auf rotem Papier. Es war keine große Sache, es ging um eine nicht beglichene Rate einer Geldstrafe.

“Und da machen die so einen Honk?” wunderte ich mich.

“Der Staatsanwalt mag Melli nicht”, meinte Wiegand. “Der will die im Bau sehen, unter allen Umständen.”

“Warum?”

“Weiss nicht.”

An seinen Augen war abzulesen, dass er sehr wohl wusste, was dahinter steckte, er aber keine Lust hatte, darüber zu reden.

“Scheiße”, sagte ich, “hab ich nicht, 170 Euro.”

“War ja auch nur ne Frage.”

Überraschend schnell hakte er das Vorhaben ab, sich Geld von mir leihen zu wollen. Wahrscheinlich ging ihm erst jetzt auf, wie sinnlos das war. Wir kannten uns aus uralten Haus der Jugend-Tagen, hatten uns aber lange Zeit kaum gesehen. Dass er jetzt hier aufschlug und mich anpumpen wollte, zeigte seine Verzweiflung. So dicke waren wir nicht, nicht mal annähernd so dicke, dass ich ihm mal eben 170 Euro geliehen hätte, selbst wenn ich flüssig gewesen wäre.

Vermutlich, und das ging mir jetzt erst auf, war ich einer der wenigen in seinem Bekanntenkreis, der einen Job hatte, wo also die Möglichkeit, sich mal eben 170 Euro leihen zu können, überhaupt in Betracht kam. Er blieb nicht lange, keine zehn Minuten später machte er sich wieder auf die Socken, er stand mächtig unter Zeitdruck. Wenn er bis 16 Uhr die Kohle nicht auftrieb und einzahlte, konnten die Bullen jede Sekunde einfliegen und Melli in Haft nehmen. Dann musste sie die noch nicht beglichende restliche Geldstrafe absitzen. Die hätte das schon verkraftet, meinte Wiegand, aber was war mit den beiden kleinen Kindern? Ihm allein würde das Jugendamt kaum die Verantwortung übertragen.

“Na ja, ich hab da noch eine Idee”, meinte er nebulös, “eine Möglichkeit bleibt noch.”

“Ich drück dir die Daumen”, sagte ich, “dass es klappt.”

Ein bisschen hatte ich den Eindruck, dass er das nur sagte, damit ich mich nicht so schlecht fühlte, weil ich ihm nicht weiterhelfen konnte.

“Tut mir leid”, sagte ich.

“Schon okay.”

Im Türrahmen drehte er sich nochmal um.

“Hab ich schon erzählt? Ich hab am Wochenende versucht, mich selbst in Hypnose zu versetzen.”

“Och.”

“Ja. Ich hab ne halbe Stunde lang ohne Unterbrechung auf das rote Standby-Licht meiner Stereoanlage gestarrt.”

“Und? Hypnotisiert?”

“Eingepennt.”

“Cool.”

13.1.16 11:22


Mit Vater beim Urologen


Die Brieftasche war weg. Verschwunden, nicht mehr aufzutreiben. Pfleger und Pflegerinnen hatten das Zimmer auf den Kopf gestellt, waren unten in der Wäscherei und beim Pförtner gewesen, doch nichts zu machen, sie blieb verschwunden.

Für Vater war ohnehin klar, wer dahinter steckte.

“Die verdammten Transportarbeiter!” wetterte er, als ich gegen halb elf im Altenheim ankam. Er hatte seinen Stammplatz im Essensraum eingenommen, die Sonne im Nacken, vor sich eine kalt gewordene Tasse Kaffee. Er sah aus, als erwartete er jeden Moment das Mittagessen, auch wenn bis dahin noch anderthalb Stündchen Zeit war. “Verbrecher sind das, die kommen alle aus der Ostzone. Die halten zusammen, die Brüder. Die sind raffiniert.”

Dass man ihn im Altenheim bestehlen würde, war für ihn nur eine Frage der Zeit gewesen. Er hatte vom ersten Tag an damit gerechnet. In gewisser Weise hatte er sogar darauf hingearbeitet – er hatte sozusagen Einladungen hinterlegt, für potentielle Täter: Vaters Portmonee war Tag und Nacht auf dem Nachtschränkchen zu finden, sie brauchten nur hinzulangen, die Brüder aus der Ostzone.

“Die kommen in der Nacht, die Ganoven, wenn ich nichts höre. Bei meinem tiefen Schlaf könnte ein Flugzeug auf meiner Nase landen, ich würde weiterschlafen.”

(Up minner Nas.)

Vater vergaß zu erwähnen, dass er nicht unbedingt tief schlafen musste, um nichts mitzukriegen. Selbst im wachen Zustand erreichte man ihn am besten, wenn man sich zentral vor ihm aufbaute und anbrüllte. Der Dieb hätte seine Tat schon mit Signalraketen und hochklassigem Durchsage-Megafon anzeigen müssen, um Vater aufzuwecken.

Was die kriminelle Bruderschaft der Transportarbeiter betraf, hatte Vater seine eigene Theorie. Wo viele Menschen zusammenkommen, so seine These, sammeln sich automatisch viele schlechte Gedanken, die irgendwann auch den gutmütigsten Geist infizieren und sich durchsetzen. Der schlechte Gedanke behält die Oberhand. Die Option, dass er die Brieftasche eventuell verlegt oder verloren haben könnte, schied für ihn kategorisch aus.

“Dass hätte ich doch gemerkt.”

“Na ja klar..”, lachte ich, und da musste auch Vater lachen, was aber nichts an seiner entschiedenen Haltung änderte: Die Transportarbeiter waren es gewesen, sie hatten ihn beklaut. Dunkle Gestalten aus der Ostzone, die mit langen dunklen Fingern und noch dunkleren Gedanken die Essenswagen zwischen Küche und Station hin und her kutschierten und sich naturgemäß gut auskannten in den Räumlichkeiten – auch wenn Vater dabei das Städtische Klinikum im Kopf hatte und nicht das Altenheim, in dem er seit zwei Monaten untergebracht war und wo es überhaupt keine Transportarbeiter gab.

Doch was sollte ich das Vater groß auseinanderlegen. Seine Demenz nahm ihn immer öfter unter Dauerbeschuss. Kaum hatte ich ihm etwas erklärt, hatte er es auch schon wieder vergessen. Da konnte man es auch gleich sein lassen, es kam aufs gleiche raus und man sparte Energie und Nerven, die man an anderer Stelle besser gebrauchen konnte.

“Die warten nur auf eine Gelegenheit, und bums!, ist das Portmonee weg. Die sind schwer auf Zack, die Brüder..”

Natürlich hatte ich versucht, ihm klar zu machen, dass es im Altenheim gar keine Transportarbeiter gab, sondern nur Pflegepersonal, Büro- und Reinigungskräfte und Sozialarbeiterinnen, doch das nahm Vater mir nicht ab. Er blickte mich mit einer Skepsis an, als hätte ich ihm gerade allen Ernstes weismachen wollen, die Russen hätten 1954 eine Hündin in die Erdumlaufbahn geschossen. 

“Zum Glück waren nur ein paar Euro in der Brieftasche”, erwähnte ich im Gespräch mit einer Pflegerin, was aber nicht stimmte. Als ich nämlich am gleichen Abend mit meiner Schwester telefonierte, erfuhr ich, dass es immerhin fünfzig Euro gewesen waren, die sie tags zuvor in Vaters Brieftasche gesteckt hatte. Scheisse, sagte ich zu ihr am Telefon, und es war nicht das erste Mal, dass ich Scheiße sagte an diesem Tag. Unser alter Vater war so durch den Wind, dass selbst die Mitarbeiter des Altenheims konsterniert waren. So desolat hatten sie ihn noch nicht erlebt. Bis dahin war Vater für sie ein humorvoller, leicht tüdeliger alter Herr gewesen, der sich ungern an Gemeinschaftsaktivitäten beteiligte.

“Manchmal ist er wie von Sinnen. Dann sieht man ihn mit dem Rolli über den Gang sausen wie ein Formel 1-Fahrer, und er fliegt hinterher”, so beschrieb es Marcel einmal, ein jüngerer Pfleger Mitte Zwanzig. “In solchen Momenten scheint ihr Vater überhaupt nicht zu wissen, wo er sich aufhält und warum.”

Ja, so ist das mit den Glumms.. jawohl. Das kann passieren. Dass ein Glumm keinen Schimmer hat, wo er sich befindet und warum und wie lange schon und wer das dahinten eigentlich sein soll, die Abordnung Weißkittel, die sich langsam nähert.

Marcel erinnerte mich an irgendwen, aber mir fiel nicht ein, an wen. Aber vielleicht hatte ich ihn bei unserer ersten Begegnung auch nicht richtig wahrgenommen und glaubte seither jedes Mal, wenn ich ihn sah, na Moment, den kennst du doch irgendwoher, den hast du doch schon mal irgendwo anders gesehen.

Aber selbst wenn der Pfleger etwas übertrieben hatte, im Kern lag er mit seiner Beobachtung richtig: Vater hatte den nächsten Gipfel erklommen auf seiner Berg- und Talfahrt durch die Demenz. Es ging bergab, indem man höher stieg – eine der vielen Widersprüche der Altersdemenz.

Am Tag zuvor, so meine Schwester am Telefon, hatte er in seinem Zimmer am Fenster gesessen, untenrum pudelnackt. Er hatte sich gerade den Katheter aus dem Pimmel gezogen, als meine Schwester anklopfte und eintrat. Und gleich wieder kehrtmachte, um jemand vom Pflegeteam zu holen.

Das Problem lag auf der Hand. Gerade hatte unser alter Vater den Umzug ins Altenheim so halbwegs verarbeitet, da machte die Prostata Scherereien. Sie hatte sich auf eine Größe ausgedehnt, dass sie auf die Harnleiter drückte und er kein Wasser mehr lassen konnte. Eine schmerzhafte Angelegenheit, zumal er ständig das Gefühl hatte, aufs Klo zu müssen, selbst wenn er gar nicht musste.

Man brachte ihn zur Untersuchung ins Krankenhaus, da kein niedergelassener Urologe bereit war, im Altenheim Hausbesuche zu machen. Dafür gab es zu wenig Geld von der Krankenkasse.

“Krankenhaus ist für meinen Vater aber ganz schlecht”, sagte ich zu Marcel, dem Pfleger, “selbst, wenn es nur für eine Stunde ist, Krankenhaus ist immer Katastrophe.”

Im Klinikim bekam Vater einen Katheter gelegt, man schöpfte allen Urin aus der Blase, der sich angesammelt hatte, einen ganzen Liter. Seit diesem Tag trug er einen Urinbeutel und bekam Medikamente gegen die Prostatavergrößerung. Dass er nun zum Pinkeln nicht mehr extra aufs Klo musste, eine Weile jedenfalls, war ihm nur schwer zu vermitteln.

“Du kannst einfach laufen lassen..”, wiederholte ich. “Du brauchst keine Angst zu haben, dass du in die Hose machst..”

“Ich mach in die Hose?”

“Nein, eben nicht. Du bist an einen Beutel angeschlossen, der hängt da unten, siehst du, hier, da läuft alles rein, von ganz allein..”

“Ja, da sagst du was..”, sagte Vater leise und nickte mir zu, als hätte er endlich begriffen, wie der Hase läuft.

Keine zwei Minuten später hörte ich ihn wimmern und wehklagen.

“Ich muss pinkeln..”

Meine Schwester meinte, es wäre bei ihm mittlerweile so ungefähr wie in Und täglich grüßt das Murmeltier. “Wenn er das Gefühl hat, aufs Klo zu müssen, steht er jedes Mal vor einer neuen Situation, egal, was man ihm zuvor alles erklärt hat. Er ist ständig mit einer neuen Situation konfrontiert, für die er keinen Abgleich im Gehirn findet.”

Ich begleitete ihn zum Urologen. Die Stationsleitung hatte ein Taxi gerufen. Nun war aber dummerweise sein Portmonee weg mit den 50 Euro, die unter anderem für die Taxifahrt gedacht waren, und ich hatte kaum Geld dabei. Also musste ich runter zum Empfang, wo Taschengeld für Vater hinterlegt war. Er saß bereits im Taxi, samt eingeklapptem Rollator, und die Uhr lief im Stand by-Modus. Als ich endlich das Geld hatte und zum Taxi kam, unterhielt Vater sich mit dem Fahrer, den er für den Doktor hielt.

“Das ist nicht der Doktor”, sagte ich, “da fahren wir jetzt erst hin. Das ist der Taxifahrer neben dir.”

Vater schaute verstohlen nach links. Unterwegs erkundigte er sich drei Mal, wohin die Reise geht.

“Zum Doktor”, sagte ich.

“Ja?”

“Ja.”

Pause.

“Wo ist der denn?”

(Wieder ein verstohlener Blick zum Fahrer.)

“Am Neumarkt”, antwortete ich.

“Der Doktor..?”

“Ja, der Doktor.”

Pause.

“Aber wohin fährt der Mann? Der fährt doch Umwege!”

“Nee, Papa, du vertust dich. Der fährt den direkten Weg zum Neumarkt.”

Pause.

“Zum Neumarkt? Was will der denn da?”

“Da ist der Urologe.”

“Uro..loge..!??”

“Ja. Das ist ein Arzt.”

“Weiß ich doch. Für Pimmel. Ich bin doch nicht blöd.”

Wir lachten.

Als wir am Ärztehaus ausstiegen, polterte eine Gruppe Grundschülerinnen über den Bürgersteig, allesamt das Handy am Ohr und einen schicken Roll-Schulranzen hinter sich herziehend. Es wirkte, als kämen die Mädels direkt vom Flughafen, als wären sie zurück von einem Städte-Trip nach Barcelona, nur für Zweitklässlerinnen. Manchmal wusste ich nicht, ob das hier noch meine Welt war, oder ob ich meinem Vater schon folgte, auf dem Fuße, weil ich nichts mehr kapierte.

Die Praxis war brechend voll, nur ein einziger Stuhl frei im Wartezimmer.

“Da kann mein Vater aber nicht sitzen, das ist zu eng für ihn. Er ist 87 Jahre alt”, erklärte ich den vier blonden Grazien hinter der Rezeption, wo es so geschäftig zuging wie in einer Voliere. “Mein Vater ist leicht dement, er kann nicht so lange stehen. Das geht nicht.”

“Schon klar. Nehmen Sie gleich hier vorn Platz, wir nehmen Ihren Vater ran, sobald es geht.”

Im Gang stand eine EKG-Pritsche. Ich half ihm hinauf, unter den Blicken der vielen Wartenden. Leicht dement, hallten meine eigenen Worte in mir wider. Leicht dement, das ist gut. Die Sache mit der entzündeten Prostata hatte sein Krankenhaus-Trauma so sehr angefüttert, ich musste ihm jeden einzelnen Meter erklären, den es zurückzulegen galt, so sehr verwirrte ihn die Situation in der Praxis.

Nach ein paar Minuten ging es ihm besser. Sein Blick wurde fester und er ließ die Beine von der Pritsche baumeln, wie ein Bub. Auf einem Stuhl neben ihm saß ein Sportstudent, cremefarbene Segeltuchschuhe, Ralph Laurent-Pulli, darunter ein weißes Polo-Hemd mit hochgestelltem Kragen; Schlackegehalt im Harn: niedrig. Vater beobachtete ihn unablässig, und ich beobachtete Vater.

“Ich muss aufs Klo”, sagte er.

“Nein, das denkst du nur”, entgegnete ich geduldig, “du hast da unten einen Beutel, du kannst ruhig laufen lassen.”

“Nein. Ich muss groß.”

“Ach so.”

Ich führte ihn zum WC. Es roch schon ein bisschen in seiner Nähe.

“Ruf mich, wenn irgendwas ist”, sagte ich, als er in der Kabine verschwand.

“Was soll denn sein?”

“Na, wenn du.. nicht weiterkommst.. Keine Ahnung.  Ruf einfach, wenn was ist..”

Ich blieb draußen vor der Türe stehen. Man hörte ihn so laut stöhnen und furzen, die Arzthelferinnen kicherten, auch eine Patientin in seinem Alter hatte erkennbar Spaß.

“Alles klar da drin, Papa!??”

“WAS??”

“OB ALLES KLAR IST!”

“WER IST DENN DA?”

“NA, WER WOHL..!! ICH!”

Ich ging ins WC, nachschauen, was los war.

“Verdammt, ich krieg das nicht.. zu", schimpfte er in seiner Kabine. "Es geht nicht zu.”

“Was geht nicht zu?”

“Die Helpen!”

(Helpen = Hosenträger auf Solinger Platt.)

“Moment, ich helf dir!”

Was gar nicht so einfach war. Dummerweise hatte Vater nämlich die Kabinentür von innen abgeschlossen, und als ich ihn nun bat, die Tür von innen zu öffnen, damit ich ihm in die Helpen helfen könne, bekam er die Tür nicht auf.

“Ist zu”, klagte er.

“Ja klar ist die Tür zu. Du hast sie ja auch zugemacht. Du musst sie einfach aufmachen. Da unten ist ein Riegel, den musst du umlegen..”

“WAS?”

“DA UNTEN IST EIN RIEGEL, DER MUSS.. UMGEDREHT WERDEN!”

Ich hörte ihn fluchen und fuhrwerken. “SCHEISSE! KLAPPT NICHT!”

Okay. Auch nicht schlimm. Ich disponierte um und betrat die leere Nachbarkabine. Ich stieg auf den runtergeklappten Klodeckel und meldete mich von oben.

“Huhu! Papa!”

Er drehte sich langsam im Kreis, in der engen Kabine, wie in einem Mini-St.Quentin.

“Ich bin hier oben!”

“Wo…?”

“NA, HIER OBEN!”

Ich tippte ihm von oben auf die Schulter, ich kam mir ein bisschen vor wie Gott, wenn er aus den Wolken tritt und seine verirrten Schäfchen einsammelt. Tatsächlich muffte es so streng, als hätte es drei Tage hintereinander Lamm mit Bohnen gegeben. Nun wusste Vater überhaupt nicht mehr, was los war, er verlor völlig den Überblick. Da war meine Stimme, die er nicht lokalisieren konnte, und jetzt tippte ihm auch noch jemand auf die Schulter. Das war zu viel für ihn.

Demenzkranke haben Probleme mit der Orientierung. Auch im Altenheim, wenn die Essenszeit nahte und wir in seinem Zimmer saßen, sprang er jedes Mal erschrocken auf, “ich muss runter in den Essensraum”, obwohl der Essensraum auf derselben Etage war.

“PAPA..! HIER OBEN!”

Ich tippte ihm behutsam auf den Kopf, auf die quer über den Schädel gekämmte weiße Dirigentenmatte. Endlich schaute er hoch.

“Ja.. was machst du denn da oben?”

“Dir helfen.”

“Wobei?”

“Na, dass du aus dem Klo kommst. Dass du die Helpen ankriegst.”

Er blickte mir belustigt in die Augen.

“Du siehst aus wie Dschingis Khan.”

“Ich? Warum?”

“Na, warum.. das weiß ich doch nicht..”

“Hörmal, du musst den Riegel an der Tür nach links drehen.”

Er probierte es, drehte aber in die falsche Richtung.

“Nee, so nicht. Du musst den Riegel nach links…”

“So?”

“Nein, zur anderen Seite..”

Es dauerte und dauerte, und als er spürte, dass ich ungeduldig wurde, geriet er in Panik.

“ICH KOMM HIER NICHT RAUS!”

“Papa, bleib cool, so schwer kann das doch nicht sein.. Einfach den Riegel nach links drehen..”

“HIER?”

“Ja.”

Endlich schaffte er es und entriegelte die Tür. Während ich ihn so betrachtete, ging mir durch den Kopf, dass man letzten Endes mit seinem Ich allein dasteht, ratlos, alt und von so viel nutzloser Vergangenheit angefüllt, dass es schon mal hochkochen kann in einem, was das eigentlich alles soll, dieses ganze verdammte Dasein. Alt werden bedeutet nichts anderes, als dass einem alles Schöne genommen wird, und übrig bleibt ein Beutel voll Pisse.

Ich stieg vom Klo der Nachbarkabine und empfing ihn am Waschtisch.

“Hat sich aber gelohnt, wa?” sagte ich.

“Was hat sich gelohnt?”

“Die Sitzung.”

“Ja, hat sich gelohnt”, strahlte er. “Ich muss nur schnell noch die Hände waschen.”

Als wir das WC verließen, empfingen uns Arzthelferinnen und Patienten mit Beifall. Dass wir so laut waren und die Leute die ganze Zeit mithören konnten, daran hatte ich nicht gedacht. Überall war lächelndes, leicht schinantes Publikum.

“Gehen Sie schon mal in Raum 1, der Doktor kommt sofort.”

Tatsächlich dauerte es keine fünf Minuten, und der Arzt war da. Er bat meinen Vater, mit dem Rücken vor der Behandlungsliege Aufstellung zu nehmen und sich zu bücken, mit runtergelassener Hose. Er wolle die Prostata abtasten. Als er den von einem Fingerhandschuh bewehrten Finger in Vaters Hintern schob und Papa wirklich allen Grund gehabt hätte, zu wimmern und zu wehklagen, blieb er erstaunlich gelassen.

“Was ist denn da hinten los..?” fragte er nur, trocken wie in einem gut abgehangenen Karl Valentin-Sketch.

Auf der Rückfahrt ins Altenheim, mit dem gleichen Taxi-Unternehmen wie bei der Hinfahrt, aber einem anderen Fahrer, jammerte Vater, wie sehr ihn der Pittermann quäle, er müsse dringend mal pinkeln.

“Du kannst einfach laufen lassen.”

Beim Aussteigen erst bemerkte ich, wie voll der Katheterbeutel war – so voll, er hing ihm schon unten auf den Fußknöcheln, lugte vorwitzig unterm Hosenbein hervor. Es sah aus, als trüge Vater eine dunkelblaue Busfahrerhose mit gebügelter Goldkante, ein Kleidungsstück, das ich an ihm noch nie gesehen hatte.

Es wurde verdammt noch mal Zeit, dass die Pfleger einen Blick darauf warfen.

25.1.16 06:25


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