Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Karina

 

Ende der Sechziger wurden die Fundamente für eine Trabantenstadt gelegt. Ein neues Viertel sollte aus dem Boden gestampft werden, lauter Hochhäuser, umgeben von einem Ring aus Eigenheimen, womit die alte Hasseldelle, eine Genossenschaftssiedlung mit Kornfeldern und weiten Wiesen zum Fußballspielen, dem Untergang geweiht war.

Der Getränkehandel musste weichen, der Kiosk der alten Frau Drexelius. Da meine Eltern kein "Klein-Chicago" um sich haben wollten, planten sie den Wegzug zur Schillerstraße, Luftlinie zwei Kilometer entfernt. Es war das Ende meiner Afri Cola Kindheit.

Noch nicht ganz.

Die zahllosen Baustellen und Rohbauten waren unser Abenteuerspielplatz. Es gab aufgeplatzte Zementsäcke, Mischmaschinen, halbe Holzleitern. Und urplötzlich dieses Bild. Urplötzlich, weil ich es nicht mitgekriegt hatte, wie Dieter Rupp sich splitternackt ausgezogen hatte und in diesen Kellerschacht geklettert war.

Plötzlich lag er da, in diesen engen Schacht gezwängt und grinste uns frech an, mit einem riesigen eregierten Glied. Wir Jungs waren hingerissen und erschrocken zugleich. Eine schneeweiße Erst-Erektion, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. (Tatsächlich wundere ich mich im Nachhinein, wie man mit neun oder zehn Jahren so ein Ding stehen haben kann. Ein Ding, auf das ich heute noch stolz wäre. Ach was, heute erst recht.)

Wer übers männliche Genital schreibt, hat die Wahl: schreibt man Pimmel, Ding oder Latte, Rohr, Schwanz, Lümmel oder Riemen, macht man auf medizinisch oder Schweinkram. Eine schwierige Entscheidung. Ausnahme: Dieter Rupp 1969, pudelnackt im Neubauschacht an der Hasseldelle, hier war die Sache sonnenklar. Was uns da im Frühlingslicht anblitzte, war nicht weniger als ein 1a-Glied, schneeweiß und von langen blauen Adern durchzogen und erstaunlich stramm für sein Alter, ohne ein einziges Haar am benachbarten Hodensack.

 

*

 

Ich verliebte mich in Karina, ein Mädchen mit langen braunen Haaren. Sie gehörte zu den neu zugezogenen Kindern, mit denen wir sonst auf Kriegsfuß standen. Im Straßenfußball waren wir hoch überlegen, es gab Kloppereien, da waren wir auch nicht schlecht.

Karina sah ich mit dem Tornister von der Schule kommen, ein zierliches blasses Mädchen, in sich versunken und stolz. Das Haus, in dem ihre Familie wohnte, war eins der ersten fertig gestellten Reihenhäuser. Nach der Schule setzte ich mich gegenüber auf die Mauer und wartete, ob sie am Fenster erschien. Es prickelte in den Beinen. Der Bauch war voller Papierflieger. Ich war verliebt, und sie wusste nichts davon. Karina war kaum älter als ich, ein Jahr vielleicht. Aber wenn die Frau, die man liebt, zehn ist und man selber ist erst neun, dann ist ein Jahr ein Haufen Zeit.

Der Sommer 1969 war ein verstörender Sommer. Ich saß wie auf Zündplättchen, wenn ich vor ihrem Haus auf sie wartete. Filmaufnahmen und Fotos aus dieser Zeit zeigen Straßenschlachten und Wasserwerfer, doch davon wusste ich nichts. Für mich gab es nur dieses kleine Mädchen. Ich erzählte niemand davon. Nicht mal Karina hatte eine Ahnung, was los war in dem kleinen Jungen, den sie ab und zu auf der Mauer sitzen sah. Wenn ich zu ihrem Fenster hochblickte, wartete ich auf ein Zeichen, auf eine Bewegung hinter der Gardine. Noch heute seh ich mich dort sitzen, Stunde um Stunde, Tag um Tag, bis der Abend dämmerte und ich nach Hause musste.

Karina war ein Engel in weißen Strümpfchen und einem weißen Lackmäntelchen mit Gürtelschnalle, doch sie zeigte sich nicht. Niemals geschah etwas.

Das Reihenhaus lag ruhig da.

Einmal kam ihr Vater von der Arbeit. Er parkte sein Auto, und als er mich sah, blieb er kurz stehen. Er schien zu überlegen, wo er mich hinstecken sollte. Dann ging er weiter, den Kiesweg hinauf. Ich war nur ein kleiner Junge, der auf der Mauer saß und seinen Gedanken nachhing. Er schloss die Haustür auf. Niemand begrüßte ihn. Nicht mal ein Hund kam angelaufen. Es gab keinen Hund. Niemand freute sich auf ihn, wenn er nach Hause kam.

Karinas Zimmer lag im ersten Stock. Manchmal bewegte sich die weiße Gardine. Schemenhaft erkannte ich ihr Gesicht. Vielleicht glaubte ich das auch nur, weil ich das Fenster so sehr ins Visier nahm.

Das Häuschen war das erste in einer Reihe von Häusern, die alle gleich aussahen, wie Bastelarbeiten aus Beton lehnten sie aneinander. Daneben standen Flachdachbungalows mit Vorgärten, in denen dürre Bäumchen und Sträucher, gerade angepflanzt, dem Wind nichts entgegenzusetzen hatten. Baustellenstaub strich um die Häuser, Teilchen von Schutt und kleine Splitter. Mir brannten die Augen.

Daheim spielte ich die Schlager- und Beat-Singles meiner großen Schwester. Eloise. Lady Madonna. See how they run. Ein stürmisches Piano und die leidenschaftliche Stimme von Vicky war der Soundtrack meiner ersten großen Liebe. Dich mit Anderen teilen kann ich nicht. Ich hörte die Platte so oft, bis sie verkratzt war.

Nach der Schule kletterte ich aufs Mäuerchen, und sobald Bewegung ins Haus kam, schnurrte und bubbelte mein kleines Herz, als hätte es jemand angehoben und mit weißer Mädchenmunition unterfüttert: alles bereit zur Sprengung.

Das Haus lag ruhig da.

8.10.15 16:39


Noch so ein Humpelbaron


Fatal, wie der kleine Bursche vom Campingplatz es geschafft hat, mich reinzulegen. Dabei war ich mir so sicher, dass er wirklich ein steifes Bein hat. Dass er ein behinderter Knirps ist, der Mitgefühl verdient.

Mein Mitgefühl.

"Ach wo, der hat kein steifes Bein", meinte die Gräfin dagegen nur, mit sicherem Blick. "Der spielt nur Humpelbaron."

"Humpelbaron? Was ist das denn für ein Spiel?"

"Na, das, was er gerade spielt. Rumhumpeln und so tun, als wär man schwer verletzt. Hast du das als Kind nie gespielt?"

"Nee, glaub nich."

"Dann hast du's vergessen. Jedes Kind spielt Humpelbaron und Hinkebaronesse."

"Nee, der spielt doch nicht.. Guck mal, was für ein verzerrtes Gesicht der hat. Das tut dem doch weh, das Gehen. Der ist mit steifem Bein zur Welt gekommen, das sieht man doch..!"

"Weisst du, was ich seh? Ich seh ein Kind, das für sich alleine spielt, und Kinder haben es faustdick hinter den Ohren, wenn sie alleine sind. Die tun nur niedlich, wenn sich Erwachsene in der Nähe aufhalten und zwei Euro für ein Eis drin sind. Wenn Kinder allein sind, spielen Kinder grausame Sachen. Steifes Bein, Humpelbaron, abgestochene blutende Sau. Ich hab so was oft gespielt, als ich klein war. Am liebsten hab ich so getan, als hätte ich den Arm bandagiert und in einer Schlinge. Gleichzeitzig war ich Krankenschwester. Bei mir lief alles durcheinander. Ich war nicht nur eine verkrachte Existenz, ich war gleich ein ganzer Haufen verkrachter Existenzen in einer Person." 

Das klang plausibel, trotzdem wollte ich nichts davon hören. Ich stand im Bann des kleinen Lausejungen vom Zelt gegenüber, ich war blind für die Perspektive der Gräfin. Es war speziell dieses eine Bild, das sich mir eingeprägt hatte. Wie der Pico aus dem Vorzelt kommt und im schnürenden Regen Richtung Familienauto hinkt, das neben dem Caravan parkt, auf der durchgeweichten tiefen Wiese. Es stellt sich heraus, dass der Wagen abgeschlossen ist, also muss der Knirps über die schlammige Wiese zurück ins Vorzelt, um den Autoschlüssel zu holen. Und die ganze Zeit hat der arme Kerl Probleme, auf dem tiefen Geläuf nicht das Gleichgewicht zu verlieren und aufs Maul zu fliegen. Er hinkt wie Long John Silver. Er taumelt.

Kurz zuvor hatte ein Wolkenbruch die Camper in die Wohnmobile, Lord Münsterland-Caravans und in die Familienzelte vertrieben, ich war weit und breit der Einzige, der draussen unterm Regenschirm sitzen geblieben war. Der kleine Belgier sah mich nicht. Ich war Luft für ihn, er blickte nicht nach links und nicht nach rechts, er war vertieft in sein 10jähriges Dasein – warum also sollte er so tun, als habe er ein lahmes Bein, wenn er sich doch kein einziges Mal versicherte, ob ihm jemand dabei zuschaute.

"Das macht doch keinen Sinn", sagte ich.

Der Junge trägt ein Trikot von Chelsea London. Er singt die Sommerhits der Saison. Zehn Jahre ist ein großartiges Alter, besonders im Nachhinein, wenn man auf ein langes Leben zurückblickt. Aber im Nachhinein ist selbst 54 noch ein großartiges Alter, jedenfalls wenn man gerade 84 wird und ein steifes Bein hat voller Kampfadern.

"Krampfadern heisst das", sagt sie.

"Ich meine aber Kampfadern!"

Am nächsten Morgen bin ich früh wach und seh den Jungen Vollgas geben auf dem Fahrrad, er stürmt über den nassen Campingplatz. Er fährt Rennen gegen sich selbst, die Stoppuhr vorn am Lenkrad befestigt, so dass er stets die aktuelle Rundenzeit im eigenen Kopf ausrufen kann, een Minüt seven, während das Regenwasser aufspritzt wie Gejubel.

Neben seiner Tätigkeit als Radrennfahrer ist er gleichzeitig auch als Kommentator des flämischen Sportkanals tätig. Mit zehn Jahren lässt sich alles sein, was man sich erträumt, und zwar alles auf einmal und nie wieder: Humpelbaron, Sommerhitsänger, Tour de France-Punktbester. Er schmeisst das Rad auf die Wiese und rennt ins Vorzelt, um sich einen Schluck aus der schnellen Pulle zu genehmigen. Auf zwei höchst intakten Beinen. Humpelbaron? Ich lach mich scheckig.

“Der hat doch tatsächlich die ganze Zeit nur Hinkefuß gespielt”, staune ich auf meinem Beobachtungsposten.

“Wer?”

“Na, der Bursche von drüben, der kleine Belgier. Der hat überhaupt kein steifes Bein. Der hat mich veräppelt.”

“Sag ich doch.”

Mein Urteilsvermögen ist am Boden. Ich meine, klar, man vertut sich schon mal und hält ein froschgrünes Laubblatt, das in der Abenddämmerung reglos auf der Erde kauert, für eine plattgefahrene Kröte, das kann passieren. Sicher. Aber das ein 10jähriger Pico mich dermaßen an der Nase herumführt..

Erst jetzt fällt mir sein bulliger Gesichtsausdruck auf, seine bullige Statur, wie ein belgisches Kaltblut. Für sein Alter geradezu kriminell kalt und bullig. Ein flämischer Teufel. Wüssten alle Erwachsenen Bescheid, wie es um ihre lieben Kleinen wirklich bestellt ist, wenn sie allein für sich sind und spielen, sie würden ihre eigene Brut kaum wiedererkennen. Der Homo Sapiens hat erneut eine tiefe Kerbe in mein Gemüt geschlagen. Zutiefst gefoppt erhebe ich mich aus dem Campingstühlchen und blase auf dem Gaskocher den ersten Espresso des Tages an.

Drecksack.

15.10.15 13:09


Der Mongolenfleck


 

2. September '85

Lena hat sich einen chromgelben Golf zugelegt, ein ausrangiertes Postauto, Baujahr 75, direkt aus der Schrottverwertung. 100 Mark angezahlt, angemeldet, losgebraust. Ein Riss im Auspuff lässt den Motor so laut dröhnen, jeder glaubt, ein Panzer der Effizienz-Klasse böge um die Ecke, auf dem Weg nach Stalingrad. Ein Hurra-Sound.

"Und dann dieses kleine Postäuteken."

"Ja, schon gut. Morgen schraubt mir der Mechaniker eine neue Pfanne drunter. Hat er mir versprochen."

Aber sicher doch, sag ich. Klar doch. Schrauber sind dafür bekannt, dass man sich auf ihr Wort verlassen kann. Das sind Ehrenmänner. Wenn ein Schrauber was verspricht, geht das klar. Das ist Gesetz. Schraubergesetz. Eher fliegt ein geköpftes Pferd durchs Schlafzimmerfenster und landet auf dem Kopfkissen, als dass ein Schrauber sein Wort nicht hält.

"Sei nicht immer so ironisch. Der macht das schon, der kleine Andi. Auf den kann man sich verlassen"

"Ach nee, der Schrauber heißt auch Andi..”

"Genau, alle lieben Jungs heißen Andi. Weißt du doch. Oder Toni.“

"Ich scheiß dir gleich lieb vors Auto“, sag ich.

Sie hat den Führerschein erst seit einigen Wochen, und sie hat Probleme mit der Schaltung. Als sie unterm Fenster vorgefahren kommt, steht sie vor Freude auf der Hupe - der Wagen ruckelt und macht Männchen. "ICH HAB IHN! ICH HAB IHN!" ruft sie so begeistert, als hätte sie wochenlang von nichts anderem gesprochen, dabei höre ich heute zum ersten Mal davon. Aber ich bin nicht mehr Teil ihres Lebens, ich gehöre nicht mehr dazu. Nicht mehr richtig. Ich bin auf dem Weg zum Ex, den man mehr aus Gewohnheit noch über eine Neuanschaffung informiert.

Ich bin erledigt.

Sie steigt aus und stürmt die Haustreppe hinauf. Es ist dieses forsche fröhliche Klappern ihrer Absätze, das ich noch Monate nach unserer Trennung vermisse. Einmal hocke ich auf dem Lokus und glaube, sie zu hören. Ihr Geklapper auf den Stufen. Ich springe auf, die Hose auf den Fußknöcheln, und stolpere im Geisha-Schritt zur Tür, um nachzusehen, ob sie zurück ist.

"Ich hab ihn!" ruft sie, "Hier, fang!“, und wirft mir den Zündschlüssel zu.

Ich sitze am Küchentisch und esse von dem aufgewärmten Scharfen Reis, den sie Tage zuvor gekocht hat, unser Leibgericht.

"Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben!“ ruft sie völlig überdreht.

"Willst du auch was essen?“ frage ich, obwohl der Topf auf dem Herd so gut wie leer ist. Doch ich kenne die Antwort bereits, da kann man das riskieren.

"Ach wo, ich hab keinen Hunger. Ich bin viel zu aufgeregt. Komm, lass uns eine kleine Tour machen. Mal gucken, wie das Kätzchen schnurrt.“

"Wohin?“

"Wie, wohin?? Ist doch egal. Zuerst zur Waschanlage. Neues Schwein muss sein.“

Sie fährt so unsicher und übermotiviert, ich bin heilfroh, dass Sicherheitsgurte Pflicht geworden sind.

"Seit wann schnallst du dich an? Freiwillig!“ gackert sie. „Mach ich dich etwa nervös?“

Nasses Herbstlaub in allen Farben übersät die Straßen, wobei überreifes Birnengelb dominiert, im hübschen Kontrast zum Gelb des Postautos. Der Wagen legt einen so jähen Schlenker ein, dass ich mir nicht sicher bin, ob sie es extra macht oder ob sie es nicht besser kann. Beide Versionen machen mich krank.

Als wir auf das Gelände der Tankstelle einbiegen, beginnt der Kühler zu dampfen. Ah, ist schon okay, meint Lena. Ah gut, sag ich. Ich hab keine Ahnung von Technik. Ich weiß nicht, wie Autos funktionieren. Auf dem Beifahrersitz Platz nehmen ist meine größte fahrerische Leistung. Mitten auf der Waschstraße plötzlich ein Scheppern. Der Betreiber der Anlage stoppt den Betrieb und schreit, wir sollen im Wagen bleiben. Nicht aussteigen! Ein Nummernschild ist abgefallen.

Später, als der ganze Wagen picobello glänzt, streikt der Motor und wir kommen nicht vom Fleck. Ich schiebe den Wagen quer über den Parkplatz. Lena ruft den Mechaniker an. Er hat sich den Finger gebrochen und kann nicht kommen. Seine Ferndiagnose: die Batterie ist alle.

"Ihr seid doch sowieso gerade auf 'ner Tankstelle..“

Auf so Typen steh ich total, knurre ich.

"Ach, maul nicht immer nur rum. Hilf mir lieber."

Lena organisiert einen Schraubenzieher und zeigt mir, wie man eine eingerostete Batterie aus dem Motorraum schält. Alles ist voller Öl und Schmiere, eine einzige zähflüssige Paste. Sei nicht immer so zaghaft, sagt sie, du musst mal richtig rangehen. He, lass das, ich mach das auf meine Art, gebe ich genervt zurück. Schon mein Vater hat mir in der Kindheit alles aus der Hand genommen, weil ich mich handwerklich eher ungeschickt angestellt habe. Ich stoße mit der Schulter gegen die Stange, die die Motorhaube oben hält, und das Ding knallt mir auf den Kopf, genau auf die Fontanelle. Ausgerechnet da, wo ich von Geburt an diese kahle Stelle habe, die sich mit der Zeit zu einer warzigen kleinen Kraterlandschaft gemausert hat, nur notdürftig überdeckt von den benachbarten Locken.

Lena kann sich das Lachen kaum verkneifen.

"Sag bloß, der Grützbeutel ist aufgeplatzt..“

Grützbeutel. Was für mich eine perfide Form von Krebs ist, stellt für sie nur eine harmlose Hautveränderung dar. Im Mumms sind schon Leute auf mich zugekommen und haben gefragt, ob sie das Ding mal sehen könnten. Es hat sich herumgesprochen, dass ich da was am Kopp habe. Ein Karbunkel, laut Benzini. Ne fiese Fistel, diagnostiziert der dicke Hansa.

"Geh endlich zum Doc“, meint Lena. „Dann weißt du, woran du bist.“

Zum Arzt trauen. Die Wahrheit erfahren. Allein die vielen Muttermale, die meinen Körper eindecken und der strengen norditalienischen Blutlinie meiner Mutter entstammen. Ist bestimmt ein Melanom.

"Karbunkel!" grölt Benzini.

Ich lege mir den Krankenschein schon mal raus und schreibe Die Wahrheit küsst man nicht in mein Notizbuch - ohne zu wissen, was ich damit genau meine. Aber weiß man das je genau. Gelegentlich rutscht einem ein Satz ins Notizbuch, den man im ersten Moment als genialen Türöffner in eine goldene Zukunft feiert, und zwei Tage später, beim Durchblättern, hinterlässt er Stirnrunzeln und Kackreiz.

Spät in der Nacht warte ich auf Lena, dass sie vom Kellnern kommt. Ich guck in den blöden Fernseher, schlafe aber nicht ein. Ich hab kein Auge zugetan, schreibe ich tags drauf ins Notizbuch, also zu vielleicht schon. Aber dahinter war die Hölle los. Obwohl es kühl ist, bleibt das Fenster geöffnet, damit ich ihr Auto höre. Um vier ist sie endlich da. Warum hast du nicht angerufen und Bescheid gesagt? Mich nervt, wenn ich nicht weiß, ob du noch kommst. Wieso, hier bin ich doch. Freust du dich nicht? Wenn du dich nicht freust, brauche ich auch nicht mehr zu kommen. Doch, ich freu mich. Einen Scheiß freu ich mich. Sie bleibt bis zum Morgen.

Nachdem sie den Stress vom Kellnern erstmal runtergefahren hat, sind wir ganz lieb zueinander.

Lena erzählt von schwierigen Kneipengästen, mit denen eine Kellnerin zurechtkommen muss. "He, schöne Frau, bringen Sie mir irgendwas, wovon Sie glauben, dass es zu mir passt." Aber wehe, der Kerl kriegt nicht das, wovon er glaubt, dass es ihm steht. Dann kann er das doch gleich bestellen, sag ich, wenn er doch sowieso keine Überraschung erträgt. Siehst du, sagt sie.

Am nächsten Morgen. Punkt acht beginnt ein Bautrupp die Fahrbahndecke der Schillerstraße aufzureißen, der Lärm zerrt an den Nerven. Als die Pressluftbohrer eine Pause einlegen, hat Lena es plötzlich eilig. Sie hat die Mittagsschicht im Nordpol. Aber du musst doch erst um elf da sein. Ja, aber vorher muss ich noch duschen. Und ich muss mit Jacki klären, wie wir das mit dem Umzug machen. Ich muss los. Ich ruf an.

Ich öffne das Fenster in dem Moment, als sie losfährt. Dann ein dumpfer Aufprall. Sie setzt den Golf vor ein parkendes Auto. Ich seh sie zornig aus dem Wagen springen, "Verdammte Karre!" Bis ich mich angezogen hab und draußen bin, ist sie schon abgedampft. Das hintere Nummernschild hat sich gelöst und kratzt über die Straße, Funken sprühend. Der Wagen verschwindet am Horizont, wie auf dem Weg zum Polterabend.

Um zehn hab ich den Termin beim Dermatologen. Die befürchtete Horrormeldung bleibt aus. Der alte Hautarzt mit dem polnischen Namen diagnostiziert irgendwas Lateinisches und fügt hinzu, dass es sich bei der fraglichen Stelle um eine angeborene Anomalie handeln müsse. Stimmt, sag ich überrascht. Hab ich von klein auf. Woher weiß der das? Alles kein Problem, Warze wird mit flüssigem Stickstoff entfernt. Dauert ein paar Sitzungen. Ist harmlos. Ist Mongolenfleck. nuschelt der alte Pole versonnen. Ist selten. Er wisse von einem polnischen Adelsgeschlecht, das den Mongolenfleck als Familienstempel von Generation zu Generation weiter vererbt hätte, in den alten Zeiten. Und dass die Warze irgendwann einfach abfallen würde, nach der vierten oder fünften Stickstoff-Behandlung.

Na, das ist doch mal was. Das ist ganz nach meinem Geschmack. Dinge, die sich wie von allein regeln, die zu Boden fallen und futsch sind, weg damit, abgeräumt, für immer.

20.10.15 11:07


Ich spucke ruhig Blut


12. Oktober '85

Das Wochenende durchgesoffen. Mumms, Daddy, Getaway, das ganze Programm. Montagfrüh werde ich völlig zerstört wach. Ich bin so groggy, dass ich eine geschlagene halbe Stunde auf dem Bettrand hocke und dumpf ins Nichts stiere. In meinem Schädel brettert ein Moped durch einen langen finsteren Tunnel, mein Gewebe schmerzt bis in bis dato unbekannte Kammern. Wie groß und schwach so ein Körper werden kann, wenn er plötzlich ohne Alkohol zurechtkommen muss.

Ich lasse eine Badewanne einlaufen, stelle die Klingel ab, das Telefon auf stumm. Außer Stille und heißem Wasser kann ich nichts ertragen. Bewegungsloses Versumpfen in der Emaille, den Blick zur Decke, die Nerven ein Trümmerfeld. Zwischendurch heißes Wasser nachlaufen lassen, so lange, bis ich vergesse Wasser nachzulaufen zu lassen, vor lauter Fertigsein. Wenn ich mich dann bewege und etwas von dem abkühlenden Badewasser schwappt gegen den Bauch, bibbere ich erbärmlich, und ich lasse heißes Wasser nachlaufen, bis die Wanne so voll ist, dass ich mich nicht mehr rühren darf, sonst setze ich das Bad unter Wasser.

Nach zwei Stunden steige ich aus der Wanne, frierend, die Haut in Runzeln, eine unangenehme Spätgeburt. Beim Abtrocknen fällt mein Blick ins Saunatuch. Da sind zwei große schwarze Flecke. Da sind noch mehr Flecke, drei, vier Flecke, groß wie Hühnereier. Ich bekomme einen Riesenschreck und schaue in den Spiegel, versuche etwas zu erkennen im von Wasserdampf beschlagenen Bad, spüre diesen eigenartig warmen Geschmack in Mund und Nase, den Geschmack von warmen Eisen. Blut rinnt durch mein Gesicht, tropft ins Saunatuch. Mir wird schwindlig. Es ist, als würde ich neben mir stehen, auf einem erhöhten Treppchen, und mich entgeistert anstarren. Ich drehe kaltes Wasser im Handwaschbecken auf, schütte es mir ins Gesicht, während das Blut die ganze Zeit lustig weitertropft, auf den Boden, ins Waschbecken, ins Saunatuch. Ist nur Nasenbluten, versuche ich mich zu beruhigen, ist nur Nasenbluten, ist nicht schlimm, ist kein Drama, das passiert.

Nasenbluten reinigt.

Es ist Montagmorgen, und ich spucke ruhig Blut.

23.10.15 07:34


Kinder, die was wollen, kriegen was auf die Bollen


 

Wenn wir als Kinder sagten “Oma, ich hab Durst..!”, kam immer dieselbe alte Leier, wie aus der Pistole geschossen.

“Dann geh zur Frau Wurst. Die hat ein Hündchen, das pinkelt dir ins Mündchen.”

Wenn wir einen Wunsch hatten, der übers normale Maß hinausging, schüttelten die Omas nur den Kopf und drohten:

“Kinder, die was wollen, kriegen was auf die Bollen!”

So ein Scheiß, dachte ich schon damals, gerade mal sechs Jahre alt, die Zuckertüte im Arm. Was ist das billig hier!

*

Da mein Vater so gern und ausgiebig von früher erzählte, vom Aufwachsen in einer Familie mit sechs Kindern und etlichen Nachbarn, die ein-und ausgingen im Haus am Stöckerberg, rückte die Familiengeschichte meiner Mutter etwas in den Hintergrund.

Unsere Großmutter mütterlicherseits war die italienische Oma. Wenn wir von der Schule kamen und sie stand in der Küche, um Mittagessen zuzubereiten, bedeutete das für uns, dass Mutter den ganzen Tag am Schreibtisch saß und die Bilanzen machte. Dafür brauchte sie Ruhe. Am besten, wir verzogen uns vor die Tür und liessen uns so wenig wie möglich blicken. Solche Tage hatten auch ihre Vorteile. Was man auch anstellte, es fiel einfach nicht auf, wir bewegten uns komplett unterhalb des Radars.

Bilanzen an sich, soviel war klar, hatten mit Zahlenkolonnen zu tun, die Mutter in ein riesiges blaues Buch übertrug. Das Buch bestand aus lauter Spalten, Blöcken und Reihen und bedeckte aufgeschlagen das halbe Wohnzimmer. Ich hörte Mutter oft fluchen an den Bilanz-Tagen. Manchmal kam auch der Steuerberater. Er trug eine große schwarze Plastikbrille auf der Nase und sah aus wie einer der Panzerknacker. Auch wenn er harmlos tat, ich traute ihm nicht über den Weg. Ich hatte genug Micky Maus-Hefte gelesen, um zu wissen, wie solche Dinge endeten.

Ganz schlimm wurden Bilanz-Tage am Abend, wenn Vater von der Arbeit kam und sich zu Mutter an den Schreibtisch setzte. Dann waren die Bilanzen abgemeldet und es wurden Angebote gemacht, die neue Aufträge reinbringen sollten.

Angebote beruhten auf den Aufmaßen, die Vater als Chef seines Klempnerbetriebs im Notizbuch festhielt und die er Mutter in die Schreibmaschine diktierte. Es schwirrten Begriffe wie Hartchrom-Muffe, verzinkt, acht Millimeter und Brausetasse, extra-flach, neunzig mal neunzig durchs Wohnzimmer, das gleichzeitig auch Mutters Büro war.

An Bilanz- und Angebots-Tagen gerieten sich unsere Eltern regelmäßig in die Haare. Sie beharkten und beschimpften sich wie die Kesselflicker, wenn wir schon längst im Bett lagen und inständig beteten, sie mögen sich nicht scheiden lassen.

Scheiß Bilanzen, sagte ich oft zu meinem kleinen Bruder, aber der lachte mich nur an. Mein kleiner Bruder war ein Großmeister im Dinge-aus-der-Welt-lachen. Aus seiner Kindheit ist kaum ein Schnappschuß überliefert, wo er einmal nicht am lachen ist. Oder wo er sich zumindest darauf vorbereitet, beim nächsten Foto in heiliges Gelächter auszubrechen. Ein fröhlicher Junge, sieben Jahre jünger als ich. Allein das schien ihn irgendwie glücklich zu stimmen. Die Tatsache, dass er nicht ich sein musste, der große Bruder, sondern er selbst sein durfte, der kleine Bruder, der aber mit der Zeit so in die Höhe schoss, dass er am Ende einen ganzen Kopf größer war als ich. Unter Geschwistern verlaufen die Fronten bei weitem nicht so scharf und klar abgesteckt wie bei sonstigen, nicht-familiären Beziehungen. Man kann sich so manches Tauschgeschäft vorstellen unter Geschwistern. Nur nicht in der Rangfolge. Die ist fest zementiert. Da lässt sich nichts neu verhandeln. Einer ist jung, eine ist die älteste, und in der Mitte bin ich. So siehts aus. Bis zum Ende aller Tage.

Fotos Willi Glumm 096

Kleiner Bruder links, großer Bruder rechts, Schwester nicht anwesend

Unsere italienische Oma sprach kein Wort Italienisch. Sie war als Baby mit den Eltern nach Deutschland eingewandert, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es gab damals eine erste Einwanderungswelle von Italienern, die sich auf körperlich schwere Arbeiten verstanden, die viele Deutsche nicht mehr übernehmen wollten. Mein italienischer Ur-Großvater und Teile seiner Sippschaft, die Lesizzas, waren Straßenpflasterer aus dem Friaul, einer bitterarmen Bergregion an der Grenze zu Slowenien.

Auch wenn Oma kein Italienisch sprach und schnell Deutsch lernte, in der Schule hatte sie einen schweren Stand. Ich wurde bespuckt und geschlagen, erzählte sie später, nur weil meine Eltern Italiener waren.

Als alle Strassen soweit gepflastert waren, bewarb sich mein italienischer Ur-Großvater in der Papierfabrik Jagenberg direkt an der Wupper und wurde angestellt. Dort lebte auch seine Familie, in der abgelegenen Hofschaft Papiermühle. Wir wohnen noch heute in der Nähe, keine dreiviertel Stunde Fußweg entfernt. (Mit dem selten verkehrenden Bus zwei Stationen.)

Ur-Opa Lesizza, ein schweigsamer Mann, verunglückte Anfang der 1920er Jahre beim Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich an der Papiermühle. Er stürzte auf den Hinterkopf. Zwei Tage später bekam er rasende Kopfschmerzen und starb noch am selben Tag. Nun war meine Ur-Oma, die kaum Deutsch sprach und sich in einem Kauderwelsch aus Italienisch und einigen Brocken Solinger Platt verständigte, allein mit den vier Kindern.

Damals gab es keine Arbeitslosenversicherung, die einen auffing, erzählte mein Vater, der selbst etwas Italienisches an sich hatte, als er jung war. Dichtes schwarzes Haar, markante Gesichtszüge, von eher gedrungener Gestalt. Die Witwe musste ums Überleben ihrer vier Kinder kämpfen, und es gab Tage, so Vater, da ernährten sie sich von den Dingen, die in der Wupper vor ihrer Haustür trieben.

“Fische?” fragte ich.

Vater lachte. “Fische!? Du bist gut. Die Wupper war der dreckigste Fluss Europas. Wenn das Wasser wie Blut schillerte wussten wir, dass die Textilindustrie in Wuppertal an diesem Tag rote Farbe benutzte. Ein paar Tage später konnte die Wupper giftgrün sein, und es stank erbärmlich. Im Sommer hatten wir manchmal stinkefrei. In der Wupper gab es damals keinen einzigen Fisch, da lebte kein Wurm drin. Die Leute führten ja auch ihre Abwässer in die Wupper. Nee, die Lesizzas fischten aus der Dreckbrühe, was andere Leute weggeworfen hatten. Salatblätter, den Strunk von irgendwelchem Gemüse, Zwiebelschalen, alles, was irgendwie noch essbar war.”

Seltsame Vorstellung, dass diese Kloake meine Vorfahren durch schlechte Zeiten brachte. In unserer eigenen Kindheit bis in die 80er Jahre galt die Wupper als Paria. Im Gegensatz zu Wuppertal, wo der Fluss das Stadtbild prägt, berührt die Wupper Solingen nur an den Randbezirken. Aber heute noch hab ich den Gestank in der Nase, der sich an Sommertagen in den Auen und Senken des Wupper-Tals sammelte und sich durch Kieferhöhle und Kleidung fraß. Seit dem Wegfall der Industrien ist die Wupper immer sauberer geworden und gilt heute als eine der am besten renaturierten Flüsse in Europa.

Heute würden die Lesizzas Lachse aus dem Wasser angeln.

*

Die italienische Oma trank gern Bier und wurde dann laut und ausfallend. Einmal beobachtete ich vom Kinderzimmerfenster aus, wie meine Eltern sie in ein Taxi verfrachteten, wo sie stinkbesoffen weiterkrakeelte und dem Taxifahrer den Muschifinger zeigte. Danach kam sie eine Weile nicht mehr zu uns nach Hause und Mutter musste sich auch an Bilanz-Tagen um das Mittagessen kümmern, es wuchs ihr über den Kopf. Später kam Oma wieder, aber Bier und Schnaps wurden weggesperrt.

Sie konnte unheimlich gut Reibekuchen backen. Es waren die leckersten Reibekuchen der Welt. Mit meinem Cousin Michael bestritt ich regelrechte Wettbewerbe, wer mehr Reibekuchen verdrücken konnte. An solchen Tage hieß unsere Küche bloß das Reibe-Büro. Michael war zwei Jahre älter als ich und hatte ein Loch im Herzen, das der berühmte Dr. deBakey in Texas mehrfach flicken musste. Immer, wenn mein Cousin nach Texas flog, um operiert zu werden, sah ich den weltberühmten Arzt vor mir, wie er sich mit Nadel und Nähgarn über das Herz meines Cousins hermachte.

Er gewann jedes Mal beim Reibekuchenessen. Er konnte Unmengen davon fressen. Er war der Reibekuchenfressweltmeister mit einem Loch im Herzen.

“Ach, gönn ihm das doch”, sagte Mutter. “Er hat doch sonst nichts. Er ist doch ein Armer.”

Na, ein Armer. Ich weiß nicht. Seine Eltern hatten Geld, er war Einzelkind, hatte eine seltene Krankheit und bekam dauernd Sachen geschenkt. Einmal sogar ein Pferd und so lila Spezial-Schallplatten von Deep Purple. Und ich? Kaum äusserte ich einen Wunsch, hiess es gleich “Kinder, die was wollen, kriegen was auf die Bollen.” Diese verschissenen Bollen!  Die wurden ja doch bloß erwähnt, weil sie sich auf wollen reimten!

Junge, war das Leben billig damals.

*

Meine italienische Oma war keine schlechte Oma. Sie hatte früh ihren Mann verloren, er war im Krieg gefallen. Trotz einiger Verehrer heiratete sie nie wieder und begann irgendwann zu trinken. Lange Zeit, ohne dass die Familie es mitbekam oder mitbekommen wollte. Sie war einsam.

Nach dem Tod fand man unter ihrem Bett eine ganze Batterie an leerern Bier- und Schnapsflaschen. Sie hatte zum Schluss so heftig getrunken, dass sie im Delir starb. Meine Mutter machte sich noch viele Jahre später heftige Selbstvorwürfe, weil sie Omas Alkoholsucht zwar bemerkt, aber die Dimension verkannt hatte. Besonders weh tat ihr im Nachhinein, dass sie Oma auch noch ausgeschimpft hatte, wegen der Trinkerei.

Als Junge war ich schwer fasziniert von den Adern, die Omas Arme durchzogen, lange blaue Schlangen unter pergamentpapierdünner Haut. Ich konnte nicht genug davon bekommen, sie zu betrachten. Die Adern sahen aus wie blaue Rohrleitungen für ein Puppenhaus. Man konnte sie einfach zu Seite wegrollen. Wenn ich das tat, lachte Oma immer. Sie hatte eine hohe Stimme, wenn sie lachte. Mit ein paar Bier drin war sie ein Countertenor.

In den späten Siebzigerjahren, wenn ich mit Karlos und Schnaat in der Stadt unterwegs war, traf ich meine italienische Großmutter ab und zu im Bierbrunnen, wo sie große bayrische Bier trank. Sie war nicht mehr so lustig wie früher, aber sie hielt sich tapfer. Eine kleine Oma im grünen Lodenmantel und mit Federn am Hut.

“Andreas, mit dir wird es ein schlimmes Ende nehmen!” beliebte sie den Zeigefinger zu heben, wenn ich den nächste halben Liter anschleppte. Hast du Durst, Oma? fragte ich nur, und bevor sie antworten konnte, gab ich die Antwort gleich selbst: “Dann geh zur Frau Wurst. Die hat ein Hündchen, das pinkelt dir ins Mündchen.”

Hysterisches Oma-Gelächter im Bierbrunnen.

*

Als ich davon vor kurzem der Gräfin erzählte, gab es eine Überraschung. War ich bislang davon ausgegangen, dass die Sprüche eine ureigene Erfindung unserer Omas waren, um uns Kinder zu ärgern, erfuhr ich nun, dass die geliebte Oma Soest der Gräfin den selben Wortlaut benutzt hatte, mehr als 200 Kilometer Luftlinie entfernt. Überglücklich, dass es auch Andere getroffen hatte, womöglich in ganz Deutschland, lagen wir uns im Arm und gaben uns gegenseitig was auf die Bollen.

31.10.15 13:21


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