Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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007 in: Jahreswechsel


 

Den Jahresausklang 2006 zu dritt vorm Fernseher verbummelt. Ausnahmsweise durfte der Hund mit ins Bett. Es lief Außer Atem, das Original von 1959. "Das Schlimmste im Leben ist Feigheit", hörte ich Belmondo krächzen. Er nuckelte an einer Maiscigarette, dann schlief ich ein. Es war 21 Uhr.

Meine Schwester hatte eine Mail geschickt, ob wir Lust auf Fondue hätten inklusive einem Schälchen Wasser für den Hund, in intimer Runde, doch die Mail war schon einige Tage alt, als ich sie entdeckte, und wir waren eh zu müde und geschlaucht, um das Haus zu verlassen. Wir waren vorm Fernseher besser aufgehoben. Es gab doppelt gesüßten Baldriantee und einen Tierfilm, danach den Belmondo.

Dabei hatten wir vorgehabt, es dieses Jahr Silvester richtig krachen zu lassen, wie alle anderen. Wir wollten 2007 ans Laufen bringen, wie es sich im Normalfall gehört: auf den zusammenkrachenden Trümmern des alten Jahres. Ich hatte im Discountmarkt eine extrafette Bang! Bang!-Tüte besorgt und 90 Sekunden Goldregen, aber als ich endlich wach wurde, irgendwann nach Mitternacht, war die Ballerei längst im Gange.

"Welch lustig Gewitter Silvester doch ist!" spöttelte die Gräfin, sie stand am offenen Fenster. Es pfiff und es donnerte. Ich war noch halb im Schlaf, es war kalt im Zimmer. Im Fernsehen lief ein James Bond-Film. Ich wickelte mich in die Decke ein und gesellte mich zu ihr. Der Hund kam schwanzwedelnd auf uns zu. Das war ihm stets am liebsten, wir drei als Gang, egal, was kommt.

PRAAAFFF!
SSSSIIIIIIIIIIIIIIIIIII..!!
SELLLIPPZZZZ!!!

"Kein Schwein feiert mehr ne verfickte Party, aber kaum ist Silvester, kommen sie aus allen Löchern", murrte die Gräfin.

"Warum hast du mich nicht geweckt?" fragte ich.

Ich ging mit einem Kuss auf sie zu, in meine Decke gehüllt. Ich fühlte mich wie Woodstock. Ich hatte sogar Mathews Southern Comfort im Hopf. Auf dem großen Wendeplatz vorm Haus wälzte sich ein Raketennebel über den Asphalt wie riesige graue Flusen. Die Nachbarschaft feierte mit Sekt.

"Guck mal..", sagte sie.

"Ja", sagte ich. "Super."

"Nicht da! Hier!"

Ich blickte sie an.

"Hübsch", sagte ich.

"Herpes", sagte sie.

Ach so. Das da. An der Oberlippe.

"Hab ich mir eben gefangen, bestimmt beim Knutschen mit dem Hund, und jetzt find ich die Herpes-Salbe nicht."

Während 13-Etagen-Knatter-Batterien den Himmel erleuchteten und pfijuuh! die nächste Fontäne heulend den Erdboden verliess, half ich ihr beim Suchen nach der verschollenen Salbe.

"Die hab ich wieder irgendwo verbummelt", murmelte die Gräfin, während ich das Badezimmerschränkchen auseinandernahm.

"Mannomann, ist das wieder ein Hörnchen“, stöhnte sie in den Spiegel. "Und wie das brutzelt. Geht ja gut los, das neue Jahr."

"Lass uns den Herpes doch einfach wegsprengen", schlug ich vor. "Wie in Moonraker! Wir hängen einen Böller dran, RAWITZZZ! ist das Böhnchen platt!"

"Moonraker.. Wieso Moonraker? Was war denn da?"

"Null Null Sieben!"

"NA, DAS WEISS ICH SCHON! ABER.. ach, schon gut."

Sie belauerte sich im Spiegel.

"Würde jedenfalls ne hübsche Kaskade abgeben, wenn der Herpes explodiert."

Immerhin wusste ich jetzt Bescheid, warum sie partout keinen Neujahrs-Kuss von mir wollte, da konnte ich sie in meiner Woodstock-Decke noch so sehr umgarnen und Msathews Southern Comfort summen.

"Sag mal.. einen Kuss gibts hier wohl nicht mehr!?" maulte sie keine Sekunde später. "Bin ich jetzt verpönt wegen meinem Böhnchen am Mund?"

Vonwegen. Ich kam mit einem Monster rüber, einem zeitlosen Monster von Zungenkuss.

Martinis, Girls, Guns, Kisses – alles kein Problem für 007.

Plötzlich Getrappel im Hausflur. Gus, der Altpunk aus der Wohnung über uns, schleppte sich schwer erkältet die Treppe runter, mit 99 Schuss und seinem 12jährigen Sohnemann.

"Du Scheisse", sagte ich, "es geht wieder los."

Jedes Jahr Silvester war es das gleiche: der Sohn hielt Gus auf Trab. Er konnte nicht genug kriegen von Feuerwerk.

"Los, Papa, fang schon an! Ich hol direkt schon mal Nachschub!"

"Vonwegen.."  Die Gräfin nahm ein flackerndes Teelicht vom Tisch und streckte es weit aus dem Fenster, eine kleine Mitternachtsmesse in all dem furiosen Gewimmel. Mir warf sie eine Wäscheklammer zu.

"Hier, nimm!"

"Was soll ich damit?"

"Na, Krach machen. Wie alle anderen!"

Ich liess die Wäscheklammer aufspringen. Plopp. Ich stand da, mit aufgeploppter Wäscheklammer.

Gus entdeckte uns. "Frohes Neues!" rief er heiser. Er hatte bestimmt zehn Kilo abgenommen in den letzten Tagen. Er sah aus wie ein Gespenst. Er war böse erkältet. Der Lichtschein der Raketen und die umhertanzenden Leuchtregen erhellten sein geschundenes Gesicht, all die Pistols & Madness-Furchen der wilden Siebzigerjahre: eine eisenharte Alt-Akne.

"Du hast doch auch was zu Ballern geholt", sagte die Gräfin zu mir. "Warum gehst du nicht raus und knallst auch ein bisschen?"

"Nee.. lass mal. Das bewahren wir schön auf", sagte ich, einer plötzlichen Eingebung folgend. "Pass mal auf, wenn im Sommer kein Schwein mit Feuerwerk rechnet, fallen hier die Bomben vom Himmel. Wie in Moonraker."

Erst als Gus und sein halbwüchsiger Sohn auch um ein Uhr noch Kanonenschläge in den frostigen Himmel schossen und kein Ende in Sicht war, fing es auch in unserem Bett bedrohlich an zu rumoren. Und das kam nicht vom Hund.

"Macht das dumpfbackige Geschmeiss da draussen auch mal Schluß?" moserte die Gräfin.

*

Neujahr. Wir schliefen lange, gingen erst um halb zwölf mit dem Hund vor die Tür.

"Weißt du noch letztes Jahr Silvester?" sagte ich. "Da haben wir direkt vor unserem Fenster fette Fontänen gezündet."

Es war das allererste Mal in all den Jahren gewesen, dass wir ein Feuerwerk gekauft hatten. Und das wollten wir dieses Jahr toppen. So der Plan. "Stattdessen haben wir nicht mal einen Knallfrosch geworfen", fuhr ich fort, als wir am Zedernweg einen Riesenhaufen abgebrannter Feuerwerkskörper passierten. Es sah aus wie im Krieg.

Dann die Überraschung. Das Omen. In all dem Raketenmüll, der auch zwölf Stunden später noch überraschend stark nach Schwarzpulver roch, fiel der Gräfin eine Rakete auf, festgebunden an einem Zaunpfahl - wie an einer Raketenstation:

Römische Licht-Batterie Effekthöhe 25 Meter, Brenndauer 60 sec.

"He.. die ist ja gar nicht abgefeuert. Da ist ja noch die Lunte dran, guck mal. Die haben die Rakete festgebunden und dann in der Dunkelheit vergessen zu zünden."

Und so kamen wir am Neujahrstag 2007, Punkt 12 Uhr, doch noch zu unserem Feuerwerk. NUR 1X ANZÜNDEN stand groß auf der Rakete geschrieben, und kaum gezündet machte es genau einmal POKK und eine lumpige Rauchsäule stieg auf, 15 Zentimeter hoch - das wars, fertig, aus.

"Wie? Das soll alles gewesen sein?" rief die Gräfin, die noch immer Erwartungen ans Leben hegt, und genau in diesem Moment gings los: PIUHH! PIUHH! PIUHH! pfiff es in den schneegrauen Himmel, ein 210-Schuß-Feuersturm-Pyro-Leuchtspektakel, als hätten sich Ufos am hellichten Tag unter die Wolken gemischt, vom Planeten Salsa.

Und was sagt uns das nun fürs neue Jahr?

"Konservativ bleiben, nicht mit Behörden anlegen", las die Gräfin abends das chinesische Orakel am Teebeutel des Yogi-Tees vor. "Und ein kleiner Abstauber ist immer drin."

In diesem Sinne.

12.3.15 18:02


Filmkuss


 

"Du..?” Spätabends, wir liegen im Bett, ich bin schon fast weggeduselt, wispert sie in mein Ohr. “Du..?”

“Mh..?”

“Sag mal, können wir nicht endlich einen Film über mich drehen?”

“Wie.. was fürn Film?”

“Weiss nicht. Egal. Nur ein Filmkuss muss dabei sein. Ein altmodischer Filmkuss, du weißt schon, wo man nur so tut, als ob. Was meinst du? Kriegen wir das hin?”

“Warum nicht, aber.. Welchen Schauspieler willst du nehmen, für den Filmkuss? Wen willst du.. küssen?”

“Na, jedenfalls keinen Schönling. Keinen Johnny Depp. Dann schon lieber.. Bukowski.”

“Der ist tot.”

“Nein, ich meine jemand, der Bukowski spielt. So einen möchte ich im Film küssen.”

“Aha. Und wenn, sagen wir, Johnny Depp Bukowski spielt? Geht das?”

“Nein. Kein Schönling. Basta.”

“Gut. Und was ist mit Stuntmen? Brauchen wir Stuntmen für waghalsige Stunts, damit deine Schauspieler keine Rückenschmerzen kriegen, wenn sie aus deinem Film wieder rausklettern?”

“Stuntmen..?! Was redest du da?! Mach doch nicht immer alles so kompliziert! Ich will doch nur einen Film über mich im Kino sehen, wo ich die Beste, die Schönste, die Schillerndste bin und einen kleinen Filmkuss abkriege! Das kann doch nicht so schwer sein! Herrgott noch mal!”

13.3.15 11:10


Ri Ra Rau - RSV!

 


 

Schau, die krummen Beine. Die gehören dem Dichter. Dabei wollte ich Fußballspieler werden. Rechtsaußen und so. Aber ich habs übertrieben. Das Dribbeln. Die Drogen. Eines Tages hab ich keine Lust mehr gehabt, bin zu Hause geblieben. Hab die Kameraden klingeln lassen, ein Gedicht geschrieben und mir gedacht, da wird nie was draus. Nun ja.

*

Tornato

17.3.15 12:27


Lonnie

 

 

 

Zum zehnten Geburtstag des 500beine-Blogs geh ich auf ein großes Jubiläums-Kölsch in den Kotten, eine harte Trinkerkneipe am Neumarkt, härter als der Stahlhof, den es nicht mehr gibt, und fast so verrufen wie das Stonns, das es schon lange nicht mehr gibt. Die geradlinig grimmige Möblierung des Kotten ist ganz aufs Stammpublikum zugeschnitten., das sich aus tätowierten Dachdeckern und Gerüstbauern sowie deren Kredite abstotternden tätowierten Bossen zusammensetzt. Es gibt einen Haufen Kurzarbeit und einen kleinen Saal mit Bühne, wo schon vormittags Karaoke-Abende stattfinden. Im Winter spielen Punk-Bands zum Tanz auf, goldene Nächte, in denen sich Neo-Hippies aus dem kernigen Düsseldorfer Norden mit Dachdeckern der Solinger Nordstadt verbrüdern, und es gibt jedes Mal reichlich was auf die Nase.

Lonnie kommt zur Tür rein.

Er nimmt den grünen Filzhut vom Kopf, legt ihn auf den Tresen und bestellt ein Bier. Erst bin ich mir nicht sicher, ob das auch tatsächlich Lonnie ist, er hat sich die schummrigste Ecke des ganzen Ladens ausgesucht, außerdem haben wir uns seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Er macht einen nachdenklichen Eindruck. Wie jemand, der Sorgen hat. Vielleicht ist er auch einfach nur nüchtern. Seine größte Sorge. Ich grinse versuchsweise in Lonnies Richtung, er nimmt den Blick auf, wie ein Stier, der gleich abtaucht, dann grinst er zurück, bleibt aber auf Gefechtsstation. Na gut.

 Ich geh rüber.

“Lonnie”, sag ich.

“Hallo..”, sagt er.

Schon Mitte der Achtzigerjahre dokterte Lonnie, vielseitig talentiert, an einem Groß-Roman, einem Sittengemälde mit dem ebenso treffenden wie bombastischen Arbeitstitel Der Patienten-Planet. Ich war zufällig dabei, als er auf einer Fete im eigenen Wohnzimmer einige Vertraute um sich scharte und aus dem frischen Manuskript vorlas. Es war noch etwas konfus, klar, aber es hatte Richtung und Stil.

Nach der Wende ging er nach Dresden und machte einen Haufen Geld mit Neuwagen, fing wieder an zu trinken, verlor den Führerschein und kehrte zurück in die Heimat, pleite, verschuldet, total übersäuert.

Wir stehen am Tresen und unterhalten uns ein bisschen, Lonnie bleibt merkwürdig zurückhaltend, so kenn ich ihn gar nicht, aber gut – die Leute verändern sich, man wird älter, langweiliger, verhaltener.

“Benzini mal gesehen?” frag ich wie nebenbei, und das ist der Startschuss.

Lonnie reißt die Augen auf und schlägt sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, als wären es Küchenkacheln. “Jetzt weiß ich, wer du bist..!” Er lacht so kraftvoll und ordinär wie früher im Mumms, als er der lauteste Patient von allen war. “Ich kack ab! Der Glumm..!! Und ich bin die ganze Zeit am überlegen, wer ist der Arsch noch mal? Das gibt’s doch nicht. Alter, siehst du jung aus!”

“Quatsch, hier ist es düster, das täuscht”, halte ich dagegen, “das mit dem Babyface ist definitiv vorbei.” Wenn ich in den Spiegel schaue, seh ich teigige Backen, ich glänze wie eine Speckschwarte. Wo ist meine verdammte Leichtigkeit hin?

“Ich weiß auch nicht”, meint Lonnie. “Wenn ich heute eine Runde Schaukeln geh auf dem Kinderspielplatz, bin ich zerstörter als früher nach drei Nächten am Tresen. Irre! Oder?”

In der folgenden Viertelstunde bringt mich Lonnie auf den neuesten Stand. Er erzählt, dass die Frau vom Joker an Speiseröhrenkrebs gestorben ist und am Ende, trotz heftigster Schmerzen, kein Opium erhielt, dass der Löwenmann beim Sprung über NATO-Draht den linken Finger verloren hat, dass Meckenstock eine Weile in England lebte, mittlerweile aber schon wieder ein Jahr in der Stadt ist.

“Und du? Was machst du?” meint Lonnie. “Schreibste noch im Internet?” Er überlegt. “Wie heißt deine Seite noch mal..? Moment! Sag nix!” Sein grüner Filzhut liegt vor ihm auf dem Tresen. Er nimmt ihn in die Hand, spielt damit herum. “Was war das noch, verflixt.. irgendwas mit Dackelpfoten, oder? Nee, wah?”

Er denkt angestrengt nach, die Augen zugekniffen, kommt aber nicht drauf.

“Der Joker liest die Seite immer, Benzini auch.. Ich komm gleich drauf. Ich habs auf der Zunge. Irgendwas.. mit Dackelpfoten! Nee!”

“So ähnlich. Ist ne orthopädische Seite”, helfe ich nach. “Fünfhundert..”

“.. Strümpfe..?! Moment: STÜTZSTRÜMPFE!!”

Lonnies Faust schnellt auf den Tresen nieder, das Bierglas macht einen Bocksprung.

Wusst ich’s doch!!

18.3.15 15:06


Der Kunstwecker

Eh Kunst, Susanne Eggert, Version 2012

"Verfluchter Mist! Wie konnte das passieren! Eben hat der Scheißwecker es noch getan! Wieso bleibt er schon wieder stehen? Versteh ich nicht! Ich mein, ist meine Kunst denn so.. schlecht? Liege ich so daneben? Lauf, mein Schatz, komm.. nun LAUF!! DU SOLLST LAUFEN, HERRGOTT NOCH MAL!"

Da sie der Feuchtigkeit im Bad die Schuld gab, dass er wieder den Dienst versagte, bearbeitete sie den Wecker versuchsweise mit dem Sportföhn - umsonst. Es war ein mystischer, laut tickender, gelegentlich unrund laufender Wecker, den wir vor Jahren auf dem Flohmarkt erstanden hatten. Er tickte so laut und aufdringlich, als wäre er in einem historischen Moment der Siebzigerjahre gebaut worden, als Pink Floyd Money einspielte oder Time, ich weiß nicht mehr genau, in einem Billigstudio für populäre Reisewecker im schönen Taiwan.

"Vielleicht muss die Zeit ab und zu auch stehen bleiben, sonst weiß man sie nicht zu würdigen, die Zeit, die uns bleibt. Außerdem, wir haben ihn nicht auf dem Flohmarkt gekauft, sondern im Woolworth. Weisst du nicht mehr? Weil wir den fußballspielenden Braunbär auf dem Ziffernblatt schön kitschig fanden."

Ach richtig, so war das gewesen. Jedenfalls, er tickte so nervend laut, dass er am nächsten Morgen ins Bad evakuiert wurde. Da die Sekunden in der kleinen Waschzelle aber noch lauter, noch aufdringlicher, noch klaustrophobischer verrannen, nahm ich die Batterie heraus und legte ihn still. So stand der Wecker Jahr um Jahr auf dem Spülkasten, ohne was im Bauch, und tat nichts. Rein gar nichts. Stand nur da rum. Ein nutzloses Teil, meiner Meinung nach. Mein Kunstwecker, hielt sie dagegen.

Denn eines Tages, so die Legende, begann der Wecker wieder zu ticken. Von ganz allein. Urplötzlich. Ohne Batterie. Powerten sie wieder brachial dahin, die Zeiger. Seither war dieser kleine Wecker unantastbar geworden. Er war ihr Gebieter. Ihr spiritueller Gradmesser. Er zeigte ihr an, wie es um ihre Kunst bestellt war, sagte sie. Man müsse bloß hinhören.

"Der macht, was er will. Wenn er anhält, bin ich zu weit weg von meiner Kunst. Wenn er vorgeht, forciere ich zu sehr. Im übrigen muss ich nicht die Sommer- und Winterzeit einstellen, das macht er von ganz allein."

Dass sie für diesen Service wieder eine Batterie einlegen musste, nahm sie hin - geschenkt. Der muss ja auch mal was essen, der kleine Kunstwecker. Mal was zu beissen kriegen. Logisch. Dass er aber auch mit Batterie wieder schwere Aussetzer hatte, etwa als sie gerade ein bombiges Bild auf der Staffelei hatte, mit dem Arbeitstitel Tête-à-tête mit der Restzeit, das setzte ihr aber doch zu.

"Das ist ein schlechtes Omen. Was will er uns damit sagen?"

"Ich geh euch auf den Sack, will er uns damit sagen."

 

19.3.15 09:04


Besuch im Altenheim I

 


 

 

Später Montagnachmittag im Altenheim. Ich will gerade anklopfen, da sehe ich, dass die Tür zu Vaters Zimmer einen Spalt offen ist. Er hockt im Dunkeln am Tisch und wühlt, ohne etwas sehen zu können, in der Schublade.

“Hal-lo!” ruf ich.

“Was??!”

“Ich bins! Hallo!”

“WER IST DENN DA!?”

“ANDREAS!”

“WER?!”

“ICH! ANDREAS! ICH BINS!”

“Ach soo..!”

Das erste, was ich tue, wenn ich Vater besuche, ist die Nase ins Zimmer recken und schnuppern, ob die Luft rein ist. Es ist ein richtiges kleines Trauma geworden, seit ich zwei Mal kurz hintereinander Zeuge wurde, wie er den Urin nicht mehr halten konnte und auf den Laminat-Fußboden pullerte, lustig wie ein Zimmerspringbrunnen. Er hatte eine Weile einen Katheterschlauch tragen müssen und war noch Tage nach der Entfernung ohne jegliches Gefühl für natürliche Blasenentleerung. Er spürte den Harndrang gar nicht. Schön war es trotzdem nicht. Nicht so sehr der Anblick, der war okay, fast sportlich, jedenfalls menschlich, aber dieser beissende aufdringliche Gestank von Urin - als bestünde das Alter nur aus maroden Leitungen - läuft einem noch nach, wenn man den Tatort längst verlassen hat. Doch heute riecht es gut, stelle ich erleichtert fest.

Alles in Ordnung.

“Warum kommst du so spät? Warum machst du das?” Vater klingt verärgert. Er hat Plätzchenkrümel am Mund.

“Ich konnte nicht früher”, sag ich und mache Licht. Alles, was die Schalter hergeben, überall, wo On drauf steht – viel ist es trotzdem nicht. Eigentlich nur die Deckenbeleuchtung. Alle anderen Lampen scheinen nicht zu funktionieren.

“Sind alle kaputt!” ruft Vater und schliesst die Schublade.

“Was hast du da eigentlich gesucht?”

“WAS?”

“WAS DU DA GESUCHT HAST.”

“WO?”

“NA, IN DER SCHUBLADE.”

Er blickt mich verständnislos an, wir belassen es dabei. Er trägt seine speckige blaue Trainingshose, eine Weste und ein bekleckertes kariertes Hemd, Hausschlappen. Der Kleiderschrank ist voller Klamotten, doch er trägt stets das gleiche. Auf dem Tisch entdecke ich die Schalen von Dutzenden geknackter Walnüsse, das erklärt den Plätzchenmund.

“Sind die Lampen kaputt?” fragt Vater.

“Ja, sind kaputt. Was ist passiert?”

“Ach, die da.. ist mir runtergefallen. Hab ich dran gestoßen und, wummz, war sie weg.”

Er meint die auf alt getrimmte Messingleuchte. Ich schraube die 60 Watt-Birne heraus und mache den Schnelltest, um zu prüfen, ob sie noch intakt ist.

“Ist kaputt”, sag ich, “muss ich dir eine neue mitbringen.”

Doch auch die große Stehlampe, die neben dem Ohrensessel steht und gemütliche Stimmung verbreitet, mit Fransenschirm und Zipperschaltung, tut es nicht. Genausowenig wie eine weitere Tischlampe, auf der Nachtkonsole neben dem Bett.

“Kein Licht, kein Ton, ich komme schon”, albere ich.

“Was?”

“Schon gut, Papa. Nicht so wichtig.”

Ich hab keine Lust, schon am Anfang des Besuchs all mein Pulver zu verschiessen, denn jede kleine Wiederholung kostet Kraft.

“Aber wieso sind alle Lampen kaputt..? Die kannst du doch nicht alle runtergeschmissen haben, oder?”

“Warum nicht?”

“Hast du die alle runtergeschmissen?”

“Wieso?”

“Na, weil die alle kaputt sind.”

“Ach, hier ist.. hier kann man doch keinem vertrauen, hier wirst du nur verarscht.. Die Leute hier machen einem alles kaputt.”

Na ja, die Mitarbeiter und Mitbewohner des Heims werden wohl kaum Vaters Zimmer stürmen, alle Lampen zerstören und dann wieder abziehen, wie das Rollkommando Licht aus im Alter! – Ressourcen schonen! Finsternis ist auch schön!

“Wieso grinst du?” fragt Vater.

“Nur so”, sag ich.

Seit Vater dement ist und die Demenz immer neue Schübe feiert, muss man vorsichtig sein mit irgendwelchem Gegrinse. Ironische kleine Schlenker am Mundwinkel kann er gar nicht ab, jedenfalls wenn er keinen Anlass dafür sieht. Damit kann man ihm nicht mehr kommen. Entweder es gibt einen handfesten Grund für ein Lächeln, dann ist es willkommen, oder eben nicht. Dann hält man aber auch besser die Lippen beisammen und macht keine süffisanten Faxen, die unangebracht sind.

Es ist so warm im Zimmer, ich möchte am liebsten sämtliche Fenster aufreissen und frische Luft einholen, aber dann friert er. Bibbert geradezu. Wir sitzen am Tisch und schauen auf die vielbefahrene regennasse Strasse runter. Vaters Blick ist hart von den vielen Medikamenten und zugleich müde und geschafft. Die Augen haben rote Ränder, wie mit dem dünnen Blutstift gezogen. Zwischendurch gehen ihm die Augen zu und er schläft kurz ein. Als er wach wird, friert er.

“Mir ist kalt”, jammert er.

Ich nehm ihn in die Arme, reibe seinen Rücken, wir ziehen ihm eine zusätzliche bayrische Trachtenjacke an, (aus irgendwelchen Gründen mag er diese Art Jacken), er sieht richtig wild aus. Hochalpin.

Er erkundigt sich mehrfach, ob ich die Heizung runtergedreht habe,- “Nee, das würde ich mir nicht erlauben" -, und erzählt einmal mehr, dass er schon als kleiner Junge viel gefroren habe.

“Mir war immer kalt.”

Um uns Kindern diese Erfahrung zu ersparen, bekam jeder seinen eigenen Heizkörper direkt ans Bett installiert. Wir haben die muckeligsten Träume geträumt in unserer Kindheit. Wenn es uns drei Kindern an etwas nie gefehlt hat, dann an Heizungswärme.

“Wie hast du das denn früher im Beruf gemacht?” frag ich, um ein Gespräch in Gang zu bringen.

“Was meinst du?”

“Na, als Klempner und Installateur musstest du doch oft in kalten Kellern arbeiten, oder nicht?”

Er lächelt verschmitzt.

“Deswegen hab ich doch so früh die Meisterprüfung abgelegt und mich selbständig gemacht.”

“Damit du nicht in kalten Kellern buckeln musstst?”

“Richtig, das war meine Überlegung. Solche Arbeiten konnte ich immer delegieren. Da musste ich nicht frieren. Das mussten die Gesellen erledigen.”

Dass er zwischendurch zu klarer Ansage fähig ist, überrascht mich nicht mehr. So ist das bei Demenz. An guten Tagen schimmert sein alter Charme durch, als wären die besten Tage nicht vorüber.

Als er noch gut zu Fuß war, gingen wir manchmal gemeinsam Einkaufen. Sobald wir uns in der Öffentlichkeit bewegten, wurde Vater von unzähligen Leuten gegrüßt, viele blieben auf ein Schwätzchen stehen. Es faszinierte mich, wie wohlgelitten er war. Besonders bei ehemaligen Lehrlingen und Gesellen war er für seine Menschlichkeit beliebt. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, seine Stellung als Meister zu mißbrauchen.

Einmal wartete ich mit meinem Vater aufs Taxi, er hatte einen Arzttermin. Plötzlich rief jemand laut seinen Namen.

“Herr Glumm..! Herr Glumm!”

Am Haus gegenüber, das totalrenoviert wurde, winkte jemand vom Gerüst runter und setzte sich in Bewegung.

“Moment, Herr Glumm!”

“Wer ist das?” flüsterte mein Vater.

“Keine Ahnung”, sagte ich. “Jemand will was von dir.”

“Wieso von mir? Du bist auch Herr Glumm.”

“Ja schon.. aber.. jede Wette, du bist gemeint.”

Wir beobachteten einen Handwerker, der gekonnt wie ein Artist das Gerüst herunterkletterte und auf uns zulief, während Vater die Augen zusammenkniff, um die Person zu erkennen.

“Hallo Herr Glumm..!”

“Ach.. du bist es, Domenico”, meinte Vater. “Ich habs eilig.”

“Ich bin Franco! Der Bruder!” lachte der Italiener temperamentvoll und schlug seine Hand in die meines Vaters. “Dass ich Sie noch mal sehe!” Er strahlte übers ganze Gesicht. “Ich wollte meinem  Lieblingschef für alle Zeiten nur ma schnelll Guten Tag sagen!”

Und - war wieder weg. Klettete das ganze große Gerüst wieder hoch und winkte noch, als wir schon im Taxi saßen und davonbrausten.

 

*

 

“Sag mal, was ist denn mit der Gardine passiert..!?”

Erst jetzt fällt mir auf, dass sie zur Hälfte schlaff herunterhängt, wie ein Segeltuch bei Flaute.

“WAS?”

“Was hier passiert ist, mit der Gardine.. HAT HIER IM ZIMMER SCHON VOR SILVESTER JEMAND GEBÖLLERT?”

“WAS!??”

“OB HIER JEMAND RAKETEN IN DIE DEKO GESCHOSSEN HAT!!” Ich zeige auf die kaputte Gardine. “DAS IST DOCH NICHT NORMAL.”

“Ach so, die Gardine. Da bin ich gestürzt und wollte mich festhalten..”

“Hast du dir weh getan?”

“Nee. Ist nichts passiert.”

Allmählich werde ich sauer. Erst komme ich am späten Nachmittag ins Heim und mein Vater sitzt im Dunkeln, weil die Lampen defekt sind. Dann seh ich, dass die Hälfte der Gardine aus den Röllchen gerissen ist und runterhängt, wie in einem Pennerhotel. Wofür zum Henker bezahlt mein Vater eigentlich 3000 Euro im Monat? Eine Frage, die sich bei jedem Besuch stellt. Und bei jedem Besuch ist die Antwort: Für Verwahrlosung unter Aufsicht. Kein Wunder, dass mein Vater Depressionen kriegt im Altenheim und unglücklich ist.

Bevor ich verärgert in Richtung Schwesternzimmer aufbreche, fällt mein Blick zufällig auf die Mehrfachsteckdose am Boden, das eine Menge Elektrogeräte in Vaters Zimmer mit Strom versorgt. Das Long Vehicle unter den Steckdosen ist überhaupt nicht eingestöpselt.

“Kein Wunder, dass hier keine Lampe brennt”, sag ich.

“Was?”

“KEIN WUNDER, DASS HIER KEIN LICHT BRENNT!”

“JA KLAR, WENN DIE GLÜHBIRNEN ALLE EINEN DÖTSCH HABEN..!”

“NEIN, DER STECKER IST NICHT IN DER STECKDOSE!”

“WAS ??!”

Ich strecke die Waffen. Der schwerhörige Mensch gewinnt immer. Für den Normalhörer ist es nicht nur anstrengend, jeden Satz zu wiederholen, man muss auch den Lautstärkeregler bei jedem neuen Versuch etwas hochfahren, bis man endlich irgendwann verstanden wird. Natürlich könnte Vater auch seine sündhaft teuren Spezial-Hörapparate benutzen, doch dann stören ihn die vielen Nebengeräusche. Nein, da lässt er die Hörgeräte lieber im Schuber und uns brüllen.

“SAG MAL, PAPA, DU HAST JA GAR NICHT DEINE ZÄHNE DRIN!”

“WELCHE FÄDEN?!”

“DEINE ZÄHNE! DIE LIEGEN AUF DEM TISCH, DEINE ZÄHNE!”

“ZWIEBELN??!”

“DEINE ZÄHNE, PAPA! DIE HAST DU VERGESSEN EINZUSETZEN!”

“Ach so.. Ja. Hab ich vergessen.”

“Na schön. Ist ja nicht schlimm. Müssen wir aber gleich einsetzen, vor dem Abendbrot.”

Er schläft im Sitzen ein. Ich mache ein bisschen Ordnung im Zimmer. Plötzlich reisst er die Augen auf.

“NEIN!” schreit er. “NEIN!”

Er guckt mich an, fassungslos. Und nickt wieder ein.

Ich nutze die Gelegenheit und gehe ins Schwesternzimmer. Es riecht nach lecker Zigaretten,- die je leckerer riechen, desto länger ich nicht rauche -, Pausenraumstimmung, Soul-Radio. Am Adventsgesteck brennen alle vier Kerzen. Fast möchte man nicht stören. Doch dann stehen mir beide Pflegerinnen sofort zur Verfügung, als ich ihnen eine halb heruntergerissene Gardine im Zimmer meines Vaters melde.

Wie zwei aufgeschreckt gackernde Hühner folgen sie mir. Eins der beiden ermuntert mich sogar, solche Vorkommnisse künftig SOFORT zu melden.

“Tu ich doch gerade”, wende ich ein, doch das geht im allgemeinen Gegacker unter.

“Sind wir ja immer froh, wenn wir von Angehörigen erfahren, dass die Gardinen wieder mal runtergefallen sind..”

“Die kommen dauernd runter..”

“Wenn man wie unsereins einfach so ins Zimmer kommt, sieht man das ja nicht sofort..”

“Die passen gar nicht in die Ösen da oben.. Die Röllchen, mein ich..  die Gardinen.. das ist das Problem..”

“Der Hausmeister bringt das in Ordnung..”

“Ja, wir schreiben dem das auf..”

“Für heute ist es natürlich zu spät, der Hausmeister hat Feierabend. Und morgen ist Silvester..”

“Also nächste Woche”, schleiche ich mich ins Geplapper.

Schon macht sich das Federvieh vom Hof, wie auf ein unsichtbares Zeichen hin. Aufbruch, Geflatter. Tschüss. Dankesehr.

Herr Glumm, in einer halben Stunde ist Abendbrot.

19.3.15 17:48


Aus Gülle Gott kochen


 

An manchen Abenden wartete ich nur darauf, dass endlich die Tür aufschwang und Karlos kam ins Mumms rein. Ich musste ihm unbedingt Bericht erstatten - nur ihm, niemand sonst. Höhepunkt dieser seltsamen Form von Abhängigkeit war Mitte der Achtzigerjahre, als Lena sich von mir abseilte und ich kurz vorm Durchdrehen stand.

Bevor Karlos nicht vom Stand der Dinge erfuhr, war es quasi nicht passiert. Es war, als lägen kreuz und quer Buchstaben um mich herum, ohne jeden Sinn. Erst sein Ohr sortierte das Leben, machte es lesbar, erst sein Ohr erteilte mir Absolution. Und dann erst konnte ich mich umdrehen und den nächsten Selbstmord anvisieren.

Bei all seiner Loyalität und Geduld, ich muss Karlos ziemlich auf den Sack gegangen sein. Einmal ist er sogar abgehauen, als er mich kommen sah. Doch was hätte ich tun sollen, jeder Mensch hat sein Trauma, an dem er sich sein Lebtag lang abarbeitet, und mein Trauma ist der Moment der Trennung. Die Abnabelung. Wenn die Frau mich verlässt, die ich liebe, detoniert der Boden zu meinen Füßen, ich verliere jegliches Selbstgefühl, es ist ein Fallen ohne Ende.

Im Dezember hatte Lena zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres Schluss gemacht, doch ich brach zusammen, als hätte es ein erstes Mal überhaupt nicht gegeben. Der Trennungsschmerz versetzte mich in eine Art Duldungsstarre.

Ich saß am Tresen und soff.

“Du blutest aber gut”, meinte Karlos, gerade reingekommen, mit dieser ihm eigenen Süffisance, die ich nicht ab konnte, wenn sie auf mich gemünzt war. Ich nickte nur, Schaum vorm Mund.

Er wusste ja noch nicht das neueste.

 

*

 

Ich wohnte auf der Schillerstraße, zum Mittagessen ging ich oft zu meinen Eltern rüber. Weil es mir so schlecht ging, nahm meine Mutter mich nach dem Nachtisch beiseite und kam auf meine Kindheit zu sprechen, auf ein besonderes Ereignis. "Wir haben damals einen unverzeihlichen Fehler gemacht", begann sie. Und wie sie so erzählte, war es mir, als würde der Vorhang aufgerissen und so etwas wie der Kern meiner Persönlichkeit gab sich zu erkennen.

Bis zum siebten Lebensjahr, daran erinnerte ich mich, war ich Nacht für Nacht ins Ehebett meiner Eltern geklettert. “Ich hab schon ganz automatisch die Bettdecke angehoben, wenn ich deine leisen Schritte hörte. Du kamst angekrabbelt und schmiegtest dich an meine Seite. Es gab keine Nacht, wo du nicht bei mir warst.”

1967, im Jahr der Ziege, wurde mein Bruder geboren, und von heute auf morgen war die Stelle besetzt. Mein Bruder lag nun statt meiner am warmen Busen meiner Mutter. Ich konnte gucken, wo ich blieb. “Die erste Zeit bist du trotzdem gekommen, aber es war zu eng im Bett. Dein kleiner Bruder, Papa, ich, du - niemand konnte mehr einschlafen. Da haben wir dich zurückgeschickt.”

In den folgenden Nächten muss ich mit Schaum vorm Mund aufgewacht sein, aus schlimmsten Albträumen gerissen. "Es quoll aus dir heraus, als wärst du mit Arsen vergiftet gewesen. Du standest regelrecht unter Schock. Aber wir waren überfordert damals, mit drei Kindern.” Während Mutter sich unter Tränen Vorhaltungen machte, "deine Reaktion war so heftig, wir wussten nicht, wie wir damit umgehen sollten", spürte ich das Kitzeln einer fernen und tiefen Verzweiflung. Da war sie wieder, die große schwarze Hand, die mich fortgerissen hatte, da war das weiße Gift, das aus mir herausquoll. Und plötzlich war auch klar, warum jedes Mal Land unter war, wenn sich die Frau, die ich liebte, verabschiedete.

Wenn sie mich aus ihrem Bett verstieß.

“Und warum du so traumatisch viel säufst, Glumm”, dozierte Karlos mit trocken erhobenem Zeigefinger, als ich ihm Bericht erstattete am Tresen, mit weißem Schaum am Pils-Glas, auch bekannt als:

Blume.

 

*

 

"Wenn du es schon nicht rückgängig machen kannst, und du kannst ein Trauma nicht rückgängig machen, dann mach einfach ne Blumenwiese draus", riet Karlos. "Eine wie im Frühling, wo die Primeln sprießen wie Stars für eine Saison. Ist eh das einzige, was du kannst, Glumm: aus Gülle Gott kochen."

Ich kapierte kein Wort, aber ich feierte jedes einzelne aus seinem schnatternden Mund.

Wir lernten uns am Gymnasium kennen, in der Sexta. Sein Vater arbeitete als Küster bei der evangelischen Stadtkirche, mein Vater war Klempner- und Installateurmeister im eigenen Betrieb. Seine Mutter war klein und dicklich und liebte es unter bunten Sonnenschirmchen durch die Parkanlagen der Stadt zu promenieren, meine Mutter war Halb-Italienerin und machte die Steuern und Bilanzen für meinen Vater, in ihrer Jugend war sie erfolgreich Staffel gelaufen.

Karlos und ich hatten ein Stück weit den gleichen Schulweg und schleppten nach Schulschluss unsere Tornister den engen Stichweg zur Eckstraße hoch.

Er war krebsrot im Gesicht vor Begeisterung.

“Ich hab die genialsten Gummistiefel der Welt, rutschiger als jede Gleitschuhe! Auf denen kannst du nicht stillstehen, ohne sofort loszurutschen..! Ganz einfache Dinger sind das, wie Nikolausstiefel! Zeig ich dir morgen. Bring ich mit. Oder übermorgen. Mal gucken. Oder nicht?”

Als wir die verrufene Sozialsiedlung Eckstraße erreichten, die Asi-Häuser, wo stets eine Frau mit  pumucklrotem Bubikopf hinterm Fenster stand, in schiefer Haltung, weil ein Bein kürzer war als das andere, hätte Karlos eigentlich rechts zum Gemeindehaus abbiegen müssen, aber einmal in Fahrt gekommen begleitete er mich noch ein Stück, er war nicht zu stoppen.

Er erzählte ständig tausend Sachen auf einmal. Hatte er eben noch geschildert, wie er tags zuvor Durchfall gehabt hatte, “viermal hab ich hinten beim Pfaffen die Kloschüssel voll gemacht, vier Mal!!”, war er gleich im Anschluss damit beschäftigt, die aktuelle Uhrzeit zu schätzen, und zwar, darauf legte er Wert, auf die Minute genau.

“Dafür brauch ich keine Armbanduhr. Ich kenn die Uhrzeit auch so. Das hab ich im Blut.”

Wir machten ein paar Wetten, über die nächsten Tage verteilt, um die Ehre, und tatsächlich, die Uhrzeit stimmte jedes Mal haargenau. Wir waren elf Jahre alt, und ich hielt Karlos für einen Aufschneider. Einen Trickser. Bestimmt hatte ihm seine Mutter einen kleinen Wecker ins Futter der Jacke eingenäht, auf den er heimlich einen Blick warf, ohne dass ich es mitbekam. Oder die sonderbare Pumuckl-Tante am Fenster gab ihm Zeichen: 1x Schielen ne Viertelstunde, 2x Schielen zwanzig Minuten. Doch obwohl ich der Kommandoebene nah kam wie kaum ein Anderer, ich konnte Karlos nie etwas nachweisen.

“Timing”, bellte Karlos, “ist alles. Timing und rutschige Gummistiefel! Besser als Gleitschuhe! Ganz einfache Dinger, wie Nikolausstiefel!”

Ich wusste nicht recht, was ich von ihm halten sollte. Na gut, man konnte ihn mitten im Unterricht aufwecken und sofort röhrte er los: “Es ist: zehn Uhr, 25 Minuten”, aber wozu sollte das gut sein? Ließ sich mit Zeitgefühl Geld verdienen, wenn man groß war? Und wollten wir überhaupt groß werden? War elf Jahre nicht der perfekte Zeitpunkt, um das Wachstum eine Weile einzustellen? Man ist nicht mehr richtig Kind und noch kein Heranwachsender, man ist irgendwo dazwischen - frei und gewissenhaft, umsichtig, voller Ideen und noch nicht verblendet vom Run aufs andere (oder gleiche) Geschlecht. Man befindet sich in fiebriger Habachtstellung und erwartet eine Zukunft, die alles bietet, was die Gegenwart drauf hat, nur eben etwas: toller! Da bietet sich eine Pause geradezu an. Einfach mal 20 Jahre Luft holen. Einfach mal 20 Jahre elf sein.

Und warum ist es nicht möglich, das Leben eines anderen Menschen zu führen, nur mal zwischendurch, für einen Tag vielleicht. Ist nicht vorgesehen, nein. Wie eine dämliche DIN-Vorschrift, die uns zwingt im eigenen Körper auszuharren bis zu unserem Ableben. Ich mein, selbst im Lastwagen wechseln sich die Fernfahrer ab, auf langen anstrengenden Touren. Und wenn ein Menschenleben keine lange anstrengende Tour ist.. - na, was zum Himmel dann!?

Eines gefiel mir an Karlos von der ersten Sekunde an, seine Fähigkeit, sich zu begeistern. Zu schwärmen. Sich in Träume reinzuknien. Dann leuchteten seine Augen wie ein Bautrupp auf nächtlicher Autobahn, der Gold pflastert im Akkord.

Auch wenn er im Gemeindeheim und damit auf der guten Seite der Eckstraße wohnte, er vertrieb sich die Zeit hauptsächlich mit den Kindern der (sogenannten) Asi-Häuser. Die städtischen Unterkünfte waren an den alten Bahngleisen errichtet worden, auf denen nur gelegentlich der Güterverkehr rollte. In der Favela lebten an die hundert Kinder, ohne Übertreibung. Es war ständig was los, es war der reinste Rummelplatz. Die Kids zogen in Banden durch die Gegend, in denen alle Altersklassen vertreten waren, wie die Orgelpfeifen.

Auch die Alten hielten sich hauptsächlich draussen auf, weil es in den Wohnungen zu eng war. Lehberg stammte aus Schlesien und interessierte sich nur dafür, wieviel er nebenher zur Sozialhilfe dazuverdienen durfte, ohne dass es zu Abzügen kam. Dass er keinen Nebenjob hatte zählte nicht. Den ganzen Tag stand er im Hof und rechnete den Nachbarn vor, was ging und was nicht ging, wobei die Zahlen ständig variierten, weil er im Grunde genommen keine Ahnung hatte. Er hatte hier und da etwas aufgeschnappt und machte sich seinen eigenen Reim darauf. Es war völlig sinnlos. HALTSTS MAUL, LEHBERG! rief irgendwann jemand von den winzigen, vollgestellten Balkonen, DU NERVST, und dann war kurz Ruhe, bevor Lehberg wieder Fahrt aufnahm. Er hatte buschige Augenbrauen und einen gehetzten Blick, er sah aus wie ein debiler Rektor.

Dann war da Andi Meier, zehn Jahre alt und ganz grau. Er hatte Pfoten groß wie Pfahlbauten, er war ein Irischer Wolfshund. Mit seinem Besitzer, einem dicklichen kleinen Mann, der nie viel Worte machte und mit Frau und Kindern und Andi Meier in der einzgen Wohnung lebte, wo Blumen auf dem Balkon waren, sah man den sanftmütigen Riesen täglich seine Runden durch die nahe Parkanlage drehen. Ein würdevoll einherschreitender Hund, der sich nicht die Bohne um andere Köter scherte, die für ihn nichts als Untertanen waren. Die wiederum taten so, als hätten sie es mit einem Buddha zu tun, wenn sie ihm begegneten, und versuchten einen Diener oder einen Knicks. Andi Meier, der einzige Hund, der je einen Vor- und einen Zunamen hatte. Er hatte wirklich Klasse. Er war lässig und stolz. Und grau. Das auch. Unheimlich grau.

Etwas gruselig war die alte Wahrsagerin, eine Zigeunerin, die weite bunte Röcke trug. Kleinere Kinder fürchteten sich vor der verwachsenen Gestalt, die einem Märchenfilm von Walt Disney entsprungen schien. Ihr Gesicht war voller Schrunden und Furchen, sie meckerte mehr, als dass sie sprach, und sie war in der ganzen Stadt bekannt. Sie zog durch die Kneipen und las den Leuten für fünf Mark aus der Hand.

Als ich die Gräfin kennenlernte, erzählte sie mir von ihrer Begegnung mit der Wahrsagerin, in irgendeiner Wirtschaft.

Sie betrachtete die Hand der Gräfin, und erstarrte. Ihr fuhr regelrecht der Schrecken in die Glieder, als sie der Handlinien gewahr wurde, die ihr Dinge verrieten, von denen sonst niemand etwas ahnte. Sie wollte nicht einmal die fünf Mark von der Gräfin haben, sie meinte nur, sie solle gut aufpassen im Leben. Dann huschte sie davon, ohne genaueres vorhergesagt zu haben. Ihr Blick war so voller Furcht, als schaute sie beim Teufel persönlich vorbei, und sie konnte gar nicht schnell genug weg sein.

 

*

 

Bei allem Temperament und der Neigung zum Übersprudeln, Karlos machte es auch Spaß zuzuhören. Er saß stundenlang auf dem Kellergeländer und lauschte den Alten. Besonders die alte Hepp im Erdgeschoß hatte bei ihm ein Stein im Brett. Das fand ich seltsam, als ich es die ersten Male mitbekam. Das kannte ich nicht. Das machte mich neugierig.

Ich setzte mich dazu.

Die alte Hepp erzählte, wie sie als Sekretärin einer kleinen Besteckfirma erst die Arbeitsplätze der Kollegen und zum Schluss sich selbst wegrationaliert hatte. Als Abfindung überreichte ihr der Chef, ein älterer passionierter Laienprediger, eine nagelneue Bibel und den Schlüssel zu seinem alten, aber supergepflegten schwarzen Mercedes mit knallgelben Ledersitzen.

Der Wagen, den die Hepp nicht fahren konnte, weil sie keinen Führerschein hatte, stand im Schatten einer großen Pappel hinter den Häusern, er war der ganze Stolz der Eckstraße. Ab und zu durfte ihn jemand benutzen, aber nur zu besonderen Anlässen, etwa wenn ein Mitbewohner auf zwei Drittel vorzeitig entlassen wurde, dann wurde er mit großem Hallo aus der JVA abgeholt.

Das evangelische Gemeindezentrum, in dem Karlos Familie lebte, stand keine fünfzig Schritte von den Asi-Häusern entfernt. Das Grundstück war eingezäunt und mit großzügigen Rasenflächen ausgestattet. Als sportbegeisterte Sextaner steckten Karlos und ich einen 1000 Meter langen Parcours ab, wir machten ungeheuer anstrengende Kilometer-Läufe.

Karlos Vater hatte einen echten Speer aus Metall aufgetrieben, Speerwerfen war der Hit. Es gab nur eins, was wir noch lieber machten: Hochsprung. Karlos Vater half uns beim Bau einer Hochsprunganlage, mit Latte und Sprungkissen. Es kam in Mode, die Latte mit dem Rücken zu überqueren, aber das war zu schwierig, wir strampelten uns lieber im alten Straddle-Stil ab. Andauernd lagen wir auf der Fresse.

Als es auf die Pubertät zuging, hatten wir keine Lust mehr auf Kilometerläufe, und der Mercedes der alten Hepp wurde Nacht für Nacht untervermietet, aber nicht einen Meter fortbewegt. Er diente als Love Shag, als feststehendes Liebesnest. Die alte Hepp machte eine schöne Mark nebenher, sie zeigte dem ollen Lehberg, wie man das machte. Handeln, nicht quatschen. Sie brachte rote Kinderzimmer-Vorhänge an den Seitenscheiben an, in den Kartentaschen lag Naschwerk bereit.

Karlos begann Dinge zu erzählen, die mir komisch vorkamen. Angeblich hatten er und andere den Kombüsenjungen in den Arsch gefickt. Der Kombüsenjunge, der wie Lehberg aus Schlesien stammte, hatte eine lange knochige Nase, aus der dauernd der Rotz lief, und einen extrem flachen Hintern, der wie eine Steilwand abfiel. Weil er zur See fahren wollte, wenn er groß war, nannten ihn alle nur den Kombüsenjunge.

Karlos erzählte, wie sie ihn zu Boden gedrückt hätten. Ich sah den armen Kerl vor mir, kaum Haare am Sack, am quieken wie ein Ferkel. Ich kam nicht zurecht damit. Immer wieder stellte ich mir die Szene vor, wie sie ihn festhielten, die Hosen runterzogen und in den flachen Hintern pimperten. Jedes Mal, wenn er mir über den Weg lief, sah ich in seiner Buxe ein rotes Alarmlicht brennen.

Erst Jahre später, als ich darüber schreiben wollte, sprach ich Karlos darauf an. Ob er mir näheres erzählen könne. Karlos wusste erst gar nicht, wovon ich sprach, ich musste es ihm mühsam auseinanderklamüsern. Bis der Groschen fiel. Der Kombüsenjunge! Ach was, da haben wir dir einen Bären aufgebunden, sagte er nur, damit hatte es sich.

Na, großartig.

Da hatte ich mich unzählige Mal gefragt, wie Karlos einen hochkriegen konnte beim Anblick eines Jungshintern, und ob dem Kombüsenjungen das nicht wehgetan hatte, und dann machte es plopp! und es stellte sich heraus, dass ich verkohlt worden war. Diagnose Bullshit. VERÄPPELT.

Na schön - was sollte ich mich groß aufregen. In Physik hatte ich gelernt, dass sich die Erde mit 107.000 Stundenkilometern um die Sonne drehte, das tat sie seit Anbeginn der Zeit, egal, was die Leute erzählten, was die Wahrheit war.

30.3.15 07:01


Chip

 

 

Chip wirkte schmal und zerbrechlich, und das Haar fiel ihm lang und dünn über die Schultern und glänzte, als hätte er ewig lang im Regen gestanden und auf jemand gewartet.

Chip war merkwürdig leblos. Er war ein großer Fan von Deutschrock. Er besaß so ziemlich alle Scheiben von Eloy, Grobschnitt, NEU aus Düsseldorf, von Can und Kraftwerk, und er hatte den penibelst ausgekämmten Mittelscheitel der Welt, exakt in der Schädelmitte, null Uhr, Greenwich-Time.

Mit zittrigen Fingern strich er sich das lange Haar aus dem Gesicht.

“Ins Klo!" schrie er. "Du sollst ins scheiß Klo kotzen, nicht daneben, Mann!”

Ich hing mit vollem Körpereinsatz überm Pott und kotzte alles aus, was nicht niet und nagelfest in meinem Inneren verschraubt war: Fetzen einer türkischen Minipizza, ranzige alte Erdnüsse, Flaschenbier, Gin. Den Abend über hatten wir schwer gesoffen und dann den Fehler begangen, einen Bong zu rauchen, obwohl die Bongraucherei mir nicht bekam, schon gar nicht, wenn ich einen im Kahn hatte. 

Das Problem: Wenn man bei einem Kiffer wie Chip abhing, der streng auf Effizienz achtete, kam man am Bongrauchen nicht vorbei. Entweder man zog am Blubber, oder man war draußen. Eine Tüte drehen war für Leute wie Chip pure Verschwendung. "Da kann ich das Dope ja gleich aus dem Fenster schmeissen!"

Nun war Draußensein aber das letzte, was man wollte, wenn man schön einen gebechert hatte und mit Freunden zusammmensaß. Niemals war ich schärfer aufs Kiffen als nach zehn, zwölf Bier und ein paar Schnäpsen, selbst wenn klar war, dass ich die ganze versammelte Ursuppe wieder auskotzen würde.

Sobald ich den Blubber gezogen hatte, zeigte mir mein Kreislauf den Vogel und brach zusammen, und ich fand mich auf dem Rand von Chips Badewanne wieder, in der kleinen Dachgeschosswohnung in der Nordstadt.

“Nicht in die Wanne! Ins Klo! Ooh Man – Shit..! Da vorn ist das Klo! NICHT DA!”

Ich hatte gar nicht gewusst, dass er so hysterisch werden konnte. Chip wohnte noch bei seiner Mutter. Sie hatte Runzeln und Falten im Gesicht wie ein alter Gobelin, an dem viele Leute viele Jahre gestickt hatten. Doch konnten Mütter überhaupt so alt aussehen? Ging das überhaupt? Es gab Leute, und ihre Zahl war nicht zu knapp, die glaubten Chip nicht.

“Das ist nie und nimmer seine Ma, das ist seine Oma! Jede Wette!”

Mit der Zeit neigte ich fast dazu, den Zweiflern zuzustimmen, doch warum zum Henker sollte uns Chip seine Oma als seine Mutter verkaufen? Was sollte dahinter stecken? Nein, es machte keinen Sinn. Chips Mutter sah verdammt alt aus, und nett war sie auch nicht, sie war hager und vom Leben enttäuscht und hielt nicht viel von den Freunden ihres einzigen Sohnes, aber sie war nun mal Chips Mutter. Und Mütter waren unantastbar. Mütter waren die Wärme, nach der wir uns alle sehnten, Mütter waren das beste Dope, aber kein verdammter Dealer auf der ganzen Welt hatte Mütter im Angebot. Nicht mal ihr Herzblut, auf Flaschen gezogen, war auf dem Markt. Selbst der große Frank Zappa hatte seine Band Mothers genannt und war damit gut gefahren.

Chip hielt mir einen nassen Aufnehmer hin.

“Hier, putz weg.”

“Tut mir leid, Chip”, röchelte ich, "aber ich bin noch nicht fertig.. da kommt noch was."

“Klar, Mann. Schon gut. Sag einfach, wenn du fertig bist.”

Viertelstunde später. Ich wollte nur noch nach Hause in mein Bett. Vielleicht vorher kurz in die Küche und den Kühlschrank leer fressen, okay, aber damit sollte es auch gut sein. Nachdem ich Chips ade sagte, wankte ich durchs Treppenhaus und verlor das Gleichgewicht. Da ich nicht mehr in der Lage war, mich zu fangen, stolperte ich die Stufen hinunter und knallte eine Etage tiefer der Länge nach hin, durchschlug eine geschlossene Wohnungstüre. Der mannshohe Glaseinsatz zerbarst mit einem gewaltigen Klirren.

Als ich die Augen aufschlug, fand ich mich in einer fremden Diele wieder, zwischen lauter kleinen Glasscherben und Lackteilchen. Der Lärm, den ich fabriziert hatte, brachte die Mieter der Wohnung auf den Plan - mit erschrockenen Gesichtern standen sie um mich herum.

“WAS IST DAS?” schrie der Herr des Hauses.

Ich glotzte zu ihm hoch. Ich sah in ein hasserfülltes Männergesicht, das nicht glauben wollte, was es da zu sehen bekam, nach Feierabend: Ein besoffener Jüngling, der mit aller Wucht in die Diele seines Heims gekracht war, mitten durch die Tür.

Ich rappelte mich auf und sah an mir runter. Blut war nicht zu sehen. Da war bloß ein Haufen Glasscherben und das gesplitterte Holz des Türrahmens. Keine drei Monate zuvor hatten meine Eltern einen guten Riecher bewiesen und eine Haftpflichtversicherung für mich abgeschlossen. Das war doch schon mal was. Durch das riesige Loch in der Tür erkannte ich Chip, er stand ganz oben auf dem Treppenabsatz und schlug die Hände vorm Gesicht zusammen.

“Mann, Scheiße”, räusperte ich mich, “schulligung.”

Keine zehn Tage später war Chip von der Bildfläche verschwunden. Er ging fort, ohne Bescheid zu sagen. Niemand wusste, was aus ihm geworden war. Gelegentlich sah ich seine Mutter, wenn sie auf der Wupperstrasse zum Discounter schlich, doch ihr Blick war so eisig und nach innen gerichtet, so abweisend und grau-verloren, ich traute mich nicht, sie nach Chip zu fragen. Seit der unglückseligen Sache im Treppenhaus war sie nicht mehr gut auf mich zu sprechen.

Ich traf Chip Jahre später auf dem Mühlenhof wieder, einem zentralen Platz in der Stadt voller Wasserspiele und schattiger Flecken. Er war blass wie eh und je, er trug die Matte in der Mitte gescheitelt, null Uhr, Greenwich-Time. Mit zittrigen Fingern strich er sich das Haar aus dem Gesicht.

Er habe in einer Drückerkolonne gearbeitet, erzählte er mit schmalen Lippen und Froschäuglein, und sie hatten ihm übel mitgespielt: Geld vorenthalten, Psychoterror, die ganze Kiste. Aus der Nähe betrachtet wirkte sein langes dünnes Haar immer noch, als wäre er damit ewig im Regen gewesen. Aber der Glanz war dahin. Es schien nur noch feucht. Wie durchgeschwitzt.

“Nächste Woche bin ich wieder weg..”

“Wohin gehst du? Was hast du vor?”

“Zeitschriften werben. Was sonst. Ich kann nichts anderes.”

“Ich denk, die haben dich beschissen..?”

Er saß auf der Mauer, seine dünnen Beine baumelten hin und her. Klein und traurig blickte er mich an.

“Zuhause würde ich ja doch nur rumsitzen und darauf warten, dass irgendwelche alten Freunde klingeln und mir das Bad vollkotzen. Und die Freunde werden weniger mit den Jahren, und am Ende klingelt niemand mehr. Nicht mal eure Kotze darf ich dann noch wegwischen. Nee, da bin ich lieber unterwegs und tu so, als würde ich nicht merken, wie ich verarscht werde. Ich mein, wenn denen da draußen so viel daran liegt , mich fertigzumachen.. sollen sie doch. Solange ich unterwegs bin, ist es in Ordnung. Weißt du, was das wichtigste ist im Leben?”

Ich schaute ihn neugierig an.

“Das Wegkommen”, sagte er. "Immer wieder wegkommen."

Wir gingen rüber ins Mumms und nahmen ein paar Bier.

31.3.15 08:41


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