Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Glumm goes Grillage

 

An die locker tuffige, niemals zu mächtige Buttercreme-Geburtstagstorte meiner Mutter, die sie mir Jahr für Jahr unter einer geheimnisvoll beschlagenen Tortenhaube präsentierte, kam nur Grillage heran, eine halbgefrorene Baiser-Torte mit gemahlenen Nüsschen, erfunden vor über hundert Jahren vom Krefelder Konditormeister Hermann Wilms d. Älteren.

Ein Stück Grillage ist zum Weghängen lecker und schmilzt auf der Gabel, wenn man nicht schnell genug ist. Jedenfalls war das 1973 so, bei Cafe Kramers am Fronhof. Die hatten Grillage-Torte als Spezialität auf der Karte, ganz oben, als Spitzenreiter, als Knüller unter Knüllern, als Big Bang.

Wir waren 13 Jahre alt und vernarrt in Grillagetorte, mein Fußballkumpel Wiwi Wupperbusch und ich. Einmal im Monat schmissen wir die blau-weißen Stutzen und Schienenbeinschoner des RSV in die Ecke und putzten uns fein heraus, für ein ruhiges Plätzchen in einem mit wilden Plätzen nicht gerade gesegneten Oma-Cafe.

Dann saßen wir da.

Zwei 13jährige Burschen mit Säbelbeinen und geputzten Tretern, die sich hingebungsvoll Eiscremetorte auf Biscuitboden einführten und in Sahnerosetten schwelgten, in Schokospänen und gezuckertem Eischnee, immer schön langsam, Gabel für Gabel, damit es lange vorhielt, das köstliche Stück, war ja auch teuer genug, dazu ein Gläschen Afri Cola, danke schön, Fräulein.

Dann waren wir satt und schwiegen an. Das Kaffeekränzchen war am Ende. Es gab nichts weiter zu sagen. Ich mein, wären wir Mädels gewesen, wir hätten uns Zöpfe flechten oder über Pferde unterhalten können, Riemchensandalen wären ein Thema gewesen und der erste juckende Scheidenpilz, aber hey, wir waren Jungs! Allein das Wort jucken verursachte bei uns in diesem Zusammenhang Desinteresse.

Wir waren Jungs und rochen nach billigem Bubblegum, wir trugen gerippte Unterhosen, popelten selbstvergessen in der Nase und hatten uns nichts zu erzählen, vor allem Wiwi Wupperbusch und ich nicht.

Gut, wir spielten zufällig im selben Fußballclub, wohnten zufällig im selben Viertel und teilten zufällig dieselbe perverse Leidenschaft fürs Kuchenbuffet, aber das war's dann auch mit Gemeinsamkeiten.

Ich hab ihn später aus den Augen verloren. Hab mal gehört, er wäre ein mittleres Tier bei der Post geworden, so eins mit Vollbart, das die Eilpost unter sich hat. Pffft..!! Wiwi Wupperbusch und die Eilpost..! Dieses lahme Baiser-Püppchen! Ich lach mich halbtot! Aber eines musste man ihm lassen.

Geschmack hatte der Bursche.

3.2.15 16:11


Red is a mean mean colour



 

 

 


12.2.15 07:21


Frank Zappa

 


 

In der Kippenpause der Maßnahme stand ich mit diesem vorwitzigen kleinen Nerd zusammen, dessen Augen hinter einer viel zu großen schwarzen Hockeybrille verschwanden. Er war Mitte Zwanzig und hatte keine Vorstellung davon, was er mit dem restlichen Leben anstellen sollte, nachdem er das erste Drittel punktgenau in den Sand gesetzt hatte. Aber er war ganz in Ordnung. Wir unterhielten uns über Rock-Musik, über unsere Vorlieben und Abneigungen. Als die Sprache auf mein Alter kam, und er ein bisschen nachrechnete, machte er große Augen.

“Moment mal.. dann hast du ja die Siebziger voll miterlebt.”

Er konnte es kaum fassen, dass jemand leibhaftig vor ihm stand, der Led Zeppelin, Dire Straits, den Beginn der Punkbewegung und Wir Kinder vom Bahnhof Zoo mitgekriegt und überlebt hatte - auch wenn die ganze Ära längst nicht so schräg war wie die Youngster heutzutage gern glauben. Dieser ganze Retro-Look, der unseren Alltag in Mode, Design und Musik befeuert, wird von gewaltigen Interessen gelenkt und hat in erster Linie mit Gewinn und Bilanzrecht zu tun. Plateauschuhe etwa sah man in den Siebzigerjahren gar nicht so oft. Sie wurden meist auf Rock-Konzerten getragen. Natürlich gab es sie auch in der Fußgängerzone und auf dem Schulweg, aber die hohen Treter waren längst nicht so weit verbreitet wie die guten alten braune Halbschuhe, mit denen man gerade in einen fetten Hundehaufen getreten hatte.

Rock-Konzerte waren schon immer der natürliche Laufsteg für Plateauschuhe. Hier zeigte sich die In-Crowd im Publikum, hier durfte der frühe Hipster blockübergreifend auf riesigen Silberlingen auflaufen und so tun, als ob ihm die Blicke der Anderen am Arsch vorbei gingen. Jeder, der in den Siebzigern etwas auf sich hielt, arbeitete sorgsam aufs nächste große Konzertereignis hin, auf den nächsten Gig von Lou Reed und Bob Marley und Zappa. Natürlich.

Frank Zappa.

Ich hatte noch nie so viele schillernd gekleidete Verrückte auf einem Haufen gesehen wie beim vom Meister persönlich abgebrochenen Konzert 1977 in der Kölner Sporthalle. Wo man auch hinschaute, Diven der Sonderklasse und tonnenweise Haarspray. Konzerte in den Siebzigerjahren waren so etwas wie der letzte Nachhall auf Bill Haley 1958 in Berlin, als der rasende Mob mit Stuhlbeinen bewaffnet den Sportpalast zerlegte.  "WOLLT IHR DEN TOTALEN ROCK'N ROLL!?" Zwanzig Jahre später war das Kindchen zu bestaunen: Das Kölner Zappa-Konzert 1977 wurde abgebrochen, weil angeblich eine volle Bierflasche auf die Bühne flog. Wir standen weiter hinten im Zuschauerraum und bekamen nur einen kleinen Tumult vorn an der Bühne mit und dass die Band Hals über Kopf die Arena verließ. Wenig später ging das Hallenlicht an. Niemand wusste, was los war. Der Abend war zu Ende, bevor es richtig losgegangen war.  

Trotz Patti Smith und Led Zeppelin, trotz der rollenden Basslinien der Disco-Ära und was es sonst noch alles gab in den brennenden 70ern, (Bowie, Glitter-Rock, Stadion-Rock, Bohemian Rapsody, frühe Dire Straits, Noddy Holder), die prägende Kraft des Jahrzehnts war Frank Zappa. Mit der strikt antibürgerlichen Haltung und seinem Hass auf alles, was mit Plastik zu tun hatte, war Zappa die alles überstrahlende revolutionäre Freiheitsstatue der Popmusik - geschmacklos, dekadent, wahrheitsliebend.

Als 1981 “Bobby Brown” erschien, sein einziger echter Single-Hit, war der ganz große Zappa-Kult längst Vergangenheit.

Vier Jahre zuvor waren wir Abend für Abend beim Rüttgers mit der krausen Matte einmarschiert, ein Haufen verkiffter ungewaschener Jünglinge, die nicht genug bekommen konnten von Haschischrauchen, Trips werfen und Zappa-Hören. Rüttgers wohnte als erster in der eigenen Bude, nachdem ihn sein psychopathischer Vater in einer Nacht-und Nebelaktion, die wir alle miterleben durften, rausgeworfen hatte - die Treppe runter, paar Klamotten hinterher. LASS DICH NIE MEHR BLICKEN! DU MACHST DEINER MUTTER NUR KUMMER! In Meigen, keine hundert Meter von den Eltern entfernt, bezog Rüttgers eine kleine Genossenschaftswohnung, die sich schnell zur lokalen Zappa-Zentrale mauserte. Rüttgers im Tross auf die Bude rücken, wo aus allen Tüten, Pfeifen und Shilums gekifft wurde, was das Zeugs hielt, zählt zu den schönsten Erinnerungen an das legendäre Jahr 1977, als die RAF in Berlin Polit-Bonzen entführte, die wir nicht kannten, von denen wir nie gehört hatten, die uns schnuppe waren - in der bergischen Diaspora wurden keine Steine geschmissen. Bei uns hieß es:

RÜTTGERS, SCHMEISS ZAPPA UND DIE MÜTTER AUF DEN PLATTENTELLER!!! UND DANN MACH GEFÄLLIGST NOCH EINEN RUND, DU PENNER!!!

Wer jemals nächtelang gemeinsam gekifft und gegrölt und gesungen hat, vergisst es nie wieder, auf alle Ewigkeit bleibt ein rührendes Gefühl der Zuneigung zurück. Man kann nicht gemeinsam die Nächte durchkiffen bis zum Sonnenaufgang, ohne bedingungslos und von Grund auf zu lieben. Und Jungs mit Sechzehn oder Siebzehn lieben bedingungslos und von Grund auf, besonders sich selbst. Wobei es gesagt werden muss. Mit dem gemütlichen Ablachen früherer Zeiten haben die heutigen, auf Power getrimmten Marihuanasorten nur noch wenig gemein.

Obwohl.

Moment. Gemütlich ablachen?! WIR!? Dass ich nicht lache. War es nicht 1977, als wir beim Rüttgers mit der krausen Matte einen Afghanen rauchten, der direkt aus der finstersten Fabrik des Teufels zu kommen schien? Der einem die Augen von innen verschnürte, der einem Wurfsterne und Dreizack in den Leib trieb?

Und was war mit dem sagenhaften Pfund Sensemilla, im Schrebergarten von Benzinis Opa gezüchtet und geerntet und in zwei heißen Septembernächten verbraten, dass wir alle dachten, au weia, das wird nie wieder, da bleibt was zurück im Kopf, das kann ja nicht gutgehen? Und tatsächlich, es ging nicht gut. Es blieb was zurück. Es blieb eine ganze Menge zurück. Ich danke dem Herrgott für alles, was je zurückblieb in meinem Kopf.

Danke, o Herr!

Gelacht haben wir beim Rüttgers wie im Leben vermutlich nie wieder. In der kleinen Erdgeschossbude stank es wie im Ziegenstall, wenn zwölf Jungs abends das Rollo herunterließen und sich dicht gedrängt gegenseitig Kopfschüsse aus dampfenden Shilums verpassten bis zum finalen Lachkollaps, wobei Gastgeber Rüttgers den Einpeitscher gab. Er war die Nordkurve von Frank Zappa. Er kannte sämtliche Texte in-und auswendig, und wir folgten ihm ergeben. Noch heute wundere ich mich, wie selbstverständlich mir manche Text-Passage von Zappa in den Sinn kommt, plötzlich und ohne erkennbaren Anlass, einfach nur, weil ich irgendwo hergehe und etwas in mir wird animiert zu trällern:

WELL, I WAS BORN TO HAVE ADVENTURE

SO I FOLLOWED UP THE STEPS

Meine Pubertät war ein Feuerwerk. Selbst mein Haar explodierte. Es schoss in Tausendundeine Richtung, es franste aus, verkam zu einer Ansammlung gewaltbereiter weißer Nigger, Locken wie Ausschreitungen.

Rüttgers, ältestes von vier Geschwistern, kämmte sich das dichte Kraushaar zu einer Afro-Krone mit Seitenscheitel hoch, was ich in dieser Form nur noch ein einziges Mal gesehen hab, beim Sänger von Boney M, der gar kein Sänger war, wie sich später herausstellte. Rüttgers hingegen war ein echter Shouter, er war die begnadete europäische Autokino-Stimme von Frank Zappa, wenn der Maestro daheim in Nordamerika im Bett lag, Zigarren paffte und einschlief. Obwohl, Zappa schlief nie.

Rüttgers hatte ständig Trouble mit den Nachbarn, die nachts kein Auge zutaten, es muss die Hölle gewesen sein für die armen Anwohner. Gelächter, Geschepper und Gegröle, Klospülungen, Mütter, Gekiffe die ganze Nacht.

Und Banane-Martin.

Banane-Martin war der Knaller, immer auf der Suche nach Brösel und Pillen, ein Fall von schwerem Haschischaucher. Jeden Abend, als Showdown quasi, führten Banane-Martin und Rüttgers einen Einakter auf, im bekifften Kopf.

Es entstand aus einer simplen kleinen Situation heraus, doch mit der Zeit dickte die Sache an, wie ein Schneeball, der durch den Schnee rollt und mehr und mehr Masse ansetzt bis zuletzt ein riesiger Jux übrigbleibt und alle den Lachflash bekommen und sich bepissen vor Vergnügen - dabei war alles, was wir jeden Abend zu sehen bekamen, Bauerntheater.

Den Anfang machte Rüttgers. Zugedröhnt zog er sein Brotmesser aus der Besteckschublade und wackelte von hinten auf Banane-Martin zu, der am Kopfende des Tisches saß und schon wusste, was kommt: Er duckte sich weg mit seinem ungewaschen schlotternden langen Kifferhaar. Er wusste nur zu gut, was nun folgte, doch bekifft war Banane-Martin nicht in der Lage sich zu wehren, bekifft war er hilflos, er war ein greinendes Äffchen auf der Drehorgel, und je näher Rüttgers ihm auf den Pelz rückte, das lange Messer in der Hand, von hinten, desto ärger wimmerte Banane-Martin, bis er zuletzt mit den Nerven am Ende vom Stuhl rutschte und den großen hysterischen Kiffertod starb, während Rüttgers, der Ripper mit der krausen Boney M.-Matte, ungerührt weiter auf Banane-Martin einstach, pantomimisch, dabei More trouble every day schmetternd von Zappas grandiosem Live-Album Roxy and elsewhere, während wir anderen Jungs längst den Überblick verloren hatten und alles und jeden anfeuerten im Zimmertheater: Wir drehten komplett durch, jeden Abend, und jede Vorstellung war garantiert ausverkauft, 12mal Afghanisches Bauerntheater, 12mal Kinder, bitteschön. Dankeschön.

Bitteschön.

Kumpel und ein gemeinsames Idol.

Der prägendste Zappa-Song befindet sich auf dem Live-Album Fillmore East, The Mothers, 1971. Do you like my new car? ist eher ein Theaterstück. Getrieben von einer lässigen kleinen Straßenmelodie liefern sich zwei Kerle mit schneidigen Bühnen-Stimmen ein Wortgefecht, eine Art Talking Blues. Wir saßen im Kreis auf dem Boden, flankiert von den großen Magnat-Boxen mit dem Bullen obendrauf und waren hin und weg.

 

Keine andere Rock-Nummer schaffte es unsere Phantasie so sehr anzuregen wie Do you like my new car? Ein Song, der in der Mitte von einem chaotischen Instrumental-Intermezzo zerschnibbelt wird, durch das Frank Zappa die Zuhörer zwingt, wie durch einen unwegsamen gefährlichen Tunnel, um uns schließlich geläutert und erfrischt zum Ur-Groove zurückzuführen.

Do you like my new car? ist eine großformatige Comic-Show, in der sich alles um ein neues futuristisches Auto namens Fillmore dreht. Eine Big City-Limousine, die durch Hollywood kurvt und alles aus dem Weg schafft, was nicht da hingehört.

Nach dem Hören von Fillmore East waren wir regelmäßig so erledigt, als hätte man uns einen Fight über 12 Runden abverlangt. Wir schleppten uns ausgepumpt über die Ziellinie und waren für den Rest der Session versaut für jegliche andere Musik.

Zappa, das war der rotzfreche Gockel aus der Raucherecke, der sich über alles lustig machte und bei dem die blassen Laumänner aus der Bibelstunde ebenso ihr Fett abbekamen wie die Mädels, die sich Clerasil ins Gesicht klatschten, weil sie es nicht besser wussten. Die Physik-Heinis, die Sport-Heinis, die Heini-Heinis, Zappa hatte für jeden Heini ein As im Ärmel, auch für die Zappa-Heinis. Mit der Zeile You can tell all the girls they can kiss my heini sprach er den schroffen Siebzigern mehr aus dem Herzen als alle Saturday Night Fevers, Nevermind the Bollocks und Grandmaster Flashs zusammen.

Zappa war düster und kompliziert, er war radikal, er war boshaft und wenn er Lust hatte, war er sogar eingängig und hitverdächtig. Und er verachtete Plastik. Das körnige Schwarzweiß-Poster, das Seine Haarigkeit Frank Zappa nackt auf dem Scheißhaus sitzend zeigt, klebte in den Siebzigerjahren WIRKLICH auf jedem vierten WC, inklusive Steuerbehörde, Davidswache und Puff in Barcelona. Olé! Rekordwert. Bis heute.

Als ich im Fernsehen das erste Mal einen Film der Marx-Brothers sah, war ich irritiert. Der durchgedrehte Kerl mit Zigarre in Mund, obszönem Ziegenbart und Dada-Grinsen, war doch Zappa! Was zum Henker hatte Zappa in einer Komödie aus den Vierzigerjahren zu suchen? Wie alt war der Bursche denn..?! Fortan, und bis zum Ende aller Screwball-Komödien, blieben Frank Zappa und Groucho Marx für mich ein und dieselbe Person, eine Erkenntnis, auf die ich bis heute nichts kommen lasse.

 

Überm Rüttgers wohnte Strakeljahn, der versuchte LSD in Heimarbeit herzustellen. Er war ein undurchschaubarer bleicher Bursche, der in einem langen schwarzen Gestapo-Mantel ducrh die Gegend lief, den er von seinem Großvater geerbt hatte, und er war aschfahl im Gesicht - bis auf die Bäckchen, die wechselten schon mal die Farbe. Mal glühten sie rotkäppchenrot, mal waren sie eisblau, gerade so als wäre Strakeljahn dem Kühlraum einer Metzgerei entstiegen.

Mit Drogen hatte er eigentlich nichts am Hut. Von uns mal abgesehen hatte er keinerlei Kontakt zur Szene. Und auch an uns war er nur zufällig geraten, weil er in dem Haus an der Meigener Straße wohnte, in dem Rüttgers Hals über Kopf eingezogen war, nachdem ihn sein Vater rausgeworfen hatte.

Strakeljahn hörte uns abends zusammensitzen, Tüten kiffen und Zappa hören, und kam runter. Er setzte sich zu uns und lernte eine andere Welt kennen.

Strakeljahn studierte Chemie, aber man sah ihn nie zu Vorlesungen fahren. Wir wussten auch nicht, was er da oben trieb in seiner Klause unterm Dach. Auch Rüttgers, der im Erdgeschoß wohnte und sonst doch so leutselig war, hielt sich bedeckt. Einmal hörten wir die beiden im Treppenhaus lautstark miteinander streiten. DU JAGST UNS NOCH ALLE MANN IN DIE LUFT! brüllte Rüttgers, worauf Strakeljahn seinen schweren Nazi-Mantel zuknöpfte, den Gürtel festzurrte und beleidigt davon marschierte.

Dass es bei dem Disput um die Zubereitung von Acid ging, erfuhren wir erst im Nachhinein. Strakeljahn hatte sich auf dem Speicher eine kleine Dunkelkammer eingerichtet, unter Fotolaborbedingungen, weil Derivate unter Lichteinwirkung verfallen, wie er mir und Pepe anvertraute. Er hantierte mit Reagenzgläschen und Rundkolben, doch wir hatten nicht den geringsten Schimmer, was wirklich vor sich ging. Noch heute würde ich kein Wort von dem kruden Zeugs kapieren, das er uns auftischte, doch heute würde ich immerhin gut hinhören, um es halbwegs vernünftig wiedergeben zu können. Strakeljahn, sonst so gehemmt, blühte richtig auf, wenn er von Problemen bei der Produktion von LSD sprach, von Massenformeln, Molekülen und Vakuumbedingungen. Es stellte eine Herausforderung für ihn dar, und wir sollten als Versuchskaninchen herhalten.

"Ihr seid doch immer geil auf Pillen. Bei mir kriegt ihr alles umsonst."

Pepe und ich glotzten ihn an wie einen Alien. Wofür hielt er uns? Für Selbstmörder? So wenig wie wir Chemie kapierten, so wenig verstand er uns pubertierende Jungs. Wir wollten nur unseren Spaß haben. Wir wollten nicht nach Wahnsinn stinken, wenn beim LSD-Kochen was schief ging.

Strakeljahn war eine seltene Pflanze, mit bleichem Fruchtstand. Er kniete sich voll rein in die theoretischen und praktischen Voraussetzungen, um Trips herzustellen, doch da er trotz mühseliger Recherche nicht an "sauberes" Mutterkorn herankam, unerläßlich für die Produktion von LSD, versuchte er an eine Alternative zu gelangen, an den Samen einer Pflanze namens Morning Glory. Indios und Mayas hatten das Halluzinogen in den alten Tagen für rituelle Zwecke genutzt. Es sollte in Trance führen und dafür sorgen, das Wesen der Natur besser zu begreifen. Na schön - aber wofür dann noch LSD kochen? maulten wir, wenn Morning Glory doch schon topp war. Lass sein, Strakeljahn. Besorg einfach Morning Glory. Das reicht. Das tun wir uns vielleicht rein, aber was du daraus machst, diesen ganzen Home Cookin' Kack, interessiert uns nicht. Ich meine, wir waren jung, aber nicht doof.

Nicht so doof.

Strakeljahn kam nicht heran an Morning Glory. Damals gab es noch kein Internet, wo sich weltweit alles per Mausklick ordern ließ. Es war alles viel komplizierter, und manches klappte nicht. Niemand wusste so richtig Bescheid. Es gab natürlich kleine Schieber, die mit psychoaktiven Substanzen dealten, aber von Einzelheiten bei der Acid-Herstellung hatte niemand Ahnung. Wir fragten uns sogar, woher das LSD kam, das auf dem Markt war. Wer das eigentlich wo und unter welchen Bedingungen zusammenbraute.

"Na, polnische Chemie-Studenten machen das", knurrte Strakeljahn. "Wer denn sonst."

Das war es, was ihn umtrieb. Der Ehrgeiz des künftigen Berufs-Chemikers. Lucy aus Langenfeld immerhin glaubte, ihm helfen zu können. Morning Glory kann ich klarmachen, wieviel brauchst du? einen Karton? Als Strakeljahn davon berichtete, fing er vor Wut an zu schnauben und zu zittern und stieß gepresst hervor, die glaubt tatsächlich, dass LSD fünf Minuten ziehen muss! Lucy dachte, es ginge um Tee.

Strakeljahn verwarf Morning Glory und probierte es mit harter schweißtreibender Grundlagen-Chemie. Man sah ihn mit rosa Spülhandschuhen durchs Haus laufen, mit glühenden Bäckchen, vor sich hinmurmelnd. Er stattete sein Untergrund-Labor mit Haatrocknern aus, für welchen Zweck auch immer, er besorgte Trockeneis und Chloroform. Und das war der Moment, wo Rüttgers allmählich nervös wurde und sich nicht mehr traute, auch nur den kleinsten Bong anzuzünden, weil er Schiss hatte, das ganze Haus würde explodieren und in Flammen aufgehen.

Ich weiß nicht, was aus der Sache geworden ist, ich schätze mal, nichts. Das Haus an der Meigener Straße, in dem Strakeljahn und Rüttgers wohnten und auf einem riesigen Stapel Zappa-Platten saßen, wurde bald darauf abgerissen, Ende 1978. Eine Weile sah man Strakeljahn mit einem Hausschwein durch die Gegend tingeln, einer großen dicken Sau, deren Zitzen über den Boden schleiften wie offene Schnürsenkel. Die Leute blieben stehen und starrten dem seltsamen Paar nach, und irgendwann tauchte Strakeljahn ganz ab. Wie man hörte, verschwand er auf der Rheinschiene und wurde nie wieder gesehen.

Rüttgers zog in die Innenstadt. Auch da trafen wir uns noch eine Weile zum Zappahören und Haschischrauchen, Pepe, Benzini, die beiden Hansen-Brüder, Banane-Martin, Karlos und der Mitsubishi Boy saßen herum und hatten Spaß, doch es war irgendwie nicht mehr dasselbe. Es war anders geworden. Die verdammten Achtziger brachen an.

"Fang schon mal an", meinte Karlos.

"Womit?"

"Na. Aufschreiben."

 

In der Kippenpause stand ich mit diesem vorwitzigen kleinen Nerd zusammen, dessen Augen hinter einer viel zu großen schwarzen Feldhockeybrille verschwanden. Man wusste nie genau, ob er gerade was ausheckte, aber er war kein übler Bursche. Mitte Zwanzig und keine Vorstellung davon, was sich mit dem restlichen Leben noch anstellen lässt, nachdem man das erste Drittel in den Sand gesetzt hat - meine Güte, sonst noch was.

Wir unterhielten uns über Rock-Musik, über unsere Vorlieben und besonders unsere Abneigungen. Und als die Sprache auf mein Alter kam, und er ein bisschen rechnete, machte er große Augen.

“Moment mal.. dann hast du ja.. hast du ja die Siebziger voll miterlebt..!”

Er konnte es kaum fassen, dass jemand LEIBHAFTIG vor ihm stand, der Led Zeppelin, Dire Straits, den Beginn der Punkbewegung und Wir Kinder vom Bahnhof Zoo überlebt hatte - auch wenn die ganze Ära längst nicht so schräg war wie die Youngster glauben. Dieser ganze Retro-Look, der unseren Alltag in Mode, Design und Musik befeuert, wird von gewaltigen Interessen gelenkt und hat in erster Linie mit Bilanzrecht zu tun. Plateau-Schuhe etwa sah man in den Siebzigerjahren meist auf Rock-Konzerten. Es gab sie auch in der Fußgängerzone und auf dem Schulhof, sicher, aber sie waren längst nicht so weit verbreitet wie braune Halbschuhe, die gerade in einen dicken fetten Hundehaufen getreten hatten.

Das nächste Rock-Konzert war schon immer der natürliche Laufsteg für hohe Treter. Hier zeigte sich die In-Crowd, hier durften die Hipster blockübergreifend auf riesigen Silberlingen auflaufen und so tun, als ob ihnen die Blicke der Anderen nichts bedeuteten.

Jeder, der etwas auf sich hielt, arbeitete sorgsam aufs nächste große Konzertereignis hin, auf den nächsten Gig von Lou Reed, Laurie Anderson, von Madness und Bob Marley und Zappa. Natürlich.

Frank Zappa and the Mothers.

 

*

 

Die Mütter. So viele schillernd gekleidete Babymütter und andere Verrückte auf einem Haufen wie beim vom Meister persönlich abgebrochenen Konzert 1977 in der Kölner Sporthalle hab ich nie wieder gesehen. Wo man auch hinschaute, Diven der Sonderklasse, zerzauste Pan Taus mit Melone, tonnenweise Haarspray, Witz und Zügellosigkeit. Verkleidung, die letzte Zuspitzung des Pop. Konzerte der Siebzigerjahre waren der letzte Nachhall von Bill Haley 1958 in Berlin, als die rasende Zuschauermenge mit Knüppeln, Brettern und Stuhlbeinen bewaffnet den Sportpalast zerlegte.

"WOLLT IHR DEN TOTALEN ROCK'N ROLL!??"

Zwanzig Jahre später war das Kindchen zu bestaunen: Das Kölner Zappa-Konzert 1977 wurde abgebrochen, weil angeblich eine volle Bierflasche auf die Bühne flog. Wir standen weiter hinten im Zuschauerraum und bekamen nur einen kleinen Tumult mit und dass die Band Hals über Kopf die Bühne verließ; wenig später ging das Hallenlicht an. Niemand wusste, was los war. Der Abend war zu Ende, bevor ers richtig losgegangen war.

 

*

 

Trotz Patti Smith, Punk und Led Zeppelin, trotz der rollenden Basslinien der Disco-Ära und was es sonst noch alles gab in den brennenden 70ern, (Bowie, Glitter-Rock, Stadion-Rock, Bohemian Rapsody, frühe Dire Straits, Noddy Holder), die prägende Kraft dieses Jahrzehnts war Frank Zappa.

Mit der strikt antibürgerlichen Haltung und seinem Hass auf Amerika, das die Welt mit Plastik überspülte, war Zappa die alles überstrahlende revolutionäre Freiheitsstatue der Popmusik - überlebensgroß, geschmacklos, dekadent, wahrheitsliebend.

Als 1981 “Bobby Brown” erschien, sein einziger echter Single-Hit, war der ganz große Zappa-Kult längst Vergangenheit.

Vier Jahre zuvor marschierten wir Abend für Abend beim Rüttgers mit der krausen Matte ein, ein Haufen verkiffter ungewaschener Jünglinge, die nicht genug bekommen konnten von Haschischrauchen, Trips werfen und Zappa-Hören.

Rüttgers wohnte als erster in der eigenen Bude, nachdem ihn sein psychopathischer Vater in einer Nacht-und Nebelaktion, die wir alle miterleben durften, rausgeworfen hatte, die Treppe runter, paar Klamotten hinterher. LASS DICH NIE MEHR BLICKEN, ARSCHLOCH! DU MACHST DEINER MUTTER NUR KUMMER! (Gut, diesen Satz haben wir alle gehört. Wir haben ihn quasi mit der Vatermilch aufgesaugt. Aber hier war er gefallen wie ein Würfel in der Nacht, und er zeigte Folgen.)

In Meigen, keine hundert Meter von den Eltern entfernt, bezog Rüttgers eine kleine Genossenschaftswohnung, die sich schnell zur lokalen Zappa-Zentrale mauserte. Rüttgers im Tross auf die Bude rücken, wo aus allen Tüten, Pfeifen und Shilums gekifft wurde, was das Zeugs hielt, zählt zu den schönsten Erinnerungen an das legendäre Jahr 1977, als die RAF in Berlin Polit-Bonzen entführte, die wir nicht kannten, von denen wir nie gehört hatten, die uns schnuppe waren - in der bergischen Diaspora wurden keine Steine geschmissen. Bei uns hieß es:

RÜTTGERS, SCHMEISS ZAPPA UND DIE MÜTTER AUF DEN PLATTENTELLER!!! UND DANN MACH GEFÄLLIGST NOCH EINEN RUND, DU PENNER!!!

Wer jemals nächtelang gemeinsam gekifft und gegrölt und gesungen hat, vergisst es nie wieder, auf alle Ewigkeit bleibt ein rührendes Gefühl der Zuneigung zurück. Man kann nicht gemeinsam die Nächte durchmachen bis zum Sonnenaufgang, ohne bedingungslos und von Grund auf zu lieben. Und Jungs mit Sechzehn oder Siebzehn lieben bedingungslos und von Grund auf, besonders sich selbst, die Kumpel und ein gemeinsames Idol.

Der prägendste Zappa-Song befindet sich auf dem Live-Album Fillmore East, The Mothers, 1971. Do you like my new car? ist eher ein Theaterstück. Getrieben von einer lässigen kleinen Straßenmelodie liefern sich zwei Kerle mit schneidigen Bühnen-Stimmen ein Wortgefecht, eine Art Talking Blues. Wir saßen im Kreis auf dem Boden, flankiert von den großen Magnat-Boxen mit dem Bullen obendrauf und waren hin und weg.

Keine andere Rock-Nummer schaffte es unsere Phantasie so sehr anzuregen wie Do you like my new car? Ein Song, der in der Mitte von einem chaotischen Instrumental-Intermezzo zerschnibbelt wird, durch das Frank Zappa die Zuhörer zwingt, wie durch einen unwegsamen gefährlichen Tunnel, um uns schließlich geläutert und erfrischt zum Ur-Groove zurückzuführen.

Do you like my new car? ist eine großformatige Comic-Show, in der sich alles um ein neues futuristisches Auto namens Fillmore dreht. Eine Big City-Limousine, die durch Hollywood kurvt und alles aus dem Weg schafft, was nicht da hingehört.

Nach dem Hören von Fillmore East waren wir regelmäßig so erledigt, als hätte man uns einen Fight über 12 Runden abverlangt. Wir schleppten uns ausgepumpt über die Ziellinie und waren für den Rest der Session versaut für jegliche andere Musik.

Zappa war der rotzfreche Gockel aus der Raucherecke, der sich über alles lustig machte und bei dem die blassen Blödmänner aus der Bibelstunde ebenso ihr Fett abbekamen wie die Mädels, die sich Clerasil ins Gesicht klatschten, weil sie es nicht besser wussten, aber zu wissen glaubten. Die Physik-Heinis, die Sport-Heinis, die Heini-Heinis, Zappa hatte für jeden Heini ein treffendes As im Ärmel.

Mit der Zeile You can tell all the girls they can kiss my heini sprach er den schroffen Siebzigern mehr aus dem Herzen als alle Saturday Night Fevers, Nevermind the Bollocks und Grandmaster Flashs zusammen.

Zappa war düster und kompliziert, er war radikal, er war boshaft und wenn er Lust hatte, war er eingängig.

Er hasste Plastik.

Das körnige Schwarzweiß-Poster, das Seine Haarigkeit Frank Zappa nackt auf dem Scheißhaus sitzend zeigt, es klebte in den Siebziger Jahren WIRKLICH auf jedem vierten WC, inklusive Steuerbehörde, Davidswache und Puff in Barcelona. Olé! Rekordwert.

Bis heute.

Als ich im Fernsehen das erste Mal einen Film der Marx-Brothers sah, war ich irritiert. Dieser beknackte durchgedrehte Kerl mit dicker Zigarre, obszönem Ziegenbart und zynisch-frischen Dada-Grinsen, war das nicht Zappa..!?? Was zum Teufel hatte Zappa in einer Komödie aus den 40er Jahren zu suchen? Ja, wie alt war der denn..??? Fortan, und bis zum Ende aller Screwball-Komödien, blieben Frank Zappa und Groucho Marx für mich ein und dieselbe Person, eine Erkenntnis, auf die ich bis heute nichts kommen lasse.

Wobei es gesagt werden muss. Mit dem gemütlichen Ablachen früherer Zeiten haben die heutigen, auf Power getrimmten Marihuanasorten nur noch wenig gemein.

Obwohl.

Moment. Gemütlich ablachen?! WIR!? Dass ich nicht lache. War es nicht 1977, als wir beim Rüttgers mit der krausen Matte einen Afghanen rauchten, der direkt aus der finstersten Fabrik des Teufels zu kommen schien? Der einem die Augen von innen verschnürte, der einem Wurfsterne und Dreizack in den Leib trieb?

Und was war mit dem sagenhaften Pfund Sensemilla, im Schrebergarten von Benzinis Opa gezüchtet und geerntet und in zwei heißen Septembernächten verbraten, dass wir alle dachten, au weia, das wird nie wieder, da bleibt was zurück im Kopf, das kann ja nicht gutgehen? Und tatsächlich, es ging nicht gut. Es blieb was zurück. Es blieb eine ganze Menge zurück. Ich danke dem Herrgott für alles, was je zurückblieb in meinem Kopf.

Danke, o Herr!

Gelacht haben wir beim Rüttgers wie im Leben vermutlich nie wieder. In der kleinen Erdgeschossbude stank es wie im Ziegenstall, wenn zwölf Jungs abends das Rollo herunterließen und sich dicht gedrängt gegenseitig Kopfschüsse aus dampfenden Shilums verpassten bis zum finalen Lachkollaps, wobei Gastgeber Rüttgers den Einpeitscher gab. Er war die Nordkurve von Frank Zappa. Er kannte sämtliche Texte in-und auswendig, und wir folgten ihm ergeben. Noch heute wundere ich mich, wie selbstverständlich mir manche Text-Passage von Zappa in den Sinn kommt, plötzlich und ohne erkennbaren Anlass, einfach nur, weil ich irgendwo hergehe und etwas in mir wird animiert zu trällern:

WELL, I WAS BORN TO HAVE ADVENTURE

SO I FOLLOWED UP THE STEPS

Meine Pubertät war ein Feuerwerk. Selbst mein Haar explodierte. Es schoss in Tausendundeine Richtung, es franste aus, verkam zu einer Ansammlung gewaltbereiter weißer Nigger, Locken wie Ausschreitungen.

Rüttgers, ältestes von vier Geschwistern, kämmte sich das dichte Kraushaar zu einer Afro-Krone mit Seitenscheitel hoch, was ich in dieser Form nur noch ein einziges Mal gesehen hab, beim Sänger von Boney M, der gar kein Sänger war, wie sich später herausstellte. Rüttgers hingegen war ein echter Shouter, er war die begnadete europäische Autokino-Stimme von Frank Zappa, wenn der Maestro daheim in Nordamerika im Bett lag, Zigarren paffte und einschlief. Obwohl, Zappa schlief nie.

Rüttgers hatte ständig Trouble mit den Nachbarn, die nachts kein Auge zutaten, es muss die Hölle gewesen sein für die armen Anwohner. Gelächter, Geschepper und Gegröle, Klospülungen, Mütter, Gekiffe die ganze Nacht.

Und Banane-Martin.

Banane-Martin war der Knaller, immer auf der Suche nach Brösel und Pillen, ein Fall von schwerem Haschischaucher. Jeden Abend, als Showdown quasi, führten Banane-Martin und Rüttgers einen Einakter auf, im bekifften Kopf.

Es entstand aus einer simplen kleinen Situation heraus, doch mit der Zeit dickte die Sache an, wie ein Schneeball, der durch den Schnee rollt und mehr und mehr Masse ansetzt bis zuletzt ein riesiger Jux übrigbleibt und alle den Lachflash bekommen und sich bepissen vor Vergnügen - dabei war alles, was wir jeden Abend zu sehen bekamen, Bauerntheater.

Den Anfang machte Rüttgers. Zugedröhnt zog er sein Brotmesser aus der Besteckschublade und wackelte von hinten auf Banane-Martin zu, der am Kopfende des Tisches saß und schon wusste, was kommt: Er duckte sich weg mit seinem ungewaschen schlotternden langen Kifferhaar. Er wusste nur zu gut, was nun folgte, doch bekifft war Banane-Martin nicht in der Lage sich zu wehren, bekifft war er hilflos, er war ein greinendes Äffchen auf der Drehorgel, und je näher Rüttgers ihm auf den Pelz rückte, das lange Messer in der Hand, von hinten, desto ärger wimmerte Banane-Martin, bis er zuletzt mit den Nerven am Ende vom Stuhl rutschte und den großen hysterischen Kiffertod starb, während Rüttgers, der Ripper mit der krausen Boney M.-Matte, ungerührt weiter auf Banane-Martin einstach, pantomimisch, dabei More trouble every day schmetternd von Zappas grandiosem Live-Album Roxy and elsewhere, während wir anderen Jungs längst den Überblick verloren hatten und alles und jeden anfeuerten im Zimmertheater: Wir drehten komplett durch, jeden Abend, und jede Vorstellung war garantiert ausverkauft, 12mal Afghanisches Bauerntheater, 12mal Kinder, bitteschön. Dankeschön.

Bitteschön.

Überm Rüttgers wohnte Holbein, ein undurchschaubarer bleicher Bursche, der versuchte LSD in Heimarbeit herzustellen.

Sein Gesicht war aschfahl bis auf die Bäckchen, die glühten fast wie auf dem Etikett von Rotkäppchen, dem Vitamintrunk, der in den Sechzigern in keinem Kinderzimmer fehlen durfte. Und nun saßen wir beim Rüttgers und genossen das Privileg, Rotbäckchen leibhaftig und bekifft unter uns zu haben, so bekifft mitunter, dass wir es mitten in der Nacht die Treppe hoch tragen mussten.

Kiffen war eigentlich nicht sein Ding. Holbein hatte, bevor er an uns geriet, keinerlei Kontakt zur Szene gehabt. Und auch an uns war er nur zufällig gekommen, er wohnte in dem Haus, in dem Rüttgers einzog. Holbein studierte Chemie in Bonn, aber man sah ihn selten zu Vorlesungen fahren, er blieb meist daheim. Wir wussten nicht, was er da oben trieb in seiner Dachwohnung, er erzählte kaum etwas. Außer dass es sich um Experimente handelte. Auch von Rüttgers, der sich doch sonst so leutselig gab, erfuhren wir in dieser Hinsicht wenig. Einmal hörten wir ihn im Treppenhaus lauthals schimpfen, DU JAGST UNS NOCH ALLE IN DIE LUFT!, worauf der bleichgesichtige Holbein seinen glänzenden Gestapo-Mantel zuknöpfte, den Gürtel festzurrte und beleidigt davonwatzte.

Dass es bei den Experimenten um LSD ging, erfuhren wir erst viel später. Holbein hatte sich auf dem Speicher eine kleine Dunkelkammer eingerichtet, weil Derivate unter Lichteinwirkung verfielen, wie er mir und Pepe in einer vertraulichen Stunde anvertraute. Holbein, sonst so gehemmt, blühte richtig auf, als er von Massenformeln und Molekülen und Problemen bei der Vakuum-Herstellung sprach, und Karlos und ich glotzten ihn an wie einen Alien, wir kapierten nicht ein einziges Wort.

Holbein war eine Art LSD-Soldat, eine seltene Pflanze mit bleichem Fruchtstand. Weil er trotz mühsamer Recherche nicht an Mutterkorn herankam, unerlässlich für die Herstellung von LSD, versuchte er an eine Alternative zu gelangen, an den Samen einer Pflanze namens Morning Glory. Das klappte aber nicht. Es gab zwar Schieber, die mit LSD dealten, aber von Einzelheiten bei der Herstellung hatte niemand auch nur eine blasse Ahnung, geschweige denn hatte je einer von Morning Glory gehört.

Niemand, bis auf Betty aus Remscheid. Ausgerechnet Betty aus Remscheid, die auf Partys unbeteiligt in der Ecke zu stehen pflegte, mit Möpsen flach wie Harry-Brot. Betty meinte, Morning Glory kenn ich, logo, ist ne Teesorte, kann ich euch klarmachen, ist ein Früchtetee, wieviel braucht ihr? einen Karton? Doch als wir Holbein davon erzählten, fing er vor Wut an zu schnauben und zu zittern und stieß nur gepresst hervor, muss ich das LSD dann fünf Minuten ziehen lassen, oder was!?

Ich weiß nicht, was aus Holbein geworden ist, das Haus, in dem er und Rüttgers und ein Riesenhaufen Zappa-Platten wohnten, wurde schon 1978 abgerissen. Holbein verschwand irgendwo auf der Rheinschiene und wurde nie wieder gesehen, Rüttgers zog in die Nordstadt. Auch da trafen wir uns noch ab und zu zum Zappa-Hören, all die Cracks, Pepe, der alte Benzini, die Hansen-Brüder, Banane-Martin und Karlos und der Mitsubishi Boy und die beiden jüngeren Brüder von Rüttgers, doch es war nicht mehr das gleiche. Es war anders geworden. Die Achtziger Jahre brachen an.

Bobby Brown war fällig.

17.2.15 07:43


Die Daphne P. Story

 

Neun Uhr früh in der Bibliothek des Instituts. Ich nahm gerade am Rechner Platz, um das nächste Buch in die Datenbank einzuschleusen, Grundlagentexte zum Design, Band 10, als das Telefon klingelte. Auf dem Display erschien meine eigene Nummer. Die von zu Hause.

Unsere Nummer.

"Na my darling", sagte ich gut gelaunt. Im Solinger Singsang. Ich wusste ja, wer dran ist, und es war Freitag. Das Wochenende bog um die Ecke, ich sah schon die Schuhspitzen. Nicht gerade Dancing Shoes, dafür gemütliche Sneakers. Abhängerchen. Muss ja auch mal sein.

Die Gräfin hatte andere Sorgen.

"Ich kann nicht bis heute Mittag warten", raunte sie mit schwerer schwarzer Stimme.

"Wie, nicht bis heute Mittag? Was meinst du..?"

"Na, bis du zu Hause bist."

Ach du Schande. Was war passiert? War jemand tot?

"Wer ist Daphne Peters?" zischte sie scharf.

"Wer?"

"Daphne Peters. Tu doch nicht so."

"Wie ..? Ich kenn keine Daphne.. Peters."

"Aha. Und wieso ist dann ihre Telefonnummer bei uns gespeichert bitte schön?"

Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. "Welche Nummer soll bei uns gespeichert sein..?"

"Na, ihre Nummer. Daphnes Nummer. 116630."

"Wer soll das sein? Ich kenn die Nummer nicht!"

"Ah ja? Natürlich kennt der Herr die Nummer nicht. Aber wer soll sie dann gewählt haben..!? Der Heilige Geist vielleicht?"

Der Heilige Geist! Das bedeutete nichts gutes. Den Heiligen Geist hatten schon meine Mutter und meine italienische Oma ständig bemüht, wenn ich als Pico etwas ausgefressen hatte, es aber nicht zugeben konnte, ohne Fleschkönigs in die Scheiße zu reiten. Er war schliesslich auf die Idee gekommen, Doornkaat in den Goldfischteich des Getränkehandels zu kippen. Und weil ich meinen Freund aus der Nachbarschaft nicht verraten wollte, mutmaßten Mutter und Oma, ich hätte das Ding gemeinsam mit dem Heiligen Geist durchgezogen. Diesem Blödmann. Wer war das überhaupt? Und wieso trauten sie mir so viel kriminelle Energie nicht allein zu??

"Keine Ahnung, wie die komische Nummer in unser Telefon kommt, wer die gewählt hat..", sagte ich trotzig. "Vielleicht war es ja der Heilige Geist. Ich jedenfalls nicht. Ich kenn die Nummer nicht. Nie gehört."

"So so. Und wie kommt sie dann in unseren Speicher? 116630 ist die letzte Nummer, die gespeichert ist. Jemand muss sie gewählt haben."

Wenn ich irgendetwas hasse, dann Mißtrauen. Erst recht, wenn es grundlos ist, aus der Luft gegriffen. Wenn es auf einer fixen Idee, auf einen bloßen Verdacht beruht. Auf Wahnvorstellungen. Gerüchten. Dem eigenen schlechten Gewissen. Und, mal im ernst - Daphne Peters, was ist das denn für ein Name? Wie aus einem Rosamunde Pilcher-Roman. Mit Almabtrieb in Cornwall. Ich bitte Euch.

"Wer zum Henker soll das denn sein, Daphne Peters??!" kläffte ich.

"Schrei mich nicht an. Ich kann nichts dafür. Die Nummer hat sich schliesslich nicht von allein gespeichert."

So machte das keinen Sinn. Ich schaltete einen Gang zurück.

"Okay. Wie war die Nummer ? Sag noch mal."

Sie wiederholte die Zahlenfolge, betont langsam. Aufreizend langsam.

"Elf.. sechs-und-sech-zig.. dreis-sig.."

"ICH KENN DIESE SCHEISS NUMMER NICHT!" schrie ich genervt. "UND ICH KENN AUCH KEINE VERFLUCHTE DAPHNE.. DINGENS!"

"Peters."

"PETERS!"

Wenn sie mir jetzt noch mit "Wer schreit, hat Unrecht!" kam, hatte ich endgültig meine versammelte Familie am Apparat, mit all ihrem Gebell. Mutter, italienische Oma, der Heilige Geist. Der hatte seine Finger grundsätzlich im Spiel, wenn ich die Scheiße am dampfen hatte, egal wann, egal wo.

"Ich hab die Nummer eben gewählt", sagte die Gräfin mit leiser Stimme.

"Du hast was?"

"Ich hab die Nummer angerufen. 116630." Sie gab sich gefasst. Sie wollte keinen Streit. Sie wollte wissen, was los ist. Was ich da am laufen hatte.

"Da war aber nur die Mail Box an, hier spricht die bla bla Maschine von Daphne Peters. Eine ziemlich träge Stimme. Etwa unser Alter. Also, erzähl. Schieß los. Ich bin bereit."

"ES GIBT NICHTS ZU ERZÄHLEN!"

Das Fenster zum Hof stand offen, ich sah den Geschäftsführer vorfahren, in seinem kanariengelben Mercedes. Das hatte noch gefehlt. Wenn der jetzt hier auch noch aufmarschierte und den Lauten machte..

Eins aber war seltsam. Je öfter die Gräfin die Telefonnummer erwähnte, desto diffuser klingelte es in mir. Da war etwas an der Nummer, das kam mir bekannt vor. Aber das konnte ich schlecht in den Ring werfen, nicht in diesem Stadium grundloser Eifersucht. Das hätte alles nur noch schlimmer gemacht. Zumal ich auch keinen Schimmer hatte, was es mit der Nummer auf sich hatte, wo ich sie hintun sollte.

"Du hast doch gestern Abend noch telefoniert, als ich im Bett lag", unternahm ich den nächsten Anlauf. "Du warst die letzte am Apparat, spätabends, nicht ich. Die Nummer, die du gewählt hast, muss also gespeichert sein."

"Ich hab nicht telefoniert, ich hab nur den AB abgehört. Einen Anruf  von Carl. Und da war noch keine Nummer von Daphne Peters von der Zeppelinstrasse gespeichert."

"Wieso.. Zeppelinstrasse?"

"Ich hab im Telefonbuch nachgeschaut. Peters, Daphne, Zeppelinstrasse."

"Aha. Und wo soll die bittesehr sein, deine Zeppelinstrasse!?"

Ich beobachtete, wie der Geschäftsführer das Handy vom Beifahrersitz nahm und ausstieg. Ich winkte ihm zu, aber er sah mich nicht. Er war das, was er am liebsten war: busy. Er telefonierte. Er hatte drei Wochen Urlaub gehabt. Er war braun gebrannt, der alte Business-Sack. Er war Segeln gewesen.

"Weiß nicht", sagte sie. "Zeppelinstrasse hab ich nicht gefunden im Stadtplan."

"Im.. Stadtplan!!? Du hast sogar im verdammten Stadtplan gesucht?!" Ich war baff. "Was ist denn mit dir los?"

"Na, ich will schließlich wissen, wo deine kleine Nutten wohnen", sagte sie bedrückt.

Allmählich wurde ich selber mißtrauisch. Telefonierte ich jetzt schon mit irgendwelchen Flittchen, ohne mich am nächsten Tag daran zu erinnern?

"Du hast also zuletzt den Anruf von Carl abgehört, richtig?"

"Ja."

"Wann genau?"

"Hm.. gegen elf. Aber was.."

"Und danach?"

"Wie, danach?"

"Na, war danach noch was?"

"Nee. Danach war nichts mehr."

"Gut. Und heut Morgen sind wir zur gleichen Zeit aufgestanden. Wann also bitteschön soll ich deiner Meinung nach meine kleine Nutte Daphne Peters angerufen haben? Mitten in der Nacht?! Halb vier vielleicht? Halb fünf?"

"Siehst du - jetzt sagst du es schon selbst."

"Was sag ich schon selbst?!"

"Meine kleine Nutte Daphne Peters..", schluchzte sie.

"Das hab ich doch nur so.. dahin gesagt! Ach, Scheiße!"

Es knisterte in der Leitung. Immer, wenn sie nervös und aufgebracht war beim Telefonieren, knibbelte sie an der Schnur. Es brutzelte wie hundert Brötchentüten.

Und endlich ging mir ein Licht auf.

"Moment.. 1166 - was? 30?! 16630 ist doch.. unsere PIN-Zahl.. Die muss man eingeben, um die Mailbox abzuhören. Und die 1 davor steht für das Sternchen, das man vor der Geheimzahl wählen muss.. Elf 66 30! Das ist unsere eigene PIN!"

Ich schlug so vehement und jäh auf die Schreibtischplatte, dass das Telefon einen Sprung machte. Der Chef blieb im Hof stehen und starrte den Tauben hinterher, die verängstigt davonflatterten. Er sah mich am Schreibtisch der Bibliothek sitzen und winkte. Ich winkte zurück.

"Die PIN.. ich werd verrückt", stöhnte die Gräfin, "na klar, du hast recht. Scheiße, bin ich blöd.."

Sie war gleichzeitig froh und ein bißchen beschämt.

"Ich.. hab soviel Stress in letzter Zeit. Puh.. Ich seh schon Gespenster."

"Ja ja", sagte ich, "schon gut."

Aber ganz so einfach sollte sie mir nicht davonkommen.

"Weißt du was? Die ruf ich jetzt mal an."

"Wen..?"

"Na, Daphne Peters. Die gibt's doch wirklich, oder?"

"Ja klar. Die hat dieselbe Nummer wie unsere PIN.. mit ner 1 davor."

"Na also. Der Tante werd ich gehörig Dampf machen. Da sind ein paar klärende Worte nötig, was die bei uns im Display zu suchen hat, die kleine Nutte!"

"Untersteh dich", keuchte die Gräfin.

"Oder ich schreib darüber eine kleine Geschichte."

"Untersteh dich doppelt!"


23.2.15 07:52


Schreiben, Ronaldo

 

 

 

Schreiben ist ein bisschen so, als hätte man eine angenehme Mausefalle am Finger, die jederzeit zuschnappt, sobald das richtige Wort daherkommt.

 

 

*

 

Wenn sich Real Madrid-Superstar Ronaldo für einen Freistoß in Stellung bringt, wenn er in aller Ruhe und Entschiedenheit die Beine und das Kreuz durchdrückt bevor er Anlauf nimmt, da fühle ich mich am Bildschirm an eine Bohnenranke erinnert, die dem Himmel empor strebt um dem Herrgott die allernaheste und am allerbesten durchtrainierte Super-Bohne zu sein. Das ist natürlich in Ordnung.

Sieht trotzdem blöde aus.
24.2.15 16:31


Zeit zum Schreiben

 

 

Noch Wochen, nachdem in beiden Tageszeitungen der Stadt über den Literaturpreis berichtet worden war, grüßten mich die Punks und Ska-Brüder vom Mühlenplatz mit erhobener Bierpulle.

"Wie siehts aus, Hank?!"

"Stabil", rief ich.

"Vernünftig!"

Sie hielten mich für Bukowski - was ein Blödsinn. Bukowski war ein Trinker, der Herz und Humor hatte und großartige Stories über sein Leben in Los Angeles schrieb, während ich nur großartig trank - wenn überhaupt. Nein, Bukowski war ein verdammtes Genie, ich nicht. Sparflammenbukowski, dachte ich

Na, Hauptsache stabil.

Kurz nach Neujahr ging das Telefon. Karlos war früh wach, weil er einen Termin auf dem Friedhof hatte, wo der Leichnam eines Motorradfahrers unter die Erde kommen sollte. Mit seiner schweren Maschine, einer 1000er Kawasaki, hatte der Bursche eine Bordsteinkante tuschiert und war im hohen Bogen gegen eine Hauswand geknallt. Angeblich war er fünfzig Meter weit geflogen. Der Aufprall hatte ihn enthauptet. Es hieß, der Fahrer, den ich vom Sehen kannte, habe so viel Kokain im Blut gehabt, dass das Messverfahren mehrfach wiederholt werden musste. Die Laboranten wollten das Ergebnis einfach nicht glauben, und sie fürchteten, es würde vor Gericht nicht standhalten. "Mit so viel Koks im Blut hätte der Bursche doch fliegen müssen!"

Nun ja.

Karlos hob den Hörer ab, nuschelte "Momentchen..", und reichte gleich den ganzen Apparat rüber. "Für dich", flüsterte Karlos und machte sich auf die Socken, in Richtung Friedhof. Es gab Vormittage im Hochsommer, da waren drei oder vier Begräbnisse hintereinander keine Seltenheit, die drückende Hitze arbeitete für Sargträger und Totengräber, da machten sie richtig Schotter, doch jetzt im Januar war nicht viel los im Bestattungsgewerbe. Tote Hose sozusagen, bis auf eine Motorradleiche ohne Kopf, die zuviel Marschierpulver geschnupft hatte.

Es sah nach einem beschäftigungsarmen Vormittag aus für Karlos, doch immerhin, er hatte zu tun. Was mich betraf, so war das letzte Wort noch nicht gesprochen. Weder, wer es sprechen würde, noch wann oder wo. Nicht mal das Thema war bekannt.

"Herr Glumm..?"

"Ja", sagte ich und starrte in den Hinterhof.

"Buntenbach, Arbeitsamt. Schönen guten Morgen, der Herr! Na, ausgeschlafen?"

Bevor ich etwas erwidern konnte, rückte der Sachbearbeiter, den ich von mehreren Einladungen kannte, "Bitte kommen Sie in das kommunale Jobcenter. Ich möchte mit Ihnen über Ihre berufliche Situation sprechen", schon mit der unangenehmen Sprache heraus: eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, befristet auf sechs Monate, bei Obi in Ohligs.

"Bei.. OBI!?"

"Was dagegen? Die Eisenwarenabteilung sucht einen tatkräftigen jungen Mann. Und da habe ich doch gleich an Sie gedacht. Was sagen Sie dazu, Herr Glumm?"

Ja, was sagt man dazu. Eisenwarenabteilung. Bei Obi. Einen Moment glaubte ich, Buntenbach wolle mich auf den Arm nehmen, doch ein Arbeitsvermittler, der um diese frühe Uhrzeit anruft, will einen eher nicht auf den Arm nehmen - im Gegenteil. Der will einen loswerden. Raus aus der Statistik. Raus aus dem Bettchen, runter vom Arm.

In gewisser Weise konnte ich das sogar nachvollziehen. Mit Mitte zwanzig war ich in der Blüte meiner Jahre, wie man so sagt. Der Supervogel Jugend kreiste mit mächtigen Schwingen über mir, ich war voller Spannkraft und Schwellkörpern. Selbst wer mit 25 nichts anderes tut, als von früh bis spät auf der faulen Haut zu liegen, dem wachsen noch Matratzenmuskeln, von ganz allein. Vom bloßen Faulenzen.

Ich war wirklich ein fauler Hund.

Dennoch - in meinem ganz speziellen Fall blieb ich bei meiner Auffassung, dass die Gesellschaft eine Ausnahme machen sollte. Als angehender Erfolgsautor brauchte ich Zeit, um mich zu entwickeln, viel Zeit. Sehr viel Zeit. Ich brauchte Zeit zum Saufen, weil man am Tresen die richtigen, die wichtigen Leute kennenlernte und Erfahrungen machte, die unabdingbar waren für einen hungrigen Schriftsteller, und ich brauchte Ruhe, um mich am nächsten Tag von der ganzen Sauferei zu erholen. Und gegen Mittag, wenn es mir etwas besser ging, wenn der Kater nachließ, brauchte ich Zeit zum Schreiben. Ich wusste beim besten Willen nicht, wo ich da noch eine geregelte Arbeit unterbringen sollte. Ohne Flachs. Vielleicht zwischen halb eins und eins? Gut, aber da war Mittagspause. Nein. Es machte keinen Sinn.

Dem Faktor Zeit war nicht beizukommen, es sei denn, man gewährte ihn.

Aber sie ließen nicht locker, die Damen und Herren vom Arbeitsamt. Alle paar Wochen kamen sie mit dem nächsten Jobangebot, mit dem nächsten perfiden Bewerbungstraining um die Ecke. Allmählich wurde ich sauer. Was zum Henker ging da vor sich? Die herrschende Klasse rottete sich zusammen, um meine Karriere als Autor zu verhindern. Man duldete keine angehende Berühmtheit bei Empfängern von Lohnersatzleistungen. Sie sahen in mir einen künftigen Maschinenarbeiter, einen Mann im Kittel im Baumarkt, und keinen am Schreibstift.

"Ihr Ansprechpartner ist Filialleiter.. äh.. Moment.. das ist der Herr Hafner.."

Ausgerechnet im Baumarkt. Das hatte noch gefehlt. Wenn ich von irgendetwas keinen blassen Schimmer hatte, dann von Männern, die in ihrer Freizeit Fliegengitter zusammenzimmerten und darüber mit dem Nachbarn fachsimpelten. Die ihre Seele zum Hobbyraum erklärten und zwischen offenen Lacktöpfen James Last flöteten.

Ich saß am Küchentisch, wie angeschossen, und lotete die Möglichkeiten aus, die Maßnahme abzuwenden oder wenigstens eine Weile hinauszuzögern, doch mir fiel kein Grund dafür ein, der Sinn gemacht hätte. Eine Allergie gegen das Heimwerkertum war nicht bekannt. Sie hatten mich am Arsch gekriegt.

Weil ich die Dinge, wenn ich sie schon nicht verhindern konnte, wenigstens so schnell wie möglich hinter mich bringen wollte, rief ich noch am gleichen Nachmittag den Filialleiter an und wir machten einen Termin für das Vorstellungsgespräch. Als ich Karlos und den Anderen vom drohenden Engagement im Baumarkt erzählte, lachten sich alle schlapp. Der Glumm in der Eisenwarenabteilung, zwischen Schrauben, Muttern und Nägeln, und das mit seinen zwei linken Händen: ein gefundenes Fressen.

"Der Glumm hat gar keine zwei linken Hände, der hat überhaupt keine Hände! Der wichst auf Stumpen! Der Penner!"

Der Mitsubishi Boy freute sich schon darauf, mich im Obi in flagranti mit dem Besen in der Hand zu erwischen, "aber na ja, haben wir nicht alle schon mal Staub gefressen?! HEHEHE!", und der dicke Hansen, der sich mit Klavierunterricht für Schüler und einem kleinen Erbe über Wasser hielt, strahlte übers ganze Denunziantengesicht.

"Endlich haben sie dich am Arsch gekriegt, fauler Hund!"

Er schlug vor, zweimal die Woche als Testkäufer aufzulaufen, um zu überprüfen, ob ich tatsächlich präsent war in den Gängen oder ob ich doch nur auf dem Klo hockte, EXPRESS lesen und ne Kippe rauchen, die Hand am Sack. Es war ein Elend, jetzt schon, und dabei hatte es noch gar nicht begonnen.

 

 



©

10. Januar 1987, halb zehn

 

Der faule Hund, der Zeitkrösus, der gefeierte NRW-Literat saß im Obus nach Ohligs, im Schädel die Bierhefe vom Vorabend. Ich war nicht nur spät dran, ich sah auch noch scheisse aus. Nicht etwa, weil ich beim Vorstellungsgespräch auf Teufel komm raus einen schlechten Eindruck machen wollte, sondern weil Karlos am Morgen das Klo blockiert hatte, mit seinem knochigen Hintern, und zwar so lange, dass ich mich schliesslich noch mal hingelegt hatte und mit dem Gesicht im Kissen eingepennt war. Ich hatte mir vom Preisgeld ein neues Kissen zugelegt. So ein großes leichtes Daunenkissen, in dem ich stets das Gefühl hatte, adieu zu sagen, wenn ich darin versank und neuesten Träumen nachging.

Die Obi-Filiale in Ohligs, ein Flachdachbau und groß wie ein Fußballfeld, stand an einer vielbefahrenen Hauptstraße. Vom Parkplatz aus hatte man einen weitmaschigen Blick in den Laden. Ich rauchte meine letzte Kippe und schaute mir das kommende Schlamassel durch die Panoramafenster an. Dann raffte ich mich auf, und betrat die Hölle.

Es fühlte sich an wie im Stadion, eine halbe Stunde vor Anpfiff. Grelles Scheinwerferlicht, Gedudel aus unsichtbaren Lautsprechern, Bratwurstverkauf. Amateur-Oberliga. Wie zum Warmmachen schoben Kunden halbleere Einkaufswagen durch die Gänge. Ersatzspieler zogen einen Flunsch und lungerten im Kassenbereich herum. Aus dem Fumu-Gedudel schälte sich You make me shiver heraus, ein grausames Stück Teppichbodensoul von George Benson.

Niemand hob den Blick, als ich in den Personalraum schaute und hallo sagte. Eine Handvoll Mitarbeiter saß um einen großen Tisch herum und gaffte erschöpft in die Pappbecher. Nur eine junge Blondine, die einzige, die keinen orangefarbenen Kittel trug, drehte sich zu mir um.

"Hallo..", lächelte sie freundlich.

Hinter ihr, im Stahlregal, stapelten sich die Verkäuferkittel übereinander, frisch gewaschen und gebügelt nach meinem armen Leib trachtend. You make me shi-waa.., hörte ich George Benson, und es klang, als machte er sich lustig.

"Ich such den Filialleiter", sagte ich.

"Im Büro", meinte die Blondine knapp.

"Ja schon. Aber wo ist das Büro?"

"Na, hinter dir. Wo sonst. Brauchst dich bloß umdrehen."

Ach so. Das Büro der Filialleitung ähnelte einem rundum verglasten Boxring, zu dem eine kleine Treppe hinaufführte. Der Kasten war eigentlich nicht zu übersehen, doch immer wieder geschah es, dass ich Dinge übersah, selbst wenn sie groß waren wie ein Haus und in Flammen standen. Die Gräfin meinte Jahre später, um mein Interesse zu wecken müsse man um die Sachen nur einen rechteckigen TV-Bildschirm ziehen.

Personalbüro Hr. Haffner.

Ich klopfte gegen den Türrahmen, wünschte guten Morgen und stellte mich vor. Glumm, Andreas Glumm.

"Ach, Sie sind das Vorstellungsgespräch."

Hafner, Mitte Dreißig, sportlicher Typ, schien soweit ganz in Ordnung zu sein. Wenn er mit einem sprach, sprühten seine Augen vor Aufmerksamkeit. Er gab sich jovial und verschmitzt, als könne man mit ihm Pferde stehlen. Andererseits hatte ich die Erfahrung gemacht, dass gerade diejenigen, die zunächst auf betont locker und jovial machten, sehr schnell sehr unlocker und unjovial werden konnten, geradezu bockig, wenn ihre eigenen Interessen berührt wurden, und dann war mit Pferdestehlen schnell Essig. Dann hieß es bürsten, striegeln, Fresse halten.

Rasch war geklärt, dass ich aus der ganzen Nummer nicht mehr raus kam. Obwohl ich mein Bestes gab, es war nichts zu machen. Der Filialleiter wollte mich unbedingt in seinem Team sehen. Als ABM-Kraft. Ich fragte mich, warum, ich konnte es mir nicht erklären. Ausser, dass ich eine billige, vom Job-Center finanzierte Arbeitskraft war. Doch was nutzte das?

"Ich mein, handwerklich bin ich eine totale Null", spielte ich meinen allerletzten Trumpf aus und achtete sorgsam darauf, dass die Hände beim Gespräch kraftlos und schlaff über die Stuhllehne baumelten, wie traurige alte Stofftaschentücher.

"Das macht nichts, das lernen Sie schon noch."

"Schön.. Aber was soll ich dem Kunden sagen? Ich mein, der denkt doch, da steht ein Mann im Kittel, ein Verkäufer, der weiß Bescheid, der hat Ahnung, und dann weiss ich nicht die Bohne Bescheid.."

"Ach was. Die ersten ein, zwei Wochen tragen Sie keine Arbeitskleidung, damit Sie niemand als Mitarbeiter identifizieren kann. Bis Sie besser Bescheid wissen, wo welche Ware steht. Und falls trotzdem jemand eine Frage hat, verweisen Sie ihn freundlich an den nächsten Mitarbeiter. Alles kein Thema."

"Kein Thema.. Hm. Und wenn partout kein nächster Mitarbeiter in der Nähe ist?"

"Na dann.. verweisen Sie den Kunden eben an den übernächsten."

Ich riss mich zusammen. Gab alles. Ließ meine Hände über der Stuhllehne baumeln wie abgenudelte Fensterleder und gab mich so antriebsarm, dass ich mich selbst schon wie der größte Hängenlasser in der Geschichte des Hängenlassens fühlte, eine wirklich schlimme schlaffe Geschichte.

"Und wenn überhaupt niemand in der Nähe ist?"

"Jetzt fangen Sie doch erst einmal an! Herrschaftszeiten!!"

Na schön. Ein Mann sollte wissen, wann er verloren hat, weil sofort das nächste Match ansteht, das es zu gewinnen gilt. Nach der Niederlage ist vor dem Sieg. Es müffelte schon leicht nach Lorbeer. Da ich den Job schon nicht verhindern konnte, ohne eine Sperre der Arbeitslosenkohle zu riskieren, galt es nun so viel wie möglich rauszuholen. Besser gesagt, so wenig wie möglich. So wenig Wochenstunden wie möglich. Wenigstens das musste drin sein. Teilzeit, dachte ich.

"Ich brauche Zeit zum Schreiben", sagte ich.

"Was denn, was denn..? Sie müssen.. noch schreiben lernen!?"

Verdammt! Darauf hätte ICH kommen müssen! Nein, klärte ich ihn auf. Dass er einen preisgekrönten Autor von Short Stories vor sich sitzen hatte. Einen angehenden Bestesellerautor. Den King of Satzbau. Saufziegen-Ferdi. Der neue Bukowski.

"Short Stories? Was schreiben Sie denn? Ist ja interessant."

"Na ja.. Short Stories."

Wir einigten uns auf den 1. Februar als Antrittstermin. Was für mich drei Wochen Galgenfrist bedeutete, immerhin. Und: eine Vier-Tage-Woche statt Fünf-Tage, fürs gleiche Gehalt, wobei das Gehalt so klein war, es war kaum als Gehalt zu bezeichnen. Ein Gehältchen. Da war nur noch eines.

"Sagen Sie, Eisenwarenabteilung, muss das sein? Können Sie mich nicht woanders einsetzen?"

"Woanders? Wo denn? Welche Abteilung?" Hafner sah mich gespannt an. "Was können Sie denn? Wo liegen Ihre Fähigkeiten?"

Wir blieben bei Eisenwaren.

Wo ich schon mal in Ohligs war, brachte ich den Vertrag gleich persönlich rüber zum Arbeitsamt. Während ich darauf wartete, dass mein Arbeitsvermittler Buntenbach von der Mittagspause zurückkehrte, sah ich mich in der fast leeren Wartezone einer imposanten Frau ausgeliefert. Sie sah aus, als wäre sie vor kurzem mit dem Kopf voran durch die Babyklappe gerauscht und hätte das Auffangbettchen durchschlagen - das Baby wog hundertzwanzig Kilo und war gut vierzig Jahre alt. Ein fataler Anblick. Sie saß auf mindestens zwei Stühlen und blätterte hektisch in einer Broschüre des Arbeitsamtes.

"Das wird immer schlimmer", krächzte das Babyface, ohne den Blick aus dem Prospekt zu heben. Ich fragte mich kurz, mit wem sie redete, doch da ausser mir niemand anwesend war ging ich davon aus, dass sie mich meinte.

"Früher durfte man hier so viel Hunde mitbringen, wie man wollte, alles kein Problem. Dann durfte nur noch einer mit rein, der andere musste draussen bleiben. Und heutzutage?" Sie stampfte mit dem Bein auf, dass der Ständer mit den ungelesenen Tipp & Tricks am Arbeitsmarkt  einen Satz machte. ".. dürfen Hunde gar nicht mehr mit rein! Nee! Muss ich zuhause lassen! Aber was glauben Sie, was los ist, wenn Mutti gleich heimkehrt. Die beiden Racker reißen mir die Bude ab, wenn ich zwei Stunden weg bin! Und wer bezahlt mir hinterher den Schaden, Nürnberg etwa? Der feine Missjöh Buntenbach?"

Die Scharniere des Stuhls jammerten und begehrten auf, als sie ihren massigen Körper erhob. Sie wurde noch lauter, beinah schrie sie mich jetzt an.

"Die verbieten mir, meine Hunde mitzubringen, und wissen Sie auch warum?" Sie glotzte über den Rand der Tipps & Tricks hinweg. "WEIL DIE UNZUFRIEDEN MIT SICH SELBER SIND, DIE WEIBER, DESWEGEN! UND DER FEINE MISSJÖH AUS KÖLN AUCH!"

Ich war heilfroh, als über dem Zimmer meines Sachbearbeiters das grüne Licht anging. Er war aus der Pause zurück. Er warf einen Blick in den Vertrag und stutzte kurz, als er die Spalte Arbeitszeit/Stunden erreichte, wo Filialleiter Hafner mit Bleistift eine blasse "32" eingetragen hatte.

"Wieso nur zweiunddreißig Stunden?"

"Weil die mich keine vierzig Stunden gebrauchen können", log ich dreist, aber es kümmerte ihn ohnehin nicht. Hauptsache, ich war eine Weile aus der Statistik raus. Volle sechs Monate lang. Dafür hatte man Buntenbach beim Arbeitsamt angestellt. Das war sein Job, das war sein Leben. Ein Statistiksäuberer. Eine Reinigungskraft.

"So, Meister, am 1. Februar ist defintiv finis mit Feiern und Ausschlafen bis in die Puppen", sagte er nicht ohne Genugtuung. Dabei schlief ich so gut wie nie aus, und mit der Feierei war es auch nicht mehr weit her. Eigentlich steckte ich in der ersten echten Krise meines Lebens, Literaturpreis hin oder her. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Ich war 25 und hatte keinen Plan, keine Idee, und es interessierte auch keinen. Mich selbst am allerwenigsten. Vielleicht sollte man wieder Löwen ansiedeln in Deutschland, dachte ich, Freßfeinde in Köln, Elefanten, Alphamännchen, alles. Dinosaurier in Düsseldorf. Uns fehlte die elementare Angst. Das Ur-Interesse am Zusammenhalt mit den Anderen, damit wr gemeinsam überleben konnten.

"Bitte..?"

Buntenbach senkte die Stimme, geplagt vom plötzlichen Tremolo seiner Augenlider, und wiederholte sich.

"Sagen Sie.., die verrückte Alte, sitzt die immer noch da draussen auf dem Flur?"

 

©

 1. Februar, morgens, halb neun

 

Der Bus bog schon in die Haltebucht ein, als ich aus dem Park trat und die Straße hinauf blickte. Ich musste einen Spurt hinlegen, damit der Fahrer nicht ohne mich abfuhr. Die Zahl der Busfahrer wuchs, denen das in letzter Sekunde die Tür vor der Nase zuschlagen derartiges Vergnügen bereitete, dass sie daraus einen internen kleinen Wettbewerb kreierten, mit täglicher Ausschüttung von Ehre und Schulterklopfen im Depot der Stadtwerke.

Diesmal hatte ich Glück. Der Fahrer kam nicht umhin, ein paar drängelnde Schulkinder einsteigen zu lassen, und als das letzte endlich drin war, kam ich außer Puste angestürmt und zählte ihm drei einzelne Markstücke auf den Wechselgeldteller. Mit mürrischem Blick riss der Fahrer das Einzelticket vom Block, liess die Münzen in den Galoppwechsler purzeln und murrte los.

In Ohligs angekommen, steckte ich mir auf dem kurzen Fußweg zum Obi eine Zigarette an und rauchte sie so gierig runter, dass ich mir fast den Zeigefinger ansengte. Der erste Tag, und ich war eine volle Stunde zu spät. Ich nahm die Treppe zum Büro des Chefs, doch es war leer. Ich versuchte es im Personalraum. Die blonde Sekretärin blickte mich an.

"Na halloo..", flötete sie erstaunt.

"Morgen", sagte ich.

".. hat er sich Brötchen mitgebracht!"

Wie niedlich.

"Das ist ein Schinken-Baguette", stellte ich gleich mal richtig.

Ihre blonde Rund-Frisur erinnerte an Prinz Eisenherz.

"Komm, wir trinken erst mal einen Kaffee." Eisenherz erhob sich und stöckelte zum Heißgetränkautomaten in der Ecke, schloss ihn auf. Ihre Levis war so knalleng, ich fragte mich, wie sie es da reingeschafft hatte ohne blaue Flecke und Schürfwunden. Aber vielleicht lag die Sache anders und sie war seit dem vierzehnten Lebensjahr Stück für Stück in die Stretch Jeans reingewachsen, ohne sie seither auch nur ein einziges Mal verlassen zu haben. Es gab Möglichkeiten, doch sie waren limitiert und hauten bei näherer Betrachtung allesamt nicht hin. Nein, ihr Hintern war schlicht grandios.

"Kostet normalerweise fünfzig Pfennig, aber heute ausnahmsweise.." Sie ließ den Satz unvollendet und lächelte kokett. Oh, natürlich, sie wusste um ihre Wirkung. So oft es ging, zeigte sie sich von hinten. Starr mir ruhig auf den Hintern. Wünsch dir was. Der Kaffeebecher lief randvoll, und sie schloss den Automaten. "Ich kann ihn dir nur schwarz anbieten, aber ich hoffe, das macht nichts."

"Danke. Schon okay."

Sie setzte sich zu mir. Leise drang die Fumu in den Pausenraum, funktionelle Musik, Kaufhaus-Muzak, makellose sanfte Wellen, die unsere Füße und Öhrchen umspülten. Gehältchen. Wir saßen nebeneinander, auf Abstand bedacht. Wie das so ist, wenn man sich nicht kennt, aber ahnt, dass man sich schon bald nah kommen wird, so nah wie unter Kollegen üblich.

Während ich am Kaffee nippte, öffnete sie eine Pausenbrotdose und entnahm eine Weissbrotstulle. Oh mein Gott. OH MEIN GOTT. Wenn ich vor irgendetwas Horror hatte, dann vor Situationen im Pausenraum, wo Kollegin A. oder Kollege Z. das Frühstücksbrot rausholt und Mahlzeit wünscht. Schlimmer als Kotze im Federmäppchen, es war der Untergang der Zivilisation.

"Nutella", grinste sie. "Gibt Muckis."

(Ich versuchte ein Lächeln.)

"Ich hab dein Foto im Tageblatt gesehen. Da stand, dass du ein Schriftsteller bist. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt in Solingen. Was schreibst du denn? So richtig Romane?"

Das Schwarz-Weiß-Foto war kurz vor Silvester im Lokalteil erschienen, es zeigte mich vor einer Schulklasse. Ich saß auf dem Pult, das Manuskript in der Hand. Der Deutschlehrer einer Realschule hatte mich zu einer Lesung eingeladen, ich hatte Arnheim, der Blues rausgehauen, vor Zehntklässlern, die sich einen Schriftsteller irgendwie anders vorgestellt hatten. Seriöser, ohne Löcher in der Jeans, älter, nicht so.., nicht so.. Glumm.

"Nee, Romane nicht.." Was die Leute sich immer vorstellten. Ein Schriftsteller schreibt Romane. "Geschichten."

"Geschichten? Was für Geschichten, Krimis?"

"Nee.. aus meinem Leben."

"Aus deinem Leben?" Sie glotzte mich an. "Ist das denn so spannend?"

"Eigentlich nicht."

Sie schüttelte den Kopf und futterte ihr Nutellabrot weiter. Es war kein Malocherfuttern glücklicherweise, eher eine Art mausartiges Knabbern. Und dennoch - mir schwante bereits, dass ich auf Dauer nicht mit ihr klarkommen würde. Sie erwartete eindeutig zu viel. Solche Charaktere roch ich auf zehn Meilen, und sie saß direkt neben mir. Was mich betrifft, erwartet man besser nichts. Am besten gar nichts. Erst dann kann ich allmählich Fahrt aufnehmen und kommen. Vielleicht. Oder eben nicht.

"Veröffentlichst du richtig Bücher?"

Ein Schriftsteller.. veröffentlicht Bücher. Welche Feststellung ist demütigender für einen Autor ohne Buch. In die Enge getrieben, begann ich zu stammeln, "nein, ich schreib in also mehr ja so Stadtmagazinen", doch es juckte sie ohnehin nicht. Kaum ausgesprochen, schon abgehakt. Wichtiger war etwas anderes.

"Ich hab das Foto von dir hinten am Schwarzen Brett aufgehängt. Wenn schon mal eine Berühmtheit hier arbeitet.."

Ich suchte nach Anzeichen von Ironie in ihrem Gesicht, nach leisem Spott, milder Herablassung, doch ich fand nichts. Ihr Gesicht war hübsch, eine Einladung zum Küssen fast, (nur geküsste Frauen haben heiße Gesichter kam mir in den Sinn), aber frappierend frei von allem, was irgendwie mit zweiter, dritter Ebene zu tun hatte. Sie stand auf, brachte die Kaffeebecher zur Spüle. Eine ehrliche Haut mit einem ehrlichen gradlinigen Hintern, in famos knackiger Vollendung. Diesen Arsch musste der Herrgott im Kopf gehabt haben, als er im Paradies die Blue Jeans ersann und was sich damit alles einpacken ließe.

"Im Büro hab ich mitgekriegt, dass du unten am Kannenhof wohnst", meinte sie. "Ich wohne auf der Baumstrasse. Wenn du willst kann ich dich morgens im Auto mitnehmen. Wenn du willst."

"Baumstrasse? Och. Ist ja um die Ecke."

"Eben. Gut, ne?"

Ich wunderte mich einen Moment, warum ich sie noch nie in unserem Viertel gesehen hatte. Vermutlich war sie die Sorte Frau, die morgens den Wagen bestieg, der vorm Haus parkte, und zur Arbeit brauste, und am Abend das gleiche in umgekehrter Reihenfolge erledigte. Solche Leute bekam man sehr selten zu Gesicht, selbst wenn sie im selben Zimmer wohnten.

"Ich mein, du fährst doch kein Auto, oder?"

"Stimmt", sagte ich.

"Warum nicht?"

"Was, warum nicht?"

"Na, warum du kein Auto fährst. Alle Männer fahren Auto."

Ich zuckte mit den Schultern. "Nur so."

Alle Frauen gehen shoppen, alle Männr fahren Auto. Bist du kein Mann? Bist du keine Frau? Ich war nicht alle Männer. Ich war nicht mal alle Menschen. Ich war.. ja, wer war ich überhaupt!? Kaum hatte ich mich kurz gefreut, nicht jeden Morgen dem verdammten Bus nachrennen zu müssen, der zu entfliehen versuchte, schon grauste es mir bei der Vorstellung, jeden Morgen neben Prinzessin Eisenherz zu sitzen, Knackarsch hin, Knackarsch her. Morgens wollte ich meine Ruhe haben, morgens war mir jedes Gewäsch unerträglich.

"Ich kann mich ja am Spritgeld beteiligen..", hörte ich mich dennoch sagen, zur eigenen Verblüffung.

"Quatsch. Ich fahre doch sowieso, ob nun mit oder ohne dich."

Na, da hatte sie recht. Sie begann trotzdem zu rechnen.

"Was kostet eine Busfahrt bis Ohligs, zwei Mark?"

"Drei."

"Drei.. sind hin und zurück sechs Mark am Tag. Wie oft arbeitest du hier in der Woche?"

"Vier Tage."

"Nanu? Nur vier? Na gut, das macht dann.. vierundzwanzig Mark die Woche, mal vier, das sind.. fast hundert Mark im Monat. Die hast du dann schon mal gespart. Dafür kannst du dir ja Bücher kaufen! Ha ha!"

Lustig. Ja. Schriftsteller schreiben Bücher, Schriftsteller kaufen Bücher. Das letzte Buch, das ich mir gekauft hatte, hatte ich geklaut. A-wop-bop-a-loo-bop-a-lop-bam-booom von Nik Cohn. Meine Bibel. Ich las sie alle drei Monate, immer wieder, zur Abhärtung. Sie schaute zur Uhr und packte die verbliebene Hälfte ihres Nutellabrotes wieder ein, so unauffällig und wie nebenbei, als wäre eine Stulle im Pausenraum nicht der Untergang des Universums. Aber ich wusste es besser.

"So, dann wollen wir mal.."

"Und du? Ich mein, seit wann arbeitest du hier?" versuchte ich meinen Knastantritt rauszuzögern.

"Seit vier Jahren. Ist ganz okay hier, es lässt sich aushalten. Die meisten Kollegen sind in Ordnung. Paar Arschlöcher sind darunter, klar, aber die findest du überall."

"Vielleicht bin ich auch ein Arschloch."

"Ja, vielleicht." Sie lachte. "Ich bin die Gabi."

"Ich der Glumm."

"Weiß ich doch."

Erst jetzt bemerkte ich die Putzfrau im Pausenraum, die um unsere Füße herum wischte. Eine Bilderbuchputzfrau mit strubbeligem Haar, um die vierzig und offensichtlich darin geübt, nicht zu stören, wenn die Großen sich unterhalten. Ich fühlte mich ein bißchen schäbig, dass ich sie nicht wahrgenommen hatte. Doch als Gabi sie fragte, wann sie mal wieder zum Frisör gehen wolle, ganz ohne boshaften Unterton, eher neugierig, da richtete sich die Putzfrau keuchend auf und antwortete, dass sie dafür im vergangenen Jahr keine Zeit gefunden habe. Dabei vermittelte sie nicht den Eindruck, unglücklich zu sein. Erleichtert lehnten wir uns zurück. Die Putzfrau wrang das Putztuch aus und das Wischwasser platschte in den Eimer.

Der Chef rief mich ins Büro. Er zeigte sich ebenfalls von meinem Autorenpreis beeindruckt. So schwer, dass ich auf seinem Schreibtisch ein schmales Lyrikbändchen entdeckte. Während er mir meine zukünftigen Aufgaben als Mitarbeiter der Eisenwarenabteilung schilderte, schielte er immer wieder auf das dürre Büchlein, das so gar nicht zum nüchternen Ambiente seines Büros passte. Es lag für meine Augen verkehrt herum, lediglich das Wort Lyrik konnte ich entziffern. Hafner verfolgte meinen Blick, meine Bemühungen, sagte aber weiter keinen Ton dazu, und ich hielt auch die Klappe. Als ich ein oder zwei Tage später das Büro aufsuchte, war das Gedichtbändchen weg, und es tauchte niemals wieder irgendwo auf.

Einen Monat später war die Einarbeitungszeit vorüber. Allmählich wurden die Kollegen sauer, weil ich immer noch ohne Kittel herumlief und für Kunden nicht als Mitarbeiter zu identifizieren war. Auch der Chef wurde ruppiger, wenn die Sprache auf das Thema Kittel kam. Bis dahin war es ein Leichtes gewesen, mich aus dem Tagesgeschäft herauszuhalten und lästige Anfragen der versammelten Kreisheimwerkerschaft abzuwimmeln. Mittlerweile aber, so die Auffassung des Chefs, wüsste ich doch, in welcher Abteilung welche Ware zu finden sei, also könne ich endlich den Kittel anziehen. Ab sofort hieß es für mich, auch mit Kittel unsichtbar zu sein. Die Königsdisziplin des Verpissens stand unmittelbar bevor.

Eigentlich nichts leichter als das. Als Zweitgeborener in einem Feld von drei Geschwistern war ich mit dem Phänomen aufgewachsen, unsichtbar zu sein. Nicht weiter aufzufallen. Sandwichkind eben. Wenn ich etwas ausgefressen hatte, hiess es für mich nur eine Weile normal und unauffällig bleiben, so kam niemand auf die Idee, ich wäre der Täter gewesen, der den Fischteich mit Doornkaat vergiftet hatte. Es war die perfekte Tarnung. Trick 17. Wie auf den Leib geschrieben. Tue so, als wäre alles wie immer, und dir wird nichts geschehen.

Die Königsdisziplin ging vom ersten Moment schief. Vom ersten Moment an, wo ich Kittel trug, traten die Kunden ungeniert an mich heran: junger Mann, wo finde ich Fugendichtungen, wo Gardinenstangen, ich benötige vier Bewegungsmelder. Ich log bedauernd, tut mir leid, ich bin heute erst den ersten Tag hier, Sie wenden sich besser an meine Kollegen.

Oh, sagten die Leute, natürlich, ist ja klar, wenn das Ihr erster Tag ist, können Sie natürlich nicht Bescheid wissen, lassen Sie mal gut sein, junger Mann. Dankeschön.

Der Chef kam schnell dahinter, was ich da abzog. Er wurde richtig böse. Er hatte einen seltsamen Gang vom vielen Fußballspielen in der Jugend. Ein steifes Becken, mit dem er durch den Laden schaukelte und die Sympathien seiner Mitarbeiter einheimste. Mit seinem Fußballerbecken baute er sich vor mir im Gang auf.

"Hören Sie mit der Lügerei auf, das bringt doch nichts!"

Ab sofort nahm ich mir vor, stets bei der Wahrheit zu bleiben.

"Tut mir leid, der Herr", sagte ich, "aber ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen, ich bin heute erst den vierundsechzigsten Tag hier.."

"Ach so! Das ist erst Ihr vierundsechzigster Tag heute! Nee, das ist klar, junger Mann!! Da können Sie natürlich nicht wissen, wo die Kasse ist!"

Nach drei Monaten wurde der Vertrag einvernehmlich aufgehoben, und ich zog mich an den Schreibtisch zurück.

 
25.2.15 10:34


Ich bin ein Glumm

 


 

*

Der Kurze, der inmitten einer lärmenden Kindergartentruppe in die Linie 683 eingestiegen ist, sucht sich zielsicher den freien Platz mir gegenüber aus und lässt die Beine baumeln. Die Schuhe tragen winzige Stahlkappen.

“Wie heißt du eigentlich?” fragt er sofort und in einem Ton, als hätten wir uns schon stundenlang unterhalten und als wolle er jetzt endlich wissen, mit wem er es hier zu tun hat, verdammt.

“Andreas”, sag ich erstaunt.

“Und mit Nachnamen?”

“Äh.. Glumm.”

“Wie??”

“Glumm.”

“Was ist das denn, ein Glumm?”

“Na, das bin ich. Ich bin ein Glumm.”

Er guckt mich verständnislos an, aus großen fruchtigen Augen.

“Und wo willst du eigentlich hin?”

"Das möchte ich auch zu gerne wissen", sag ich.

"Was..?"

“Nach Gräfrath. Ich muß nach Gräfrath. Und du?”

“In die Kinder-Uni.”

“Die Kinder-Uni??”

“In die Kinder-Uni.”

“Aha. Und wo ist die?”

“Weiss nicht. Frau Kaiser!! Wo ist die Kinder-Uni?”

“In Elberfeld, Moritz.”

“In Elberfeld.”

Gut. Wir fahren noch einige Stationen, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, dann hab ich mein Ziel erreicht. Ich steh auf und räume den Platz für einen kleinen Kommilitonen, der im Gang steht und einen Comic liest: JETZT MIT NOCH MEHR MONSTERN.

“Machts gut”, sag ich.

“Du auch, Glumm.”

25.2.15 14:42


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