Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Vater gehts besser - Das Durchgangssyndrom (2)


 

9. Februar 2009


"Hast du schon gehört?" fragt Mutter, als sie Freitagabend anruft.

"Nee, was?"

"Papa kommt nicht mehr nach Hause."

"Wieso..? Wer sagt das?"

"Die Ärztin."

"Welche Ärztin?"

"Die neue, in Langenfeld."

Mutters Stimme ist gebrochen von den vielen Tränen. Einzelne Worte fallen in kleine Löcher, rappeln sich auf, stehen in der Luft. Ein Hindernislauf.

"Sie sagt, durch die Herzschwäche wäre sein Gehirn zu lange unterversorgt gewesen mit Blut, daher die schnelle Demenz.. Er kommt nicht wieder nach Hause. Er kommt ins Pflegeheim."

Auch wenn wir diese Möglichkeit schon ins Auge gefasst haben, die eindeutige Prognose einer Ärztin, die sich mit dieser Krankheit und ihren Auswirkungen auskennt, macht sprachlos.

"Dann bleibst du ja.. allein zurück", sage ich traurig.

"Ja, was soll man machen." Mutter versucht, besonnen zu bleiben. "In der Nachbarschaft sind viele Frauen, die allein sind, da muss ich durch. Das schaff ich schon."

Keine Minute später beginnt sie zu schluchzen. Es kommt mit solcher Wucht und Vehemenz, dass auch ich nicht mehr an mich halten kann. All die Anspannung der letzten Wochen, all die ungeheuerlichen Vorgänge suchen ein Ventil.

"Moment..", kriege ich nur noch raus und lege den Telefonhörer auf den Küchentisch, während es mich schüttelt. In diesem Moment betritt die Gräfin die Küche. Sie ist mit dem Hund draußen gewesen.

"Was ist denn hier los?"

Ich zeige nur auf den Hörer, aus dem die Trauer meiner Mutter strömt. Die Gräfin weiss sofort Bescheid.

"Er weint", sage sie zu meiner Mutter, die überhaupt nicht weiss, was los ist.

Ich kann nicht mehr.


10. Februar 2009

Immerzu überschwemmen diese Bilder meinen Kopf, wie Vater meine Hand ergreift im Krankentransporter und voller Vertrauen nicht mehr los lässt, bis wir am Ziel sind. (Obwohl er davon heute vermutlich nichts mehr wissen wird.)

Womit ich nicht klarkomme: Wie kann dieser Mann, der sich noch vor zwanzig Tagen bitterlich übers kalte Winterwetter beschwerte, dieser Mann, der seiner Frau, als sie ihm am Mittagstisch ihr neues Eisen-Präparat zeigte, stattdessen anbot,

"Ich kann dir doch ein paar rostige Nägel ins Bett werfen", ein Mann, der Frau Moll leidenschaftlich mit Suppenzwieback fütterte, ein Mann, der drei Wecker um sein Bett herum gruppierte, die alle drei verschiedene Uhrzeiten anzeigten, was er mit den Worten "Das ist Demokratie" abtat, wie kann dieser Mann in so kurzer Zeit zum Pflegefall werden?? Sozusagen ohne Übergang, wenn man mal sein schon immer katastrophales Namensgedächtnis außer Acht lässt.

Beim Nachfassen, ob es nicht vielleicht doch Anzeichen gab, die schon auf eine beginnende Demenz hindeuteten, ohne dass man es ernst nahm, fällt Mutter eine Situation ein, vor einem halben Jahr ungefähr. Da trat Vater spät am Abend an ihr Bett und fragte ohne Umschweife, "wir dürfen doch keine Tiere halten, oder?"

"Was..? Nein, wieso?"

"Na, was macht denn der große Hund hinten im Wohnzimmer?"

Gestern waren meine Schwester, mein Schwager und Mutter in Langenfeld. Vater muss sich sehr gefreut haben, sie zu sehen, ist ihnen um den Hals gefallen. Aus irgendwelchen Gründen war er der Auffassung, sie seien gekommen, um ihn nach Hause zu holen. Als ihm bewusst wurde, dass sie "nur" zu Besuch gekommen waren, muss er schrecklich geweint haben. Seine ganze Emotionalität ist schwer zu fassen. Nicht, dass Vater ein kühler Mensch wäre, doch er ist vom Naturell her eher zurückhaltend.

"Was mach ich denn hier bei den Bekloppten..? Ich bin doch nicht bekloppt."

Zunehmend scheint er sich in Kriegsgefangenschaft zu befinden, in den 40er Jahren im englischen Seebad Bournemouth. Die Krankenpfleger auf der Station sind für ihn Offiziere, und die Franzosen machen einen scheiß Kaffee. Eine ältere erfahrene Krankenpflegerin meint daraufhin zu meiner Schwester, dass auch ihrer Meinung nach alles auf Demenz hindeute. Noch aber gilt Durchgangssyndrom offiziell als Diagnose.

Aus unerfindlichen Gründen fällt mir eine kleine Anekdote ein, die Vater erzählt hat. Eine Anekdote aus der schlechten Zeit. Die schlechte Zeit, das ist so eine Redewendung, die er oft benutzt. Es hat etwas gedauert, bis ich dahinter kam, was mit schlechter Zeit gemeint ist. Zum einen die Zeitspanne in den 20er Jahren, als Vater noch gar nicht geboren war und das Geld keinen Wert mehr hatte, als die Superinflation ein Brot eine Milliarde Mark kosten liess, und zum anderen die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, als Deutschland in Schutt und Asche lag.

"Wenn wir sonntags mit der Straßenbahn zum Tanztee fuhren, konnte man schon im Wagen erkennen, wer alles zum Tanzen wollte. Woran? Am in Zeitungspapier eingewickelten Brikett. Ein Brikett war der Eintritt, den jeder beim Meis in Widdert entrichten musste, damit der Veranstalter den Tanzsaal überhaupt einheizen konnte."


11. Februar 2009

Nachmittags bin ich auf einen Kaffee bei meiner Mutter.

"Die ersten Tage dachte ich immer, er muss doch gleich um die Ecke kommen", erzählt sie von der Schwierigkeit, plötzlich ohne Ehemann zu leben. "Vielleicht wird er nie wieder normal werden, an den Gedanken muss ich mich erst gewöhnen."

Schwer zu ertragen, dass der Mann, den sie 1952 geheiratet hat, von einem Tag auf den anderen vor sich hin vegetiert. Dass er andauernd stürzt und sich verletzt. Dass er in den Klamotten anderer Patienten herumläuft, so wie andere Patienten in seinen Klamotten herumlaufen. Ständig wird Kleidung verwechselt. So hat mein Bruder einen Mitpatienten beobachtet, der Vaters gute Manchester-Hose trug, und ein anderer Mann lief in seinen Schuhen herum.

"Das war der Mann, der immer ein Hosenbein hoch hat", sagt mein Bruder.

"Herbert", sag ich. "Der ist in Ordnung."

Meine Mutter ist erkältet und hat schlimme Rückenschmerzen. Ich fülle Banküberweisungen aus, ziehe die alte Wanduhr in der Küche auf, drehe eine neue Glühbirne ein. Wir trinken Kaffee und reden. Frau Moll liegt still und unglücklich zu meinen Füßen, weil der Herr des Hauses nicht da ist, der sie sonst im Hausflur mit den Worten "Na, wo warst du denn so lange?" zu begrüßen pflegt und in der Küche unermüdlich mit Zwieback verwöhnt. Zwar bekommt der Hund auch von mir Zwieback, doch das ist nicht das gleiche. Der Hund ist betrübt, er gibt keinen Mucks von sich.

Ich bleibe zwei Stunden.

 

13. Februar 2009


"In diesem Stadium seiner Demenz lasse ich ihren Vater nicht nach Hause", so die Stationsärztin gestern zu meiner Schwester. Die Ärztin nimmt sich alle Zeit der Welt, um Angehörigen von Demenzkranken die Krankheit nahe zu bringen. Damit scheint das eingetreten, was wir alle befürchtet haben. In Zusammenarbeit mit der Sozialstation des LKH sollten wir uns, so ihr Ratschlag, vorsichtshalber schon mal nach einem Pflegeheim umsehen, das auf Demenzkranke spezialisiert ist. Da gehen schnell alle Geldmittel drauf, die meine Eltern über die Jahre mühsam angespart haben. Und Vater ist bislang nicht mal in einer Pflegestufe.

Nachmittags drehe ich mit dem Hund eine Runde durchs kleine Industriegebiet am Gleisdreieck. Zwischen den Betrieben sind Wiesen und grüne Brachflächen, die Frau Moll so gerne durchstöbert. Während der Hund zu tun hat, stehe ich die Arme ausgebreitet im Gras und spreche zu Gott, laut wie ein Kraftsportler, ich schäme mich nicht: KOMM ZURÜCK, PAPA! rufe ich zum Gebet. KOMM ZURÜCK.. ZU UNS. Als ich die Augen öffne, taucht die Turmspitze der Martin Luther-Kirche im Nebel ab.


14. Februar 2009


In diesen Tagen habe ich zweimal lange meinen Schwager am Telefon, weil meine Schwester nicht zuhause ist. Sie ist geflüchtet, in die Muckibude. Sie kann nicht mehr. Auch wenn wir Brüder uns einbringen, als Tochter ist sie diejenige, die von den Eltern am meisten in Anspruch genommen wird, und zwar ganz selbstverständlich.

Was ich ihr besonders hoch anrechne, und meinem Schwager ebenfalls, ist dieses kleine Ritual, das die beiden geschaffen haben. Damit Vater nicht das Gefühl hat, er würde bei den Bekloppten in Langenfeld vergessen werden, und weil der Kaffee, den die Stations-Franzosen kochen, scheußlich schmeckt, bringen sie Kaffee und Kuchen von daheim mit. Sie verziehen sich im Aufenthaltsraum in eine Ecke, wo sie unter sich sind, ein Bollwerk bilden. Es gibt guten Kaffee aus der Thermoskanne und nicht diese dünne Stationsplirre, dazu selbstgebackenen Kuchen. Wenn meinen Vater je etwas auf die Beine bringt, dann leckerer Kaffee und ein Stück Kuchen. Was für eine geniale und einfache Idee.


15. Februar 2009


"Ich hab den Eindruck, Mutti baut stark ab seit der Nachricht von letzter Woche, dass Papa wohl nicht mehr nach Hause kommt", spricht meine Schwester auf unseren Anrufbeantworter. "Wir müssen uns absprechen."

Ich rufe zurück. Sie erzählt, dass Vater regelrecht gesabbert habe beim gestrigen Besuch. Als sie die Stationsärztin darauf ansprach, meinte sie, das läge an den starken Tabletten gegen Realitätsverlust. Die hätten zwar gut angeschlagen, doch die Nebenwirkungen seien nun mal nicht ohne, der Patient könne oftmals den Speichel nicht halten.

Die Diagnose wurde erweitert und lautet nun Fortgeschrittene vaskuläre Demenz bei vorgeschädigtem Herz-Kreislauf-System. Als ich später am Rechner in Wikipedia nachschlage, glotzt mich ein Wort an, so hart, so bösartig, dass mir schummrig wird im Bauch. Ich lese, was vaskuläre Demenz in veraltetem Deutsch bedeutet: Verblödung.


17. Februar 2009


Vater wuchs unter sechs Geschwistern in einem Schieferhaus auf, das mein Urgroßvater selbst gebaut hatte. Wo viele Kinder sind, kommen noch mehr hinzu, die halbe Nachbarschaft ging ein und aus. Vater teilte sich mit seinem jüngeren Bruder eine winzige Dachkammer, eben groß genug für zwei Betten und den Kleiderschrank.

Einmal kam Großmutter abends die Treppe hoch und stellte einen unbekannten Jungen vor.

"Das ist euer Vetter Hansi aus Brilon. Der schläft jetzt hier."

"Bei uns? Aber der hat doch kein Bett."

"Das müsst ihr schon unter euch ausmachen."

Bis Hansi aus Brilon Soldat wurde und in den Weltkrieg zog, teilte sich das Trio nun zwei schmale Betten, wobei zwei Jungs stets in einem Bett schlafen mussten und der dritte ein Bett für sich allein hatte. Jede dritte Nacht war Königsnacht.

Wenn Onkel Carl zu Besuch kam, strömten Kinder aus der ganzen Nachbarschaft herbei und setzten sich mit großen Augen um ihn herum. Onkel Carl nahm das Leben nicht so ernst und konnte die wunderlichsten Geschichten erzählen, auch wenn meist unklar blieb, was Wahrheit war und was Märchenzutat. Selbst Geschichten aus dem Krieg endeten bei Onkel Carl mit einer Pointe.

Er erzählte aus dem 1. Weltkrieg, Stellungskrieg an der Somme. Onkel Carl hatte in diesem Privatquartier Schutz gesucht. Immer, wenn eine Granate einschlug, erzitterte die Erde, und alle Zivilisten und Soldaten, die im Keller flach auf dem Boden lagen, hopsten ein Stück in die Höhe, dann landeten sie wieder auf dem Bauch. Darunter war auch eine beleibte Französin, eine Hausfrau, die jedes Mal, wenn ihr massiger Körper nach der Erschütterung wieder zu Boden plumpste, einen fahren ließ. "Und was für ne Kanone!" rief Onkel Carl, und die Kinder machten sich vor Lachen noch in die Hose, wenn Onkel Carl längst bei den Erwachsenen hinten in der Küche saß, und weiter erzählte.


20. Februar 2009

Kaum haben wir die Station betreten, flattert Vater wie ein verrückter Komponist auf uns zu.

"Ich hab eure Stimmen gehört!"

An manchen Tagen blitzt Besserung auf. Dann spricht er laut und verständlich und keineswegs so leise und resigniert wie ein Mensch, dem die Zeit wegläuft. Menschen, die spüren, dass der Tod die ersten Knochen einsammelt und schon zu mahlen beginnt, werden leise. So gesehen steht es um Vater nicht mal so schlecht, an manchen Tagen. Leider hält es nicht lange an. Es ist, als reiche seine Konzentration nur für eine kurze Zeitspanne, dann fällt er wieder in sich zusammen.

Auf seine Bitte hin hat ihm mein Bruder eine Tüte Lakritze mitgebracht. Er scheint nicht so recht zu wissen, was er damit anstellen soll. Verschämt schiebt Vater die Tüte von einer Hand in die andere, packt sie in die die Tasche seines Bademantels, holt sie wieder heraus, legt sie dann weg.


22. Februar 2009

"Ich bin beim Doktor Hering und komm gleich mit einem großen Krankenwagen nach Hause!" ruft Vater aufgeregt zuhause an und knallt den Hörer auf.

Mutter weiß überhaupt nicht, was Sache ist. Doktor Hering war der Hausarzt meines Vaters, das ist lange her, der gute Mann ist längst tot.

Später stellt sich heraus, dass Vater eine Pflegerin gebeten hatte, für ihn die Nummer seiner Ehefrau zu wählen. Daraufhin reichte die Pflegerin ihm den Hörer und ließ ihn allein. Als Mutter endlich den Apparat erreichte und den Hörer abnahm, es dauert immer seine Zeit, bis sie im Wohnzimmer ist, sprach Vater schwer erregt diesen einen Satz, und legte auf.

Mutter hat innerhalb einer Woche vier Kilogramm abgenommen. Jedes Mal, wenn ich nachmittags zu Besuch komme, ich besitze mittlerweile einen Wohnungsschlüssel, sitzt sie im Esszimmer und blickt aus dem Fenster. Zur gleichen Zeit sitzt Vater in Langenfeld am Fenster der Demenzstation und blickt zum Parkplatz hinunter, ob jemand aus der Familie zu Besuch kommt.

Mutter ist tapfer. Da ist der Mann, mit dem sie so lange verheiratet ist und der höchstwahrscheinlich nicht mehr heim kommt, da ist die Wohnung, in der alles nach ihm riecht, nach seiner Anwesenheit, überall sind seine Sachen. Sie sitzt allein in den gemeinsam angeschafften Möbeln, und so wird es vermutlich bleiben, auf die alten Tage. Welch eine Aussicht mit 81 Lebensjahren.

Sie wird zusehends schwächer. Da ist diese hartnäckige Erkältung mit Reizhusten, und Rückenschmerzen.

"Die Zeit nach den beiden Hüftoperationen war schon schwierig", sagt sie unter Tränen, "da ging es mir richtig dreckig, doch das war gar nichts gegen die seelischen Schmerzen, die ich jetzt habe.."

Es sind stets die kleinen Dinge, die einem einen Stich versetzen, die das Herz absaufen lassen. Da ist die Situation, als sie sich für ein Nachmittagsschläfchen hinlegt und ich ihr zuvor die Strümpfe ausziehe. Jede Bewegung, jede Drehung kostet sie Anstrengung. Ich decke sie zu, wie ein kleines Mädchen liegt sie da, ein kleines Mädchen mit spitzem Näschen und einer Vogelseele. Auch die obligatorische Wärmflasche hab ich ihr parat gemacht, und den gepeinigten Rücken mit Pinimentol eingerieben.


23. Februar 2009

"Zum Schluss bleibt nur ein Fingerhut übrig von dem Kübel Leben, den man ausschütten wollte", meint die Gräfin.

So schmilzt es dahin, das Leben. Dabei hab ich immer geglaubt, ich käme früh genug aus der Nummer raus, aus der Nummer mit dem Älterwerden. Aus der Nummer mit dem Dahinschmelzen. Dem Fingerhut. Was solls. Solange das Herz radamm macht und Tageslicht in mein Gesicht fällt..

Ich steh beim Bäcker an und betrachte eine hagere alte Dame links von mir. Sie muss an die neunzig sein. Ihr Anblick erinnert mich daran, wie ich Mutter neulich in den Mantel half. Ich bemühte mich, die widerspenstige Beule glatt zu streichen, die sich auf dem Schulterstück ihres Mantels gebildet hatte, fast so hart wie der Knauf eines Treppengeländers fühlte es sich an, bis mir endlich aufging, dass es sich um ihren gottverdammten Buckel handelte.

Die alte Dame lächelt mich an. Sie ist klein und dünn, die Kleidung ärmlich. Die Schühchen sind so ausgetreten, dass sie eine Nummer zu groß wirken, die braunen Nylonstrümpfe leiern aus und werfen Falten. Sie stützt sich umständlich auf den Rollator und sucht in ihrem Portmonee nach Kleingeld, obwohl sie noch gar nicht an der Reihe ist. Je länger ich ihr wohlmeinendes Gesicht betrachte, von einer längst verflachten Dauerwelle abgerundet, desto wärmer wird mir. Einer dieser Momente, wo einem eine Person in unmittelbarer Nähe so sympathisch wird, dass man sie am liebsten an seiner Zuneigung teilhaben lassen möchte.

Wissen Sie was, Sie sind wunderbar.

Aber das sagt man nicht. Man denkt es nicht mal. Man fühlt es nur. Wenn man Glück hat.

"Die Dame.. Sie wünschen?"

Die pummelige Verkäuferin hinterm Tresen hat Mühe, die Alte in der Schlange auszumachen, so klein ist sie.

"Drei Kümmelbrötchen", piepst es links von mir. Dabei lächelt die Alte so unschuldig, dass aus der Sympathiewelle eine Flut wächst, ein generationsübergreifender Nylonstrümpfen-Tsunami.


24. Februar 2009

Dummerweise hab ich es zu gut gemeint mit dem Pinimentol. Statt, wie im Beipackzettel empfohlen, einen vier Zentimeter langen schmalen Strang aufzutragen, hatte ich Mutters ganzen Rücken großzügig eingerieben.

"Ich konnte kaum einschlafen, so kalt war mein Rücken", beschwert sie sich am Telefon. "Als hätte ich im Eisfach gelegen."

"Oha.. Hättest dir doch als Ausgleich die Wärmflasche nehmen können."

"Die Wärmflasche, ja. Die hattest du so heiß gemacht, dass ich mich fast dran verbrüht habe. Außerdem war viel zu viel Wasser drin. Erst kochend heiß, dann ruckzuck kalt."


25. Februar 2009

Heute mit meiner Schwester, ihrer Tochter Bea und Beas Freund nach Langenfeld. Als wir aus dem kleinen gelben Renault meiner Schwester klettern, sehen wir Vater oben am Fenster sitzen und so schwungvoll winken, als versuche er ein tolles Flugzeug einzuweisen.

Während Bea und ihr Freund, einem ebenso langhaarigen wie ehrgeizigen Chemie-Studenten, Vater Gesellschaft leisten, haben meine Schwester und ich einen Termin beim Sozialdienst im Kellergeschoss. Der Termin entpuppt sich als totale Nullnummer. Die korpulente Sozialarbeiterin verströmt ein Parfüm wie in einem Bonbonladen und hätte es vielleicht im frühen Mittelalter als angesehene Sirupmacherin zu Ruhm und Ehre gebracht, als Sozialarbeiterin ist sie lustlos bis inkompetent. Die wenigen Ratschläge und Adressen, die sie für uns herausfischt, haben wir uns bereits selbst aus dem Internet gezogen, vielen Dank auch, und was anderes hat sie nicht drauf.

"Warum sind wir überhaupt hier? Warum haben Sie uns überhaupt herbestellt?" fragt meine Schwester zum Abschluss des Gesprächs, und da wird die Dame rot. Aber nur ein ganz kleines bisschen.

Nach der Nullnummer schnell in den Aufenthaltsraum von Station 17, in der allerhintersten Ecke. Die Idee, mit der Kaffeetafel so etwas wie einen geschützten Raum zu schaffen, schlägt voll an. Vater wartet schon regelrecht auf dieses nachmittägliche Ritual. Heute gibt es leckeren Streuselkuchen.

Dennoch ist die ganze Situation manchmal unerträglich. Besonders, wenn wir zu viert oder fünft zu Besuch sind und uns wie der Medizinische Dienst um Vater herum gruppieren. Alle Augen auf ihn gerichtet, warten wir nur darauf, was er wohl als nächstes tun wird. Redet er wirr? Redet er klar? Kann man ihm folgen? Kann er uns folgen? Oder beginnt er zu weinen, weil er schon dreiundachtzig ist und nicht verstehen kann, warum man ihn in nachts ans Bett fesselt? (Weil er über den Flur läuft und gegen die Türen ballert.) Findet er die Packung Tempo-Taschentücher in seiner Hemdtasche, um seine Tränen zu trocknen? Oder findet er zwar ein Taschentuch, vergisst aber unterwegs, was er damit tun wollte, und reißt es, quasi als Übersprunghandlung, in lauter kleine Streifen?

"Warum sperrt man mich mit 83 noch ins Gefängnis? Ich hab doch schon einen Weltkrieg und drei Jahre Kriegsgefangenschaft hinter mir!"

(Woraus auch schon mal schnell zwei Weltkriege werden, je nach Verfassung.)

Er beschwert sich bitterlich über die Mitgefangenen, "die klauen wie die Raben." Sogar seine Brille habe man letzte Woche in Windeseile in ein Dutzend Kleinteile zerlegt und unter der Hand so rasch weiter verhökert, dass er den Diebstahl nicht mehr zur Anzeige bringen konnte. Tatsächlich trägt er eine fremde Brille, seine ist das jedenfalls nicht, die er auf der Nase hat. Als ich eine Pflegerin darauf anspreche, winkt sie ab.

"Die Patienten teilen alles brüderlich miteinander, da gibt es kein meins und deins. Erst kurz vor der Entlassung geht die große Sucherei los. Doch bislang hat noch jeder seine Sachen zurückbekommen. Es kommt ja nicht raus aus der Station hier. Ist ja eine geschlossene."

Herbert, ausnahmsweise das linke Hosenbein bis zum Knie hochgekrempelt, hat heute Besuch. Eine junge Frau mit einem klaren lauten Gang, der alle Entgegenkommenden anschreit: Kommt uns ja nicht in die Quere! Sie begleitet ihn auf seiner Flurwanderung. Wir halten uns an ihre Drohung. Die ganze Station hält sich daran. Herbert hat freie Bahn. Er krempelt sogar beide Hosenbeine hoch.


26. Februar 2009

Im Elternhaus meines Vaters liefen sich die beiden erstmals über den Weg, da waren sie noch Kinder.

"Wir haben uns von Anfang an gut verstanden", erzählt Mutter.

Da Geld knapp war, vermieteten meine Großeltern einige Zimmer, eins auch an Beppo Lesizza, einem italienischstämmigen Onkel meiner Mutter. Den besuchte sie öfters, und nachdem sie Vater kennengelernt hatte, noch öfters. Das war in der schlechten Zeit, wie die 30er Jahre bis heute in der Familie gehandelt werden. Als sie älter wurden, gingen sie miteinander, bis Vater 1944 noch eingezogen wurde, im Alter von 17 Jahren. Meine Mutter versprach, auf ihn zu warten, was immer auch kommen möge.

Tatsächlich lachte sie sich zwar einen Tanzpartner an, den schönen Fredi, doch sie machte ihm von Anfang an klar, dass mehr als Tanzen nicht drin war. Als mein Vater 1947 aus englischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte, war der schöne Fredi von einem Tag auf den anderen Geschichte.

"So muss es sein", sag ich.


27. Februar 2009


Vormittags bei Nieselregen und Westwind zur Schillerstraße, zu Mutter. Abgemacht war halb zehn, ich schließe Punkt 9.30 Uhr die Wohnung auf. Mutter hat einen Termin beim Arzt und möchte nicht allein dorthin. Zur Abwechslung sitzt sie mal nicht im Esszimmer am Fenster und starrt verheult auf die Straße, sie sitzt im Wohnzimmer vorm Telefonapparat und ruft ein Taxi.

"Ich bin so fertig", stöhnt sie.

Wie schon tags zuvor, als Bea und ich Mutter zur Bank begleiteten, wo sie Geldgeschäfte erledigte, trägt sie eine graue Stoffhose, feste Schuhe und einen gemütlichen Winterpullover. Als ich ihr in die Daunenjacke helfe, ist da wieder diese hartnäckige Beule am Rücken, doch diesmal falle ich nur ganz kurz darauf rein.

"Der Buckel wird auch immer schlimmer", sagt sie.

Nach zwei Hüftoperationen bewegt sie sich nur unter größter Kraftanstrengung voran, Schühchen für Schühchen. Als es im Ärztehaus einige Stufen zu bewältigen gibt, bevor wir den Lift erreichen, zieht sie sich beidhändig am Handlauf des Treppengeländers hinauf. Meine Hilfe lehnt sie ab, sie will es alleine schaffen. Als wir aber vorm Aufzug stehen und auf die Ankunft warten, wendet sie sich plötzlich mir zu und umarmt mich in einer geradezu kindlichen Intimität, so tief versinkt ihr Köpfchen in meiner Brust. Es macht mich sprachlos und verlegen. Und stolz.

"Nun bist du dran", so interpretiere ich es, "ich kann nicht mehr."

Ihr Hausarzt schickt uns um die Ecke zum Radiologen, die Lunge muss abgescheckt werden, doch die ist soweit okay, bis auf die Bronchitis, die ihr seit 10 Tagen zusetzt, und ihrer latenten Herzschwäche.

In der Apotheke stellt sie sich auf die elektronische Waage. Zuerst denke ich, die Waage arbeitet nicht richtig.

"Doch", meint Mutter, "es stimmt."

Mit Kleidern 51 Kilogramm.


1. März 2009


Die Gräfin und ich benötigen für eine kleine Runde mit dem Hund geschlagene drei Stunden. Wir bleiben dauernd stehen und gucken uns was an, wie früher, als wir uns kennenlernten und Schlendern das größte war. Es ist beinah so etwas wie Muße zu spüren. Ich wusste schon gar nicht mehr, wie sich das anfühlt. Ob es das noch gibt.

"Das war kein Gehen", schwärmt sie, "das war relativ flottes Stehen."

Ansonsten bin ich viel mit meinem Bruder unterwegs, der sich eine Woche Urlaub genommen hat. Wir sehen uns zwei Heime an. Eins ist ganz in der Nähe und hat brandneu eröffnet, wir sind begeistert, das andere mieft nach Scheiße und Harninkontinenz und Geflügelpest. Sicherheitshalber haben wir Vater in beiden Heimen vormerken lassen.

Außerdem: Noch mehr Heime anschauen und sich mit Begriffen wie Kurzzeitpflege, Tagespflege, Busch-Stiftung, erhöhter Tagesbedarf, Betreuungsantrag, Bethanien mobil vertraut machen.


8. März 2009

Was Vater angeht, ist schon seit etwa einer Woche eine überraschende Wende eingetreten. Es ist die Rede von einem Wunder, und von Glück. Glück, dass die Sisyphusarbeit, die exakte Dosis, die richtige Zusammensetzung, das richtige Medikament zu finden, welches die Gehirntätigkeit in die richtigen Bahnen lenkt, offenbar gefruchtet hat.

Im Nachhinein wird Vater sagen, dass er an die Zeit in Langenfeld keinerlei Erinnerung habe, bis zu diesem Morgen, als eine Pflegerin am Wäschewagen steht und zu ihrer Kollegin sagt, "schau mal an, der Herr Glumm, der nimmt sich seit zwei Tagen die richtige Wäsche heraus.."

Es begann mit dem Besuch meiner Schwester vor einer Woche.

"Der Papa war total klar", erzählt sie am Telefon.

"Wie, total klar? Was meinst du?"

"Na, er hat sich zuerst erkundigt, wie Gordons Operation am Ohr verlaufen ist." (Gordon ist der jüngste Sohn meines Bruders.) Da hat meine Schwester erstaunt geguckt, dass er sich das gemerkt hatte, und sie kam auch danach nicht mehr aus dem Staunen heraus. Von Verwirrung und Weinerlichkeit war nichts mehr zu spüren, er war (fast) wieder unser alter Vater.

Am Sonntag dann besuchte mein Bruder samt Anhang Vater in Langenfeld, und sie gingen bei schönem Wetter im Garten spazieren. Zwar war Vater schnell aus der Puste, aber geistig voll auf der Höhe. Er möchte nur eins: so schnell wie möglich raus aus dem Heim. Ganz egal, ob zuerst eine Weile in ein Altersheim, oder gleich nach Hause. Am liebsten gleich nach Hause, logisch.

Tatsächlich, Vater wird nächste Woche Dienstag nach Hause entlassen. Voraussetzung: ein Pflegedienst kümmert sich morgens und abends um ihn. Es kann nämlich sein, dass seine Aufmerksamkeitsspanne nicht ausreicht, um sich zum Beispiel zu rasieren etc.

Wir sind alle platt.

"Als hätte Papa Licht-Tabletten gefressen, die sein Gehirn wieder aufhellen", meint mein Bruder.

Mutter freut sich, nicht mehr alleine zu sein, wir Kinder freuen uns, unser altes Leben zurück zu kriegen. Das alte Leben, wo sich nicht alles um einen Heimplatz für Papa dreht und die Sorge, dass Mutti ihren Mittagsteller aufisst, damit sie nicht noch mehr Gewicht verliert.

Die jüngste Schwester meines Vaters hat ihn gestern besucht und war genauso baff wie alle anderen, die Vater in den vergangenen Tagen gesehen haben und wissen, wie es noch vor zwei Wochen um ihn stand, als niemand mehr einen Pfifferling auf ihn setzte.

"Wenn mein Bruder nächste Woche raus kommt und immer noch so klar ist im Kopf, dann werde ich christlich", sagt sie am Telefon. "Dann glaube ich an Gott."


10. März 2009

Da ich die letzten Tage zu tun hatte und nicht nach Langenfeld fahren konnte, bin ich vom harten Kern der Familie momentan derjenige, der Vater noch nicht erlebt hat, seit er wieder klar im Kopf ist, und so ganz glauben kann ich es immer noch nicht.

Auch die nette Stationsärztin spricht von einem Wunder.

"Es passiert zwar immer wieder, dass selbst hoffnungslose Fälle plötzlich noch die Kurve kriegen, aber bei Ihrem Vater schien die Schädigung im Gehirn bereits zu weit fortgeschritten."

Mein Bruder erzählt, dass Vater vorsichtig geworden ist auf Station. Er will sich auf die letzten Meter nichts mehr zu Schulden kommen lassen, wie er sich ausdrückt. Nichts, was seine baldige Entlassung noch gefährden könnte. Schließlich steht er noch unter Aufsicht der Klinikleitung. So hat Vater die Pflegekräfte vorsichtshalber darauf hingewiesen, dass die beiden Frauenzimmer, die ihm dauernd auflauern und sich nackig machen, aus verwirrten, freien Stücken handeln und nicht etwa auf sein Betreiben hin.

"Das wissen wir doch, Herr Glumm", beruhigt ihn das Personal. Sie kennen die beiden Früchtchen nur zu gut.


15. März 2009

Als mich vor mehr als einem Monat die Tatsache quälte, dass ausgerechnet ich meinen Vater in die Psychiatrie begleitete, dass ich es war, der ihn eine Weile aus der Welt nahm, ihn wegschaffte, worauf er mir auch noch vertrauensvoll das Leben in meine Hand legte, da gab es einen bestimmten Zeitpunkt, wo mir klar wurde, dass ich nicht falsch handelte. Das war der Moment, als ich auf seine Frage, was ich denn nun machen würde, wo der Zeitvertrag im Institut abgelaufen sei, antwortete: "Na, Schreiben, was sonst", und er mich verständnislos anguckte. Fassungslos, dass sein Sohn mit so etwas profanem wie Aufschreiben das Leben bestreiten will. Da plötzlich klang in dem ganzen verstörenden Zusammenhang alles sehr richtig.

Mittags drehe ich eine Runde mit dem Hund und verbinde das spontan mit einem Besuch bei Mutter, wie so oft in den letzten Wochen. Es hat schon fast etwas von Routine. So auch der Anblick, wenn ich die Wohnung betrete und Mutter sitzt am Fenster, im Rücken die Wärmflasche gegen die Bandscheibenschmerzen, vor sich ein halb ausgetrunkenes, kalt gewordenes Glas roten Tee, und verweinte Augen. Sie kommt nicht wirklich auf die Beine.

"Es ist diese Kraftlosigkeit, die mir so zusetzt", jammert sie, und atmet schwer.

Sie hat Angst vor morgen, wenn Vater heimkehrt, nach mehr als sechs Wochen. Ob sie das alles schafft, was auf sie zukommt, ein demenzkranker Mann, dem es zwar deutlich besser geht, sensationell besser, klar, der aber, so die Stationsärztin, "Durchblutungsstörungen im Kopf hat, das ist und bleibt Tatsache."

Andererseits ist sie natürlich froh, nicht länger allein zu sein. Sie hat einfach keinen Appetit. Wenn ich mittags komme, kochen wir oft zusammen. Diesmal soll es Pfannkuchen geben, haben wir beschlossen.

Wir sitzen aber noch am Esstisch.

"Ich hab doch erst vor zwei Stunden gefrühstückt, wie soll ich da schon wieder Hunger haben."

Als ihr die Tränen hochschießen, setze ich mich zu ihr und nehme sie in den Arm. Die Tränen kullern über ihr schönes Gesicht, tropfen auf ihre Schürze. In sich selbst verloren, versunken schon beinah in einer mir fremden Welt, lässt sie den Kopf auf die Tischplatte nieder, und weint. Kein Schluchzen, es ist ein stilles verzweifeltes Weinen, während ich ihre Schultern streichle, nicht minder verzweifelt und hilflos. Plötzlich nimmt sie die Stirn vom Tisch, und blickt zu mir auf.

"Sollen wir jetzt den Pfannkuchen machen? Isst du einen mit?"

4.4.14 18:34


Vater gehts besser - Das Durchgangssyndrom (1)

 
 
26. Januar 2009


Vater randaliert nachts auf der Intensivstation.

"Mein Vater.. und randalieren!?"

Ich kann es kaum glauben, doch die Krankenschwester nickt. Sie nimmt mich beiseite.

"Ja, er schmeißt mit Flaschen um sich."

"Was für Flaschen denn ..?"

"Na, was er gerade zur Hand hat.. Mineralwasser, Apfelsaft, Osaft.. Meist in der Nacht, wenn er aufwacht und keine Orientierung hat, wenn er nicht weiß, wo er ist. Dann wird er richtig zornig. Seine Bettnachbarin kann froh sein, dass sie nicht am Kopf getroffen wurde. Wir müssen uns etwas überlegen."

Vater liegt auf der Intensivstation des Städtischen Klinikums, Männer und Frauen sind im gleichen Zimmer untergebracht. Es wird kein Unterschied gemacht zwischen Männern und Frauen. Der einzige Unterschied auf der Intensivstation ist der Unterschied zwischen Leben und Tod.

Dass Vater so rabiat, so ausfallend wird, ist neu. Er würde am liebsten flüchten aus dieser Hölle, die ihn am Leben hält, doch dazu fehlt ihm die Durchschlagskraft. Um seinen schnaubenden Herzschlag zu verlangsamen, (Pulsschlag 150 bei Einlieferung), bekommt er so stark sedierende Medikamente, er ist kaum in der Lage zu reden, geschweige denn zu fliehen. Ich frage mich, wie ein Mensch in seiner Verfassung mit Mineralwasserflaschen um sich werfen soll. Er ist so geschwächt, er schläft mitten im Sprechen ein, und er tippelt mehr, als dass er geht, wenn er es überhaupt aus dem Bett schafft, ohne lang hinzuschlagen.

Freitag früh, so die Schwester zögernd, habe es eine Situation gegeben, "eine kritische Situation", wo schon alles vorbereitet gewesen war für die künstliche Beatmung. "Die Herz-Lungen-Maschine stand bereit, Ihr Vater war intubiert." Erst in letzter Sekunde hätten die Ärzte dann doch die alles rettende "richtige Medikamentation" gefunden, um die künstliche Beatmung noch abzuwenden. Klingt beinah, als habe ein halbes Dutzend Spezialisten an seinem Bett gestanden und alle verbliebenen Optionen durchgespielt, bevor einem der Ärzte das rettende Schäufelchen Nitroglycerin einfiel.

"Ja, so ungefähr", antwortet die Schwester.

Es ist Vaters zweiter Herzinfarkt, doch so schlimm war die Desorientierung beim ersten Mal nicht. Bei weitem nicht. Obwohl ihm damals ein Bypass eingesetzt wurde.

Wir stehen zu dritt an seinem Bett. Mein Bruder, Mutter, ich.

"Dass du bald wieder auf die Beine kommst", sagen wir, versuchen ihm Mut zu machen, ihn aufzubauen.

"Ja, das sagt man immer", keucht Vater, und hinter seinen Worten hört man ängstlich das alte Herz klopfen.
 

 

28. Januar 2009


Vater ist auf die Kardiologie verlegt worden, wo er eigentlich nicht hingehört, wie uns die Krankenschwester zwischen Tür und Angel erklärt. Schließlich sei er Privatpatient und Privatpatienten gehörten auf die Privatstation in Haus G. Man warte nur auf den Anruf von dort, dass ein Bett frei werde, dann würde er ohne Umschweife verlegt werden. Spricht die Schwester und verschwindet so zackig und behende um die Ecke, sie erinnert mich an eine Libelle, die weiß, wo sie hin will: ins Libellenzimmer, schön eine smoken.

Nachdem Papa gestern überraschend klar war im Kopf und mit fest zupackender Stimme sprach, er saß sogar aufrecht im Bett und schäkerte mit der Kopftuch tragenden türkischen Krankenschwester, "ha, da kommt ja wieder einer von den sieben Zwergen", ist seine Stimme heute wieder bräsig und matt. Das Gebiss sitzt locker und schwimmt unruhig durch den Oberkiefer.

Irgendwann kann ich es nicht mehr mitansehen. Ich nehme die Prothese heraus, spüle sie im Bad unter heißem Wasser ab, trage einen Streifen Haftcreme auf und drücke das Ersatzteil solange unter seinen Gaumen, bis es festsitzt und nicht mehr wackelt.

Es ist schwer zu ertragen, Papa so krank zu erleben, auch wenn er schon 83 ist. Es ist, als wäre ein Orkan durch ihn hindurchgefegt und hätte lauter Gerippe zurückgelassen. Ein entkernter Mensch. Und doch kein Fremder. Er ist und bleibt unser Vater.

Beim Verabschieden ist dieses Gefühl im Raum, dass es das letzte Mal sein könnte. Dass wir ihn vielleicht niemals wiedersehen. Andererseits.. könnte es nicht jedes Mal das letzte Mal sein, denke ich, auch wenn man noch so kerngesund daherkommt. Nein, ich mag grundsätzlich kein letztes Mal. Ich bin ein Freund von fortlaufenden Serien. Ich bin ein großer Freund von nächstes Mal.

Mutter hält sich tapfer. Sie kommt jeden Tag zu Besuch ins Klinikum, meist gemeinsam mit meiner Schwester. Wenn die keine Zeit hat, begleiten die Gräfin und ich sie, oder mein Bruder nimmt sich einen halben Tag frei. Jeden Tag ist jemand aus der Familie im Krankenhaus. Wir wollen Vater jetzt nicht allein lassen. Ein frommer Wunsch. Selbst wenn wir es schaffen, drei Stunden am Tag da zu sein, bleiben immer noch einundzwanzig Stunden, an denen wir nicht da sind. Vom Personal ist nicht viel zu erwarten. Nicht etwa, weil es faul wäre, es gibt einfach nicht genug.

Mutter ist bestürzt, dass es Vater wieder so schlecht geht, hatte sein Zustand tags zuvor doch Hoffnungen geweckt.

"Es wird ein Wellental bleiben", sage ich später im Auto zu ihr, "bis es ausgestanden ist."

Ausgestanden..? Woher ich die Zuversicht nehme, ist mir selbst ein Rätsel, und dennoch, es klingt nicht wie eine Notlüge. Eher wie der Versuch, jetzt nichts falsches zu sagen.

Die vorläufige Diagnose: Allgemeine Herzschwäche. Durch die verminderte Pumpleistung des Herzens hat sich in Vaters Beinen soviel Wasser angesammelt, dass er seine Unterschenkel schon Ofenrohre nannte, als es ihm noch besser ging. Und die Lunge war so voller Flüssigkeit, dass er fast darin ersoffen wäre, wie der Stationsarzt meinte. Das Ergebnis: eine veritable Lungenentzündung.

Mittlerweile sieht die Lage besser aus. Das Wasser ist aus den Beinen heraus geschwemmt worden, die Lungenentzündung wuide mit Antibiotika niedergekämpft. Und morgen, so die ansonsten weitgehend ahnungslose Stationsschwester, soll Vater wiederholt vom krankenhauseigenen Psychiater begutachtet werden. Wiederholt? Wieso wiederholt..!? Davon war uns nichts bekannt, dass ein Psychiater bei Vater gewesen war.

Immer wieder passiert es, dass Maßnahmen ergriffen werden, von denen man als Angehöriger nichts erfährt oder doch nur zufällig, wie nebenbei, und stets im Nachhinein. Schon die interne Kommunikation zwischen Pflegern und Ärzteschaft klappt oftmals nicht, wie eine Oberschwester ungefragt bestätigt.

"Der da sagt uns ja auch nie was", murrt sie, als der Stationsarzt mit wehendem Kittel und vollem Bart über den Flur rauscht, als wäre er in einem russischen Roman unterwegs zu seiner Liebsten in der Datscha. 

Zur Sorge um Vater kommt die Sorge um Mutter hinzu, die mit ihren 81 Jahren allein zurückbleibt. Die Sorge, dass ihr zu Hause etwas zustößt. Dass niemand da ist, der ihr helfen kann, sollte sie stürzen und allein nicht hochkommen. Bei Osteoporose kann auch der kleinste Sturz einen Oberschenkelhalsbruch verursachen. Osteoporose ist ein Killer, und sie hat bereits zwei künstliche Hüften.

Hohes Alter ist nichts als Sorge.

Hohes Alter ist ein großes ungemachtes Krankenhausbett, voller Krümel und viereckiger Bluttupfer. Hohes Alter ist ein Bettnachbar, dem es um einiges besser geht und der das Spital am folgenden Tag verlassen kann. Hohes Alter ist ein Katheter, ein Notarztkoffer und ein zu Boden gestürzter Sputumbecher. Hohes Alter ist eine Patientenverfügung im Safe, an die niemand herankommt, weil der Safeschlüssel verlorengegangen ist.  

Hohes Alter ist Vater und Mutter.

 

31. Januar 2009


Vater geht es nicht besser, aber es geht ihm auch nicht schlechter, immerhin. Erfolgsmeldungen relativieren sich mit der Zeit. Was gestern noch schwach und besorgniserregend klang, ist heute ein Fortschritt, weil es nicht schlimmer wird.

Gestern waren meine Mutter und meine Schwester auf Station G zu Besuch, Vater liegt jetzt privat. Es war ihm nicht begreiflich zu machen, dass er an den Katheter angeschlossen ist, er hat immerzu das Bedürfnis, pinkeln zu müssen.

Die Diagnose ist nicht mehr vorläufig, sie gilt: Allgemeine Herzschwäche, Kammerflimmern. Auch seine zunehmende Verwirrtheit bekommt einen Namen: Durchgangssyndrom. Es betrifft traumatisierte Patienten nach Infarkt, Schlaganfall und ähnlich schweren Störungen. Durchgangssyndrom. Die Kranken verlieren die Orientierung, erkennen ihre Angehörigen nicht mehr, verwechseln Namen und Gesichter. Ist der Betroffene nach einer Weile medikamentös eingestellt und normalisiert sich sein Zustand, kann er normal weiterleben, kann - sicher ist das nicht. Denn je länger das Delirium, der verwirrte Zustand anhält, desto unsicherer ist es, ob die Diagnose Durchgangssyndrom überhaupt noch zutrifft, oder ob nicht schon eine Altersdemenz dahintersteckt.

Jedes Mal, wenn daheim das Telefon klingelt, warte ich, bis die Mailbox anspringt, anstatt den Hörer abzunehmen. Jetzt bloß nichts anders machen als sonst auch. Und dennoch, eines Tages wird es so kommen. Das Telefon klingelt, und jemand ist tot, den du liebst. Nein, dann lieber nicht abheben. Dann lieber die Mailbox scharf stellen, den Anruf abhören und hoffen, dass nichts schlimmes passiert ist.

Vaters Bettnachbar auf der Privatstation ist derselbe wie zuletzt auf der Kardiologie, die beiden alten Männer sind gleichzeitig verlegt worden. Der Nachbar berichtet, dass Vater im Schlaf ständig vom zweiten Weltkrieg erzählt, geradezu manisch, wieder und wieder. Immer sei von abgerissenen Beinen die Rede, im Geäst irgendwelcher Bäume. Aus Vaters Erzählungen weiß ich, dass er als 17jähriger Melder unter Granatbeschuss an der Westfront unter Bäumen herlief, in denen abgerissene Soldatenbeine hingen - die Stiefel steckten zum Teil noch am Fuß. Bald darauf geriet er, noch auf französischen Boden, in englische Kriegsgefangenschaft. Man verschiffte ihn nach Bournemouth, Südengland, und es begann der friedliche Teil des großen Abenteuers Weltkrieg.

Wir Kinder sind mit dem Krieg unseres Vaters aufgewachsen. Auch Mutter berichtete von Bombennächten in Bunkern und überfüllten Hauskellern, doch da Vater so gern und ausgiebig von früher erzählte, blieb ihre Familiengeschichte weitgehend im Hintergrund.

 

2. Februar 2009


Fahre mit Mutter und der Gräfin ins Krankenhaus. Im Badezimmer helfe ich Vater aus seiner langen Frotteeunterhose in eine frische lange Frotteeunterhose.

"Unter Männern", sage ich, und er nickt still.

Bei der Gelegenheit wechseln wir auch gleich das am Rücken offene Spital-Hemd. Die ungewohnt intime Nähe zwischen uns, das grelle Badezimmerlicht, die überhitzte Luft - alles sehr verstörend.

Es ist das dritte Mal, das ich ihn besuche, seit er im Städtischen liegt, und von diesen drei Malen ist sein Zustand heute der beste. Aus der Sicht meiner Mutter hingegen, die seit fast zwei Wochen jeden Tag zu Besuch kommt und alle Auf und Abs hautnah miterlebt hat, sieht die Sache anders aus. Sie ist erschüttert, welch wirres Zeugs Vater zum Teil redet, wo er doch tags zuvor wieder mal klar im Kopf gewesen sei.

Die Gräfin, die Vater heute zum ersten Mal besucht, glaubt fest an ihn. Er hat einen starken Lebenswillen, sagt sie. Und: "Er hat immer noch Hunger. Er weiß immer noch, was er essen will. Das ist die Hauptsache. Er kommt wieder, verlass dich drauf."

 

4. Februar 2009


Um elf bringt die Gräfin meine Mutter und mich ins Krankenhaus, dann fährt sie weiter nach Ohligs ins Atelier. Dass heute ein schwerer Tag werden wird, liegt auf der Hand. Vater soll verlegt werden ins nahe Landeskrankenhaus Langenfeld. Dazu muss er sein Einverständnis geben, und sollte er dazu nicht in der Lage sein, müssen wir Angehörige für ihn entscheiden.

Man hat uns für 11 Uhr 30 zur Visite bestellt. Es soll eine Besprechung mit dem behandelnden Arzt stattfinden. Da meine Schwester und mein Bruder arbeiten müssen, sind es meine Mutter und ich, die zwei Stunden lang auf die Visite warten.

Vaters Schlafanzug ist mit getrocknetem Blut besudelt. Er ist in der Nacht gestürzt, hat am Kopf eine kleine Platzwunde davongetragen. Er versteht das alles nicht mehr. Als er davon hört, dass er das Krankenhaus heute Mittag verlassen wird, doch nicht heimwärts, sondern in eine andere Klinik, schlägt er die verschorften Hände vorm Gesicht zusammen und beginnt hemmungslos zu schluchzen.

"Das mache ich nicht mehr mit! Ich werde hier nur verarscht!"

Ich setze mich zu ihm auf die Bettkante. Ich nehme seine Hand in meine und versuche ihn zu beruhigen - umsonst.

"Was hab ich getan, dass ich so furchtbar bestraft werde..? Ich hab doch nie jemanden etwas zuleide getan.."

Vermutlich stimmt das sogar, doch ich versuche ihm klarzumachen, dass Leid keine Strafe darstelle für irgendetwas, das man im Leben vielleicht angestellt habe. Oder auch nicht. Das Wort Schicksal geistert in meinem Kopf herum, ohne dass ich es erwähne.

"Ja, und wer ordnet denn so etwas an?" fragt Vater leise. "So schlimme.. Krankheiten?"

Es ist diese leise kleine Frage, die mich so anrempelt, so mitnimmt. Plötzlich ist es, als läge dort ein 83jähriger Bub, der verzweifelt die Welt zu verstehen sucht, auf den letzten Drücker.

"Na ja, das weiß ich auch nicht, wer so etwas anordnet", antworte ich endlich und tätschle seine Hand. "Der liebe Gott.. wahrscheinlich. Ja sicher. Der liebe Gott."

Das macht ihn neugierig, und auch ein wenig ängstlich.  

"Ist es denn sicher, dass es den lieben Gott überhaupt gibt?"

"Das ist sicher, ja. Das steht fest."

Das beruhigt ihn, und er schläft ein.
 
Um halb zwei erscheint endlich die Stationsärztin. Dass halb zwölf abgemacht war, geschenkt. Sie entschuldigt sich ein ums andere Mal für die Verspätung, während wir ihr auf den Flur folgen. Sie möchte kurz mit Mutter und mir sprechen, ohne dass Vater mithören kann.

"Haben Sie sich das durch den Kopf gehen lassen, worüber wir gestern am Telefon gesprochen haben?" schaut sie geheimnisvoll zu Mutter hinüber.

"Ja, wir sind einverstanden."

Es hatte eine Telefonkonferenz unter uns Kindern und Mutter gegeben. Es ging darum, ob wir mit der Verlegung ins Landeskrankenhaus einverstanden sind.

"Im Städtischen ist man auf solche Fälle nicht eingerichtet", wiederholt die Ärztin jetzt noch einmal.

"Welche Fälle?" werfe ich ein.

"Beginnende Demenz."

"Demenz? Ich denke, wir sprechen vom Durchgangssyndrom.."

"Ja schon.. Aber endgültig müssen das die Spezialisten der Geriatrie klären, und die ist in Langenfeld."

Der Krankenhaus-Psychologe, der Vater seit über einer Woche täglich besucht, kommt noch hinzu. Zu viert kehren wir ins Zimmer zurück und versuchen Vater deutlich zu machen, dass ihm in Langenfeld besser geholfen werden könne. Das Wort Landeskrankenhaus vermeiden wir. Da er schwerhörig ist, muss jeder Satz wiederholt werden, mindestens zweimal, eine Anstrengung für alle Beteiligten. Besonders, wenn gewisse Worte auf der Verbotsliste stehen. Schließlich willigt Vater ein, achselzuckend. Ob er tatsächlich alles verstanden hat? Ich glaube nicht. Dass er aber in seinem haltlosen Zustand unmöglich nach Hause kann, das scheint selbst ihm einzuleuchten.

"Und bis nach Langenfeld ist doch nicht weit", füge ich hinzu, "Langenfeld ist doch gleich um die Ecke."

Er sitzt im Bademantel am Tisch, vor sich das Tablett mit Mittagessen, das er kaum angerührt hat, sowie ein kleines Döschen voller Pillen.

"Na sicher weiß ich, wo Langenfeld ist!" entgegnet er trotzig und beschwert sich, was die Franzosen hier am Nachmittag immer für scheiß Kaffee kochen.

Die Stationsärztin, eine harsche kleine Person, hatte uns zuvor auf dem Flur bereits darauf vorbereitet, dass Vater im LKH womöglich eine, so nannte sie es, "Entmündigung light" erfahren werde.

Der Psychologe, der daneben stand, wiegelte verärgert ab. "Mit Entmündigung hat das nichts zu tun. Das ist ein böses Wort." Es ginge lediglich um Rechtssicherheit für seine Klinik. Etwa dann, wenn ein Patient zum eigenen Schutz und zum Schutz Anderer nachts ans Bett fixiert werden müsse.

"Meinen Mann fixieren? Warum das?" erkundigte sich Mutter.

"Nun ja, weil Ihr Mann nachts gern über die Gänge streift und andere Zimmertüren öffnet, Patienten angreift.."

Wir blickten uns an, baff.

"Ja, macht er das immer noch?"

Die Ärztin warf einen Blick ins Patientenblatt.

"Die Schwestern berichten davon, ja.."

"Gegen den Willen eines Patienten darf eine Fixierung nicht angeordnet werden in Deutschland", fuhr der Psychologe fort. "Aber dazu muss Ihr Vater, beziehungsweise Ihr Mann, natürlich verstehen, worum es geht. Und genau dazu ist er momentan offensichtlich nicht in der Lage. Also wird er für kurze Zeit.. nun, entmündigt."

So benutzte er das böse Wort also selbst. Es bedeutet, dass das LKH für maximal sechs Wochen die gesetzliche Vertretung übernehmen darf.

"Aber ich bleibe doch nicht für immer in Langenfeld..?" meint Vater undeutlich, er ist kaum zu verstehen.

"Nein, natürlich nicht", sagt Mutter. "Nur ein oder zwei Wochen, bis es dir besser geht."

Sein skeptischer Blick macht uns verlegen.

Als der Krankentransport um halb zwei eintrifft, bin ich restlos erschöpft. Auch Mutter kann nicht mehr.

"Ich begleite Papa nach Langenfeld", sag ich, "nimm du dir ein Taxi und fahr heim."

Wir stopfen seine Habseligkeiten in eine große Plastiktüte. "Einen Moment noch", bitte ich die beiden Männer in ihren alarmroten Anzügen um etwas Geduld, sie haben es eilig.

Im Zimmer nimmt Mutter Abschied von ihrem Mann, mit dem sie seit beinah sechzig Jahren verheiratet ist. Sie haben sich schon als Kinder kennengelernt, im Elternhaus meines Vaters. Sie redet ihm gut zu, nimmt seinen Kopf in die Hand, küsst ihn auf die Wange. Ich kann kaum hinsehen, wie rührend die beiden miteinander umgehen, und sehe doch hin. Dann bleibt sie zurück, mit einem Beutel voll schmutziger Wäsche, und weint.

Im Transportwagen sitzen wir uns vis-a-vis gegenüber. Vater fest angeschnallt in einem speziellen Krankenstuhl, ich auf dem heruntergeklappten Notsitz. Kaum fahren wir los, streckt er mir die Hand entgegen, die ich nicht mehr loslasse, bis wir eine knappe halbe Stunde später in der Landesklinik ankommen. Es ist, als würde er sein Leben in meine Hand legen. Ausgerechnet in meine Hand, in die Hand des Sandwichkinds, das nie was auf die Reihe gekriegt hat, schlimmer, das nie was auf die Reihe kriegen wollte, weil einem nichts genommen werden kann, wenn man nichts hat und nichts will. Ein guter Trick. Ein verlässliches Leben.

Und nun habe ich nichts besseres zu tun, als meinen kranken alten Vater aus dem Leben zu nehmen und in die Psychiatrie zu bringen. In die Klapse. In die Irrenanstalt. Wir schweigen fast während der gesamten Fahrtzeit. Wir waren uns noch nie so nah, denke ich, aber vielleicht ist das auch nur meine Rührseligkeit.  

Das LKH Langenfeld, ein großzügiges, parkähnlich angelegtes Gelände, ist fast ein Städtchen für sich. Inmitten wuchtiger Backsteinbauten, von denen einzelne beinah residenzartig anmuten, steht die Kirche. Die Gerontologie-Psychatrie ist in Haus 53 untergebracht. Nachdem wir mit dem Krankenwagen die Eingangspforte passieren, dauert es einige Minuten bis wir im Schritttempo den nördlichen Zipfel des Geländes erreichen.

Die Aufnahme ist eine langwierige Prozedur. Da Mittwochnachmittag ist und sämtliche Arzt-Praxen der Umgebung geschlossen sind, wird das Landeskrankenhaus mit allen möglichen psychischen Auffälligkeiten strapaziert. Wir sitzen fast zwei Stunden lang im zugigen Vorraum der Anmeldung fest, bis wir endlich abgeholt werden, von Schwester Stefanie.

Bis dahin fülle ich Formulare aus, die Vater allesamt unterschreiben muss, wackelig zwar, doch lesbar. Der Vorraum ist schwach beheizt, und Vater friert. Er trägt einen braunen Bademantel, darunter immer noch den blutbesudelten Schlafanzug, dazu Kniestümpfe und Schlappen.

"Mir is et kault", wiederholt er unentwegt in seinem Platt, und will aufstehen.

Einige Mal lässt er sich davon abhalten, dann setzt er sich durch. Er läuft nervös hin und her, schimpfend, dass sich niemand um uns kümmert. Ich hake ihn bei mir unter, damit er nur ja nicht hinfällt und sich was bricht. So geht das eine ganze Weile. Wir setzen uns hin, wir stehen auf, wir tippeln hin und her. Hinsetzen, aufstehen, hin und her tippeln.

Frieren, schimpfen.

Sein Körper ist übersät mit blauen Flecken, so oft ist er im Städtischen Krankenhaus hingefallen.

"Wir haben nun mal nicht das Personal, um uns Tag und Nacht nur um Ihren Vater zu kümmern", blaffte mich einmal eine Schwester an, als ich sie darauf ansprach.

Meist passiert es in der Nacht, dass Vater stürzt, weil dann die Unruhe am größten ist. Weil die fremde Umgebung Angst einjagt. Der Tag-und Nacht-Rhythmus ist durch Haldol, ein schweres Beruhigungsmittel, gestört. Und bei aller Verwirrtheit: Er hat unbändige Angst vorm Sterben und fühlt instinktiv, wie durcheinander er ist. Er glaubt, dass ihm jemand nach dem Leben trachtet und versteht nicht, warum. Womit er das verdient hat.

Aufnahmegespräch mit Dr. Pachtani, Ambulanz für Allgemeine Psychiatrie und Psychotherapie. Ein junger bedächtiger Pakistani, der Vater Fragen stellt. Ob er wisse, welches Datum heute sei. Nach einigem Zögern beginnt Vater mit "Neunzehnhundert...", und bricht dann ab. Sucht nach dem richtigen Datum. "Zwanzighundert.. sechs.."

Ob er wisse, wo er sich gerade aufhalte? Der Doktor muss jede Frage zweimal wiederholen, damit Vater ihn überhaupt verstehen kann.

"Wo ich bin, fragen Sie? Ich bin.. ich bin.. in Ohligs?"

Unterwegs im Krankentransport zeigte ich einmal nach draußen und meinte, "wir sind in Ohligs."

Ob er wisse, wer ihn begleite? Wer ich sei?

"Ja.. äh, das ist mein Bruder", sagt mein Vater, allerdings auf Solinger Platt, "dat is mingen Broder", was ich übersetzen muss, weil der Arzt kein Solinger Platt beherrscht. Vater blickt verzweifelt zu mir herüber. Tief im Inneren scheint ihm sehr wohl bewusst zu sein, dass an dieser Antwort etwas nicht stimmen kann. Dass ich nicht sein Bruder bin.

Ob er wisse, dass er besonders in der Nacht oftmals sehr erregt sei und nicht schlafen könne und stattdessen die Krankenhausflure auf und ablaufe. Da breitet mein Vater die Arme aus und beginnt deutlich und klar zu sprechen, beinah in alter Manier.

"Aber junger Mann, ich möchte Sie bitten.."

Es bleibt bei diesem Anflug von Klarheit und Überzeugung, er sackt in sich zusammen und verliert kein Wort mehr.

Der Doktor, der sich Notizen macht, wird mit jeder Antwort skeptischer und wendet sich schließlich mir zu, mit dem Punkt, der schon im Klinikum angesprochen wurde: die Sache mit der Betreuung.

"Da Ihr Vater momentan geistig nicht in der Lage ist, eine Entscheidung zu treffen, muss ich eine Unterbringung anordnen, für maximal sechs Wochen."

Erneut erklärt mir jemand die Gesetzeslage, während Vater verzweifelt dem Gespräch zu folgen versucht, die Hand am Ohr zum Trichter geformt.

"Angenommen, ich wäre nicht einverstanden mit der Unterbringung, das würde ja doch nichts ändern, oder?" sage ich.

"Im jetzigen Zustand wäre Ihr Vater draußen eine hilflose Person und könnte sich oder Andere in Gefahr bringen, das kann ich als Arzt nicht verantworten. Ich müsste ihn dann Zwangseinweisen."

Das Aufnahmegespräch ist beendet. Dennoch bleiben wir eine Weile im Büro des Arztes sitzen, der unterm Kittel das Trikot des CF Barcelona trägt und eilig davon rauscht. Er ist kaum älter als dreißig und hat anderes zu tun.

"Bleiben Sie ruhig sitzen.."

Ja, das mit dem Sitzenbleiben ist so eine Sache. Vater ist dafür zu aufgekratzt. Wir warten darauf, dass eine Schwester Stefanie erscheint, die uns zur Station bringt. Je länger wir warten und sitzen, desto unruhiger wird Vater. Er will aufstehen, herumlaufen, sich bewegen. Mehrmals drücke ich ihn sanft in den Sessel zurück.

"Es dauert nicht mehr lange, Papa."

Ausgerechnet heute wirkt sein Gesicht relativ klar, nicht so von Haldol dominiert und erstarrt wie bei meinen letzten Besuchen. Schon beim Transport nach Langenfeld hatte ich unterwegs diese Fata Morgana, dass er plötzlich wieder der Alte sei, und für einen kurzen Moment glaubte ich ihn sogar scherzen und lachen zu hören, wie früher.

Aus heiterem Himmel fragt er, was ich denn jetzt mache. Was ich denn jetzt vor habe.

"Was meinst du?"

"Na, die.. also.. wo du gearbeitet hast. Ist doch.. vorbei. Was machst du denn jetzt?"

Er meint den Job im Design-Institut. Der Vertrag wurde nicht verlängert. Ich wundere mich, dass er sich das merken konnte.

"Na ja, dann tu ich das, was ich sowieso schon tue. Schreiben."

Er guckt mich aus großen Augen an, entsetzt fast, als habe er so etwas Unerhörtes noch niemals gehört. Solch eine Frechheit.

"Schreiben..?"

Später erhebt er sich aus dem Sessel und läuft zielgenau auf die beiden frei liegenden Rohre zu, die entlang der Wand zum Heizkörper führen. Als Klempnermeister hat er lange Jahre einen eigenen Betrieb geführt, mit Hilfe von Mutter, die den kaufmännischen Kram erledigte. Heizkörper und Rohrleitungen sind sein angestammtes Metier.

Nacheinander fasst er beide Rohre an.

"Ist heiß", sagt er wie ein kleiner Junge, als er das erste Rohr vorsichtig umfasst.

"Ja", sag ich. "Aber das andere nicht. Das ist kalt."

Vater nickt und schmiegt sich an das kalte Rohr, obwohl er doch friert.

Während wir darauf warten, abgeholt zu werden, veranstaltet das Personal im Zimmer nebenan ein Kaffee trinken, laut und fröhlich. Wir stehen im Türrahmen und schauen hinein, Vater bei mir untergehakt. Als man uns bemerkt, ist sofort Stille. Zwei Frauen in Schwesterntracht glotzen betreten zu Boden. Wieso glotzen die zu Boden, wenn sie in der Alten-Psychiatrie arbeiten? Ist ihnen ihre eigene Arbeit derart zuwider? Schämen sie sich ihrer Klientel?

Was für Arschlöcher.

Ich lächle. Das ist mein Vater. Ich bin stolz auf meinen Vater. Mein Vater hat jetzt noch mehr Mumm als ihr in euren mickrigen Leben je zusammengekratzt kriegt! Natürlich hat auch Krankenhauspersonal ein Recht auf zehn Minuten Abstand zum Job und eine Tasse Kaffee, ohne gestört zu werden. Aber darum gehts nicht. Es geht um diese Blicke, diese widerwärtigen deutschen Blicke, wenn etwas Ungeplantes, etwas Unvorhergesehenes den gewohnten Ablauf stört und niemand damit umgehen kann, schon gar nicht menschlich. Dabei hätte schon ein kleines Wort gereicht. Ein kleines Hallo, und wir hätten uns umgedreht und wären davon getippelt.

Die Würde des Menschen ist unantastbar? Ja, wohin darf ich denn hier mal lachen?! Die Würde des Menschen wird angetastet, und zwar im Sekundentakt.

Endlich werden wir abgeholt. Schwester Stefanie schiebt einen Rollstuhl ins Büro von Dr. Pachtani, der mit einem Mal auch wieder zur Stelle ist.

"Guten Tag, die Herren." Sie reicht uns nacheinander die Hand, und bittet Vater in den Stuhl. "Nehmen Sie Platz, junger Mann."  

Während Schwester Stefanie, blondes langes Haar, schwarzer Spitzen-BH unterm weißen Shirt und von resolutem, aber freundlichen Wesen, Vater im Rollstuhl durch die Katakomben von Haus 54 schleust, folgen Aufnahme-Arzt und ich in einigem Abstand.

"Sie können davon ausgehen, dass sich der Zustand Ihres Vaters bessert. In der Regel sind die Patienten nach zwei bis drei Wochen medikamentös so eingestellt, dass sie wieder nach Hause können. Aber es ist eine Gratwanderung. Ein ständiges Ausprobieren, welches Medikament in welcher Dosierung verabreicht werden muss. Das ist individuell höchst verschieden, und keine leichte Sache. Aber wir machen das schon. Dafür sind wir da."

Ich frage mich, ob er mir bloß Mut machen will, schließlich war er eben noch vom Zustand meines Vaters, vom Grad seiner Verwirrung, bestürzt, das war ihm deutlich anzumerken. Während wir durch die Katakomben streichen und Aufzüge benutzen, erkundige ich mich, ob meinem Vater künftig andere Medikamente verabreicht werden.

"Sagen wir so: Das Mittel meiner Wahl bekommt er bereits, Haldol. Doch ich hätte es gleich mit einer höheren Dosis versucht."

Wir erreichen Haus 53, Station 17. Schwester Stefanie schließt die Eingangstür aus. Sie ist aus bruchsicherem Glas. Hier kommt niemand ohne Schlüssel rein oder raus. Erst jetzt wird mir bewusst, wo wir uns befinden: in der geschlossenen Demenz-Abteilung einer Landesklinik.

Es ist siebzehn Uhr. Im Aufenthaltsraum wird das Abendessen ausgegeben, ein großer TV-Apparat plärrt. Ein Dutzend alter Menschen sitzt um einem langen Tisch herum. Eine Schwerbehinderte schreit, möchte offenkundig nicht gefüttert werden. Oder vielleicht auch schneller gefüttert. Meine Nerven liegen blank. Der Geruch macht mir zu schaffen. Ein Deckenventilator schäumt den süßlich-warmen Gestank zusätzlich auf, eine Mischung aus Urin, Kot und billigen Pflegemitteln.

Vater bekommt sein Zimmer zugewiesen am Ende des Flurs. Es findet eine Erstuntersuchung statt, mit Dr. Pachtani und Schwester Stefanie. Sie trägt rosa Fingerhandschuhe, ich bleibe im Hintergrund, als plötzlich ein Patient im Zimmer steht. Er ist erstaunt, jemanden anzutreffen.

"Oh, ist ja gar nicht mein Zimmer.."

"Doch Herbert, du bist richtig", meint Schwester Stefanie und nickt in Richtung Vater, der halbnackt auf der Bettkante sitzt und alles über sich ergehen lässt. "Aber du hast einen neuen Zimmergenossen."

Das scheint Herbert, das rechte Hosenbein des Trainingsanzugs bis zum Knie hochgeschoben, nicht weiter zu interessieren.

"Schwester, muss ich was einnehmen?"

"Nein, Herbert. Gleich gibt's erstmal Abendbrot."

"Abendbrot, ja."

Dann macht er kehrt, zurück auf den Gang.

Vater hockt auf dem Bettrand wie ein großer abwesender Junge. In der folgenden Viertelstunde habe ich zum ersten Mal, seit er in Behandlung ist, das Gefühl, dass man sich um ihn kümmert. Schwester Stefanie hilft ihm, mit meiner Unterstützung, in einen frischgewaschenen Schlafanzug, er wird gewaschen und gekämmt, bekommt sogar einen Zopf gebunden.

"Sie sehen aus wie ein.. echter Professor, Herr Glumm!"

Ich glaube, sie wollte wie ein irrer Professor sagen, spürte aber im letzten Moment, dass das jetzt unpassend wäre. Dabei hat sie ja Recht. Das weiße Haar steht wirr ab, dazu der Zopf.. super.

Die Untersuchung endet mit einer Reihe Polaroid-Fotos, um die vielen blauen Flecken, die von zahllosen Stürzen herrühren und seinen geschundenen Körper überdecken, zu dokumentieren.

Je länger dieser Tag dauert, der in meine Annalen eingehen wird als der Tag, an dem ich nichts besseres zu tun hatte, als meinen kranken alten Vater in die Psychiatrie zu bringen, desto demütiger werde ich. Jeder verdammte Morgen, an dem man aufwacht und die Beine sind gesund und der Kopf ist intakt und man hat Lust auf einen Kaffee und pinkelt kein Blut ins Klo, jeder verdammte Tag, der so startet, ist der Höhepunkt deines Lebens.

Höher geht nicht.

Wenig später rolle ich Vater in den Aufenthaltsraum, wo er umgehend versorgt wird. Er bekommt einen großen Becher Hagebuttentee und einen Teller mit geschmierten Broten vorgesetzt. Er begrüßt seine unmittelbare Tischnachbarin mit Handschlag, ohne ein Wort zu verlieren. Als er in aller Ruhe beginnt, zu Abend zu essen, nutze ich die Gelegenheit und verabschiede mich schnell.

"Bis morgen."

Er blickt zu mir herauf, als wundere er sich, mich hier zu sehen.
"Ja.. Bis morgen.."

An der Stationstür muss ich warten, bis jemand aufschließt. Ich bin heilfroh, an der frischen Luft zu sein. Es ist dunkel. Der Vollmond, eine Gaslaterne. Ein kreischendes Distriktlicht. Ich frage mich bis zum Ausgang durch.

Die Fahrt nach Hause dauert geschlagene anderthalb Stunden, ich muss umsteigen vom Bus in die Bahn. Ich starre wie betäubt aus dem Fenster in die vorüber rauschende Dunkelheit. Immerzu spult sich dieser Film ab, dieses Bild, wo Vater und ich im Rettungswagen hocken, er im Krankensessel, ich auf dem Notsitz, und wie vertrauensvoll er seine Hand in meine legt, mit müden Augen.

Daheim angekommen, erledige ich nacheinander drei Telefonate: Mutter, Bruder, Schwester. Eigentlich sind es sogar vier Anrufe, da auch mein Schwager aus erster Hand Auskunft möchte. Ich klinge schon wie ein Tonband, weil ich es nicht mehr schaffe, die Worte zu variieren. Die Gräfin ist davon so nervt, dass sie die Türe schließt, um in Ruhe fernzusehen.

 

5. Februar 2009


"Das ist die Sorge, die ich an dir rieche", schnuppert sie morgens an mir. Ich rieche komisch, sagt sie, seit die Sache mit Vater passiert ist. Wie saure Milch.

"Sorgen sind saure Milch", sagt sie.

Ich finde keine Ruhe. Am Nachmittag fahren wir nach Langenfeld, auch wenn Vater vermutlich kaum etwas von unserem Besuch mitkriegen wird, schließlich hatte der Aufnahmearzt angekündigt, die Haldol-Dosis spürbar steigern zu wollen. Dennoch möchte ich Vater den ersten Tag im LKH nicht ohne Besuch zumuten. Dass er sich in einem klaren Moment womöglich abgeschoben vorkommt.

Als wir die hell erleuchtete, süßlich-warm miefende Station betreten und ich die erstbeste Schwester nach Vater frage, weist sie uns den Gang hinunter.

"Der sitzt schon den ganzen Tag im Gang und ist von dort auch nicht weg zu bewegen."

Zur Begrüßung beugt sich die Gräfin zu ihm hinunter, doch er scheint zunächst nicht realisieren zu können, wer das sein soll, der ihm da plötzlich so nahe ist. Er erschrickt regelrecht und zuckt zusammen, bevor er endlich die Gräfin erkennt. Das Sprechen fällt ihm schwer, er ist blass und so unrasiert, als habe er sein Kinn in Druckerschwärze gewälzt. Wie wir erfahren, trägt er eine Windel unterm Schlafanzug, darüber einen roten Bademantel, den ich noch nie gesehen habe.

"Schwester..!!" quengelt eine Frauenstimme über den Flur. "Schwester..!! Es läuft schon! Ich kann doch nichts dafür!"

Die Stimme kommt irgendwo aus einem der vielen Zimmer, deren Türen offen stehen, die Frau wiederholt die Worte unermüdlich und stets im selben anklagenden Tonfall. Endlich lässt sich eine resolute junge Pflegerin blicken. Die Station sei heute mit drei Leuten völlig unterbesetzt, erklärt sie ungefragt, außerdem habe sie anderes zu tun, als alle paar Minuten nach Frau Pagel zu sehen, die sowieso eine Windel trage.

"Schwester..! Es läuft schon, Schwester!! Ich kann doch nichts dafür!"

"Ihren Vater habe ich heute eigentlich nur schlafend erlebt", sagt die dritte Pflegerin und schlenkert lässig eine vollgeschiffte Windel hin und her, die ich nicht aus den Augen lasse.

Auch Zimmergenosse Herbert ist wieder unterwegs, das rechte Hosenbein bis zum Knie hochgekrempelt. Er marschiert den Gang hoch und runter, ohne Pause. Die Gräfin, sonst für jeden Spaß zu haben, verzieht angeekelt das Gesicht, als diese grauenvolle Stimme wieder über die Stationsflure schwappt.
"Schwester..! Ich kann doch nichts dafür! Es läuft wieder!"

Vaters Rollstuhl steht unmittelbar vorm sogenannten "Krisenzimmer", das ein jüngerer Patient betreten will, einen gefüllten Urinbeutel in der Hand. Mit der Schiebermütze und dem Rollkragenpullover, die Hände tief in den Hosentaschen, wirkt er auf mich wie dem Berlin der 20er Jahre entsprungen.

"Ich möchte so gerne in mein Bett", flüstert er.

Ich rolle Vater ein Stück zur Seite, damit der Mann ins Krisenzimmer treten kann, in dem anscheinend sein Bett steht, doch er überlegt es sich anders und kehrt um. Statt ins Krisenzimmer begleitet er Herbert ein Stück auf der unendlichen Flurwanderung.

Vater ist davon überzeugt, Angehörige auf Station auszumachen, hauptsächlich seine Brüder. Eine große alte Frau, das lange Haar zum strengen Dutt gebändigt, hält er für seine kürzlich verstorbene älteste Schwester. Da er den ganzen Tag noch nichts gegessen hat, ("Wir lassen ihn erst einmal ankommen", so die Schwester), schmiert ihm die Gräfin ein Brot und holt ein Glas Apfelsaft aus der Stations-Küche.

Wir bleiben anderthalb Stunden, dann sind wir mit den Kräften am Ende. Wir bringen Vater zu Bett, weil er schrecklich müde ist, dabei ist es nicht einmal acht Uhr. Wie er so daliegt, unter dicken Daunendecken begraben und dennoch zitternd vor innerer Kälte, stehe ich kurz davor, die Nerven zu verlieren.

*

Fortsetzung: Vater gehts besser - Das Durchgangssyndrom (2)

4.4.14 18:40


Fast fatal

 

*

Weil das Haus teilsaniert wird, ziehen wir demnächst aus, nach über fünfundzwanzig Jahren heißt es fort von diesem magischen Ort. Dazu gibt es einiges zu sagen, das werd ich auch tun, aber nicht jetzt, nicht hier. Und doch kann ich so langsam beginnen, in der Vergangenheit zu schreiben, was den Kannenhof betrifft.

Die Wohnung war stets eine Art Dauercamping. Immerzu mussten wir improvisieren, weil irgendetwas nicht funktionierte, wie es vorgesehen ist. Nicht mal wir selbst funktionierten, wie es vorgesehen ist, wie man es gemeinhin von erwachsenen Mitstreitern erwartet.

Wir waren disfunktional.

Der Bruder vom dicken Hansen, der einige Jahre auf Kuba verbracht hat, aber nun in Köln lebt, besuchte uns immer dann, wenn ihn das Heimweh nach Havanna packte. Nach Menschen, die es gewohnt sind, Dinge nicht so genau nehmen, die ständig tricksen und fummeln müssen und es irgendwie hinkriegen, aus der Trinkverpackung einer Capri Sonne eine neue Türschelle zu bauen.

Als Jack, ein weiterer Bekannter, auf einen Sprung reinschaute, staunte er beim Anblick der historischen Wandfliesen im Badezimmer, "Jessas! So was hab ich das letzte Mal 1980 in Moskau gesehen!"

Die alte Alu-Jalousie an meinem Fenster, bordeauxrot, (allerdings die Altstadt von Bordeaux), schließt schon lange nicht mehr richtig. Wenn die Mittagssonne am Himmel steht, muss ich Schatten spendende YPS-Geschirrtücher zwischen die Lamellen klemmen, um auf meinem Schreibtisch noch etwas lesen zu können. Und alle zwanzig Minuten müssen die Tücher ein Stück nach rechts rücken, immer in Wanderrichtung der Sonne, bis sie endlich untergegangen ist. Erst dann ist der PC-Bildschirm wirklich frei von störendem Tageslicht. Erst dann erkenne ich, was ich den Tag über so alles am Bildschirm verbrochen habe und wo ich vielleicht besser mit dem Korrekturfluid drübergehe.

Nun hatte unser Dauercamping weniger mit fehlenden finanziellen Mitteln zu tun, (gut, das auch), als eher mit einer gewissen Hingabe zum Leben aus dem Stegreif und der damit verbundenen Einstellung, die Dinge zu belassen, wie sie sind, nicht groß einzugreifen: So is dat eben. Da machste nix.

Was allerdings schon mal ein fatales Ende nehmen kann. Sagen wir, fast.

Fast fatal.

 

 

Donnerstagabends, 2008

Gegen halb sechs kam ich aus dem Design-Institut, wo ich das Literatur-Archiv verwaltete, und verschwand erstmal schön aufs Klo. Das hätte ich natürlich auch im Institut tun können, da gab es auch Klos, sogar saubere, doch ich scheiße nun mal am liebsten zu Hause. Zu Hause scheißen ist wie dem netten Typ aus der Nachbarschaft die Hand reichen, wenn man aus dem Urlaub kommt; ein Gefühl von Heimat.

Es riecht nur anders.

Plötzlich wurde es laut und aufgeregt. Die Gräfin, die das Abendbrot vorbereitete, rief nach mir. Zunächst war ich nicht sonderlich beunruhigt, sie rief meinen Namen öfter mal, und das auch aufgeregt. Etwa wenn sie das Gefühl beschlich, die Welt habe sich JETZT GERADE einen Moment zu schnell gedreht, DAS solle ich mir schleunigst mal angucken, am Fenster.

Dieses winzige Drehmoment.

"Das macht mich so wuschig, ich lag gerade schon fast auf der Nase!"

Doch schon ihr zweiter Ruf, "NUN MACH HIN, SCHNELL!!", war Panik pur. Ich zog die Hose hoch, riss die Klotüre auf und noch bevor ich einen Schritt in mein Zimmer machte, wo der Schrei hergekommen war, sah ich den Salat: Das rote Puschelzeugs, das mal ein Grabbesteck gewesen war und aus dem die Gräfin den provisorischen Lampenschirm unserer Deckenlampe gebastelt hatte, stand in Flammen, direkt über dem kleinen Abendbrottisch.

"MACH DOCH WAS!" schrie sie.

Das Zeugs loderte fast bis zur Zimmerdecke, und unter den roten Puscheln und dem Drahtgeflecht wartete ja noch die Glühbirne. Die war zwar nicht an, doch Elektrizität ist Elektrizität, das konnte doch trotzdem explodieren, oder nicht? Wenn das Feuer die Birne erreichte!?

Keine Ahnung!

"TU DOCH WAS!" schrie sie mich an.

"WAS DENN, VERDAMMT?!!"

Bevor ich das Falsche tat, tat ich lieber nichts und guckte mir das Feuerchen erst mal in Ruhe an. Und da auch die Gräfin nicht wusste, was zu tun war, standen wir um das brennende Bouquet aus roter Holzwolle herum, wie zwei stramme 68er Pariser Existentialisten, die dem absurden Dasein huldigten. Es knisterte und es knusperte.

Das Problem lag auf der Hand: Hinter jeder richtigen Entscheidung, etwas zu tun oder zu unterlassen, lauern bekanntlich 60 falsche Entscheidungen, die nur darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Die nur darauf brennen, sozusagen.

"Das stinkt nach Heu!" keuchte sie, während ich mich eher an ein Kartoffelfeuer im Oktober erinnert fühlte.

"Jetzt rein geruchstechnisch", sagte ich.

"Du quatscht nur Scheiße!" rief sie. "TU LIEBER WAS!"

Jetzt reichte es. Jetzt wurde ich auch laut. Ich wurde regelrecht ungemütlich.

"WIE IST DAS ÜBERHAUPT PASSIERT?"

"IST DOCH EGAL! MIT NER KERZE! ICH HAB NE KERZE ANGEMACHT UND NICHT AUFGEPASST!! HOL EIN HANDTUCH!"

"EIN HANDTUCH??"

"JA! EIN HANDTUCH!"

Was wollte sie mit einem Handtuch? Während sie um den Abendbrottisch herumlief und hastig die Funken von der Bio-Butter pustete, PFFF! PFFF! PFFF!!, rannte ich in die Küche. War ja nicht weit, von meinem Zimmer aus. Durch die Diele, dann links, und schon verharrte ich ratlos vor den Abtrockentüchern, die von der Wandleiste hingen.

"WAS FÜR EIN HANDTUCH?! EIN DICKES HANDTUCH? ODER REICHT EIN ABTROCKENTUCH?"

Fast war ich empört von mir selbst, dass ich so planlos war. Null Geistesgegenwart, und immer nur Fragen, Fragen über Fragen. Ich war ein 1 Meter 81 großes Fragezeichen, dem es allmählich selbst zu bunt wurde, Fragezeichen zu sein.

"IST DOCH EGAL WELCHES HANDTUCH!" brüllte sie. "MACH HIN! HIER FACKELT DOCH ALLES AB! RUF WENIGSTENS DIE FEUERWEHR!"

Pff, pff, pff! machte sie. Überall war Funken- und Flockenflug überm Abendbrottisch, es brannte zum Himmel. Na schön, zur Decke. Aber in der Wohnung ist nun mal die Decke der Himmel, das ist so. Und überhaupt. Wer noch nie ein Feuer im eigenen Haus erlebt hat, dem sei gesagt: Es sind keine wirklichen Gedanken, die einem durch den Kopf schießen, es sind eher beleuchtete Werbetafeln, die nacheinander im Hirn aufblenden, wie bei einer Autofahrt durch die Nacht.

Tafel 1: Soll man einen Eimer voll Wasser holen und über das Feuer kippen? Aber da ist doch eine elektrische Leitung unter dem lodernden Puschelzeugs!

Tafel 2: Soll man eine Decke über die Flammen werfen, um sie zu ersticken? Aber wie soll man eine Decke über eine brennende Lampe werfen, wenn die von der Decke hängt, da ist doch der Kabel dazwischen!

Und die ganze Zeit lodern die roten Puscheln weiter, verrußte Schnipsel trudeln in die offene Butterdose, landen in den aufgeschnittenen Bio-Tomaten, in der Zuckerdose, im Milchpöttchen und in der hochgelobten Remoulade.

Sie schmierte ihr Brot grundsätzlich mit würziger Remoulade statt mit Butter. Überhaupt, sie hatte es mit Gewürzen. Sie war überzeugt davon, Gott habe einen ganz besonders guten Tag gehabt, damals, als er die Gewürze erfand.

"Heute erfinde ich mal was, was ich noch nie erfunden hab!"

TA TA!

"Es werde.. Kümmel!"

Und dann, ganz plötzlich - war der Spuk zu Ende. Das zum Lampenschirm umgebaute rote Grabbesteck machte einen letzten lodernden Seufzer, dann war alles runter gebrannt. Übrig blieb das nackte, noch glühende Drahtgeflecht. Auch der ummantelte Kabelstrang war angeschmort.

Um zu prüfen, ob die Birne noch funktionierte, wollte ich den Lichtschalter anknipsen.

"HE, KEIN LICHT! MACH NICHT AN!"

"WIESO?"

"IST DOCH ELEKTRISCH!"

Frau Moll, die sich in einem frühen Stadium des Feuers davongestohlen hatte, kehrte vorsichtig schnuppernd zurück und ließ sich unterm Tisch nieder, Klick-Laute von sich gebend. Wenn Frau Moll Hunger hat, gibt sie auch heute noch klickähnliche Laute von sich, wie ein Buschmann.

Können wir chann vielleicht langcham mal chu Abend echen?

Und just in den Moment, als sich so etwas wie Ruhe in unserer Campinghütte breitmachte, ein gewisser Frieden, eine Gefühl des Gerade-noch-mal-davon-gekommen-Seins, sprangen die zwei erst wenige Wochen zuvor unter der Decke installierten Feuermelder an. Ein mächtiger, fast hysterischer Alarm erhob sich, und es dauerte seine Weile, bis wir die beiden Schreihälse mit dem Schrubberstiel platt geklopft hatten.

 

15.4.14 15:15


Pferd 4

23.4.14 11:56


s



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