Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Hotter than July, Susanne Eggert, 2013

2.7.13 14:36


Der Kotelettautomat

Koteletts sind die Cowboys unter den Fleischwaren. Schau dir einen Kotelettknochen an: Manche sind gewachsen wie Sporenstiefel, andere wie Pistolengriffe. Ein Kotelett hat immer was von Lagerfeuer und einen gefangenen Indianer von Sioux City nach Laramie überführen, ein Kotelett ist was für Jungs. Ein Kotelett ist Bubenkost per excellence, bis ins hohe Alter. Bis ein Mann aus dem Kotelettalter herauswächst, das dauert.

Vermutlich war das der Grund, warum für uns Zivis im Krankenhaus der Kotelettautomat mehr war als nur der Automat, der schnelle Snacks geladen hatte, er war eine Art Treffpunkt, er war unsere Persiluhr.

Wir sehen uns um elf am Kotelettautomat, hiess es, und dann traf man sich auf einen Plausch und etwas Fleisch auf die Faust. Eine schöne Zeit war das, mit viel Fleisch und Klatsch von den Stationen. Welcher Zivi hatte welche Pillen mitgehen lassen, welche davon waren käuflich zu erwerben, welche nicht, und welche Stationsschwester trug tatsächlich keinen Slip unterm Kittel.

Der Kotelettautomat hing in der Mensa unten auf U3, nahe der Ambulanz, wo die Herzinfarkte und Knochenbrüche einrollten und wo man stets das Schlimmste erwartete - aber nicht unbedingt einen Kotelettautomat.

Hin und wieder liess sich selbst ein Totalverweigerer wie Karlos auf ein in Folie eingeschweisstes kaltes Kotelett aus dem Schuber blicken, mit dick Panade drauf, Scheibe Brot dabei, Tütchen Senf. Aber ehrlich gesagt: wer ein bißchen Penunse in der Tasche hatte, machte einen Bogen um das in der Wand der Mensa eingelassene Maschinchen und verpflegte sich lieber am Frische-Terminal der Krankenhausküche. Das lag weniger am Billigfleisch, mit dem der Snackautomat befüllt war, sondern eher an uns Zivis, die dort herumlümmelten.

Der Jahrgang 1981 war kein Haufen eingefleischter Körnerfresser und Friedlich-die-Backe-Hinhalter-wenn-der-Russe-kommt, im Gegenteil, jedem Polacken, der uns blöd kam, stiegen wir vorsorglich aufs Dach, wir tauschten Pornos und futterten Bratenfleisch aus Automaten. Niemand von uns war Vegetarier. Wir verdrückten alles. Nicht mal das Metall des Kotelettautomaten war sicher vor einer Heisshungerattacke im Dienst. Niemand war je vor irgendetwas.. sicher.  

Fünfundzwanzig Jahre später steh ich wieder im Spital. Mein Vater erholt sich von einer schweren OP, und ich frage mich, ob der Automat wohl noch existiert. Der alte Allrounder, der ausser Schweinekoteletts auch butterweiche Baguettes mit palmwedelgroßen Salatblättern und Frikadellen in seinen Schubfächern beherbergte, die fiesesten Frikas nördlich vom Löschzug gegenüber der alten Feuerwache.

Eigentlich gehörte der Kotelettautomat schon damals aus dem Verkehr gezogen, aber wir schrieben die frühen Achtziger und das ganze Jahrzehnt gehört im Nachhinein aus dem Verkehr gezogen und überarbeitet, Punkt für Punkt.

Und die Neunziger gleich mit. Die gehören sowieso revidiert. In einem Aufwasch! Genau: Die 90er kürzen, eindampfen auf wenige Wochen, und dann WEG DAMIT! AUS! VORBEI!

NINETIES? NEVER AGAIN!

Bleibt die Frage: waren andere Jahrzehnte so viel besser? Oder war ich einfach in den Goldenen 70ern aufgewachsen, und im Nachhinein erscheint jedes Jahrzehnt, in dem man zufällig aufwächst, als das goldene Zeitalter? Gut möglich. Große Dinge haben es an sich, dass sich selten passieren, egal in welchem Jahrzehnt, und kleine Dinge fallen durch den Rost. Da muss man am Ende froh sein, wenn überhaupt was passiert.

Und alles ist Gold.

Ich warte auf den Aufzug, der mich runterbringen soll auf U3, und drehe mir gedankenverloren eine Zigarette. Klar tut man das nicht im Krankenhaus, aber ich wollte ja nur drehen und nicht rauchen. Es reicht kaum zur zweiten Einrollbewegung, schon kommt ein alter Knabe im Bademantel angeschissen, von irgendwo her.

"He! Nicht rauchen! Sind Sie übergeschnappt!?"

"Ich rauche nicht, Meister, ich dreh nur."

Das Rauchverbot wird immer restriktiver gehandhabt. Mittlerweile reicht es in diesem hysterischen Land schon, nur daran zu denken, dass man früher mal geraucht hat, und schon kommen sie von allen Seiten angeschissen und meckern einen an. Und es sind nicht nur die Saubermänner, die einen mit großen erschrockenen Augen anstarren, WIE KANN MAN NUR.., selbst Raucher sehen es nicht gern, wenn man ausserhalb der rot markierten Raucherzonen genußvoll an der Fluppe zieht.

Wir leben in einem Land, in dem zunehmend gegen alles vorgegangen wird, das entfernt mit Dampf und Genuß zu tun hat, und da jeder irgendwie unter Dampf steht, wird sicherheitshalber gleich gegen alles und jeden vorgegangen. Herrschaftszeiten, wir leben im 21. Jahrhundert, es wird langsam compliciert! Wir spähen uns selber aus, glotzen uns auf den eigenen Arsch. Niemand ist mehr vor irgendetwas sicher..

Nicht mal vor dem eigenen Stimmungswechsel. Noch wenige Jahre zuvor hätte ich es kaum für möglich gehalten, dass Altkanzler Schmidt eines Tages mein Idol werden würde, nur weil er im Fernsehen eine nach der anderen paffte, ohne Kompromisse, nur gelegentlich ein Hüsterchen.

Öffentliches Qualmen ist eine Geste des Widerstands geworden, und Ketterauchen ist nahe an der Anarchie.

Mon dieu, waren das noch Zeiten, als Paris 1927 die graziöseste Raucherin der Stadt wählte, eine Mademoiselle mit Stupsnäschen und einer Lunge, so jung wie ein Schmetterling.

Ich steh immer noch am Fahrstuhl und will die Kippe zu Ende drehen, während ich auf den Lift warte. Zwei Fliegen mit einer Klappe, doch der hagere alte Knacker im Bademantel, einen Kopf kleiner als ich, hat anderes im Sinn: Er baut sich vor mir auf, mit seinem mopsigen Mund, als habe er heute schon geschluchzt.

"Hör mal", sagt er von unten herauf, "stehst du schon länger hier?"

Ich freue mich, dass er ohne großes Aufheben zum Du gewechselt ist, und nicke ihn an.

"Dann weisst du auch bestimmt, ob hier eben ein anderer alter Knacker reingerollt wurde, so ein Dicker im Rollstuhl."

"Reingerollt? In den Aufzug?"

"Nee, nicht in den Aufzug, in den Herzschrittmacherkontrollraum, da vorn."

"Ja.., da ist einer reingerollt worden, so ein Dicker. Im Rollstuhl."

"Siehst du, sag ich doch. Das ist mein Bettnachbar. Wir liegen zusammen auf dem Zweibettzimmer, oben auf P 35. So eine Wampe hat der Kerl, hier, so eine Wanne.." Er tippt sich an den Bauch. ".. aber klar, der ist auch nur am Fressen. Krieg ich ja hautnah mit, was der sich am Tag alles zusammenfrisst. Nicht die Schonkost vom Krankenhaus, die lässt er zurückgehen, nee, der lässt schön von zuhause kommen, der lässt seine Alte richtig auffahren, jeden Abend weht der warme Brie zu mir rüber, da kotz ich dir fast vors Bett, hör mal."

Er schaut mir tief in die Augen, so tief, dass ich schon befürchte, gleich ist er weg, gleich geht er über die Wupper, doch es ist nur eine Art Test, ob ich wirklich zuhöre. Dann erst fährt er beruhigt fort.

"Und heut morgen die Höhe: Benutzt das Schwein meine Zahnbürste.. meine Zahnbürste! Musst du dir mal vorstellen..! Wir haben ja nur ein Bad, und der nimmt sich einfach meine Zahnbürste aus meinem Becher. Ich hab gedacht, ich muss spucken! Ist doch wahr. Da kann ich doch gleich aus dem Sputumbecher saufen, oder nicht? Hm? Was sagst du? Oder?!"

Der Lautsprecher über dem Lift räuspert sich, knistert - eine Eildurchsage.

"Dieser Aufzug ist blockiert von einem Krankentransport. Bitte benutzen Sie das Treppenhaus oder einen anderen Aufzug."

Aber das Mopsgesicht hört gar nicht hin, so sehr ist es geladen. Es ist noch nicht fertig. Da kommt noch was.

"Ich sag also zu dem alten Sack, hör mal, hast du keine eigene Zahnbürste?! Ist das denn nötig?? Aber was macht das Schwein? Nichts. Grinst nur doof. Da hab ich mein Kopfkissen genommen und nach der Pottsau geworfen, und der wirft es zurück, aber viel fester als ich, richtig mit Schmackes. Na schön, Männeken, hab ich gedacht, wenn du Ärger willst, kriegst du Ärger."

Je mehr er in Rage gerät, desto mehr Farbe hat sein Gesicht, er strahlt mich regelrecht an, und wir nähern uns dem Showdown.

"Ich also das Kissen genommen und meine Nackenrolle und voll reingepfeffert in den ollen Gockel! Mannomann! Hat das gescheppert. Ich mein, waren ja bloß Federn, trotzdem, immer feste druff, sag ich immer.. Ist mein Wahlspruch."

Die Kissenschlacht unter zwei betagten Herren bleibt nicht ohne Folgen. Es gibt einen kleinen Asthmaanfall, dann einen etwas größeren, und zuletzt gerät beim Kontrahenten des Mopsgesichts der Herzschrittmacher aus dem Takt.

"Deswegen ist der Dicke da jetzt drin, zur Kontrolle. Nur mal nachgucken, ob alles in Ordnung ist, hat die Schwester gesagt, ob das Herz vielleicht frisch getaktet werden muss. Und das nur wegen der paar Kopfkissen und der Nackenrolle, Mannomann.. ich weiss nicht."

Seine Story ist zu Ende, ich habe mitgefiebert. Nun ist es an der Zeit, meine eigenen Interessen ins Spiel zu bringen.

"Kennen Sie sich zufällig unten in der Mensa aus, auf U3..?"

"Wo die Mitarbeiter futtern. Klar kenn ich mich da aus."

"Hängt da noch der Kotelettautomat an der Wand?"

"Der mit den schönen Nackenkoteletts, klar, den kenn ich. Den kennt jeder bei uns oben auf Station. Muss ja nicht jede Diätschwester mitkriegen.."

Die Tür zum Herzschrittmacherkontrollraum schnackt auf. Mit dem Rücken zu uns erscheint ein blau gekleideter Pfleger, er zieht einen Rollstuhl heraus, in dem der verfressene dicke Bettnachbar sitzt, der auch gern mal auf fremden Zahnbürsten kaut. Seinen Kontrahenten, das Mopsgesicht, würdigt er keines Blickes.

"In die Mensa", schnaubt er den Krankenpfleger an. "An den Kotelettautomat."

Obwohl der Aufzug in diesem Augenblick erscheint und frei ist, nehm ich lieber die Treppe. Das geht schneller. Ich spring die Stufen runter Richtung U3, Richtung Schnitzelmaschine, wie Schnaat unseren Treffpunkt genannt hat. Bevor die leckeren Sachen weg sind.

5.7.13 13:55


Versehentlich, versteht sich

Vor dem Essen ging ich mit dem Hund in den Wald und pinkelte mir übers Notizbuch. Aus Versehen natürlich, doch was heißt das schon. Passiert ist passiert, gepisst ist gepisst.

Man muss so etwas nicht erzählen, natürlich nicht, ist ja peinlich irgendwie, sich übers Notizbuch zu schiffen, das kann man auch (sehr) schön für sich behalten. Das muss man nicht erzählen, nur weil es passiert ist. Das Leben ist keine Erzähldiktatur.

Es gibt keinen Strafbefehl, wenn du das für dich behältst, nicht mal die Bußgeldstelle schickt einen Bescheid heraus. Du kannst alles schön für dich behalten, was schiefläuft im Leben, die kleinen Niederlagen, all das Malheur.

Wenn dir das lieber ist.

Allerdings erlangst du keine Klarheit, wenn du Pleiten verschweigst. Wenn du nicht berichtest, was daneben gegangen ist und warum, mit all den Nebensätzen und dem einen Semikolon.

Der Mensch erzählt aus seiner Vergangenheit, weil er sich nie ganz sicher sein kann, was passiert ist. Er mag dabeigewesen sein, oft sogar als zentrale Gestalt, doch Dabeisein ist nicht alles. Dabeisein ist kein Wert an sich. Es zeigt nur den Ausschnitt, den dein kleiner Blickwinkel dir gestattet. Erst durch Erinnern, durch Erzählen wird das Gewesene neu arrangiert, neu bewertet, wird Vergangenheit wieder Gegenwart und man erkennt: Das war ja gar nicht so. Das war ganz anders.

Man ist ja eigentlich ein Anderer.

Und die wirklich wichtigen Dinge werden dir erst klar, wenn du sie wie nebenbei erwähnst - aber das nur am Rande.

Was nun das Notizbuch betrifft und das damit zusammenhängende Malheur, das hat mit einem Foto zu tun. Ein Foto, das mein Vater mir gegeben hatte, vormittags, als wir nach dem Großeinkauf im Groka noch auf einen Kaffee bei meinen Eltern blieben, die Gräfin und ich.

Das Foto, ein Schnappschuss, zeigt mich bei einer Familienfeier. Ich schätze, es war die Goldene Hochzeit meiner Eltern. Ich schien nicht gewusst zu haben, dass ich fotografiert werde. (Von daher vermute ich, dass mein Bruder seine Finger im Spiel hatte und knipste.) Ich bin ziemlich blass auf dem Bild, in der Hand die unvermeidliche Fluppe und am Leib das orangefarbene Frotteehemd, das heute noch im Schrank überm Bügel hängt und gelegentlich im Sommer zum Einsatz kommt, wenn es am Abend abkühlt.

“Ich hab das Bild unter meinen Sachen gefunden. Willst du es haben?” fragte mein Vater.

Ich konnte mich nicht erinnern, je ein Foto von ihm direkt in die Hand geschenkt bekommen zu haben, also sagte ich “ja klar” und liess es in meinem Notizbuch verschwinden. Steckte es zwischen die Seiten, irgendwo nach hinten. Dann wurde mir etwas schummrig, weil ich plötzlich das Gefühl hatte, Vater könnte am nächsten Tag tot sein und das Foto eine Art Abschiedsgeschenk, eine letzte Geste, doch so schnell, wie das Gefühl angeflogen kam, war es auch wieder im Körbchen. Dann fuhren wir mit dem Auto heim.

Während die Gräfin in Ruhe das Mittagessen zubereitete, sie kocht gern, Kochen ist für sie Entspannung, wie Malen, "und man kann es hinterher sogar aufessen!", ging ich mit dem Hund raus, wir nahmen den Zedernweg. Der ist eng und kurvig und führt ins Grüne, flankiert von der üblichen Krähenprozession und einem Himmel, so durchgängig blau, als habe ein Malermeister den ganz dicken Pinsel rausgeholt:

"BLAU BLAU WIE ICH BIN!"

Weil ich pinkeln musste, verdrückte ich mich ins Gebüsch gegenüber der Kuhweide, wo sich jedes Jahr im Mai eine Hundertschaft wilder Narzissen formiert, wie Gefreite, die sich auf dem Kasernenhof sammeln: Wild gestanden! Und wo ich mir schliesslich fleißig übers Notizbuch schiffte, aus Versehen, versteht sich. Aber was heisst das schon. Ich hätte das Notizbuch beim Pinkeln ja nicht unbedingt in der (anderen) Hand halten müssen, oder? Ist doch so.

Komisches Versehen.

Später, beim Mittagessen, musste ich an die Situation im Wald denken, und jetzt erst fiel mir das Foto ein. Das steckte ja noch im Notizbuch! Hoffentlich hatte ich es nicht befleckt! Eingesaut! Durchnässt!

Ich ließ die Salzkartoffel sinken, und stand auf.

“Was ist los? Wo willst du hin?"

Ich ging in den Flur, zur Garderobe, und nahm die Jacke vom Haken. Suchte das Notizbuch. Ich blätterte und blätterte, doch da war kein Bild.

“Mist. Ich hab es verloren.”

Ein schlechtes Omen. Ich meine, da schenkte mir mein Vater schon mal etwas und ich hatte nichts besseres zu tun, als es direkt wieder zu verlieren. Vermutlich irgendwo am Zedernweg, in dem Moment, als ich das Notizbuch kurz aus der Tasche geholt hatte, um einen Gedanken zu notieren, den die Welt braucht. Ich schnappte mir den verdutzten Hund (was denn? was denn? schon wieder vor die Tür?) und rollte den Fall in entgegengesetzter Richtung auf: Wo ich zuletzt herspaziert war, ging ich nun zuerst her.

Und tatsächlich, das Foto lag ungefähr an der Stelle, wo ich es vermutet hatte, obenauf im Laub. Es war sogar trocken geblieben, obwohl in der Zwischenzeit ein wuchtiger kleiner Regenschauer heruntergekommen war, doch das Kodak-Papier lag günstig im Schutz immergrüner Tannen. Es lag da wie eben erst geschenkt bekommen.

Und was nun das fehlgeleitete Strullern betrifft: Während der Hund (vorm Mittagessen) im Gehölz gestöbert hatte, die Nase am Boden wie ein Trüffelschwein, hatte ich im Stehen mit dem rechten Daumen den Bund meiner Jogginghose heruntergezogen und es locker laufen und plätschern lassen, während ich in der anderen Hand das Notizbuch hielt, in der Mitte aufgeschlagen, in Augenhöhe: Ich las, was ich so notiert hatte, dann liess ich das Buch sinken, und dachte nach. Oder ich dachte nicht nach und pinkelte einfach nur drauflos. Strullerte. Schiffte. Harnte. Pieselte, pullerte, miktierte. Liess Wasser. Machte Lulu.

Trat aus.

Da hörte ich es. Es war kein dunkler liquider Ton, so wie es klingt, wenn Flüssigkeit auf Waldboden trifft, es war mehr ein verräterisches helles Planschen, so als besudelte ich ein fröhliches Damenkränzchen. Dummerweise war es nur mein altes Notizbuch. Und im selben Moment sah ich es auch schon die linierten Seiten herunterrinnen, es sickerte und tropfte ins Papier, ganze Sätze wurden nass, Halbsatzkolonnen, okkerfarbene Kommata - ich konnte es kaum fassen.

Das Foto hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon verloren, es steckte nicht mehr im Notizbuch, zum Glück! Sonst hätte ich mir womöglich noch über die eigene Fresse gesickt! Ich meine! Herrschaftszeiten! Unschön! Uncool! Untrocken!

Am folgenden Tag kamen wir zufällig bei Papierwaren Göring vorbei, in der ganzen Stadt für die schicksten Notizbücher bekannt.

“Halt an, ich brauch ein neues Notizbuch.”

“Was denn, schon wieder?” fragte die Gräfin verwundert. "Hast doch letztens erst ein neues angebrochen. Ist das schon wieder voll?

“Sozusagen", antwortete ich. "Ja. Ist voll.”

9.7.13 17:25


Mann Mann Mann! Ist das Leben ein Job! - Die Gräfin spricht es aus

In diesem Land ist man nur Mensch, wenn man sich definiert. Einfach nur Menschsein reicht nicht. Das stresst.

*

Je lauter die Angst in einem sitzt, desto weniger ist von aussen zu hören.

*

Dumme überflüssige unangenehme Dinge sollten pro Tag nicht mehr als eine halbe Stunde Licht kriegen.

*

Wenn ich in der Stadt unterwegs bin und mir so die Gesichter anschaue, dann sehe ich nichts als Angst. Die Leute haben eine Angst, als drohten sie jeden Moment zu ertrinken. Da draussen ist die totale Evolution in Gange. Da draussen liebt dich niemand.

*

Verflucht. Wenn ich jetzt noch zwei Kilo zulege, kann ich einen Rundgang durch mein Fett anbieten.

*

Mann Mann Mann! Ist das Leben ein Job!

*

Neues Schuljahr! Der Geruch neuer Bücher! Was hab ich mich als Kind immer gefreut, wenn das ganze Klassenzimmer nach neuen Schulbüchern duftete!

*

Die sollen endlich mal Fleisch erfinden, das man nicht erst töten muss, um es essen zu können.

*

Du hast einen langen Atem, du sitzt sogar die Götter aus. Das mus man erst mal hinkriegen, als Sterblicher.

*

Ich hab die besseren sozialen Sätze als du!

*

Na, hast du dir wieder einen Satz von mir geklaut und angezogen, wie ein schönes neues Hemd!?

*

Weisst du, wann man gefühlsmäßig die größten Erwartungen an einen Anderen hat?

Wenn man selbst am wenigsten zu geben hat.

*

 Worte der Gräfin


13.7.13 12:16


Da knallen wir noch ein Überbein rein!

Seit einem Bandscheibenvorfall schleppte ich nicht nur ein taubes Schienbein mit mir herum, es erwischte mich auch alle nase lang im Kreuz. So gesehen waren Rückenschmerzen kein Grund zur besonderen Beunruhigung, doch an diesem Tag strahlte der Schmerz bis in den Oberschenkel, und das war neu. Es fühlte sich an, als wollte sich ein zusätzlicher Knochen in die Gelenkpfanne quetschen: Da knallen wir noch ein Überbein rein!

Ganglion-Style!

Ich zum Orthopäden, den Schaft offenlegen, maHaa! - ich bin aber auch zu gut drauf heute, astrein! Ich weiss, ich weiss, so was sagt heutzutage kein Mensch mehr, astrein, bis auf ein paar Unverbesserliche - und für Euch schreibe ich, ihr Jungens und ihr Mädchen! Ihr seid nicht allein!

Astrein!

Orthopädische Praxis, vierter Stock. Aus einem schnuckeligen kleinen Verschlag, in dem es lecker nach italienischem Kaffee duftete, war eine turbulente Gemeinschaftspraxis geworden, wo die Mineralwasser-Spender und Arzthelferinnen in allen Schattierungen und Gewichtsklassen herumstanden und schamlos vor sich hinbubbelten.

(Hoffentlich kommen die alle in die Hölle!)

ALLE!

Da zwei der drei Fachärzte krank bzw. außer Haus waren, wurde vorn an der Anmeldung alles abgewimmelt, was kein Notfall war bzw. keinen festen Termin vorzuweisen hatte.

"Ich bin ein Notfall", gab ich mich sofort zu erkennen und versuchte es mit einer speziell auf solche Fälle zugeschnittenen Leidensmiene, einer Kombination aus beleidigter Cherno Jobatey-Fresse und Peter Sloterdijks Mir tut der Arsch weh-Gesichtsausdruck.

"Ich hab schlimme Rückenschmerzen. Ich hatte vor zehn Jahren einen Bandschei.."

"Moment, Moment, junger Mann, Termine und Kontrollen gehen heute vor, da helfen keine noch so schlimmen Rückenschmerzen und Bandscheibenvorfälle. Vielleicht kommen Sie morgen wieder, dann ist unsere Mannschaft wieder vollzählig.."

"Ja, aber ich kann kaum noch auftreten..! Hier, sehen Sie.."

Ich humpelte im Kreis. Das sah nicht gut aus. Ein in der Mechanik streikendes Blechspielzeug. Eine total kaputte Micky Maus. Die Arzthelferin seufzte. Eine Kollegin kam vorbei, und seufzte. Sie schauten sich seufzend an.

Ich nahm im Wartezimmer Platz.

"Aber viel Zeit müssen Sie schon einkalkulieren."

Als müsse man das nicht sowieso. Doch ohne Strafe kommt man in diesem Leben kaum davon. Manchmal dauert es seine Zeit, bis die Strafe sich sehen lässt, und manchmal folgt sie auf dem Fuße: Im Anschluss an meine kleine Humpelei wurde jeder Patient, der nach mir die Praxis betrat, konsequent vor mir drangenommen, und das zwei Stunden lang und ohne Ausnahme.

Termingesichter, Zur-Kontrolle-Gesichter, Hüftoperierte.

Erst als sich der Wartebereich bis auf mich geleert hatte, Punkt zwölf Uhr, wurde ich in ein Behandlungszimmer geführt. Was nun nicht hiess, dass ich bald drankam. Ich wartete nur woanders.

"In fünf Minuten können Sie schon mal laangsam Hosen und Schuhe ausziehen."

Ich wartete eine Weile. Dann zog ich mich langsam aus und saß brav auf meinem Schemel. Ich stand auf. Ich ging zum Rechner und rief meine Patienten-Daten ab. Demnach war ich 1998 das letzte Mal hier gewesen. Wie die Zeit vergeht. Nur die aktuelle nicht. Die trat auf der Stelle.

Mein Bein schmerzte. Ich machte ein paar Schritte, blickte aus dem Fenster. Im Hof stand ein prächtiger roter Ahorn-Baum und leuchtete wie ein Hochofen, in dem Rücken-und Fußversehrte verbrannt wurden, denen nicht zu helfen war.

Ich hörte Schritte. Die Tür schnappte auf.

"Guten Morgen! Doktor Stefan Lausch mein Name!"

Volles Haar, sehniger Typ, Mitte dreißig, Sport-Mediziner. Sein Händedruck kam so prall rüber, als hätte er sich im Handballen ein Stück Kernseife eingenäht. Damit es direkt gut riecht, wenn er einem beim Händeschütteln die Knochen bricht. (Hoffentlich kommen die alle in die Hölle.)

"Was haben wir denn Schönes?"

Bevor ich antworten konnte, las er schon die in der Patientenmaske vermerkten Daten ab.

"Andreas Glumm, 48 Jahre alt, Bibliothekar.."

Bibliothekar? Har-har, na. Irgendetwas hatte ich ja angeben müssen, als Beruf. Womit man sein Geld verdient, und das war nun mal in der Bibliothek des Design-Instituts. Wo ich die Talente einsammelte, wie Geld in früheren Zeiten mal genannt wurde. Die Ziffern auf dem Kontoausdruck. Die Lohntüte. Kopeke für Kopeke. Mücken, Moneten.

"Und, wo brennt's? Akute Rückenbeschwerden..?"

Ich berichtete, welche Probleme mein Kreuz neuerdings machte. Zeigte dem Doc, wo es brannte. Das mit dem Überbein behielt ich für mich, Schulmediziner reagieren allergisch auf Schlußfolgerungen von Laien. Es folgte Gymnastik.Der Doktor wollte sehen, ob ich mit den Fingerspitzen den Boden erreichte. Tat es weh, wenn ich im Liegen die Beine durchdrückte? Oder das? Tat das vielleicht weh? Nein? Jetzt vielleicht? Und wenn ich so mache? Immer noch nicht? Und jetzt? Wie ist es jetzt!? TUT DAS WEH!??

"Nein. Eigentlich nicht."

Vielleicht hätte ich es nicht sagen sollen. Nicht so direkt. Ab jetzt war ich in seinen Augen ein Simulant, der einen gelben Schein abgreifen wollte. Jedenfalls tat er meine Vermutung, dass es sich um einen weiteren Bandscheibenvorfall handeln könnte, als unwahrscheinlich ab.

"Ich denke, es handelt sich um eine Wölbung der Bandscheiben. Was arbeiten Sie noch mal, was war das.. Bibilothekar..? Also überwiegend eine sitzende Tätigkeit. Hm. Schön. Na gut, na gut. Ich ziehe Sie diese Woche aus dem Verkehr und überweise Sie zum CT. Brauchen Sie was gegen Schmerzen? Soll ich Sie spritzen?"

Och, der Penner war ja doch ganz in Ordnung. So schnell hatte ich die Unterhose lange nicht unten.

"Gut so?" fragte ich scheinheilig und zog die Buxe weiter runter, angeblich um Platz für die schmerstillende Spritze zu schaffen, und tatsächlich: Sofort lugte die ansonsten im Hintergrund agierende Arzthelferin verstohlen zu mir rüber.

Luder!

Die soll bloß im Treppenhaus auf mich warten! Wenn ich es bis dahin schaffte, ohne zusammenzuklappen, verdammt.

Computer-Tomografie beim Radiologen, Die Praxis war gleich um die Ecke. Auf dem Weg dorthin hörte ich heisses Nudelwasser in meinem Kopf knistern. Oder war ich einfach nur nervös? Nervosität verursacht schon mal seltsame Geräusche, und es riecht lecker nach gebutterten Nudeln.

Radiologen-Praxis. Was heißt Praxis - ganzes Haus, drei Etagen. Abfertigung wie auf dem Flughafen, rüder Mammografie-Massenbetrieb. Kasernenhofton.

"Jacke und Hose aus, Schuhe aus. Wertsachen bitte in der Safe-Box verschließen. Dann hinsetzen. Ich hole Sie ab."

Als ich halbnackt auf dem Bänkchen Platz nahm, musste ich plötzlich pinkeln. Na toll. Hose wieder an, Schuhe wieder an, über den Flur zum Patienten-Klo, mit fliegenden Schnürsenkeln. Ich pisste wie eine Kuh im Stehen, die ganze Weide voll. Dann zurück durchs Wartezimmer, im Langlaufschritt, damit ich mir nicht auf die Schnürriemen trat und aufs Maul flog.

Die Kabine. Schuhe aus, Hose aus. Es roch schon ein bißchen nach mir.

Kaum saß ich auf dem Bänkchen, wurde mir kalt. Ich zog den Pullover an, und wie von unsichtbarer Hand wurde die Tür aufgeschoben, "Herr Glumm...?", und man führte mich in einen großen hellen Raum. War das warm hier. Ich sah einen stabilen Untersuchungstisch, der in einen großen Ring führte, dahinter die große weiße Maschine, deren Schlund offenstand und auf mich wartete.

"Einmal bitte hinlegen.."

Das Bedienpersonal sah aus, als wäre es an einem Mittwoch geboren worden. Seither war es mittwochs müde und wollte zurück ins Bett, schon am Morgen. Nun war es Mittwochmorgen, ein Mittwoch im Oktober. Das Personal war müde.

"Ist das warm hier", sagte ich, "da wird man ja müde", und zog den Pullover aus.

"Den können Sie hier ablegen", sagte die Sprechstundenhilfe. "Aber es lohnt eigentlich nicht. Können Sie in der Hand halten."

"Warum lohnt das nicht?"

"Dauert nur zwei Minuten."

"Nur zwei?"

"Ja. Zwei."

"Die in der Orthopädie haben was von zehn bis fünfzehn Minuten gesagt."

"Nur zwei Minuten. Kein Problem."

"Und mit dem Kopf muss ich nicht in der Röhre?"

"Nein." Sie zeigte mir die Apparatur. "Sie bleiben mit dem Kopf draußen, nur ihr Körper verschwindet da drin. Sind Sie schon mal operiert worden?"

"Nein."

"Gut. Dann legen Sie die Knie über das Kissen hier und entspannen sich."

Die Liege fuhr automatisch nach vorn, einen halben Meter, bis ich mit dem Kopf die Maschine erreichte. Es war, als würde der Rest meines Körpers in einen überdimensionierten Verlobungsring verschwinden. Kam jetzt etwa die langersehnte Verlobung zwischen mir und der Gerätemedizin?! Wurde ich endlich mit der Technik vermählt!? Mit dem Somaton CT: SENSATION 16! Um den Referenzpunkt festzulegen, wurde ich gelasert.

"Nicht in den Laserstrahl gucken!"

Viertelstunde später, Sprechzimmer. Einer der Radiologen, ein großer Kerl, grauer Kinnbart, hockte vor einer Batterie hochauflösender Monitore und teilte mir das vorläufige Ergebnis der CT-Untersuchung mit.

"Sie sind schon mal operiert worden?"

"Nein."

"Gut. Davon hab ich nämlich auch nichts sehen können."

Dann blickte er mir so ernst ins Gesicht, so grimmig, als hätte er soeben einen Zentner Krebs entdeckt. Extrem bösartig streuenden doppelten Arschlochkrebs.

"Man sieht deutlich die Wölbungen an den Bandscheiben, es scheint aber noch kein Prolaps zu sein."

"Kein Prolaps?"

"Kein Bandscheibenvorfall. Ich würde sagen, das kann noch konservativ behandelt werden."

"Konservativ?"

Er stöhnte leise und schnell. "Ja. Muss nicht operiert werden. Wenn Sie Glück haben."

"Wenn ich Glück habe?"

"Ja! Wenn Sie Glück haben! Und wenn Sie mich fragen, sehen Sie aus wie ein Glückspilz!"

Er kam mir vor wie ein Pilot, der Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat im engen Luftraum zwischen den Lendenwirbeln unterwegs ist und sich dabei langsam aber sicher mit den immergleichen vorläufigen Diagnosen zu Tode langweilt und die Schuld dafür seinen Patienten in den Rücken schiebt.

Er tippte mit dem Stift auf einen Monitor und sabbelte was von Schichtaufnahmen und Gallert-Flüssigkeit und einer dicken saftigen Apfelsine. Er zeigte mal hier hin, mal dort hin, erwähnte "unerwünschte Abnormitäten" und was weiß ich noch alles. Ich hörte kaum hin.

"Aber was letztlich bei Ihnen gemacht wird, entscheidet natürlich der Doktor..", er warf einen schnellen Blick auf mein Patientenblatt, ".. Doktor Lausch."

Als ich die Praxis verliess und nach Hause ging, fragte ich mich unterwegs, was er wohl mit Apfelsine gemeint haben könnte und warum er nicht Orange gesagt hatte, so wie jedermannn sonst heutzutage. Alle sagten doch Orange und nicht Apfelsine, und so gut wie niemand fand irgendetwas noch astrein.

Ja, so war das wohl, und ich wusste nicht richtig, warum.

24.7.13 12:13


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