Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Hotter than July, Susanne Eggert, 2013

2.7.13 14:36


Versehentlich, versteht sich

Vor dem Essen ging ich mit dem Hund in den Wald und pinkelte mir übers Notizbuch. Aus Versehen natürlich, doch was heißt das schon. Passiert ist passiert, gepisst ist gepisst.

Man muss so etwas nicht erzählen, natürlich nicht, ist ja peinlich irgendwie, sich übers Notizbuch zu schiffen, das kann man auch (sehr) schön für sich behalten. Das muss man nicht erzählen, nur weil es passiert ist. Das Leben ist keine Erzähldiktatur.

Es gibt keinen Strafbefehl, wenn du das für dich behältst, nicht mal die Bußgeldstelle schickt einen Bescheid heraus. Du kannst alles schön für dich behalten, was schiefläuft im Leben, die kleinen Niederlagen, all das Malheur.

Wenn dir das lieber ist.

Allerdings erlangst du keine Klarheit, wenn du Pleiten verschweigst. Wenn du nicht berichtest, was daneben gegangen ist und warum, mit all den Nebensätzen und dem einen Semikolon.

Der Mensch erzählt aus seiner Vergangenheit, weil er sich nie ganz sicher sein kann, was passiert ist. Er mag dabeigewesen sein, oft sogar als zentrale Gestalt, doch Dabeisein ist nicht alles. Dabeisein ist kein Wert an sich. Es zeigt nur den Ausschnitt, den dein kleiner Blickwinkel dir gestattet. Erst durch Erinnern, durch Erzählen wird das Gewesene neu arrangiert, neu bewertet, wird Vergangenheit wieder Gegenwart und man erkennt: Das war ja gar nicht so. Das war ganz anders.

Man ist ja eigentlich ein Anderer.

Und die wirklich wichtigen Dinge werden dir erst klar, wenn du sie wie nebenbei erwähnst - aber das nur am Rande.

Was nun das Notizbuch betrifft und das damit zusammenhängende Malheur, das hat mit einem Foto zu tun. Ein Foto, das mein Vater mir gegeben hatte, vormittags, als wir nach dem Großeinkauf im Groka noch auf einen Kaffee bei meinen Eltern blieben, die Gräfin und ich.

Das Foto, ein Schnappschuss, zeigt mich bei einer Familienfeier. Ich schätze, es war die Goldene Hochzeit meiner Eltern. Ich schien nicht gewusst zu haben, dass ich fotografiert werde. (Von daher vermute ich, dass mein Bruder seine Finger im Spiel hatte und knipste.) Ich bin ziemlich blass auf dem Bild, in der Hand die unvermeidliche Fluppe und am Leib das orangefarbene Frotteehemd, das heute noch im Schrank überm Bügel hängt und gelegentlich im Sommer zum Einsatz kommt, wenn es am Abend abkühlt.

“Ich hab das Bild unter meinen Sachen gefunden. Willst du es haben?” fragte mein Vater.

Ich konnte mich nicht erinnern, je ein Foto von ihm direkt in die Hand geschenkt bekommen zu haben, also sagte ich “ja klar” und liess es in meinem Notizbuch verschwinden. Steckte es zwischen die Seiten, irgendwo nach hinten. Dann wurde mir etwas schummrig, weil ich plötzlich das Gefühl hatte, Vater könnte am nächsten Tag tot sein und das Foto eine Art Abschiedsgeschenk, eine letzte Geste, doch so schnell, wie das Gefühl angeflogen kam, war es auch wieder im Körbchen. Dann fuhren wir mit dem Auto heim.

Während die Gräfin in Ruhe das Mittagessen zubereitete, sie kocht gern, Kochen ist für sie Entspannung, wie Malen, "und man kann es hinterher sogar aufessen!", ging ich mit dem Hund raus, wir nahmen den Zedernweg. Der ist eng und kurvig und führt ins Grüne, flankiert von der üblichen Krähenprozession und einem Himmel, so durchgängig blau, als habe ein Malermeister den ganz dicken Pinsel rausgeholt:

"BLAU BLAU WIE ICH BIN!"

Weil ich pinkeln musste, verdrückte ich mich ins Gebüsch gegenüber der Kuhweide, wo sich jedes Jahr im Mai eine Hundertschaft wilder Narzissen formiert, wie Gefreite, die sich auf dem Kasernenhof sammeln: Wild gestanden! Und wo ich mir schliesslich fleißig übers Notizbuch schiffte, aus Versehen, versteht sich. Aber was heisst das schon. Ich hätte das Notizbuch beim Pinkeln ja nicht unbedingt in der (anderen) Hand halten müssen, oder? Ist doch so.

Komisches Versehen.

Später, beim Mittagessen, musste ich an die Situation im Wald denken, und jetzt erst fiel mir das Foto ein. Das steckte ja noch im Notizbuch! Hoffentlich hatte ich es nicht befleckt! Eingesaut! Durchnässt!

Ich ließ die Salzkartoffel sinken, und stand auf.

“Was ist los? Wo willst du hin?"

Ich ging in den Flur, zur Garderobe, und nahm die Jacke vom Haken. Suchte das Notizbuch. Ich blätterte und blätterte, doch da war kein Bild.

“Mist. Ich hab es verloren.”

Ein schlechtes Omen. Ich meine, da schenkte mir mein Vater schon mal etwas und ich hatte nichts besseres zu tun, als es direkt wieder zu verlieren. Vermutlich irgendwo am Zedernweg, in dem Moment, als ich das Notizbuch kurz aus der Tasche geholt hatte, um einen Gedanken zu notieren, den die Welt braucht. Ich schnappte mir den verdutzten Hund (was denn? was denn? schon wieder vor die Tür?) und rollte den Fall in entgegengesetzter Richtung auf: Wo ich zuletzt herspaziert war, ging ich nun zuerst her.

Und tatsächlich, das Foto lag ungefähr an der Stelle, wo ich es vermutet hatte, obenauf im Laub. Es war sogar trocken geblieben, obwohl in der Zwischenzeit ein wuchtiger kleiner Regenschauer heruntergekommen war, doch das Kodak-Papier lag günstig im Schutz immergrüner Tannen. Es lag da wie eben erst geschenkt bekommen.

Und was nun das fehlgeleitete Strullern betrifft: Während der Hund (vorm Mittagessen) im Gehölz gestöbert hatte, die Nase am Boden wie ein Trüffelschwein, hatte ich im Stehen mit dem rechten Daumen den Bund meiner Jogginghose heruntergezogen und es locker laufen und plätschern lassen, während ich in der anderen Hand das Notizbuch hielt, in der Mitte aufgeschlagen, in Augenhöhe: Ich las, was ich so notiert hatte, dann liess ich das Buch sinken, und dachte nach. Oder ich dachte nicht nach und pinkelte einfach nur drauflos. Strullerte. Schiffte. Harnte. Pieselte, pullerte, miktierte. Liess Wasser. Machte Lulu.

Trat aus.

Da hörte ich es. Es war kein dunkler liquider Ton, so wie es klingt, wenn Flüssigkeit auf Waldboden trifft, es war mehr ein verräterisches helles Planschen, so als besudelte ich ein fröhliches Damenkränzchen. Dummerweise war es nur mein altes Notizbuch. Und im selben Moment sah ich es auch schon die linierten Seiten herunterrinnen, es sickerte und tropfte ins Papier, ganze Sätze wurden nass, Halbsatzkolonnen, okkerfarbene Kommata - ich konnte es kaum fassen.

Das Foto hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon verloren, es steckte nicht mehr im Notizbuch, zum Glück! Sonst hätte ich mir womöglich noch über die eigene Fresse gesickt! Ich meine! Herrschaftszeiten! Unschön! Uncool! Untrocken!

Am folgenden Tag kamen wir zufällig bei Papierwaren Göring vorbei, in der ganzen Stadt für die schicksten Notizbücher bekannt.

“Halt an, ich brauch ein neues Notizbuch.”

“Was denn, schon wieder?” fragte die Gräfin verwundert. "Hast doch letztens erst ein neues angebrochen. Ist das schon wieder voll?

“Sozusagen", antwortete ich. "Ja. Ist voll.”

9.7.13 17:25


Mann Mann Mann! Ist das Leben ein Job! - Die Gräfin spricht es aus

In diesem Land ist man nur Mensch, wenn man sich definiert. Einfach nur Menschsein reicht nicht. Das stresst.

*

Je lauter die Angst in einem sitzt, desto weniger ist von aussen zu hören.

*

Dumme überflüssige unangenehme Dinge sollten pro Tag nicht mehr als eine halbe Stunde Licht kriegen.

*

Wenn ich in der Stadt unterwegs bin und mir so die Gesichter anschaue, dann sehe ich nichts als Angst. Die Leute haben eine Angst, als drohten sie jeden Moment zu ertrinken. Da draussen ist die totale Evolution in Gange. Da draussen liebt dich niemand.

*

Verflucht. Wenn ich jetzt noch zwei Kilo zulege, kann ich einen Rundgang durch mein Fett anbieten.

*

Mann Mann Mann! Ist das Leben ein Job!

*

Neues Schuljahr! Der Geruch neuer Bücher! Was hab ich mich als Kind immer gefreut, wenn das ganze Klassenzimmer nach neuen Schulbüchern duftete!

*

Die sollen endlich mal Fleisch erfinden, das man nicht erst töten muss, um es essen zu können.

*

Du hast einen langen Atem, du sitzt sogar die Götter aus. Das mus man erst mal hinkriegen, als Sterblicher.

*

Ich hab die besseren sozialen Sätze als du!

*

Na, hast du dir wieder einen Satz von mir geklaut und angezogen, wie ein schönes neues Hemd!?

*

Weisst du, wann man gefühlsmäßig die größten Erwartungen an einen Anderen hat?

Wenn man selbst am wenigsten zu geben hat.

*

 Worte der Gräfin


13.7.13 12:16


Da knallen wir noch ein Überbein rein!

Seit einem Bandscheibenvorfall schleppte ich nicht nur ein taubes Schienbein mit mir herum, es erwischte mich auch alle nase lang im Kreuz. So gesehen waren Rückenschmerzen kein Grund zur besonderen Beunruhigung, doch an diesem Tag strahlte der Schmerz bis in den Oberschenkel, und das war neu. Es fühlte sich an, als wollte sich ein zusätzlicher Knochen in die Gelenkpfanne quetschen: Da knallen wir noch ein Überbein rein!

Ganglion-Style!

Ich zum Orthopäden, den Schaft offenlegen, maHaa! - ich bin aber auch zu gut drauf heute, astrein! Ich weiss, ich weiss, so was sagt heutzutage kein Mensch mehr, astrein, bis auf ein paar Unverbesserliche - und für Euch schreibe ich, ihr Jungens und ihr Mädchen! Ihr seid nicht allein!

Astrein!

Orthopädische Praxis, vierter Stock. Aus einem schnuckeligen kleinen Verschlag, in dem es lecker nach italienischem Kaffee duftete, war eine turbulente Gemeinschaftspraxis geworden, wo die Mineralwasser-Spender und Arzthelferinnen in allen Schattierungen und Gewichtsklassen herumstanden und schamlos vor sich hinbubbelten.

(Hoffentlich kommen die alle in die Hölle!)

ALLE!

Da zwei der drei Fachärzte krank bzw. außer Haus waren, wurde vorn an der Anmeldung alles abgewimmelt, was kein Notfall war bzw. keinen festen Termin vorzuweisen hatte.

"Ich bin ein Notfall", gab ich mich sofort zu erkennen und versuchte es mit einer speziell auf solche Fälle zugeschnittenen Leidensmiene, einer Kombination aus beleidigter Cherno Jobatey-Fresse und Peter Sloterdijks Mir tut der Arsch weh-Gesichtsausdruck.

"Ich hab schlimme Rückenschmerzen. Ich hatte vor zehn Jahren einen Bandschei.."

"Moment, Moment, junger Mann, Termine und Kontrollen gehen heute vor, da helfen keine noch so schlimmen Rückenschmerzen und Bandscheibenvorfälle. Vielleicht kommen Sie morgen wieder, dann ist unsere Mannschaft wieder vollzählig.."

"Ja, aber ich kann kaum noch auftreten..! Hier, sehen Sie.."

Ich humpelte im Kreis. Das sah nicht gut aus. Ein in der Mechanik streikendes Blechspielzeug. Eine total kaputte Micky Maus. Die Arzthelferin seufzte. Eine Kollegin kam vorbei, und seufzte. Sie schauten sich seufzend an.

Ich nahm im Wartezimmer Platz.

"Aber viel Zeit müssen Sie schon einkalkulieren."

Als müsse man das nicht sowieso. Doch ohne Strafe kommt man in diesem Leben kaum davon. Manchmal dauert es seine Zeit, bis die Strafe sich sehen lässt, und manchmal folgt sie auf dem Fuße: Im Anschluss an meine kleine Humpelei wurde jeder Patient, der nach mir die Praxis betrat, konsequent vor mir drangenommen, und das zwei Stunden lang und ohne Ausnahme.

Termingesichter, Zur-Kontrolle-Gesichter, Hüftoperierte.

Erst als sich der Wartebereich bis auf mich geleert hatte, Punkt zwölf Uhr, wurde ich in ein Behandlungszimmer geführt. Was nun nicht hiess, dass ich bald drankam. Ich wartete nur woanders.

"In fünf Minuten können Sie schon mal laangsam Hosen und Schuhe ausziehen."

Ich wartete eine Weile. Dann zog ich mich langsam aus und saß brav auf meinem Schemel. Ich stand auf. Ich ging zum Rechner und rief meine Patienten-Daten ab. Demnach war ich 1998 das letzte Mal hier gewesen. Wie die Zeit vergeht. Nur die aktuelle nicht. Die trat auf der Stelle.

Mein Bein schmerzte. Ich machte ein paar Schritte, blickte aus dem Fenster. Im Hof stand ein prächtiger roter Ahorn-Baum und leuchtete wie ein Hochofen, in dem Rücken-und Fußversehrte verbrannt wurden, denen nicht zu helfen war.

Ich hörte Schritte. Die Tür schnappte auf.

"Guten Morgen! Doktor Stefan Lausch mein Name!"

Volles Haar, sehniger Typ, Mitte dreißig, Sport-Mediziner. Sein Händedruck kam so prall rüber, als hätte er sich im Handballen ein Stück Kernseife eingenäht. Damit es direkt gut riecht, wenn er einem beim Händeschütteln die Knochen bricht. (Hoffentlich kommen die alle in die Hölle.)

"Was haben wir denn Schönes?"

Bevor ich antworten konnte, las er schon die in der Patientenmaske vermerkten Daten ab.

"Andreas Glumm, 48 Jahre alt, Bibliothekar.."

Bibliothekar? Har-har, na. Irgendetwas hatte ich ja angeben müssen, als Beruf. Womit man sein Geld verdient, und das war nun mal in der Bibliothek des Design-Instituts. Wo ich die Talente einsammelte, wie Geld in früheren Zeiten mal genannt wurde. Die Ziffern auf dem Kontoausdruck. Die Lohntüte. Kopeke für Kopeke. Mücken, Moneten.

"Und, wo brennt's? Akute Rückenbeschwerden..?"

Ich berichtete, welche Probleme mein Kreuz neuerdings machte. Zeigte dem Doc, wo es brannte. Das mit dem Überbein behielt ich für mich, Schulmediziner reagieren allergisch auf Schlußfolgerungen von Laien. Es folgte Gymnastik.Der Doktor wollte sehen, ob ich mit den Fingerspitzen den Boden erreichte. Tat es weh, wenn ich im Liegen die Beine durchdrückte? Oder das? Tat das vielleicht weh? Nein? Jetzt vielleicht? Und wenn ich so mache? Immer noch nicht? Und jetzt? Wie ist es jetzt!? TUT DAS WEH!??

"Nein. Eigentlich nicht."

Vielleicht hätte ich es nicht sagen sollen. Nicht so direkt. Ab jetzt war ich in seinen Augen ein Simulant, der einen gelben Schein abgreifen wollte. Jedenfalls tat er meine Vermutung, dass es sich um einen weiteren Bandscheibenvorfall handeln könnte, als unwahrscheinlich ab.

"Ich denke, es handelt sich um eine Wölbung der Bandscheiben. Was arbeiten Sie noch mal, was war das.. Bibilothekar..? Also überwiegend eine sitzende Tätigkeit. Hm. Schön. Na gut, na gut. Ich ziehe Sie diese Woche aus dem Verkehr und überweise Sie zum CT. Brauchen Sie was gegen Schmerzen? Soll ich Sie spritzen?"

Och, der Penner war ja doch ganz in Ordnung. So schnell hatte ich die Unterhose lange nicht unten.

"Gut so?" fragte ich scheinheilig und zog die Buxe weiter runter, angeblich um Platz für die schmerstillende Spritze zu schaffen, und tatsächlich: Sofort lugte die ansonsten im Hintergrund agierende Arzthelferin verstohlen zu mir rüber.

Luder!

Die soll bloß im Treppenhaus auf mich warten! Wenn ich es bis dahin schaffte, ohne zusammenzuklappen, verdammt.

Computer-Tomografie beim Radiologen, Die Praxis war gleich um die Ecke. Auf dem Weg dorthin hörte ich heisses Nudelwasser in meinem Kopf knistern. Oder war ich einfach nur nervös? Nervosität verursacht schon mal seltsame Geräusche, und es riecht lecker nach gebutterten Nudeln.

Radiologen-Praxis. Was heißt Praxis - ganzes Haus, drei Etagen. Abfertigung wie auf dem Flughafen, rüder Mammografie-Massenbetrieb. Kasernenhofton.

"Jacke und Hose aus, Schuhe aus. Wertsachen bitte in der Safe-Box verschließen. Dann hinsetzen. Ich hole Sie ab."

Als ich halbnackt auf dem Bänkchen Platz nahm, musste ich plötzlich pinkeln. Na toll. Hose wieder an, Schuhe wieder an, über den Flur zum Patienten-Klo, mit fliegenden Schnürsenkeln. Ich pisste wie eine Kuh im Stehen, die ganze Weide voll. Dann zurück durchs Wartezimmer, im Langlaufschritt, damit ich mir nicht auf die Schnürriemen trat und aufs Maul flog.

Die Kabine. Schuhe aus, Hose aus. Es roch schon ein bißchen nach mir.

Kaum saß ich auf dem Bänkchen, wurde mir kalt. Ich zog den Pullover an, und wie von unsichtbarer Hand wurde die Tür aufgeschoben, "Herr Glumm...?", und man führte mich in einen großen hellen Raum. War das warm hier. Ich sah einen stabilen Untersuchungstisch, der in einen großen Ring führte, dahinter die große weiße Maschine, deren Schlund offenstand und auf mich wartete.

"Einmal bitte hinlegen.."

Das Bedienpersonal sah aus, als wäre es an einem Mittwoch geboren worden. Seither war es mittwochs müde und wollte zurück ins Bett, schon am Morgen. Nun war es Mittwochmorgen, ein Mittwoch im Oktober. Das Personal war müde.

"Ist das warm hier", sagte ich, "da wird man ja müde", und zog den Pullover aus.

"Den können Sie hier ablegen", sagte die Sprechstundenhilfe. "Aber es lohnt eigentlich nicht. Können Sie in der Hand halten."

"Warum lohnt das nicht?"

"Dauert nur zwei Minuten."

"Nur zwei?"

"Ja. Zwei."

"Die in der Orthopädie haben was von zehn bis fünfzehn Minuten gesagt."

"Nur zwei Minuten. Kein Problem."

"Und mit dem Kopf muss ich nicht in der Röhre?"

"Nein." Sie zeigte mir die Apparatur. "Sie bleiben mit dem Kopf draußen, nur ihr Körper verschwindet da drin. Sind Sie schon mal operiert worden?"

"Nein."

"Gut. Dann legen Sie die Knie über das Kissen hier und entspannen sich."

Die Liege fuhr automatisch nach vorn, einen halben Meter, bis ich mit dem Kopf die Maschine erreichte. Es war, als würde der Rest meines Körpers in einen überdimensionierten Verlobungsring verschwinden. Kam jetzt etwa die langersehnte Verlobung zwischen mir und der Gerätemedizin?! Wurde ich endlich mit der Technik vermählt!? Mit dem Somaton CT: SENSATION 16! Um den Referenzpunkt festzulegen, wurde ich gelasert.

"Nicht in den Laserstrahl gucken!"

Viertelstunde später, Sprechzimmer. Einer der Radiologen, ein großer Kerl, grauer Kinnbart, hockte vor einer Batterie hochauflösender Monitore und teilte mir das vorläufige Ergebnis der CT-Untersuchung mit.

"Sie sind schon mal operiert worden?"

"Nein."

"Gut. Davon hab ich nämlich auch nichts sehen können."

Dann blickte er mir so ernst ins Gesicht, so grimmig, als hätte er soeben einen Zentner Krebs entdeckt. Extrem bösartig streuenden doppelten Arschlochkrebs.

"Man sieht deutlich die Wölbungen an den Bandscheiben, es scheint aber noch kein Prolaps zu sein."

"Kein Prolaps?"

"Kein Bandscheibenvorfall. Ich würde sagen, das kann noch konservativ behandelt werden."

"Konservativ?"

Er stöhnte leise und schnell. "Ja. Muss nicht operiert werden. Wenn Sie Glück haben."

"Wenn ich Glück habe?"

"Ja! Wenn Sie Glück haben! Und wenn Sie mich fragen, sehen Sie aus wie ein Glückspilz!"

Er kam mir vor wie ein Pilot, der Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat im engen Luftraum zwischen den Lendenwirbeln unterwegs ist und sich dabei langsam aber sicher mit den immergleichen vorläufigen Diagnosen zu Tode langweilt und die Schuld dafür seinen Patienten in den Rücken schiebt.

Er tippte mit dem Stift auf einen Monitor und sabbelte was von Schichtaufnahmen und Gallert-Flüssigkeit und einer dicken saftigen Apfelsine. Er zeigte mal hier hin, mal dort hin, erwähnte "unerwünschte Abnormitäten" und was weiß ich noch alles. Ich hörte kaum hin.

"Aber was letztlich bei Ihnen gemacht wird, entscheidet natürlich der Doktor..", er warf einen schnellen Blick auf mein Patientenblatt, ".. Doktor Lausch."

Als ich die Praxis verliess und nach Hause ging, fragte ich mich unterwegs, was er wohl mit Apfelsine gemeint haben könnte und warum er nicht Orange gesagt hatte, so wie jedermannn sonst heutzutage. Alle sagten doch Orange und nicht Apfelsine, und so gut wie niemand fand irgendetwas noch astrein.

Ja, so war das wohl, und ich wusste nicht richtig, warum.

24.7.13 12:13


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