Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Weisheit No. 7

Um zusammenzustoßen

reicht ein Ignorant.

3.6.13 14:11


Blut und Haare

Mein Vater ist gestürzt. In der Küche. Keiner weiss, wann genau es passierte und wie es passierte, aber eins steht fest: Er hat sich die Mühe gemacht, das Blut vom Fußboden aufzuwischen, sobald er wieder auf den Beinen war - bis auf einen kleinen rotebetegroßen Rest, den ich schliesslich entdecke.

Ich komme Nachmittags mit dem Hund zur Schillerstrasse, und wie immer in letzter Zeit liegt Vater im Esszimmer auf der Couch und schläft tief und fest. Es ist ein kleines Ritual geworden, dass ich in solch einer Situation erstmal in gut ein, zwei Meter Abstand stehen bleibe und die Decke beobachte, ob sie sich bewegt, mich im Takt der Atmung kurz vergewissere, ob er noch lebt.

Er lebt, er ist nicht tot. Er atmet, er liegt tief vergraben in den sich bewegenden Decken, tiefer vergraben als sonst schon, trotz der frühsommerlichen Hitze in der Dachwohnung. Eigentlich ist nur sein Kopf zu sehen, er ragt hervor, sein weisses Haar, blutverschmiert. Eine Platzwunde. Ein Batzen Blut an der Schläfe.

Ach, du Scheisse! sag ich - erst zu mir, dann laut ins Zimmer. Ich beuge mich zu ihm herunter, nehme die Wunde in Augenschein. Viel weisses Haar ist an dieser Stelle, verklebt mit Blut. Was darunter los ist, lässt sich so nicht feststellen.

Es heisst erstmal, den alten Mann wach zu bekommen, ohne ihn zu Tode zu erschrecken. Wie oft haben wir es schon erlebt, dass ich ihn wecke und er fast einen Schlag kriegt, wenn er die Augen aufmacht und es steht plötzlich jemand vor seiner Schlafcouch, den er nicht kommen gehört hat. Auch wenn es sein Sohn ist: im ersten Moment, im Auftauchen aus tieferen Traumschichten, bin ich zunächst ein Fremder, einer, der ihn überfällt.

("Hast du mich erschreckt..!" ist stets sein erster vorwurfsvoller Satz. "Das kannst du doch nicht machen!" Wie ich es machen soll, das hat er mir freilich auch noch nie gesagt.)

Wie also kriegt man einen schwerhörigen alten Mann, Pflegestufe 1, aus seinem Mittagsschläfchen? Ich ermuntere den Hund laut zu bellen, was er nicht kapiert, weil ich ihm das Bellen sonst ständig untersage, ganz besonders in diesen Räumen. Ich zupfe unschlüssig an der Decke, bringt natürlich nichts, der Schlaf ist sein mächtiger Altersbegleiter, was hilft da ein bisschen unschlüssig an der Decke zupfen. 

Ich geh in die Küche und fahre in breiter Front auf: das Pfeifen des Wasserboilers, sobald Wasser kocht, das Gebell des Hundes, sobald er das Pfeifen des Boilers hört, und das Wegreissen der Tagesdecke von seinem Leib:

Sofort ist Vater hellwach, mit schreckensweit geöffneten Augen. "WAS IST LOS..?!" keucht er, aus dem Nachmittags-Traum gerissen. 

"Na, das frag ich dich..", sag ich.

"WAS??!"

"DAS FRAG ICH DICH, WAS LOS IST! WAS HAST DU DENN DA AM KOPF GEMACHT?"

Er sitzt halb auf dem Sofa, halb hängt er durch. Er winkt ab.

"Weiss ich auch nicht, was da passiert ist.."

Er wendet sich verschlafen dem Hund zu, versucht das Thema nicht weiter zu berühren, "na, Frau Moll, wo warst du denn?", doch keine Chance, ich nagele ihn fest.

"Bist du hingefallen?"

"WAS?!"

"OB DU GESTÜRZT BIST! DU HAST EINE DICKE PLATZWUNDE AM KOPF!"

Er nickt müde. Seine Augen sind 87jährige Doppeldecker, die den Himmel schon so oft abgeflogen sind, sie kennen jeden noch so kleinen Winkel und jedes noch so feindliche Luftschiff.

"WO IST DAS PASSIERT?"

Er weiss es nicht. Nein, er kann sich nicht erinnern. Ich schau mir die blutverklebte, fünfmarkstückgrosse Wunde aus der Nähe an. Das Blut ist schon getrocknet, man weiss nicht, was darunter los ist. Vielleicht hat er eine Gehirnerschütterung. Aber ihm ist nicht übel, er hat kein Kopfweh, der Schwindel ist nicht unüblich.

Um rekonstruieren zu können, was geschehen ist, klappere ich die Wohnung ab, lauf durch die Zimmer, und finde tatsächlich den Blutfleck auf dem Küchenboden.

"Du bist in der Küche gestürzt", sag ich und hole eine Schüssel warmes Wasser und einen Waschlappen. Vater sitzt auf dem Sofa, ein Häufchen Elend. Ein Häufchen Blut und Haare. Er schaut mich an, aus grossen ängstlichen Peter Lorre-Augen.

"Was ist los?"

"Ich versuch das Blut abzu.."

"WAS?!"

"ICH VERSUCH DAS BLUT ABZUWASCHEN."

Ein aussichtsloses Unterfangen. Die Kruste ist bereits zu fest, zu dick. Es gelingt mir zwar, sie ein wenig aufzuweichen, doch dann beginnt die Wunde wieder leicht zu bluten, und ich breche den Versuch ab, zumal das viele Haar an der Schläfe stört.

"Was machen wir denn jetzt mit dir?"

"Weiss ich auch nicht."

Manchmal bin ich überrascht, welch leise gesprochene Sätze er auf Anhieb versteht. 

 

- Forsetz. -

11.6.13 18:08


Die Gräfin spricht es aus und ich steh wie zufällig mit dem Notizbuch in der Nähe und notiere (2)

He! Notier mich nicht immer!

*

Abends im Bett liegen und seine Lieblings-TV-Serie gucken ist das gleiche, als kämen gute Freunde zu Besuch, aber mit einem feinen Unterschied: Man kann sie leiser stellen, wenn sie nerven.

*

He! Hast du das gesehen!? Das Ausrufezeichen wirft seinen Punkt weg!

*

(Ich bin ein grosser Freund amerikanischer Schriftsteller wie John Fante und Charles Bukowski, ich liebe die frühen Rabbit-Romane von John Updike, ich hab alle Stadtgeschichten von Armistead Maupin hintereinander weggelesen, ohne mich gross zu langweilen, ich verehre John Steinbeck und Richard Brautigan, der im winzigsten Ein-Flocken-Schneesturm der Geschichte verloren geht, als wäre es das Normalste der Welt, doch was mir schon immer gegen den Strich ging, einfach weil es in jedem Roman vorkommt, der den letzten hundert Jahren aus Amerika gekommen ist: Spätestens auf Seite 10 wird ein scheiß Drink gemixt.

"Sie mixte sich einen Drink."

Das ist weiter nicht schlimm, ich weiss. Und natürlich nimmt auch der amerikanischste All American Boy schon mal einen Schluck Bier aus der Bierflasche oder er reisst eine eisgekühlte Dose Coke auf, keine Frage, doch sobald es darum geht, in Chicago den Feierabend einzuläuten oder die Zigarette danach abzurunden, wird ein Longdrink gekippt, egal ob in Unter-, Mittel- oder  Oberschichts-Amerika.

In Deutschland dagegen, wo kaum jemand als John, Jack oder Jay-Jay geboren wird, ist diese Form der kollektiven Alltagsbewältigung lediglich aus alten Derrick-Folgen bekannt, wenn der mit Lachgas mordende Zahnarzt nervös am Whiskey nippt während eine Hundertschaft übermüdeter LKA-Beamten um ihn herumwuselt.

Oder man kennt es im wahren Leben aus den ausklappbaren Schrankbars eichedominierter Wohnzimmer, wo der Scotch und der Dujardin in klebrigen, gläsernen Karaffen vor sich hindämmert, und das schon seitdem der letzte Alkoholiker der Familie das Trinken aufgeben musste undsoweiter.

Und in Amerika? Jäten sich sogar die Gärtner abends auf Seite 23 durch eine schöne Pina Colada.)

 *

Morgan Freeman wird mit jedem Lebensjahr und jedem Film weisser.

Das liegt daran, dass er so weiss denkt.

*

 

Weisst du was? Spüli, Zahnpasta und Maggi haben etwas gemeinsam. Man denkt wochenlang, jetzt gleich ist die Flasche oder die Tube am Ende, da kommt nichts mehr, aber kaum kauft man Nachschub, hält die alte Pulle plötzlich noch einen Monat.

*

Kochen ist wie malen. Man hat sämtliche Zutaten vor sich, mischt alles zusammen, Deckel drauf - fertig ist das Bild. Und man kann es sogar noch essen! Spitzenmäßig!

*

Warum Männer so gern viele Kumpel haben? Dann fällt es nicht ganz so auf, wie blöd sie sind.

 *

 

 

 

 Susanne Eggert - http://citronenbusen.de.tl/

12.6.13 16:35


Mein Vater, mein Vater! Sein Auge!

Dass ich nie den Lappen gemacht habe, verfolgte mich lange Zeit bis tief in meine Träume. Nacht für Nacht sah ich mich hinterm Steuer, ich fuhr zur Arbeit, ich war ein normaler Mann, der wusste, wo man 60er Tankstutzen zum Einlöten in den Tank herbekommt. Im Traum führte ich ein selbstbestimmtes Leben, ein Leben mit Dieselpreisen, Motorenlärm und Fußgängern, die bei Rot über die Ampel schreiten, als wären sie Gottes einziges Werk:

ICH HUP EUCH KAPUTT!

Tja, war wohl nichts.

“Sei doch froh. Irgendwann will man überall dazugehören. Man wird regelrecht krank, wenn man nicht dazugehört. Mit dem Führerschein fängts an, dann heiratet man, zuletzt schreibt man ein Kochbuch", so die Gräfin. Eine lebenskluge Frau. Ich vertraue ihr. "Da kann man von Glück reden, wenn man erst gar nicht anfängt, dazugehören zu wollen, aus welchen Gründen auch immer.”

Na, das klang gut, das klang nach Anderssein, nach Kampf dem bloßen Funktionieren, auch wenn die Wahrheit eher schlicht daherkam: Ich hatte einfach keinen Nerv auf Gegenverkehr. Das stürmte und wuselte mir alles zu sehr auf der entgegenkommenden Spur, wenn ich mit der Fahrschule unterwegs war. Mir ging immer die Muffe, dass mein Gegenüber es nicht schafft, an mir vorbeizukommen, dass er mich frontal rasiert und ich hernach nicht mehr so schön aussehe und keine Frau mehr abkriege.

Ich hätte einer der ersten Automobilisten sein müssen, die ums Jahr 1900 herum die Straße noch für sich hatten, dann hätte das mit dem Lappen geklappt, das wäre in Ordnung gewesen. (Auch wenn ich dann mit der Tin Lizzy freihändig und bis zum Kragen abgefüllt mit Hustensaft von Bayer gegen den einzigen Baum weit und breit gedonnert wäre, logisch.)

Punktum, für den Führerschein hätte ich entschieden mehr Platz im Strassenverkehr gebraucht, ich teile vorhandene Enge nur sehr ungern.

Wenig Platz, pff! - wer braucht denn so was.

Selbst dem Universum, wo man denken könnte, das ist riesig, das hat wirklich genug Platz da oben, selbst dem Universum ist es zu eng, ja, es expandiert sogar täglich, wenn meine Beobachtungen stimmen. Freilich um irgendwann lautstark in sich zusammenzufallen.

Ist klar.

Mittlerweile ist mir das Autofahren verhasst. Der Lärm, die ständige Lebensgefahr, die Beschleunigung bis aufs Blut. Selbst als Beifahrer besteige ich solch ein schnelles Fahrzeug nur noch, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

Mitte Juli war es wieder mal soweit. Es liess sich nicht vermeiden, ich nahm auf dem Beifahrersitz Platz, da die Gräfin und ich an der Reihe waren, meinen alten Vater aus der Augenklinik in Wuppertal abzuholen.

Grauer Star, Staroperation.

Die trübe Linse wird aus dem Auge entfernt und durch eine Intraocularlinse aus Kunststoff ersetzt. Dann kann man wieder aus der Wäsche gucken, hatte der Arzt gelacht. Dann ist der Vorhang wieder weg.

Ein total witziger Arzt. Ich hatte mit ihm telefoniert und dabei einen Stand up Comedian vor mir gesehen, der sich beim Abschaben der Netzhaut tolle Gags ausdenkt, mit denen er sein Publikum am Abend zur Raserei treiben will. Hoffentlich ist bald Feierabend, denkt so ein Arzt mit hoher Wahrscheinlichkeit, während er Netzhaut abschabt, ich hab heut super Witze drauf.

Nach dem Eingriff, so hiess es, müsse mein Vater eine Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus verbringen, doch schon am nächsten Vormittag, unmittelbar nach der Chef-Visite, könnten wir ihn abholen. Man würde uns anrufen, wenn es soweit wäre. Ja, wir könnten uns darauf verlassen. Kein Thema.

Wenn ich kein Thema höre, ist eigentlich schon klar, was Thema wird. Am nächsten Morgen saßen wir zu Hause und warteten auf den Anruf. Ein heisser Tag. Subtropisch fast. So hoch die Luftfeuchtigkeit, als würde man mit einem Fisch im Gesicht rumsitzen. Und kein Anruf. Nicht um neun, nicht um halb zehn.

Ruf da mal an, sagte die Gräfin.

Warum..? Die haben doch gesagt, die rufen an.

Schon, aber du weißt doch, wie das heute ist. Die eine Hand weiß nicht, was die andere Hand tut. Beziehungsweise, die eine Hand weiss gar nicht, ob es noch eine zweite Hand gibt.

Eine kluge Frau, aber nicht immer verstehe ich auf Anhieb, wie sie das meint. Dann lasse ich das erst mal so stehen und schaue es mir später noch mal an, wenn Muße einkehrt.

Um elf rief ich in Wuppertal an. Was mit meinem Vater los sei. Ob wir ihn abholen können.

"Ja natürlich kann Ihr Vater abgeholt werden. Der sitzt seit zwei Stunden im Gang."

Um die Stimmung aufzulockern, erzählte die Gräfin auf der Fahrt nach Wuppertal aus der Zeit, als sie noch an drei Tagen die Woche Bio-Gemüse ausfuhr, mit dem großen Lieferwagen.

"Einmal lief im Autoradio School von Supertramp genau in dem Moment, als ich an einer grossen Gesamtschule vorbeikam. Es war Ferienbeginn und Hunderte Jungs und Mädels strömten über die Straße, waren gut drauf, es war ein einziges Gepfeife und Gejohle, dazu I can see you in the morning when you go to school so laut, dass fast die Boxen durchknallten - ein gewaltiger Moment."

Wir sangen den Refrain, wussten aber schnell nicht weiter. Zu lange her. School, Supertramp. Ein Lied, drei Minuten, tausend Spuren. Ich seh noch das tiefblaue Album-Cover vor mir, mit dem Universum und dem Kanaldeckel.

"He.. Wohin jetzt..?! Guck mal auf den Zettel!"

Ich schnappte mir den Computerausdruck von der Ablage und las hastig die Wegbeschreibung vor, die wir aus dem Internet gezogen hatten.

"Warum hat dir dein Bruder eigentlich so umständlich den Weg erklärt?" meinte die Gräfin, als wir wieder in der Spur waren. "So ist doch viel einfacher."

"Keine Ahnung."

Am Telefon hatte mir mein Bruder den Weg zur Helios-Klinik Wuppertal beschrieben, aber über Autobahn. Die A 46. Weil wir die aber vermeiden wollten, hatten wir im Internet eine Alternativ-Route herausgesucht, über Wuppertal-Cronenberg, ohne Autobahn. Da brauchten wir die Routenführung meines Bruders nicht mehr. Viele Wege führen nach Rom, einer nach Amarillo und mindestens zwei nach Wuppertal.

Vom Hahner Berg aus steuerten wir Elberfeld an. Meilenweit ging es bergab, in Serpentinen runter in die große graue Betonpfanne, in deren Mitte die Wupper verläuft.

Helios Klinik.

Die Gräfin parkte direkt vorm Eingang, damit mein Vater nicht weit zu laufen hatte. In der hotelähnlichen Lobby hielt ich Ausschau nach dem alten Mann, den ich in den zwei Jahren seit Mutters Tod besser kennengelernt hatte als in all der Zeit zuvor. Wir waren fast so etwas wie Freunde geworden. Vater und Sohn-Freunde.

"Der ist bestimmt noch auf Station", vermutete die Gräfin.

"Wir möchten gern meinen Vater abholen", sagte ich an der Rezeption. "Ein Freund von mir. Er ist gestern operiert worden."

Die Dame blickte auf den Monitor, sagte nichts.

"Haus 2", schob ich hinterher.

"Haus 2 gibts hier nicht. Wie war der Name?"

"Glumm.."

"Ja, hier, Glumm.. Der ist aber doch in der Augenklinik."

"Ja, klar. Ist das hier nicht die Augenklinik?! Das ist doch.. die Helios-Klinik hier, oder nicht?"

"Es gibt zwei Helios-Kliniken in Wuppertal. Hier in Elberfeld die Haut- und Herz-Klinik, und die Augenklinik in Barmen. Da ist wohl was falsch gelaufen. Sie müssen auf die Friedrich Engels-Allee, dann unter der Schwebebahn her immer geradeaus, bis der SATURN kommt, und dann links rein.."

Als wir bewaffnet mit der neuen Wegbeschreibung losfuhren, brach ohne Umschweife der Verkehr zusammen, und wir saßen in einer staubigen Seitenstraße fest. Nun sind Seitenstraßen in Elberfeld grundsätzlich staubig und eine Einbahnstraße, aus der kaum jemand herausfindet, schon gar nicht Auswärtige. Es ist, als wolle diese große graue Stadt niemanden aus ihren Klauen lassen, den sie sich einmal einverleibt hat.

"Was man hat, hat man." (Wuppertal)

Es wurde knallheiß im Wagen. Das war der subtropische Hochdruckgürtel, ich hatte davon im Radio gehört. Der subtropische Hochdruckgürtel schob sich von Afrika aus nach Norden und sorgte für tonnenweise Sonnenschein in Europa. Natürlich hätte man das Fenster runterkurbeln können, doch dann wäre es im Wagen stickig UND unerträglich laut gewesen. Ich stöhnte auf, angepisst vom ewigen Stop and Go.

"Hoffentlich behält wenigstens mein Vater die Nerven."

Er ist 86 Jahre alt, Witwer, Pflegestufe 1. Morgens und abends kommt der Pflegedienst, der darauf achtet, dass er regelmäßig Medikamente einnimmt und saubere Füße hat. Er hat Alterszucker und ist oft wackelig auf den Beinen, doch von einem Rollator oder einem Gehstock will er nichts wissen. Außerdem ist er schwerhörig, weigert sich aber beharrlich, die Hörapparate zu tragen. Einzig die Sennheiser-Kopfhörer, die er abends in den Fernseher einstöpselt, finden seine Gnade - aber auch nur, weil er ohne Kopfhörer die Lautstärke so hochschrauben müsste, dass ihm die Nachbarn aufs Dach steigen.

Zuletzt wurden auch die Augen schlechter. Um überhaupt noch Zeitung lesen zu können, musste er mit zwei Lupen arbeiten, übereinander arrangiert, wie olympische Ringe.

"Man muss das Alter sportlich nehmen", sagte er. Ein schöner Satz. Dummerweise war er zeitlebens alles mögliche gewesen, nur kein Sportler.

Am Tag vor dem Termin im Krankenhaus hatte ich ihm geholfen, ein paar Sachen einzupacken, von den vielen verschiedenen Medikamenten über den Einweisungsschein bis hin zum Kulturbeutel. 

Er hatte an Rasierzeugs gedacht, Seife, Zahnbürste, Zahnpasta, Haftcreme, Haarkamm, Waschlappen, Unterwäsche zum Wechseln, (darunter auch eine lange Unterhose, falls das Wetter umschlagen sollte), zwei Paar Strümpfe, zwei Flaschen Mineralwasser und eine rote Wasserpumpenzange, mit der sich die störrischen Verschlüsse von Mineralwasserflaschen leichter aufdrehen lassen.

Weiter an einen Kugelschreiber, Schreibblock, Ersatzkugelschreiber und ein Paar schluffiger Hausschuhe. Um den Hals trug er einen Brustbeutel mit 300 Euro drin. Und obwohl jedes Krankenhaus in Deutschland Patientenkleidung stellt, hatte er einen frischen Schlafanzug eingerollt. Der lag obenauf.

"Sag mal, Papa, willst du einen ganzen Monat dableiben?? Das ist doch nur für eine Nacht. Was willst du mit dem ganzen Kram?"

"Bei der OP könnte doch was schiefgehen und dann muss ich länger im Spital bleiben. Man muss für alle Eventualitäten gerüstet sein."

Damit hätte ich natürlich rechnen müssen. Ängstlichkeit war sein Hauptwesensmerkmal, noch vor dem Humor. Er versuchte stets gewappnet zu sein. Da wunderte es nur, dass er keinen Regenschirm mitgenommen hatte, und ich hütete mich, ihn darauf hinzuweisen.

Es war ein bisschen wie früher, wenn wir mit der ganzen Familie zum Gardasee in Campingurlaub gefahren sind und der Ford 20M so überladen war, dass er es kaum den Großglockner hochschaffte. Oben angekommen, verschnaufte der Motor eine halbe Stunde, es dampfte und zischte bei hochgeklappter Motorhaube, und die Berggipfel trugen Schnee, obwohl Sommer war.

"Da ist der SATURN schon! Verdammt!"

Im letzten Moment nahm die Gräfin die Leuchtreklame wahr und riss das Steuer herum. Der Wagen rutschte quietschend über die gesamte Kreuzung, wie im Krimi, und sie ordnete sich links ein, vor der Ampel.

"Oder war das rechts..? Muss ich rechts rein?? Was hat die Tante von der Helios-Klinik noch mal gesagt!? Kannst du vielleicht auch mal mitdenken?!!"

"Rechts..", sagte ich.

"Bist du sicher?"

"Ja natürlich."

Natürlich war ich mir nicht sicher, ob sie links oder rechts gesagt hatte, aber das war jetzt definitiv kein Moment, um auf dem Beifahrersitz Unsicherheiten zu zeigen. Keine Zeit zu schwächeln, Baby - der alte Herr wartet auf uns.

Die Klinik in Barmen entpuppte sich als Katastrophe. Als ich das Zimmer öffnete dachte ich zuerst, es handele sich um die Abstellkammer einer 50er Jahre-Seifenoper und schloss die Tür schnell wieder. Doch es war das richtige Zimmer, wie ich herausfand, aber mein Vater war nicht darin, das Bett leer.

Zurück auf dem Gang entdeckte ich ihn, durch eine dicke Glasscheibe. Er hockte im Warteraum, mit wehendem Haar (im Sitzen!) und Augenklappe. Ein Häufchen Elend.

"Gott sei Dank", mehr war aus ihm nicht herauszukriegen, als er mich sah, "Gott sei Dank, dass ihr da seid..!"

Ich nahm die Sporttasche vom Boden und half ihm auf die Beine.

"Tut mir leid, es hat was länger gedauert."

Er machte einen gebrechlichen Eindruck und war so durcheinander, dass mir mulmig wurde. Sein schlingernder Gang erinnerte an ein leck geschlagenes Schiff, wenn das Wasser in den unteren Mannschaftsräumen hin und her schwappt. Ich hakte ihn fest bei mir unter.

Die Gräfin kam hinzu, von der Besuchertoilette, und erschrak bei seinem desolaten Anblick. Auch wenn sie sich alle Mühe gab, es nicht zu zeigen. Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

"Meine Schwiegertochter", hauchte Vater, als würde er sie vorstellen wollen. Da war aber niemand. Er sah aus wie Frankenstein.

"Wartet mal eben", sagte ich und machte mich auf die Suche nach einem Arzt oder einem Pfleger oder sonst wem, der etwas zum Zustand meines Vaters sagen konnte. Die Gräfin erzählte später, ich wäre wie Mein Vater, mein Vater! sein Auge! über den Krankenhausflur geflogen, so sehr war ich in Sorge.

Die ganze vermaledeite Station wirkte auf mich wie ein Nachkriegsprovisorium, es war kaum Ernst zu nehmen. Aber es war Ernst. Es war sogar so ernst, dass ich lachen musste. Ich kam mir vor wie Samstags in der Ladenpassage, wo einen die Passanten (Patienten) anrempeln, wenn man nicht fix genug ist von einem Shop in den nächsten.

"Ja, mit Ihrem Vater ist alles in Ordnung", deutete ich das desinteressierte Gemurmel eines Pflegers, den ich im Zimmer der Pflegedienstleitung fand und festnagelte.

Er saß am Rechner und widmete sich sofort wieder dem PC-Monitor, sobald er sein Sprüchlein runtergemümmelt hatte, dass mit meinem Vater alles in bester Ordnung sei.

"Äh.. muss ich denn.. müssen wir heute irgendetwas beachten.. in den nächsten Stunden..?"

"Das steht alles im Entlassungsbrief."

"Aha. Und wo ist der?"

"Wer?"

"Der Entlassungsbrief."

"Den hat er dabei."

"Wo?"

"Na, in seiner.. Jacke. Schätze ich."

"Na gut. Schau ich gleich nach. Es hat also alles geklappt bei der Operation?"

"JA!!"

Der Pfleger hob gefrustet den Blick und warf die Tür zu. Dabei war ich nur so nervig, weil mein Vater wirklich schlimm aussah. Wie sich seinem schwerfälligen Gestammel entnehmen liess, hatte er in der vergangenen Nacht keine Sekunde geschlafen. Er nahm die Augenklappe ab.

"Seht mal."

Während er weitersprach, trat das blutunterlaufene operierte Auge aus seiner Höhle hervor wie ein klumpiger Goldfisch. Ein klumpiger Frankenstein-Goldfisch.

"Tu die Klappe wieder auf", sagte ich.

Sobald wir im Parkhaus Ebene O erreichten und Vater auf dem Rücksitz Platz genommen hatte, legte er sich lang und versuchte zu schlafen. Wie ein Schulbub lag er da, der ein Mittagsschläfchen halten wollte. Kaum eine Minute später saß er wieder aufrecht.

"Ich hab heut morgen grün geschissen."

"Du hast was..?"

"Grün geschissen. Echt. Wie Spinat."

In Solingen angekommen, hatte er nur noch eins im Sinn: ein halbes Hähnchen vom Grill und dann ab ins Bett. Während wir im Wagen auf den Gockel warteten, versuchte er vom Klinikaufenthalt zu erzählen, doch er verlor ständig den Faden. Gemein war den angebrochenen Schilderungen nur eines: Die Station schien überzuquellen vor lauter Augenklappen und bandagierten Gesichtshälften.

Morgen ist das andere Auge dran.

13.6.13 14:11


Nachruf auf Bob Dylan

Sollte Bob Dylan eines schönen Tages tot sein, worüber das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, hab ich die Überschrift für den Nachruf schon parat:

HIS DEADNESS.

18.6.13 15:00


Wachtmeister Glumms Lonely Hearts Club Band

"Bist du einsam?" fragt sie Pfingstsamstag. Sie sitzt im Bett, mit dem Rücken zur Wand, und strickt.

"Einsam..? Ich?"

"Ja. Du."

"Wieso?"

"Nur so."

 Hm. Warum fragt sie das? Seh ich einsam aus? Bin ich einsam?? Schwierige Frage. Kitzlige Angelegenheit. Da heisst es fein aufpassen.

"Nein..", sage ich endlich. "Eigentlich nicht. Solange es dich gibt und ein paar andere.. Konsorten.." Pause. "Es hängt eigentlich an einem dünnen Faden." Pause. "Darf man gar nicht dran denken, wie schnell.."

"Das sollst du auch nicht", unterbricht sie mich, schaut mich lange an, und strickt weiter an ihrem königsblauen Sommerpulli.

*


19.6.13 07:30


Die Gräfin spricht mit mir

Wenn du etwas willst, musst du etwas sagen. Wenn du etwas nicht willst, sagst du besser nichts.

*

Erfahrung ist schön, wenn man sie hat. Aber es ist verdammt anstrengend, welche zu sammeln.

*

Wenn man richtig siffig ist, von oben bis unten, das geht in Ordnung. Aber partieller Körperschmutz, der stört.

*

Ich bin ja der Meinung, man sollte Menschen zurückzüchten, bis sie wieder auf vier Beinen laufen. Wie die Schweine am besten, im Galopp.

*

Ich bin so satt, wenn ich jetzt noch meine Spucke runterschlucke, muss ich kotzen.

*

Alle großen Maler hatten ein großes rotes Sofa im Atelier. Ich brauche ein großes rotes Sofa im Atelier.

Um in das Wesen der Farbe einzutauchen, muß ich selbst zur Farbe werden.

*


*

Manchmal trete ich vor die Türe, und alles da draußen ist so rauh und kalt und groß, dass ich nur noch eines möchte, wieder rein.

*

Weisst du, was das Gute ist, wenn man so jung stirbt wie Heath Ledger, mit 28? Dann ist auch die Trauergemeinde jung auf dem Begräbnis! Dann ist Party!

*

Ich finde, Krokodile sollten besser Seetang fressen. Dann müssten sie nicht mehr hinterhältig aus dem Wasserloch auftauchen und nach Zebrabeinen schnappen.

*


Die Gräfin links, die Schwester rechts
21.6.13 12:24


Schlafen ein Boxenstopp

Ich bleibe, wie ich bin, da kann ich mich noch so sehr ändern.

*

Schlafen ist wie ein Boxenstopp.

*

Wer Grenzen zieht, möchte Platz schaffen. (Die Gräfin)

*

Mein Kopf ist nicht ausgelastet. Deshalb denk ich immer so viel. Ich bin ein Hütehund ohne Herde. (Die Gräfin)

*

Discjockey wäre eine Option gewesen in den späten 70er Jahren. Ich kannte mich gut aus in der Rockmusik, Schwerpunkt Soul und R&B, zu einer Zeit, als in Deutschland alle von Disco sprachen. Mein Problem: für einen geordneten Abend hinter der Kanzel war ich meist zu besoffen. Zu oft scratchte die Diamantnadel gleich über die ganze Plattenseite, wenn ich eigentlich nur Track 2 suchte.

Track 2 ist bis heute das Maß aller Dinge, wenn du dir ein Album anhörst. (Manche sind von Track 4 überzeugt. Ich weiß.) Höre dir den zweiten Song eines Debut-Albums an, und du kannst eine fundierte Prognose hinsichtlich der Karriere der Debutanten hinlegen.

Bzw. der Nichtkarriere.

*

Natürlich könnte ich ein Hühnchen töten. Oder ein Karnickel. Solange man es mit dem Taschentuch zerdrücken kann, töte ich dir alles.

*

Kurzatmig ist das Glück. Ein rasch schrumpfendes Gefühl. Und niemals kriegt man genug. Es ist, als hielte man einem durstigen dicken Mann, der aus der Wüste kommt, einen feuchten Aufnehmer hin.

*

Das Wort Land finde ich echt schön. Ein schönes Wort. Land in Sicht! (Die Gräfin)

*

Natürlich hat man mit vier Beinen doppelt so viel Schuhe wie ein normaler Mensch.


25.6.13 18:01


Kleiner Hassgesang auf den Föhnboy unter den Philosophen Richard David Precht

Schon klar. Eigentlich kann man Menschen nicht wirklich böse sein. Jeder hat in der Regel genug damit zu tun, sich selbst zu lieben oder es wenigstens zu versuchen, und verliert darüber schnell das Maß.

Menschen können, so gesehen, wenig dafür, wer sie sind und was sie tun, sie sind Getriebene ihrer (fehlenden) Eigenliebe.

Und doch gibt es gelegentlich Figuren, (und eine davon, eine TV-Figur, muss jetzt mal exemplarisch herhalten), die lösen bei mir, kaum dass sie auftauchen, reflexhaft Übelkeit aus, auch wenn sie vielleicht gar nichts dafür können.

So eine Figur ist Richard David Precht.

Übrigens aufgewachsen und sozialisiert in Solingen, auch wenn das eigentlich nichts zur Sache tut. Eigentlich. Wäre nicht mit der grausamen Veronica "Ich! Ich! Ich möchte die Milchkuh spielen!" Ferres eine weitere, aus Solingen stammende Verblödungsmaschine dauernd im Fernseher unterwegs. (Zum Glück stammt auch Pina Bausch aus Solingen.)

Bleiben wir beim Precht, R. D. Beim Zappen durch die TV-Programme erwische ich ihn einmal mehr in einer Talkshow, wo er sich mit selbstgefälliger Kuschelrockstimme und einer Föhnfrisur aus den Ur-Zeiten des Föhns und des großen Nuss-Joghurts von Bauer aus der Mottenkiste der Philosophie bedient und Altbekanntes aufwärmt, aber stets mit der Attitüde, als präsentiere er den langersehnten Philo-Geniestreich auf der Inter Logik Basel 2013.

Und das ist nicht das schlimme. Das kommt noch. Das schlimme, das wirklich Übelkeit und Asthma auslösende ist dieser unsägliche ICH BIN JA SO PHILOSOPHISCH-Popanz, den er um sich herum aufbaut.

Dieses MIR STRÖMT DIE PHILOSOPHIE SCHON MORGENS IM BAD AUS ALLEN POREN UND SCHOPENHAUERN, WENN ICH WIEDER INS FERNSEHEN MUSS, ICH HALTE ES SELBST KAUM AUS, SO GEIL BIN ICH AUF MICH, WENN ICH WIEDER INS FERNSEHEN MUSS, dieses SCHAUT HER, HERRSCHAFTEN, ICH PHILOSOPHIERE WIE ANDERE LEUTE TRANSPIRIEREN, WENN ICH WIEDER INS FERNSEHEN MUSS was mir so auf den Sack geht.

Es ist diese breitfgefächert hochgeföhnte "Langes-Haar-darf-man-ja-tragen-nur-gepflegt-muss-es-sein"-Frisur, dieser ständige ICH WEISS, WO ES LANG GEHT-Duktus, seine eitle Ratgeberfresse, sein wichtigtuerisches Vortäuschen von Weltgedanken, wo er sich doch in Wirklichkeit im ZDF-Studio Mainz nur eine weitere Rille in den Hintern sitzt. 

Man möchte ihn packen und alle Falschheit aus ihm herausschütteln, bis nur noch Krumen übrig sind, Richard David Krumen.

Jetzt wäre wohl der Zeitpunkt gekommen, um mich abzuwenden und kurz in den Eimer zu erprechen, aber das hat dieser kleine Hassgesang nicht verdient. Ich erwähne lieber meinen 87jährigen, an Demenz erkrankten Vater, der mit wenigen Worten mehr Wahrheit auf den Tisch bringt als Precht in 40.000 Sendungen und schmierigen Ratgebern.

Auf meine Frage, wie er denn den weiteren Abend zu gestalten gedenke, antwortet mein Vater, nach einigem Zögern "mit einem dummen Gesicht."

Danke, Paps, für ein Wort der Klärung.

 

 

 

27.6.13 14:47


s



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