Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Falls jemand anruft, ich bin am lesen

Manchmal sehnt man sich in ein Buch zurück, oder wenigstens in die Zeit, als man es zum ersten Mal gelesen hat, oder man wünscht sich an die Seite der Hauptperson, die man damals ins Herz geschlossen hat, oder ins einsame verschneite Montana, wo alles endet. Doch es geht nicht. Man schafft es nicht zurück, man bringt die Atmosphäre einfach nicht mehr zusammen, die das Lesen so warm und sehnsuchtsvoll und licht machte. Es gibt immer nur ein erstes Mal beim Lesen, beim Sex, beim Drogengenuss. Es fängt schön an, dann wird es schmutzig. Ausser beim Schlafen. In den Schlaf muss man sich nicht zurücksehnen. Den gibt es zehntausend Mal neu. Er kommt von ganz allein.
 
Oder auch nicht.

 

 


4.4.13 13:39


Liebling lass uns tanzen bla bla

Als Paar lässt sich immer etwas unternehmen. Hat zum Beispiel der Andere was zu tun und man selbst nicht, kann man sich lautstark langweilen, bis der Andere mitkriegt, dass man nichts zu tun hat, und aufhört.

 

 

5.4.13 11:01


7.078.095.147

Es gibt eine Website, auf der das United States Census Bureau täglich den Stand der Weltbevölkerung aktualisiert. Die Population Clock steht ziemlich genau bei 7 Milliarden, 78 Millionen, 95 Tausend, 147 Seelen. Das heisst, bis der Beitrag geschrieben und gelesen ist, sind es sicher schon einige Hundert mehr. Allein beim Lesen dieses einen Satzes wird irgendwo ein Mensch geboren, aber nur ein halber stirbt.

“Über sieben Milliarden Menschen auf der Erde, das kann nicht mehr lange gutgehen”, meint die Gräfin erschrocken, als sie vom neuesten Höchststand erfährt. “Man könnte meinen, die Menschheit versuche es zu Gott hinauf zu schaffen, mit einer bombastischen 7-Milliarden-Räuberleiter. Erst dann haben wir den Hals voll."

Wir planen eine Weile hin und her, welche Völker bei der Konstruktion der Räuberleiter welche Position einnehmen sollten, damit ihre Charakterzüge voll zur Geltung kommen. Ganz unten, als Fundament, Slawen, Mongolen und ein paar Weiber aus Tennessee, die sind nicht so verweichlicht, plus ein paar Russen, die gerade nicht besoffen sind. Italiener und Indianer ganz oben, meint die Gräfin. Ich plädiere eher für Völker aus dem Himalaya, die sollen unsere Spitze ausmachen. Die sind dünne Luft gewöhnt.

"Der erste Mensch, der Gott die Hand reicht, wird ein Sherpa sein", sag ich. "Die Jungs sind vorn."

Dann rätseln wir, ob es nicht vielleicht doch gelingen könnte, die Zahl der Menschen auf unserem Planeten zu verringern, und finden eine Zwischenlösung. Wir müssen lernen, unsere Nahrung rein virtuell aufzunehmen. Eine radikale Nullen und Einsen-Diät, die aus uns in einem ersten Schritt sieben Milliarden, achtundsiebzig Millionen total dünne Menschen macht. Da hätte wir alle schon mal mehr Platz.

Danach muss man weitersehen.

 

 

 

Babelbeine, Susanne Eggert

11.4.13 15:44


Ecke Kasino und Goerdeler Strasse

Ecke Kasino und Goerdeler Strasse, wo ein verblassendes Rechteck an der Hauswand daran erinnert, dass dort mal ein Briefkasten gehangen hat, finden mein Hund und ich einen Zettel auf dem Boden. In Schreibschrift verfasst. Ein Liebesbrief? Doch in dem Moment, wo ich ihn lesen möchte, bleibt eine alte Frau vor mir stehen. Eine alte Frau mit einem Pudel an der Leine. Direkt vor mir. Als wären wir gut miteinander bekannt. Als liessen wir täglich unsere Hunde miteinander raufen und plauderten dabei.

"Was hab ich mich hier.. heut morgen.. böse hingelegt", sagt sie schleppend. Eine resolute alte Dame. Sie hält sich die Backe. Die ist etwas gerötet und geschwollen. "Ich hab beim Arzt angerufen und einen Termin gemacht. Das ist so nah am Auge, kriegt man doch Angst. Nicht, dass das noch wandert. Ist nicht ungefährlich. Nicht wahr?"

Unsere Hunde stehen sich unbeteiligt auf dem Trottoir gegenüber; zwei Weibchen, die sich gegenseitig der Teilnahmslosigkeit bezichtigen. Sie hecheln sich an. Der Hund der alten Dame, ein Pudelweibchen, sieht aus wie eine träge dicke Frisörin.

"Was äh ist denn passiert?" frage ich höflich. Obwohl ich die Frau noch nie gesehen hab. Aber wenn einem eine alte Frau erzählt, dass sie auf die Fresse geflogen ist: zuhören, Hilfe anbieten. Da hab ich so gelernt. Schließlich könnte es die eigene Mutter sein, der so etwas zustößt, und dann möchte ich dich mal sehen! Ein Fremder, der Ohr und Hand verweigert!

"Was passiert ist!?" jammert sie und hält sich die Wange. "Dahinten, wo es so eng ist, bei dem Haus.. mit den Schindeln, da.. da ist.. es passiert." Sie spricht, als stünde sie unter Beruhigungsmedikamenten. Oder unter Schock. "Da ist.. der Gehweg so eng, man passt als.. Fußgänger doch kaum alleine drauf.."

Frau Moll schaut zu mir hoch, mit diesem strengen, fast schon tadelnden Gouvernanten-Blick: He Kleiner, nun mach mal hinne, ich hab wirklich keinen Nerv hier stundenlang mit ner fetten Frisöse rumzustehen! (So was Arrogantes, denk ich. Auch die Pudeldame erregt sich: Frisöse!? Selber Flittchen!)

"Und dann kommen mir dahinten.. zwei Mädchen entgegen, auf dem engen Stück vor dem.. Haus mit den Schindeln. Aber meinen Sie, die machen Platz, die beiden?! Puste..kuchen! Nichts da! Da muss ich arme alte Frau und der kleine Hund auf die vielbefahrene Strasse ausweichen, und schon ist es passiert..! Bleib ich mit dem Absatz an der Bordsteinkante hängen, und stolpere. Sind ja überall.. so ähm Schlaglöcher hier.. auf der Strasse. Die machen ja.. was sie wollen von der Stadt.."

Zornig dreht sie ihr Gesicht zur Seite. Ich sehe eine ziemlich dicke Backe, die sich lila verfärbt. Villa Hügel, denk ich.

"Aber glauben Sie, die zwei Mädchen hätten.. mir hochgeholfen? Im Leben.. nicht! Die treten noch drauf! So sind sie doch heute, sogar die jungen Mädchen!"

"Na ja, es sind ja nicht alle so..", verteidige ich die Jugend von heute. Ein Impuls, der mich stets überkommt, weil ich mich selbst noch als Jugendlicher fühle, oder zumindest als Erwachsener, der überall sein Kinderzimmer mitnimmt, wohin er auch geht. (Wobei die aktuellen Halbwüchsigen eher schwarzgekleideten Pokemon-Freaks ähneln, die ihr Fotohandy über die gestürzte Alte schwenken, damit es später noch was zu lachen gibt, wenn man zuhause ist und die Bilder-Beute herumzeigt.)

"Ich bin auf dem Weg zum Arzt, nicht, dass die Beule noch wandert. Ist ja so nah am Auge.. Ach, wenn doch nur meine kleine Micky dabei gewesen wäre, die hätte niemand an mich rangelassen, da wäre nichts.. die hätte mich verteidigt. Nicht wahr, kleine Mikki?! Tapferes kleines Mädel. Jetzt bist du auch noch scheinschwanger geworden, von all der Aufregung heute."

So direkt angesprochen, macht die Pudeldame einen weiten Schritt zur Seite. Ihre rosa Zitzen schleifen dabei über den Boden, wie Schnürsenkel, die zu lang und schlaff geraten sind. Dann wackeln Frau und Hund davon, ohne sich zu verabschieden. Na, warum auch, wir kennen uns ja gar nicht.

An der Ecke Kasino und Goerdeler Strasse, in Höhe des alten Briefkastens, beziehungsweise wo früher einmal ein Briefkasten montiert war und jetzt nur noch ein verblassendes Rechteck an der Hauswand daran erinnert, falte ich den Zettel auseinander, der auf dem Boden lag, und lese.

 

Liebster,

wir haben gleich 4 Std. Deutsch scheiß Blockunterricht, und ich könnte soo wegpennen. Hoffentlich klappt das morgen mit Nico. Der ist ja dann sowieso wieder total bekifft. Na, wer kennt ihn schon anders.. Hauptsache, morgen abend klappt alles und wir können schön einen ziehen.

Aber lass uns nicht wieder streiten, wenn wir breit sind, Liebster! Lass uns lieber zu den Laubenpiepern gehen und einen Quickie schieben. Ich hab morgen sowieso mein Kleid an. Ich mach mich richtig schön für dich.

So, jetzt muss ich wieder rein, Deutsch wartet.  4 Stund. scheiß Blockunterricht! Vielleicht hast du recht, und wir beide sehn uns zu oft, aber ich mag dich eben. Nein, nein, nein: ich liebe Dich!! Bis morgen um 6 bei Nico.

Deine Nina

 

P.S.: Muss ich noch schnell erzählen. War gestern mit Mel in der Stadt. Als wir nach Hause wollten, kommt ne alte Frau uns entgegen und ist hingefallen. Einfach so. Die lag halb auf der Strasse und hat uns angeschrieen, wir wären asoziale FOTZEN (!!), warum wir nur rumstehen und nicht helfen, dabei wollten wir ihr grade hochhelfen. Danach natürlich nicht mehr. Mel hat noch so getan, als wollte sie ihr einen Buckel treten. Völlig malle, die Tante.

15.4.13 16:22


Tim war schmal geworden

Ich hatte ihn lange nicht gesehen, ein dreiviertel Jahr vielleicht, und nun saß er neben mir an diesem langen gedeckten Tisch. Um uns herum gedämpftes Palaver. Wirtshaus-Suppe wurde aufgetragen, Brotkörbchen, Getränke. Schlagartig war Stille. Nur noch das Geklapper von Besteck war zu hören, Porzellangebell.

Es war Ringos Beerdigungsfeier. Auch Reuzech genannt: reuen und zechen.

"Wie gehts dir?" fragte ich.

"Geht so", sagte Tim.

Tim war der bescheidenste Junkie, den ich je kennengelernt hab. Es lag in seiner Natur, niemanden auf den Sack gehen zu wollen, ob mit seiner Sucht oder sonst einem Problem. Er hasste es, Leute zu belästigen. Er war ein Einzelgänger, und er war schmal geworden, noch schmaler als früher, als wir ab und zu Kontakt hatten, meist in Zusammenhang mit Ringo.

Ich mochte Tim. Es war etwas lässiges in seinem Wesen, etwas britisches, das mir imponierte. Doch nun sah er fertig aus. Geschlaucht. Heroin geht an die Nieren, Heroin zehrt. Es verschont niemanden, der sich auf dieses Leben eingelassen hat, so sehr man sich auch Mühe gibt und Normalität vorspielt.

Soviel ich wusste, hatte Tim in den vergangenen Monaten sämtliche Verbindungen gekappt. Nicht mal seine Schwester kannte noch seine aktuelle Handynummer. Aus einem Einzelgänger war ein Eremit geworden, der nur noch die nötigsten Drogen-Connections aufrecht hielt. Er war zum König der Wüste geworden, der Wüste in ihm selbst. Ein König mit einem riesigen leeren Reich, ein König ohne Macht. 

An diesem kühlen Novembertag, auf der Beerdigungsfeier von Ringo, saß er blass und durchgefroren neben mir, der Zufall hatte es so gewollt. Er zitterte, seine Nase tropfte. Die Machthaber in ihm hatten den rohstoffreichen Körper heruntergewirtschaftet, und sie gaben keine Ruhe. Der Abbau ging weiter. Sie schufteten im Akkord. Machthaber gaben sich nie zufrieden. Es gab niemals genug Macht für Machthaber.

Doch nun zog mit jedem Löffel Suppe etwas Wärme in seinen Kreislauf ein, die käsige Blässe kroch aus seinem Gesicht. Er zitterte nicht mehr, und nach einer Weile wurde Tim sogar redselig, für seine Verhältnisse. Er sah fast aus wie früher. Wie ein Ska-Boy aus Nordengland, der zum Essen geladen war.

“Tja-ja, der Ringomann”, sagte er und zeigte eine Reihe brauner Mausezähnchen, “der Ringomann hat’s hinter sich. Vielleicht ist er ja jetzt glücklich.”

Es war offensichtlich, dass Tim nicht von Ringo sprach, er sprach von sich selbst. Dass er nämlich noch mittendrin steckte, im Kampf, im Struggle mit den Machthabern. Ein aussichtsloser Fight. Es gab nur die Möglichkeit, den Kampf für beendet zu erklären und andere Wege zu gehen. Aber der Tod eines guten Bekannten, eines Freundes beinahe, denn das waren Ringo und Tim gewesen, beinahe Freunde, war noch lange kein Grund, gegen die Machthaber anzustänkern. Eine Revolution anzuzetteln, eine Revolution aus sich selbst heraus. Nein, der Tod war kein Grund, Heroin die Stirn zu bieten. Da mussten andere Motive auffahren.

“Wohnst du noch unten.. in der Papageiensiedlung?” fragte ich.

Tim löffelte die Suppe, als wäre es die erste warme Mahlzeit seit dem Krieg.

“Nee”, sagte er.

Ich blickte Tim an und fragte mich, wo zum Teufel eigentlich die Blässe blieb, wenn sie aus einem Gesicht verschwand? Wohin verkrümelte sie sich? Sie war ja nicht aus der Welt. Blässe kam wieder. Sie würde wieder Einzug halten, das stand fest, in diesem ebenmäßig geplünderten, immer noch schönen Jungengesicht.

Vielleicht ist es mit der Blässe wie mit einem Parkschein, der noch nicht abgelaufen ist und wo man sich fragt: Was ist mit der Restzeit? Ich hab noch zwanzig Minuten auf der Uhr, was mach ich damit? In den Wagen setzen und abwarten, bis die zwanzig Minuten um sind? Es ist schliesslich Zeit, für die ich gezahlt habe. Und was ist, wenn ich sofort losfahre, ohne die zwanzig Minuten abzusitzen? Wem gehört die nicht genutzte Restzeit? Wo bleibt sie? Sie ist ja nicht aus der Welt, nur weil sie nicht genutzt wurde.

Oder?

“Wo wohnst du zur Zeit eigentlich?” erkundigte ich mich.

“Hm..?”

“Wo du wohnst..”

Natürlich wollte Tim nicht darüber reden. Die Frage machte ihn nervös. Tim war nun mal kein halbwegs organisiertes Männchen, das wie jedes andere halbwegs organisierte Männchen Wert auf ein Zuhause legte, das für Weibchen verlockend war. Im Gegenteil. Tim war ein total von aussen kontrolliertes Männchen. Die Machthaber kontrollierten ihn, und sie forderten drei Pulvermahlzeiten täglich. Morgens ein Blech, mittags ein Blech, abends ein Riesenblech. Plus Tribute. Da blieb wenig Platz für Weibchen.

“..hab ich verloren”, flüsterte er.

“Was..?”

Ich hatte gerade den Tisch hinaufgeguckt, wo die Mutter von Ringo saß, eine große stolze Person, fast neunzig Jahre alt und blind löffelte sie ihre Wirtshaus-Suppe.

“Verloren.. Die Wohnung. Die Wohnung hab ich verloren.”

Welch seltsame Formulierung. Als wäre ihm die Behausung plötzlich aus der Hosentasche geplumpst und er wäre weitergegangen, als sei nichts geschehen.

“Die Miete nicht gezahlt?”

Er nickte.

“Wie lang?”

“Na.. halbes Jahr, oder so..”

“Und jetzt? Irgendwo musst du doch untergekommen sein.”

Ich blieb hartnäckig. Ich war neugierig, wo er wohnte. Wie er sich durchs Leben schlug. Durch den Alltag. Ich wollte ihn ja nicht besuchen kommen. Ich wollte nur.. Bescheid wissen.

Tim sah sich sorgsam um. Dreißig, vielleicht vierzig Leute waren nach der Zeremonie in der Friedhofskapelle in die Gaststätte gefolgt, Verwandtschaft und Freunde von Ringo, zum Leichenschmaus.

Reuzech.

“Im alten Proberaum.”

“Was denn?” stutzte ich. “Im alten Proberaum am Nordbahnhof schläfst du..??” In der stillgelegten alten Fabrik, wo der Bruder vom dicken Hansen mit seiner kubanischen Tanzkapelle geprobt hatte, als er noch nicht in Köln lebte? “Das ist doch arschkalt da. Da ist doch keine Heizung drin.”

“Ja, doch, ein kleiner Heizlüfter, doch. Aber seit zwei Wochen ist der Strom abgestellt. Seitdem ist Sense mit Heizlüfter.”

Von der heissen Suppe hatte sich auf seinen Backen ein Flaum gebildet. Ein dünnes Hitzeschild. Er war jetzt im roten Bereich. Er sah aus wie jemand aus der Popbranche, der sich nach talentierten Nachwuchsbands umsah, andererseits schien sein Gesicht mit den Jahren kleiner geworden zu sein, und die Haut milchig.

“Wenn ich breit bin, brauch ich eh keine Heizung. Das ist wie mit zehn Katzen im Bett”, grinste Tim.

“Ach komm, du wirst doch gar nicht mehr richtig breit”, sagte ich.

“..das ist die Scheiße, ja.. Und wehe ich bin affig, dann ist doppelt Scheiße. Dann helfen auch keine hundert Katzen, wenn man affig ist.”

Tim langte zum Brotkorb, nahm einen Kanten Weißbrot und tunkte ihn in die restliche Suppe.

“Irgendwann..”

Er schob den Teller kauend von sich fort, und ließ den Satz unvollendet stehen.

18.4.13 16:03


In langen Sätzen

In langen Sätzen, teils im Zick Zack, sprang die Gräfin über die leere Straße, immer der Kröte nach, bis auch der Hund aus dem Gebüsch stürzte:

Ein struppiger Schutzmann, der die Fährte verloren hatte und nun am Straßenrand verwirrt nach Orientierung suchte. Hastig blickte er erst nach links, dann nach rechts.

Brav, dachte ich. 

"Was verfolgst du da?" rief ich. "Eine Kröte?"

"Neee!!" rief die Gräfin. "Einen Frosch!"

Wo zum Henker war denn da der Unterschied. Beim dritten Versuch bekam sie das kleine Tier endlich zu fassen. Sie hob es triumphierend in die Höhe. Die Amphibie stellte sich tot, in den Händen der Gräfin. Nicht mal das Herzchen klopfte. Der Tod ist ein langer Aqua-Schlaf, dachte ich.

"Ist der drollig!" rief sie. "Guck mal!"

"Ja", sagte ich. "Ich guck doch."

Der Hund, der den Frosch im Buschwerk unterhalb der Eisenbahnschienen aufgeschreckt hatte, baute sich vor der Gräfin auf und machte Männchen. Er schien Eigentumsansprüche anmelden zu wollen - ganz nach dem Motto, ohne mich wär hier rein gar nichts passiert, ihr Loser.

Selbstbewusst stupste er mit der Schnauze nach dem Nest, das die Gräfin aus ihren Fingern geformt hatte, um die Amphibie zu schützen. Also damit sie nicht stiften ging.

Der Hund ging dazu über, zu knurren. Er wollte wissen, was los ist in dem kleinen warmen Nest aus Fingern. Welche Fährte er da eigentlich verloren hatte.

"Lass das!" Die Gräfin war verärgert. "Der Frosch hat doch Angst vor deiner Riesenschnauze und den großen Zähnen. Besser, ich bring den armen Kerl zurück in sein Gebüsch, wo er es gemütlich hat. Als ich klein war, wollte ich Tieren auch immer helfen und hab ihnen nur geschadet."

Sie kniete sich hin und liess den Frosch am Straßenrand ab. Einen Moment blieb der verdutzt stehen, weil er vermutlich mit Lagerhaft gerechnet hatte, oder wenigstens zoologischer Begutachtung. Dann machte er einen Satz ins Gebüsch - fort war er. Verschwunden im Dickicht.. Frau Moll blickte grimmig hinterher.

"Einmal brachte ich fünf Mäuschen mit nach Hause", erzählte die Gräfin. "Nur weil die Mausmama nirgends zu sehen war, hatte ich geglaubt, die Kleinen hätten Hilfe nötig und zog sie aus ihrem Bau, eins nach dem anderen. Das waren niedliche kleine Dinger mit nackigen rosa Füßchen, Scheiße, waren die süß. Am nächsten Morgen waren alle fünf tot. Lagen alle auf der Seite und waren eingegangen. Keine Ahnung, was in der Nacht passiert war. Ich hab zwei Tage lang nur Rotz und Wasser geheult. Ich war eine Mörderin."

"Ach, mein Gott, du warst ein Kind, ein Kind kann kein Mörder sein. Was glaubst du, was ich früher alles plattgemacht hab", sagte ich, die Hände tief in den Hosentaschen. "Besonders am Gardasee, in den großen Sommerferien. Da gab es riesige Ameisen auf dem Campingplatz, von denen hab ich ganze Kolonien platt gehauen, immer feste druff mit dem Vollgummihammer, wie ein Irrer."

Die Gräfin blickte mich entsetzt an.

"Dann warst du auch ein Mörder!"

Ich kam gerade erst in Fahrt.

"Als Zivi im Krankenhaus ist mir mittags eine alte Dame abgenippelt, beim Füttern."

"Wie, beim Füttern..?"

"Na ja, mittendrin."

"Das hast du ja noch nie erzählt."

"Hm, es gab ja auch keinen Grund dafür. Die alte Frau war groß und hager, sie lag nur noch im Bett, und ich musste sie füttern, mit Hühnersuppe. Es war Sonntag, kaum Personal da, und ich war erst ein paar Tage auf Station. Da fing die Alte plötzlich an zu röcheln. Sie hatte sich verschluckt. Erst hab ich das gar nicht so ernst genommen, doch dann hörte sie nicht auf mit dem Röcheln. Ich klopfte ihr auf den Rücken, sie spuckte etwas von der Suppe aus, aber nicht alles. Sie kriegte kaum noch Luft und griff mit ihren knochigen langen Fingern nach mir, da hab ich Panik gekriegt und Hilfe gerufen. Aber sie ist gestorben. In meinen Händen."

"Du hast sie EINFACH SO STERBEN LASSEN??"

"Nein, nicht einfach so. Ich hab nach der Stationsschwester gebrüllt, und die kam auch schnell angerannt. Als sie sah, was los ist, hat sie mich losgeschickt, den Notkoffer holen und Erste Hilfe geleistet, Mund zu Mund-Beatmung und so, weiß nicht, ich war ja nicht dabei."

"Wie, du warst nicht dabei..?".

"Ich war doch losgerannt, den Notkoffer holen, aber ich wusste aber nicht, wo der sein sollte. Das hatte mir niemand gesagt, und in der Eile hab ich ihn nicht gefunden. Als ich ihn endlich entdeckte, oben auf dem Schrank im Schwesternzimmer, war es zu spät - die alte Frau war längst erstickt. Eine total kranke Situation."

Wir gingen schweigend weiter. Die Gräfin schaute mich an. Sie war es nicht gewohnt, dass ich so viele Sätze am Stück sprach. Ich war ein Mörder. Ein Mehrfachmörder. Wir hatten schon fast den Bolzplatz erreicht, als uns aufging, dass Frau Moll nicht an unserer Seite war. Der Hund war weg. Dann geschah es gleichzeitig. Wir blickten uns um und hörten wilde ungezügelte Buddelgeräusche, ein Schnauben und ein Getöse.

Das Froschgebüsch dampfte vor Erregung.

23.4.13 11:02


Euch kann ich es ja sagen

Ich hab sie gefragt, ob das jetzt neue Mode ist in unserem Haushalt, dass jedes Mal, wenn ich nachts aufs Klo gehe, plötzlich der Klodeckel runtergeklappt ist. Das Scheißhaus verschlossen.

"Ja", sagt sie, "dann bleibt das Geld im Haus."

"Das Geld? welches Geld?" gab ich ratlos zurück, ich wusste nichts von irgendwelchem Geld in diesem Haus - und soll ich euch was sagen? Es kam keine Antwort von ihr. Nichts kam. Sie liess mich einfach da stehen, die Gute, wie einen schulen Dummjungen, so nach dem Motto, ha! wirst schon sehen, du schlanker stiller Teilhaber von rein gar nichts, du Businessblödmann, was für eine riesengroße wertvolle Schatztruhe unser Klo ist, wenn der Klockell (scnell gsprochenr Klodckl) unten bleibt.

Und auch sie als Wochen später Tacheles mit dem Pisspott redete und der engagierte Tiefsee-Bohrer in 17 Metern Tiefe nichts als Exkremente statt Goldmünzen ans Tageslicht förderte, sie blieb dabei.

Der Deckel bleibt unten.

30.4.13 10:40


Zappa schlief nie

In der Zigarettenpause der Maßnahme des Job-Centers stand ich mit diesem Mittzwanziger zusammen, einem neugierigen kleinen Nerd. Wir unterhielten uns über Musik, und als die Sprache auf mein Alter kam und er ein bißchen rechnete, machte er große Augen.

Dann hast du ja die 70er richtig miterlebt?! staunte er.

In diesem Moment hätte ich ihn um sämtliche Passwörter bitten können, auch die seiner Erbtante, er hätte bereitwillig alles herausgerückt, inklusive Erbtantchen selbst, nur weil da jemand LEIBHAFTIG vor ihm stand, einer aus der Bugs Bunny-Generation, der Led Zep und Punk und Wir Kinder vom Bahnhof Zoo überlebt hatte und davon, vielleicht, erzählen konnte - verfluchte Hacke, ich hätte es ausnutzen sollen! Ich mein, hatte ich denn gar nichts gelernt in diesem Jahrzehnt?

Außer überleben??!

*

Dieser ganze Retro-Look in Mode und Musik ist wie ein gewaltiger Geschmacksverstärker. Er täuscht etwas vor, das es in dieser Intensität nie gegeben hat.

Plateau-Schuhe etwa sah man in den 70er Jahren - kaum. Sicher trugen Gary Glitter und Elvis Plateauschuhe, wenn sie die Bühne bestiegen, aber wann lief einem schon mal Elvis auf einer Bühne über den Weg.

Auch privat kannte ich einige bunte Vögel, die sich im Alltag schräg aufbrezelten, doch das war die absolute Ausnahme. Die meisten Leute sparten sich ihren Auftritt fürs nächste Rock-Konzert auf. Das nächste Rock-Konzert war in den 70er Jahren der natürliche Laufsteg der In-Crowd, hier zeigte man sich. Wer etwas auf sich gab, arbeitete sorgsam auf die Termine hin und stimmte sie miteinander ab.

Ich glaub, ich hab in meinem Leben nie wieder so viele verrückt gekleidete Leute gesehen wie beim abgebrochenen Zappa-Konzert 1977 in der Kölner Sporthalle. Wo man hinschaute, russische Filmärzte und Diven der Sonderklasse Antwerpen, getaucht in Unmengen Haarspray.

(Das Konzert wurde abgebrochen, weil jemand aus dem Publikum eine Flasche auf die Bühne geworfen haben soll. Wir haben nichts davon mitgekriegt. Wir sahen nur, dass die Band plötzlich die Bühne verliess, und wenig später ging das Hallenlicht an und alle waren stinksauer. Draussen, an den Bierständen, ging die Wer ist der schrägste?-Schau ungerührt weiter.)

*

Trotz Patti Smith, trotz Punk und Led Zeppelin und was es sonst noch alles so gab in den wilden 70ern, David Bowie, Glitter-Rock, Dire Straits: Die prägende Kraft war Zappa.

(Auch wenn Patti Smith ihm Konkurrenz machte, in meiner privaten Rangliste. Ich hörte G-L-O-R-I-A und Pissing in a river und war angesteckt von ihrer fiebrigen, sehr weissen Energie. Sie war eine Druidin, und ihr Zaubertrank wurde auf Vinyl ausgeschenkt.)

Aber letztlich konnte keiner Zappa toppen. Seine strikt antibürgerliche Haltung, sein Hass auf alles, was Plastik-Amerika über die Welt spülte, Zappa war die alles überstrahlende revolutionäre Freiheitsstatue der Popmusik, witzig und kompromisslos.

Das Album Sheik Yer Bouti von 1981 war nicht nur von der Songauswahl brilliant, auch die Aufnahmequalität war großartig. Wer auch nur eine halbwegs brauchbare (analoge) Stereoanlage sein eigen nannte, dem trug Sheik yer bouti das Dach ab, während er den Chorus mitmalmte.

Und: Auf dem Doppelalbum befindet sich "Bobby Brown", Frank Zappas einziger großer Single-Hit. Aber die ganze Scheibe strotzt vor Witz und Selbstbewusstsein.

Unsere große Zappa-Zeit war da allerdings schon vorbei, die war ein paar Jahre zuvor gewesen war, als wir jeden Abend beim Rüttgers mit der krausen Matte einliefen. Wir, das war vielleicht ein Dutzend Jungs, alle zwischen 16 und 19, Schüler, Gammler, Auszubildende.

Rüttgers war der erste in der Clique, der seine eigene Bude hatte, nachdem ihn sein psychopathischer Vater in einer Nacht-und Nebelaktion, die wir alle miterleben durften, rausgeworfen hatte, die Treppe runter, Klamotten hinterher: LASS DICH NIE MEHR HIER BLICKEN, ARSCHLOCH! DU MACHST DEINER MUTTER NUR KUMMER!

Wenig später bezog Rüttgers, keine hundert Meter entfernt, eine kleine Genossenschaftswohnung, die sich schnell zur lokalen Zappa-Zentrale mauserte. Rüttgers im Tross auf die Bude rücken, wo aus allen Tüten, Pfeifen und Shilums gekifft wurde, das zählt zu den schönsten Erinnerungen an das Jahr 1977, als wir Haschisch entdeckten und die RAF in Westberlin irgendwelche fahlen Polit-Bonzen entführte, die wir nicht kannten und die uns auch schnuppe waren.

In der bergischen Diaspora wurden keine Steine geschmissen, bei uns hieß es, RÜTTGERS, SCHMEISS ZAPPA UND DIE MÜTTER AUF DEN PLATTENTELLER!!!

Wer jemals nächtelang gemeinsam gekifft und Songs gesungen hat, der vergisst das nie wieder, auf alle Ewigkeit bleibt ein rührendes Gefühl von Zuneigung zurück. Man kann nicht gemeinsam singen, wenn man sich nicht liebt, und Jungs mit 17 lieben bedingungslos, besonders sich selbst und die Kumpel.

*

Zappa war der rotzfreche Gockel aus der Raucherecke, der sich über alles lustig machte. Die blassen Blödmänner aus der Bibelstunde bekamen ihr Fett weg genauso wie die Mädels, die sich Tonnen von Clerasil ins Gesicht klatschten, weil sie es nicht besser wussten, aber alles zu wissen glaubten über schnieke Boys mit wiehernden amerikanischen Gebissen - Zappa hatte für jeden ein As im Ärmel.

Er sprach den schroffen Siebzigern mehr aus dem Herzen als alle Saturday Night Fevers, Nevermind the Bollocks und Grandmaster Flashs zusammen. Zappa war düster und kompliziert, er war radikal, er war boshaft und wenn er Lust hatte war er sogar eingängig. Und er hasste alles, was mit Plastik zu tun hatte. Das vorallem. Darauf konnte man sich verlassen.

Das körnige Schwarzweißposter, das Seine Haarigkeit Frank Zappa nackt auf dem Scheißhaus zeigt, klebte in den Siebzigern auf WIRKLICH jedem vierten WC, das man aufsuchte, inklusive Steuerbehörde, Davidswache und Puff in Barcelona. Ole, ole! Rekordwert. Bis heute.

*

Als ich das erste Mal einen Film der Marx-Brothers sah, war ich irritiert. Dieser verrückte Typ mit Zigarre im Mund, obszönem Ziegenbart und Dada-Grinsen, das war doch Zappa..! Was zum Teufel hatte Zappa in einer Komödie aus den 40er Jahren zu suchen?? Wie alt war der denn???

Fortan und bis zum Ende aller Screwballkomödien blieben Frank Zappa und Groucho Marx für mich ein und dieselbe Person, und darauf lasse ich auch bis heute nichts kommen, sorry, Frank, sorry, Groucho.

*

Bei dem hohen THC-Gehalt der heutigen auf Power getrimmten Marihuanasorten hat Kiffen nur noch wenig mit dem gemütlichen Ablachen früherer Zeiten gemein. Obwohl. Moment. Gemütlich ablachen? Dass ich nicht lache.

War es nicht 1977, als wir einen Afghanen rauchten, der direkt aus der schwarzen Schuhcremedose zu kommen schien? Der einem die Augen von innen verschnürte?

Und was war mit RAUCHT AHMEDS SCHUHE, dem fetten Graffito, das zehn Jahre lang eine Autobahnbrücke in Solingen zierte? Und was war mit dem Pfund Sensemilla, im Schrebergarten von Benzinis Eltern gezüchtet und geerntet und in zwei heißen Septembernächten verbraten,  bis wir alle dachten, au weia, das wird nie wieder, da bleibt was zurück im Kopf!?

Und ja, es blieb was zurück. Es blieb sogar eine Menge zurück. Ich danke Gott für alles, was je zurückblieb in meinem Kopf.

Danke, Herr.

*

Gelacht haben wir beim Rüttgers mit der krausen Matte wie im Leben vermutlich nie wieder. In der kleinen Erdgeschossbude in Meigen roch es wie im Stall, wenn zwölf Jungs und keine Frau das Rollo runterließen und dicht gedrängt auf ochsenblutrotem Genossenschaftsholzboden sich gegenseitig Kopfschüsse aus dem dampfenden Shilum setzten bis zum finalen Lachkollaps, wobei Rüttgers am Plattenspieler stand und den Einpeitscher gab.

Er war die alleinige Nordkurve von Frank Zappa.

Er kannte sämtliche Texte in-und auswendig, und wir folgten ihm ergeben. Noch heute wundere ich mich, wie selbstverständlich und fehlerfrei mir manche Song-Passage von Zappa in den Sinn kommt, ganz plötzlich und ohne Anlass, einfach, wenn ich irgendwo hergehe.

Etwa von einer Nummer namens CAMARILLO BRILLO, die ich das letzte Mal wohl 1982 herum gehört haben muss:

WELL, I WAS BORN TO HAVE ADVENTURE, SO I FOLLOWED UP THE STEPS..

*

Rüttgers, ältestes von vier Geschwistern, arbeitete schon früh. Keine Ahnung, wo und als was. Darüber wurde damals wenig geredet. Jeder machte irgendwas, fertig. War doch egal, was jeder so tat. War eh unwichtig.

Rüttgers hatte ein lautes herausplatzendes Organ und dichtes krauses Haar, das er zu einer Art Afro mit Seitenscheitel hochkämmte, was ich in dieser Form nur noch ein einziges Mal gesehen habe, nämlich beim Sänger von Boney M, der gar kein Sänger war, wie sich später herausstellte. Rüttgers hingegen war ein Sänger, und was für einer.

Ein lauter.

Mehr noch: Er war die begnadete europäische Autokino-Stimme von Zappa, wenn der daheim in Nordamerika im Bett lag, Zigarren paffte und schlief.

Obwohl, Zappa schlief nie. Das stand fest. Das konnte gar nicht anders sein. Er fiel vielleicht so unglücklich von der Bühne in den Orchestergraben, dass er sich das Kreuz brach, aber schlafen? Schlafen war was für Anfänger, und wir alle waren schon ein gutes Stück weiter.

*

Ständig hatte Rüttgers Trouble mit den Nachbarn, wenn die mal wieder kein Auge zugetan hatten in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, als wir im Dutzend einmarschiert waren, Türkenplättchen im Schlepptau.

Es muss die Hölle für die Nachbarschaft gewesen sein. Gelächter, Geschepper, Gegröle und Zappa and the Mothers of Invention die ganze Nacht. DIE MÜTTER!

Und Banane-Martin.

Das ganze war aus einer simplen kleinen Situation heraus entstanden, doch mit der Zeit dickte es mehr und mehr an, wie ein Schneeball, der durch Pappschnee rollte und mehr und mehr Masse ansetzte bis zuletzt ein riesiger Jux übrigblieb und alle den Lachflash bekamen und sich jeden Abend bepissten vor Spaß und Vergnügen, dabei war alles, was wir zu sehen bekamen, nichts als afghanisches Bauerntheater.

Es begann mit Rüttgers, ja, er machte den Anfang. Zugedröhnt zog er das Brotmesser aus der Besteckschublade und wackelte von hinten auf Banane-Martin zu, der am Tisch saß und sich wimmernd wegduckte, er wusste nämlich nur zu gut, was jetzt auf ihn zukam, und weil er das wusste, wurde alles nur noch schlimmer. Im bekifften Zustand konnte Banane-Martin sich nicht wehren, nicht gegen unsere Anfeuerungsrufe, nicht gegen Rüttgers Phantom-Attacken, und je näher Rüttgers kam, von hinten, das lange Messer in der Hand, desto werwölfiger wimmerte Banane-Martin, bis er zuletzt, mit den Nerven am Ende, vom Stuhl klatschte und den hysterischen Kiffertod starb, während Rüttgers, der Ripper mit der krausen Boney M-Matte, weiter auf Martins Leib einstach, pantomimisch freilich und ekstatisch More trouble every day schmetternd, von Zappas Live-Album Roxy and elsewhere, während wir Jungs den Überblick verloren und alles und jeden anfeuerten, wir drehten komplett durch, jeden Abend, jede Vorstellung, 12mal Bauerntheater Afghanistan, alle Plätze nebeneinander, dankesehr.

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Live-Album "Fillmore East, The Mothers, 1971".

In "The Mud Shark", einer Mischung aus Hollywood-Erzählung und Rockmusik, geht es um ein Motel voll Groupies.

"They will only have sex with a guy in a group with a big hit-single in the charts – with a bullet!" steigert sich der Erzähler, von einer lässigen kleinen Strassen-Melodie angetrieben: "And the dick - that’s a monster!!" Was 12 Jungs voller Elan mitbrüllten.

Wenn wir "Do you like my new car?" vom selben Album hörten, saßen wir inmitten der Live-Show im Fillmore East und lauschten dem Dialog zweier Männer, die sich mit den schneidigsten Stimmen der Rockgeschichte ein Wortgefecht liefern, eine Art Talking Blues. Es geht um ein futuristisches neues Auto namens "Fillmore" und um schwangere Citroens und Manhattan-Schlitze, und alles endet im totalen Chaos bevor die Band es sich anders überlegt und eine gewaltige Live-Version des alten Turtles-Hits "So happy together" spielt.

Nach dem Hören von "Fillmore East" waren wir regelmäßig so im Eimer, als hätten wir einen Zehnkampf hingelegt und schleppten uns beim abschließenden 1500-Meter-Lauf ausgepumpt über die Ziellinie.

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Überm Rüttgers wohnte Holbein, ein undurchschaubarer, bleicher Bursche, der versuchte LSD in Heimarbeit herzustellen. Sein Gesicht war aschfahl, aber die Bäckchen glühten wie Abendrot, fast wie auf dem Etikett von Rotkäppchen, einem Vitamintrunk, der damals in keinem Kinderzimmer fehlen durfte. Nur dass beim Rüttgers das Rotbäckchen leibhaftig unter uns weilte und sich mitunter so schwer bekiffte, dass wir es zu viert die Treppe hinauftragen mussten, mitten in der Nacht.

Kiffen war eigentlich gar nicht sein Ding, Holbein hatte, außer zu uns, keinerlei Kontakt zur Szene. Er war zufällig an uns geraten, weil er schon eine Weile dort wohnte, wo Rüttgers neu eingezogen war.

Holbein studierte angeblich Chemie in Bonn, aber man sah ihn nie zu Vorlesungen fahren oder büffeln. Und über die schrägen  Experimente, die er laut Rüttgers zuhause anstellte, verlor er kein Wort. Auch von Rüttgers, sonst doch so leutselig, erfuhren wir in dieser Hinsicht wenig. Einmal hörten wir ihn im Treppenhaus lauthals schimpfen, "du jagst uns noch alle in die Luft!", worauf der bleichgesichtige Holbein seinen glänzenden Gestapo-Mantel zuknöpfte, den Gürtel festzurrte und beleidigt abmarschierte.

Dass es wirklich um LSD ging, erfuhren wir erst viel später, da war es schon fast vorbei. Holbein hatte sich auf dem Speicher eine kleine Dunkelkammer eingerichtet, weil gewisse Derivate unter Lichteinwirkung verfielen, wie er mir und Pepe in einer vertraulichen Stunde anvertraute. Holbein, sonst so gehemmt, blühte richtig auf, als er von Massenformeln, Molekülen und Problemen bei der Vakuum-Herstellung sprach, und Pepe und ich glotzten ihn an, wir kapierten kein Wort, aber es klang - gefährlich.

Holbein war ein LSD-Soldat, eine seltene Pflanze mit bleichem Fruchstand. Weil er trotz mühsamer Recherche nicht an Mutterkorn herankam, unerläßlich für die Herstellung von LSD, versuchte er über uns an eine Alternative zu gelangen, den Samen einer Pflanze namens Morning Glory. Das klappte natürlich nicht. Es gab zwar eine Menge Schieber, die mit LSD dealten, aber von Einzelheiten hatte niemand einen blassen Schimmer, geschweigedenn je irgendwer von einer Pflanze namens Morning Glory gehört.

Bis auf Betty aus Remscheid. Die meinte, Morning Glory, logisch, kenn ich, ist ne Teesorte, kann ich klarmachen, ein Früchtetee, aber als wir Holbein davon erzählten, fing er vor Wut an zu schnauben und zu zittern und stieß gepresst hervor, "das LSD muss dann aber erst fünf Minuten ziehen, oder was!?"  

Ich weiß nicht, was aus Holbein geworden ist. Das Haus, in dem er und Rüttgers und ein Riesenhaufen Zappaplatten wohnte, wurde 1978 abgerissen. Holbein verschwand in der Rheinschiene und wurde nie wieder gesehen, und Rüttgers zog hoch in die Nordstadt.

Und da trafen sich zum Zappahören alle Cracks wieder, der Pepe und Benzini, die Hansen-Brüder, Karlos, der Mitsubishi Boy und einige andere mehr, doch es war nicht mehr das gleiche. Es war anders geworden. Die 80er Jahre brachen an.

"Bobby Brown" war fällig.

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Wie immer bei Leuten, die man verehrt, bei den wirklichen Helden ihrer Zeit, kommt unweigerlich die Phase, wo man sich abnabelt, ein bisschen emanzipiert, das ganze plötzlich nicht mehr so toll findet. Eine nötige Loslösung, um danach mit etwas mehr Abstand die Sachlage neu zu beurteilen.

Was Zappa betraf, ich kehrte ihm Mitte der 80er den Rücken. Es erschienen zwar, so kam es mir jedenfalls vor, Unmengen von Instrumental-Platten, eine nach der anderen, doch ich hatte das Interesse verloren. Er klang wie jemand, der die Richtung verloren hatte.

Heute jedoch, 20 Jahre nach seinem Tod, höre ich seine Songs wieder gern, und fast ausschliesslich in meinem Kopf. Was da so zufällig anlandet, wie Flaschenpost aus einer versunkenen langhaarigen plastikhassenden Ära.

Es ist alles gespeichert.

WELL, I WAS BORN TO HAVE ADVENTURE, SO I FOLLOWED UP THE STEPS..

30.4.13 12:38


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