Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Hormone, Hundehalsband

Dass Frauen älter werden, davon hatte ich gehört. Dass Frauen an meiner Seite älter werden, davon war nie die Rede. Und dann kehrt sie eines Tages vom Besuch bei ihrer Frauenärztin mit einem Hormonpflaster heim. Eine ganze Schachtel, samt Beipackzettel. Sie liest mir daraus vor. Ich weiss nicht so recht, was ich davon halten soll, und lasse es mir übersetzen.
"Hormone sind Popcorn für die Gebärmutter", erklärt sie aufgekratzt.



*
Als ich nach dem Frühstück den Kaffeesatz in meiner Tasse untersuche, entdecke ich zwei Drachen auf einem Berg. Könnten auch zwei Elche sein. Jedenfalls liegen sie im Clinch miteinander. Na, liegen nicht gerade.


*
"Du hast es im Kopf, aber nicht in der Hand", seufzt sie, und nun reicht es. Ich steh auf und sage: "Dieser Satz muss festgehalten werden!" und suche mein neues teppichgrünes Notizbuch, das ich heut Nacht angebrochen habe. Das Dezembernotizbuch 2011.

Ich liebe es, ein neues Notizbuch anzubrechen. Den ersten Satz zu schreiben. "Was ist dein erster Satz?" fragt die Gräfin ab und zu, und ich lese ihn vor, stolz. Ein neues Notizbuch ist ein neues Leben, ein Fest für eine krickelige Handschrift.


*
"Du hast es im Kopf, aber nicht in der Hand", zitiere ich sie unter 2. Dezember 11.


*
Was war los?
"Du hast wieder vergessen, dem Hund das Halsband abzunehmen", beschwerte sie sich, als ich vom Spaziergang zurück war. Ich vergesse es jedes Mal. Ich denke einfach nicht daran. Ist ja auch keine große Sache, die Sache mit dem Hundehalsband, aber es sind nie die große Sachen, an denen sich Streit entzündet. Dafür geschehen große Sachen schon viel zu selten. Das wäre ein ruhiges Leben, entzündete sich Streit nur daran.

Ausserdem ist der Verschluss des roten Hundehalsbands so justiert, dass es nicht besonders eng anliegt, doch Frau Moll hat am Hals reichlich dickes Fell, und daher wirkt es, als schneide das Band tief in ihren Pelz. Als leide der Hund Qualen und ringe nach Luft. Als wäre ich ein Rabenherrchen. Das immerzu vergisst, das scheiss Halsband abzunehmen.

Manchmal liegt der Hund stundenlang unterm Schreibtisch und wärmt mir die Füße, bevor mir auffällt, dass das Halsband noch dran ist. Nämlich dann, wenn ich mich das nächste Mal fürs Gassigehen parat mache und im Hausflur die Leine vom Haken nehme und das Halsband anlegen will, was dann nicht mehr nötig ist. Eine bequeme kleine Sache ist das mit der Vergesslichkeit. Eine Sache für Glumm.

(Große Sachen haben es so an sich, dass sie selten geschehen, kleine Sachen fallen durch den Rost. Da muss man sich schon vorsehen, dass am Ende überhaupt etwas übrig bleibt.)

Als ich nach Hause kam, hatte ich noch daran gedacht, dem Hund das Halsband abzunehmen. Hatte es mir fest vorgenommen. Doch kaum war ich in der Wohnung, war der Gedanke futsch. Ich kann machen, was ich will, ich vergesse jedes Mal, dem Hund das verdammten Halsband abzunehmen.

"Ja, ja.. du hast es im Kopf, aber nicht in der Hand", seufzt sie. "Denk doch auch mal an den armen Hund." Fast ein bißchen feierlich sagt sie das. Fast ein bißchen von oben herab, vom Siegerpodest aus. Ich nehme den Stift in die Hand und denke: Ja, vonwegen, Schätzchen.
3.12.11 15:29


Ist schon ein Ding

Das ist schon ein Ding, wie ungenau die Leute lesen, wenn der Autor sich nicht exakt ausdrückt, lese ich irgendwo ein Zitat und nicke heftig mit dem Kopf, bevor ich darunter meinen Namen entdecke. Das ist von mir?! Au weia, jetzt ist es soweit. Jetzt vergesse ich schon, was ich mal geschrieben hab.

Eigentlich nicht verkehrt.
7.12.11 11:33


Neues aus den Parkanlagen

Im unteren, eher südländischen Areal des Coppel-Parks stehen drei magische kleine Birken beisammen, bei denen sich nach und nach die Rinde vom Stamm schält. Sie löst sich in langen Bahnen und hängt herab wie die Holzhaut an einem angespitzten Bleistift.

Darunter kommt das Fleisch zum Vorschein, auf dem sich ganz vorzüglich schreiben lässt. Ich hab schon ganze Geschichten ins Holz geschrieben, nicht geritzt, geschrieben, fast wie auf einem Blatt Papier auf weicher, aber stabiler Unterlage mit dem schwarzen Kugelschreiber, und signiert:

woody woodpecker.


*
Wenn man so richtig den Höhenflug hat, wenn einen das Adrenalin pusht, tagelang, als würde man sich ohne Unterbrechung selber unter den Rock gucken: yes. Dann ist Donnerstag.


*
Der Hund schnuppert woanders, als ich am Ententeich eine tote Wasserratte entdecke. Plötzlich liegt sie da vor mir, im sumpfigen Uferbereich, schon halb angefressen von den vielen Nutzniessern einer Wasserleiche. Lang ausgestreckt liegt sie da, wie hintransportiert von der Meute gieriger Maden und Nacktschnecken, die dem Leichnam noch die Restscheisse aus dem Darm geschnorchelt haben.
Die ersten Schnecken ziehen sich bereits zurück, im Nieselregen, pappensatt, hochzufrieden.


*
Am gegenüberliegenden Ufer, im Schilf, spielen zwei Jungs in Gummistiefeln Fährmann. Es knackt im Unterholz, wie ein Pistolenschuss: Ein dritte Bursche hat einen Zweig vom Baumstamm gebrochen. Ich höre die Jungs murmeln, einer sagt so etwas wie ".. aber ohne Klopapier..", und alle lachen auf, wie drei Schnappmesser.


*
Morgenspaziergang. Überm Park dampft die Sonne, als versuche sie den letzten Fitzel Staub des Sommers aus den Büschen zu klopfen.
8.12.11 12:56


Ich bin vielleicht eine linke Kimme

Ich bin vielleicht eine linke Kimme, ein durchtriebenes hinterhältiges Etwas, ein abgewichstes Luder: Da steh ich in meiner Mittagspause am Hauptbahnhof am Fahrplan und tu so, als studiere ich die Abfahrtszeiten der Züge, dabei bin ich mit den Ohren bei den beiden jungen FC-Fans, die Dienstagmittags in voller Kutte auf den Nahverkehrszug nach Köln warten, dabei ist Dienstagmittag nicht gerade typischer Bundesligaspieltag.

Schnell höre ich heraus, dass es ein Nachholspiel gegen Mainz gibt, und da fällt der ganze Groschen, wie in einem alten Süßigkeiten-Automat. Die ursprüngliche Partie wurde abgesagt, weil der Schiri einen Suizidversuch unternommen hatte, vergangene Woche, in einem Zimmer des Kölner Interconti, aber umsonst. Der Kollege hat überlebt.

Andere Frage: Was ich mittags am Hbf zu suchen habe? Die Antwort: ich hab Mittagspause, und weil es im Daily Coffee den besten Kaffee weit und breit gibt to go, lungere ich am Hauptbahnhahnhof herum, mit genug Zeit für zwei Becher Kaffee und nebenbei etwas abstauben. Ich sagte es schon mal, wiederhole mich aber gern, bis es auch dem letzten Holzkopf bekannt vorkommt, falls es ihm einmal irgendwo begegnen sollte, in einem Buch, einem Ebook, einem Hörbuch, einer Zeitschrift, in einem Wegblog.

Neugier ist mein erster Wohnsitz, besonders wenn ich unterwegs bin.

Die beiden Jungs sind nicht älter als 16, die Bäckchen vor Aufregung ganz rot. Einem löst sich der überlange Fan-Schal, um die Hüfte gewickelt, und fällt zu Boden, als er seinem Kumpan schildert, wie er bei einer Klopperei unter Hooligans zugelangt hat.

"Alter, den hab ich voll weggetreten, der musste den Kiefer gebrochen haben, so hab ich den alle gemacht, die Schlampe, Junge, war ich besoffen. Pam pam!"

Ich hab das Notizbuch im Anschlag, um O-Ton abzugreifen, aber irgendwie, die sind ja nicht doof, das sind Jugendliche, die Sinne geschärft, kriegen sie intuitiv mit, dass sie belauscht werden. Der Wortführer hebt seinen Schal auf und senkt die Stimme. Die beiden nehmen mir den Opa nicht ab, der sich die Abfahrtszeiten des Interregio Koblenz aufschreibt, also gebe ich den Standort auf, aber sehr langsam, mit riesiger CIA-Antenne.

"Am nächsten Morgen, ich schwöre, Alter, stecken seine Zähne in meinen Turnschuhen, voll vorne drauf, wie so kleine weisse Hörner, Alter. Krass, ich schwöre."
16.12.11 13:13


Birdland, Bahnhof

1
Mein Schwager, passionierter Läufer und Radfahrer, möchte im nächsten Leben gerne Zugvogel werden, weil man sich da immer im selben Rhythmus bewegt, wie er sagt. Ich frage mich, ob ich überhaupt fliegen würde, wäre ich demnächst ein Vogel. Aber eins würde ich ganz sicher tun: hoch oben über den Dachfirst spazieren.





2
Vor Ort sein und das Beste aus einer Situation rausholen, egal wo man sich gerade befindet, auch am Bahnsteig unter Hunderten von Leuten. Mir fallen zwei junge FC-Fans in voller Kutte auf, mit meterlangem Schal, die Spaß miteinander haben, und sofort leite ich das Täuschungsmanöver ein. Ich baue mich in ihrer Nähe vor dem Fahrplan auf und gebe vor, irgendwelche Abfahrtzeiten zu notieren. Ich kann eine ziemlich linke Kimme sein, wenn mir Informationen aus der Wirklichkeit zugespielt werden, von nebenan. Wenn ich meine Fahrplanfresse auflege, mein zugebautes Intrigengesicht, damit komme ich noch immer durch, damit notiere ich Abfahrtszeiten von Zügen, die ohne mich abfahren, damit luchse ich Originalton ab. Damit wird hingehört.

Ein Nachholspiel gegen Mainz steht auf dem Programm, höre ich. Und dass es eine krasse Klopperei gab, beim letzten Auswärtskick.

".. aber die Muschi hab ich noch voll weggehauen, ich schwöre, hier, hat das geknackt. Dem seine Fresse war so kaputt, man konnte gar nicht mehr erkennen, wer das war. Und am nächsten Morgen will ich meine Sneakers anziehen, stecken da seine Zähne drin."

"Nee, oder!"

"Ich schwöre! Zwei Zähne von der Muschi, die ich platt getreten hab, stecken vorn in meinem Turnschuh, wie so weisse Pfosten an der Strasse."

Alter. Ich kann mir nicht helfen, aber ich muss laut auflachen am Bahnsteig Richtung Köln, Dienstagmittags, als ich lustige Abfahrtszeiten notiere.

Oder war das Ernst.
21.12.11 09:55


Peace mit 3 Fingern

"Meine Kommunion war klasse", erzählt sie. "Haben wir in der Mahnerts Mühle gefeiert, zwischen Erkrath und Haan. Da bin ich nie wieder gewesen. Da sind heute Griechen drin. Ich hab die halbe Zeit die Musikbox gefüttert, mit Markstücken. Immer fünf Songs. Ich weiss gar nicht mehr.. Elvis war drin, Viva Las Vegas, die Nummer, die so schnell ist, als wäre sie in einen Windkanal geraten und trotzdem ist jedes Instrument an seinem Platz.. Und Mandy von Barry Manilow, klar, Mandy. Da hab ich mit meiner kleinen Schwester Blues getanzt, aber die wusste gar nicht, was los ist. Was die ganze Fummelei soll, das Schäkern. Und dann dieser deutsche Schmuseheinz mit den Locken, wie hiess der noch.. na.. Mamy Blue hat der gesungen.."

"Ricky Shayne", sag ich. Der Schwarm meiner grossen Schwester.

"Ja, genau, Ricky Shayne, männlich und trotzdem weich irgendwie. Der hat doch immer Peace mit drei Fingern gemacht."

"Wie, Peace mit drei Fingern?"

"Na, das Peacezeichen. Das macht man doch mit zwei Fingern, hier, so.. Aber Ricky Shayne hat das mit drei Fingern gemacht."

"Ist wahr?"

"Ja, hab ich mal gesehen, ein Foto."

"Aber woher weisst du, dass er damit Peace meinte?"

Sie stöhnt. "Na, weil das unterm Foto stand. Ricky Shayne macht Peace."

"Ha. Dann war das ein Fehler vom Redakteur, nicht von Ricky Shayne."

Wobei, Peace mit drei Fingern, das muss man erstmal hinkriegen, als Schmuseheinz. Als Goldlöckchen. Ich zum Beispiel kann eine Faust machen, groß wie ein Herzmuskel. Hier.
23.12.11 09:08


Es gibt so viele schöne Leben

"Es gibt so viele schöne Leben, schade, dass man immer nur eins leben kann."


*
"Wer seine Träume kennenlernen will, der muss auch schon mal ausschlafen."

- Die Gräfin -


25.12.11 07:49


Pottleck, Pot-leg, Schwarzenbeck!

Niemand wusste, was Pottleck bedeuten soll, aber man stellt Begriffe nicht in Frage, wenn man jung ist, sie sind eben da und heißen wie sie heißen, fertig, aus, Pottleck.

Nachmittags trafen wir uns zum Fußballspielen unten im Klauberg auf dem staubigen Sandplatz, der in den 30er Jahren den Nazis als Terrain für Militärpferde gedient hatte. Mit den Rängen aus grün bepflanzten Erdhügeln, die den Platz zu den Seiten hin abschirmten, wirkte es wie ein kleines Natur-Stadion, und da sich schnell herumgesprochen hatte, dass am Klauberg eine Menge Talente bolzten, saßen nicht selten zehn, zwanzig schreiende Frührentner um den Platz herum.

Da war etwa dieser knorrige kleine Pole, der bei jedem Wetter da war, um seinen Bub anzufeuern, der verdammt lang war für sein Alter, keinen Namen hatte, kein Wort Deutsch sprach und meist stur geradeaus rannte mit hochroter Birne, ohne je die Pille zugespielt zu bekommen. Eine tragische Figur. (Der Vater.) (Der Sohn auch.)

Bevor es losging, mussten die Mannschaften gewählt werden. Dazu wurden zwei Kapitäne bestimmt, die beiden stärksten Spieler auf dem Feld. Wer jedoch von den beiden mit dem Wählen beginnen durfte, (was ja nicht unwichtig war, schließlich konnte sich der Gewinner den nächstbesten Spieler sichern, oder den einzigen Torwart), das wurde mit einer Runde Pottleck ausgefochten.

Pot-Leg.

Beim Pottleck standen sich die beiden Kapitäne gegenüber, im Abstand von einigen Metern, und marschierten aufeinander zu, straight wie ein Mariachi-Bass, abwechselnd einen Fuß vor den anderen setzend. Erst ging A eine Fußlänge vorwärts, dann B, usw. Gewonnen hatte, wer als letzter noch einen Fuß setzen konnte, ohne sein Gegenüber an der Schuhspitze zu berühren.

Je später der Nachmittag, desto ausgefuchster wurde gepottleckt. Vor allem in den Großen Sommerferien, wenn es erst um halb zehn dämmerte und über den Tag verteilt mehrfach gewählt werden musste, wurde die entscheidende letzte Fußlänge gestückelt. Wenn abzusehen war, dass der Platz zwischen den beiden Kontrahenten für eine ganze Fußlänge nicht mehr ausreichte, winkelte man den Fuß eben an und setzte ihn schräg auf. Damit blieben in der Regel auch noch für den Gegner zwei, drei Zentimeter Platz: Genug für eine Schuhspitze, von oben senkrecht in den Staub gedrückt.

"Ballett-Tänzer!" musste der Sieger eines solch knappen Duells in der Mittagssonne eventuell über sich ergehen lassen, aus dem Hals zwanzig wütender Frührentner, deren Söhne ins Team der Luschen gewählt worden waren, aber gewonnen war gewonnen - wen juckten da Hohnrufe.

Nur warum dieses Verfahren in unserer Strasse Pottleck hieß, oder Pot-leg, keine Ahnung.



2
Jeder kennt es, diese in unregelmäßigen Abständen auftauchenden Szenen aus der Kindheit, die keinen erkennbaren Sinn machen. Wo man sich, mittlerweile erwachsen, fragt: aha, und was soll das bitteschön? Hatte meine Kindheit nichts Spannenderes zu bieten!? Wieso gerade dieses Bild?

Bei mir ist es folgende Szenerie, die in meinem Kopf periodisch wiederkehrt: 1972. Ich komm von der Schule heim und freu mich auf Fußball im Fernsehen, das Europapokalspiel zwischen Steaua Bukarest und Bayern München. Ein Nachmittags-Spiel, Europapokal der Landesmeister.

So sehr ich Bayern München heute nicht leiden mag, in den frühen Siebzigern hatte das Team ein Gesicht: Gerd Müller hatte ein Gesicht, Beckenbauer hatte eins, (wenn auch komisches), Bulle Roth, und sogar Uli Hoeness, pfeilschnell und immer geradeaus rennend, hatte zumindest seine hochrote Birne.

Und, nicht zu unterschlagen, der vierschrötige Vorstopper Katsche Schwarzenbeck, der wie eine Machete übers Spielfeld zog, um den anderen Bauernfressen den Weg frei zu hauen.

Irgendwie fand ich Bayern nie gut.

Fußball im TV war damals was besonderes. Es gab ja nicht viel. Samstags lief die Sportschau um sechs und abends das Aktuelle Sportstudio, ab und an gab es ein Länderspiel, und eben den Europa-Cup.

Da Rumänien 1972 noch kein Farbfernsehen hatte, wurde die Partie aus Bukarest in s/w übertragen. Aber jetzt kommt's: Darum geht es gar nicht!
Die Szene, die andauernd in mir hochgespült wird, betrifft den Kinderfilm, der vor dem Spiel ausgestrahlt wurde, ebenfalls in s/w, und von dem ich auch nur das Ende mitbekam, kurz bevor der Abspann einsetzte:

Ein Junge, etwa mein Alter, sitzt auf einer betonierten Kaimauer und blickt hinaus aufs offene Meer. Man hört Möwengeschrei, sonst nichts.
Das Meer, der Hafenkai, der Junge.

Genau dieses Bild.

Und jetzt kommt mir bitte nicht mit so naheliegendem Psycho-Kram à la: Dieser einsame Junge, das bist doch du! Und das viele Wasser dahinten!

Schon klar.
26.12.11 12:26


Potleg!

Niemand wusste, was Pottleck bedeuten soll, aber man stellt Begriffe nicht in Frage, wenn man jung ist, sie sind eben da, fertig, aus - Pottleck.

Nachmittags trafen wir uns zum Fußballspielen unten im Klauberg auf dem staubigen Sandplatz, der in den 30er Jahren den Nazis als Terrain für Militärpferde gedient hatte. Mit den Rängen aus grün bepflanzten Erdhügeln, die den Platz zu den Seiten hin abschirmten, wirkte es wie ein kleines Natur-Stadion, und da sich schnell herumgesprochen hatte, dass am Klauberg eine Menge Talente bolzten, saßen nicht selten zehn, zwanzig schreiende Frührentner um den Platz herum.

Da war etwa dieser knorrige kleine Pole, der bei jedem Wetter da war, um seinen Bub anzufeuern, der verdammt lang war für sein Alter, aber keinen Namen hatte, kein Wort Deutsch sprach und meist stur geradeaus rannte mit hochroter Birne, ohne je die Pille zugespielt zu bekommen. Eine tragische Figur. (Der Vater.) (Der Sohn auch.)

Bevor es losging, mussten die Mannschaften gewählt werden. Dazu wurden zwei Kapitäne bestimmt, die beiden stärksten Spieler auf dem Feld. Wer jedoch von den beiden mit dem Wählen beginnen durfte, (was ja nicht unwichtig war, schließlich konnte sich der Gewinner den nächstbesten Spieler sichern, oder den einzigen Torwart), das wurde mit einer Runde Pottleck ausgefochten.

Pot-Leg.

Beim Pottleck standen sich die beiden Kapitäne gegenüber, im Abstand von einigen Metern, und marschierten aufeinander zu, straight wie ein Mariachi-Bass, abwechselnd einen Fuß vor den anderen setzend. Erst ging A eine Fußlänge vorwärts, dann B, usw. Gewonnen hatte, wer als letzter noch einen Fuß setzen konnte, ohne sein Gegenüber an der Schuhspitze zu berühren.

Je später der Nachmittag, desto ausgefuchster wurde gepottleckt. Vor allem in den Großen Sommerferien, wenn es erst um halb zehn dämmerte und über den Tag verteilt mehrfach gewählt werden musste, wurde die entscheidende letzte Fußlänge gestückelt. Wenn abzusehen war, dass der Platz zwischen den beiden Kontrahenten für eine ganze Fußlänge nicht mehr ausreichte, winkelte man den Fuß eben an und setzte ihn schräg auf. Damit blieben in der Regel auch noch für den Gegner zwei, drei Zentimeter Platz: Genug für eine Schuhspitze, von oben senkrecht in den Staub gedrückt.

"Ballett-Tänzer!" musste der Sieger eines solch knappen Duells in der Mittagssonne eventuell über sich ergehen lassen, aus dem Hals zwanzig wütender Frührentner, deren Söhne ins Team der Luschen gewählt worden waren, aber gewonnen war gewonnen - wen juckten da Hohnrufe.

Nur warum dieses Verfahren in unserer Strasse Pottleck hieß, oder Pot-leg, keine Ahnung.



*
Jeder kennt es, diese in unregelmäßigen Abständen auftauchenden Szenen aus der Kindheit, die keinen erkennbaren Sinn machen. Wo man sich, mittlerweile erwachsen, fragt: aha, und was soll das bitteschön? Hatte meine Kindheit nichts Spannenderes zu bieten!? Wieso gerade dieses Bild?

Bei mir ist es folgende Szenerie, die in meinem Kopf periodisch wiederkehrt: 1972. Ich komme von der Schule heim und freu mich auf Fußball im Fernsehen, das Europapokalspiel zwischen Steaua Bukarest und Bayern München. Ein Nachmittags-Spiel, Europapokal der Landesmeister.

So sehr ich Bayern München heute nicht leiden mag, in den frühen Siebzigern hatte das Team ein Gesicht: Gerd Müller hatte ein Gesicht, Beckenbauer hatte eins, (wenn auch komisches), Bulle Roth, und sogar Uli Hoeness, pfeilschnell und immer geradeaus rennend, hatte zumindest seine hochrote Birne. Und, nicht zu unterschlagen, der vierschrötige Vorstopper Katsche Schwarzenbeck, der wie eine Machete übers Spielfeld zog, um den anderen Bauernfressen seiner Mannschaft den Weg frei zu hauen.

Irgendwie fand ich Bayern nie gut.

Fußball im TV war damals was besonderes. Es gab ja nicht viel. Wir hatten ja nichts. Samstags die Sportschau um sechs und abends um zehn das Aktuelle Sportstudio, ab und an ein Länderspiel, und eben den Europa-Cup.

Da Rumänien 1972 noch kein Farbfernsehen hatte, wurde die Partie aus Bukarest in s/w übertragen. Aber jetzt kommt's: Darum gehts gar nicht! Die Szene, die periodisch in mir hochkocht, betrifft den Kinderfilm, der vor dem Spiel ausgestrahlt wurde, ebenfalls in s/w, und von dem ich auch nur das Ende mitbekam, kurz bevor der Abspann einsetzte:

Ein Junge, etwa mein Alter, sitzt auf einer betonierten Kaimauer und blickt hinaus aufs offene Meer. Man hört Möwengeschrei, sonst nichts. Das Meer, der Hafenkai, der Junge. Genau dieses Bild. Ich sehe es alle paar Monate. Und jetzt komme mir bitte niemand mit so naheliegendem Psycho-Kram à la: Dieser einsame Junge, das bist doch du! Und das viele Wasser am Horizont!

Schon klar.
26.12.11 12:32


28. 12. 11

"Wenn du Zugriff auf meine Synapsen hättest, müsstest du nicht andauernd stehenbleiben und notieren, was ich gesagt habe. Das wäre bequemer, für alle Beteiligten."


*
"Ich hab in meinem Leben so viele Filme gesehen. Zu viele Filme. Kein Wunder, dass ich dauernd vom Leben enttäuscht bin."


*
"Zuweilen hab ich zu weinen."

- Die Gräfin (alle) -


*
Eigentlich wollte ich mir über die Festtage einen schönen Sherifffilm ansehen, in Cinemascope: "Was wir in Rio City brauchen, ist eine starke Hand, Ma'am", aber er kam nicht.


*
Im Januar blogge ich seit 7 Jahren. Ich existiere in 7-Jahres-Blöcken. Alle sieben Jahre beginnt eine neue Ära. Also so ungefähr. Mal sind es 6, mal auch 8. Aber im Schnitt: Sieben. Bei der Gräfin sind es vier.

"Da kannst du ein Ei drauf lassen, alle 4 Jahre muss was Neues her. Ich habe Luft für vier Jahre."


*
"Falls jemand anruft: Ich bin wieder in der Pubertät."

- Sie -


*
Gerade 18 geworden und den Führerschein bestanden, kaufte sie sich einen alten Mercedes, beigefarben. Auf dem Rücksitz lag immer ein Kopfkissen und eine Gitarre.


*
Manchmal hab ich einfach keine Lust aufs Schutzgebiet, besonders jetzt im Winter, wo die Bäume kahl sind und der Wald sein Geheimnis verliert, da drehe ich mit dem Hund lieber ein oder zwei Runden durch den Park.

Oder wir überqueren die Strasse und gehen ins kleine Industriegebiet am Gleisdreieck, wo es ein schönes Brachgelände gibt, auf dem Frau Moll und ich ein Spielchen ausgeheckt haben, auf das sie ganz versessen ist.

Ein einfaches Suchspiel. Ich nehme ein Steinchen in die Hand, etwa so groß wie eine Walnuß, und spucke drauf. Weil der Hund weiss, was jetzt kommt, ist er kaum zu bändigen. Er kläfft in hohen Tönen und macht Männchen wie ein Huskie, der es kaum abwarten kann, bis die Expedition startet. "HEPP!" Ich pfeffere den Stein, lecker eingespeichelt mit des Herrchens Mundwasser, über die Sträucher, über die Wiese.

"Such!"

Das kann man mit dem Hund eine dreiviertel Stunde lang machen, immer und immer wieder, ohne dass er die Lust verliert, bis irgendwann seine Konzentration nachlässt, die Nase stumpf wird. Frau Moll wäre ein perfekter Rauschgifthund, hätte ich sie nicht auf Steinchen gedrillt, sondern auf Heroin in grenznahen Unterhöschen.

Gleich neben dem Brachgelände, das intern nur Die Steinchenwiese heisst, liegt das Finanzamt für Konzernbetriebsprüfung Bergisches Land. Nach Feierabend streife ich die Fensterreihe im Erdgeschoss ab. In den meisten Büroräumen lässt sich problemlos ein Blick auf die Schreibtische werfen.

Da sind die EILT!-Kladden, die auf dem Umschlag vom jeweiligen Sachbearbeiter gegengezeichnet werden müssen, beim Umlauf durchs Haus. Da liegen Steuerbescheide, gegen die Einspruch erhoben wurde und die nun neu bearbeitet werden müssen. Alles schön säuberlich zu lesen, auch die Anschriften. Es ist dunkel, der Wind pfeift um die Ecken. Die Stadt ist still. Mutter ist seit einem Jahr tot.
28.12.11 15:30


Die rigorosen Dinge

Man muss nicht unbedingt fünfzig werden, um zu begreifen, dass Geburt und Tod die rigorosesten Dinge sind, die dieses Leben zu bieten hat. Geburt und Tod sind die Lunte, die von beiden Enden aufeinander zu brennt und sich in der Mitte trifft, in der Lebensmitte, wo all die existentiellen Fragen auflaufen. Wer bin ich? Was soll das? Und: wann erhebt sich denn nun das Heer schlauer Pferde und trampelt unsere Metropolen nieder? Wann knallts?

*

Am 2. Weihnachtstag 2010, dem Abend vor ihrem Tod, rief sie aus dem Krankenhaus an und hinterliess mit leiser und brüchiger Stimme einige Worte auf der Mailbox.
"Susanne, sag doch dem Andreas, er möchte mir Tempotaschentücher und Baldrian extra-stark mitbringen.."
Die Nachricht beschloss sie, wie üblich, mit einem beschwingten "Enn-de!", als handelte es sich um ein altmodisches Spaßtelegramm, das einem an die Tür gebracht wird.

Und während sie nun den Hörer mühsam in Richtung Telefonapparat bugsierte, um einzuhängen und auf der Mailbox das damit verbundene Geraschel der Spital-Bettwäsche zu hören ist, wünschte sie noch ein fernes und sehr leises "..schüss..", ein kleines Wörtchen, das in den Schluchten von Zeit und Raum verschwand wie ein allerletztes Winken.

Ausserdem im Hintergrund: das Tuscheln der nur wenige Jahre jüngeren Bettnachbarin, die in den Wirtschaftswunderjahren als Hutmacherin in Hamburg gearbeitet hatte. Vielleicht war aber auch Besuch für sie da, oder vielleicht telefonierte sie ebenfalls. Eine freundliche Person, die alte Hutmacherin, und der letzte Mensch, mit dem Mutter gemeinsam Zeit vorm Fernseher verbracht und gelacht hat.

*

Der Montag, der 27. Dezember, beginnt ungemütlich, alles geht schief. Seit Wochen liegt Schnee, nun setzt Regen ein und es beginnt zu tauen.

Weil ich zum Doc nach Gräfrath muss, um mein Rezept abzuholen, bin ich früh unterwegs. Ich hab ruckzuck nasse Füße, weil die Boots nicht mehr richtig dicht sind, fluchend verpasse ich den ersten Bus. Ich seh nur noch seine roten Rücklichter, als er an der nächsten Ampel hält, ein schwerfälliges arrogantes Kastenwesen. Dann gibt es furzend Gas.

Weil ich keine Lust habe, zwanzig Minuten in der Nässe rumzulungern, bis der nächste Bus kommt, vergrabe ich die Hände in der Jackentasche und laufe die Felder Strasse hoch, zur nächsten Haltestelle. Und dann stehe ich da und warte. Vertrete mir die Beine, von einem Fuß auf den anderen stippelnd, zwanzig, dreissig Minuten geht das so, aber da kommt kein Linienbus.

Ein Lastwagen habe sich oben in Meigen quergestellt, höre ich endlich. "Der Bus kommt nicht durch." Ich könnte kotzen, so verärgert bin ich. Anstatt direkt zu Fuß in die Stadt gegangen zu sein und die 683 Richtung Vohwinkel/Gräfrath bestiegen zu haben, warte ich fast eine Dreiviertelstunde auf einen Bus, der nicht durchkommt, und hole mir nasse Füße. Nasse Füße sind ein großes Ärgernis.

*

Gegen halb elf bin ich zurück aus Gräfrath. Ich kaufe in der Innenstadt Mandelsemmel und Brötchen zum Einfrieren, wie jeden Montag. Weiter zum Discounter auf der Wupperstrasse, für ein paar Kleinigkeiten. Als ich den Kannenhof runtegehe, bepackt mit zwei Tragetaschen, ist es kurz vor elf und ich hab keine Ahnung, dass meine Mutter zehn Kilometer entfernt im Stadtteil Ohligs mit dem Tode ringt.

In der Lukas-Klinik erleidet sie kurz hintereinander zwei Herzinfarkte. Den ersten während gerade die Arzt-Visite stattfindet. Sie liegt im Bett, läuft blau an, röchelt, verliert das Bewusstsein. Weil Arzt und Schwestern im Zimmer sind, wird sie sofort reanimiert, schneller kann keine erste Hilfe sein. Sie wird sofort auf die Intensivstation gebracht, wo sie, laut Auskunft der Ärztin, ein weiterer "Rieseninfarkt" ereilt.
"Ihre Mutter hat uns keine Chance mehr gegeben. Sie ist uns unter den Händen weggestorben."

Zur gleichen Zeit gehe ich bepackt wie ein Esel den Kannenhof runter, der immer noch nicht von Schnee geräumt ist, und da steht dieser PkW halb auf dem Gehweg. Überall ist es eng, wegen der vielen Schneehaufen, freie Parkflächen sind rar, aber am Kannenhof ist es wie immer besonders eng. Die Beifahrertür des Wagens steht weit offen und ragt auf den Bürgersteig, ohne dass der Fahrer im Wagen es bemerken würde, er ist mit dem Handschuhfach beschäftigt.

Ich schlängele mich seitlich am Wagen vorbei, bleibe dabei kurioserweise mit dem Innenfutter der offenen Jacke an der oberen Kante der Türe hängen. Erhitzt vom Einkaufen hab ich den Reißverschluss der Jacke aufgemacht. Für einen winzigen Moment steht die Jacke nun weit offen wie ein Zelt, es ist, als präsentierte ich mein Herz, es ist groß und geöffnet für diesen einen winzigen Augenblick.

Im Weitergehen, nachdem ich die Jacke von der Autotüre befreit habe, denke ich so für mich, "Ja, was war das denn jetzt? Das ist mir ja noch noch nie passiert, in fünfzig Jahren Bürgersteig nicht", und lächle den Fahrer blöde an, der seinen Fauxpas mittlerweile bemerkt hat und entschuldigend nickt. In diesem Moment ist Mutter gegangen.


1. Januar 2011

Nebliger Morgen, schmutziger Schnee, abgeschossene Sternenkracher und Turbowirbel. Ich hab Silvester kaum registriert. Irgendein Lärm. Mutter ist fünf Tage tot.

"Warum will Opa nicht allein bleiben?" fragen seine beiden kleinen Söhne meinen Bruder.

Ich bewege mich durch die Tage wie eine Drohne, die sich jedem Radar entzieht, ich bin wie vom Schirm genommen. Sanne ist nicht viel weniger neben der Kappe. Wir schreiben den Vornamen meiner Mutter in mannshohen Buchstaben in den Schnee. Wir malen ein großen Herz. Wir sind traurige Kinder. (Unser innerstes Band: wir mögen es beide nicht, dass Dinge im Leben vorbeigehen.)

Vom ersten Moment an war Mutter der Meinung, die Gräfin sei die richtige Frau für mich, ich solle sie mir nicht durch die Lappen gehen lassen. Und die Gräfin mochte meine Mutter, diese rätselhafte stolze Frau, die es gerne schlicht hatte. In den letzten Jahren schlief sie alleine im Ehebett, weil mein Vater so laut schnarchte. Das Schlafzimmer strahlte mit seinem weissen Einbaumobiliar, das 1969 der letzte Schrei war, ein INTERLÜBKE-Schlafzimmer, eine Nüchternheit aus, die mich sprachlos machte, wenn ich es betrat oder auch nur einen Blick hinein warf.

Wäre Mutter nicht in der Klinik gestorben, dieses weisse Schlafzimmer wäre ihre ständige Residenz geworden, sie wäre da nicht mehr rausgekommen, da sind wir uns alle einig. Mit ihren nicht mal achtundvierzig Kilogramm Lebendgewicht wäre sie zu schwach gewesen, um wieder auf die Beine zu kommen. Sie wäre ein Pflegefall geworden. Hätte sie doch einmal einige Schritte gemacht, wäre stets die Gefahr eines nächsten Sturzes gewesen, jeder Sturz ein potentieller Knochenbruch.

Die Kraft ihres Geistes, ihre Schwäche. Ich kenne niemanden, der so jäh abstürzen, so haltlos, so in sich verloren sein konnte wie Mutter. "Ich weiss nicht, wo ich es suchen soll", sagte sie dann in diesem weinerlichen Ton, vermengt mit der Panik, was da noch alles kommen möge. Es dauerte oft ein oder zwei Wochen, bis sie sich wieder gefangen hatte, bis sie wieder lachen konnte, und die Schmerzen im Unterbauch, dem Sitz der Seele, endlich nachliessen.

Sie hatte jederzeit ein waches umherflitzendes Auge, mit dem sie Dinge wahrnahm, die anderen Menschen verborgen blieben. Manchmal auch ganz profane Dinge. So war ihr während eines Friedhofbesuchs aufgefallen, dass auf dem Grabstein eines Anverwandten ein Buchstabe fehlte, im Nachnamen. Ein Blick nur hatte genügt, um festzustellen, dass da etwas nicht stimmte. Ein Lapsus, der weder dem Steinmetz noch den Angehörigen aufgefallen war, obwohl der Stein schon einige Monate stand. Daraufhin musste der Steinmetz auf eigene Kosten den Stein komplett neu behauen.

Nachts schaue ich einen Spielfilm.
"Jeder hat eine Mutter", sagt der Darsteller.
"Ich nicht", murmle ich in Richtung Fernsehapparat.


3. Januar 2011

Heut Nachmittag besucht der Pfarrer meinen Vater, wir Geschwister kommen auch. Im Gespräch möchte er, so seine telefonische Ankündigung, Mutter näherkommen, um die Trauerrede halten zu können. Einige Worte nur, sagt er.

Auf dem Fußweg zur Schillerstrasse geistert diese Frage durch meinen Kopf: Wer war meine Mutter? Was soll ich dem Pfarrer darauf antworten? Mir fällt nichts dazu ein. Ich bin voll mit Tränen, aber unfähig zu sagen, wer meine Mutter gewesen ist.

Als ich später mit meiner Schwester darüber rede, blickt sie mich an und meint, dass sie auf dem Weg zur Schillerstrasse dieselbe Frage umgetrieben hat. Und dass auch sie keine wirkliche Antwort fand.

Wer war sie?
29.12.11 18:11


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