Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Das ist der Unterschied, liebe FDP

"Komisch. Beim Westerwelle muss ich ständig daran denken, dass er von hinten genommen wird und feucht wimmert, beim Wowereit nicht."

- Die Gräfin -
14.9.11 10:55


Bob Dylan, Männer, Menschen

Sollte Bob Dylan eines Tages sterben, worüber das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, hab ich schon die Überschrift für die ganze Welt in der Schublade parat:

His Deadness.

*

"Männer sind alle gleich, wollen für die geringste Tat beklatscht werden, bravoo! Frauen hat noch nie jemand beklatscht. Ihr würdet weinen, wenn wir euch so selbstverständlich ignorierten wie ihr uns."

-Die Gräfin -

*

Sie gingen immer seltener unter Menschen, sie zogen sich zurück. Sie suchten die Ruhe, die tägliche Wiederkehr des immer Gleichen. Das war die Basis, der Grundstock, das war ihr Gold.

Nach dem Frühstück fuhr sie ins Atelier, er setzte sich an den Schreibtisch und ging zwischendurch ein Stündchen mit dem Hund in den nahen Wald. Nach dem Mittagessen, das sie zubereitete, legte sie sich eine Runde aufs Ohr und er ging an den Schreibtisch und dann mit dem Hund raus. Nachmittags zeichnete sie in ihrem Zimmer und er schrieb noch ein paar Sachen, dann bereiteten beide das Abendbrot zu und gingen kurz mit dem Hund raus.

Verbrachten sie doch einmal einen Abend in Gesellschaft, weil sie nicht schon wieder absagen, nicht schon wieder nein sagen konnten, rächte sich das am folgenden Tag mit einem regelrechten Menschenkater. Zu viele laute und unnütze Gespräche setzten ihnen schlimmer zu als eine Flasche Wodka aus dem Eisfach, doch im Gegensatz zu einem Alkoholkater liess sich einem Menschenkater auf Dauer kaum aus dem Weg gehen, ohne sozial zu verkümmern. Sich nicht unter Menschen zu begeben war ungleich schwieriger als keinen Drink zu sich zu nehmen.

*

"Vonwegen, am Anfang war das Wort. Am Anfang war das Bild, das wir uns von den Anderen machen."

-Die Gräfin -
15.9.11 08:48


Weisses Notizbuch

Eine sächselnde Frau mit bösem Gesicht, die ihren Hund als "Wichser!" beschimpft: Es gibt nichts, was man unter der Woche nicht trifft mitten im Wald.
"Nu zieh nich so, du Wichser!"
Sie fühlt sich unbeobachtet und lässt ihrem Hass freien Lauf.
"Blöder Wichser, du!"
Der Hund ist ein schön gebauter schneeweisser Schäferhund, der sehr langsam geht.


*
An einem Samstag Mitte September sind wir als Trio unterwegs, doch die Sensation wird nur von mir wahrgenommen: Als ich beim Gehen gleichmütig nach rechts schaue, kommt von oben ein rotes Laubblatt angeschaukelt. Ganz automatisch öffnet sich meine Hand und ich schnappe es mit einer Lässigkeit aus der Luft, als würde ich Wechselgeld entgegennehmen und dabei noch mit dem Wind flirten.

"Hast du das gesehen..?"
"Mh?"
"Na, hier das Blatt.. das hab ich grade locker aus der Luft gepflückt.. ist mir direkt in die Hand getrudelt.. in the palm of my hand. Ich glaub, das ist mir noch nie passiert, in meinem ganzen Leben nicht."
"In the palm of my hand? Woher kenne ich das noch mal..?" stutzt die Gräfin."Bob Dylan?"
"Bob Dylan? Welcher Bob Dylan?"
"Wie, welcher Bob Dylan?"
"Na, hat doch jeder seinen eigenen Bob Dylan. Köln hat einen Bob Dylan, England hat einen Bob Dylan, Amerika hat hundert Bob Dylan.."
"Ich meine natürlich den echten Dylan, den Welt-Bob Dylan. Der hat mal was mit in the palm of my hand gesungen, aber ich kommt nicht drauf, welcher Song das war.."
Sie summt die Zeile vor sich hin, mit Sehnsucht und Südstaaten-Kratzen in der Stimme, doch ich kann ihr nicht helfen.
"Auch nicht schlimm", meint sie schließlich, "Hauptsache, ich denke nicht an Palm-Fett, wenn ich palm höre, sondern an Bob Dylan. Ich bin immer noch ein Rocker."


*
Da war dieser Norddeutsche, der an der Hotel-Rezeption stand und mir von Köln vorschwärmte.

"Ich war mal bei einem Kumpel in Porz zu Besuch, und als wir abends auf ein Bier raus sind, hat er seine Haustüre nur angelehnt. Ich sag zu ihm, he, Budde, du hast die Tür nicht zugezogen, aber er hat nur gelacht: Das mach ich immer so, falls ich beim Saufen meinen Schlüssel verliere, dann brauch ich nachts nur gegen die Tür zu sacken und schon bin ich drin in meiner Bude. Na, da kann aber jeder wildfremde Penner auch rein, hab ich gesagt, aber mein Kumpel Budde hat nur abgewunken. In Köln wird nicht geklaut, hat er gemeint. Das fand ich klasse. Das gibts nur in Köln, oder? Stimmt das?"
"Und wann war das? In den späten 40ern, als Köln ausgebombt war? Da konnte man sogar den Dom offen lassen, da gabs nix zu stehlen, stimmt."

Was solls, so sind sie eben, die Kölner und diejenigen, die es gut mit Köln meinen: Viel Bohei um nichts.

"Dann müsstest du ja FC-Fan sein", meint die Gräfin süffisant, als ich ihr aus irgendeinem Grund davon erzähle. An sich liegt sie damit nicht mal weit daneben, nur dass es bei mir lediglich zur Vorortvariante reicht: Ich bin bekennender Bayer Leverkusen-Fan.

"Die versinken doch gerade im Mittelmaß", spottet sie.
"Na und. Ich doch auch."


*
Manchmal überrascht sie mich mit ihrer Tatkraft: wenn sie ganz handelndes Mädchen ist.

Als ich morgens aufwache, höre ich von weit her einen Lärm, als würde eine italienische Großfamilie am Küchentisch sitzen und mit Silberbesteck klappern.
"Los, wir gehen schwimmen!"
Als ich die Augen öffne, steht sie vorm Bett, im roten Minirock und gestreiftem Top, und sehr munter.
"Erstmaln Kaffee", strecke ich mich. "Oder nich."
"Steht schon da."
Tatsächlich, auf dem Tisch neben dem Bett dampft ein Becher Espresso, daneben wartet ein Croissant mit Marmelade.
"Hm.. ist doch gar nicht so toll, das Wetter", murre ich.
"Egal! Dann fahren wir so lange, bis wir Sonne finden! Ich geh mal eben mit dem Hund zum Scheissen raus. Wenn ich wieder komm, gehts los!"


*
Hab beim Aufräumen hinterm Schreibtisch ein weisses Notizbuch wiedergefunden, das ich gar nicht vermisst hab. Es ist vom April 2005. Ich blättere darin herum. "Mein Schreibpuls: 500", lese ich. Ach so. Deswegen.
19.9.11 07:57


Carrerabahn und Angstkackland

Als Kind wollte die Gräfin unbedingt eine Carrerabahn haben. Eine wie die Jungs aus der Nachbarschaft, eine mit Tribünen und echten Spuren, keine mit Servolenkung, die nichts taugte und wo die Wagen dauernd aus der Kurve krachten, doch sie biss auf Granit: Mutter war strikt dagegen, und Vater hatte nichts zu melden.

Mutter ging es dabei ums Prinzip.
"Ihr Kinder spielt einmal damit und dann steht die teure Bahn in der Ecke und verschimmelt."
"Nein, Mama! Ganz bestimmt nicht! Wir spielen die ganze Nacht..!"
"Ihr sollt nachts schlafen, nicht Rennen fahren!"
"Nein, ja, ich mein, wir spielen die ganzen Ferien mit der Carrerabahn und danach auch.. jeden Tag.. nach den Schularbeiten! Bitte, Mama, bitte!!"

Die kleine Gräfin flehte und sie vergoss Tränen und stampfte wütend auf ("Ich will aber! Ich will aber!!"), sie gab alles. Sie holte ihre kleine Schwester ins Boot, obwohl die so klein war, dass sie gar nicht wusste, was eine Carrerabahn sein sollte, und zuletzt reihte sich selbst Vater in den Bitte!Bitte!-Chor ein, doch Mutter blieb hart.
"Eine Carrerabahn kommt mir nicht ins Haus!! Fertig! Aus!"

Drei Jahrzehnte später kehrt die Gräfin mit einem epileptischen Gerät von der Shoppingtour zurück. (Ihr Patenkind hatte ihr zugesetzt: "Du bist doch eine Frau, du musst doch Einkaufen gehen!")
"Blödmann. Das ist ein Epiliergerät."
Marke: Carrera.

Sofort steckt sie einen Enthaarungsparcours auf ihren Beinen ab und fährt einen heißen Schluffen, begleitet von echten Rennfahrergeräuschen, die sie ihrer Mutter per Liveschaltung aus der Boxengasse übermittelt:

"Hörst du, Mama? Ich hab mir eine Carrerabahn gekauft!"


*
Sich lächerlich machen, wenn man liebt, das ist Glück.
Weil wir dann endlich einmal alle gleich sind.


*
So ist bestimmt das Xylophon entstanden: als jemand die ersten Kastanien des Herbstes die Strasse hinunter gekickt hat, morgens auf dem Weg in die Bauschreinerei.


*
Wir sind das Angstkackland Nummer 1 in der Welt, und morgens im Bus riecht es auch so. Ich sitze hinter einem älteren Mann, der mit der einen Hand sein Mobiltelefon bespielt und mit der anderen sein Käppi anhebt, um sich die Kopfhaut zu kratzen. Augenblicklich müffelt es im Bus, als wären zehntausend schlechte Gedanken aus seinem ungeputzten Hintern gekrochen, ein süßlicher Gestank wie im Spital, wenn sich Blut ansammelt. Ich setz mich weg, weit weg, ganz nach hinten in die letzte Bank, doch der Geruch wandert mit. Das ist ein Spitalbus! Ein Müffelwaggon! Nächste Haltestelle: Unterer Holzweg. Oder Oberer Bluthafen. Was weiss ich denn, wo ich hin will.
20.9.11 15:48


Schreiben und Authenzität

Selbst wenn man noch so authentisch zu schreiben versucht, Schreiben bleibt die Erschaffung einer eigenen Welt und kennt die Wirklichkeit nur als Geschwisterchen.

*
Letzten Endes meint man sowieso immer nur sich selbst, oder:

Jeder Beuys ist ein Künstler.



Fire frei, Susanne Eggert, 2011
21.9.11 08:05


9 Monate

Knapp neun Monate nach ihrem Tod schnappe ich mir den Hund und besuche das Grab. In den ersten Wochen war ich oft auf dem Friedhof, einfach um zu begreifen, dass der Mensch, der mich zur Welt brachte, nun aus der Welt war. Die Gräfin, überrascht, mit welcher Heftigkeit ihr Tod mich traf, prophezeite schnell, dass mein Leben fortan in zwei Hälften aufgeteilt sein würde: in die Zeit vor Mutters Tod, und in die Zeit danach.

Mittlerweile weiss ich nicht mal mehr, wo genau das Grab liegt. Es ist ein Reihengrab, Teil eines Doppel-Reihengrabs genauer gesagt, aber die Stelle ist mit frischem Gras zugewachsen und die für die Beerdigung provisorisch ausgelegten Trittplatten sind längst verschwunden. Solange keine Grabplatte die Stelle anzeigt, kann ich nur vermuten, wo ihr Platz unter der Erde ist. Auf Klopfgeräusche aus dem Untergrund oder andere, mehr spielerische Hinweise (heiß.. kalt..) warte ich vergeblich.

Als ich Mutter frage, "hier? ist es hier? genau hier?", kräht ein schwarzer Rabe drei Mal und startet zum Beobachtungsflug über den Friedhof. Ein Späher. Eine schöne Stelle, nahe den alten Bahnschienen. Neun Monate. Die Dauer einer Menschwerdung. Nein, ich kann nicht sagen, dass es mir gut geht, Mutter. Ich kann nicht sagen, dass ich mein Bestes gebe. Ich kann nur sagen, dass ich jetzt hier stehe und zu dir spreche, in der Hoffnung, dass du in der Nähe bist. Dass du ein paar Kilo zugelegt hast. Und nicht jede Nacht achtmal raus musst.

Angehörige nutzen die Morgensonne, um sich auf den Bänken zu entspannen, der Hund liegt mit dem Bauch im taunassen Gras, Kirchenglocken läuten, du bist so still. Du fehlst. Dein wissender kleiner Blick, wie nebenbei ausgeworfen, in die See der Söhne.. Mutteraugen, die wissen, aber mit diesem Wissen nicht auf den Jahrmarkt gehen.. ach was. Nicht verrottbare Abfälle bitte in diese Tonne.

Der Friedhofsverwalter.


*
Nach Konfuzius soll man sein Leben in der Nähe der Eltern leben.


*
Seit ihrem Tod lebt Vater alleine, er hält sich wacker, ich besuche ihn so oft es geht. Dabei hat sich ein schönes Ritual gebildet. Wir trinken Kakao auf dem Balkon, essen ein Stück warmen Apfelkuchen und lesen Zeitung.

Irgendwann ging mir auf, dass ich auf diese Weise ein wenig meine Mutter ersetze, wenigstens für diese zwei, drei Stunden am Nachmittag, während meine Schwester einen anderen Part übernimmt. Sie holt unseren alten Vater ab, sie fahren zur Wupper runter (oder zum Rhein), trinken Kaffee, gehen eine Runde spazieren. Auch mein Bruder lädt ihn eher zum Grillen ein auf der sonnengelben Hazienda in den Wupperbergen als ihn zu besuchen. Der Besucher bin ich. Seine Frau. Der die Zeit daheim teilt. Auf dem Balkon, Südseite. Ich bin Mutti. Ein bißchen. Denn wenn Vater mal wieder einen Namen verwechselt, spricht er meine Schwester mit dem Vornamen von Mutter an, nicht mich. Gottseidank. Ich hiesse sonst Inge.



*
"In den Sommerferien groß in Urlaub fahren war ja nicht drin", erzählt Vater aus seiner Kindheit in den 30er Jahren, "nicht in einer Familie mit sechs Kindern."

Wenn er Abwechslung suchte, blieb er einfach auf der Strasse stehen und blickte zu den Wolken hinauf. Er stellte sich vor, als Vogel die Weite des Himmels zu erkunden, "das muss doch wie auf dem Meer sein dort oben", dachte er, "oder als würden kleine Kinder tanzen."


*
Auch wenn es manchmal anstrengend ist, nichts geht über die Erinnerungen meine Vaters. Ich kann gar nicht genug davon kriegen, hoch oben auf dem Balkon, Südseite, die Silhouette der Innenstadt in den Augenwinkeln, Becher Kakao am dampfen. Und ich hab gar nichts dagegen, dass er aus Vergesslichkeit jede Schote, jede Begebenheit doppelt und dreifach wiederholt, dadurch prägen sich Details besser ein. Denn wenn wir etwas gemein haben, dann die Vergesslichkeit.

Auf besonderem Kriegsfuß steht er mit Namen. Und weil ihm das peinlich ist, die Leute niemals anreden zu können, baut er sich Brücken. Da ist etwa Jasmin, eine der wechselnden Pflegerinnen. Jeden Morgen sagt sie Herr Glumm hier und Herr Glumm da, während mein Vater dasteht und denkt, wie heisst diese Person nochmal? Die Brücke: Er dreht die beiden Silben Jas und Min einfach um, Min Jas. Das ist Platt für "mein Gas". Das kann er sich besser merken als Jasmin, das erinnert ihn an seine Zeit als Gas-und Wasserinstallateur, an sein Leben vor der Rente. Er muss nur aufpassen, dass er sie im Eifer der Brücke nicht Mein Gas ruft.


*
Immer wieder überrascht mich mein Vater mit Sachen, die ich noch nie gehört habe. Neuigkeiten aus der Vergangenheit. News from the war.


1947. Zwei Jahre nach Kriegsende kehrte er aus englischer Kriegsgefangenschaft zurück. 20 Jahre alt, ein gutaussehender schwarzhaariger Mann, meine Mutter hatte auf ihn gewartet. Zwar war sie oft Tanzen gegangen mit dem schönen Fredy, der Zeit seines Lebens Mutter verehrte, doch sobald Vater seinen Fuß auf deutschen Boden gesetzt hatte, gehörte sie ihm. Und mehr als Tanzen war auch nicht gewesen mit dem schönen Fredy.

Deutschland war bitterarm in diesen Tagen, zum Hamstern fuhr die halbe Familie aufs Land: mein Großvater, einer meiner Onkel und mein Vater. Sie fuhren mit der Bahn bis nach Niedersachsen, um Solinger Klingen und Messer gegen Nahrungsmittel einzutauschen, direkt beim Bauern. Das Problem waren die Fahrkarten für den Zug, dafür war kein Geld da. Die Lösung: mein Vater, zeichnerisch begabt, schabte auf dem Ticket das gestempelte Datum mit feiner Klinge ab, ersetzte es durch ein neues. Kein Schaffner kam je dahinter, so professionell gelang es ihm. Erst wenn die Tickets schon fadenscheinig wurden vom vielen Kratzen und Schaben, musste ein Satz neuer Karten her.

Vater nimmt ein zweites Stück warmen Apfelkuchen mit dick Sahne drauf, obwohl seine Zuckerwerte heute zu hoch sind.
"Du Teufelskerl", sag ich.


*
Die Damen vom Pflegedienst, sie kommen morgens eine Viertelstunde und gucken abends kurz rein, hinterlassen im stets griffbereiten Pflegebuch kurze Kommentare zur Lage der Dinge. Gestern Abend trug die Dame ein.

"Ku. (Kunde) hat Besuch von Sohn. Zu zweit geniessen sie das schöne Wetter auf dem Balkon."


*
Der Glückliche widmet sich seiner Karriere als als Autofahrer.
26.9.11 16:02


Die Leute wundern sich

"Allez!"

Die Leute wundern sich, dass unser Hund richtig Gas geben kann, wenn ein Stöckchen durch die Luft fliegt und er donnert hinterher wie ein Lastwagen voller Gnus auf dem Weg zum Wasserloch, die Lefzen im Wind, der Boden erzittert, und ich wundere mich, dass die Leute sich darüber wundern und plötzlich ist eine einzige große Wunderei im Gange.

Die Leute wundern sich deshalb, weil sie uns meist auf dem Weg in den Wald mitkriegen, in the morning of the show sozusagen, und da gibt sich Frau Moll in der Tat eher knauserig, was die sportliche Performance angeht. In Wahrheit schont und bündelt sie nur ihre Kräfte.

Ihre Zeit kommt, wenn wir im Wald sind, mitten im Forst, wo die schönen Stöckchen wohnen. Da ist ihr Revier. Hier ist sie gefeierte Jägerin des Holzes, übereifrig, sich beinah überschlagend und niemals zufrieden mit dem bereits Apportierten.

Frau Ministerin tobt, heisst es dann im Amt.

Bei aller Wildheit, die sie an den Tag legt, die cleverste ist Frau Moll, sagen wir, nicht immer. So ist ihr einfach nicht begreiflich zu machen, dass wir auf gewissen, von Stöckchen nicht gerade verwöhnten Spielwiesen auf jedes einzelne Exemplar angewiesen sind, das wir finden, und dass es dabei absolut kontraproduktiv ist, wenn sie dieses eine Stöckchen partout nicht rausrücken will.

"Ich kann es sonst nicht werfen", rede ich ihr gut zu, aber umsonst. Frau Moll verteidigt das Stöckchen mit Klauen, Knurren und Fangzahn.

"Dann leck mich doch."
Blöder Hund.


*
Die Männerecke von Miss Tilly bringt den kleinen Bob Dylan von Glumm.


*
Die Gräfin lädt am Sonntag zur Ausstellung in den Solinger Güterhallen.
Kommen, gucken, Pflaumenkuchen.

29.9.11 00:30


Herr Glumm, was machen Sie eigentlich hier?

Irgendwie hab ich nie so richtig gewusst, wo mein Platz sein soll in dieser Gesellschaft. Beim Fußball war das kein Problem. Als Knirps hab ich so viel gekickt, dass meine Kumpel mich abends in ihre Mitte nehmen und den steilen Klauberg hochwuchten mussten, weil ich alleine nicht mehr laufen konnte, so sehr schmerzten die Knie und die Achillesehnen. Fußball war das Leben, der Platz war mein Platz. Auf die Idee, Fußballprofi zu werden, kam ich dennoch nicht.

"Das hätte auch nicht geklappt", meinte Ekki, mein Lieblingstrainer, Jahre später am Tresen vom Mumms zu mir. "Du hattest keinen linken Fuß."
Ach so. Richtig.

Als mir mit Mitte Zwanzig der Literaturpreis verliehen wurde, meinte Thomas Kling zu mir, ich solle aufpassen und mich bloß nicht verheizen lassen. Verheizen? Ich hab mich nicht verheizen lassen. Ich hab überhaupt gar nichts gemacht. Ich hab weitergesoffen und gekifft wie zuvor und begann herzhaft mit Pulver zu experimentieren, und als Jahre später nicht wenige Leute um mich herum auf die eine oder andere Art Karriere machten, saß ich mir immer noch im höchsten Hotel am Platze den Arsch als Nachtportier platt und glotzte bedröhnt übers Land.

Eines Tages steckte sich Pümacher, der Pächter des Hotels, eine HB an und bat mich ins Büro.
"Herr Glumm, sagen Sie.. Was machen Sie eigentlich hier?"
Er verstand einfach nicht, dass ich so wenig aus meinen Möglichkeiten machte. "Ein Mann in Ihrem Alter, und dann Nachtportier..", sagte sein Blick aus aufrichtigen sauerländischen Kuhaugen. Natürlich wusste ich keine Antwort darauf, nicht mal eine hingestammelte, und die Frage geistert bis heute in meinem Schädel herum.

"Dass du so dämlich bist, hätte ich nicht gedacht", beschwerte sich sieben Jahre später meine (sieben Jahre ältere) Schwester. Darüber hab ich bereits geschrieben, hier, aber ich möchte es in diesem Zusammenhang, wie man so schön sagt, nicht unerwähnt lassen.

Alle sieben Jahre geschieht es, dass jemand dir gegenüber eine Wahrheit auspackt, in schlichten Worten, die dich nackig zurücklassen. Du hörst es und bist sprachlos, weil es von unerwarteter Seite kommt. Es kommt immer von unerwarteter Seite.

Herr Glumm! Was machen Sie eigentlich hier? hat die gleiche Qualität wie ein Satz meines Bruders. Wir saßen an der Bar des Stadtsaals und waren schon ziemlich hinüber. Es ging darum, warum zum Teufel ich nicht endlich mal zu schreiben anfange. Richtig zu schreiben.

"Was du jetzt nicht schreibst, wird niemals geschrieben!" zürnte er. "Das ist für immer verloren, du Penner!"
Ich glotzte ihn an wie eine Kalb.

Wenn ich richtig rechne, sind die sieben Jahre mal wieder um. Hat einer was auf dem Herzen? Vielleicht: Herr Glumm! Was machen Sie eigentlich IMMER NOCH hier? Oder da.
30.9.11 00:28


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