Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Bär

"Mehr" geht schnell, ins "Weniger" muss man reinwachsen.

*
"Nun mach schon, Miesdraufsein schmeckt sexy", flüstert sie, weil ich schlechte Laune hab an diesem kalten Wintertag, sie aber trotzdem küssen will.


*
Ende der 80er Jahre streifte ein einsamer Junge durch die Strassen der Stadt. Er trug einen alten Teddybär im Arm, und er konnte rasendschnell rückwärts zählen, von 400 bis 0, ohne je ins Stottern zu geraten oder die Zahlen durcheinander zu werfen.

Er war ein verdammtes Genie. Vielleicht ein Autist. Er lebte in einer Aussenwohngruppe, aus der er jeden Tag ausbüxte. Am Abend traf ich ihn beim Amerikaner. Er saß am Fenster und fütterte seinen Stoffbär mit einer knallheißen Apfeltasche. Das war interessant. Ich meine, der Junge interessierte mich sowieso, aber dass der Bär in seinem Arm sogar essen konnte, überraschte nun doch.

"Darf ich mich setzen?"
"Na.. ja..", antwortete er scheu.
Das Tablett vor ihm war leer, bis auf die Verpackung, in der Apfeltaschen im Schnellrestaurant verkauft werden.

Natürlich war die Frage saublöde, aber ich musste sie stellen, es war schliesslich genau das, was die Leute wissen wollten, und ich war nichts anderes als die Leute.
Ich fragte:
"Sag mal, der Teddy.. wieso schleppst du den immer mit dir herum?"
"Ach, wissen Sie, das ist ein Wunder Gottes", antwortete er prompt, aber leise und ohne mich anzugucken. "Nur leider ist auf Gott kein Verlass. Aber der Bär.. ist regulär."

Ich führte damals ein kleines schwarzes Diktiergerät mit mir herum, ein Sanyo-Micro-Notizbuch. Ich drückte Record und legte es auf den Tisch, mit dem eingebauten Mikrofon in seine Richtung.

"Sind Sie vom Radio?" staunte der Junge, der um die zwanzig war, aber jünger wirkte, und bevor ich verneinen konnte, fuhr er fort: "Dann senden Sie mal", er war blass im Gesicht und hob die Stimme, "der liebe Gott..", er schaute sich um, ".. hätte jeden Tag ne Ohrfeige verdient. Aber es weiß ja niemand, wo er sich aufhält. Der ist nirgends gemeldet. Meldepflicht kennt der nicht. Wissen Sie, was ich vermute? Er läuft seit zweitausend Jahren über die Erde, mit falschem Pass und.."
Hatschii!!
Das kam vom Bär. Ein Niesreiz.
"Sie müssen entschuldigen, kommt vom Zimt.."

Er knabberte vorsichtig an der Apfeltasche, unsicher, ob die Apfelmusfüllung vielleicht noch zu heiss war für die kleine rote Stoffzunge.
Reporterfrage:
"Warum möchtest du dem lieben Gott eine Ohrfeige verpassen...?"
Der Junge fixierte mich mit starren schwarzen Knopfaugen.
"Natürlich hätten die Menschen die Ohrfeigen verdient, stimmt. Aber bei der Überbevölkerung würde man aus den Ohrfeigen nicht mehr rauskommen. Also muss der liebe Gott herhalten. Und eins möchte ich Ihren Hörern noch verraten.."

Er nahm das Bärchen bei den Füßen und stopfte es in eine ausgebeulte Alditüte.
"Bärchen ist jetzt satt, Bärchen muss schlafen."
Er stand auf und reichte mir die Hand.
"War nett mit Ihnen zu plaudern. Demnächst spielen wir zehn Sätze ohne Luftholen. Auf Wiedersehen."
Was denn..?
Moment!!
Ich steckte das Diktiergerät in die Tasche und folgte ihm nach draussen, doch er war weg. Nur auf dem Asphalt war noch sein Schatten zu sehen, obwohl die Sonne längst untergegangen war.
2.12.10 16:37


20 nach eins

Die Inspiration ist ein scheues Tier, sie mag es nicht, wenn man nach ihr greift.

(Die Gräfin)


*
Ich mag kalte Wintertage mit 30 Meter Neuschnee über Nacht, wenn man in der Wohnung hockt und das Erdgas aus Kasachstan in den Heizkörpern brodelt und knistert. Wenn eine alte Chet Baker-Scheibe im Hintergrund läuft, auf der ein Besen über die Trommel schnurrt. Wenn man zum Lüften das Fenster öffnet und die Schritte der Passanten vom Schnee geholt werden. Wenn Kondensstreifen breit am Himmel stehen wie aus der Hand gefallene, Sirtaki tanzende weisse Kugelschreiber.


*
Ich mag Menschen, in denen sich die Ruhe der ganzen Welt breitmacht, Menschen, die einen Moment stehen bleiben, wenn man ihnen im Schnee begegnet, so fest und verlässlich wie eine Litfass-Säule, die man ungestraft umrunden darf, um sich all die schönen Plakate anzusehen, mit denen jeder Fremde für sich Werbung treibt:
"Na, schau an, eine Hip Hop-Nacht im Dezember."


*
"Die Uhr zeigt längst 20 nach eins, doch die Menschheit jagt immer noch der Idee von fünf vor 12 hinterher."


(Die Gräfin)


*
Bei Glumm gibts Cinzano
4.12.10 15:18


Nikolaus, 6. Dezember 2010

Sie nennt es den "Kosmischen Sprung". Wenn die Situation zwischen zwei Menschen ansatzlos aus dem Gleichgewicht gerät, einen Deut nur, und niemand eine Erklärung dafür findet. Wenn sich eine unerklärliche Nervosität einschleicht, ein gegenseitiges Abschätzen, "dann hat der Himmel eingegriffen. Aus purer Lust am Eingriff."
"So ein Himmel ist ja auch nur Chirurg", stimme ich zu.
6.12.10 15:31


Hurra, Schnee und andere Folklore

Morgens sitze ich im Zimmer und nehm die Gitarre in die Hand. Die steht seit Jahr und Tag an mein Regal gelehnt, eine Klira. Früher kam Schnaat alle paar Quartale vorbei und stimmte die Gitarre, weil ich kein Ohr dafür hab. Heute bin ich froh, wenn ich die Gitarre ein Mal im Jahr in die Hand nehme. Drei Griffe, ein bißchen Zupfen, eine traurige Weise.
"Klingt gut", meint die Gräfin. Sie bürstet ihr Haar, im Badezimmer. "Was ist das?"
"Hab ich gerade erfunden."
"Echt?"
"Ja. Echt."
"Klingt gut in meinem Amboss."
"Deinem.. Amboss?"
Ich wähle zur Abwechslung e-moll7 und im Anschluss einen Barret-Griff, den ich nicht kenne.
"Ja, Amboss. Das Gehörknöchelchen im Ohr. Klingt gut. Spiel weiter."


*
Bevor man in die klirrende Dezemberkälte hinaustritt, sollte man sich nicht das Haar kämmen. Das treibt die Stubenwärme hinaus.


*
Der Schnee ist so tief, wir benötigen geschlagene zwei Stunde für die Betty-Runde, die man auch locker in zwanzig, 25 Minuten absolvieren kann.
"Das war kein Gehen", sagt sie im Nachhinein, "das war relativ flottes Stehen."


*
"Du gehörst zu den Leuten, die vorwärts fallen beim Gehen. Als würde bei jedem Schritt etwas brechen. Aber es ist ein sicherer, irrtierend männlicher Gang. Du säbelst alles nieder, was dir im Weg steht. Führend dabei ist dein linkes Bein, das Gefühlsbein. Auch wenn du viel Kopfarbeit machst, dein Gefühl bestimmt dich. Und je schneller du gehst, desto mehr wird dein Gang zur Machete, die dir im Urwald den Weg freihaut. Du schickst deine Energie voraus, und folgst."

(Sagt sie.)


*
Anfang der Woche bin ich auf der Strasse ausgerutscht, auf einer Eisschicht, die unterm Schnee lauerte. Es hat mir so fix die Beine weggezogen, ich konnte mir nicht mal mehr beim Fallen zugucken, so schnell war ich am Boden. Mit dem Hinterkopf aufgeschlagen, der Schädel titschte wie ein Flummi auf dem Asphalt auf, zwei Mal, dopp, dopp. Zum Glück trug ich eine Bommelmütze, die federte den Aufprall ab. Schwein gehabt. Bommelmütze.


*
Gelegentlich ruft der Mitsubishi Boy aus Hamburg an und spricht auf den Anrufbeantworter, der kein wirklicher Anrufbeantworter ist, sondern ein Dienst der Telekom, aber immerhin, er zeichnet Nachrichten auf, das schafft der ganz gut, dafür ist er da, dafür wird er bezahlt, was kostet das überhaupt.

Vor ein paar Tagen endet ein Anruf von Mitsubishi mit den Worten: "Was ich eigentlich sagen wollte. Ich bin nicht mehr der, der ich mal war." Überraschend ernst. Dann: "Oder vielleicht doch!??" Lacht, und knallt den Hörer auf die altmodische Festnetzgabel.


*
Die Gräfin hat von Benzini geträumt. Er hatte eine lila Schnapsnase, war ziemlich runtergekommen und laut am lachen.
"Hauptsache", sag ich.


*
Die traurige Frau war so traurig, sie saß morgens auf der Toilette und schiss eine Träne.


*
Es ist stets das gleiche Spiel. Wenn der Hund abends den Napf in der Küche leergefressen hat, kommt er im Eilschritt in die Lounge gelaufen und rülpst laut und vernehmlich, und zwar genau ein Mal: ICH HAB SCHON WIEDER ALLES AUF! ES WAR SCHON WIEDER NICHT GENUG!


*
"In diesem dämlichen Blech-und Talmi-Quatsch-Leben ist das Wetter das letzte, was uns noch demütig werden lässt."

(Die Gräfin)
7.12.10 17:30


Vom Triebhaften zum Vollapparat

„Was waren das noch Zeiten, als die Frauen Haare unter den Achseln und im Schritt hatten und die Männer sich nicht den Sack rasierten“, sagt sie. „Aber die Zeiten kommen wohl niemals wieder.“
„Wieso?“ entgegne ich. „Ist doch nur ne Mode, wie so viele Moden zuvor.“
„Nee, glaub ich nicht. Das gehört zu unserer Wegentwicklung vom Tier, weg vom Triebhaften zum Vollapparat.“

aus Ne Legende hat doch keinen Steifen! bei mmulG
11.12.10 11:57


(Kein) Comeback für Manfred

Als würden da draussen hundert Mann gleichzeitig in große trockene Butterkekse beissen, mit diesem Geräusch werde ich wach an diesem kalten Freitagmorgen im Dezember, und ahne sofort, das ist kein de Beukalear, das ist schweres Räumgerät, was ich da höre.

Es ist jeden Winter das gleiche. Kaum fällt ein Küppchen Schnee, steht die halbe Genossenschaftssiedlung Kopf und fegt und kratzt und schaufelt, als wäre noch nie im Leben Schnee vom Himmel gefallen. Als wüsste niemand, dass das Zeugs auch von ganz alleine wieder wegschmilzt, irgendwann. Wie ein Pickel in der Pubertät. Der fällt auch aus dem Gesicht, irgendwann, von ganz allein. Wenn auch nicht unbedingt um halb sieben in der Früh. HALB 7! Versuch da mal wieder einzuschlafen, bei dem Krach da draussen! Penner! Also ich jetzt!

Zumal, es ist ja so, und dafür brauche ich nicht mal einen Blick aus dem Fenster zu werfen: Die Nummer 59 ist unter Garantie mal wieder weit und breit das einzige Haus, wo es kein Mieter für nötig hält, Schnee beiseite zu räumen. Wo benachbarte Früh-Rentner und angereiste Kaputtgeschriebene nur noch darauf warten, sich auf dem vereisten Gehweg aufs Maul zu legen, um Ansprüche geltend machen zu können. Moralisch, finanziell. Also mehr moralisch - schlimm genug.

"Ach, ich verlasse mich da ganz auf dich", hat Ex-Punk Kupferberg, der über uns wohnt, gestern Abend noch gemeint, als er mit blutunterlaufenen Augen das Haus verliess, "als Hausältester." Und bevor ich protestieren konnte , "Willst du etwa behaupten, ich bin älter als du?!", sass er schon zentralverriegelt im Auto, mit einem Gesichtsausdruck, als habe er zuvor bestechend lässiges Material eingeatmet - und weg war Ex-Punk Kupferberg.

Wir wohnen in einem altmodischen Drei-Parteien-Systemhaus, und Lester oben unterm Dach. Lester sieht aus wie Frank Zappa und ein Frank Zappa schippt keinen Schnee. Der sitzt vielleicht auf dem Pott und kackt und lässt davon Poster drucken, wenn er nicht arbeitet, aber "ich arbeite schwer den ganzen Tag, da hab ich abends keinen Nerv auf.. Schneeschippen", ächzt er und stapft die Stufen bis zum Speicher hinauf, gut. Akzeptiert. Klare Ansage. Was soll man machen.

Früher war das hier mal anders. (Auch wenn die Gräfin davon nichts hören will: "Ich habe beschlossen, dass es früher für mich nicht mehr gibt. Ich arbeite ab sofort nur noch mit heute und mit morgen. Früher macht einen nur älter.") Das hat natürlich was, aber im Winter 1986, als Karlos und ich die Erdgeschosswohnung von einem ketterauchenden älteren Herrn übernahmen, da hat sich noch Manfred im Haus um alles gekümmert. Manfred, Liebhaber und Gärtner der verstorbenen Frau Fischer, die im ersten Stock lebte, mit schwerem Asthma, war die gute Seele der Nummer 59.

Ich sehe ihn noch vor mir, mit in den Nacken gerutschtem Toupet, wie er stinkbesoffen nach Hause kommt und den Schlüssel nicht in die Haustüre kriegt, was wir kichernd durch den Türspion beobachten, bis er irgendwann aufgibt und vorm Eingang zusammensackt. Aber die Lippen konnte noch so blau gefroren sein, wenn in der gleichen Nacht noch Schnee fiel, stand Manfred Punkt sechs mit der Schneeschaufel parat - kaum, das wir ihn zuvor zu zweit die Treppe hochgewuchtet hatten. Ach, ich weiss auch nicht. Der konnte schneeschippen, der Manfred. Sa-gen-haft.

Doch mit dem jähen Asthma-Tod von Frau Fischer verschwand auch Manfred, und mit ihm die große intakte Schneeschippe und der dicke Sack Streusalz. Weg, alles weg. Auch die Slapstickeinlagen vor der Haustür - vorbei. Und als einmal so viel Blitz-Eis auf dem Gehweg gelegen hatte, dass es selbst Manfred zu viel wurde, holte er Opas Mistgabel aus dem Keller. "Ist das beste, was du machen kannst."

Vorbei die schöne Zeit, als ich morgens wach wurde, mit einem Geräusch im Ohr, als stünden draussen hundert den Asphalt freikratzende Rabauken und ich mir sicher sein konnte, dass auch Manfred darunter war und sein bestes gab, ohne jedes Murren. Jetzt scheine ich der neue Manfred von der 59 zu werden. Ich dreh mich nochmal um. Nur noch ein Viertelstündchen. Sagen wir: ein halbes.
12.12.10 15:54


Italienische Strassenpflasterer, eine Gottheit und etwas von diesem Backfisch

Jeden verfluchten Winter lege ich mich lang, wenn ich mit dem Hund den steilen Kannenhof runterspaziere, und das nicht zu knapp. Es liegt weniger am Schuhwerk, als an meiner sorglosen Art zu gehen. Selbst wenn Eisschichten dezimeterdick unterm Schnee lauern und die Gefahr durch Rundfunk und Lokal-Fernsehen längst bekannt ist, bummle ich noch die Strasse runter, als wär's Hochsommer und ich mit Melkfett eingerieben am Strand von Ipanema unterwegs - FLAPP! saust die Sohle weg, ulkige Haxen - wummmm!! lieg ich da, Kopp kaputt.

Schon mein Ur-Großvater mütterlicherseits, dessen Strassenpflasterer-Sippe es zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus dem oberitalienischen Friaul ins Bergische Land verschlagen hatte, erlag seinen schwersten Kopfverletzungen, nachdem er 1930 auf dem zugefrorenen Ententeich an der Papiermühle gestürzt war, beim sonntäglichen Eislaufen.

Schätze, dieses verdammte Langlegen liegt in der Familie.


*
"Ich hab heut Nacht im Traum zum lieben Gott gesagt, ich will leben", erzählt sie, "und er hat geantwortet, dann benimm dich auch so."


*
Wenn man ständig die falschen Dinge tut, niemals das, was man tun sollte, das gibt Sodbrennen.


*
Wir rasen über die Stadtautobahn, bei tiefstehender Wintersonne.
Ich auf dem Beifahrersitz.
"Kennst du das, wenn die Sonne zwischen die Wimpern gerät?" fragt sie und kniept mit den Augen. "Dieses Prisma.. gerinsel..?"
"He, autofahren..", sag ich.
"Tu ich doch."
"Ja, aber auch gucken! Auf die Strasse!"
"Menno. Du Spielverderber."


*
Als wir uns im Hinterhof unter einer Wäscheleine herbücken, an der riesige unförmige Schlüpfer und Büstenhalter zum Trocknen aushängen, strömt gleichzeitig ein schlimmer Fischgeruch aus dem Küchenfenster im Erdgeschoß.
"Kann es da sein", fragt die Gräfin, "dass man als Mann in diesem Augenblick ein schweres sexuelles Trauma entwickelt?"

Wobei, wenn ich es mir recht überlege, sie gar kein Fragezeichen setzt.


*
Fisch Müller war das erste Haus am Platz und weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt für seine Fischbrötchen mit Mayonnaise.

Wer das vollverflieste, stets heruntergekühlte Geschäft in der Innenstadt betrat, musste sich auf eine lange Warteschlange gefasst machen, und so blieb genug Zeit, um sich auf die Begegnung mit der Ersten Verkäuferin einzustellen. Sich taktisch zu rüsten für den Moment, an dem man an der Reihe war und nicht das Glück hatte, von einer normalen Verkäuferin bedient zu werden.

Es war eine Mischung aus Furcht und Bewunderung, die der Ersten entgegenbracht wurde. Ein großes Weibsbild mit breiten autoritären Schultern, das stets enge, körperbetonte Blusen trug und ein dünnes Jäckchen, unter dem ein großer, nach Luft schnappender Busen hin und herwog, wenn sie einen vor versammelter Mannschaft abkanzelte. (Nur das Näschen war winzig, ein Gewürzgürkchen.)

"WIRD DAS NOCH MAL WAS MIT DEM KLEINGELD, JUNGER MANN?! ODER MUSS ICH ERST RÜBERKOMMEN UND ES MIR HOLEN?"

Dabei verzog sie den Mund, als wäre ihr in diesem Moment alles, aber wirklich ALLES lieber gewesen, als über die Theke zu steigen und in meinen Taschen nach den richtigen Moneten zu suchen.

Natürlich gab es Beschwerden, hinter vorgehaltener Hand. Da der Junior-Chef aber selbst Schiss hatte, von der langjährigen Mitarbeiterin angepfiffen zu werden, gab es von ihm nur vorsichtige Andeutungen, ihre, nun, etwas direkte Art könne den einen oder anderen Kunden eventuell überfordern, ("QUATSCH!" bügelte sie ihn ab, "TOTALER SCHEISS!"), und so führte die Maßregelung lediglich dazu, dass sie die Kundschaft fortan siezte, beim Anranzen, "SIE KNALLTÜTE!"

Sensiblere Kunden trauten sich erst in den Laden, wenn die Erste Feierabend hatte, und Dienstags, an ihrem freien Tag, war die Bude noch voller als sonst schon. Dass so viele andere Kunden die Demütigungen ohne Murren hinnahmen, lag einzig und allein an den herrlichen Fischbrötchen mit hausgemachter Mayonnaise, die Fisch Müller seit Generationen an diesem Standort verkaufte.

Zusätzlich angeheizt wurde der Kult durch die im Aussenbereich installierte kleine Belüftungsmaschine, ein Kraftpaket, das den Geruch von frittiertem Backfisch durch die halbe Innenstadt jagte, herbei, herbei! bis auch dem letzten Passanten das Wasser im Mund zusammenlief, ob ihm das nun recht war oder nicht.

(1983, Samstagvormittags im Mumms, sickerte dem schwer verkaterten Benzini, auch bekannt als Kater Karlo der Nordstadt, der Sabber aus den Mundwinkeln, beidseitig, nur weil irgendjemand am Tresen Müllers Fischbrötchen erwähnt hatte, "..mit doppelt Mayo.."
Das nächste Bild zeigt Benzini im Laufschritt, wie er um die Ecke biegt.)

Es war weniger die große Klappe, die den Leuten Angst bereitete, es war dieses offensive Gesicht, mit dem das burschikose Weib die kleinen Unverschämtheiten servierte, es war dieser klare standfeste Blick, der einen zusätzlich unter Druck setzte.

"WOHER SOLL ICH WISSEN, OB IHNEN DAS VIELLEICHT SCHMECKT ODER VIELLEICHT NICHT!! BIN ICH FRAU NOSTRADAMUS??"

Die Erste war ein Machtmensch, sie war die Machiavelli aller innerstädtischen, stockkonservativen Fischläden und das exakte Gegenteil einer zuvorkommenden Fischfachverkäuferin. Niemals wäre sie auf die Idee gekommen, einen schönen Tag zu wünschen oder sich zu bedanken für den Einkauf. Sie war eine ganzjährige Jahrmarkts-Attraktion, die man mitkriegen musste, schliesslich war es jederzeit möglich, dass ein Kunde in die Pfanne gehauen wurde - und dann war man dabei gewesen und hatte was zu erzählen!

"JA, WIRD DAS HEUTE NOCH WAS!? DAS MÜSSEN SIE SICH SCHON VORHER ÜBERLEGEN, OB ES EINE EINFACHE ODER EINE DOPPELTE PORTION SEIN SOLL! ALSO, HINTEN ANSTELLEN UND NOCHMAL VON VORN ÜBERLEGEN. DER NÄCHSTE!"

Sympathisch war, dass sie ohne Ausnahme jeden für einen Volltrottel zu halten schien und dabei vor nichts und niemanden halt machte. Selbst die Bürgermeisterin bekam ihr Fett weg.

"HE, SIE DA! HABEN SIE DEN SCHNEEMATSCH MIT HEREINGEBRACHT?? NICHT? NEIN!?? NA SCHÖN. SOLANGE SICH DER VERURSACHER NICHT MELDET, VERLÄSST HIER NICHT MAL EIN TROCKENES BRÖTCHEN DEN LADEN. MIT MIR NICHT, FREUNDE!"

Es gab nur eine Möglichkeit, mit heiler Haut davonzukommen: Man durfte einfach nichts falsch machen, wenn man an der Reihe war. Aber selbst das bot keine Garantie. Der kleine Bergfrede hat mal in der Schlange vor mir nur ein Sekündchen zu lange gezögert, bevor er die Bestellung aufgab, (ein Fischbrötchen ohne Mayo), schon wars vorbei. Aus und vorbei.

"GLAUBEN SIE ETWA, ICH HAB DEN GANZEN TAG LANG ZEIT? ICH STEH HIER ZUM VERGNÜGEN RUM? NEE, MEIN FREUND, ICH KÖNNT MIR AUCH WAS SCHÖNERES VORSTELLEN, ALS FISCH IM BRÖTCHEN ZU VERHÖKERN! HE! DIE TÜR ZU! DAS ZIEHT HIER WIE HECHTSUPPE!"

Oh ja, sie war eine Göttin.


*
Eine deutsche Mutter sorgt sich bei
Glumm um frische Unterwäsche
15.12.10 13:38


Ein träges System, und der Vogel

Ich bin ein äusserst träges System. Selbst zum Kacken lasse ich mich nicht öfters als 2mal die Woche nieder, dann aber "Hüppe die Berge", wie der Solinger scherzt, Haufen und Berge.

Oder hier, Pubertät. Dauerte bei mir dreissig Jahre, vom 15. bis zum 45. Lebensjahr. Dann kam das Erwachsendasein doch noch hereingeschneit, quasi über Nacht. Als schon niemand mehr damit rechnete. Ich jedenfalls nicht. Ich erst recht nicht. Woher auch.

Dreißig lange Jahre war mir nicht klar gewesen, wohin die Reise gehen sollte, während Gleichaltrige mit weniger Talent längst Karriere gemacht hatten oder wenigstens schon mal tot waren, das war ja schon mal was, während ich weiter die verdammte Zeit verklimperte, als wären Murmeln in meiner Hosentasche und nirgends ein Loch.

30 Jahre lang nicht wissen, wohin - wozu sollte das gut sein? Warum eine Phase, wenn auch die wichtigste im Leben, dermaßen in die Länge ziehen? Warum 30 Jahre, wenn andere dafür nur 5 oder 6 brauchten, um exakt das gleiche Ergebnis zu erzielen? Wo ist da der tiefere Sinn? Verborgen? (Wer die Antwort nicht kennt, muss die richtige Frage suchen.) Bringt auch nicht immer was.

Es gibt ein paar Sätze aus diesen Tagen, besonders in der Spätphase, die ich von gewissen Leuten zu hören bekam und die mich erst ärgerten und dann, mit Verzögerung, zum Nachdenken brachten.

Da war unser werter Dr. Hilten, seines Zeichens Methadonarzt und ein Trottel vor dem Herrn. Er war nicht in der Lage, die Frustration über sein eigenes verkorkstes Dasein von den verkorksten Lebensgeschichten seiner Patienten zu trennen. Damit machte er sich ständig zum Komplizen oder zum Richter, je nach Tagesform. Beides darf ein Arzt niemals sein. Niemals Komplize, niemals Richter. Das bringt nur Ärger auf Dauer, für alle Beteiligten.

Dennoch hatte der Doc einige erstaunliche Dinge drauf, wie es bei Narren oft der Fall ist. Stehst du einem Narren gegenüber, höre genau zu. Er wird dir etwas zu sagen haben. Er kennt die Tricks der eigenen Psyche nur zu gut, die einem so arg zusetzen, ohne dass man es bemerkt.

In meinem Fall ging der Satz etwa so, ich hab es schon mal erwähnt, in Schattenreich und Existenz: "Warum sollte ich mir ein Buch von dir kaufen? Von einem Autor, der die Dinge nicht zu Ende denkt. Welchen Gewinn bringt mir das? Was hab ich davon? Welchen Erkenntnisgewinn?"

Der Vorwurf hatte keine unmittelbare Auswirkung. Es gab sowieso kein Buch von mir. Die Worte waren mehr hypothetischer Natur. Er wollte mich herausfordern. Sein Spielchen treiben. Dann fiel mir auf, dass ich immer öfter an seine Worte dachte und ich fragte mich, ob da vielleicht doch was dran war, warum dachte ich sonst darüber nach, musste ja einen Grund haben, verdammte Scheiße.

Ich gewöhnte mir beim Schreiben versuchsweise an, den einmal aufgenommenen Faden weiterzuspinnen und mich nicht gleich mit dem ersten, naheliegenden Ergebnis zufrieden zu geben. Schnell spürte ich: Der Vorschlag ging in Ordnung. Das wollte ich nur mal gesagt haben, an dieser Stelle: danke, Doc.


*
Abends spielt sie ein kleines Spiel mit mir. Fragt, welche drei Tiere ich gerne wäre.
"Aber direkt antworten, ohne zu überlegen."
"Drei Tiere?"
"Ja. Erstens, zweitens, drittens."
"Erstens am liebsten? Zweitens am zweitliebsten?"
"Ja! Fang an! Nicht überlegen."

Ich fang an:
1. ein Elefant
2. ein Hund
3. ein Vogel

Sie klärt mich auf.
"Das Tier an erster Stelle sagt etwas darüber aus, wie du von anderen Menschen gesehen werden möchtest. Als Elefant also. Das zweite Tier sagt aus, wie andere Menschen dich wirklich sehen."
"Als Hund", juble ich. "Die denken alle, ich wär ein Hund. Ein linientreuer Dackel. Cool. Und das dritte?"
"Sagt aus, was du wirklich bist: ein Vogel."
"Hm.. was denn? ICH soll ein Vogel sein?"
"Ja, natürlich. Das stimmt. Du bist frei."


*
Sie selbst hat das Spiel tags zuvor schon gemacht, bei der Schamanin.

Ergebnis:
1. ein Walfisch
2. eine Schildkröte
3. ein Panther
16.12.10 15:08


Dickfelliger Flegel

Letztes Jahr waren wir dritten Weihnachten zu Besuch auf dem Land. Nun verliert man Weihnachten schnell den Überblick, wo man sich momentan aufhält, zu welchem Zweig welcher Familie der Onkel mit dem glockenhellen Zahnstatus gehört und ob er tatsächlich Fitting heisst, oder von welchem interstellaren Aussenposten kommt eigentlich seine Lebensgefährtin, die wie schockgefroren im Durchgang zum Klo sitzt, dabei die Haut so wächsern, als habe sie vor Jahren schon sämtliches Blut gespendet.

Auch die Schwester der Gräfin und ihre Frau waren gekommen. Wir kennen uns seit Jahren von den vielen Familienzusammenkünften, und sind darüber so etwas wie Freunde geworden. Die Beiden sind verheiratet, aber nicht die Sorte harter Lastwagenlesben, die Männern aus Prinzip beim Reifenwechsel am Autobahnrand den Wagenheber wegkickt.

Ich erinnere mich zudem, dass ein entfernter Onkel, ein alter Seebär, wie jedes Jahr den Flotten-Kalender der Deutschen Marine-Kameradschaft geschenkt bekam und dabei von Heiligabend erzählte, den er bei seinem Neffen zugebracht hatte.
"Da gab es dieses neumodische Fleisch, wie heisst das noch? Sieht aus wie Gestrüpp.. Mensch, wie heisst das denn noch? Sag mal, Marta!"
Die Lebensgefährtin schnappte nach Blut.
"Gyros..! Nicht Gestrüpp, Gyros!"

Es folgte das beliebte Gesellschaftsspiel ANGENOMMEN, ES GÄBE EINE ZEITMASCHINE, WOHIN WÜRDEST DU LIEBER REISEN: IN DIE ZUKUNFT ODER IN DIE VERGANGENHEIT?

"Na, lieber in die Zukunft, ist doch so!" rief die Schwester der Gräfin. "Für die vielen Köstlichkeiten würd ich extra Baggy-Pants anziehen mit so Riesentaschen, damit ich euch allen was mitbringen kann aus der Zukunft!"

Im Hintergrund spielte das vollelektronische Keyboard "Ave Maria".
"Kennt ihr die Version von Maria Callas?" erkundigte sich die Gräfin. "Die singt Ave Maria so wunderschön, wenn ich das höre, muss ich immer kotzen."
Die Lebensgefährtin riss die Augen auf.
"Kotzen..?"
"Ja, das ist so intensiv, da kommst du mit Gänsehaut nicht weit."

"Ich würde lieber ins Mittelalter reisen", warf ich meinen Beitrag zum Gesellschaftsspiel ein, doch niemand reagierte. Das Spiel schien am Ende, bevor es richtig in Gang gekommen war. Vielleicht hatte ich auch nur die Hälfte mitgekriegt, konnte natürlich auch sein. Die Gräfin ist ja bis heute davon überzeugt, dass ich grundsätzlich nur knapp ein Zehntel von dem mitbekomme, was um mich herum so vor sich geht. Sie nennt mich einen dickfelligen Flegel, der nur dann aufmerksam hinschaut, "wenn um den Dingen herum winzig-kleine TV-Bildschirme aufgebaut sind."

"Auf, ne Zwanziger-Polonese!" rief diese große Tante aus Pressburg, dann dauerte es auch nicht mehr lange, und aus den tausend Mann auf des Totenmanns Kiste wurden lustige "tausend Frauen auf des Totenmanns Kiste und ne Buddel volll Lotion", bis plötzlich ein Schrei durchs Weihnachtszimmer gellte.
"Der Hund frisst die schöne Krippe auf!"

Alle waren sehr erschrocken, die Polonese stockte.
Frau Moll dachte vermutlich, es hätte sich um den Nachtisch gehandelt, den sie sie daheim immer auslecken darf.
"ABER EINE KRIPPE IST DOCH KEINE PUDDINGSCHÜSSEL!" meinte jemand.

"Noch'n Schnäpschen, Andy?"
21.12.10 17:22


s



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