Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Keiser-Eck 88

Keiser-Eck, Wuppertal-Vohwinkel, 1988. Die Eingangstür ist schwer und knarzt wie ein alter Tresor.
"Charlotte, zartes Wesen!" wird die Wirtin von einem Gnom im Rollkragenpullover begrüßt, der mit mir die Kneipe betritt und gleich hinterm Tresen verschwindet, wo er Kornflaschen ins Gefrierfach räumt.

Ein älterer Herr spaziert durch die Kneipe wie durch die Fußgängerzone. Er bleibt vor mir stehen und blickt freundlich auf mein Notizbuch nieder, das ich gerade aus der Jacke fische.
"Schularbeiten, ja..?"

Nach dem ersten Bier werd ich hungrig. Ich hol mir beim Metzger um die Ecke ein Baguette mit kaltem Bratenfleisch.

"Und dann mach ich das, was ich schon immer tun wollte!" ruft eine junge Frau auf der Strasse. Sie steigt wütend in ihr Auto ein und wirft die Türe zu.
"Da reden wir heut Abend noch mal drüber", erwidert ihr Mann und bleibt im Hauseingang zurück. Als er spürt, dass ich ihn angucke, guckt er schnell weg.

Zurück ins Keiser-Eck. Paar Mann am Tresen, einer hinten am Tisch. Ein Neuer kommt rein, kriegt von Charlotte, dem zarten Wesen, gleich sein Bierchen hingestellt.
"Von Köln kommt ne dicke Wand auf Wuppertal zu. Hab ich eben im Fernsehen gesehen, hab ich extra drauf geachtet. Morgen, Alfred."
"Morgen."
Die Tür knarzt.
"Der Günter! Ist das hier ein Betrieb heute."
"Das fängt an zu hageln draußen! Morgen."
"Morgen, Günter."
"Bist ja gar nicht am husten!" wundert sich die Wirtin.
"Doch, ich hab schon gehustet. Alfred! Morgen."
"Morgen."
"Ist Asthma", wirft Günter ein.
"Nee, ist anhänglich", entgegnet Alfred.
Alle lachen auf.
"Wie ein Popel."

Die erste Runde Feigling wird geordert. Die Wirtin greift nach hinten ins Regal, wo eine ganze Batterie aufgebaut ist.
"Fünf Wodka-Feige, ist richtig, Jungs?"
Sie stellt die kleinen Fläschchen auf dem Tresen ab.
"Musst du richtig kloppen, das Teil", sagt Alfred.
Das lässt die Wirtin so nicht gelten.
"Das kann man auch schütteln, das muss nich immer so einen Krach machen."
"Doch, musst du kloppen! Damit das richtig durcheinander wirbelt!"
Günter stiert auf den Tresen.
"Wieviel Volt hat das überhaupt?"
"Zwanzig", meint Alfred. "Oder fünfundzwanzig. Weiß ich nich. Musst du richtig kloppen. Prost!"
"Prost, Alfred."
"Prost."
"Prost!"

Die Tür schwingt auf.
"Morgen, Herr Sparkassendirektor!" grüsst Günter. Die fünfundzwanzig Prozent bringen seine Bäckchen zum Glühen.
Der Neuankömmling hat gestern Fußball geguckt.
"Aber nur eine Halbzeit. Dann haben wir Besuch gekriegt. Da war Feierabend mit Fußball. Verdammte Bagage." Er hängt seinen Mantel auf und streift mich mit einem Seitenblick. "Ist ganz schön am hageln draußen."
"Das ist die Wand, die kommt nach Wuppertal aus Köln!" ruft Günter. Er hat es die ganze Zeit gewusst.
"Tu mir ein Bierchen, Charlottchen", meint der Sparkassendirektor. "Und einen Kurzen."
"Ne Runde?" fragt Alfred listig.
"Ne Runde, pft. Bin ich Rockefeller?!"
"Na sicher! Sparkassendirektor, oder nich?!"

"Guck mal, hier! Die Henkel-Werke haben ihren Gewinn um fünfzehn Prozent gesteigert!" meint der Mann in der Ecke. Er liest Zeitung. "Und warum? Die Deutschen kaufen mehr Waschmittel denn je."
"Für Persil haben die Deutschen immer Geld", murmelt die Wirtin und zapft die nächste Lage Bier.
"Genau!" ruft Alfred. "Wisst ihr auch warum? Der Deutsche wäscht das Wasser erst, bevor er damit Wäsche wäscht. Sonst wird das nich richtig sauber."

Auch Günter, der sich mit seinem Nachbarn unterhält, mehr auf der privaten Schiene, wird laut.
"ICH BIN TOT UM ZWANZIG NACH SIEBEN!"
Dann versinkt er wieder ins Gespräch.

Der Leser legt den Wirtschaftsteil der Zeitung weg.
"Und sonst, Charlotte?"
"Ja, gut", sagt die Wirtin.
Sie zapft, sie spült, sie hat immer was zu tun, während die Männer nur dasitzen und quasseln und auf den nächsten Kurzen warten.
"Sag mal, dein Mann kommt ja gar nich mehr zurück", meint der Direktor.
"Nee, dem war eben nich gut."
"Müssen wir ihm ein Ölfläschchen besorgen", schlägt Alfred vor. "Die letzte Ölung?"
"Oder ne Schere", meint der Leser, der immere noch hinten am Tisch sitzt, aber nicht mehr liest.
"Wie, ne Schere?"
"Na ja, ne Schere. Für hinten."
Ratloses Schweigen. Damit kann niemand etwas anfangen.

"Mein Mann ist Einkaufen", sagt die Wirtin.
"Ach sooo!"
"Haben die Geschäfte denn schon auf?"
"Ja, sicher! Ist halb zwölf durch!"
"Ou!!"

Alle zwei Minuten hört man die Schwebebahn vorüberrumpeln. Vohwinkel ist Endstation. Hier hört Wuppertal auf, hier fängt Solingen an. Das Sibirien Deutschlands.

Der Sparkassendirektor kommt vom Klo.
"Mann, hab ich Luft im Darm - wie ne Treppe. Hör mal, Lottchen, hast du neue Toilettensteine? Müffeln so nach Waldmeister."
"So, noch ein Bierchen, dann nach Hause, noch was tun", meint Alfred. "Was machen die Hühneraugen, Charlottchen?"
"Die wachsen und gedeihen", antwortet statt der Wirtin der Sparkassendirektor.
"Das kommt vom vielen Rumstehen", meint Charlotte.
"Ach, Pflaster drauf und fertig!" schreit Günter.

Alfred dreht sich zu mir um.
"Ich hab noch nie Hühneraugen gehabt. Du?"
Ich schreibe die ganze Zeit mit. Er guckt auf mein Notizbuch, kümmert sich aber nicht weiter darum.
"Gute Schuhe sind das A und O. Am besten Leder. Ist doch egal, wie die aussehen. Was nützt mir ne schöne Jacke, und ich fühl mich nicht wohl drin. Woll?"

Weil ich plötzlich im Mittelpunkt stehe, werd ich nervös und der Kugelschreiber springt mir aus der Hand, voll über den Tresen.
Wie beim Stabhochsprung.
"Huch!" ruft von ganz rechts der ältere Herr, der wieder durch die Kneipe spaziert wie durch die Fußgängerzone, sonst aber im Hintergrund bleibt.
"Hat noch zwei Wurf, der junge Mann!" schreit Günter.

Die Wirtin bückt sich nach dem Kuli und reicht ihn mir.
"Danke", sag ich und nicke zum Kölsch hin. "Eins nehm ich noch."

"Mein Enkel ist zweieinhalb", meint der Sparkassendirektor. "Dem hab ich gestern einen Osterhasen geschenkt. Da war nix mehr mit Fußball."
"Wieso, ist doch noch gar kein Ostern", murmelt Alfred.
Der Direktor winkt ab. "Hm, oh."
Der Leser hat die Zeitung wieder in der Hand, liest aber nicht. Er hält sie nur fest.
"Das ganze Leben lang haben sie mir gesagt, dagegen kann man nix machen, das ist so, damit müssen Sie sich abfinden, und jetzt krieg ich hinten son Röhrchen, son Stäbchen reingepflanzt, so implantiert, damit ich beweglich bleib. Irgendwas muss man ja machen, woll?"
"Ja, warum nicht", meint der Gnom, der plötzlich hinterm Tresen auftaucht, wie ein Springteufel, und wieder abtaucht.

Alfred schnappt sich die Wirtin.
"Unser Hund, der kann futtern was er will. Der kann fressen wie ein Schwein, der wird nicht dick."
Charlotte zündet sich eine Zigarette an.
"Würde ich auch gern sagen können."
"Ja, aber weißt du auch warum, Lottchen? Weil der soviel kläfft. Der kläfft sich die Kalorien wieder raus! Ist doch so. Der ist clever. Erst fressen, dann kläffen."

Nachdem Alfred sich verabschiedet hat, wendet sich Günter mir zu. Und wird schnell intim.
"Ich hab einen Neffen, hör mal, der ist am kiffen. Der fährt immer nach Holland. Da kauft der Hasch und verkauft das hier in Vohwinkel für fünf Mark ein Joint. Ist das nicht gefährlich? Sag mal. Ist doch gefährlich, oder?!"
"Geht so", sag ich unglücklich. Meine Kugelschreibermine ist leer.


*
Weiteres auf The Glumm
1.3.10 17:34


Schreibste noch im Internet?

Samstag, 13. März, in der Rakete, Wuppertal, 20 Uhr: Der Stille Teilhaber, Punk, und Glumm, der Mann mit dem Notizbuch.



"Schreibste noch im Internet?" fragt Leon, den ich zufällig im Kotten treffe, wo ich mit dem Stillen Teilhaber sitze und ein Bier trinke.
Ich nicke.
"Ja, sicher."
Leon überlegt.
"Wie heißt die Seite nochmal..?" Sein grüner Jägerhut liegt vor ihm auf dem Tresen. "Irgendwas mit Dackelfüßen oder so? Nee, wah?"
Er überlegt angestrengt, die Augen zugekniffen wie auf der Pirsch, kommt aber nicht drauf.
"Fünfhundert Beine", helfe ich nach.
"Ja, verdammt! Fünfhundert Beine, genau!" Seine Faust saust auf den Tresen. "Wusst ichs doch!"

*
Eigentlich sind wir vorm Cafe del Sol verabredet, der Der Stille Teilhaber und ich, nachmittags um vier. Da steht er, ein Punk Mitte Vierzig. Die wenigsten Punks, die in die Jahre kommen, kleiden sich noch klassisch, sie bleiben Punks im Herzen, es ist das Blut, das brodelt und bleibt, und lärmt.

Montagmorgens sehen wir uns regelmäßig im Bus nach Gräfrath, wo ich was beim Doc zu erledigen habe und er seine Tochter in den Kindergarten bringt. Wenn er Haltestelle Industriestrasse zusteigt, die Tochter auf der Schulter, die den Kopf einziehen muß, könnte er auch direkt von einer Prêt-à-porter-Show kommen, wo die neueste Konfrontation gezeigt wird: feines Tuch, Schiebermütze, Päckchen Tabak.

Und nun wartet er also nachmittags um vier vorm Cafe del Sol und raucht auf Vorrat. Eigentlich kennen wir uns nur aus dem Bus. Er sieht ein bißchen unwirsch aus.
"Wir müssen ja nicht da rein", grüße ich, weil der Vorschlag von mir kam. Ich wollt mal irgendwo rein, wo ich noch nie gewesen bin. "Wir können ja woanders hin."
"Wie wärs mitm Kotten?" sagt er.
"Sicher. Nur zu."

Wir überqueren den zugigen großen Graf-Wilhelm-Platz. Da ist etwas an seinem Gang, hinter das ich noch nicht so recht gestiegen bin. Etwas leicht versehrtes, vorsichtiges, andererseits federt sein Schritt. Ein Solist. Er schrammelt elektrische Punk-Gitarre, baut Melodiebögen ein und singt ausschließlich selbstkomponierte Songs auf deutsch, plus ein Cover. Seine Songs heißen "Auf die Kette" und "Komma nichts". Er spielt ohne Band im Rücken.

Wären wir uns als Kind begegnet, wir hätten uns vermutlich gut verstanden. Jeder hätte vor sich hingepröckelt im Sandkasten, ohne großes Hickhack ums Förmchen. Zwei ruhige, in sich gekehrte Kids, in die eigene Welt abgeraucht. Und mit 19 hätten wir gemeinsam Pilze gefressen.

Der Kotten ist eine harte Trinkerkneipe, die verrufenste in der ganzen Stadt, gleich hinterm Stahlhof, den es nicht mehr gibt, und dem Stonns, den es schon lange nicht mehr gibt. Die gradlinig grimmige Möblierung und die Wandkacheln würde jedem Kiez gut zu Gesicht stehen, genauso wie das Publikum aus Dachdeckern und Gerüstbauern und deren Bosse. Es gibt einen Haufen Kurzarbeit und einen Saal mit kleiner Bühne, wo Karaoke-Abende stattfinden und drei, viermal im Jahr Punk-Konzerte; an solchen Abenden vermischt sich das Publikum und es gibt schon mal was aufs Maul.

Apropos Punk: 1978 landete ich mit Freunden im Ratinger Hof in Düsseldorf. Keine Viertelstunde, und es gab Ärger. Nicht im Ratinger Hof selbst, sondern draußen vor der Tür, wo der eigentliche Brennpunkt jeder wirklich gelungenen Kneipe ist. Zum Glück war es genau die Art Schlägerei, wie ich sie aus Solingen kannte, wo 16jährige Zündapp-Lümmel gerade die Sharks, eine Rockergang, gegründet hatten: WILDSEIN war erste Bürgerpflicht, wer nicht wild war, war tot. Ich fühlte mich gleich zu Hause vorm Ratinger Hof und versteckte mich hinter meiner großen Klappe. Wir versteckten uns alle hinter unserer großen Klappe. Ein gutes Versteck. Niemand bekam je eine Schramme ab.

Der Stille Teilhaber etwa hat bis heute einen einzigen Hexenschuss erlitten, da war er 25. Nach einer Diclofenac-Spritze vom Notarzt war die Sache gegessen, während ich insgesamt zwei Bandscheibenvorfälle, ein zur Hälfte taubes Schienbein und krumme Beine vorzuweisen habe. Ich sag das nur, um zu verdeutlichen, dass ich noch nie einen Punk getroffen hab, der, egal in welchem Entwicklungsstadium er sich befindet, eine Rückenschule besuchen musste.

"Du kennst übrigens meine Freundin", sagt er beim Bier. Bislang tauchte sie in unseren Gesprächen kaum auf. Ich weiß nur, dass sie die Mutter seiner Tochter ist.
"Sie hat mal ne Weile über euch gewohnt."
Ich guck ihn an.
"Mit Katze?"
"Ja."
"Doch nicht die Coco?"
"Doch."
"Die Coco, ha, gibts doch nicht."

Coco kenne ich nicht nur als Nachbarin, die einen Kater namens Kasimir hatte, der oft zu uns runterkam, aber nie über Nacht blieb, ich kenne sie noch aus uralten Zeiten im Mumms.

"Sag mal, wie lange wohnt ihr eigentlich schon da unten?" fragt Der Teilhaber, "am Kannenhof?"
"Ende 86. Erst hab ich da mit Karlos gewohnt, und als der ausgezogen ist, war ich ein Jahr alleine. Dann zog die Gräfin ein, 1990."
"Das sind fast fünfundzwanzig Jahre", sagt er. "Wollt ihr da sterben?"
"Vermutlich. Ja."

Dann erzählt er, dass mal ein Freund von ihm, der Hennes, gleich gegenüber unterm Dach wohnte.
"Wir standen am Fenster und haben dich da hergehen gesehen. Wir wussten, dass du schreibst und irgendwie einen Literaturpreis gewonnen hattest und fragten uns, was ist das fürn Typ? Was macht der eigentlich?"

Frag ich mich auch. Leon kommt zur Türe rein. Er nimmt seinen Filzhut mit der schwarzen Kordel ab und bestellt ein kleines Bier. Erst bin ich mir nicht sicher, ob das wirklich Leon ist, das Licht ist schummrig und er hat sich die schummrigste Ecke des ganzen Kotten ausgesucht, außerdem hab ich ihn seit Jahren nicht gesehen.

Ich grinse versuchsweise in seine Richtung, er grinst zurück.
Ich geh rüber.
"Leon..", sag ich.
"Hallo", sagt er.

Leon hat mal an einem Roman geschrieben, der sich als unendliche Versuchsanordnung entpuppte und bis heute darauf wartet, aus seinem Kopf entlassen zu werden in die Welt der Drucksachen, "Der Patientenplanet".

Wir unterhalten uns ein paar Halbsätze lang, er bleibt merkwürdig verhalten, so kenne ich ihn nicht, na schön, die Leute ändern sich, denk ich, doch plötzlich dreht sich Leon vom Tresen weg und schlägt mit der flachen Hand gegen die Wandkacheln.
"Jetzt weiß ich, wer du bist - der Andreas Glumm..!! Ich kack ab!"
Er lacht so laut, wie er schon immer gelacht hat: als wäre er der lauteste Patient von allen. Der allerlauteste. Der Chefpatient. Mit Jägerhut.
"Mann, siehst du jung aus..!"

Am dunkelsten Ende des Tresens erfahre ich dann Sachen, von denen man nichts mitkriegt, wenn man sich aus der Szene verabschiedet hat. Wenn man zwar weiterhin in der gleichen Stadt wohnt, aber innerlich fortgezogen ist. So erfahre ich, dass die Frau vom Joker letztes Jahr an Krebs gestorben ist. ("Aber dass die Frau vom Joker tot ist, weißt du schon..?") Dass die (neue) Frau von Benzini eine Apothekerin ist mit eigener Apotheke, dass der dicke Hansen eine Weile in England gelebt hat, aber mittlerweile schon über ein Jahr wieder in der Stadt ist, so Sachen.

"Und du?" meint Leon. "Schreibste noch im Internet? Wie heißt deine Seite nochmal..? Der Joker liest die immer und Benzini.. Moment, ich komm gleich drauf.. Ich habs auf der Zunge. Irgendwas mit Dackelfüßen? Nee, wah!?"

*
Was alles passieren kann, wenn man in Wuppertal liest, der Stadt mit den meisten Treppen in Deutschland und dürren blonden Hooligans in der VHS: Zuckerplätzchen

**
Im Anschluß Santa Esmeralda
9.3.10 17:15


Termine im März

Vom 3. März - Anfang Juni 2010: Ausstellung Susanne Eggert in den Räumen der Praxisklinik Dennecke in Hilden (zwischen Solingen und Düsseldorf), Robert-Gies-Str. 1, 40721 Hilden
Vernissage: Mittwoch, 3. März, 19.30 Uhr


*
Der Punk & seine E-Gitarre: Stiller Teilhaber ("An der nächsten Raststätte, da machen wir dann aber auch mal eine kleine Pinkelpause")

und Glumm, live am Notizbuch ("Das Jetzt macht mir zu schaffen. Dass fast schon Zukunft ist, was immer man auch tut, und kaum hat man es getan, ist es Geschichte – es gibt keine Gegenwart")

in der
Rakete Wuppertal
13. März
20 Uhr

*
Im Studio Glumm kommt es zu einem gewaltigen Transportschaden
16.3.10 16:29


Lesungen und andere Ungereimtheiten

Solingen ist ein eher düsteres Pflaster, wo die Ortschaften Rüden heißen, Teufelsinsel und Werwolf. Der Kölner Komiker Konrad Adenauer nannte die Stadt einst das Sibirien Deutschlands. Der Menschenschlag ist verschroben, geheimnisvoll und mißtrauisch. Und ein bißchen zurückgeblieben.

Hundegebell von fernen Höfen empfing von jeher alle Fremden, aus gutem Grund: es konnte ja die Gendarmerie sein. In den verstreuten Tälern und dunklen Hofschaften hatte sich steckbrieflich gesuchtes Gesindel breit gemacht, das aus den großen Städten am Rhein geflohen war und sich dort nicht mehr blicken lassen konnte, warum auch immer. Es ist dieses dunkle Erbe, das das Bergische Land noch heute zum unbekannten schwarzen Raucher macht auf der Landkarte Deutschlands.

Wer die Region bereist, ist bald verhext vom welligen Zungenschlag der Einheimischen, nicht umsonst nennt man das Bergische Land die Knautschzone des deutschen Dialekts, nirgends sonst wird auf engstem Raum so viel verschiedenes Platt gesprochen.

Die Landschaft ist verheißungsvoll englisch und brombeerprall, aber auch dunkel und einsam. Die Bushaltestellen tragen Namen wie Jammertal, und gleich die nächste Ausstiegsmöglichkeit heißt:

Hoffnung.

*
Wenn abends eine Lesung ansteht, muss ich mich schon mittags räuspern: da ist ein Berg von Geschichten vor mir, welche soll ich nehmen, das sind dreihundert. Die neueste Geschichte drängt sich auf, weil ich stets der Überzeugung bin, dass die neueste die beste ist. Meist einige ich mich kurz vor der Lesung auf einen inneren Zirkel von 10-13 Stories, packe sie in den Ordner und lasse es drauf ankommen, wie die Stimmung am Abend ist.

Die letzten Male ist es daneben gegangen. Falsche Geschichten eingepackt, (die neueste, ein Reinfall), nicht ins Lesen gefunden, scheiß Publikum. Es steht und fällt mit dem Publikum. Wenn die Stimmung gut ist und neugierig und aufmerksam, funktionieren auch falsche Geschichten. Hat man dann noch die richtigen eingepackt, kann es ein Abend werden, der als Bombe in Erinnerung bleibt. Granate, Kampfmittel. Als würde man Minen räumen und die Zuhörer halten den Atem an, ob ich die Zunge falsch setze und den Zünder auslöse und alles in die Luft lese.

*
Morgens um acht ist zunächst mal der Hund an der Reihe. So beginnt noch jedes Tagesgeschäft.

"Die Moll ist total verfilzt und dreckig", meint die Gräfin, "die sieht aus wie ne räudige Straßennutte."
"Cool", sag ich.

Der Hund bleibt zuhause.

*
Auch wenn ich an diesem Abend nur als kleine Überraschung fungiere, als 15 Minuten-Gimmick, ich bin nervös. Mit einer Vernissage wird die Ausstellung der Gräfin in einer großen Gemeinschaftspraxis von Zahnärzten in Hilden eröffnet, einem Vorort von Düsseldorf. Ich hab vier Geschichten eingepackt, darunter Zahnarztstory No.1, in der sich ein Angstpatient in die Hosen scheißt. Ich kann nicht anders. Authentisch kommt immer gut.

*
Wir können nicht anders. Aber wer sich so authentisch abschottet wie die Gräfin und ich in den letzten Jahren und dann innerhalb kürzester Zeit mehrfach unter Publikum gerät, fühlt sich wie von sämtlichen Vampiren der Welt befallen und ausgesaugt.

Man selbst ist natürlich auch nur Vampir, der andere Menschen bis auf den Grund der Seele aussaugt.

Man selbst ist auch nur Leute.

*
Die Initiatorin der Ausstellung, Frau Dr. Dennecke, flattert im bonbonfarbenen Kostüm durch die Gänge und besitzt ein aufgeschlossenes Naturell. "Verdammt! Da muß es doch mehr geben im Leben als nur langweilige Zahnarztsachen", scheint ihr Antrieb zu sein, in der Praxis (7 Zahnärzte!) regelmäßig Bilder der verschiedensten nationalen Künstler zu hängen.

Ihre Ansprache ist kurz und warmherzig, sie folgt dem Motto: "Susanne Eggert, Sie sind mir ja eine!"
Damit liegt sie im Bereich von Gold.
Applaus.

*
Fünfzig Menschen sind gekommen an diesem Abend Anfang März, darunter auch Teile der zahlungskräftigen, privat versicherten Implantat-Kundschaft, die auf ihrem italienischen Schuhwerk zutiefst gelassen die Bildergalerie der Gräfin abstreift. Aber auch Teile von unsereins, die ihre Tage eher damit verbringt, finanziell über die Runden zu kommen, was ja auch seinen Reiz hat, (man beachte nur gealterte Unternehmer, wie sie beim Plaudern über entbehrungsreiche Gründerjahre ins Schwärmen geraten, mit einem Leuchten in den Augen,"..und was ist mir geblieben..? Geld.. Bloß Geld.."), auch unsereins latscht die Bilder meinungslos ab.

Aber vielleicht höre ich auch nur schlecht. Kann auch sein. Ich guck nicht richtig.

Das sowieso.

*
"Sieben Zahnärzte", staune ich, "da kann der eine Zahnarzt doch gar nicht immer wissen, ob der andere Zahnarzt zuhause ist oder nicht."

*
Ich habe zunehmend das Gefühl, ich werde es nicht los, da scheint was dran zu sein: Die Menschen machen lieber Urlaub und kaufen fette Plasmafernseher statt zu arbeiten, statt GERNE zu arbeiten. Überall funktionieren die einfachsten Sachen nicht mehr, weil die Leute ihre Arbeit nicht mehr gerne verrichten.

Da steh ich nach der schönen Ansprache von Frau Doktor am Designer-Stehtisch, lege den Ordner mit den Texten ab und will vorm Lesen noch schnell das tun, was Menschen schon immer getan haben, wenn sie am Stehtisch standen, nämlich sich mit dem Ellenbogen aufstützen, und was passiert? Die Tischplatte, graues Hartplastik, gibt etagenweise nach und rutscht tiefer bis sie in Höhe des Bauchnabels, vierte Station, endlich einrastet, mit einem trockenen Schabuck!

Das Publikum, genauso überrascht wie ich, lacht auf und ist schon auf meiner Seite, bevor ich auch nur ein Wort gelesen habe.
"Ungewollte Stand-up-Comedy", urteilt die Gräfin später.

Kann man mal sehen, wofür Designermöbel so alles gut sind, außer zum Aufstützen, wie es früher mal war, als es noch Schreiner gab, die ihre Arbeit lieb hatten.

*
"Die hat wenigstens ein Geheimnis."
Die Gräfin meint die Gastgeberin, die gleichzeitig wie ein Schmetterling herumflattert und sich angenehm zurückhält.
"Die meisten Leute können ihre Geheimnisse ja gar nicht schnell genug loswerden."

*
Der Fotograf reicht der Gräfin so schwungvoll die Hand, als wolle er Schnick-Schnack-Schnuck mit ihr spielen. Von Stund an war der Kerl für sie gelaufen.

Zwei Fotografen der lokalen Presse sind anwesend, der erste nervt kolossal. Er stellt die ganz dämliche Frage. So:
"Was hat die Künstlerin sich dabei gedacht?"
"Na, nichts. Ich bin ja froh, wenn ich mal nicht denke", antwortet sie genervt. Und sie ist kein Animateur für ihre Kunst, sagt sie.
Na, doch.

*
"Die Menschen sind aber auch zu dämlich."
"Wir sind doch auch Menschheit."
"Ja, das macht die Sache ja so unerhört."

*
"Überall, wo Menschen zusammenkommen, bewegt man sich wie in einem Staat. Es gibt Herrscher, es gibt Untergebene, es gibt Außenseiter und Narren, es gibt Polizisten", sagt sie.
"Wer sind denn hier die Polizisten?" frag ich.
"Die Leute mit dem seltsamen Blick: Wie kann die es wagen, so anders zu sein, so.. frech."

*
Sie ist sauer, weil auch der zweite Fotograf sie in Positur zwingt, unter einem ihrer Ölbilder. Lächeln auf Kommando ist nicht ihr Ding. Sie zerrt den Mund in entgegengesetzte Richtungen, und damit muß es gut sein.

*
Danach nehme ich sie nur noch aus den Augenwinkeln wahr, sie ist meist umringt von irgendwelchen Gesichtern. Ich unterhalte mich mit meiner Schwester. Sie ist müde und muß ins Bett. Es war ein anstrengender Tag. Ein strahlend schöner Tag. Kühl und voller Sonnenschein.

Vielleicht hätte ich unmittelbar vorm Lesen keinen doppelten Espresso trinken sollen, der klebte in der Backentasche.

**
Neues aus der mystischen Bilder-Werkstatt in Nordafrika 1,2,3

*
Neues vom Sterben in Halte durch, kleines Mädchen
16.3.10 18:01


Ich kannte ihn nicht

Nach dem Nachtdienst, es war noch dunkel, stand ich vorm Kiosk am Mühlenplatz, wo ich nicht gerade Stammkunde war, und holte mir die Zeitung und ein Päckchen Tabak.
"Ist schon wieder einer tot", sagte die Büdchentante.

Ich verstand sie nicht richtig, der Straßenverkehr war zu laut. Ich beugte mich ein Stück vor in ihren warmen hellen Kiosk.
"Hm..? Wer ist tot?"
"Ist wieder einer tot. Schlimm ist das. Dabei sah der gar nicht so aus. Das war ein ganz Lieber.."

Im ersten Moment dachte ich, Moment, woher weiß die denn, dass Bukowski gestorben ist, vor ein paar Tagen? Das juckt die doch gar nicht. Und ein ganz Lieber, der alte Hank? Dann erst schaltete mein Gehirn um und ich nickte zur Treppe vorm Kaufhof, wo die Junkies und Punks tagsüber herumhingen, mit ihren Zahnlücken.
"Sie meinen einer von denen..?"
"Nein, keiner von denen. Der hatte doch ein Zuhause. Der sah gar nicht so aus, als würde er Drogen nehmen."
Ihre Augen klimperten.
"Ist schon komisch. Man sieht das den Leuten gar nicht mehr an. Früher wusste man genau, wer Drogen nimmt und wer nicht. Aber heutzutage.."

Die Büdchentante, eine kleine Person mit schiefem Mund, der merkwürdig unbeteiligt blieb während sie redete, zählte das Wechselgeld auf den Teller.

"Und woher wissen Sie das?" fragte ich.
"Na, ich wohne doch da, am Grünewald. Um halb drei heut Nacht haben sie ihn gefunden. Er hatte auch wieder Arbeit als Masseur und war so froh, dass er die kleine Wohnung gekriegt hat."

Am Grünewald? In mir arbeitete es, welchen Junkie ich kannte, der am Grünewald wohnte, aber mir fiel niemand ein. Der kleine Twing hatte mal Neustrasse gewohnt, aber das war lange her, außerdem war der Twing kein Masseur.

"Da denkt man immer, die Stadt wäre harmlos", fuhr sie fort, "und jetzt ist schon wieder einer tot. Dabei sah der gar nicht so aus."
"Wie alt war der denn? Noch jung?"
Sie nickte.
"Zwanzig, zweiundzwanzig.. Tut mir richtig leid um den Jungen. Letztens hat er noch bei mir geklingelt, ob ich eine Kopfschmerztablette hätte."

Wenn der Kerl so jung gestorben war, kannte ich ihn sowieso nicht. Er gehörte zur nächsten Generation. Jede Generation hat ihre eigenen Leichen.

Die Büdchentante starrte an mir vorbei, auf einen fernen unbestimmten Punkt im Frühverkehr, Lastwagen brummten, ein Taxi hupte. So blieben wir beide stehen, vielleicht eine viertel Schweigeminute lang, bevor ich unbeholfen "tja.." sagte, und ging.

Ich kannte ihn nicht.


*
Die kannte ich auch nicht: Zwei schwarze Babes
19.3.10 15:13


I can help

Ein Tag war wie der andere. Aus dem anfänglichen Rausch war ein Job geworden. Man stand auf, versah seinen Dienst, ging ins Bett. Träume? Eher nicht. Heroin war harte Arbeit. Heroin war Warten auf den Dealer.

Einmal hatte er ein Date in der Nordstadt. Vorm ehemaligen Wienerwald-Restaurant, das einem Irischen Pub gewichen war, eilte er über den Fußgängerüberweg, als er eine Frauenstimme vernahm. "Helloo..!" Vielleicht auch, "hey!" Kann auch sein. Es kam irgendwie von oben. Er blieb stehen, auf dem Zebrastreifen.

In der dritten oder vierten Etage des Appartmenthauses überm Irish Pub drängelten sich zwei schwarze Frauen am Fenster. Es war Sommer, es war laut. In der City lassen es alle krachen. Die Schwesternstrasse ist eine winzige Verbindungsstrasse zwischen der Konrad-Adenauer und der Cronenberger und führt auf eine große Kreuzung hinaus.

Was denn? Ihr meint mich? zeigte er auf seinen Brustkorb. Sie winkten ihn heran.

"Yes, you!"
"Cum up!"

Er ging aber nicht weiter, er kehrte um, zurück zum Gehweg. Ein Lastwagen startete in die kurze Grünphase der Ampel und nahm ihm kurz die Sicht. Aus den folgenden Wagen wurde er angeglotzt, weil er selbst nach oben glotzte. Die Leute kurvten mit TV-Augen durch die Strassen und gafften die Welt in sich rein. Eine Litanei von bunten Bildern. Unzufrieden, gestresst, von nichts ne Ahnung. Ein schönes Leben.

Come up! Gekicher. Getöse. Er formte mit beiden Händen ein Megaphon, What you want? Wollten die sich eine Gaudi machen? Aber es waren keine kleinen Mädchen. Das waren richtige schwarzhäutige Frauen, zwischen 20 und 25, von unten betrachtet.

"Cum up! Just a second!"

Eigentlich hatte er keine Zeit. Er war verabredet. Sein Dealer wartete schon auf sein Klingelzeichen. Ihm lief die Nase, leicht noch, Tröpfchen für Tröpfchen. Dennoch, die Neugier siegte. Die Fußgänger-Ampel stand wieder auf grün, es war Ruhe eingekehrt. Solingen war nicht Nairobi. Wenn Autos hielten, durfte man durchatmen.

Cum up. Must help. Just a minit. No problem. Okeh? Okay, okay, signalisierte er. Vorbei am Irischen Pub, an staubigen großen Ladenfenstern, vergessenen Plakaten. Früher, als das noch ein Wienerwald gewesen war, konnte man den Gästen vom Bürgersteig aus auf den Teller glotzen. Die Kids drückten ihre blanken Hintern an die Scheiben, sie zogen Grimassen mit der feuchten Rosette und amüsierten sich. Sie waren jung und hatten Spaß, die im Wienerwald waren alt und häßlich und hatten Hendl. Knusprige Pfannengesichter.

Das Appartementhaus. Es gab nur eine Klingel und ein schiefes Namensschildchen, N'unbardou, die Eingangstür wurde aufgestoßen. Can u help us? Just a minit. No problem. Die Schwarze redete drauflos, zu schnell, sie lachte. Sie trug ein knappes weißes Top, rote Leggings, Espandrillos.

"Schlampenfaktor 11", hätte sein alter Freund Ringo von 10 möglichen Punkten restlos alles herausgerückt plus den alles entscheidenden Bonuspunkt. "Ein bißchen vulgär kann nicht schaden" war Ringos Standpunkt. Er war vernarrt in harte Abzieher-Ladys. Selbst ein Schokoladenpudding geriet in Ringos Händen zum Schlammbad. Aber Ringo war nicht da. Er war da.

Die Schwarze stapfte laut und ansteckend die Treppe rauf. Er folgte ihr, den Blick auf den hochgestellten Hintern gerichtet, der wie ein schlingerndes Beiboot die Stufen nahm. Wartete oben eine Falle? Ein maskierter böser schwarzer Mann? Er bereitete sich auf einen Faustkampf vor.

Die Tür im zweiten Stock stand weit offen, sie schlappte keuchend voraus.
"Cum in!"
Die andere Schwarze stand mitten im Zimmer, guckte fast durch ihn hindurch. Zwei-Zimmer-Appartement, karg möbliert, es roch nach frischer Farbe. Der Verkehr schien noch lauter zu sein als auf der Strasse. Er fühlte die Geldbörse in seiner Hosentasche und sah sich um. Er befand sich in einem ungeschminkten britischen Arbeiterfilm, in einem unauffälligen Appartementhaus mit nichts als Fenstern. Ein Meer aus Fenstern und winzigen Appartements und TV-Apparaten. Hier liefen Videos auf MTV, ohne Ton.

Er hatte diesen leichten Affen, die einen Junkie befällt, wenn das Morphin in den letzten Zügen liegt und man unwillkürlich grinsen muß. Ein ganz blödes Grinsen. Man kann nichts dagegen unternehmen, außer nachlegen. Morphinisten kennen das Phänomen. Geht der Stoff an die letzten Reserven, fungiert dieses dämliche, nicht zu unterdrückende Grinsen als Druckausgleich. Weil hintenheraus schon die Hölle lauert, fährt der Körper eine Mimik herauf, gegen die Ungeheuerlichkeit.
"Can u help?"

Die burschikosere der beiden Frauen, die ihn unten am Eingang abgeholt hatte, stand neben einem Hi-Fi-Turm.
"Dasn't wok", sagte sie.
"Was?"
"Da musik doesn't work. Look."
Sie bückte sich und drehte die Anlage auf, eine No Name-CD-
Radio & Tapedeck-Geschichte, doch die Boxen blieben tot.
"No sound. U hear?"
"No music?" Er lachte wie doof. Er konnte nicht anders. Dieses Lachen, wenn man als Kind albern wird und sich beinah in die Hosen macht.
"No. No music. U hear?"

Es gab nichts zu hören. Keine Musik jedenfalls. Er untersuchte das technische Gerät. Im CD-Spieler hatte sich eine CD im Laufwerk verklemmt. Die Klappe ließ sich nicht öffnen. Die Afrikanerinnen beobachteten ihn und kauten lässig Chewing Gum. So lässig, er fühlte sich wie zwischen zwei schwarzen Kätzchen und er war der deutsche Hund, am CD-Wechsler am arbeiten. Der Vorarbeiter mit der großen Schnauze.

Er kriegte den CD-Spieler nichts ans Laufen, die CD hatte sich dermaßen verklemmt.er zog hier am Stecker, ruckelte am Kabel. Erst beobachteten die beiden Frauen mich, dann zogen sie sich ans Fenster zurück. Drängelten sich nebeneinander und begannn wieder zu schäkern, währen ich im Zimmer stand, die HiFi-Anlage anglotzend, und langsam aber sicher die Wohnung verließ.
"Bye", sagte ich noch, und die beiden Schwarzen drehten sich um, "bye-bye."

Er sprang die Treppe runter, auf die Art, wie er es als Junge getan hatte, nahm er drei Stufen auf einmal, stieß sich dabei an der Wand und am Geländer ab. Ringo, dachte er, als er an die Luft trat, hätte daraus einen Porno gemacht. Jedenfalls sich was einfallen lassen, beim Erzählen.
22.3.10 16:41


Das weiße Zimmer

Ich war volljährig und seit wenigen Monaten mit Lena zusammen, sie war süße wie scharfe fünfzehn, das war das Problem. Ihre Mutter fürchtete, dass man sie wegen des Kuppelei-Paragraphen 180 drankriegte und untersagte uns den Sex in ihren vier Wänden, auch wenn sie ansonsten nichts dagegen einzuwenden hatte, sie besorgte ihrer Tochter sogar die Pille.

"Geht meinetwegen in den Park und treibt es im Gebüsch, aber nicht in meinem Haus! Nicht, solange Lena keine sechzehn ist!"

Lenas Mutter war eine resolute und etwas anstrengende Person, frisch geschieden. Den Vater hatte ich ein einziges Mal kurz gesehen, als er unmittelbar vor dem Auszug aus dem gemeinsamen Reihenhaus nahe der Nussbaumstrasse auf dem Wohnzimmerteppich kniete und irgendwelche Dinge hin-und herschob, die ich auf die Schnelle nicht identifizieren konnte - ein Mann Mitte vierzig, mit traurigen erstickten Augen.

Es waren keine Matchboxautos.

Lenas Mutter wusste natürlich, was ihre jüngste Tochter für ein Früchtchen war, das machte die Sache nicht einfacher. Wir mussten ganz schön tricksen, bis Lena endlich ihren sechzehnten Geburtstag feierte und sie auch ganz offiziell den Mann bumsen durfte, den sie erst zum Mann gemacht hatte, mit ihrer unschuldigen Gabe, alles richtig zu machen.

Es war ja auch zum Lachen gewesen. Als wir uns kennenlernten, war ich ein lockiger, von den Mädels umschwärmter 19jähriger Nichtsnutz, der ein Geheimnis verbarg: Ich hatte noch nie mit einem Mädchen geschlafen. Beim ersten Versuch, mit 16 oder 17, war es schief gegangen, und danach traute ich mich nicht mehr heran. Zwar hatte ich Petting, jede Menge sogar, doch ich vermied jegliches Eindringen.

Es kam der Tag, an dem ich Lena davon erzählte. Lena, ein bildhübsches Mädchen mit langem braunen Haar und braunen Augen, ein echtes Juwel, das der liebe Gott mir an die Hand gegeben hatte, konnte kaum glauben, was sie da hörte. Am nächsten Tag trafen wir uns in der Nähe ihres Elternhauses, es war früh, sie musste Zeitung austragen.

Ich seh sie noch vor mir, wie sie dasteht mit ihrer Zeitungskarre und auf mich wartet, ich gehe auf sie zu, ich schlendere fast, will cool sein, weil ich mich doch am Tag zuvor offenbart hatte, weil das Geheimnis kein Geheimnis mehr war - ich fühlte mich nackt und wehrlos. Ich hatte mich in ihre Hände begeben, in die Hände eines 15jährigen aufgeweckten Mädels, in das ich so verliebt war, dass es weh tat.

Als wir wenig später endlich miteinander schliefen, in ihrer kleinen Kajüte unterm Dach, passierte es wie von ganz allein - pötzlich rutschte ich in sie hinein, und war drin. In dieser Nacht, ich blieb heimlich bei ihr, war ich so stolz und voller Lebensmut, man sagt, es müssen Kirchenglocken geläutet haben bis hinauf an die Nordsee .

*

Die Geschichte In einem weissen Zimmer spielt etwa ein Jahr später, als Lenas Mutter (und damit auch Lena) bereits vom Stadtrand ins Zentrum umgezogen war. Es war Vormittag, als ich in Lenas kleinem Zimmer aufwachte, ich hatte verschlafen. Ich jobbte damals als Kommissionierer bei der FZ, einem Zwischenlager für Kühlprodukte. Lena war längst fort, sie absolvierte eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin, und zwar genau drei Monate lang. Es folgten eine abgebrochene Lehre zur Zahnarzthelferin sowie einige Jahre als Kellnerin in diversen Brombeerweinschenken und Kneipen, bevor sie zu Beginn der 90er Jahre nach Hamburg ging, ihr Abitur nachmachte und zur Theater-Pädagogin umsattelte, heiratete und ein Kind bekam.

Welch eine Frau.

1981 wollte ich gerade aufs Klo gehen und hatte die Hand schon an der Türklinke, da hörte ich Stimmen, und erstarrte. Was zum Teufel machte Lenas Mutter um diese Uhrzeit zu Hause? Sie hätte doch längst zur Arbeit sein müssen.. Möglicherweise hatte sie Urlaub und Lena vergessen, mir davon zu erzählen. Oder es ging ihr nicht gut und sie hatte sich krank gemeldet. Keine Ahnung. Was aber noch schlimmer war: Nicht nur Lenas Mutter war daheim, auch Dascha, Lenas geschwätzige Kusine. "..was machen wir zum Reis?" hörte ich Dascha, die sich unlängst in der Wohnung einquartiert hatte, und sie antwortete sich gleich selbst:

"Spargel".

Ich zog mich an, weil ich dringend aufs Klo musste, traute mich aber nicht aus dem Zimmer. Am Abend zuvor war mächtig Stunk in der Bude gewesen, weil ich betrunken das Klo bekotzt hatte. Ich stand an der Zimmertür und horchte. Als die Stimmen sich entfernten, in Richtung Wohnzimmer und Balkon, öffnete ich vorsichtig die Tür.

Ich schlich den langen Korridor entlang, an dessen Ende sich die rettende Etagentür befand, die Pforte zur Freiheit, zur Sonne, zur Photosynthese, doch als ich die Hälfte des Flurs hinter mir hatte, näherten sich Schritte und ich verschwand hastig im Zimmer von Lenas grossem Bruder Tom. Der war auch in der Eigentumswohnung gemeldet, wenigstens auf dem Papier.

Tom war einige Jahre älter als ich und der Prototyp des gepflegten Langhaarigen, der sich hauptsächlich darüber definierte, welche Schallplatten er hörte. Man kannte solche Typen. Wie findest du mich? stierten sie einen groß und ängstlich an, wenn sie am Plattenspieler standen und penibel ihre aktuellen Lieblingsstücke präsentierten. Oder ihre Evergreens, die noch so viel mehr verieten über Typen wie Tom. (Natürlich war ich auch nicht anders. Sobald ich einen alten Doors-Hit auflegte, packte ich mir in den Schritt wie Jim Morrison und keuchte.)

Toms Plattensammlung umfasste sicher fünftausend Platten, nicht wenige aus der Jazz-Ecke, besonders Be Bop hatte es ihm angetan. Wer Be Bop hörte, dessen bekanntester Vertreter Charlie Parker in den 40er und 50er Jahren gewesen war, musste hart im Nehmen sein. Mit Be Bop machte man sich keine Freunde. Zwei, wenn es hochkam, oder eher doch nur einen, sich selbst. Aber dafür war die Charlie Parker-Discografie, die Tom besaß, komplett, seiner Meinung nach.

Als Familienmitglied war Tom kaum präsent. Er studierte Design in Wuppertal, wo er eine kleine Bude gemietet hatte. Das Zimmer in der Wohnung seiner Mutter diente eher als Ausweichquartier und war die späte Erfüllung eines spleenigen Teenagertraums: es war ganz in weiß gehalten.

Angefangen bei der Wandfarbe, 3fach aufgetragen, bis hinunter zum lackierten Holzboden und den darauf liegenden Flokatis, die ineinander überlappten: alles in weiß gehalten. Auch die wenigen Möbel waren, wenn nicht per se schon weiß, mit weißen Tüchern verhangen. Und die Matratze? Mit einem weißen Spannlaken bezogen. Das Regal? Weiss. Auch die darauf liegenden Füllfederhalter und anderen kleinen Accessoires waren ausnahmslos weiß.

Es gab sogar eine weiße Reiseschreibmaschine von Olivetti, die Tom auf einem Trödelmarkt in Antwerpen aufgetrieben hatte. Einzig die schwarzen Typen störten, weswegen Tom die Maschine auch nie benutzte.

Ich traute mich einfach nicht aus dem Zimmer. Warum eigentlich nicht? Warum machte ich nicht die Türe auf, spazierte durch den Flur und rief fröhlich "Guten Morgen" und machte, dass ich so schnell wie möglich aufs Klo kam, ordentlich abschiffen? Weil ich einfach nicht so war, damals. Ich war scheu. Ich war zwanzig und konnte mittlerweile sogar mit einer Frau schlafen, aber im Umgang mit Erwachsenen blieb ich gehemmt. Ich verstand Erwachsene nicht. Ich wusste nicht, was sie von mir wollten, ich kam nicht klar mit ihren Erwartungen, und überhaupt - schwierig, das alles.

In Toms Zimmer, umgeben von dieser verstörenden Weissheit, spannte ich ein weißes Blatt Papier in die Reiseschreibmaschine. Dann tippte ich so sachte und leise wie möglich

dascha ist eine krude schachtel.

In der Mitte des Resopaltisches stand eine schlanke weiße Vase, darin eine weiße Lilie, Botschafterin des Todes und beinahe schon mumifiziert. Ich musste so doll pinkeln, ich hielt es kaum noch aus. Ich lief hin und her und drückte mein Geschlecht wie ein kleiner Schulbub. In einer Ecke des Zimmers entdeckte ich eine leere Milchkanne. Sie diente als Zierde, wie eigentlich alles Zierde war in diesem unwirklich weißen Raum.

Ich setzte die Kanne an und ließ sie seufzend volllaufen - randvoll. Wäre Lenas Mutter oder Dascha in diesem Moment zufällig eingetreten, das hätte Geschrei gegeben, richtig Operette: DA PISST DAS SCHWEIN IN DIE MILCHKANNE! Dabei fiel es mir auf: Irgendetwas stimmte nicht. Es war die Farbe meines Urins. Das Gelb, es störte.

Und scheißen musste ich auch. Es war früh am Tag, Real Monkey Business. Ich überschlug die rechnerische Wahrscheinlichkeit, einen weißen Stuhlgang hinzubekommen, der sich der Umgebung des Zimmers unauffällig angepasst hätte, und entschied mich gegen einen Ausscheidungsversuch auf dem Flokati.

Ich stöhnte laut auf, so laut, dass ich schon glaubte, mich verraten zu haben. Doch niemand riss die Tür auf, niemand rief die Spuk-Polizei. Doch was sollte ich tun!? Mich stellen? War es dazu nicht schon zu spät? Eine Milchflasche voller Pisse, an diesem geweihtem Ort, unmöglich. Ich hockte mich auf den Hintern und kniff die Arschbacken zusammen. Lena würde kaum vor vier Uhr zurück sein.

Dann begann es nach Mittagessen zu duften. Nach Spargel. Als Kind hatte ich beim Spargelessen stets das Gefühl gehabt, ein wildes Pony zu reiten, das half mir jetzt auch nicht weiter. Lenas Mutter und Dascha hörte ich zwischen Küche, Wohnzimmer und Balkon hin und herlaufen und pausenlos schnattern. Das brachte mich auf eine Idee. Ich plante einen Ausbruchsversuch. Meine Chance würde kommen. Spätestens..

JETZT.

Als im Bad Wasser eingelassen wurde. Dascha ging baden. Dascha badete jeden Tag. Solange sie im Bad war, war sie ausgschaltet. Ich wusste aus Erfahrung, sie würde schwere süße Öle auftragen und ihr Gesicht einer Sonderbehandlung unterziehen, mit allerlei Zaubermittelchen.

"Zieh nicht so ein Gesicht", hatte ich sie einmal gestichelt, "du hast keins", worauf Dascha nach reiflicher Überlegung ("Wie hat der das gemeint, Lena!?") beschloss, mir nie mehr, nein: NIE MEHR! zu verzeihen.

Das einlaufende Badewasser wurde abgedreht, und Dascha rutschte stöhnend und stinkend in die Wanne. Das war meine Chance. Dascha im Bad und Lenas Mutter, so hoffte ich, auf dem Balkon, eine rauchen. Jetzt raus hier! und den Rest des Korridors entlang und leise die Etagentür aufgezogen - zur Freiheit, zur Sonne! - aber nein - es war Lenas Mutter, die einen Strich durch die Planung machte. Während Dascha nämlich im Bad "Fly, Robin, fly" pfiff, stand Lenas Mutter zu meiner Überraschung nicht auf dem Balkon, sondern in der Küche und brutzelte. Und da die Küche gleich neben der Eingangstür lag, die für mich die Ausgangstür bedeutete, war der Fluchtfisch gegessen. Dazu wurde frischer Spargel gereicht.

Verdammt, jetzt bekam ich auch noch Appetit.

Ich resignierte. Seufzend setzte ich die Kopfhörer auf und lauschte Charlie Parker. Damit ja nichts die blütenweisse Komposition seines Jungendraums störte, hatte Tom von sämtlichen Scheiben die Cover entfernt. Sie steckten in ihren weißen Innenhüllen und waren nur anhand der verschiedenen Plattenlabel zu unterscheiden. Allmählich verwirrte das viele Weiß, das mich umgab, erste Aufallerscheinung: um eine Zigarette anzustecken, versuchte ich mir mit einer weißen Schere Feuer zu geben.

So nicht, dachte ich. Du musst dich irgendwie beschäftigen, bis es endlich vier Uhr wird und Lena zurückkommt. Ich durchforstete Toms Sammlung nach irgendetwas, das mich interessierte. Be Bop war für mich gleichbedeutend mit einem Knäuel Elektrodraht im Schädel, den niemand zu entwirren imstande war. Aber es gab Titel von Charlie Parker, die mit Be Bop nichts am Hut hatten, sondern mit Orchester eingespielt worden waren und geradezu verwunschen klangen, aus der Zeit gefallen, in die Wiege - ein Album, von Jazz-Puristen als böser Ausrutscher diffamiert, von mir gefeiert.

Aber: Das Stück hatte ich nur ein Mal im Radio gehört und auf Band mitgeschitten, doch das Band war kaputt gegangen. Ich saß auf dem Flokati, den leckeren Spargelgeruch in der Nase und hatte noch jede Menge Zeit in diesem weißen Irrenhaus, bis vier Uhr mindestens. Ich kam mir vor wie der Weißclown, und die Blase füllte sich auch schon wieder.

Gut.

Mit Schneeblindheit hatte ich jetzt nicht gerechnet.
25.3.10 10:16


Die Gräfin spricht, der Mitsubishi Boy ruft an, und sonst so

Nun zähle ich bekanntermaßen zu den Leuten, die einen Fehler im Schnitt zwölfmal wiederholen, bis sie sich beim vierzehnten (!) Mal fragen, wie gestalte ich Nummer 15, um wenigstens etwas Abwechslung in die Angelegenheit zu bringen. Ich langweilige mich nicht gern, jedenfalls nicht mehr als nötig. Erst wenn der Fehler ins Blut übergegangen ist, kann es passieren, dass ich dazulerne, peu a peu und ohne es wirklich mitzukriegen. Dann erst kann ich mich an die nächste größere Misere heranwagen, so allmählich. Ich bin ein sehr langsamer Lerner.


*
"Wir Menschen sind nichts als eine Horde Evolutionsausreißer, und jetzt kriegen wir uns nicht mehr eingefangen."

(Die Gräfin)


*
"Manchmal, wenn ich auf der Bühne stehe und meine Gitarre spiele, guck ich runter ins Publikum und frage mich, sag mal, Junge, was denken die Leute eigentlich so von dir?"

(Stiller Teilhaber)



*
Es gibt Menschen, die treten in dein Leben, erledigen ihren Job und sind wieder weg. Dafür sind sie geboren. Gute Leute.



*
Es gibt zornige Leute, die ihr Leben lang nicht die Erfüllung finden, aber irgendwann stehen sie frühmorgens auf und fällen 37 Fichten.


*
Romantiker sind immer etwas unbeholfen.



Cafe Cuba, Susanne Eggert 2010

*
Der Wind, eine gefährliche Ohr-Speisung. In Orkanstärke. Ich trage Mütze.


*
Manchmal begegnet einem ein Bild auf der Straße, das es kaum noch gibt. Da ist diese Bande von Kindern. Wie die Orgelpfeifen strolchen sie durchs Viertel, Kinder im Alter zwischen sechs und vierzehn, bunt durcheinander gewürfelt und doch zusammengehörig. Sie tragen Flitzebogen (drei Jungs, erste Klasse), sie machen Beatbox (die 14jährigen), und 10jährige Mädels, halb Flitzebogen, halb Beatbox, ertränken alles in Gekicher.

Die ganze Bande wirkt, als wäre sie auf dem Weg zur Straßenmeisterschaft.

Super Sache.


*
Eins hab ich nie kapiert. Weder im Religionsunterricht noch im Katechismus. Warum alles mit dem Wort begonnen haben soll. Am Anfang war das Wort? Ein einzelnes kleines Wort, staksig wie ein neugeborenes Fohlen, inmitten von: nichts?? Und geboren von wem? Vom großen Muttersatz? Ich habe es nie kapiert.


*
"Das Geheule von heute ist das Gelächter von morgen", sagt die Gräfin. "Oder das Gelächter von heute das Geheule von morgen."

Die Antwort kennt nur Bob Marley.



Der Zweifel trägt Gelb/Susanne Eggert, 2010


*
"Natürlich waren die 90er ein verlorenes Jahrzehnt", sag ich zum Mitsubishi Boy. "Aber man muß auch mal zehn Jahre am Stück verloren gehen können. Sonst fehlt einem was. Auf Dauer. Im Leben."

An einem Sommertag rief er morgens an und fragte, ob ich Lust hätte schwimmen zu gehen. Warum nicht, sagte ich, aber ich war pleite. Ich hatte nicht mal Kohle für den Bus. Halbe Stunde später holte er mich ab, in seinem grünen Colt Celeste. In seinem schwarzen Schwimmbeutel lag ein Zehnmarkschein, den ich mir von unten herausfischen musste, vom Boden des Schwimmbeutels, begraben unter lauter Handtüchern etc.
"Hier, Glumm, tu was für dein Geld."

Wir fuhren runter ins Freibad Schellberg, dem Unikum unter den bergischen Freibädern. Im engen Talkessel hatte man die Liegewiesen den steilen Abhängen abgetrotzt; wie Vögel in der Sonne lagen wir da, Vögel, die an Steilküsten brüteten, in Badehosen.

"Ich fang morgen einen neuen Job an", sagte der Mitsubishi Boy, als wir später am Büdchen saßen und Bier tranken. "Das ist mein letzter Versuch."
"Dein letzter Versuch, vor was?"
"Vorm Weggehen. Wenn der Job nicht hinhaut, hau ich in den Sack und geh nach Hamburg."
Auf einer Party hatte er eine nette Schweizerin kennengelernt, die in Hamburg Schauspielerei studierte.

Gut. Da war aber zunächst mal sein neuer Job. In einem Keramikvertrieb, auf dem Lager. Montags war der Chef angetan vom Mitsubishi Boy und versprach, ihn bald schon als Vorarbeiter zu beschäftigen. Mittwochs ging die erste Vase zu Bruch. Tags drauf zerschoß Mitsubishi mit dem Elektrohubwagen eine ganze Palette Keramikfrösche aus Fernost, Schnickschnack alles, aber eben jede Menge Schnickschnack. Die Kündigung kam per Einschreiben.

Drei Monate später siedelte Mitsubishi nach Hamburg um. In den ersten Jahren kam er noch regelmäßig in die alte Heimat, besuchte uns am Kannenhof, dann wurde es immer weniger, zuletzt hörte ich nur noch über mehrere Ecken, dass er noch lebte. Und heute geht das Telefon, und er ist dran. Der Mitsubishi Boy spricht. Die Stimme, etwas tiefer als vor 15 Jahren, versoffener. Ansonsten der verwirrte Beau, wie eh und je.
"Aber mit Bierbauch", meckert er.

Auf seine dahinjagende hechelnde Art verblüfft er wie früher mit ganz eigenen Betrachtungen zur Welt.
"Die Wirklichkeit besteht ja nicht aus Rätseln, die Wirklichkeit besteht aus Dramatik, Kultur und Tinnef."
"Wenn mal alles zusammenkommt, der ganze Matrosenkram, dann ist doch das Schönste: Blumen kaufen."

Einmal, es muss um 1984 herum gewesen sein, waren wir den ganzen Tag unterwegs in seinem Sportwagen. Wir kurvten durch Wuppertal, machten Station in der Parkanlage auf der Hardt, wo er meinte, er bräuchte einen Freund, wovon ich nichts hören wollte.

Wir landeten an der großen Solinger Talsperre, es war Sommer.
Oben schlenderte der Bussard durch die Luft, unten fanden wir ein Kinderfahrrad, das wir aus dem Gebüsch zerrten, jemand hatte es weggeworfen, zurecht weggeworfen, es war kaputt und völlig verbogen - ein rostiges altes Klapprad, kompletter Schrott. Wir nahmen es mit. Wir steckten es in den Kofferraum und vergaßen es.

Am nächsten Morgen, ich lag noch im Bett, klingelte es Sturm. Erst machte ich nicht auf, doch das Geklingel ging weiter. Hartnäckig. Es war Mitsubishi. Er war auf dem Weg zur Arbeit und brachte mir das Rad vorbei.

"Hier!" rief er und kippte den Schrott mitten in die Küche, "dein .. Ding da..!"

Es lag bis zum Herbst in der Küche. Mal neben dem Eisschrank, mal unterm Küchentisch. Ein total kaputtes Kinderklapprad. Am Abend, bevor er nach Hamburg umzog, überredete ich die Gräfin, kurz zur alten Bude von Mitsubishi zu fahren, ich wollte kurz schüss sagen, machs gut, Mitsubishi, meld dich mal. Als er einen Moment unaufmerksam war, schmuggelte ich das schrottige Teil in seinen Kofferraum, quetschte es irgendwie rein. Mit schönem Gruß.


*
"Ich glaub, ich bin sinnlich ziemlich verpeilt. Eigentlich gehöre ich eingesperrt."

(Die Gräfin)

*
"Ich bin heute überhaupt nicht richtig da", sagt sie. "Aber woanders bin ich auch nicht."


*
Bei Glumms nebenan ist Schattenreich und Existenz
31.3.10 17:46


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