Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Kleine Insektenkunde

Nishi fing im Turmhotel an, Sprößling der japanischen Kolonie in Düsseldorf. Sie hatte gerade die Lehre zur Hotelfachfrau abgeschlossen und war nun auf dem Sprung in die große weite Welt der internationalen Hotellerie.
"Und dann fängst du im Turmhotel an?"
"Ja warum denn nicht ist doch phantastisch hier oben die Aussicht nette Kollegen du arbeitest doch auch hier so als Sprungbrett ist doch okay.."
Ihre Redegeschwindigkeit war phänomenal. Wenn sie einen Satz begann, sammelte sich vor Erregung Wasser in ihrem Mund, hatte sie ihn beendet, war Blitzeis daraus geworden.

Sie hatte bereits seit zwanzig Minuten Dienstschluss, doch ihr Wagen war in der Werkstatt und der nächste Bus nach Düsseldorf fuhr erst um dreiundzwanzig Uhr, also kauerte Nishi in meinem geliebten Chefsessel und futterte einen Salat mit Joghurt-Dressing, während ich darauf wartete, dass sie sich vom Acker machte. Ständig schlug ihre Gabel gegen die Schneidezähne: Dongg, dongg, dongg. De doba dob dang ding ding. Auch wenn Nishi eine kleine Person war, ihre Zähne waren groß wie Reklametafeln. Ich starrte verzweifelt in den Kabelfernseher. Hörte die das denn nicht?! Dob Dang Ding? Wie in einer prolligen Porzellanmanufaktur? Warum setzte sie sich nicht an die Haltestelle am Graf-Wilhelm-Platz und wartete dort auf den Bus? Aber meine stillen Einwände kümmerten sie nicht, sie spachtelte den Krachsalat mit asiatischem Gleichmut zu Ende. Immer schön gegen die Plakatwand.

Drei Wochen später. Nishi fing mich oben am Aufzug ab. Sie war völlig aufgelöst, hatte hektische Flecken am Hals.
"Endlich die Ablösung ich werd noch verrückt hier sind so eklige Insekten endlich bist du da wie winzige Ziegen hoppeln die hier rum.."
"Was für winzige Ziegen?"
"Die springen hier übern Flur! zwei eklige braune Viecher schon den ganzen Nachmittag hab ich versucht die Pümachers zu erreichen aber da geht niemand ran bin ich froh dass du hier bist so was ekliges Gott ist mein Zeuge.."

Das Kündigungsschreiben hatte die quirlige kleine Japanerin bereits aufgesetzt und unterzeichnet, sie bat mich, es den Pümachers am folgenden Morgen auszuhändigen.
"Hier kann ich nicht weiterarbeiten beim besten Willen nicht ich hab es versucht Gott ist mein Zeuge den Kammerjäger müsste man holen den Kammerjäger.."

Die Redegeschwindigkeit hatte sich in der Aufregung noch verdoppelt, erreichte locker die Frequenz, mit der Kolibris ihre Flügel schlagen, wenn sie eine Abkürzung nehmen.
"Und wo.. sind die Viecher?"
Sie führte mich den Flur runter. Gegenüber der Wäschekammer machte sie halt.
"Hier hab ich sie zuletzt gesehen hier sind sie herumgehüpft ich weiß das klingt verrückt aber wenn du sie gesehen hättest mit ihren fiesen Hörnern fast so als hätten sie sich einen Spaß gemacht.."
Langsam wurde mir auch mulmig.
"Setz dich doch erstmal hin", sagte ich, "beruhige dich.."
"Nein ich muss hier raus!" schrie sie.
Ihr Vater kam, um sie abzuholen.
"Machs gut", rief ich noch, doch sie drehte sich nicht einmal um, als sie in den Aufzug stieg.

Ich setzte die gesamte Etage unter Flutlicht und inspizierte Empfang, Frühstücksraum, Wäschekammer und die Zimmer, die nicht vermietet waren. Vielleicht hatten Geschäftsleute aus Afrika oder Mexiko irgendwelche Insekten eingeschleppt. In klimatisierten Gepäckräumen flogen sie behaglich um die Welt und kletterten im Turmhotel erfrischt aus dem Koffer, läßt sich hier eine neue Kolonie gründen? Theoretisch. Andererseits schien Nishi reichlich überspannt. Wer wusste schon, was sie wirklich gesehen hatte. Ich mein, sie war Japanerin. Schoben sich beim Sumo nicht fette Schaben durch den Ring und wurden dafür gefeiert?

Ich untersuchte jede Spalte, fand aber kein Insekt, weder ein gewöhnliches noch ein ungewöhnliches. Ich begann den Frühstücksraum einzudecken und bereitete das Buffet vor. Ich machte die Rechnungen fertig für die Abreisen, ohne Telefon, ohne Mini-Bar, und setzte einen weiteren Weckruf auf die Liste.

"Sechs Uhr vierzig, nech", diktierte der Flensburger Arbeitsvermittler für Seefahrt, als er aus der Kneipe kam. Er schob seine blaue Mütze über den Kopf und freute sich schon aufs Veteranen-Wandern der Marinekameradschaft Flensburg, das im Herbst wieder auf dem Plan stand.
"Da marschieren wir in Zwanziger-Blocks durch Flensburg und singen ein Lied nach dem anderen, deutsches Liedgut. Das ist es doch, was uns Deutsche stark macht. Wenn jedes andere Volk schlapp macht, singen wir immer noch ein Lied."
Der Jäger aus Kurpfalz brummend wankte er aufs Zimmer.

Gegen halb vier baute ich im Büro mein Nachtlager auf, wie üblich. Ich holte Sitzkissen vom Empfang sowie Laken, Decke und Kopfkissen aus der Wäschekammer. Wenn nichts dazwischen kam, hatte ich Ruhe bis halb sechs, dann klingelte der Bäckerbursche und die Nacht war zu Ende.

Kaum hatte ich mich hingelegt, sprang etwas über den Boden, nah an meinem Kopf vorüber. Ruckzuck war ich wieder auf den Beinen und stürzte zum Lichtschalter: Festbeleuchtung. Erst war nichts zu sehen. Bis ich genauer hinguckte. Unterm Schreibtisch hockte etwas, im Schatten. Ich näherte mich vorsichtig. Es sah aus wie zusammengeknülltes Staniolpapier, nur braun und mit Härchen. Es zitterte. Es war widerlich. Aber - eine Ziege in mini war das nicht gerade. Das war was anderes. War das Turmhotel plötzlich voller Geschöpfe, für die Gott keine plausible Erklärung hatte?

Und dann gings los. Der braune Ballen Staniolpapier spurtete geradeaus über den Teppichboden, entknitterte sich, nahm Gestalt an, sprang im Zickzack herum wie eine Gebirgsziege von Fels zu Fels. Ich meinte sogar, die winzigen Hörner zu erkennen, von denen Nishi gesprochen hatte. Ich konnte es nicht fassen: "WAS IST DAS ZUM TEUFEL??"
Ich griff mir eine Illustrierte vom Schreibtisch, ein hochglänzendes Feinschmecker-Magazin, rollte sie zusammen und eröffnete die Jagd, doch das Vieh war wendig und flink, geradezu reißend schnell auf spindeldürren Beinchen. Es tauchte unter, war wieder da, sprang hässlich durch die Bude und jedes Mal kam ich zu spät. Ein Dutzend Mal schlug ich ins Leere, es knallte und peitschte, ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper.

Ich kam mir vor wie im Horrorfilm, aus dem die kleine gruselige Trickfigur geflüchtet war und nun auf eigene Faust den Set unsicher machte. Maske, Kameramänner, Tonleute - alle waren stiften gegangen, bloß ich war übrig geblieben, der Night Auditor. Der Gelackmeierte. Braunes Haar kräuselte sich am Hintern, wie Brüsseler Spitze. Also dahinten, beim fiesen Insekt, verdammt!

Ich schloss die Bürotür, damit es nicht entwischen konnte. Das Vieh hatte eine Auszeit genommen, hockte wieder unterm Schreibtisch und zitterte. Das dicke gelbe Telefonbuch Bergisches Land fiel mir ins Auge. Wuppertal, Solingen, Remscheid. Die drei Großstädte. Großstädte?! Mahaa! Egal. Ich nahm es in beide Hände. Ich hielt es fest. Dann wartete ich. Ich stand im Sessel, der Feldherr, in bester Position, und wartete. Scheißvieh, dachte ich, gleich werden tausend Seiten auf dich niedersausen. Wir sehen uns im Ring!

Ich kannte kein Erbarmen. Als es endlich sein Versteck verließ und frech wie Dreck über den Teppich hüpfte, war es fünf Uhr und fünf Minuten und ich ließ das Telefonbuch fallen, BAPFFF!, aus zwei Metern Höhe. Der Zeitpunkt war genau berechnet, schließlich musste ich einkalkulieren, dass das Insekt weiterraste, während das Buch noch in der Luft war. Hätte ich zu spät losgelassen, wäre es entwischt. Es war aber nicht entwischt. Es lag begraben unter einigen hunderttausend Telefonnummern. Ich holte einen Hammer aus Pümachers Werkzeugkiste und schlug aufs Telefonbuch ein, ich setzte mich mit meinem ganzen Gewicht darauf. Diese widerliche Choreografie gehörte zerquetscht. Als ich das Buch anhob, warf ich einen lässigen Blick auf den Leichnam.
"Ja, jetzt bist du zerknirscht!" höhnte ich.

Punkt Sieben liefen der Chef und die Chefin zum Frühdienst ein. Ich zeigte ihnen das tote Insekt.
"Und eins muss noch auf Achse sein."
"Wo??"
"Ja, wo weiß ich auch nicht."
Herr Pümacher hielt das Kündigungsschreiben von Nishi in der Hand. Er war ganz verdattert.
"Das da ist doch keine winzige tote Ziege, das ist doch.. Kokolores!"
Auch ich bekam zunehmend Schwierigkeiten, in dem Brei ein Ex-Insekt auszumachen.
"Das ist ein ein Knäuel Staub", beharrte Pümacher und holte seine Lesebrille. "Margot, guck du mal! Das ist doch.. nur Snickers-Papier!"

Der Sohn wurde hinzugerufen, noch bevor er wie jeden Morgen nach Bad Honnef fuhr, zur Hochbegabtenschule. Entomologie war sein Hobby. Insektenkunde. Ich zeigte ihm den bräunlichen Insektenbrei.
"Und hier ist noch eins unterwegs?" glänzte er.
"Laut Nishi ja", sagte ich. "Hier, das hat sogar winzige Hörner gehabt."
"Das waren die Fühler", meinte er.
Frau Pümacher wurde übel und stöckelte aufs WC, gleich neben der Wäschekammer.
"Als es lebte hatte es spindeldürre Beinchen", sagte ich, "bestimmt zehn Stück."
"Dann ist es kein Insekt", sagte der Sohn. "Insekten haben sechs Beine."

Er war der einzige, der der ganzen Sache etwas abgewinnen konnte.
"Stellt euch vor, das waren Männchen und Weibchen und die haben hier auf dem Flur Eipakete vergraben, die demnächst schlüpfen.."
Ich sah mich schon das Licht im Büro anknipsen und drei Dutzend Bodenziegen flüchteten unter Geraschel in ihre Schlupfwinkel, als ich den Aufschrei hörte. Er kam vom Klo, wo Frau Pümacher zum Kotzen hingegegangen war.
"HIERHER, MANFRED!! SCHNELL!! HERR GLUMM!"

Ihr Sohn und ihr Mann waren gleichzeitig vor Ort, doch zu spät. Das Rückenschild des zweiten Exemplars war bereits vom Pfennigabsatz ihres Stöckelschuhs durchbohrt. Wir drängelten uns auf dem engen Gäste-WC. Drei Leute starrten auf den gefliesten Boden, ich in die Kloschüssel. Dann musste ich kotzen.
14.12.09 15:16


Feuerland

Die dritte Nacht hintereinander hatte sie bei mir geschlafen und jeden Morgen ließ sie sich mehr Zeit, bis sie unter die Dusche stieg. Auch wenn ich sie mochte, sie bedeutete mir nichts. Ihr Hintern war plump. Sie watschelte. Andererseits küsste sie sehr süß, den Mund kaum geöffnet, ein Schlitz nur, wie ein Nagetier, das machte mich rasend. Es war das erste Mal, dass ich auf diese Art mit einer Frau zusammen war. So unentschieden. So la la. Ich war auf dem absteigenden Ast.

"Ihr habt eine komische Brause. Mal ganz heiß, dann wieder ganz kalt. Und der Strahl ist so hart! Kann man das nicht irgendwie gleichmäßiger einstellen?"
Ich tat so, als hätte ich nichts gehört.
Dann rief sie: "Bringst du mir ein Handtuch?"
Soviel am Stück hatte sie die ganze Nacht nicht geredet. Das kalte Wasser machte sie gesprächig. Ich brachte ihr ein Handtuch ins Bad.

Danach saßen wir in der Küche und tranken Mocca. Karlos lag noch im Bett und schlief. Sein Herz strampelte, man hörte es in der ganzen Wohnung, wie das Ticken einer alten Standuhr. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Sie auch nicht. Es war düster in der Küche, ich hatte keine Lust, Licht zu machen.

"Wer von euch beiden trinkt eigentlich Kaffee beim Duschen?" unternahm sie einen Versuch, das Schweigen zu beenden.
"Wieso?"
"Na ja, da steht immer so eine Kaffeetasse neben dem Klo."
"Die ist von Karlos. Aber der trinkt nicht beim Duschen Kaffee, sondern beim Kacken."

Eine Viertelstunde drauf begab sich das Burgfräulein zum Dienst in die städtischen Kliniken, wo sie als Kinderkrankenschwester arbeitete.
"Vielleicht bis morgen Abend", sagte sie, als das Taxi kam, und setzte ein Fragezeichen dahinter.
"Ja", sagte ich. "Sicher."
Da sie nebenbei kellnerte, war es nicht unwahrscheinlich, dass wir uns sehen würden. Sie hätte also gleich fragen können, "Bist du morgen Abend im Mumms?"
An diesem Abend jedenfalls hatte sie erst Spät-, dann Nachtdienst in der Klinik, da würde sie nicht kellnern. Ich hatte also freie Bahn. Wofür auch immer.

Ich setzte noch einen Mocca auf, guckte nach, ob Karlos überhaupt in seinem Zimmer war, (war er nicht), kurz darauf ging das Telefon.
Lena.
"Ich hab dich gestern in der Stadt gesehen, du hast ja die Haare ab..!"
"Ja, hab ich. Aber schon seit ein paar Tagen."
"Das siehst ja furchtbar aus, wie ein entflohener Sträfling."
"Ha ha. Ein Sträfling, findest du?"
"Ja, gefällt mir nicht. Ist ja nicht eine Locke übrig. Geht's dir so schlecht?"
"Wieso schlecht? Nur weil meine Haare kurz sind? So ein Blödsinn."
"Nee, wegen uns mein ich. Willst du dich damit selber bestrafen?"
"Ach, hör auf. Ich hab mich beschissen benommen letztens im Nordpol, tut mir leid, das war überflüssig, aber.. ich komme schon klar."
"Na ja, wenn du meinst.."
Natürlich ging es mir nicht gut. Aber Lena war die letzte, der ich das auf die Nase gebunden hätte. Ein entflohener Sträfling. Da war ja Karlos' Kommentar besser gewesen. "Siehst aus wie ein schwuler Berliner."

Karlos kam am frühen Nachmittag vom Friedhof. Unter sechs gestandenen Sargträgern hatten sie Mühe gehabt, einen Hundertneunzig-Kilo-Leichnam in die Erde einzulassen.
"Und gestunken hat die Sau.."
Er zog sich um. Raus aus den schwarzen Klamotten, zur Probe. Das Ensemble hatte am Wochenende Premiere mit "In der Einsamkeit der Baumwollfelder" von einem Franzosen, der an AIDS gestorben war. Ich hatte den Text gelesen, konnte nichts damit anfangen. Aber der Titel war gut. Ein guter Titel ist die dreiviertel Miete. Da kriegt man das letzte Viertel auch noch irgendwie zusammen, zur Not am Bahnhof, haste mal nen Halbsatz?
"Warte, Karlos", sagte ich, "ich komm mit in die Stadt."

Wir stiefelten schweigsam nebeneinander her. Die Weihnachtstage waren vorbei und die Fußgängerzone voller Leute, die ihre Gutscheine einlösten. Oder sie taten so, als ob. Es nieselte. Graues Krähenwetter, viel zu warm für Ende Dezember.
"Kannst du gleich im Röckchen rumrennen", murmelte ich.
"Hm?"
"Nix."

Die Stimmung unter uns war auf einem Tiefpunkt. Es hatte keinen besonderen Grund. Es war nur so, dass wir jetzt zusammen wohnten, aber die Dinge sich dadurch nicht grundlegend änderten. Nein, sie änderten sich überhaupt nicht. Ich wußte nicht, was wir erwartet hatten. Ich. Oder er. Hatten wir überhaupt etwas erwartet? Ich wusste überhaupt nichts mehr. Außer dass Weihnachten vorbei war.

Karlos stiefelte Richtung Nordstadt, zum Theater, ich ging ins Mumms. Die Nachmittage im Mumms waren tödlich. Kaum Publikum, abgestandener kalter Rauch vom Vorabend, Skatrunden. Vor neun, zehn Uhr am Abend konnte man den Karnickelbau vergessen. Andererseits passierte es gelegentlich, dass ein Gesicht auftauchte und das Ruder herum riss, mit einem Hunderter auf der Tasche oder zwei. Dann ging gerade so ein lumpiger Nachmittag straight nach vorne.

Ich versuchte langsam zu trinken, damit ich nicht zu schnell hinüber war. Zwischendurch verschwand ich mit Jose nach draußen unter die überdachte Bushaltestelle, einen Stickie rauchen. Jose war ein hübscher Spanier mit prächtigen schwarzen Locken. Für ihn waren alle Deutschen Fische.
"Bist du überhaupt in Spanien geboren?" fragte ich, weil er ohne Akzent deutsch sprach.
"Nee, meine Eltern waren ein halbes Jahr in Deutschland, als ich geboren wurde, aber.."
"Dann bist du auch ein Fisch."
"Ja, aber ich bin noch in Spanien angesetzt worden, also bin ich ein spanischer Fisch! Die sind nicht so nass!"

Einmal hatte er "Ich liebe das heiße Leben!" in mein Notizbuch gekritzelt, an einem Freitagabend, im Gedränge, im Stehen, übers ganze Gesicht strahlend. Ein glücklicher Bursche, eigentlich, hätte er nicht Anfang der 80er im Übermut eine Handvoll Papers eingeworfen, auf Löschpapier geträufelte LSD-Säure.



Zwei Wochen lang war er durch die Strassen geirrt, ohne Schlaf, ohne Ruhe. Mal bildete er sich ein, das TV-Programm manipulieren zu können, dann lief er als Jesus nackig über die Autobahn und regelte den Verkehr. Dabei griff ihn die Autobahnpolizei auf und karrte ihn nach Langenfeld, in das für die Region zuständige Landeskrankenhaus. Zwei Jahre verbrachte er in der geschlossenen Abteilung. Schauergeschichten machten die Runde. Fett sei er geworden aufgrund der starken Medikamente gegen die Psychose, willenlos, apathisch.
"Jose kriegt keinen Piep mehr raus.."

Einmal half ich Freunden beim Umzug, da sah ich ihn zufällig. Er trippelte auf der anderen Straßenseite über den Bürgersteig, mit winzigen Schritten schob er er sich vorwärts. Ich winkte ihm zu, doch er erkannte mich nicht.
Damals hätte ich keinen Pfifferling auf seine Genesung gesetzt, doch nun war er entlassen und lebte vorübergehend bei seinem Bruder an der Teufelsinsel. Es war erstaunlich, doch Jose hatte sich tatsächlich erholt. Vielleicht ein bißchen gesetzter geworden, kiffte und bumste sich der kleine stolze Spanier wieder durch die Landschaft.
"Du verdammter Fisch!" strahlte ich ihn an und er strahlte zurück, mit dieser herrlichen Zahnlücke in den Schneidezähnen, diesem kleinen Tor nach Andalusien.

Wir rauchten den Stick und er erzählte aus der Klapse. Ich riet ihm, mit dem Kiffen aufzupassen, "hinterher drehst du wieder ab."
"Nee, nee", sagte er, "ich pass schon auf."

Bekifft im Mumms rumstehen hatte den Vorteil, dass das Bier besser lief, das war der Nachteil. Ich war ruckzuck besoffen.
Schwarte kam rein, Bassist einer stadtbekannten Boogieband. Er kam aus den Proberäumen am ehemaligen Nordbahnhof und war reichlich voll.
"Schwarte, is los?!" rief ich. "Spielst du noch Bassss?"
"Wassss?!"
So ging das den ganzen Abend, während das Mumms sich allmählich füllte: Schwarte, spielst du noch Bassss, und Schwarte: WAASSSS!??

Der Kellner schlug den Gong, "LETZTE RUNDE!" Da grinste am Tresen diese Tussi mit den unordentlichen Zähne, ganz unverfroren grinste sie rüber, einer Aufforderung gleich, und dann stand sie auch schon neben mir. Sie war irgendwie euphorisch drauf, gekünstelt, und lud mich ein, mit zu ihr zu kommen. Ich zögerte keine Sekunde. Ich hatte keine Lust, die Nacht allein zu verbringen.

Vor der Tür kriegte ich mit, dass sie außer mir noch zwei weitere Kerle eingeladen hatte. Den langen Hoips und einen dumpfen Langhaarigen, den ich nicht kannte. Die Beiden hatten in einer Nische gehockt und stundenlang gequatscht. Was wollte sie mit drei Kerlen? Hoips war ein verkrachter Intellektueller, er saß die meiste Zeit daheim auf dem Sofa und futterte Haschischplätzchen. Dann konnte er stundenlang auf irgendeinem Blödsinn herumreiten, pries das Eigenleben von Industrieroboterschrauben und so ein Zeugs, das auf die Dauer ermüdend war. (Nicht ganz so ermüdend wie Schwarte, spielst du noch Bassss, aber ermüdend.)

Wir fuhren mit dem Taxi in ein kleines Villenviertel am Rande der Stadt. Eigentlich gab es keine reinen Villenviertel. Es gab vereinzelte Reiche-Leute-Spots am Rande der Stadt, seltene Rosenstöcke im Vorgarten.
"Meine Eltern sind verreist", meinte die Unordentliche.
"Du wohnst noch bei den Eltern?"
Sie war mindestens Ende zwanzig. Alles an ihr war unordentlich. Sie hatte unordentliche Zähne, unordentliches Haar, unordentlich große Augen.

Wir ließen uns im vornehmen Wohnzimmer nieder, das sie nur "our living-room desaster" nannte, hysterisch gackernd. Wir nippten an blitzblanken Weingläsern, gefüllt mit einem erlesenen Tropfen, wie sie dreimal hintereinander versicherte, schwärmerisch ihr beknacktes Haar in den Nacken werfend. Dabei entblößte sie ihr riesiges unordentliches Pferdegebiss.
"Dieses Jahr Heiligabend", überschlug sie sich, "war ich soo glücklich WIE NOCH NIE! Ich ha-be das Gefühl gehabt, die ganze Welt wäre im Freudentaumel..! im Freu-den-tau-melll.. Kinder!"

Hoips und sein Kollege, der andere Hippie, helles Schlotterhaar vom vielen Trinken, (wie Krautsalat), saßen ratlos nebeneinander und stierten in ihr Glas. Sie wussten nicht, was sie von der Situation halten sollten. Ich auch nicht. Aus einer offenen Karaffe kippte ich etwas, das wie roter Campari aussah, in meinen Weißwein. Das war aber kein Campari, das war Tri-Top Kirsch. Danach hatte ich die Nase voll.
"Ich leg mich was aufs Ohr", sagte ich, das war alles, was ich von dieser Nacht noch erwartete. In ein fremdes Bett steigen, das den Eltern einer Unordentlichen gehörte, und am nächsten Morgen wach werden in einem anderen Stadtteil. Als hätte ich mich verlaufen.

"Wo kann ich mich hier hinlegen?" fragte ich die Dame des Hauses.
"Bedien dich, Cherie", flötete sie. "Im ganzen Desaster-House sind genug leere Betten, such dir eins aus."
Ich steuerte das erstbeste Zimmer an. Ich zog Schuhe aus, Hose und knallte mich aufs Doppelbett, dessen Tagesdecke warme Motive zierten. Auf dem Nachttisch lag ein Diercke Welt-Atlas, so einen kannte ich noch von der Schule, und eine Schachtel Pralinen. Ich riss das Zellophan von der Packung und stopfte ein paar erlesene Böhnchen in meinen Mund, dabei spähte ich in den Atlas, die Südspitze Südamerikas. Da war Feuerland.

Als die Tür aufging und die Fregatte mich im Bett sah, lachte sie erst, doch schnell schlug ihre Stimmung um, sie wurde aggressiv und richtig böse.
"Wie würdest du das denn finden, wenn ICH das Bett DEINER Eltern mit Schokolade versauen würde??"
Ihr Gesicht nahm gefährlich zickige Züge an.
"Na, ich kann ja auch woanders hin..", sagte ich und schnappte meine Klamotten, die Schachtel Pralinen und den Welt-Atlas, und verschwand eine Tür weiter in ein kleineres Zimmer. Es sah unbenutzt aus, ein Gästezimmer. Ich warf den Diercke aufs Bett und den Rest Pralinen, und mich hinterher.
Als ich am frühen Morgen erwachte, stieß ich mit der Nase an Kap Hoorn.


*
Man erzählt sich Geschichten von früher, weil man nicht genau weiß, was da los war. (aus den Täglich keiten)
15.12.09 17:26


Rapid Roy

"Uff! Jetzt muß ich aber rasch etwas Palast abwerfen", sprach der König und schritt zum WC.


*
Spazierengehen, welch ein langweiliges, welch ein zutiefst biederes Wort für eine Überraschung nach der anderen; in ständiger Vorfreude auf den nächsten Schritt, voran!!


*
Solange man lebt, verursacht man Vergangenheit.


*
Sie hat den Kaffee stark gemacht.
"Ne richtige Stock-Car-Brühe", sagt sie. "Kennst du Stock-Car-Rennen?"
"Natürlich", sag ich und pfeife kurz 'Rapid Roy' an, 'the Stock-Car-Boy', von Jim Croce. "So schmeckt der?"
"Genau. Wie der schlammige Boden, auf dem Stock-Car-Rennen stattfinden."


*
"Schau mal, da vorn", sag ich zu ihr, als wir durch die Hofschaft Theegarten schlendern, die Muskeln gelockert vom dauernden Auf und Ab in den Wupperbergen, "das Haus hat ein Loch."
"Das steht das Fenster offen, du Blödmann", sagt sie.

Wir rasten einen Moment auf der Rampe vorm alten Kuhstall, wo man gut sitzen kann, wo die Beine baumeln und der Wind bläst durch die Tannen.

"Die haben das gehört", sagt sie leise.
"Hm? Wer hat was gehört?"
"Die Leute, die da wohnen. Die haben das Loch gerade geschlossen."


*
Wenn man so durch den Wald läuft, und als Hundebesitzer bin ich im Schnitt zwei, dreimal am Tag im Wald, fühlt man sich zunehmend wie auf einem stehenden Friedhof: lauter tote Baumstämme, die mit einem orangefarbenen Punkt markiert sind.

"Demnächst wird man das mit uns auch machen", meint die Gräfin. Wir sind ja ständig auf der Suche nach Möglichkeiten, der Überbevölkerung Herr zu werden. "Wer kaputt ist, kriegt einen Punkt und das war's dann."
"Für ihn."
"Richtig."
"Oder für sie."
"Oder für sie, ja."
Gar nicht schlecht die Idee, eigentlich. Ich rühre schon mal etwas Farbe an, für mich.
"Oder für mich."
"Ja. Oder für dich."


*
Pissnelke ist ein schönes Wort.
Und Lümmel ein Wilhelm Busch-
Buchstabe.


*
"500beine klingt wie eine Mischung aus Orthopädie und Tierreich", sagt sie. "Und das bist du auch."


*
Du weißt, dass es um deine Finanzen wirklich übel steht, wenn die Frau in der Lottobude deine Spielquittung von letzter Woche in den Computer schiebt und das Display mitfühlend KEIN GEWINN anzeigt.


*
Schläfen heißen im Englischen temples, abgeleitet vom lateinischen Wort tempus, Zeit, weil dort der Pulsschlag an die Hautoberfläche tritt, sich zeigt. Schläfen sind ungefähre Sekundenzeiger.


*
"Du darfst über mich schreiben, was du willst, Hauptsache, ich bin die Schillerndste, die Schönste, die Beste."


*
Meine persönliche Pool-Position ist ja eher die von hinten in Ruhe, wenn keiner mehr mit mir rechnet.


*
"Man kriegt im Leben selten, was man will", davon ist die Gräfin überzeugt, "aber immer das, was man braucht. Glücklich ist, wer will, was er braucht."


*
Sie will gar nichts besonderes sagen, wenn sie mir so etwas sagt. Es klingt auch für ihre eigenen Ohren neu. Es kommt einfach so aus ihr heraus.
"Wie kommt das?" fragt sie.
"Die Sätze bereiten sich in aller Stille in dir vor, im Unterbewusstsein. Dann siehst du mich, öffnest deinen Mund, und formulierst."


*
Jedes Jahr zum Christfest wird Frau Moll zum Gegenstand religiöser Verehrung. Es ist das weiße Kreuz auf ihrer Brust, das besonders deutlich am 1. Weihnachtstag hervortritt. Pilger kommen von weit her und bringen Rinderpansen, Schweinepfoten aus dem Wok und andere stinkige Spezereien, nur um einen Blick darauf werfen zu dürfen. Weil wir aber gerne unsere Ruhe haben und Plätzchenduft, hier für ALLE eine Originalaufnahme aus dem Notizbuch, 26.12. 2007 ("SCHAFOTT MIT HUND"):

18.12.09 16:34


Schneefall



"Mir steht das Wasser bis zum Hals."


*
Samstagvormittag elf Uhr. Eiskristalle flirren in der Luft wie Diamantenstaub und Kinderlachen. Der Schnee läßt sich gut falten.


*
Hunde haben Prinzipien. Hunde leben von Ritualen. Na schön, Hunde leben von Futter, Wasser, Luft, logisch, aber Hunde lieben Rituale. Dinge, die sich immer und immer wiederholen, da stehen Hunde drauf. Ich bin ein Hund.



Wenn ich mit Frau Moll die Abkürzung über den Friedhof nehme, muß sie unbedingt aus einem der zahlreichen öffentlichen Brunnen saufen, sonst wird sie ungemütlich. Da macht es auch nichts, dass wir erst ein paar Minuten draußen sind und sie gar keinen Durst haben kann, darum geht es nicht. Es geht darum, dass sie hier als Welpe an einem heißen Sommertag mal lecker Wasser gesoffen hat und nun jedes Mal Wasser saufen muß, wenn wir die Abkürzung über den Friedhof nehmen. Ist doch logisch. Wenn ich also den Wasserhahn aufdrehe, kommt die Hündin über die Gräber gesprungen, bohrt die Schnauze in den Wasserstrahl und beißt so glücklich zu, als wär's ein Hendl aus dem Wienerwald.


*
Es gibt ein paar Filme, viele sind es nicht, aber es gibt sie. Einer ist Phoenix- Blutige Stadt, USA 1997, den ich gestern Nacht noch mal gesehen hab, als es draußen schneite. Mit Ray Liotta als Cop, der wegen seiner Spielsucht tief in der Scheiße steckt - keine besonders fintentreiche Story, doch dann lernt Liotta die Bar-Kellnerin Leila kennen, gespielt von Anjelica Huston. Da ist so viel Hoffnung, so viel vorsichtige Annäherung zwischen den beiden. Zum Schluß stirbt Liotta, wie jeder echte Outlaw, hinterm Steuer seines Wagens, nachdem er kurz zuvor ein Blutbad angerichtet hat, während Anjelica Huston zu Hause besorgt aus dem Fenster schaut und auf ihn wartet.


*
.. Sie hatte Glück. Ich hatte im Unterhemd geschlafen, und Männer im Unterhemd sind immer auf dem Sprung..

(aus der Snow Fiction Story Ich ging rein und setzte Kaffee auf auf The Glumm.)
19.12.09 16:35


Schneefall II



"Zirkuspferd", Malerin Eggert (100x80cm, Öl auf Leinwand)


*
Fünf ältere Damen kommen mir aus dem Nebel entgegen, aneinandergepappt wie klebrige Bonbons. Das Herbstlaub unterm Schnee macht die Wege rutschig. Die Damen giffeln.
"Ist das ein Nebel."
"Ja, wie Luftschnee."
"Is auch keiner weggekommen? Alle mal durchzählen!"
"Ach, du wieder, Erika!"
"Na, Sie haben aber einen puscheligen Hund..!"
Ein Paar Handschuhe greift nach Frau Moll, die sich wegduckt.
"Der hat’s gut, der Hund. Der braucht keinen Mantel im Winter."
"Und mit vier Pfoten hat er auch besseren Halt wie wir, Erika!"
"Sagen Sie, ist das ein Bergischer Wolf?"
"Oh, guckt mal hoch! Schnell!"
Am Himmel türmt eine Formation Kraniche, Richtung Afrika.
"Ob die erstmal gucken was auf Mallorca los ist, was meinst du, Erika?!"
Der Hund guckt verwirrt in die Luft. Unten Handschuhe und Gekicher.
"Na, das wird ein strenger Winter, junger Mann!"
Die dritte Dame links hat einen langen Hals und fiept beim Reden, als würde sie mit Meerschweinchen gurgeln.
"Früher sind wir hier Schlitten gefahren, auf der Wiese vom Bauer Schellscheidt. Mit steif gefrorenem Anorak."
"Ziehen Sie sich warm an, junger Mann."
"Ach, das braucht der das gar nicht", meint Erika. "Das wird kein kalter Winter." Sie ist die Einzige ohne Handschuhe. "Vor ein paar Jahren hatten wir auch einen Winter, der war so warm, da bin ich mit dem Arm soo tief in die Erde reingekommen..!" Sie zeigt auf ihren Arm. "Bis hierhin!"
"Da war doch nicht im Winter, Erika!"
"Natürlich war das im Winter! Das war im Dezember! Da haben der Heinz und ich das neue Gartenhäuschen gebaut und mussten die Büsche aus der Erde holen. Da waren wir soo tief im Boden drin mit den Armen!"
Die Damen murmeln und tippeln weiter.
"Schönen Tag noch, junger Mann. Und immer schön warm anziehen."
"Lange Unterhose."
Alles giffelt. Ich hab nicht einen Ton gesagt.


*



"Maulhelden" (für Benzini)
22.12.09 17:12


Autogramme

1
"Na, ich weiß ja schon, wie du heißt..", meinte sie und blickte auf.
"Hm?"
Ich verstand nicht.
"Na, Andreas Glumm.."
Sie guckte sich nochmal den Kassenbon an, den ich auf der Rückseite unterschrieben hatte, mit meinem Autogramm versehen, auf ihren Wunsch hin. Und plötzlich verstand sie, und ich verstand auch, und es wurde peinlich. Nicht sehr lange, aber lange genug, um im Gedächtnis zu bleiben.

Ich hatte mit dem Hund vorm PLUS auf der Wupperstrasse gewartet, drinnen machte die Gräfin ein paar Besorgungen. Es dauerte seine Zeit, wie immer, und wie immer stand ich irgendwann an der großen Schaufensterscheibe und schaute genervt in den Laden, um zu sehen, wo sie blieb, und da trafen sich unsere Blicke. Eine große sportliche Frau, jünger als ich, stand an der Kasse und starrte so direkt in meine Richtung, dass ich erst mal wieder wegguckte.

Keine Minute später war sie draußen und kam auf mich zu.
"Du bist doch Fünfhundert Beine", meinte sie lächelnd, "der Andreas Glumm, und..", sie bückte sich, "..dann ist das hier Frau Moll."
Der Hund duckte sich weg. Ich hatte die Frau noch nie gesehen. Lange Person, schicke Kleidung, Ponyfrisur, hübsch, nicht zu hübsch, Anfang dreißig. Sie hatte ein Paket Bio-Schweinefleisch in der Hand und in der anderen einen Becher Schmand.
"Ich lese deinen Blog schon seit zwei Jahren, und seitdem du ein Bild im Header, weiß ich auch, wie du aussiehst. Ich hatte mich immer gefragt, wer du wohl bist, wenn ich über die Wupperstrasse gegangen bin.. ich wohn hinten am Neuen Kannenhof."

Sie sprudelte drauflos, ich sagte gar nichts. Was sollte ich auch sagen. Wir spielten Hund und stilles Herrchen, die vorm Discounter aufs Frauchen warteten, Mitte Dezember. Sie wollte ein Autogramm. Hielt mir einen Kassenbon hin. Ich hatte noch nie ein Autogramm gegeben, ich hatte mir eher selbst welche geholt, nicht viele, und bei den wenigen war es mir weniger um die Unterschrift eines Prominenten gegangen, sondern darum, dass er einige Sekunden vor mir stand und ich mir das Gesicht in Ruhe angucken konnte, während er schrieb.

Ich nahm mein Notizbuch als Unterlage und unterschrieb den kleinen Zettel auf der Rückseite. Vorne stand was von Schwein-Flei und Bio-Schma.
"Na, ich weiß ja schon, wie du heißt.."
"Hm?"
"Na, Andreas Glumm..", sagte sie und guckte sich den Kassenbon nochmal an, und plötzlich verstand sie, und ich verstand auch, warum sie so irritiert war. Sie hatte eine geschwungene Künstler-Unterschrift erwartet, und was sie da in der Hand hatte, war eine kleine Kinderschrift. Ich unterschreibe bis heute wie in der vierten Klasse. Ich bin nicht viel anders als damals. Ich wohne in der gleichen Gegend und weiß immer noch nicht so genau, was ich mal werden möchte, wenn ich groß bin. Wie soll man da eine Unterschrift entwickeln. Nein, es war kein Unterschied zu früher. Alles andere wäre eine Lüge gewesen.
"Danke dir", sagte sie und verschwand die Wupperstrasse runter.


2
Das erste Autogramm war von Wolfgang Overath, Anfang der 70er Jahre. Der 1.FC Köln spielte in Leverkusen, ein Freundschaftsspiel unter Flutlicht im Ulrich Haberland-Stadion. Nach dem Match strömten wir auf den Rasen und da stand er plötzlich vor mir, der Mittelfeld-Trickser mit dem schmalen Lippen. Irgendwer hatte ihm Autogrammkarten gereicht, die er nun für uns Jungs unterzeichnete, mit einem dicken schwarzen Edding. Er presste die Lippen zusammen beim Schreiben, ein Steilpass in den breiten Raum.


3
Wenn Pat Metheny mit Jazzgitarre und Band in der Gegend war, haben mich mein Bruder und mein Schwager grundsätzlich mitgeschleppt, meist in die zugige Düsseldorfer Philipshalle, das war schon ein Ritual in den neunziger Jahren. Ich mochte Pat Methenys lockere Hand, er nahm einen mit auf die Reise, wenn man sich darauf einließ. An einem dieser Abende, im Mai 95, saß er nach dem Konzert inmitten einer Traube Fans, verschwitzt, ein Handtuch um die Schulter geschlungen. Ich ging hin und hielt ihm mein Notizbuch hin, mein Stabentäschchen. Da war noch was frei. Da war eine ganze Menge frei Mitte der Neunziger, dem Jahrzehnt, das ich mit Warten auf Stoff und Verbraten von Stoff verbraten und verwartet hab.
"Please", sagte ich.

Ich hatte was gutzumachen. Während einer besonders schönen Passage einer an sich schon schönen Instrumental-Nummer, bei der Pat Metheny seiner akustischen Gitarre so sphärische Klänge entlockte, dass die Gemeinde in der Dunkelheit selig vor sich hinsabberte, hatte ich erst meinen gerade geleerten Bierbecher fallen gelassen und dann auch noch gedankenverloren draufgetreten, FRRRRRRAPPPPPPPPP! Wie ich das immer machte mit einem leeren Becher. Eine reine Gewohnheitssache. Ich bin ja ein Gewohnheitstier. Den übelsten Angewohnheiten trauere ich hinterher, sobald ich sie sein lasse.

Ich überlebte den Frevel, aber es war verdammt knapp. Ich mein, wenn dreitausend Jazzfreaks um dich herum der Schrecken in die Glieder fährt, weil du in einem genialen Moment das falscheste getan hast, was du falsch tun konntest, dann tust du gut daran für den Rest des Abends in den Katakomben der Philipshallle unterzutauchen, wo du am Bierstand kauernd abwartest bis dein Bruder und der Schwager dich einsammeln, mit empört funkelnden Augen.
"Hast du auch den Penner gehört, den mit dem Becher!? Was ein Penner!"


4
1987 absolvierte der Bruder von Karlos in Oberhausen seine Ausbildung zum Kirchenmusiker. Eines Tages brachte er eine Langspielplatte mit: DIE GRÖSSTEN HITS VON HELGE SCHNEIDER. Das Cover war schon mal cool. Ein schmaler Hanswurst auf Plateauschuhen ließ sich von Weibern mit Rosen beschmeißen.

Als wir später am selben Abend in der Libelle einflogen, einer Disco am Stadtrand, hing ich allen Bekannten mit "Hunderttausend Rosen" in den Ohren. Ich sehe Michael noch vor mir, den Regisseur von Ensemble Profan, wie er sich in der Libelle komplett genervt von mir wegdreht: "Nimm doch mal einer den beschissenen Roy Black hier weg..!"

Mahahahaaaaa!! (FRRRRRRAPPPPPPPPP!!)

Ein halbes Jahr drauf hatte Helge Schneider einen Solo-Auftritt in Remscheid. Nicht mal 30 Zuschauer verloren sich im Saal. Außerhalb des Ruhrgebiets war er ein Niemand. Die Musik kam von Band, die Bühne war eine abgesperrte Baustelle. Als Helge zu Beginn des Abends versuchte, übers rot-weiße Baustellenband zu klettern und dabei seine liebe Not hatte, lag die eine Hälfte des Publikums am Boden, die andere verduftete.

Das Autogramm hab ich mir erst Jahre später geholt. Da war 00 Schneider längst eine Berühmtheit. Seine Konzerte waren Monate vorher ausverkauft, es war die "Wurstfachverkäuferin"-Zeit. In der Pause ging ich zu ihm, er schlenderte so herum. Ich reichte ihm meinen Kuli und das Handtäschchen mit den Buchstaben.
"Für wen?" fragte er.
Damit hatte ich nicht gerechnet.
"Für mich", sagte ich.
"Wer ist ich?"
"Für Andreas."
Er verstand nicht richtig und schrieb "Für Andre Haas" ins Notizbuch, "Ihr Helge".




5
1996, Köln. Die Gräfin, der dicke Hansen und ich standen vorm E-Werk herum, noch eine gute Stunde bis zum Auftritt meines Idols.
Kaum Publikum da.
Plötzlich rief die Gräfin: "Da isser!"

Da kam er. Ich nichts wie hin, das Cover des neuen "Jonathan goes Country"-Album unterm Arm. Jonathan trug blütenweiße Sneakers, bestimmt frisch eingekauft auf der Hohen Strasse. Mit Schwung und Verve malte er in großen selbstgewissen Lettern "Best wishes, Jonathan Richman" auf die Rückseite des Covers, mitten auf mein Lieblingsfoto, wo Jonathan in hässlichen roten Cowboystiefeln davonmarschiert.

Jonathan! Ich hab den Versuch längst aufgegeben, anderen Leuten seine Musik schmackhaft zu machen. Entweder man liebt ihn auf Anhieb oder schüttelt verärgert den Kopf: was denn!? Meint der das ernst..?! Mit seiner Band Modern Lovers landete er 1977 einen einzigen Riesenhit, "Egyptian Reggae", eine gallopierende Instrumentalnummer, heute noch auf vielen "Best of Seventies"-Samplern zu finden. Seither hat er mindestens fünfzehn weitere Alben veröffentlicht, mit den Modern Lovers und solo, die in der Regel nur den harten Kern seiner Fans erreichten. Ausnahme: Jonathans Soundtrack zu "Something about Mary" von den Farelly-Brüdern.

Eigentlich ist nur Karlos ähnlich verknallt in Jonathan. Die Gräfin mag ihn zwar auch, meint aber, ich hätte ihn ihr arg verleidet, damals, als ich seine Platten so oft gehört hab, so maßlos oft. Aber wie das Leben so spielt, das schönste Jonathan-Erlebnis blieb der Gräfin vorbehalten.

Ende der 80er arbeitete sie in einem Behindertenheim als Sozialarbeiterin. Da gab es viele Down-Syndrom-Patienten, nette Menschen wie Karl-Heinz Brunner, genannt der kleine Kalli, der keine Zähne mehr im Mund hatte, aber einen Apfel knacken konnte mit dem bloßen Kieferknochen. Jeden Nachmittag Punkt halb fünf, wenn er aus der Behindertenwerkstatt kam, wo er für Zwilling Maniküre-Sets verpackte, gönnte er sich eine Flasche Bier, "so, Feierabend." Er setzte sich auf den Boden, mit dem Rücken zur Wand, und öffnete die Flasche mit den Kieferknochen, so flockig wie einen Apfel.

Ein anderes Mongölchen, wie die Down-Syndrom-Patienten vom Pflegepersonal liebevoll genannt wurden, war Wittek. Ein leidenschaftlicher Opern-Fan, der auswendig die Aufnahmedaten aller wichtigen Opern-Inszenierungen weltweit herunterrasseln konnte, kein Problem, aber wehe, man erlaubte sich einen Scherz und nannte ihn Dietrich Fischer-Dieskau, da konnte er richtig böse werden, da war er zum verbissenen Angreifer.

Oder Günter Asbeck und Peter Knupp. Die beiden Heiminsassen steckten Tag und Nacht zusammen, sie hatten zwei gemeinsame Hobbies: Dicke Zigarren rauchen und die drei Fragezeichen-Reihe von Alfred Hitchcock.
Jahre später, die Gräfin jobbte längst nicht mehr im Heim, luden wir Günter Asbeck und Peter Knupp zu uns nach Hause ein. Es gab ein Riesenblech Pizza mit Schinken und Ananas, das hatte sie sich gewünscht. Erst waren die beiden ganz aufgeregt, sie konnten kaum stillhalten, doch nach dem Essen rückten sie am Ofen eng aneinander und pafften stolz wie Oskar eine Zigarre nach der anderen. Natürlich hatte sie ihre Lieblings-Kassette der drei ??? mitgebracht, die wir ohne Pause anhören mussten. Wenn eine Seite zu Ende war, schnell umdrehen. Noch mal. Die Küche miefte noch eine Woche später wie ein Riesenblech Kuba.

Zweierlei war allen Mongölchen gemein: eine lange Zunge und es musste immer was los sein auf Station. Langeweile war Todsünde. So ging es auch 1990 nach Österreich, ins Sommercamp am Faaker See. Der ganze Behindertenclub im großen Reisebus, Günter Asbeck, Peter Knupp, Wittek, der kleine Kalli und wie sie alle hießen. Die Gräfin, als Betreuerin dabei, legte nach der Abfahrt eine 90-Minuten-Kassette von Jonathan Richman auf, sofort zog Rock'n Roll Stimmung ein, die ganze Bande tanzte in den Sitzen. Jede neue Nummer wurde ohne jegliche Textkenntnis mitgegrölt, Höhepunkt war der Egyptian Reggae, prächtige drei Minuten der Lebensfreude, mit einem leidenschaftlichen Mongölchen-Ritt durch den Mittelgang bis der Fahrer entnervt einschritt und das Tape konfiszierte und bis zum Ende des Urlaubs unter Verschluss hielt.
"Das ist ja wie.. das sind ja.. Böller an Silvester!!"

"Die Bande war so laut, Jonathan war kaum zu hören", berichtete die Gräfin später vom wildesten Konzert, das Jonathan Richman niemals gegeben hat. "Die haben einfach den unbändigen Spaß gespürt, mit der Jonathan seine Musik macht."


6
Ich war davon ausgegangen, dass ich vier Autogramme von Prominenten habe: Overath, Richman, Metheny und Schneider, doch als ich ein verstaubtes Notizbuch durchblätterte, aus dem Jahre 1985, auf der Suche nach ein paar Notizen, die sich aufwärmen lassen, fand ich mittendrin:



Dieses Autogramm ist für Naturlocke,
von Peter Baltes
Accept

Die meisten Leser werden sich jetzt kreischend in den Schritt fassen: SEN-SATIO-NELL! und wer ist das, Peter Baltes, Accept?
Geschichtsbewußte Hardrock-Kenner wissen: Accept, eine Band aus Solingen, waren neben den Scorpions zu Beginn der 80er der bekannteste deutsche Heavy-Metal-Export in den USA, und Peter Baltes spielte Bass.
Ich lernte ihn in der Frischdienst-Zentrale kennen, wo wir gemeinsam Joghurtkisten und Fleischsalate kommissionierten. Er war von meiner krausen Mähne begeistert, die von ganz allein in die Gegend wuchs während er seine Locken jede Woche aufwendig hochtoupieren musste, wie es sich für einen Metaller der 80er Jahre gehörte.

"Deine Matte ist wieder Waaahnsinn!" kriegte er sich kaum ein, morgens vorm Kühlhaus. Und mehr gibt es auch nicht her, die Geschichte von Peter Baltes und dem Autogramm, das er mir spätabends im Mumms ins Handtäschchen gekritzelt hatte, ohne dass ich ihn darum gebeten hätte. Aber im Kühlhaus jobbte neben Baltes und einem Kollegen mit dem wunderbaren Namen Daniel Dosen auch der schmierige Willi, und von dem gibt es etwas zu berichten.

Der schmierige Willi begegnet mir heute noch ab und zu in der Stadt, er trägt immer noch denselben schmierigen Poncho wie damals, als er schweigsam und bekümmert seine Kühlcontainer durch die Gänge schob und seine Arbeit erledigte, peinlich korrekt und immer mit dem Anflug eines Lächelns, das sich niemand erklären konnte.
Wenn es hieß, es müssen Überstunden gemacht werden, dann machte das der Willi. Auf den wartete ja niemand zuhause. Der schmierige Willi war treu und einsam, ein bißchen einfältig. Ein Mensch, der sich nicht wusch, ein Mensch, der nebenher lief und kaum den Mund aufmachte.
Eines Tages, der Hausmeister hatte etwas vergessen und kehrte spät am Abend auf einen Sprung ins Kühlhaus zurück, wurde Willi auf frischer Tat ertappt, wie er fünfzehn Laibe Leerdamer in einen Ford Transit rollte, in aller Seelenruhe. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass er der Firma über die Jahre einen Schaden von 45.000 DM beschert hatte. Da mochte ich den schmierigen Willi fast. Na ja, ein bisschen. Blödmann.


*
Eine weitere Tatsachengeschichte, die mich fassungslos sieht: Ich ging rein und setzte Kaffee auf


**
Zur Erinnerung: Das Buch von Airen kaufen.
23.12.09 15:58


Herr Glumm soll der Loser sein

Die Weihnachtsfeier im Design-Institut fiel flach, stattdessen gingen wir Freitagmittags eine Runde Kegeln. Als ich die Bahn im Keller des jugoslawischen Restaurants betrat, fühlte ich mich in die frühen 70er Jahre zurückversetzt. Die gleichen schlammfarbenen Schiebetüren, der gleiche Silberpokal-Nippes in den Vitrinen wie auf der Kegelbahn des RSV Kohlfurth, wo ich bis 1979 Fußball spielte. Dazu dieses große verblichene Foto, auf dem die Vorgängerin des jetzigen Inhabers, sie kam aus Dubrovnik, hoffnungsvoll und mit großen fleißigen Titten in die Zukunft blickte.

"Was darf ich zu trinken bringen?"
Der Wirt, gleichzeitig auch Koch der Spelunke, ein bißchen dick, ein bißchen schmuddelig, ein bißchen unhöflich, "mir sind Stammgäste lieber", sagte sein abweisender Blick.

Während die Kollegen bestellten, schwankte ich noch zwischen einem Glas Coca und einer Tasse Kaffee. Prinzipiell tendierte ich zum Kaffee, erinnerte mich aber dunkel an die vorgekochte Filterbrühe, die im Vereinslokal des RSV aus versteckten Thermoskannen ausgeschenkt wurde, im Bedarfsfall. Sicherheitshalber erkundigte ich mich also beim Wirt, welchen Kaffee er führe, nur deutschen oder auch italienischen..? Der Stift in seiner Hand zappelte nervös hin und her, wie ein Kasperle.
"Ich hab Capuccino da, ich hab Latte Macchiato da..". er schnappte nach Luft, "ich hab Cafe Latte, ich hab Espresso, ich hab.."
Das wollte ich gar nicht alles wissen. Ich hatte bloß Angst vor deutschem Kaffee. Das war alles.

"Na schön, ich nehm den italienischen Kaffee", sagte ich, "aber ohne cremigen Schaum obendrauf."
"Ohne cremigen Schaum?"
Nicht nur der Wirt war verblüfft, auch unser Geschäftsführer, ein sportlicher und eher verbindlicher Typ, der keinen Zwist mochte, mischte sich ein.
"Italienischer Kaffee hat doch immer Schaum obenauf."
"Nee, bei uns zuhause nicht", sagte ich. "Wenn wir Espresso kochen, dann keinen deutschen Damenkaffee mit Cremehütchen, nee, der ist pechschwarz. Den muss man zur Not auch rauchen können. Das muss eine leckere Zigarre sein. Also der Espresso."
"Espresso??"
Der Wirt war wieder im Spiel.
"Ich kann Ihnen einen Espresso bringen, einen zweifachen, einen dreifachen.."
"Schön", sagte ich. "Aber ohne Schaum."
"Wie ohne Schaum!?"
Das Gesicht des Geschäftsführers, er saß mir schräg gegenüber, verzog sich gefährlich, und damit ich nicht wie ein Angeber dastand, der nur Blödsinn verzapfte, ging ich ins Detail.

"Wir machen Espresso in den silbernen Edelstahl-Kännchen, die man einfach auf die Herdplatte stellt. Sie wissen schon, der Design-Klassiker aus Italien."
"Ach so", meinte der Geschäftsführer, besänftigt vom eingestreuten Design-Klassiker, "von Bialetti, in der eckigen facettenreichen Linie."
"Genau. Moka."
"Aber haben die nicht auch Schaum obenauf, wenn der Espresso darin aufkocht?"
"Nee, eben nicht!"

Der Wirt stand mit dem Block in der Hand am Tisch, verwirrt und genervt, bis unser Maschinenbauer, ein hellwacher Kollege mit ordentlicher Plauze, der zum 31. 12. gekündigt hatte, die Situation erfasste.
"Wissen Sie was? Bringen Sie dem Mann hier den Kaffee so, wie er ihn zuhause trinkt!"
"Danke", sagte ich erschöpft.

Ich bekam einen dreifachen Espresso, und der schmeckte sogar richtig gut. Dann begannen wir mit dem Kegeln. Wir spielten Fuchsjagd und Tag & Nacht, dann In die Vollen und zum Abschluß Abräumen.

Dunja, diplomierte Designerin, eine große und sehr schlanke blonde Person, die ein Projekt für einen großen deutschen Waschmittelhersteller abgeschlossen und dem Institut damit ordentlich Geld in die Kassen gespült hatte, rief jedes Mal fröhlich "KACKSTUHL", wenn jemand fünf Kegel umwarf und das Bild auf der Anzeigetafel einem Klositz ähnelte.

Unsere Praktikantin, eher unscheinbar, fiel auch beim Kegeln nicht weiter auf. Als der Wirt die Essensbestellung aufnahm, entschied sie sich für ein Schnitzel Jutta. Ihre Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau endete zum 31. Dezember. Das Schnitzel Jutta war mit Ananas.

Ich saß zwischen dem hellwachen Maschinenbauer, einem Diplom-Ingenieur, und unserer Sekretärin Heidenpeter, die zum 2. Januar eine neue Stelle antrat. Da sie nicht nur eine große Klappe hatte, sondern auch eine chronische Entzündung in den Sehnen, kegelte sie aus beiden Händen. Sie ließ die Kugel einfach auf den Boden plumpsen und hoffte, das sie schon irgendwie ins Rollen kam. Es sah ein bißchen so aus, als würde sie im Stehen gebären. Das klappte ganz gut, es polterte ordentlich, die Kugel lief gemütlich übers Holz.

Genau wie ich hatte der Geschäftsführer keine Turnschuhe dabei, lief aber im Gegensatz zu mir nicht auf Strümpfen herum, (das Kegeln in Straßenschuhen war streng untersagt!), sondern schlüpfte jedes Mal aus seinen edlen Lederslippern, wenn er an der Reihe war. Dann nahm er Anlauf wie für einen Schmetterball, stoppte kurz vor der Bahn ab und setzte die Kugel schwungvoll in die Gosse. Auf diese Weise brachte er es einmal auf acht Pudel hintereinander. Er lernte einfach nicht hinzu, bekam aber rote Bäckchen und gewann somit wieder. Ein wenig Mitgefühl.
"Und kess sieht's aus!" rief unsere Sekretärin Heidenpeter schadenfroh.

Links neben mir, der Maschinenbauer. Er war schon eine halbe Stunde vor uns da gewesen, um sich einzuwerfen. Trotz seines stattlichen Bauches war er gelenkig und ehrgeizig, der typische deutsche Amateur-Meister. Er wollte immer gewinnen. Das ging in Ordnung.

Und was mich betraf, Bibliothekar des Instituts, so endete mein insgesamt dritter Jahresvertrag einen Monat später zum 30. Januar. Eigentlich gingen fast alle, oder mussten gehen, bis auf den Geschäftsführer des Instituts und der hochgewachsenen Designerin Dunja.
"HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!" feuerte sie mich an, als ich das "Abräumen" mit dem letzten Wurf für mich entscheiden konnte. Sie wollte mich nervös machen, was im Kollegenkreis so gut ankam, dass sich ein spontaner Betriebs-Chor bildete.
"HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!" schallte es über die Holzbahn. "HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN! HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!"

Ich sang eine Strophe mit und warf eine verdammte vier, worauf ich das "Abräumen" auf den letzten Drücker noch verlor,
was aber eh keiner mitkriegte, da das Essen aufgetragen wurde.
Ich war nicht hungrig und begnügte mich glücklicherweise mit einer hausgemachten Gulaschsuppe. Glücklicherweise, da hausgemacht in diesem Fall vermutlich bedeutete, dass die Gulaschsuppe aus der hauseigenen Chemiekanone stammte, das Fleisch schmeckte jedenfalls verdächtig nach Brom und ich legte bald den Löffel nieder.

Die Kollegen hatten da mehr Pech. Vor ihnen standen stattliche Portionen auf dem Tisch, die abgearbeitet werden wollten, doch während der gesamten Speisung vernahm ich kein einziges mmiam, nicht mal ein leises bestätigendes "lecker.." oder ein Grunzen, nichts. Selbst Sekretärin Heidenpeter, die den Jugo an der Stadtgrenze empfohlen hatte, Motiv: die sagenhaft leckeren selbstgemachten Kroketten, meisterhaft geradezu, schob ihren Teller schweigend von sich weg, bis er fast über den Tischrand gerutscht wäre.

Dunja, die lustlos in ihrem vegetarischen Lady-Teller mit verschiedenen Gemüsen herumstocherte, hatte die Nase voll.
"Also, was das hier Schönes sein soll..", sagte sie und zog mit der Gabel ein undefinierbares lappiges Etwas in die Höhe, "..weiß ich beim besten Willen nicht. Und der Spinat hier..", sie zog die Augenbraue hoch, "..ist aufgewärmt. Viel zu bitter." Einzig die Erbsen und Möhrchen fanden ihre Gnade, "aber die sind aus der Dose. Da kann man nichts falsch machen."

Dunja war es auch, die mir gegen Ende der dreistündigen Veranstaltung einen Bierdeckel herüber schob, damit ich den Spruch des Tages in meine nächste Story einarbeiten konnte.
"Herr Glumm", stand da in Schönschrift, "soll der Looser sein."



"Och, Loser mit zwei o", sagte ich mit einem schnellen Blick auf den Bierdeckel, eher nebenbei, doch sofort blökte mir Sekretärin Heidenpeter ins Ohr: "Na, das schreibt man ja auch mit zwei o! Das stimmt ja auch!"
"Quatsch. Loser schreibt man mit einem o. Nicht mit zwei."
Sekretärin Heidenpeter war sofort auf 180. Ganz abgesehen vom Frust über den Fraß in dieser Schmierbude, der auf ihre Kappe ging, auf ihre Empfehlung, schnell auf 180 zu sein war nun mal ihre Art. Ich mochte sie trotzdem. Sie machte keine Mördergrube, wie man so schön sagt, aus ihrem Herzen, und damit konnte ich umgehen.

"DU willst MIR erzählen", rief sie aufgebracht, "wie man Looser schreibt?!"
Sie spielte damit auf ihre Jugend im englischsprachigen Nigeria an, wohin es ihren Vater berufsbedingt verschlagen hatte, damals in den 70ern. Seither fühlte sie sich als Native Speakerin, der man besser nichts erzählte. Dummerweise wußte ich aber nun mal, wie man Loser schreibt. Was sollte ich machen. Ich konnte ja schlecht so tun, als ob ich das nicht gewusst hätte.
"Es gibt zwar ein to loose mit doppel o, da hast du recht, aber das bedeutet etwas anderes als verlieren", sagte ich zu ihr.
"Nämlich??"
"Weiß nicht. Komm ich jetzt nicht drauf."
"Quatsch!" Die Sekretärin speite. "Looser schreibt man so, wie es hier auf dem Bierdeckel steht! Mit doppel o!!"

Dunja war sich nicht sicher.
"Ich hab Looser zwar mit zwei o auf den Deckel geschrieben, aber irgendwie guckt es mich komisch an.. mit doppel o. Also, ich weiß nicht genau. Könnte beides stimmen."
Die Praktikantin, von der plötzlichen Vehemenz der Auseinandersetzung aufgeschreckt, stand auf, lief herum, setzte sich wieder.
"Ich glaube, to lose schreibt man mit einem o, aber Looser mit oo. Oder..? Ich weiß nicht, glaub ich."

Der Geschäftsführer hielt sich überraschenderweise ganz heraus. Auch der Maschinenbauer, links neben mir, hatte keine Meinung, rief aber: "HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN, OB MIT EINEM O ODER ZWEI O!", verbunden mit einem kollegialen Klaps auf die Schulter, in den Jahren unserer Zusammenarbeit hatten wir eine Menge Zigaretten gepafft, draußen vor der Bibliothek. Abschließend forderte er mich und Sekretärin Heidenpeter auf, die Sache im Ring zu klären, mit einer Runde Schlammcatchen. Das ließ die Sekretärin wieder aufmüpfig werden.
"Loser mit einem o, so ein Blödsinn! Kannst du ja im Internet nachgucken. Ich bin mir hundertprozentig sicher!"
"Man soll sich niemals zu sicher sein!" sagte ich mit einer Entschiedenheit, die mich für einen Moment selbst unsicher werden ließ, wie gewisse Dinge geschrieben werden.

"Mir reichts! Ich kriege das jetzt raus!"
Dunja schnappte sich das Handy und stapfte die Treppe hoch in den Gastraum, weil der Handy-Empfang unten auf der Kegelbahn gestört war. Sie wollte die Sache klären. Im Internet. Als sie keine Minute später zurückkehrte, wurde sie mit Geklopfe auf den Tisch und ansteigendem Kegelbahngeschnatter empfangen.. "…..uuuuuund?? Wer hat Recht??"
"TA! TA!" sagte sie und bildete mit Mittelfinger und Daumen ein o.
"Loser schreibt man definitiv mit einem o. Unser Herr Glumm hat recht."
"Sag ich doch", sagte ich.
"Glaub ich trotzdem nicht", meinte die Sekretärin. Sie war es auch gewesen, die das gleichzeitige DU und HERR GLUMM eingeführt hatte, eine schöne Anrede, die lange Bestand hatte im Institut. Ich wollte keinen Streit mit ihr. Ich war auch nicht sonderlich rechthaberisch. Doch dass ausgerechnet MIR jemand erzählen wollte, wie man Loser schreibt, also!

Mit u und doppel m natürlich, nach hinten raus.


*
Auf Miss Tilly ein Text von 500beine: Nachtstadion
31.12.09 17:51


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