Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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5

Fotostrecke fünf zeigt u.a. eine Solinger Schere.

3.11.09 12:53


Presley lacht

1
Wir sind Traditionalisten. An Allerheiligen besuchen wir das Grab von Ringo. Es hat keinen Grabstein.
"Bist du sicher, dass es das Richtige ist?"
"Ja natürlich", sagt sie und geht in die Hocke. "Hier sind doch die Heideröschen, wo wir letztes Jahr das Grablicht reingedrückt haben, damit es nicht umfällt."
"Hm, ja", sag ich. "Sicher?"
"Ja. Sicher."
"Dann hab ich letzte Woche am falschen Grab gestanden."

Am 23. Oktober, Ringos zweitem Todestag, bin ich mit dem Hund über den Friedhof spaziert und hab eine kleine Notiz hinterlassen, unter einer losen Steinplatte. Nichts besonderes. Kleinen Gruß an Ringoschetien, wie ich ihn manchmal nannte, wenn wir uns morgens im Zug gegenübersaßen. Ich auf dem Weg zur Umschulung nach Ohligs, er zur Arbeit nach Düsseldorf, wobei ihm nicht selten noch der Heroinrotz aus der Nase lief, eine zähe braune Masse, Spuren der morgendlichen Erstversorgung.

"Mann, Ringo.. mach dir die Schnötte weg", sagte ich. (Die Leuten guckten schon.) Und Ringo? Gehorchte. Putzte sich das Näschen.
"Brav", sagte ich, und Ringo legte nach. Trompetete so unverschämt und laut ins zweite Taschentuch, dass Blutgefäße aufplatzten und keiner mehr guckte.

So war das damals, Anfang 2000, morgens in der Regionalbahn Ringoschetien, einer Republik zwischen Europa, Asien und Düsseldorf. Ein fernes Mohnanbaugebiet, und doch so nah am Herzen. Wir waren beide Junkies damals, aber ich war ins Methadonprogramm gewechselt, Ringo nicht, er hatte keine Lust aufzuhören. Warum auch? Nur weil ein Anderer zufällig aufhörte?

Das falsche Grab liegt nur ein paar Meter entfernt, in der Reihe darüber. Ich könnte den Zettel also unter der Steinplatte hervorholen und zu Ringo rüberbringen. Zum richtigen Ort.
"Ach was, ist doch egal. Hast du eben einem Toten einen Gruß geschickt, den du im Leben gar nicht kanntest", meint auch die Gräfin. "Ist kein Weltuntergang. Vielleicht freut der sich ja."

Sie stellt das neue Grablicht ab, drückt es ins Heidekraut und entzündet den Docht, mit Tränen in den Augen.
"Ach Mist, ich wollte doch gar nicht heulen.. So dicke waren wir doch gar nicht."
"Na, irgendwie schon", sag ich.
"Ja.., irgendwie.."

Wir stehen nebeneinander vor der verschlossenen Grube, Ringos Worte im Ohr, konserviert auf unserer T-Net-Box.
"Hel! Stellt endlich das Nageln ein und hebt den Hörer ab, Onkel Ringo hat was zu verkünden", forderte er mit tiefergelegter Stimme. Und in der Fehlannahme, die T-Net-Box, ein Service der Telekom, funktioniere wie ein normaler Anrufbeantworter, wo man den Hörer mittendrin abnehmen kann, wenn der Anrufer sich als genehm entpuppt, gab er nicht auf und quatschte weiter, minutenlang, breit wie eine Eule, irgendeinen Ringo-Blödsinn, "..und nageln und nageln und nageln und nageln und nageln und nageln und nageln und nageln und nageln..", bis die Box voll war.

Nach seinem Tod hab ich die Aufnahme auf Micro-Kassette überspielt, damit sie nicht verloren geht. Angehört haben wir es uns nicht mehr. Es klang unheimlich, wie aus einer Zukunft, in der Leute nicht mehr sterben. In der sie virtuell weiterleben zwischen all den zu Lebzeiten gespeicherten Videos, Blognotizen, Fotos, Beiträgen in Spezial-Foren, Mailbox-Nachrichten etc. Man ist tot und existiert weiter. Zu tot zum Löschen.

Wir verlassen den evangelischen Teil des Friedhofs, gehen rüber zu den Katholiken. Da ist mehr los. Schon am hellichten Tag brennen viele Dutzend Kerzen und Grablichter, zu Ehren der Toten und ihrer baldigen Wiederauferstehung.


2
"Stell dir vor, Elvis würde wiederauferstehen, geklont aus altem Militärmaterial", sag ich, als wir über die Trasse nach Hause spazieren, und sie leuchtet mich honiggelb an. Wie das Herbstlaub zu unseren Füßen, frisch gefallen, knusprig noch beinahe. "Was glaubst du, was da los wäre. Was eine Karte für seine ersten Las Vegas-Shows kosten würde. The King is back."

Als ich sie 1987 kennenlernte und fragte, welche Musik ihr gefiele, antwortete sie ohne zu zögern: Unterwassermusik und Elvis Presley. Nicht Elvis, Elvis Presley. Das imponierte mir. Besonders imponierte mir, dass sie nicht nur den schlanken jungen Rocker liebte, sondern auch den späteren Rezeptfälscher und strassbesetzten Las Vegas-Elvis, ohne wenn und aber.
"Elvis war meine erste große Liebe", sagte sie.

Als sie an einem heißen Augusttag 1977 von seinem Tod im Radio erfuhr, war sie vierzehn und schluchzte. In diesem Sommer gab es eine Rekordernte Erdbeeren. Erdbeeren, wohin man auch blickte. Ihre Busenfreundin Pia kam zu Besuch. Die Beiden mixten sich kühle Erdbeer-Shakes und saßen in der Hitze auf dem geteerten Garagendach und hörten Elvissongs, die von den Radiosendern rund um die Uhr gespielt wurden. Der King war tot.

"Aber dann müssen sie auch Elvis' Mutter wieder auferstehen lassen", sagt sie. "Elvis hat seine Ma doch so sehr geliebt und verehrt. Und Peter Sellers gleich mit, ja, der muss auch wiederauferstehen."
"Wieso ausgerechnet Peter Sellers?"
"Weil Elvis doch so gelacht hat, wenn ein Film mit Inspektor Clouseau lief. Und Elvis hatte so eine schöne Lache. So breit und ausgelassen platzte es aus ihm heraus."
"Na logisch. Mit so einer Stimme kann man ja nur eine schicke Lache haben."

Mit Hound Dog gelang Elvis die vielleicht wildeste Rock'n Roll-Nummer aller Zeiten. Wie ein durchgeknallter Bodenturner hab ich mich als Teenager gegen die Wände unseres Kinderzimmers geschleudert, wenn mitten in Hound Dog der Trommelwirbel kam, wie eine Serie Platzpatronen. Und schon damals hatte der Song fast zwanzig Jahre auf dem Buckel.

Selbst heute noch, wenn in einem Film Hound Dog kurz angespielt wird, schleudere ich mich voller Verachtung gegen die Wand, allerdings bleib ich mittlerweile dabei im Bett liegen. Ich bin dem Kinderzimmer nie wirklich entwachsen. Scheiß Berufsjugendlicher. Aber schön ist es doch.

Aber das allerschönste kenne ich nur vom Hörensagen, aus ihren Schilderungen: Elvis und sein berühmter Lachanfall. Es geschah live auf der Bühne, mitten in Are you lonesome tonight im Hilton International, Las Vegas.

Im Publikum, erste Reihe, saß eine Dame mit Turmfrisur und hoher Stimme, die jedes Wort laut und frenetisch mitsang. Bei der Zeile Are you sorry we're drifting apart kippte ihre Stimme fast ins Hysterische um, worauf Elvis sich gar nicht mehr einkriegte und der ganze Saal in sein Lachen einfiel und mitprustete.

Ich hab die Aufnahme zwar nie gehört, aber so oft erzählt bekommen, dass mir so ist, als hätte ich sie hundert Mal gehört, und so ist es ja auch richtig. So soll es sein, mit Mythen und Legenden. Man ist ja selten bis nie dabei, wenn Gott die zehn Gebote ausruft.

Eine Weile waren wir richtig hinter dem Song her, haben sogar Flohmärkte abgeklappert. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, über die Deutsche Elvis Presley-Gesellschaft rauszukriegen, auf welchem Album die Nummer ist, aber das war es irgendwie nicht. Wir haben den Song bis heute nicht aufgetrieben, und mittlerweile wollen wir es auch nicht mehr.

Es ist viel schöner, mit der Ahnung von Schönheit durchs Leben zu spazieren als der Schönheit selber zu begegnen. Das weiß man doch. Es ist wie mit dem Träumen. Den ganzen Tag läuft man mit dem Geschmack eines Traums durch die Gegend, bis am Abend nur noch ein letzter Kitzel übrig ist, eine flüchtige süße Unkenntnis, oben am Gaumen. So soll es sein.



*
Unter dem Stichwort "Literatur im Netz" werden vom Deutschen Literaturarchiv Marbach 500beine und einige andere deutschsprachige Weblogs langzeitarchiviert. Nur mit den Illustrationen und Fotos tut man sich noch schwer.



**
Ich glaube nicht, dass es passiert, wenn man daran denkt. Es passiert, wenn man nicht daran denkt. Denke ich mal.


***
"Der blasse Herr mit Himbeeraugen" in der Blogbibilothek.
5.11.09 17:41


6

Die Fotostrecke 6 bietet das Who is who der Nahrungskette, die Verspeisung eines Schutt abladen verboten Schilds und die Malerin Eggert in mehrfacher Hinsicht, etwa mit Hund:



Neu: Grande Dame
10.11.09 17:49


Der weiße Prinz - Saufen mit Benzini

Schon bevor er Freitagabends die Tür zum überfüllten Mumms aufstieß, hörte man seinen heiseren Gesang:

"..linkes Bein hüpft hin und her, rechtes Bein tut sich nicht schwer, zwei Beine gehen von ganz allein - in das nächste Wirtshaus rein.."

Dann schob sich eine kapitale Kinnlade hinter der Eingangssäule hervor, wie ein Löffelbagger, der sich selbst den Weg zum Tresen freischaufelte. Es folgte der Rest des Schädels, ein kräftiger untersetzter Körper, die Säbelbeine.
"Platz da, ihr Haderlumpen!"
Benzini war da. Das Wochenende konnte losgehen.

*

Sonntagnacht, ein Uhr. Das Wochenende war praktisch gelaufen.

Als die Glocke zur letzten Runde läutete, verließen Benzini und ich das Mumms und zogen Richtung Eissporthalle, um seinen Wagen zu holen. Vorbei an mächtigen alten Fabrikhallen und efeubewachsenen Villen der Schneidwarenfabrikanten, die in der Dunkelheit dastanden wie die Herren Konsul beim letzten Empfang, ratlos.

"Blöde Funz", krächzte Benzini und rotzte auf den Boden, "macht einen Hampelmann aus mir! Was glaubt die Funz eigentlich, wer sie ist? Chicoree! Dass ich nicht.. lache!"

Der Zorn hatte ihn ernüchtert und mit jeder neuerlichen Aufwallung wurde ein weiterer Schnaps in seinem Blut vernichtet, während ich, stinkevoll, nur mühsam Schritt hielt. Es ging um Jacki, einer leicht unterkühlten Kellnerin mit blonden Zöpfen, der Benzini seit langem nachstellte. Und an diesem Abend hatte sie endlich nachgegeben.

"Jungs, ich bin vorne! Ich bin so was von vorne!" war Benzini ausser sich vor Freude auf mich zugetorkelt. Jacki und er hatten geknutscht und gefummelt auf dem Gang runter zum Klo, "wie zwei scheißheiße Teenies!"

Was aber danach vorgefallen war, keine Ahnung, jedenfalls sah man Jacki, wie sie ihre rote Schürze in die Ecke pfeffete und abhaute, Benzini hektisch hinterher. Dann kam er zurück, alleine, fluchend. Und seither fluchte er quasi in einem fort.

*

Der Parkplatz hinter der Eissporthalle war leer bis auf Benzinis Wagen, den wir am Nachmittag dort stehen gelassen hatten.
"Scheiße, wir müssen uns ranhalten", grunzte er und ließ den Motor kommen. "Ist schon zwei Uhr. Fast zu spät."
"Ist immer zu spät", gähnte ich.

So von der Seite her betrachtet hätte man Benzinis vierschrötigen Schädel auch auf der Osterinsel aufstellen können, neben den anderen massiven Steinlegenden. Als Kater Karlo der Südsee.
"Wat is?" stierte er zu mir rüber.
"Na, nix is. Wat soll sein. Mach los, Benzini."

Das Getaway, die angesagteste Discothek im Bergischen Land, schloss um zwei Uhr, inoffiziell konnte es aber auch schon mal drei, halb vier werden. Und darauf bauten wir.

Benzini, der nach seiner Lehre als Schrauber ein halbes Jahr auf der US Air Base in Rammstein gejobbt hatte, fuhr einen weißen NSU Prinz mit integrierter Bordbar. Sie befand sich hinten in der Heckablage, gleich neben der Batterie. Zur Grundausstattung gehörte eine Pulle Strohrum für Notfälle, ein bißchen Beerenwein und Tonic, sowie mindestens eine ungeöffnete Flasche Gin. Beefeater in der Regel, Gordon's Dry ging auch in Ordnung. Gin war unser Hauptnahrungsmittel. Gin machte ordentlich besoffen, auf die britische Art. Der Beigeschmack von billigem Parfüm, dazu das Renommee einer alles gleichschaltenden Zukunftsdroge, das ganze lauwarm abgemischt mit Tonic, und dann runter damit - brrrh...

Innerhalb kürzester Frist verzeichneten alle Beteiligten, zu denen auch Karlos zählte, zehn, zwanzig Pfund Übergewicht. Alleine vom Ginsaufen. Beefeater. Gordon's Dry ging auch in Ordnung.

*

"Na sicher hat die Jacki einen Dachschaden", sagte ich. "Alle Alten haben einen Dachschaden. Das ist doch das Schöne an den Alten. Oder nicht."
"Das Schöne, das Schöne..", brummelte Benzini. Er war zutiefst beleidigt. Verletzt. "Die kann mich mal schön am Arsch lecken, die doofe Funz. Was glaubt die eigentlich, wer sie ist?"

Er zündete sich eine Camel ohne an und murmelte das nächste "doofe" in den aufsteigenden Rauch, "Funz".
"Was war eigentlich los?"
"Nix", maulte er. "Das isses ja. Gar nix. Und plötzlich haut die ab."
"Quatsch. Keine Alte haut einfach so ab."
"Ach nee?! Weg ist weg. Drauf geschissen."

Wir waren seit den Mittagsstunden zusammen, wie an den meisten Sonntagen. Es hatte sich mit der Zeit so eingespielt. Sonntags öffnete das Mumms, die Zentrale, von der aus sämtliche Aktionen sternmarschmäßig ihren Anfang nahmen, erst um 18 Uhr. Da blieb viel Zeit für einen verkaterten Schädel von der Samstagnacht. Zu viel Zeit.

Und so kam Benzini spätestens nach dem Mittagessen, wir wohnten alle noch daheim bei den Eltern, in seinem NSU vorgefahren, mit einem Getöse, als würde er notlanden. Er hatte die Nase voll vom Sonntag.

"Mach hin!" brüllte er.

Kaum hatte ich anderthalb Fuß im NSU, gab er Gas, mit fliegender Türe.
"TÜR ZU!"

*

Die Pistenbar in der Eissporthalle öffnete um zehn Uhr, sonntags war Happy Hour. Ausnahme: es war Discolaufzeit. Dann waren 50 Pfennig Discoaufschlag fällig pro Drink. Aus Protest gegen diese dämliche Regelung blieben Benzini und ich im weißen Prinz sitzen, hörten die Kinks-Kassette mit den Greatest Hits und nippten an der Bordbar. Aber niemals Strohrum. Der lag bei neunzig Prozent. Der war nur für Notfälle. Hier handelte es sich um keinen Notfall. Es war bloß Sonntagmittag. Eigentlich doch ein Notfall.

"Hol den Strohrum rüber", sagte ich.

*

"Man kann es auch übertreiben mit dem scheiß Rumsitzen und Kinks hören", waren wir spätestens dann genervt, wenn Apeman das zweite Mal durch war: "I'm a King Kong Man, I'm a Voodoo Man, I'm an Apeman".

In der Pistenbar bestellten wir kleine Bier und ein Skatblatt. Bauernskat war unsere Spezialität. Eine Variante von Skat, wenn man bloß zu zweit ist und Langeweile hat. Wenn der dritte Mann fehlt.

"He, Glumm, auf dem Tisch gehn se kaputt!" stieß Benzini mich an, wenn ich selbstvergessen den Mädchen nachglotzte, die in der Eislaufhalle ihre Runden drehten. Ich machte den Stich, dann passierte nichts mehr. Man hörte nur das Kratzen der gehärteten Kufen auf dem Eis. Es war verdammt einschläfernd, sonntagmittags.

Meistens blieb es bei ein paar Bier und einigen Partien Bauernskat, aber es konnte auch durchaus passieren, dass wir die Pisten-Bar stratzevoll verliessen. Einmal, es war Winter, kurz vor sechs, torkelten wir der Schwertstrasse entlang, als Benzini vor dem ehrwürdigen Gymnasium, das schon Walter Scheel und mich beherbergt hatte, krakeelend zusammenbrach.

"MAHHAAAAAH..!!"

Er rotzte um sich, schubberte tollwütig über den Bürgersteig. Da es bereits dämmerte, hatte er sich für den Nervenzusammenbruch den Lichtkegel einer Straßenlaterne ausgeguckt. Na schön, das war obligatorisch. Benzini wollte gesehen werden, wenn er den Bekloppten gab. Er war schon das ganze Wochenende neben den Schuhen gewesen.

In der Nacht von Freitag auf Samstag, als wir morgens um drei aus dem Getaway gekommen waren, hatte er den armen Hitler aus dem Schlaf gebollert. Hitler, ein Türke, führte eine Pommesbude am Schlagbaum und war penibel darauf bedacht, keinen Ärger mit dem Ordnungsamt zu kriegen. Dazu gehörte auch, nach Ladenschluß kein Bier und keine Spirituosen mehr zu verkaufen. Er hielt sich verzweifelt an alle Vorschriften, der kleine graue Mann aus Anatolien, dem ein schnurgerader kurzer Schnurrbart wuchs, doch wenn ein kräftiger untersetzter Löffelbagger wie Benzini, der im selben Haus wohnte, unterhalb der Karateschule, mitten in der Nacht gegen seine Wohnungstür bollerte und Bier verlangte, wusste er sich nicht mehr zu helfen.

"Mann, laß den armen Hitler doch in Ruhe", hatten Karlos und ich noch versucht auf Benzini einzuwirken, andererseits waren wir auch durstig. Wir saßen in der Bredouille. Außer Benzini. Der wußte, was er wollte.

"Mach maln Beutel Bier fertig, Hitler!"

"Psst..! Machen bittäh keine laute Herrrmann", bettelte Hitler und füllte rasch eine große Plastiktüte mit Flaschenbier und drückte leise die Tür zu. Immerhin hatten wir für ein großzügiges Trinkgeld zusammengeworfen.

Zurück zur Schwertstrasse, vor dem Gymnasium.
"Glumm, du Schwanzlutscher, hilf mir hoch!" grunzte Benzini in meine Richtung, aber ich wusste Bescheid. Reichte ich ihm tatsächlich die Hand, würde er mich in die Tiefe ziehen und sich kaputtlachen. Am Tresen war ich oft genug darauf reingefallen. Benzini klopfte einem auf den Brustkorb, he, was hast du denn da? Und wenn man dann an sich herunterguckte, versetzte er einem einen Nasenstüber, ganz locker mit dem Stinkefinger. Das war so richtig nach seinem Geschmack. Er war ein sehr verlässlicher Bursche. Traditionsbewusst.

Ich ließ ihn gewähren auf dem Trottoir und ging weiter. Dummerweise war ich aber selbst so betrunken, dass ich in den Straßenverkehr geriet, was die Autofahrer zu wütenden Ausweichmanövern zwang. Benzini krümmte sich vor Lachen. Autos fuhren im Schritttempo vorüber, die Fahrer wollten sehen, was da los war. Benzini zeigte jedem den Mittelfinger und blökte wie ein Viehdieb. Es war die pure Testosteronshow. Mehr als bei allen anderen Freunden wie Karlos, Schnaat oder dem dicken Hansen bedeutete ein Zusammensein mit Benzini auch ständig die Machtfrage. Er wollte klären, wie weit er gehen konnte. Diesmal gab es keinen Sieger. Ich hatte nicht die Macht, ihn von dem Blödsinn abzubringen, den er da anstellte, er hatte nicht die Macht, dass ich mich zu ihm in die Tiefe gesellte und sinnlos co-wälzte auf dem Boden. Selbst stinkebesoffen war ich dafür zu introvertiert.

Keine Minute später wankten wir gemeinsam durch die feuchten Malteser Gründe Richtung Mumms. Unentschieden war ein guter Ausgangspunkt unter Freunden.

Es war eh alles nur Testosteron, und Bauernskatsonntag.

*

Mit Benzini war es wie beim Fußball. Vielleicht konnten wir deshalb so gut miteinander, auch wenn wir nicht die dicksten Freunde waren. Er nannte mich stets seinen elftbesten Freund, aber er nannte alle seine Kumpel seinen elftbesten Freund.

Im Hobbyteam des Mumms spielte er Verteidiger, und er war ein ungemütlicher Gegenspieler. Stürmern wie mir, ich spielte nicht bei Mumms, sondern bei den Anarchos, stand er 90 Minuten lang auf dem Fuß, er war unerbittlich. Sobald man den Ball in Besitz hatte, stocherte er einem mit den ungelenken Füßen solange zwischen den Beinen herum, bis er die Pille zu packen bekam und ins Aus spitzelte.

Sein Herz gehörte dem American Football, seit er auf der US-Airbase gejobbt hatte. Nachdem er zurück war in Solingen, stieg er bei den Steelers ein, direkt in die 1. Bundesliga. Obwohl er spät mit dem Sport begonnen hatte, schaffte Benzini sogar den Sprung ins Nationalteam. Zwei A-Länderspiele bestritt er Anfang der 80er Jahre, im Rahmen einer Italienreise.

*

Abgesehen von unseren Bauernskatsonntagen waren wir meist im Trio unterwegs, mit Karlos als drittem Mann. Eine Weile war noch ein vierter mit im Bunde, Peysa, ein verschlagener Bursche. Er war schon mit fünfzehn von der Schule geflogen, weil er alles vermöbelte, was ihm komisch kam. Er machte stets kurzen Prozess. Ein oder zwei präzise Handkantenschläge, es knackte trocken, und dann hörte man nichts mehr, nicht einen Mucks.

Peysa war der einzige Schläger, mit dem ich je näher zu tun hatte. Zwar hatte auch Benzini etwas von einem Schläger, aber es fehlte ihm an Brutalität. Er hatte ein zu gutes Herz. Auf seine Art war er sogar schüchtern. Der Premiumproll, den er so gerne gab, war größtenteils Attitüde, eine selbstgezimmerte Showtreppe, die er gekonnt hinunterstieg. Ich mochte ihn sehr.

*

Als wir Peysa kennenlernten, hatte ihn sein Alter gerade vor die Tür gesetzt. Nun lebte er mit einem Bluthund, der ohne Unterlass an der Kette lag und den man so gut wie nie zu Gesicht bekam, in einem leerstehenden Abbruchhaus am Frankfurter Damm - ohne Strom, ohne Heizung, nur mit Kerzen. Peysa war eine Ein-Mann-Hausbesetzung. Das Haus stand der künftigen Stadtautobahn im Wege, die Bagger konnten jeden Tag anrücken.
"Und dann?" fragte ich. "Was machst du dann?"
"Wird sich schon was finden. Weißt du, wir haben doch alle dieselbe Mami. Die wird schon für mich sorgen."

Richtig, er hatte ein ziemliches Schoss raus. Peysa sprach leise und grinste schief und herausfordernd, so, als könnte er jeden Moment zuschlagen. Vor uns jedoch hatte er Respekt. Ihm schien sogar das Herz überzulaufen, als wir einmal zu viert aus dem Mühlenhof-Kino kamen, wo wir Quadrophenia von den Who gesehen hatten.

"We are Mods! We are Mods!" brüllten wir beseelt von den Filmszenen am Strand von Brighton, wo Rocker gegen Mods gekämpft hatten, und zogen zu viert untergehakt durch die Stadt. Wären uns zu diesem Zeitpunkt irgendwelche Lederjacken über den Weg gelaufen, Peysa hätte sie ganz alleine kurz und klein geschlagen. Doch es gab keine Rocker in der Stadt. Wir waren nicht mal Mods, aber das machte nichts, Peysa war überglücklich. Er hatte Freunde gefunden. Bis die Nacht hereinbrach und er mutterseelenallein zum Frankfurter Damm marschierte, wo zum Wärmen nur der Bluthund blieb.

"Nur? Was meinst du mit nur? Weißt du, der Hund spürt doch, dass ich seine Wärme brauche, wenn es kalt wird. Das macht ihn stolz. Das macht ihn glücklich. Er wird gebraucht. Machst du jemanden stolz und glücklich?" fragte er mich.
Mir fiel nichts ein.
"Na, doch. Dich, Peysa."

*

Ich glaube, er las mehr Bücher als Karlos, Benzini und ich zusammen und bastelte sich daraus seine eigene Straßenphilosophie. Sie erlaubte ihm, sich alles nehmen zu dürfen, was er brauchte.

Jahre später, als er auf Heroin war, wurde ich Zeuge einer typischen Situation. Weil er einen Affen hatte, aber kein Geld, nahm er Dirk H., einem Junkie, mit dem er für einen Deal verabredet war, sämtliche Packs ab. Dafür reichte schon eine leise Drohung. Er musste nicht einmal laut werden. Ich schlag dich zu Brei, wenn du die Packs nicht freiwillig herausrückst, raunte Peysa. Was sollte Dirk H. machen. Einen Kopf kleiner, mager, und nicht die Bohne asozial. Er weinte. Das bisschen Pulver war alles, was er besaß. Er sah mich hilfesuchend an. (Ich war rein zufällig in der Nähe.) Er bettelte mich an, tonlos. Ich sehe ihn noch dasitzen, unterm Dach der Bushaltestelle. Er wusste, dass ich Peysa von früher kannte, aber ich konnte nichts für ihn tun.

*

(Dirk H. starb in den frühen Neunzigern an einem Hirnschlag, ohne dass jemand davon etwas bemerkt hatte. Zwar war mir aufgefallen, dass die Schlagläden seiner Wohnung am Vogelsang dauernd geschlossen waren, wenn wir dort entlangentlangfuhren, doch dabei blieb es, ich unternahm nichts. Erst als seine Schwester Wochen später endlich die Polizei informierte, weil sie lange nichts von ihm gehört hatte, fand man seinen Leichnam sitzend im Bett, das Gesicht von Maden untertunnelt.)

*

"Erst macht die Funz mich heiß und ne halbe Stunde später lässt sie mich dastehen wie einen dummen kleinen Jungen, nee, da blick ich nicht durch. Was soll der Scheiß. Nur weil ich einen Joke gemacht hab? Ich denk, Frauen wollen Männer mit Humor. Oder was wollen Frauen?"
"Im Zweifelsfall", murmelte ich, "wollen Frauen immer das andere."


Wir standen immer noch auf dem Parkplatz hinter der Eissporthalle. Benzini hatte den Motor ausgemacht. "I got a big fat mama tryin' to break me!" grölten wir so selbstverständlich mit, als säßen wir im Restaurant und reichten uns gegenseitig Salz und Pfeffer rüber. Bißchen Paprika? Der straighte Rock der Kinks kam zwar aus den Sechzigern, klang aber frisch wie am ersten Tag. Und erst die federleichten kleinen Balladen, wie Waterloo Sunset. "I love to live so pleasantly, live this life of luxury", sang Ray Davies in (All I've got) This sunny afternoon.

Ray Davies sang uns damals aus dem Herzen. Wir waren Rüden, die faul in der Sonne lagen und sich den Sack leckten. Ein langes besoffenes Jahr durfte nicht enden, nur weil Silvester nahte. Mochten Gleichaltrige auch die Zukunft planen und nach Brotberufen greifen, unsere Party ging weiter, auch ohne Einladung. Im NSU, in Pistenbars, am Baggerloch, am Tresen, im Malteser Gund, auf dem Trottoir gegenüber dem Gymnasium. "Where have all the good times gone?" lautete der Schlachtruf im Schwenkbereich des ewigen Sommers.

Wir waren bereit zum Kampf. Wichtige Schlachten, wir ahnten es, erledigten sich nur im Überdruss.

Oder sie schwelten weiter bis zum jüngsten Tag.

*

"So jetzt! Ab die Post!"

Der Motor heulte auf, Benzini heizte der Boxengasse entlang, auf die Bismarckstrasse. Ich fuhr kein Auto, also mischte ich mich auch nicht ein. Ich korrigierte niemals einen Fahrstil, ich stieg nicht automatisch in die Eisen, wenn es mal brenzlig wurde in der Kurve. Ich war der perfekte Beifahrer. Hauptsache, wir blieben am fahren.

Und solange man mich nicht tötete, war mir alles recht.

*

Wir erwischten den Bordstein der Verkehrsinsel, als wir in den Kreisverkehr einbogen. Auch wenn der weiße Prinz den Bordstein nur kurz tuschierte, der Wagen begann sich sofort zu drehen, wie ein Kreisel, drei Mal, vier Mal, um die eigene Achse. Ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand, bis wir endlich zum Stehen kamen. Und zwar direkt in Fahrtrichtung. Wir hatten Massel gehabt. Rote Bremslichter in der Ferne.

"Scheiße, was war das denn?!" rief ich.

Benzini sprach kein Wort. Er war bleich. Die Augen zum Schlitz verformt. Trat er das Gaspedal durch. Das Ganze kam mir vor wie eine Nummer in einem Zirkusfilm, die niemand geplant hatte, aber letztlich perfekt gelaufen war.

Benzini und der weiße Prinz in: Masseltoff.

Dann hörten wir es. Gleichzeitig. Es flapperte, irgendwo tief unterm Prinz. Ein stetes Gubbeln, der Wagen rutschte leicht weg.
"Ein Platten! Na Scheisse! Das hat noch gefehlt!!"
Benzini hielt an, stieg aus. Er trat gegen die Karre.
"Erst zieht die doofe Funz Leine, jetzt ist auch noch der weisse Prinz platt! Ich kotz gleich um mich!!"

Mit geplatztem Reifen flapperten wir die Strasse hoch bis Hästen, von wo es nur noch bergab ging in Richtung Getaway. Benzini schaltete den Motor aus, wir rollten die Serpentinen runter. Ohne Licht. Im Blindflug. Flapp. Flapp. Flapp. Benzini klebte an der Windschutzscheibe.
"Ich seh nix, verdammt!"

Es flapperte ohne Unterlass, wie ein Tonband, das gerissen war, aber unaufhörlich weiterdrehte.
"Mann, ich mach mir noch die scheiß Felge im Arsch!"
"Halt die Fresse, Benzini, und fahr!"

Natürlich hätten wir einfach aussteigen können, den Wagen abstellen und per Anhalter weiter, aber im besoffenen Kopf war das keine Option. Es ging plötzlich nur noch darum, nicht von der Schmiere erwischt zu werden. Es war ein rein sportlicher Ansatz.

Ohne den Motor noch einmal anzuwerfen, steuerte Benzini den riesigen Parkplatz am Getaway an. Stoppte unmittelbar vor einer erleuchteten Telefonzelle, um Licht zu haben für den Reifenwechsel.

"Lass uns erst mal was trinken, bevor das Getto dicht macht."

Das legendäre Getaway in Glüder, einem idyllischen Tal an der Wupper, stand gegenüber dem Campingplatz und war ein großes muffiges Rockding, das Publikum aus der ganzen Region anzog. Besonders Motorradfahrer nutzten den Laden gerne als Ziel ihrer Wochenendtouren, aber in einer Sonntagnacht wie dieser war nur noch Stammpublikum übrig.

Der gute alten Jamin etwa, der eigentlich zum Gläsereinsammeln engagiert war, lag stockbesoffen und in voller Länge über einem Flipper. Die Arme baumelte bis zum Boden.
"Jamin, du schmieriger Arschlappen", zwickte ihn Benzini in den Hintern, "du hast hundert Freispiele!", doch Jamin öffnete nicht mal die Augen, mambelte nur "verpiss dich" und schlief weiter.

*

Wir bestellten Bier und zwei Rapidos an der Bar gegenüber der Tanzfläche. Das gab mir den Rest. Mir fielen dauernd die Augen zu, während Benzini gegen die laute Rockmusik ankrächzte. Es ging immer noch um Jacki, die Kellnerin aus dem Mumms. Sie ließ ihm keine Ruh.

"..und auf dem Garagendach hinterm Mumms fängt sie wieder an, von Chicoree zu schwärmen. Juckt mich doch nicht, hab ich gesagt. Ich hör Kinks und Stones. Kein Jazz. Ja klar, hat sie gelacht, ihr hört doch alle Kinks."
"Stimmt doch."
"Ja, aber wie sie das gesagt hat, die blöde Funz, als wären die Kinks Asis und ihr Chicoree der König der Welt."
"Chicoree? Was redest du immer von bitteren Scheißgemüse? Was soll das?"
"Chicorre?! Chick Corea, du Schwanzlutscher! Da will sie am Mittwoch auf Konzert, nach Dortmund. Ob ich mitkomme, aber Westfalenhalle ist die Akustik zum Kotzen und Jazz ist Pussymusik. Da war ruckzuck Sense. Nur wegen so nem Scheiss. Haut die ab. Die kann mich mal. Was soll ich mit ner Funz ohne Humor. Oder?"

Ich ging pissen und blieb danach an der Biertheke stehen, wo es ruhiger war. Jamin war wach geworden und vom Flipper gestiegen. Er hatte riesige Pupillen. Er war gar nicht betrunken, er war auf Pilzen. Auf Psilos. Psilocybin. Und machte mir den Mund wässrig.

Angeblich, so Jamin, gab es hier gleich hinterm Campingplatz eine Pferdewiese, wo saftige Mushrooms wachsen sollten.
"Kannst du gar nicht verfehlen", meinte er und erklärte mir den Weg.

*

Kurzentschlossen stieg ich draußen in völliger Dunkelheit über die Wiesen, um verbotene Pilze zu pflücken, während Benzini auf dem Parkplatz versuchte, den Reifen allein zu wechseln. Als ich auf etwas trat, das sich wie ein Haufen störrischer Zweige anfühlte, bückte ich mich und fühlte daran. Das waren keine Zweige - das war NATO-Draht.

"AUA!" schrie ich. "VERDAMMTE SCHEISSE!!"

Komischerweise hatte ich nichts gespürt, ich war zu breit, um überhaupt noch irgendetwas zu spüren. Was zum Teufel machte ich hier überhaupt!? Pilze suchen mitten in der Nacht? Welche beschissenen Pilze!? Ich sah zum Parkplatz hoch. Benzini winkte mir zu, vorm NSU hockend.
"Komm hoch und hilf mir endlich, du Schwanzlutscher!"

Aber woher wusste er, wo ich war? Er konnte mich unmöglich gesehen haben in der Dunkelheit! Benzini hatte seherische Qualitäten, klare Kiste.

"Quatsch. Ich hab dich da unten schreien gehört", sagte er, als ich auf dem Parkplatz ankam.

Daer ohne Wagenheber arbeiten musste, hatte er den weiße Prinz kurzerhand auf seinem rechten Oberschenkel aufgebockt. Die Radkappe lag vor der Telefonzelle.

"Ich schaff das nicht allein, die Pelle aufzuziehen. Versuch du mal. Ich halt die Kiste oben. Brauchst du nur draufstecken und die Muttern festziehen."
"Womit?"
"Na, dem Schraubenschlüssel, du Arsch!"
"Wo..?"
"DA!!"

Kaum hatte ich den Ersatzreifen in der Hand, verlor ich das Gleichgewicht und taumelte rückwärts. Ich stolperte über die Radkappe und flog der Länge nach hin, in die geöffnete Telefonzelle, auf den Rücken. Im Fallen riss ich den Telefonhörer von der Gabel, er gongte gegen die Seitenscheibe. Ich lag da auf dem Rücken, zu überrascht, Scheiße zu brüllen. Und Aufstehen ging auch nicht. Ich blieb liegen. Es war, als wäre ich in eine fremde Dekoration gestürzt.

Der Hörer baumelte hin und her.

Benzini stöhnte enttäuscht auf, ließ den Wagen vom Oberschenkel ab und holte sich den Ersatzreifen. Zehn Minuten später war das Rad aufgeschraubt. Benzini hatte es allein hingekriegt. Er fuhr die paar Meter bis zur Telefonzelle, um mich einzusammeln.

"Steig sein, du Sack! Nu mach schon! Steh auf!!"

Ich mühte mich auf den Beifahrersitz. Kaum hatte ich anderthalb Fuß drin, gab er Gas. Mit fliegender Tür.

"TÜR ZU!!"
19.11.09 20:00


Tinnitus - Innen und laut

Samstagabend spielten Blowbeat in der Libelle, einem Nachtclub in Gräfrath. Blowbeat, für ihren druckvollen lauten Beat bekannt, kamen aus Holland, wo sie mehrfach zum besten Live-Act des Jahres gewählt wurden. An der Leadgitarre stand Schnaat, einziger Nicht-Holländer und Freund von mir, und so drängelte ich mich trotz schwerer Erkältung bis nach vorn an die Boxen, wie ein Groupie fast, ein Groupie mit Freikarte.

Seine Soli funkelten. Er raste auf einen bestimmten Punkt zu, und wenn er ihn erreicht hatte und man gespannt war, wie er in den Song zurückkehren würde, raste er weiter. Der Mund verzerrte sich, wurde roh und gemein. Ein Verbrecher, der an der Rififi-Gitarre die Zuhörer über die Dächer der Großstadt zerrte; er trug spitz zulaufende Lackschuhe. Dabei war Schnaat ein eher zurückhaltender Mensch. Mit Esprit und Witz, aber scheu.

Sonntagmorgen wurde ich wach und es jaulte und fiepte in meinem Schädel, als hätte ich unter einem Starkstrom-Mast campiert. Ich saß aufrecht im Bett und raufte mir die Haare, versuchte den Ton aus dem Kopf zu kriegen, zu verjagen, ihn mit der flachen Hand herauszukicken, aber es half alles nichts, der Pfeifton blieb. Ich hatte einen Wasserkessel in den Ohren, der bei konstant niedriger Hitze vor sich hin flötete.

Ich ging in die Stadt, damit der Verkehrslärm das Gejaule und Gefiepe überlagerte. Mitten auf dem Zebrastreifen blieb ich stehen und steckte den Finger ins Ohr. Ich wollte hören, ob das Geräusch noch da war. Es war noch da. Es ging nicht weg. Nicht an diesem Tag, nicht am nächsten Tag. Jeden Tag hoffte ich, dass die Aufregung sich legen würde, dass jemand den Kessel von der Herdplatte nahm und wieder Ruhe einkehrte. Die Vorstellung, dass es von nun an so bleiben würde, trieb mich zu einem Ohrenarzt am Neumarkt.

"Kein Wunder", meinte er mit Blick durch das Otoskop, "da ist so viel Ohrenschmalz drin, das habe ich lange nicht gesehen. Ein Wunder, dass Sie überhaupt noch was hören."
Er packte die große Gummispritze aus und forderte mich auf, stillzuhalten und die Knie zusammenpressen.
"Den Schuh wegen mangelnder Hygiene brauchen Sie sich nicht anzuziehen", meinte er wohlwollend, doch solche Schuhe trug ich eh nicht. "Manche Menschen produzieren Ohrenschmalz im Überfluss. Zu denen gehören Sie offensichtlich."

Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass ich schwer erkältet auf einem Club-Konzert gewesen war, doch der Doktor, ein Kauz mit großen rosigen Patschehändchen, hörte gar nicht richtig hin, so sehr war er in seinem Element. Ein Ohrenarzt mit Leib und Seele, Hals und Nase, und der Mitarbeiterin.
"So, jetzt nicht erschrecken, junger Mann.."
Warmes Wasser schoss mir ins Ohr und hinterließ ein Gefühl, als wäre ein Staudamm gebrochen, der alles überflutete.
"He! Stillhalten! Ist gleich vorbei."

Klebriges rötliches Sekret landete in der Petrischale. Der Doktor zeigte mir den Fang. Es sah nicht gut aus. Auch die Mitarbeiterin verzog das Gesicht.
"Fast wie Schaschlik?" versuchte ich unsicher einen Scherz.
"Ja", schwitzte er und wiederholte die Spülung zweimal, dann erst war er zufrieden. "So. Jetzt müssten die Ohren wieder frei sein."
Ich stand auf, machte einige Schritte durchs Behandlungszimmer. Es fauchte aus meiner Nase, es war das Fauchen eines wilden Tiers.
"Besser jetzt?" fragte der Doktor.
"Weiß nicht.."
Die Worte klangen gleißend und hell, wie von der Rasierklinge auf die Zunge gehoben.

Irgendwie fühlte ich mich vergewaltigt. Gestückelt. Auf der Strasse verfolgte mich ein Rasseln, ich drehte mich genervt um, doch hinter mir war niemand. Es dauerte seine Zeit, bis mir endlich aufging, dass es nur einige lose Münzen in meiner Gesäßtasche waren, die beim Gehen klimperten.
Ich machte, dass ich nach Hause kam, schloss die Fenster und legte mich aufs Bett. Ich brauchte Ruhe, Stille. Was da alles zu hören war. Ich hatte in einer abgeschirmten Welt gelebt, und nun war der Schirm weg. Der Schmalz. Sogar den alten Mann, der im Haus gegenüber im Hobbykeller leichte Laubsägearbeiten ausführte und in sein Taschentuch schneuzte, das er zuvor aus dem Blaumann gefischt hatte, konnte ich hören. Durchs geschlossene Kellerfenster. Thermopane. Es waren empfindlich laute Tage damals, im Herbst 1989, als woanders die Mauer brach, plus all dem Gejubel.

Einziger Effekt der Ohrspülung: das Gejaule und Gefiepe kam klarer und heller als je zuvor, nun, wo der Schmand fort war, meine private Rauschunterdrückung, mein Dolby-System. Am heftigsten war es in der Nacht. Stunde um Stunde lag ich wach und konnte nicht einschlafen. Manchmal wußte ich nicht, ob es wirklich im Ohr fiepte oder ob ich es mir nur noch einbildete. Ich steckte den Finger ins Ohr und versuchte den falsettartigen Ton zu isolieren. In der engen Schnecke. Rief ich zum Duell. Nur ich und die Sirene, die ohne Unterlaß zur Pause rief. Aber die Pause kam niemals. Die Fistelstimme arbeitete unentwegt. Die verfluchte Kastraten-Staffel. Ich hatte keine Chance. Getroffen sank ich in den Staub. Und blieb wach dort liegen.

Wo andere Leute ein Nervenkostüm hatten, stand bei mir der Kleiderschrank offen, darin lauter lose Flicken. Der fehlende Schlaf machte ein Wrack aus mir. Ich trank keinen Alkohol mehr, rauchte kaum eine Zigarette. Ich ließ das Kiffen sein und schnappte mir unseren Hund, einen jungen freundlichen Collie-Mischling, und machte riesige Märsche durch Solingen und die Wupperberge. Um die Durchblutung zu fördern, wie die Gräfin mir riet. Um dem Nest zu entrinnen, sagte ich. Dem lauten Nest in meinem Kopf.

Manchmal waren der Hund und ich den ganzen Tag unterwegs. Wir landeten in Autobahnraststätten und dunklen vergessenen Hofschaften mit Namen wie Hoffnung und Jammertal und Habichtshöhe. Uns begegneten verbissen dreinschauende Jogger, deren linkes Auge blutunterlaufen mitlief, wir rochen nach Rascheln und nach Wind. Kilometer um Kilometer pure Muskelautomatik - und doch verspürte ich nur den Drang, weiter zu müssen, immer weiter, damit mein Kopf endlich einmal hinterherhinkte.

Abends lag ich mit monströsen Kilometerbeinen im Bett, komplett k.o. und konnte doch nicht einschlafen. Wir stellten das Radio an. Leise, nicht zu leise. Die Lautstärke musste exakt den Frequenzbereich des Ohrgeräuschs treffen, sonst brachte es nichts. Ich war fertig mit den Nerven. Nichts ging mehr. Sex auch nicht. Kaum war ich steif, fiel ich schon zusammen. Mittags besuchte ich meine Eltern. Um halb eins war Mittagessen, eine feste Größe seit den Kindertagen. Ich war auf der Suche nach fester Größe.

Vater erzählte vom ehemaligen Kollegen Vandersee, dem bei einer Knieoperation versehentlich die Hauptschlagader durchtrennt worden war, worauf er fast verblutet wäre - erst in letzter Sekunde wurde er gerettet. Noch beim Dessert wälzten sich Vaters Worte durch mein angegriffenes Nervensystem. Immerzu sah ich seine Hauptschlagader, wie sie pochte und vom aufblitzenden Besteck in meiner Hand attackiert wurde. Sein Blut platzte warm über den Mittagstisch, ich schüttelte mich, schaute schnell zu Mutter hinüber und biss ihr den kleinen Finger ab.

So ging es nicht weiter.
Wieder zum Ohrenarzt am Neumarkt.
"Junger Mann, was ist los? Hat die Spülung nicht geholfen?"
Er hatte nicht nur große Patschehändchen, er war überhaupt von großer und massiger Statur, wie so viele Ärzte. War er eine einzige Trutzburg. Er sperrte mich in eine schalldichte Audio-Kabine, in die er Töne einspielte, in verschiedenen Lautstärken und Höhen. Ich sollte Bescheid geben, sobald der Ton getroffen war, den ich ständig im Ohr hatte. Das Ergebnis war alarmierend, so der Doktor. Schon im Bereich einer chronischen Schädigung. Ob ich erblich vorbelastet sei. Ob es in meiner Familie Fälle von Schwerhörigkeit oder Taubheit gebe.
"Na sicher", sagte ich. "Mein Opa."

Im Jahre 1900 geboren, war er stets so alt wie das Jahrhundert. Ein stämmiger polternder Herr, der mir zum 18. Geburtstag ein Buch geschenkt hatte, mit einem milden Lächeln, das sonst so gar nicht zu ihm passte: Aus dem Leben eines Taugenichts. Dann polterte er wieder los. Weil er dermaßen schlecht hörte, dass man jeden Satz so oder so wiederholen musste, waren Teile der Familie dazu übergegangen, alles gleich zweimal hintereinander zu sagen, die Wiederholung in fetten Druckbuchstaben. ("Fühl mich schon wie ein Revolverblatt"/ Onkel Fitting.)

"Junger Mann, Sie sind auf dem besten Wege zur Schwerhörigkeit", hetzte der Doktor vom Neumarkt und glänzte dabei so speckig und rot, als hätte er mit ins Gesicht gezogener Nikolausmütze einen Überfall riskiert. Ich glaubte ihm kein Wort. Ich war erkältet gewesen und hatte beim Rockkonzert zu lange vorne an den Boxen gestanden und jetzt hatte ich den Salat. Rockkonzert? fragte er. Ja, Rockkonzert, sagte ich. Blowbeat. Ach so, sagte er. Schall-Traumata. Dann haben Sie Tinnitus.

Mit seinen für einen leidenschaftlichen Menschen besorgniserregend laschen Patschehändchen stellte er mir ein Rezept für ein Medikament aus, dass die Durchblutung der Ohren fördern sollte. Ich probierte es aus. Es machte müde. Ich steckte ein Buch ein und ging mit dem Hund spazieren, kam aber nicht weit. Ich las Der Untertan von Heinrich Mann und schlief auf der Parkbank ein, am hellichten Tag im Elefantenpark hinter der alten Badeanstalt. Der Hund wachte über meinen Schlaf. Als ich die Augen aufschlug, stand das Falsettgeschwader im Ohr höher als je zuvor. Am zehnten Tag setzte ich das Medikament ab.

"Geräusche im Ohr, hat doch jeder", meinte Schnaat, als ich ausnahmsweise am sauerstoffarmen Tresen stand. Ich nahm einen Schluck Baldriantee und war mir nicht sicher, ob er das ernst meinte oder ob er mir nur etwas von meinem Drama nehmen wollte. Er kannte mich ja. Er wusste, wie sehr ich mich in etwas reinsteigern konnte und dann so schnell nicht mehr heim fand.
"Jeder hat doch Geräusche im Ohr", sagte er. "Ist doch ganz normal."
"Aber kein stetes Piepen und Gejaule. Ich bilde mir das nicht ein."
"Dann lass mal hören", sagte Schnaat und rückte an mich heran. So standen wir am Tresen, Ohr an Ohr, wie im tiefen Winter, wenn ein Auto dem anderen Starthilfe gibt, gab ich ihm seinen verdammten Strom zurück, vom Club-Konzert.

Das Ende kam rapide. Ich nahm das Ganze nicht mehr so ernst. Das Geräusch. Mich. Einfach so. Begann ich den Schwarm, der seine Runden drehte in meinem Kopf, zu überhören und schickte ihn gen Süden. Raus aus meinem Ohr. Runter da. Es geschah ohne Yoga, ohne Meditation. Kehrte mein Gleichmut zurück, und jemand anderes hatte ihn angefordert.
Nun könnte man ja sagen: warum nicht gleich so? Wenn es doch so einfach war. Angeblich. Hättest du dir ein paar schlimme Wochen erspart. All die Nächte. Aber so funktioniert Biographie nicht. Ich musste erst durchs Chaos hindurch. Bei Dingen, die sich innen abspielen. Innen und laut. Muss man immer erst durchs Chaos hindurch.

Eines Nachts wurde ich wach und ging pinkeln. Ich stand vorm Klo und wunderte mich über die Stille. Ich steckte den Finger ins Ohr, um das Geräusch zu isolieren, doch es war nicht mehr da. Es war weg. Bis auf die übliche Zimmerlautstärke des Universums. Das Grundrauschen. Ich stieg ins Bett und schlief weiter. Ich schlief tagelang. Ich schlief einen halben Monat. Erst mal schlafen.



"Die Anderen", Malerin Eggert (Ölkreide, 2009, 20x30cm)

*
Eine Art Fortsetzung ist Madam Pompadour


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Außerdem ist ein Schütteln in der Welt. Ein Kopfschütteln.
25.11.09 12:39


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