Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Leeds United

Wer sein Lebens in ein und derselben verpimpelten Stadt verbracht hat, der kann hergehen, wo er will, jede verpimpelte Ecke hält irgendeine verpimpelte Erinnerung parat.

Minimum eine.

In der Nordstadt, auf dem Weg zum "Schwarzen Meer", das ein gutes Lammfleischkebap zusammenhaut, komme ich an der Karateschule vorbei, unter der mein alter Kumpel Benzini in den frühen Achtzigern gehaust hat. Benzini, der Kater Karlo der Nordstadt. Die stoppelige dunkle Gangstervisage.

Natürlich hieß Benzini nicht Benzini. Benzini war einer der Irren aus "Einer flog übers Kuckucksnest". In dem Hollywoodfilm stand er meist dumm auf dem Anstaltsflur herum und jammerte "ich bin müde." Das hatte es Louis so angetan, dass er Benzini noch im dicksten Kneipen-Trubel imitierte. Plötzlich scherte er aus, gähnte "ICH BIN MÜDE, ICH BIN SOO MÜDE" und legte sich schlafen, im Stehen. Außerdem pinselte er BENZINI auf seinen Briefkasten, bis jedermann glaubte, selbst der Postbote, dass sein Name Benzini war.

"In mir fließt uraltes Zigeunerblut", prahlte Benzini, wenn er um seine Vorfahren ging, väterlicherseits, aus der ungarischen Puszta. "Überall Trickdiebe und Bänkelsänger."

Wer Benzinis Vater kannte, der seine Tage an den Tresen der Nordstadt verlebt hatte, der musste zugeben, diese Ahnentheorie, die hatte etwas. Da konnte etwas dran sein. Der Vater, klein und drahtig, schwarzes öliges Haar und Klunkern an allen Fingern, ging keiner geregelten Arbeit nach, nicht mal einer ungeregelten, war aber immer flüssig. Was uns ungeheuer imponierte, damals.

Auch Benzini war klein, aber muskulöser. Das Kinn, kantig wie eine Autogarage, die Schultern Turnbarren, die Beine kurz und krumm. Ich meine, ich hab ja selbst Obeine vom vielen Dribbeln, ("du hast ein Obein und du hast ein O-Obein, das linke, das ist ein bißchen schlimmer als das andere. Ich hab ständig Angst, dass du es unterwegs verlierst, wenn du der Straße entlang gehst. Das eiert so, das linke Bein, dein O-Obein", meint die Gräfin), doch Benzinis Obeine waren keine Obeine, das waren Säbel. Im Nahkampf, nachts vor der Wirtschaft, hieß es für jeden Kontrahenten schnell "Gute Nacht Marie!", und kein Bett.

*

"Ich bin ein Pechvogel", vertraute Benzini mir einmal an, kurz bevor er Karriere machte im Überseehandel mit amerikanischen Straßenkreuzern, "darum muss ich besonders clever sein."
Ich stimmte ihm zu.
"Ne dreiste Aktion starten und es nicht vermasseln, das isses, mehr kann man vom Leben nicht erwarten."
"Hm."

Benzini hatte dauernd Stress mit den Bullen. Mit fünfzehn fing es an, im Haus der Jugend, Dorper Strasse, als er die Abbratzen ins Leben rief. Mit ihren Parka sahen die Abbratzen aus wie Mods, und sie hatten geschickte ölverschmierte Griffel, mit denen sie noch jedes Zündapp- und Herkules-Mofa und Mokick hochjazzen konnten.

Die zuständigen Richter am Amtsgericht wollten es einfach nicht glauben.
"Angeklagter, Sie haben die Autobahnzufahrt Langenfeld mit 130 Stundenkilometern genommen.. Mit 130! AUF DEM MO-FA!! LAN-GEN-FELD!!"
"Jawohl, Herr Amtsrat."
"Und sagen Sie nicht ständig Herr Amtsrat!!" Der Richter hatte die Unterlagen vor sich liegen, eine ordentliche Mappe, und mit jeder neu aufgeschlagenen Seite wurde er aufgebrachter.
"Und Ihre Freunde rufen Sie, wenn ich das hier richtig entziffere, Benzin?!"
"Nee, nicht Benzin. Benzini. Mit i, der Herr."
Er kassierte seine erste Jugendstrafe, zwei Wochen Dauerarrest in der JVA Wuppertal.

*

1982 schwappte das Pulver über die Stadt. Die nächste große Welle. Heroin, Kokain, Amphetamine, das ganze Arsenal. Es hatte auch zuvor schon harte Drogen in den Strassen gegeben, doch daran waren wir kaum beteiligt gewesen. Jetzt war unsere Generation überall, wir waren ein ganzer Haufen. Die um 1960 herum Geborenen, die 61er und 62er, 63, 64. Die Babyboomer.

Babyboomer Benzini, Zigeuner und Geschäftsmann, stieg in den Rauschgifthandel ein. Natürlich musste es gleich im mittleren Kilobereich sein, darunter tat er es nicht. Mehr als einmal flüchtete er in höchster Not über die Hinterdächer der Karateschule, die Jungs vom Rauschgiftdezernat auf den Fersen. Davon war Benzini jedenfalls überzeugt. Es hatte geschellt, drei Mal kurz, wie Bullen eben so schellen, wenn sie einen auf dem Kieker haben. Und dann war es nur die Nachbarin gewesen, sie wollte Benzini den Zucker zurückbringen, den er ihr geliehen hatte, für den Nusskuchen.

Als die Bullen dann wirklich kamen, traten sie einfach die Wohnungstür ein und standen in der Küche, wo Benzini und Pepe gerade vierzig Gramm und ein paar Zerquetschte auf eine Küchenwaage hievten. Zwölf Monate ohne Bewährung. (Pepe neun.)

Nachdem Benzini draußen war, ging der Verkauf munter weiter, mit mehr Umsicht. Hatte er mir ein Jahr zuvor noch eine launige Linie Arbeiterkoks gestreut, halben Meter lang,"IS LOS, GLUMM, NE NASE ATTA?!", hieß es nun "psst!"
"Nicht so laut!"
"Putz dir die Nase, Kind!"
Benzini hatte eine echte Bullenparanoia entwickelt.

*

Keine Ahnung, wer auf Leeds gekommen war, wahrscheinlich hatten wir uns in einen Rausch gequatscht und wusste nun nicht mehr, wie wir aus der Sache herauskommen sollten, ohne das Gesicht zu verlieren, jedenfalls saßen wir zu dritt in Benzinis weissem NSU Prinz und machten uns auf in Richtung Le Havre, wo wir übersetzen wollten, per Hoovercraftboot auf die Insel.
"Hier sind meine letzten drei Pfund von der Klassenreise", zeigte Karlos die Londoner Lappen mit der Königin.

Am Abend zuvor hatten wir in der "Pinte" an der Schützenstrasse schwer gesoffen. Benzini war aus Heidelberg zurück, wo er ein halbes Jahr auf der US-Airbase als ziviler KFZ-Mechaniker gejobbt hatte. Die Army hatte gut gezahlt, und es gab jeden Monat zusätzlich einige Gallonen Dry Gin aus dem Military-Shop.

Leeds!
Los jetzt!
Vaffanculo!

Wir hatten alles Geld zusammengekratzt, ein paar Hunderter, genug für Sprit und drei, vier Tage Gasgeben in England. Leeds United spielte am Samstag gegen Wolverhampton.
"Wo ist überhaupt Leeds", fragte Karlos.
"Links", antwortete Benzini, "auf der Karte."
"Ich halte zu den Wanderers, glaub ich", sagte ich.
"Dann würde ich aber im Hotel bleiben", meinte Benzini, "und die Fresse halten."
"Welches Hotel?"
"Na, im Auto, verdammt."

Benzini fuhr Auto, wie er Geschlechtsverkehr ausübte: in hektischen Intervallen, überfallartig, ein bockiges Kind. Und immer, als ging es um die Weltmeisterschaft.
In Höhe Frankfurter Damm, wir waren noch nicht aus der Stadt heraus, fiel mir ein, dass ich keinen Ausweis dabei hatte. Wir kehrten um. Zuhause holte ich den Pass aus dem Kinderzimmer und lief meiner Mutter über den Weg. Sie hatte vom Fenster aus den weissen Prinz gesehen.
"Bist du wieder mit dem Zigeuner zusammen?"
"Ja, und mit Karlos", fügte ich schnell hinzu. Der wurde von meinen Eltern akzeptiert, während Benzini eine ständige Gefahrenquelle darstellte.
"Wo wollt ihr denn hin?"
"Leeds."
"Leeds?!"
"Neuwied."
"Neuwied!?"
"Ja, da wohnen Bekannte."
"Vom wem?"
"Benzini. Karlos."
"Ja, was denn jetzt? Ist da eine Zigeunersiedlung? Fallt mir bloß nicht unter die Räuber, Junge."

Schnell noch einen Abstecher in die Nordstadt, Benzini hatte beschlossen, andere Schuhe anzuziehen.
"Die Galoschen hier fliegen mir auf der Autobahn auseinander."
In der Parkbucht vor der Karateschule war ein Platz frei, Benzini stieß in die Lücke. Seine Mutter stand vor der Haustüre und winkte heftig. Als hätte sie uns erwartet.
"Ist denn mit der los?"
Benzini stieg aus. Wir sahen vom Auto aus, wie sie auf ihn einredete. Sie zog ihn vorm Bürgersteig fort, schloss ihn in ihre Arme. Merkwürdig sah das aus. Wir hatten noch nie gesehen, dass Benzini in den Arm genommen wurde, außer von uns, beim Saufen.
"Scheiße, was passiert da", meinte Karlos.
Es dauerte. Mutter und Sohn verschanzten sich in der Hofeinfahrt zur Karateschule.

*

Bevor er nach Heidelberg gegangen war, hatte Benzini in einem großen Getränkemarkt gearbeitet. Die Mittagspause von eins bis drei verbrachte er zuhause mit Pilleneinschmeißen und Bongs rauchen.
"Sonst geh ich kaputt, Alter, bei dem scheiß Limo-Job."

Eine Zeitlang stand ich Punkt eins bei ihm auf der Matte. Seine Bude war mehr oder weniger zur Baustelle geworden, nachdem Rauschgiftpolizisten ihm einen dritten Besuch abgestattet hatten. Wütend darüber, dass sie nichts finden konnten, hatten sie kurzerhand Kleinholz aus dem Mobiliar gemacht. Noch Monate nach der Hausdurchsuchung konnte es passieren, dass Fetzen zerschnittener Bettwäsche durch die Luft wirbelten, wenn man sich zu flott bewegte.

Die Wohnungstür war mittlerweile stahlverstärkt und mit Ketten und Schlössern versehen, auch eine Alarmanlage hatte Benzini installiert, merkwürdige Leuchtdioden funkelten im dunklen Flur. Es sah aus wie im Puff. Ständig konnten Bullen einfliegen. Es nervte. Es machte hibbelig. Zudem vertrug ich die Bongraucherei nicht besonders. Der Flash war zu deftig für meine Nerven, nur in der richtigen Dosierung kam ich klar damit. Sagen wir, halbwegs. Halbwegs klar, halbwegs richtige Dosierung. Es war ein Vabanquespiel.

Geredet wurde kaum. Benzini hockte auf der Couch, bröselte Rauch-Mischungen und spielte die Sammlung aus England importierter Punk-Scheiben rauf und runter; die ganze Bude war mit SHAM 69-Plakaten gepflastert.
"Soll ich nochn Blubber klarmachen? Ich mach nochn Blubber klar."

Kurz vor drei sprang er auf, "scheiße, ich muss los!", rutschte aufs Moped und endlich! ich war an der Luft. Befreit vom Eingesperrtsein in Benzinis Bude, dem drohenden Sondereinsatzkommando entkommen, entfaltete das Haschisch seine euphorisierende Wirkung. Jetzt feierten meine Hirnzellen ihre Opern, während ich gelenkigen Schrittes heimschlenderte. Ich schlug Umwege ein, weil es so schön orgelte und pfiff und textstrudelte in mir, ich wünschte, ich wäre verdrahtet gewesen, angeschlossen an ein automatisches Aufzeichnungsgerät, ich müsste mich heute nicht so abstrampeln für ein paar Sätze wie im Rausch.

*

Benzini kam zurück, klopfte an die Beifahrertür.
"Wir können nicht nach Leeds."
Er wartete kurz.
"Mein Vater ist tot."
Wir guckten uns an.
Herzinfarkt, er war keine fünfzig Jahre alt.
"Mein Alter hat zuviel gesoffen und zuviel gequalmt", krächzte Benzini später am Abend, stockbesoffen, eine Kippe im Hals.

Es war der letzte Abend im Stonns, einer Spelunke in der Innenstadt, winzig klein, aber zweistöckig. Von einem auf den anderen Tag machte der Laden dicht, weil der Pachtvertrag nicht verlängert worden war. Wir waren konsterniert. Wo jetzt die Abende vertrinken? Und was war mit dem fetten Hellmann und seinem Gewohnheitsrecht?
"Der arme Hellmann", sagte ich.

Er hatte einen Stammplatz am Tresen gehabt, gleich links, wenn man reinkam. Wenn er sich auf seinen Hocker gepflanzt hatte, einen Humpen Bier in Arbeit und mit James, dem Wirt, schwadronierte, "mein Ruf ist schlecht, James, aber ich bin gut", versperrte sein fetter Hintern den engen Gang. Wer durch wollte, musste sich vorüberzwängen und riskierte dabei einen Blick in die Hölle: Hellmanns Arschritze.

Einer behaarten Murmelbahn gleich verlor sie sich im Hosenboden einer enormen Bluejeans, da war kein Ende abzusehen. Der lange Schlitz war wie eine Einladung, etwas darin abzustellen, eine kleine Stange Kölschbier etwa, im Vorbeigehen: das Glas stand bombenfest.
Der arme Hellmann.

Zwei Tage stromerten Karlos, Benzini und ich bis spät in die Nacht durch die Nordstadt, futterten frisch gerupfte Kohlrabi aus Vorgärten, brachen Lauben auf, um ein trockenes Plätzchen zum Feiern zu haben, dann hatten wir die Nase voll. Wir landeten in der "Pinte" auf der Schützenstrasse.

*

Die "Pinte" war das Domizil der SHARkS, einer der letzten Rocker-Gangs im Bergischen Land. Rocker mit einer Einschränkung: kaum ein SHARk war alt genug war für den Motorradführerschein, es gab nur ein paar lumpige Fünfzigkubikmaschinen.

Was macht eine Rocker-Gang ohne Karren? Saufen und sich kloppen. Pünktlich zum Wochenende gab es wüste Schlägereien. Entweder die Jungs prügelten sich untereinander oder man hielt zusammen und vertrimmte die verhassten Hippies aus dem nahegelegenen "Keller", der aus dem "Jazzkeller" hervorgegangen war.
"Freaks aufmischen!" hieß es Samstagabends. Es war wie in den frühen 60ern am Strand von Brighton, wo sich Mods und Rocker die Schädel blutig gehauen hatten, einfach so, aus Langeweile und Übermut.

Bei den Schlägereien taten wir uns nicht sonderlich hervor, wir waren ja selber Hippies im Herzen, Karlos und ich. Benzini hingegen seh ich noch vor mir, auf seinen Säbelbeinen im "Keller", wie er, bewaffnet mit einem abgebrochenen Stuhlbein, auf ein paar arme Langhaarige zuwankt, "VAFFANCULO!"

Die Bullen waren jedes Wochenende in der "Pinte". Die Wache auf der Goerdelerstrasse war nicht weit, sie rückten mit Schäferhunden und Mannschaftswagen an. Wenn sie uns eingesammelt hatten, saßen wir dichtgedrängt auf den Bänken und grölten auf dem Weg zur Wache, nach der Melodie von Kli-Kla-Klawitter:
"FAHR MIT IM GRÜN-WEIS-SEN
BUL-LEN-BUS,
WIR HA-BEN SEHR VIEL PLATZ,
WIR NEH-MEN JE-DEN MIT".

Die "Pinte" hatte gerade neueröffnet unter der Leitung von Hassan, einem aufgeweckten Türken und seiner blonden deutschen Braut, die den Bierverkauf ankurbelte, eine blutjunge Schlampe. Präsident der SHARkS, die in Kutten mit LONDON CALLING- und BALLROOM BLITZ-Aufnähern rumliefen, war der kleine Sonny, ein ruhiges cleveres Kerlchen, das seine Jungs im Griff hatte. Sonnys Wort war Gesetz.

Karlos, Benzini und ich hatten innerhalb der "Pinte" einen Sonderstatus. Weder Rocker noch Freaks oder Punks, waren wir einfach wir drei. Das hatten wir besonders unserem ersten Auftritt zu verdanken. Zu dritt am Tresen, von zwanzig SHARKs umzingelt, die sich gegenseitig schubsten, um besser sehen zu können. Ich hatte gegen Benzini eine Wette verloren und nun galt es, meinen Wetteinsatz einzulösen: der kleine Finger der linken Hand.

Hassan hatte zunächst gezögert, ein Brotmesser aus der Küche herauszurücken, doch irgendein Messer hätten wir schon klar gemacht, es waren genug im Umlauf, also reichte er, wie gefordert, ein Brotmesser über den Tresen, so behielt er wenigstens den Überblick. Auch Präsident Sonny gab sich die Ehre. Er und Karlos kannten sich von Kindesbeinen an, was unsere Aufnahme in den Rocker-Kreis ungemein erleichterte.

Benzini machte sich an meinem kleinen Finger zu schaffen. Video killed the Radio Star hatte jemand gedrückt auf der Musikbox. Die Gesichter der SHARKs, wie aufsteigende Ballons um uns herum, Gejohle. Benzini säbelte, mit mäßigem Druck, ich zog gepeinigt einen Flunsch. Bis Karlos plötzlich den Hermann machte. Er sprang dazwischen, ruderte mit den Armen: "HASSAN, EIN BUTTERFLYMESSER! KANN MAN JA NICHT MITANSEHEN HIER!" Damit nahm er den Burschen die Sicht, während ich ein zuvor aufgebissenes Tütchen Ketchup aus der Jacke holte und über den Finger schmierte.

Als Karlos den Blick wieder freigab, war der Tresen voller Blut und ich schrie auf.
"Aufhören!" rief auch Hassan, der den Gimmick mitgekriegt hatte, aber das war ihm alle Mal lieber, als den Krankenwagen rufen zu müssen. "Aufhören! Es reicht!"
Auch die SHARKs waren bedient. "Eh!" stieß einer den teuflisch grinsenden Benzini an, "du schneidest dem ja den Arm ab!" Scheinbar widerwillig ließ er die Solinger Klinge sinken, und ich verschwand mit Hassans sexy Braut in die Küche, wo sie mir einen Verband anlegte, damit es echt aussah.
Von diesem Abend an waren wir Respektpersonen in der "Pinte".

Ich erinnere mich, dass Pepe uns einmal in die "Pinte" besuchte, und wie er nur mit dem Kopf schüttelte, er konnte es nicht begreifen.
"Mann, wo seid ihr denn hier gelandet..?!"

Die Wurlitzer-Musikbox wurde regelmäßig neu bestückt. Hier hörte ich zum ersten Mal das wunderbare "Pop Muzik" von M. Eine einzige Single blieb als Dauerbrenner drin und durfte niemals ausgetauscht werden: "Heartbreak Hotel" von Elvis Presley.

"Heartbreak Hotel" war die Hymne der SHARks. Hatte jemand "Heartbreak Hotel" gedrückt und die ersten Takte setzten ein, WELL SINCE MY BABY LEFT ME, dann kam, garantiert, Götze angewatzt aus irgendeiner Ecke, rutschte auf Knien zur Mitte und griff zu einer der ersten Luftgitarren der späten Rock'n Roll-Historie. Es sah aus wie ein Metzgermesser, das er unter seiner Weste hervorzog und mit dem er im Takt zu Heartbreak Hotel alles kurz und klein drosch, und obwohl er nur den Luftmetzger gab, man tat gut daran, den Ausgang im Auge zu behalten. Götze war unberechenbar, Götze, der wahre Punk, nixentätowiert und halbe Zeit im Knast, eine ehrliche versoffene Haut, die spätestens nach Mitternacht sämtliche Knochen über der Wurlitzer-Box ausstreckte und einen Stiefel Gin-Osaft ganz alleine auskotzte.

(In den späten Neunzigern hab ich Götze zufällig in Wuppertal getroffen. Er stand auf der Platte und hatte sich kaum verändert. Als ich vorbeiging, grüßte er schön.)
1.10.09 15:17


Blähungen

Da denkt man gerade noch, boh, Alter, du hast 400 Kilometer Darm in dir, von Leipzig bis München nur Scheiße, welch eine technische Errungenschaft, super Sache, so Biologie. Und plötzlich: Blähungen. Militante Blähungen. Richtige Straßenkampfblähungen, so gewalttätig, dass dir sämtliche Rekordwindungen so was von schnuppe sind, es ist nämlich dein eigener Gestank, der da in der Luft steht wie ein offener Beutel Kadavergehorsam und dich hinterrücks meuchelt. (Ein Moped knattert mit zerschossenem Auspuff um die Ecke.) Es ist unmenschlich. Das hat die Welt noch nicht erlebt. Noch eine Dreiviertelstunde später prustet die Gräfin vor Vergnügen. Sie kriegt sich überhaupt nicht mehr ein.
"Wieso lachst du immer noch?"
"Na.. wegen EBEN, Mann! MAAHAHAAA!! Wie sich das anhörte!"

Erst haben wir zu Abend gegessen, ganz normal. Na schön, nicht ganz normal, die Gräfin hatte sich an Reibekuchen versucht, wünschte sich aber sehr schnell einen Ratgeber für Problempfannen.
"Oder sehen so etwa Reibekuchen aus?!" Sie warf entnervt die Brocken hin.
(Und es waren wirklich Brocken.)
Weil sich so schnell nirgends eine alternative Pfanne auftreiben ließ, gab es Tiefkühlpizza, aufgehübscht mit sündhaft teurem italienischen Thunfisch, Salami und Bio-Mozzarella. Dazu reichte sie Salat, da war ein bißchen viel Zitrone dran geraten, bißchen arg viel Zitrone. Ehrlich gesagt, der Salat war eine einzige große Zitrone. Es war einfach nicht ihr Tag gewesen, zum Kochen.

Nach dem Essen der übliche Espresso, und da stand diese Schale Weintrauben auf dem Tisch. Kleine unscheinbare Dinger aus Israel, von denen ich mir eine Handvoll nach der anderen in den Mund schob ohne es wirklich mitzukriegen. Bis mir plötzlich anders wurde, ganz anders, untenrum. Der Bauch, eine Aktentasche voller Ziegelsteine, und der verfluchte Verschluß klemmte, eine Art Kolik?! Mir brach der Schweiß aus. (Euch kann ich es ja sagen: und euch sage ich es auch: mit Ende Vierzig machen einen Dinge, die man so noch nie erlebt hat, verdammt nervös.
"Ich muss aufs Klo..!" schrie ich.)

Ich schlug mir den Weg frei, durch die Diele, der Hund sprang auf, was geht hier ab!? hinterher, WEG DA! Ich warf die Klotür zu. Und dann hockte ich da. Ein Rumoren und Brummen in mir, wie in einem scheiß Trafohäuschen. So sauweh tat das, dass ich aufstöhnte.
"Alles okay?" rief die Gräfin.
"Ich glaub, ich hab.. Dünnschiss!"

Im selben Moment bricht der Orkan los. Artilleriefeuer. Als würde ein Pfropfen von einer Propangasflasche abpfeifen, PFFARR-ZIIZZZ!! KNATTTTOGRRAT! PFÖT!!! Die Tür geht auf. Die Gräfin, kreidebleich.
"Was ist denn hier los?"
"TÜR ZU!!!"
Es gibt Dinge, die muss ein Mann mit sich selbst regeln, ganz alleine. Heimlich Kokain schnupfen, Nachbarin vögeln, kacken. Die Schüssel randvoll.

(Mickey Keppler ist ein ganz ähnliches Malheur unterlaufen, kürzlich auf der Arbeit. Nachdem er tags zuvor Chili gegessen hatte, kam morgens auf dem Firmenklo ein feuriger Bohnendurchfall ans Tageslicht, ein verdammter Gasangriff in den Ardennen. So heftig, dass die Suppe im 90-Grad-Winkel aus der Porzellanschüssel zurückgepfiffen kam! Als hätte er auf ein stramm gespanntes Trampolin gekackt! Das ganze Firmenklo war voll, con carne. Klodeckel, Wände, die Spiegel, alles vollgeschissen. Mickey Keppler brauchte eine panische halbe Stunde, um die Hütte wieder halbwegs auf Vordermann zu bringen, voller Angst, dass jeden Moment die Tür aufgeht und ein Kollege hereinschaut.
Der Chef hatte sich tatsächlich schon Sorgen gemacht, zumal kurzfristig auch der Brandmelder angeschlagen war.)

Ich komme vom Thema ab. Von der eigenen Weintraubenkonferenz. Ich sitze also auf dem Pott und dreh mich um, seh mir den Salat an.
"JA, WAS IST DAS DENN??!"
Ja, was ist das wohl? STUHLGANG IST DAS! Schwarze Suppe, schlechter Fisch! Irgendwie so was! Ich setz mich wieder hin, weil noch eine Ladung kommt. Es werden insgesamt vier weitere Ladungen.

Zwischen den Angriffen ist Stille und ich höre ein tiefes Grollen. Es kommt aus der Diele.
"Das ist Frau Moll", beruhigt mich die Gräfin. "Die denkt, es wären Einbrecher im Bad."

Als die Kolik vorbei ist, muss ich ohne Ende nachspülen, ich muss Fliesen aufwischen, ich muss das Gelächter der Gräfin aushalten, aber eins muss ich den tausend Weintrauben und dem übersäuerten Zitrus-Salat lassen: meine Aktentasche ist komplett leer - alles ordentlich in die Regale geräumt, von Leipzig bis München und zurück. Wunderbar leicht fühlt es sich an, als ich in die Stube zurückkehre, die Hände ein Seifen-Massaker. Soll die Gräfin ruhig die Nase rümpfen, ich fühle mich easy wie ein Spätzchen.
Noch Weintrauben da?


*
Auf The Glumm: u.a. Airen:

"Vor einer Million Jahren breitete sich der Homo Erectus von Afrika über die Welt aus und ich liege mittwochfrüh im Bett und guck mir eine TV-Reportage darüber an. Unsere Stufe der Menschwerdung wird eines Tages als Homo Bohei in die Geschichte eingehen, denke ich.
Und steh auf."
6.10.09 14:44


Der unerhörte Exzeß: Airen schreibt STROBO

Von der Aufmachung her, ganz in weiß, eisblauer Titel, erinnert STROBO an eine 170 Seiten starke medizinische Broschüre im Wartezimmer das Nervenarztes, und tatsächlich: Airen, der gnadenloseste deutschsprachige Blogger, hat ein wildes irritierendes Buch geschrieben, polytoxikoman, multisexuell, kurz: Die Bekenntnisse eines Maßlosen, wie Airen schon 2005 sein erstes Weblog im Untertitel nannte.

Seine Trumpfkarte: der unerhörte Exzeß.
Airen ist ständig erregt und auf dem Posten.
S.84: "Jetzt bin ich wirklich drauf wie ein Schnitzel."



(Tarnname) Airen, Wirtschafts-Student, Mitte 20, Praktikant in einer Berliner Unternehmensberatung ("Fotzenjob"), zieht im Taumel des frühen 21. Jahrhunderts in seinen Trompetenhosen durch die Techno-Clubs der Hauptstadt. Es ist der Technosound, der diesem Buch zugrunde liegt, das Stroboskoplicht, die Poppers-Fläschchen, das mit cooler Fresse in der Ecke stehen und Ärsche abchequen, die nächste Nase Speed auf dem Klo, BANG!

Ein maskulines Buch.
S.128: "Ich muss mich damit abfinden, dass Sex ein zutiefst animalisches Vergnügen ist. Das mit Liebe nichts zu tun hat. Letztens stand ich in einer Kabine im Berghain, leicht gebückt wie eine Uhr, die zehn vor sechs anzeigt, und ließ mir von einem anonymen Typen den Arsch auslecken. Das letzte, was mir in dieser Situation in den Kopf gekommen wäre, ist der Satz: Ich liebe dich."

Der Witz kommt staubtrocken, oft im Drogen-und Techno-Jargon.
(S. 37: "Kleines Tütchen und mich flashts Oldschool.")
Nun gehört Jargon eigentlich in Dialoge, da Szenesprache das Verfallsdatum bereits in sich trägt. Das "astrein" der Jugend in den 70ern ist das "krass" der heutigen Generation: In spätestens 2x7 Jahren wird auch krass astrein altbacken klingen.

Eine Möglichkeit, dennoch so zu schreiben: mach einen langen Monolog daraus. Als würdest du dich hinsetzen und dir dein eigenes Leben erzählen. Und wenn du es laut tust und geschickt und wie selbstverständlich, wird daraus das Dokument einer Zeit. Man kann es jedenfalls versuchen.
Lediglich das Wörtchen "krass" nervt, wird überstrapaziert. (Ich meine, wenn selbst die Wolken schon beginnen, krass zu ziehen..) Aber das sind Randerscheinungen, gerade die Sprache macht dieses Buch so stark und verzweifelt authentisch.

Beim Lesen schier endloser Drogeneskapaden denke ich zunächst, hach ja, wie wir früher, auch wenn Akzente sich verschoben haben, Heroin wird nur noch zum Runterkommen von hyperkybernetischem MDMA konsumiert, (und was zum Teufel ist Ketamin?? denke ich, bevor Airen mich aufklärt), doch je länger ich lese, rückt etwas anderes in der Vordergrund: die Generation, der Airen angehört, wirkt einerseits härter und bedingungsloser, andererseits gefügiger.

Sie wissen nur zu gut, dass sie im großen kapitalistischen Räderwerk untergehen werden, dass das Leben, die große Dampfwalze, jede noch so große Fresse einebnen wird, dass es keinen Ausweg gibt, dass sowieso alles den Bach runtergeht, was bleibt also? Abfeiern. Ausknocken. Der Dancefloor. Airen hat genau das stets vor Augen. Er rüttelt an den Gitterstäben, und noch ist er jung genug..
S. 60: "Noch bin ich schmal genug, um durch die Gitter zu schlüpfen."
Für ein Wochenende.

Es gibt in diesem Buch wunderbar stimmige Einstellungen, und spätestens im Nachwort von Bomec, einem (Ex-) Blogger, der in STROBO ebenfalls vorkommt, wird klar, dass es (auch) ein Blogger-Buch ist. Wenn Airen und Bomec im fernen Mexiko in einer Bar sitzen, Gin Tonic kippen und über die Blogger reden, die sie beide lesen, ist es.. "als sitzen die Blogger, die wir beide nur durch ihre Texte kennen, mit uns am Tisch."

Wem schon sein Blog gefällt, sollte sich STROBO von Airen unbedingt zulegen, der romanhafte Zusammenhang macht es noch lesenswerter.
Und für Blogger ist es sowieso ein Muss.
Tolles Buch. Kaufen. Klauen. Egal.

*
STROBO
Roman
176 S., Broschur
SuKuLTuR-Verlag Berlin
978-3-941592-06-3
17,00 Euro

STROBO - das Buch.
Mit Ketamin in die Hölle - ein Podcast zum Reinhören auf Gefühlskonserve.


*
Darauf einen Dujardin und die Story Deutsche Junkies sind Petzliesen auf The Glumm, die aufgrund eines Eintrags in einem Schweizer Drogenforum gerade ihre Wiederauferstehung feiert.
8.10.09 18:19


Gestern in der Kindheit

Sie hieß Karina. Ich wusste, wo sie wohnte. Nach der Schule hockte ich gegenüber auf der Mülltonnenbox und wartete darauf, dass sie das Haus verließ. Ich war in sie verliebt, und sie wußte nichts davon. Sie war älter als ich, nicht sehr viel älter, ein Jahr vielleicht. Aber wenn die Frau, die man liebt, neun ist und man selber erst acht, ist ein Jahr ein Haufen Zeit.

Sommer 1968. Filmaufnahmen und Fotos zeigen revolutionäre Straßenschlachten und Wasserwerfer und ein kleines Mädchen mit dunklem Haar. Ihre Haut war weiß, sie trug weiße Strümpfchen und ein Lackmäntelchen. Ich saß auf der Müllbox aus Edelstahl, die so nach gar nichts roch, weil sie nagelneu war, so unschuldig, und guckte zu ihrem Fenster hoch. Ich wartete auf ein Zeichen. Eine Bewegung hinter der Gardine. Ich sehe mich dort sitzen, immerzu, Stunde um Stunde, bis es dunkel wird. Sie zeigt sich nie. Sie ist ein Engel in einem Lackmäntelchen. Ein fernes stilles Mädchen. Sie wußte nichts von mir. Das Haus lag ruhig da. Niemals geschah etwas.

Einmal kam der Vater von der Arbeit. Er parkte sein Auto, und als er mich sah, blieb er kurz stehen. Er schien zu überlegen, ob er mich kannte. Wo er mich hinstecken sollte. Dann ging er weiter, den Kiesweg hinauf. Ich war nur ein kleiner Junge, der gegenüber auf der Mülltonne saß und seinen Wünschen nachhing. Er schloss die Haustüre auf. Niemand begrüßte ihn. Keine Frau, nicht die Tochter. Nicht mal ein Hund. Ein verlorener Mann. Er hatte alles, was ein Mann brauchte, doch niemand freute sich auf ihn. Ich verrenkte meinen Kopf, um einen Blick in den Hausflur zu werfen, es gab nichts zu sehen.

Ihr Zimmer war im ersten Stock. Es hatte eine kurze Gardine. Das Häuschen war das erste in einer Reihe von fünf, die alle gleich aussahen, wie Bastelarbeiten aus Beton lehnten sie aneinander. Unsere Familie wohnte im unteren, dem alten Teil der Hasseldelle, einer 20er-Jahre-Siedlung mit hohen Hecken und der spitznasigen Frau Drexelius, die über ihr klitzekleines Büdchen wachte wie eine Vogelmama über ihre Brut. Karina und ihre Eltern waren ins Neubaugebiet gezogen, das man mitten ins Grüne gesetzt hatte, uptown: Flachdachbungalows und Reihenhäuser mit Vorgärten, in denen dürre Bäumchen und Sträucher, gerade erst angepflanzt, dem Wind nichts entgegenzusetzen hatten. Staub strich um die Häuser, Bauschutt. Splitter. Nur mein Platz auf dem Container war geschützt, in seiner Ecke.

Daheim spielte ich Schlager und Beat-Singles meiner großen Schwester. Eloise. Lady Madonna. See how they run. Ein stürmisches Piano und die leidenschaftliche Stimme von Vicky, einer jungen Griechin, waren der Soundtrack meiner ersten großen Liebe: "Dich mit Anderen teilen kann ich nicht." Am Nachmittag kletterte ich wieder auf die Edelstahlbox, uptown, und sobald Bewegung ins Haus kam, schnurrte und bubbelte mein kleines Herz, als hätte es jemand angehoben und mit weißer Munition unterfüttert: alles bereit zur Sprengung. Das Haus lag ruhig da.


*
Der Virus ist zurück.
15.10.09 10:48


Neulich, im kleinen Bio-Laden an der Ecke

"Ich hab keine Kraft mehr", brummt Liz, die in den Herbstferien im Laden ihrer Mutter aushilft. Ein kleiner Bio-Laden am Stadtrand, der weder Überwachungskamera kennt noch eine ordentliche Registrierkasse. "Ich krieg nicht mal mehr ne Tüte Meersalz-Chips eingeräumt, ohne dass mir die Finger wegknicken."
"Dann mach halt Pause", meint ihre Mutter. "Nimm dir einen Kirschplunder. Oder iss was richtiges."
Ja genau. Damit ich so dick und fett und rund werde wie du, denkt Liz.

Dann tut ihr der Gedanke leid. Vom vielen Stehen sind die Oberschenkel ihrer Mutter so massig geworden, sie kann sich nur noch schühchenweise voranschieben, wie eine dicke japanische Geisha. Meist aber thront sie hinter der Brot-und Käse-Theke, wo sie mit überraschend fixen Teleskop-Armen in die Regale langt und die Stammkundschaft bedient. Da fällt ihr Übergewicht nicht so auf. Da hat sie ihre Ruhe.

Liz seufzt. Drei Wochen ist Papa Gregor nun schon im Kongo, ein lange geplanter Heimatbesuch, doch niemand weiß genau, wann er zurückkehren wird. In dem Dorf gibt es kein Telefon, und das Handy funktioniert auch nicht.

"Als du fünf Jahre alt warst", erzählt Mutter beim Anschneiden selbstgebackener Marzipantorte, "waren wir mal in Kinshasa in einem Touri-Restaurant, und weil du so viel von afrikanischen Speisen gehört hattest, bist du ungeduldig am Tisch herumgezappelt und konntest kaum die Bestellung abwarten. Herr Ober! hast du auf deutsch gerufen, dreimal Kamelmilch!" Und dann demonstriert Mutter, wie Liz die Milch im schäumend hohen Bogen wieder ausgurgelte, weil sie so salzig schmeckte, und wie erschrocken der Kellner sich wegduckte.
Liz muß lachen, auch wenn sie die Geschichte schon x-mal gehört hat. Mutter erzählt sie immer dann, wenn Papa Gregor im Kongo ist.
Wenn niemand weiß, ob er zurückkehren wird.

Die Eingangstür schnappt auf, und ein großer Mann betritt den Laden. Langes schwarzes Haar, lustige englische Zähne.
"Tag die Damen. Sagen Sie, führen Sie Lab?!"
"Bitte..?"
"Lab! Haben Sie Lab?!"
Liz und Mutter schauen sich an.
"Also, Lab.. nein."
"Ich mach jetzt meinen eigenen Käse. Einfach paar Pullen Milch in die Schüssel, Lab rein, umrühren, drei, vier Tage auf die Fensterbank und: fertig." Der Mann blinzelt verschmitzt zum Regal. "Dann könnt ihr euren Bio-Käse aber vergessen. Oder selber auffressen. Wo ist der Gregor?"
"Nicht da", antwortet Mutter. "Im Kongo."
War ja klar, dass die beiden sich kennen. Sie notiert etwas auf einem Zettel.
"Hier, die Anschrift einer Käserei. Die können Ihnen vielleicht weiterhelfen."
"Sehr schön. Danke, die Damen. Gruß an den Gatten."

Beim Verlassen des Ladens stößt er die Tür so vehement auf, dass zwei Kisten Apfel-Limonade ins Wanken geraten.
"Hoy! Was steht denn hier so labil rum?!" lacht er dröhnend und beruhigt die Limo. "Schüss!"
"Schüss", murmelt Liz und greift gedankenverloren nach der nächsten Handvoll Chips. Sie hat gar nicht bemerkt, dass sie die Tüte geöffnet hat. Sie denkt: Lab, labil, was die Leute alles labern, und fühlt sich an ihre Kindheit erinnert, als sie ganze Nachmittage damit verbrachte, Kaufladen zu spielen. Als Verkaufen noch Spaß machte. Hatte sie damals nicht etwas Milch in den Mörser gegeben, um Käse daraus zuzubereiten?

"Du mußt was richtiges essen, Kind!" ruft ihre Mutter mit vollem Mund, etwas Marzipan krümelt in den Ausschnitt.
Liz denkt: Wenn Papa doch nur anriefe.



*
"Das letzte halbe Jahr ging ich nicht mehr zur Schule. Ich stand morgens auf, wenn auch selten zur ersten Stunde, packte ein paar Schulsachen ein, nicht zu viele, damit die Tasche nicht zu schwer wurde, und machte mich auf die Socken." (aus Zwei schwarze Babes)


**
Eigentlich war The Glumm nicht als Zweit-Blog geplant. Auch nicht als Doppelagent oder als Scheinehe. Eher als Ausfallstraße.
(The Glumm auf The Glumm)
15.10.09 17:51


Der Herbst ist geritzt

Sonntagmorgen. Wir benötigen geschlagene anderthalb Stunden für die Mimi Schulz-Runde, weil wir andauernd stehen bleiben und uns irgendwas angucken und bereden. Wir kreisen wie Satelliten um die eigene Geschichten.
"Das ist kein Gehen, das ist relativ flottes Stehen", sag ich.

Wir verlassen unseren Andromedanebel und kraxeln kreuz und quer durch die Wupperberge, Frau Moll begeistert voran.
"Die riecht wie meine alte Blockflöte", schnuppert die Gräfin an ihrem Fell, "wenn die nass wurde. Wenn sie zu sehr eingespeichelt war. Dann roch die Blockflöte wie nasser Hund."

Man spürt ja, wenn man sich kennenlernt, ganz schnell und instinktiv, ob man ähnliche Bedürfnisse hat. Ob man das gleiche braucht im Leben. Wir haben uns 1987 kennengelernt. Da war dieses Muttermal über ihrer Oberlippe. Ich hatte ein Grübchen. Das ging in Ordnung. Das passte ineinander. Es konnte losgehen.

Und hier kommt der Fichtenwald. Es duftet süß und geheimnisvoll nach Erde und Pilzen. Wie eine glitzernde Schweißnaht windet sich in der Ferne ein Bach durchs Tal. Plötzlich Kuddelmuddel in der Luft. Zwei Vogelschwärme geraten aneinander, es gibt kurzfristig Keile, dann wird die Kollision für beendet erklärt und jeder fliegt seines Luftraums. Nur ein Bussard bleibt und kräht italienisch. Was ein schöner Lärm.

"Schade, dass du keinen Fotoapparat dabei hast", sagt sie.
"Ja."
Eine Zeitlang behandelte ich meine Kamera wie mein Notizbuch: ohne sie hab ich keinen Schritt vor die Tür gemacht, nicht mal zum Müllcontainer. Jetzt schreibe ich die Fotos lieber auf. Vorteil: selbst wenn man den perfekten Moment verpasst hat, geht noch was. Plötzlich steht da was. Eine mächtige Buche. "Guck mal..!"
Vergangene Botschaften, eingeritzt ins Holz. ONLY TO MY LADY-FRIEND.
Erstaunliche Daten: 23. 3. 1976.
MARCH 1966.
22. 3. 1946. (!)
"..BELLA.. EYE OF MY.."

Manche Zeichen haben sich so tief in die Baumrinde gegraben, es lässt sich kaum noch entziffern, das meiste aber sieht aus wie gestern geritzt. Es ist diese plötzliche Präsenz, die verblüfft. Die Entdeckung eines Evergreens. Sogar die Sonne sucht sich ein Loch in den Wolken und schaut uns zu.

Die Gräfin klettert den Abhang hoch, bespielt den Hund mit Stöckchen, während ich staunend vor den Liebesbeweisen einer versunkenen Ära verharre.
1946..
Der Name HENRY läßt sich enträtseln, und BELLA. HENRY AND BELLA IN THE WOOS TONIGHT. Wurde da ein D vergessen? 1946, IN THE WOODS TONIGHT. So kurz nach dem Weltkrieg, schätze, die Alliierten waren hier und haben sich am bergischen Frollein bedient.

"Hallooo Oktooober!" hallt es oben durch den Wald, wie eine erregte Bahnhofsdurchsage. Dazu bellt der Hund. Nichts wie hinterher. Feuerahorn raschelt unter meinen Füßen. Der Herbst ist die einzige Jahreszeit, wo es im Wald brennt und niemand muss löschen. Sagt sie. Der Herbst ist der Feuerläufer. Die Sache ist geritzt.


Selbstportrait Gräfin

*
Die kleine Geschichte vom anderen Foto auf The Glumm.
21.10.09 13:32


Eine Nacht im Turm-Hotel

Es gab noch einen zweiten Nachtportier im Turm-Hotel, den alten Sokolov. Sokolov war ein kleiner zäher Rentner, der aus Sofia stammte und krankhaft sparsam war. Er weigerte sich, verdorbene Wurst wegzuschmeißen, und wenn die Schlieren auf den Mortadellascheiben nicht mehr zu übersehen waren, schabte er sie heimlich ab, schon fiel im diffusen Licht des Frühstückbüffets nicht mehr auf, was auf dem Tablett lag.

Wäre er jünger gewesen, Sokolov hätte einen eins-a-Foodstylisten abgegeben. Er hatte alle Tricks drauf. Sogar aufgeweichte Cornflakes, von den Gästen in der Milchschüssel zurückgelassen, konnte er wieder knackfrisch machen. Keine Ahnung, wie er das hinkriegte. Sokolov war ein Zauberer. Ich
musste oft kotzen.

Am schlimmsten war, dass er aufs Klo ging und die Pisse nicht abzog, um Wasser zu sparen.
"Ist doch Trinkwasser", sagte er mit hochrotem Kopf und nahm einen Schluck. "Hier, siehst du."
"Sokolov", schrie ich ihn an, "du machst uns alle noch krank!"
"Wieso?"
"Weil du deine Bakterien hier verbreitest!"
"Bakterien? Wie Bakterien?! Was für Bakterien?! Ich hab keine Bakterien! Was willst du?"

Bei Dienstbeginn war ich aufs Personal-Klo gegangen und hatte versäumt, den Abzug zu drücken, bevor ich den Klodeckel anhob. Schließlich konnte es immer mal sein, dass in der Schüssel ein gülden Pfützchen vom alten Sokolov schimmerte. Ein gülden Pfützchen aus der Nacht zuvor, oder aus der Nacht davor, oder.. ach, wer wusste das schon.
"Du machst uns alle krank!" schrie ich.

Bulgarische Schimpfworte quollen mir entgegen. Wenn Sokolov sich angegriffen fühlte, verteidigte er sich in seiner Muttersprache. Das war seine Linie. Er verließ niemals seine Linie. Er war fabelhaft.
"Bäh!" machte ich.
Es war sinnlos.
Er war eine fabelhafte bulgarische Pottsau.

Ich war durch Zufall an den Job gekommen. Sagen wir, Schicksal. Ich nahm die Dinge, wie sie kamen. Warum sich großartig wehren, warum deinem Schicksal nachlaufen. Es wird dich schon finden, dachte ich. Es ist ja deins.

Das Arbeitsamt hatte mir in Ohligs ein Vorstellungsgespräch in einem Kühlhaus aufs Auge gedrückt, danach stand ich an der Strasse und hielt den Daumen raus in Richtung City. Der erste Wagen hielt an. Blauer Kombi, Familienkutsche.
"Die Strassen sind eine einzige Katastrophe hier", schimpfte der Fahrer, etwa so alt wie ich, Mitte zwanzig. "Die werden überall aufgerissen, wegen der schlechten Kanalisation. Dabei liegt die Stadt auf einem Berg, da könnte man die ganze Scheiße doch einfach zu den Seiten runterlaufen lassen. Oder nicht? Ich fahre übrigens bis zum Turm-Hotel. Kennst du das?"
Ich nickte.
"Natürlich, das riesig Einwegfeuerzeug mitten in der Stadt. Haben Sie ein Zimmer da?"
Er lachte auf.
"Ich bin der Geschäftsführer. Bob mein Name. Und du? Was machst du so? Wie heißt du?"
Schon wieder ein Vorstellungsgespräch. Ich hatte mich gerade erst vorgestellt, als Kommissionierer für Tiefkühltorten und gefrorenem Hühnerklein.
"Als Kommissionierer?" meckerte Bob. "Das ist nicht gut für den Kopf. Also, falls du einen Job suchst, ich hätte bei uns noch was frei."

Am nächsten Morgen fing ich im Turm-Hotel als Gepäckboy an. Amerikanische Touristen machten auf ihrer Heart of Europe-Tour Station in unserer Stadt. Sie waren es nicht gewohnt, ihre Koffer selbst zu tragen, vom Bus zum Hotelzimmer. Das war mein Job. Und am nächsten Morgen, bei Abreise, das ganze retour. Ich bekam pro Gepäckstück einen Dollar fünfzig, es war ein gutes Geschäft. Ein paar Wochen später war die Saison zu Ende und ich wurde Nachtportier.

Das Turm-Hotel lag in den oberen vier Etagen des Turm-Zentrums. Darunter gab es einen stadtbekannten Nervenarzt, der die verrücktesten Vögel anzog, es gab einen Edel-Coiffeur, es gab das Karstadt-Restaurant vom benachbarten Warenhaus, es gab Nebenstellen des Finanzamtes Ost. Trotzdem sprach jedermann in der Stadt vom Turm-Hotel, wenn er das 14stöckige Gebäude meinte, was wohl an der azurblauen Leuchtreklame lag, die am obersten Stockwerk Tag und Nacht brannte.

Die Rezeption war in der elften Etage. Dahinter gab es ein stickiges kleines Büro, in dem das wichtigste Instrument der Nachtschicht stand, der Kabelfernseher. Kabelfernsehen ist das Hintergrundrauschen, das sämtliche Nachtportiers der Welt durch die Nacht bringt. Sogar Damen-Tennis schaute ich mir an, meinen alten Hass-Sport. Live. US Open.

Um den pummeligen Ballmädchen in Flushing Meadows vor den Toren New Yorks besser unter den Rock gucken zu können, rutschte ich tiefer und tiefer in den Chefsessel, bis ich flach im Kunstleder lag, wie ein Käfer. Einen Versuch war es wert. Aber nachts vorm Fernseher war so ziemlich alles einen Versuch wert, was einen von den Stunden ablenkte, die noch vor einem lagen, bis um Sieben die Ablösung einmarschierte.

Wenn in Köln eine große Messe anstand, Photokina, kamen die Gäste aus aller Welt und bis früh in den Morgen. Gerade war es ruhig geworden, schellte es schon wieder. Ich stieg in die Gesundheitssandalen vom Chef und schlappte zur Rezeption. Auf dem grobkörnigen Monitorbild, das den Haupt-Eingang im Erdgeschoß im Blick hatte, erkannte ich ein Paar, Arm in Arm. Der Mann winkte fröhlich in Richtung Überwachungskamera. Das war der Droese. Der alte Hallodri.
"Ja..?" sprach ich in die Gegensprechanlage.
"Nochn Zimmerchen da, Maestro?"
Droese kam grundsätzlich in Begleitung seiner pferdescheuen Geliebten, die keinen Ton redete. Immer nur grinste.
"Ein Doppel hab ich noch", sagte ich. "Nur für Sie. Herr Droese."
Genau genommen noch ein Doppel und ein Einzel, dann war der Laden voll. Per Summer öffnete ich die Tür im Erdgeschoss und sah zu, wie die Beiden im Gebäude verschwanden.

Halbe Minute später kündete ein Gong den Aufzug an. Es gab vier Aufzüge. Es gab vier Monitore, es gab vier Etagen fürs Turm-Hotel, vier Füße trippelten erwartungsfroh zum Empfang.
"Morgen Meister!" dröhnte es im gnadenlosen Neonschein der Rezeption. "Das beste Zimmer! Und nich so ne Bumsbude!"
Das war sein Standardspruch. Das beste Zimmer. Und nich so ne Bumsbude. Immer dasselbe. Aber Droese war in Ordnung. Er schob nicht nur ordentlich Trinkgeld rüber, sondern auch eine Plauze vor sich her, die von sehr guten Eltern zeugte.
"Für Sie..", sagte ich verschwörerisch und nahm den Schlüssel vom Haken, "..nur das beste Zimmer."
Sein Blick flackerte.
"..und nicht so ne Bumsbude!"
Vor Vergnügen schlug er mit der Faust auf den Tresen, die Klingel machte einen Hopser und klingelte. Ich kassierte im Voraus.

Kaum waren die beiden weg, schellte es. Auf dem Monitor sah ich ein Taxi. Der Fahrer war ausgestiegen und stand dicht an der Gegensprechanlage.
"Ja bitte?"
"Ich hab hier einen Fahrgast aus Berlin. Habt ihr noch ein Zimmer frei?"
"Ein Einzel kann ich noch verkaufen, ja."
"Bitte was?!" Es knisterte im Lautsprecher. "Kann hochkommen?"
"Ja. Kann hochkommen."
"Okay!"

Eine männliche Gestalt stieg aus dem Wagen. Umhängetasche, unsicherer Gang. Dunkle Kleidung.
"Elfte Etage!" rief ich sicherheitshalber in die Sprechmuschel und drückte per Summer die Tür auf. Der Fahrer stieg in sein Taxi und fuhr rückwärts zur Strasse zurück. Sah irgendwie nach Flucht aus. Dann saß ich da und wartete. Beobachtete einen langen Ballwechsel in Flushing Meadows, sonst geschah nichts. Die Minuten verstrichen. Der Knabe hätte längst oben sein müssen. Ein dumpfer Gong meldete das Ankommen eines Fahrstuhls. Allerdings eine Etage höher. Ich seufzte. Im Aufzug waren extragroße Aufkleber angebracht, TURMHOTEL REZEPTION 11. STOCK, damit auch ja niemand im 12. Stock landete oder im 13. oder im 14. Oder auf dem Dach und sich kopfüber in die Nacht stürzte.

Über mir hörte ich hektisches Getrappel, dann fiel eine der schweren Zwischentüren ins Schloss, die ins Treppenhaus führte. Na schön. Dem Knaben war aufgegangen, dass er eine Etage zu weit gefahren war, nun kam er zu Fuß durchs Treppenhaus runter. Dann hörte ich nichts mehr. Niemand kam. Überhaupt niemand. Wie verschluckt, die Schritte. Ich nahm das Treppenhaus.

Als ich auf der zwölften Etage war, vernahm ich wieder Schritte, wieder über mir. Er war auf der Dreizehn. Was machte der Blödmann auf der Dreizehn?! Ich hinterher, die Treppe hoch.
Die dreizehnte Etage war komplett belegt von Mitgliedern der Staatsoper Krakau. Eine hypernervöse Mannschaft mit dicken Hälsen, die ein monströses Geschnarche angezettelt hatte, von meinem Mann aus Berlin hingegen keine Spur. Auch auf der vierzehnten Etage, nichts. Verdammt! Wie besoffen war der Kerl?? Und vor allem: Wo?!

Natürlich konnte es auch sein, dass wir uns um Haaresbreite verpasst hatten und er war längst unten an der Rezeption und klingelte nach mir. Ich durchs Treppenhaus zurück in die elfte Etage. Nichts. Niente. Niemand. Aber Getrappel: über mir! Wieder auf der Zwölf!
"ICH WERD BEKLOPPT!" rief ich.
Ich erwischte ihn im dreizehnten Stock.
"Hah!" krächzte er erleichtert.
Schwarze Ledermontur von Kopf bis Fuß, schwarze Umhängetasche. Ein Gesicht, als hätte ein Maurer darin die Spachtel liegen lassen. Unbehandelte Spanplatte, zwölf Millimeter.
"Mensch, wo muss man denn hier hin? Wat isn det hier? Dat jibts ja janich, wa, det krieg ick nich jeregelt!" rief er, froh mich zu sehen.
"Hier lang", sagte ich, ebenfalls erleichtert. Wir fuhren zur Rezeption runter.

Er war fünfundvierzig, in Solingen aufgewachsen, wohnte aber schon seit über zwanzig Jahren in Berlin.
"Da bin ick zu Hause, wa. Wedding is mein Bezirk. Aber manchmal, weeste, da krieg ick ein Tick und steig in ein Taxi und muss schnell in die Heimat, wa."
Vierhundert Mücken hatte er dieses Mal hingelegt, Festpreis. "Und det nur, um zu gucken, wat die alten Rocker so machen, wa." Er griff in seine Umhängetasche. "So, wat kost die Nacht? Wat kriegste, Chef?"
"Na.. sagen wir, dreißig Mark", sagte ich. "Ist ja nicht mehr so lang, die Nacht."
Das Einzel lag bei hundertzwanzig. Mit Frühstück.
"Fuffie!" sagte er. "Is det okay?"
Hm. Sicher. Er blieb zwei Stunden an der Rezeption, froh, dass ihm mal einer zuhörte.
"Tut auch mal jut, wa."

Wir tranken ein Bier an der Rezeption, und ich dimmte das Licht runter. Vor kurzem hatte er eine kleine Erbschaft gemacht, sein Bruder war gestorben, der noch in Solingen lebte.
"Der hat immer nur jearbeitet, wa, die Kohle beiseite jelegt. Is abends nach Hause jekommen, hat n'Abend Mutter jesagt und fernjesehen, den janzen Abend." Bis zur Zucker-Diagnose. Zuletzt musste die Mutter ihn füttern, doch noch einen Tag vor seinem Tod hat er den Fernsehapparat komplett auseinandergebaut und repariert.
Er stellte sich vor: ich bin der Helmut.
"Alter, jibt et nochn Bier?"

Er erkundigte sich nach dem Mann, mit dem er sonst immer zu tun hatte, wenn er im Turm-Hotel übernachtete.
"Sokolov?" sagte ich.
"Ja. Der verkooft hier nachts immer sein Schafskäse, so selbstjemachten Quark. Is ja ooch ejal. Ick such ne Olle, wa. So um die fuffzig, vollschlank. Hier in Solingen kenn ick ne dunkelhaarige Putze, der hab ick beim letzten Mal ne gelbe Rose jeschenkt. Is ja klar, schwarze Haare, gelbe Rose, sag ick immer. Vielleicht lad ick se mal nach Wedding ein, ma sehn, wa. In Berlin findste keine Olle, nix zu machen. Die wollen nur Mücken sehn. Berlin is falsch, wa, aber Solingen zu klein. So einfach is det."

Auf der letzten Rückfahrt nach Berlin, zurück nahm Helmut stets die Eisenbahn, saß eine Libanesin im Abteil.
"Du auch Berlin?" lachte sie. "Und dann kam die immer näher, wa." He, doch nich hier! hatte Helmut gerufen. Daheim in Wedding wurde erst mal schön gefickt. Mit allem Pipapo.
"Musste dir vorstellen, haut die Kleene mir beim Ficken immer hinten annen Kopp, hier, so mit der flachen Hand. Da musste ick echt ackern, wa, damit die endlich Ruhe jibt. Ne Berliner Libanesin, meine Herren. Meine Beiruter Trümmerfrau, hab ick zu ihr jesacht, wa, nu hör dat Kloppen uff."

Um fünf war Helmut soweit erledigt. Ich brachte ihn hoch auf sein Zimmer. Zwölfte Etage, Zimmer 34. Er stellte die schwarze Umhängetasche ab und legte sich lang. Paff. Ich half ihm hoch aufs Bett.
"Habt ihr ooch ein Kühlschrank hier?"
"Mini-Bar, sicher. Soll ich dir was bringen?"
"Na, son kleen Sekt, wa."
Ich reichte ihm einen Piccolo rüber und knipste den Fernseher an. US Open. Flushing Meadows. Die Ballmädchen.
"Sonst noch was, Helmut?"
"Dit Licht", sagte er, und zeigte aufs Nachttischlämpchen.
"An?" fragte ich.
"An."
Ich knipste das Licht an, legte die Fernbedienung in seine Hand und sagte Nacht, Helmut.
"Nacht."



*
Auf The Glumm: Ringo.
22.10.09 13:49


The Glumm zeigt

eine erste Fotostrecke von 6 Aufnahmen beim Knipser vom Kannenhof.

Merkheft Eintrag vom Montag 26. Oktober 2009.
27.10.09 16:07


Blasser Herr mit Himbeeraugen

Sie findet ihn am Strauch hinterm Gartentor: auf dem Erdboden sitzt ein Schmetterling, der seine Flügel auf und zuklappt als klatsche er stoisch Beifall, doch augenscheinlich nicht mehr vom Fleck kommt.
"Der kriegt den Hintern nicht mehr hoch", sag ich.
"Der ist in den letzten Zügen", vermutet sie.

In der Hocke beobachten wir seine vergeblichen Anstrengungen. Er gibt nicht auf, geduldig, wie Tiere so veranlagt sind. Tiere jammern nicht, Tiere stellen sich auf die Umstände ein und machen das Beste draus. Flattern im Stehen. Sind gleich platt. Nichts zu machen. Es ist später Oktober.

"Ein vornehmer Herr irgendwie", sag ich.
"Vielleicht ein bißchen blass", sagt sie. "Siehst du die schönen Himbeeraugen auf den Flügeln?"
Sie hält ihm die Hand hin und läßt ihn aufsteigen. Auf die Handinnenfläche. In the palm of her hand.
"Das ist zu kalt auf dem Boden für den armen Kerl, viel zu feucht. Der holt sich den Tod."
"Ja."

Sobald der Schmetterling in ihrer Hand ist, wird er die Ruhe selbst. Sitzt da, beide Flügel weit ausgefahren, ganz still. Ein Flieger im Hangar, während der Wartungsarbeiten.
"Der hat bestimmt Hunger, was meinst du?" sagt sie. "Was fressen Schmetterlinge?"
"Gehacktes", sag ich.

Ihre Hände sind warm, beinahe heiß, vom Malen. Wenn sie aus dem Atelier kommt, brutzeln ihre Hände abends im Bett wie kleine Pfannen, in denen Butter zerläuft. Das zischt richtig. Der Schmetterling hat das gespürt, beim Aufsteigen. Er tankt die Glut der Gräfin. Das perfekte Zwei-Flügel-Gemisch.

Ich hole die alte Sucherkamera, nicht die Digitalmaschine.
"Da sind noch zwei oder drei Aufnahmen auf dem Film, dann ist er voll und wir können ihn wegbringen."
Sie wartet unten im Garten.
"Mach hin, der wird unruhig. Ich glaub, der macht sich schon startfein.. Gleich ist er weg."

Ich schaffe zwei Fotos, eins davon mit Blitz, dann reibt er sich mit dem Fühler übers Näschen und hebt ab. Der Wind spielt Radschlagen und Pusteblume mit dem Laub der Birken und unser vornehmer Herr spielt mit, als wäre es nie anders gewesen. Er pausiert kurz an der Hauswand, dann startet er erneut in die Luft, nimmt Fahrt auf. Im dritten Stockwerk, in Höhe von Lesters Balkon, trifft er einen von Seinesgleichen, zu zweit flattern die Falter über die Dächer davon.
"Gerettet", sagt sie.


*
Zehntausende von Besuchern jeden Tag, doch die Fotostrecken, hier (2) toppen alles.
28.10.09 17:03


Fotos

29.10.09 12:33


Noch mehr Fotos

Die Fotostrecke 4 zeigt u.a. eine Verfolgungsjagd, Füße und Tag, ihr Lügner.
30.10.09 16:34


s



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