Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Scheiße belgisch

22.00
Donnerstagabend. Ich erscheine pünktlich zum Nachtdienst. Pümacher, mein hochgewachsener braungebrannter Chef, der mit Vorliebe Puffkettchen zum gardinenweißen Blouson trägt, sitzt vor der Kasse und zählt das Geld.

"In Zimmer 40 wohnt ein Inder oder so", sagt er und seine Unterlippe hängt durch wie ein römischer Torbogen, "irgendwo von da unten am Ganges, der steht alle halbe Stunde hier an der Rezeption und will wissen, ob ein Fax für ihn eingelaufen ist. Ich mein nur, falls Sie sich wundern, wenn heut Nacht ein Inder aufkreuzt und dumm fragt."

Mit den wichtigen Dingen kommt Pümacher wie gewöhnlich erst zum Ende der Übergabe rüber, und wie gewöhnlich tut er es in einem Nebensatz.
"Ach, übrigens, Herr Klump..", er hat sich in fünf Jahren nicht merken können, wie ich richtig heiße, jetzt werde ich einen Teufel tun, ihn zu berichtigen, "der Fernseher im Büro ist kaputt."

Erst denk ich, Pümacher will mich vergackeiern. Er stammt schließlich aus dem Sauerland. Die haben einen seltsamen Humor, die Sauerländer. Da hat man nichts zu lachen. Da guckt man nur doof.
"Wie, kaputt..?" sag ich.
"Na, kaputt. Tut's nicht. Tote Kiste, und ne Buddel voll Rum. Haha!"

Einen Moment lang gerate ich ins Taumeln, denn die ganze
verheerende Härte, die aus diesem Nebensatz spricht, entfaltet sich beim Blick auf den Belegungsplan, der vom Neonlicht angestrahlt hinter der Rezeption ausliegt: Das Hotel ist komplett ausgebucht! In 42 Zimmern stehen 42 wunderbar intakt verkabelte Farbfernseher, von denen ich keinen einzigen abziehen kann, weil die Gäste alle selbst fernsehen wollen! Die haben dafür die Eurocard gezückt!

"Aber keine Panik, morgen früh ruf ich den Reparaturdienst an", höre ich den Chef flöten, "damit Sie wenigstens morgen Nacht fernsehen können, was, Herr Klump?!"


22.30
Der Chef hat sich mit 17 Mann auf des Totenmann's Kiste und ne Buddel voll Rum und einem Schwall Hauptsätze verabschiedet, von dem ich jeden einzelnen wieder vergessen hab. Jetzt hock ich frustriert hinter der Rezeption und lausche dem Regen, der im Büro gegen die Fensterscheibe pleestert. Eine Etage über mir, im zwölften Stock, fällt eine Tür ins Schloss. Vermutlich geht ein Gast eine Runde pinkeln, weil Einsatz in Manhattan gerade von Werbung unterbrochen wird. Es regnet konstant. Sonst ist es totenstill. Nicht mal ein Moped knattert durch die Stadt. Vielleicht dürfen spätabends keine Mopeds durch die Stadt knattern. Ich weiß das nicht. Ich guck normalerweise fern um diese Zeit. Ich kämpfe mit den Tränen.


23.50
Ein Nachtportier ohne Fernsehapparat, das bedeutet schlechtes Karma fürs ganze Hotel. Die Gräfin ist ohnehin der Überzeugung, ich würde mit meiner schlechten Laune die ganze Atmosphäre verpesten, weltweit, wenn ich Nachtdienst hab. "Kündige endlich deinen Job, dann geht's der ganzen Welt besser!"
In der Tat fällt es mir nicht leicht, die Contenance zu wahren. Wer hat meinen schönen Telefunken ermordet?


00.45
Ich sitze im Neonschein der Rezeption wie ein gealterter Pinocchio, das Gesicht erstarrt. Ich fühle mich wie ein letzter Lungenzug im Aschenbecher. Wie gerne würde ich mir jetzt Bindenwerbung auf Vox anschauen mit Olga Lipinsky, der Pionierin der blauen Ersatzflüssigkeit. Oder Theo Kojak, Einsatz in Manhattan, die sechzehnte Wiederholung von Folge 102 auf Kabel 1.

Als Deutscher ließe sich vor der amerikanischen Einwanderungsbehörde durchaus geltend machen, dass man aufgrund langjährigen TV-Konsums ja quasi schon US-Amerikaner sei, wenn auch ein ein durch und durch synchronisierter. Besonders die tiefe deutsche Stimme meines grössten TV-Helden Lieutenant Theo Kojak vermisse ich heut Nacht. Niemand sonst kann, den Lolli im Mundwinkel rotierend, einen Verdächtigen so lässig und sonor abkanzeln:
"NA, WER KOMMT DENN DA AUS DER JAUCHE GEKROCHEN..? SETZ DICH, DU MÜLLHAUFEN!"


02.45
NACHTPORTIER ERSCHLÄGT 42 HOTELGÄSTE IM SCHLAF UND SETZT SICH SEELENRUHIG VOR ALLE 42 FERNSEHER! NACHEINANDER!

Täter sauer: "Ich hatte nur 41 Programme drin."


03.30
Aus Langeweile beschrifte ich im Frühstücksraum sämtliche Marmeladentöpfe in Schönschrift. Blaubeere. Aprokose.
Johannisbeer-Gelee. Bei Aprikose verschreibe ich mich extra, damit ich das Schildchen noch einmal beschriften darf, diesmal richtig. Aber erst nochmal falsch.


04.10
"Have you any message for me?" erkundigt sich der Inder, der sich als pakistanischer Waldorf-Lehrer mit Segelohren entpuppt, zum dritten Mal an der Rezeption, und ich lasse ihn die Frage fünfmal wiederholen, bis er stirnrunzelnd abzieht.


04.11
Wie ein Torhüter, der wild entschlossen seinen Strafraum bewacht, bewege ich mich vorm Überwachungsmonitor hin und her. Das grobkörnige Bild zeigt abwechselnd den Hotel-Eingang, den Eingang zum Parkdeck und die Zwischentür zu den Aufzügen. Es passiert nichts, überhaupt nichts. Eigentlich passiert noch nicht mal nichts. Einmal beobachte ich zwei Nachtfalter, die hart gegen die Kamera anflattern. Was für ein Pack.


04.15
Hitze rotzt über mein Gesichtsfeld, von einem Ohr zum anderen! Das ist mein Kreislauf. Weil ich mich so furchtbar aufrege.


06.00
Noch eine Stunde, dann ist es geschafft. Dann sind neun fernsehfreie bange Nachtstunden um. Keine Ahnung, wie ich das bewältigt habe.


06.15
Zum Schluß häng ich eine Dreiviertelstunde in meinem verwaisten Fernsehsessel und glotze konsterniert in den kaputten TV-Apparat. Immerhin, das kleine rote Stand-by-Licht funktioniert. Und wie es leuchtet, in welch herrlich funkelndem Rot, das kleine unschuldige Lichtlein! Ich geh ganz nah ran an den Apparat und flüstere zärtlich, "oh moi rouge, mon television.." Ich weiß auch nicht, ich werde immer so scheiße belgisch, wenn ich sentimental bin.


*
Zum 1. April 09: 38 Osborne mit Thomas Kling
+
Nase No. 1 mit Rainer Werner Fassbinder
1.4.09 15:02


500beine unterwegs..

Zuckerwürfel, Handy, Streunerseelen in der Schweizer Blogbibliothek.
Daphne P. bei Miss Tilly.

Und bei Glumm.
1.4.09 17:54


Marktlücken

Nach dem Termin auf dem Arbeitsamt traf ich Karlos in der alten Bahnhofskneipe. In der Mitte stand ein Pool-Billard mit rotem Tuch, es war so gut wie nie was los. Maggie, die monströse Wirtin, ein echtes Vieh, das einen weiten roten Wollrock trug und immer neugierig war, servierte zweimal Rentnergedeck, zwei Kölsch, zwei DB.

DB, ein Kräuterschnaps, verursachte schlimme Kopfschmerzen, aber er knallte. Karlos war von DB mal dermaßen besoffen gewesen, dass er nachts im Hause seiner Eltern auf den Dachboden kletterte und alle Ecken vollpisste, weil er dachte, da wäre das Klo, da irgendwo.

"Und?" meinte er.
"Na, nix. Im April hab ich neuen Termin."
"Im April..? Pfft.."

Karlos, der ab und zu auf dem Friedhof arbeitete, als Sargträger, kippte den DB runter und winkte ab.
"Ich hab diese Woche erst einen unter die Erde gebracht." Er schüttelte sich. "Im Frühjahr will kein Schwein abnippeln. War schon immer so. Kann man nix machen."

Ich ging zur Musikbox und drückte I don't like Mondays, während Karlos sein Furunkel knetete, das ihm rechts von der Schläfe wuchs.
Ein Grützbeutel, ein Mordsteil.
"Das musst du aufstechen lassen", hatte auch der dicke Hansen gemeint, der sich auskannte mit Wucherungen, aber Karlos fürchtete sich, zum Arzt zu gehen.
"Nee, das Ding fällt von allein ab. Achtet mal drauf."
Wir achteten schon seit Weihnachten drauf.

"Abballern müsste man die Scheintoten!" motzte Karlos plötzlich. "Über den Haufen knallen, dann hätte ich genug Beerdigungen, verdammt!"
Er kassierte 20 Mark pro Beerdigung, cash. Ich begann gleich zu rechnen. Kopfrechnen war meine Spezialität seit der Grundschule. Da war ich eins a drin, immer noch.
"Wieviel Alte leben bei uns im Viertel?" holte ich zunächst mal relevante Informationen ein. "Was meinst du?"
"Keine Ahnung. Zweitausend vielleicht. Was weiß ich."
"Gut. Wenn wir alles abknallen, was Rente kriegt, wären das zweitausend Beerdigungen. Zweitausend mal zwanzig Mark macht vierzigtausend. Zwanzig Riesen für jeden."
Karlos, fix am Glitzern, wenn ihn nicht gerade sein träger Darm lahmlegte, klatschte sich auf die Schenkel.
"Mittags mit der Wumme hinterm Aldi lauern und alles von der Platte blasen, was über siebzig ist und am Stock geht!" Er johlte vor Vergnügen. "Oder über sechzig und keinen Stock! Noch besser!"

"Quatsch, wir haben keine Wumme", bremste ich die Euphorie. Das war mein Job in unserer Freundschaft. Karlos glühte vor Begeisterung, ich war skeptisch, selbst wenn es meine Idee war. Wo Marmorkuchen draufstand, war kein Marmor drin. Nicht unbedingt. Außerdem waren wir zu laut. Maggie, das Monster, brauchte nicht alles mitzukriegen. Sie wusste eh schon zu viel.

Ernüchtert nippten wir am Bier.
"Ohne Gummi kein Radieren."
Wir spülten den DB hinterher. DB stand für Deibels Bitter, Platt für Teufels Bitter. Oder Drietlooks Bitter. Scheißloch Bitter. Und was Karlos betraf: für Dach-Boden.

"Omas abballern ist sowieso Schwachsinn", sagte ich, "wo es Bonzen gibt, die nur darauf warten, ihr Geld los zu werden. Vielleicht.. ich mein, wir leben im Zeitalter der Dienstleistungen. Wir brauchen was ausgefallenes, was wir anbieten können.."
Wir überlegten, was man alles anstellen könnte, um an das Geld reicher Säcke zu kommen, es kam jedoch nichts dabei herum außer krummen kleinen Ideen ohne Hand und Fuß, aber das war nicht wichtig, wir hatten Spaß und die Zeit verging.

Das Burgfräulein wunderte sich oft, was Karlos und ich immer zu bekakeln hatten, wenn wir stundenlang den Tresen blockierten, wie siamesische Zwillinge.
"Na, wir quatschen halt, wie das so ist unter Freunden", antwortete ich.
"Das ist aber mehr als nur unter Freunden. Dass ihr beiden euch nicht gegenseitig die Zunge in den Hals steckt, ist alles."
Sie war eifersüchtig, weil ich in ihrer Gegenwart eher mundfaul war, doch das lag daran, dass ich sie zwar mochte, aber sie bedeutete mir nichts. Mit Menschen, die einem nichts bedeuten, schmiedet man keine Pläne. Nicht mal dämliche.

Ich schielte zum Tresen. Das Monster spülte Gläser. Jedenfalls tat es so. Vermutlich beobachtete es uns. Es verfolgte jedes Wort. Wir waren Fernsehen für Maggie. War ja sonst nichts los.

"Wie wär's mit ner Filmproduktion, die Pornos auf Bestellung filmt?" sagte ich leise.
Karlos rückte näher.
"Auf Bestellung? Was meinst du?"
Er glühte wie eine Heizdecke, aber nur auf einer Backe, auf der linken. Die rechte Backe war käsebleich. Da stimmte was nicht, mit seinem Blutkreislauf. Da fehlte der zweite DB. Ich orderte ein zweites Rentnergedeck. Zwei Kölsch, zwei DB.

Karlos Gesicht war jetzt so nah, ich konnte die Krater zählen. Die Einschläge der letzten Jahre. Ich war bei den meisten dabei gewesen, wenn sie am Tresen entlanggepfiffen kamen und dann im Antlitz explodierten.
"Auf Bestellung? Was meinst du?"
"Na, ein arabischer Öl-Multi sucht einen Sexfilm mit Kamelen und findet nichts, also schickt er uns seinen Wunschzettel, mit wieviel Viechern er es am liebsten hat, sagen wir mit zehn Eseln auf einer Mutter, und dann.."
"Wieso Eseln? Ich denk, Kamele?" warf Karlos ein.
"Ist ja nur ein Beispiel."

Karlos hatte andere Pläne.
"Wir bieten endlich unser Trainingslager an!"
"Hm?"
"Ja, hier, unser Wochenend-Seminar, Wie werd ich kaputtgeschrieben? Von Freitag bis Sonntag Kippen rauchen und Schnaps saufen, und Montagmorgen direkt die Rente einreichen. Wird in 70 Prozent genehmigt."
"Ist wahr?"
"Keine Ahnung."

"Na, die Frührentner am fachsimpeln?" frotzelte das Vieh und stellte das nächste Gedeck ab. "Darf ich dann mal abkassieren? Viermal Rentnergedeck, macht zusammen zwölf Mark."

Karlos zeigte sein Furunkel und knetete, ich schlurfte schnell zur Musikbox. Die war so verdammt leise.
"Frau Wirtin, wo kriegen wir denn ne scheiß Wumme her?" hörte ich Karlos Informationen einziehen.




*
Bei Miss Tilly kocht die Gräfin einen Speck-Pfannkuchen.
4.4.09 16:42


Männerfinger

Ich war elf, und Erdgeschoß links lebte dieses Paar, das war in der ganzen Straße verrufen. Sie war groß und dünn und trug Minikleider aus Lack, ihr Haar war mal hennarot und kurz, mal kompliziert und kraus, und er war ein kleiner Mann mit Stirnglatze und riesiger krummer Nase. Ich mochte ihn nicht. Ich ging ihm aus dem Weg.

Mit meinem Doppel aus Locken und vollen Lippen machte ich ersten Eindruck auf Schwule, eine nervende Geschichte, die erst aufhörte, als ich Mitte zwanzig war und Drago, der verrückte schwule Kellner, ein letztes Mal für mich tanzte.
"Nur für ein Küsschen", krächzte er, "und einmal die Nüsse lutschen!"
"Drago, hau ab", stöhnte ich. "Und jetzt, tanz!"

Es war Mittagszeit, ich kam aus der Schule. Der Nachbar stand im Hausflur, vor der offenen Wohnungstür. Seine Nase war so krumm und groß wie in den Karikaturen, die ich im Geschichtsbuch gesehen hatte. Plakate, auf denen die Nazis Juden verhöhnt hatten, als Geldabschneider, und allen war dieser riesige Zinken ins Gesicht gezeichnet, und aus den Nasenlöchern wucherte schwarzes Haar.

Ob ich mal anfassen könne. Nur mal eben. Alleine ginge das nicht. Ein Sessel. Eine Couch. Ich weiß nicht mehr. Ich erinnere mich aber, dass ich einem ersten Impuls folgend einfach weitergehen wollte, hoch ins zweite Obergeschoß, wo wir wohnten.
Dass ich nein sagen wollte.
Andererseits, er wohnte im selben Haus. Da würde er, den ich für uralt hielt, der aber vermutlich nicht mal vierzig war, mir schon nichts antun. Er hatte eine Frau. Ein Mann mit einer Frau hatte kein Interesse an einem elfjährigen Jungen. Ein Mann ohne Frau, vielleicht.

Er führte mich ins Wohnzimmer. Er trug eine graue Stoffhose. Sie war eng. Ich sah seinen Schwanz. Wir setzten uns. Der Schwanz war weg.
Er bot mir was zu trinken an.
"Limonade?"
Ich schüttelte den Kopf. Wo war das Möbelstück, das wir zu zweit tragen sollten? War es dieses Sofa, auf dem wir saßen? Ich wollte die Sache hier erledigen und hoch gehen. Es war Mittagszeit. Ich war hungrig. Natürlich hatte ich Durst.

Der kleine energische Mann rückte näher. Ich sah seine Schläfen zittern, sie pochten wie ein Kraftwerk, da wurde auch mir heiß: Hitze durchschlug meinen elfjährigen Körper, vom Kopf durch den Bauch bis in die Zehspitzen, wie ein Blitz. Es war wie in diesem lähmenden Moment, als mich der Ladendetektiv von hinten am Schlafittchen gepackt hatte, vorm Kaufhof: "Darf ich mal in deine Tasche sehen?" und ich wusste, Scheiße, jetzt ist es passiert.

Jetzt passierte es: er begann, mit seinen knochigen Männerfingern meine Schenkel zu streicheln, ungeduldig. Seine Augen waren voller Wasser. Reptilienhaut überzog seine Nase, den archaischen Felsen. Ich sprang auf, schnappte den Schultornister und rannte so schnell ich konnte zur Tür. Ich drückte die Klinke runter, riss die Tür auf (sie war nicht abgesperrt!) und sprintete die Treppe hoch, alle neunundachtzig Stufen, die ich so oft gezählt hatte, Stufe für Stufe, wenn ich von der Schule kam. Oder vom Fußball. Oder.

Oben angekommen klingelte ich Sturm. Meine Mutter stand in der Küche, Töpfe klapperten, das Radio plärrte, sie hörte mein Schellen nicht. Im Erdgeschoß unten schlug die Etagentür zu, Schritte hallten durchs Treppenhaus. Ich klingelte und klingelte. Tapp! tapp! tapp! kam er näher, endlich öffnete meine Mutter und die Schritte stoppten, kehrten um, auf der Stelle.

Am liebsten wäre ich Mutter um den Hals gefallen. Stattdessen blieb ich still. Ich war verwirrt. Da wäre beinah etwas verbotenes geschehen, und ich fühlte mich schuldig. Ich hätte ja nicht mit ihm reingehen müssen. Es war meine Schuld gewesen. Mein Herz drückte und klopfte. Ich sagte kein Wort. Nicht an diesem Tag, nicht am nächsten Tag. Ich hab niemals ein Wort darüber verloren.

Das Paar zog später aus, der Mann ist mir aber noch mehrfach über den Weg gelaufen. Er erkannte mich nicht, oder er tat jedenfalls so, als wäre ich Luft, doch jedes Mal, wenn er mir begegnete, auf irgendeinem Bürgersteig, stur an seiner Zigarette ziehend, fuhr mir der Schreck in die Knochen. Für einen winzigen ersten Augenblick war ich wieder elf, Männerfinger betatschten meine Schenkel.

Noch mit zwanzig ist mir das passiert, als ich ihn längst um Haupteslänge überragte und mühelos hätte umhauen können, zur Strafe. Ich bin schuldig bis heute.

Dass ich es nie getan hab.
6.4.09 18:14


Paraguay

Manchmal geht man der Straße entlang und sieht Kinder irgendwas spielen, was man als Kind auch gespielt hat, dann freut man sich. Dass man sofort einsteigen könnte, eine Runde mitspielen. Völkerball zum Beispiel. Wenn die einen nur ließen, Saubande.

Manchmal erfinden Kinder auch ein neues Spiel, das kennt man nicht. Dann bleibt man stehen und guckt eine Weile zu.
"He, wie heißt das Spiel?" ruft man.
"Wer hat Angst vor der weißen Frau", geben die Kinder flüsternd zurück.
Ach so, ist kein Spiel. Ist die Lehrerin dahinten.

Wenn ich im Klauberg am großen Bolzplatz hergehe, auf dem Weg zu meinen Eltern, freu ich mich, wenn der Platz voll ist und die Kirsche rollt. Auch wenn es nicht mehr der original staubige 70er Jahre-Platz ist, von dem das Klockern der Stollen unter den Fußballschuhen schon von weitem zu hören war. Der Platz ist längst mit Kunstrasen überzogen, der sämtliche Begleitgeräusche des Fußballspiels schluckt, außer der Grätsche von hinten vielleicht, in die aufplatzende Hacke. So ein Sound läßt sich nicht schlucken. Das sprudelt zu sehr.

Als ich sieben wurde, meldeten mich meine Eltern im Fußballverein an, beim RSV Kohlfurth. Den vereinseigenen Platz, eine Pferdekoppel heute, konnte man von unserer Wohnung aus sehen, man musste nur aus dem Küchenfenster gucken: Da war er, unten im Kohlfurther Kessel, Entfernung Luftlinie einen Kilometer. Ein Versprechen. Eine Verheißung.

Manchmal stand ich Sonntagvormittags mit dem Feldstecher von Carl Zeiss am Küchenfenster und guckte mir ein Spiel unserer Ersten Mannschaft an, aber nur die ersten Minuten, dann wurde mir das zu anstrengend und ich ging vor die Tür, irgendwo ein Eins Null schießen.

Der Platz in Kohlfurth war in der Mitte ein Aschenplatz und an der Rändern ein Rasenplatz. Er war nicht Fisch, nicht Fleisch, oder er war Fisch und Fleisch, ganz wie man will, jedenfalls war der Acker gefürchtet bei den Gastmannschaften, die mit dem Belag nicht klar kamen, mit dem ständigen Wechsel von Rasen zu Asche.

Ich habe heute noch beide Knie voller schwarzer Aschekörner und Wiese.

1969, ich war neun Jahre alt, zogen wir um zur Schillerstraße. Ich blieb dem RSV treu, konnte aber den Platz nicht mehr sehen, wenn ich aus dem Küchenfenster guckte. Dafür fand ich in der neuen Siedlung schnell Kumpel, die ich mitnahm zum RSV, Pille Hilger und Wiwi Wupperbusch.

Wir waren Fußball-Affinados, Fußball war unser Leben. Wenn wir kein Training hatten und kein Spiel, trafen wir uns unten im Klauberg, auf dem großen staubigen Bolzplatz, und spielten Fußball bis es dunkel wurde, oder einem von uns leierte die Achillessehne aus. Ein Gefühl, als hing einem ein Schwarm Mücken an der Ferse, mit Rüsseln aus schwarzem Eisen.

Bei schlechtem Wetter blieb nur das Kinderzimmer, wo ich meine eigene Bundesliga ausspielte. Als Tor diente ein Cocktailtisch, der heute noch neben meinem Bett steht: 1 Meter lang, 50 Zentimeter hoch, mit einer dicken Tischplatte, die eine perfekte Latte abgab.

Ich schoß am liebsten gegen die Latte, weil der Ball dann krachend zurückprallte ins Zimmer und ich die Pille im Nachschuß versenken konnte, volley in den Winkel. Oder nochmal vor die Latte, das war das Größte.

Vorm Tor plazierte ich kleine Kissen, die sollten Torwart und Abwehr darstellen. Auf dem Spielfeld lagen noch mehr Kissen herum, als Gegenspieler, die ich geschickt umdribbeln musste. (Hör das Fummeln auf, Glummi!, brüllten die Zuschauer, doch die Kohlfurther Doppel-Locke ließ sich nicht beirren und setzte sich gleich gegen vier Gegenspieler durch, so lässig und so locker, als wären es Sofakissen!)

Ich spielte auf Strümpfen und beschäftigte während der Partie (2x5 Minuten) einen Reporter in meinem Kopf, der außergewöhnlich sonor das Geschehen im Stadion kommentierte. Bei entscheidenden Spielen auf dem (grünen!) Teppich, wenn es also um die Wurst ging oder den Europa-Cup, artete die Berichterstattung in meinem Kopf schon mal zum Krieg aus, aber mit Shakehands nach dem Abpfiff.

Die konnte ich mir auch leisten, die Shakehands, holte doch der RSV Kohlfurth mit Andreas Glumm als Mittelstürmer und Spielmacher in Personalunion sowohl den deutschen als auch den europäischen Meistertitel sowohl 1970/71 als auch 1971/72 und 1972/73. Zudem wurde A. Glumm (Kohlfurth) dreimal hintereinander Torschützenkönig aller Klassen, also sowohl als auch.

War es bei all dem Erfolg verwunderlich, dass meine Passion für Fußball mehr und mehr dem trostlosen Bundesliga-Alltag wich? Genau, ich sattelte um und wurde Anhänger der Popmusik.

Es dauerte nicht lang, und ich stellte mit dem gleichen Fanatismus Samstag für Samstag meine eigenen Pop-Charts auf, und mein Heft mit den Tabellen, wo der RSV so grandios über Europa geherrscht hatte, ging verloren.

Ich würde heute ein stolzes Sümmchen dafür bieten, das mir jemand leihen müsste, hätte ich das dicke schwarze Heft noch mal in den Händen, voller Statistiken und Zuschauerzahlen und kurzen Spielanalysen, doch es ist verloren, wie viele Dinge meiner Kindheit. Eigentlich ist alles verloren von früher. Blödsinn, meint die Gräfin. Nichts ist verloren. Du bist durchdrungen von deiner Kindheit. Das ist dein Kapital.

Nein, das Heft ist verloren. Das Heft ist weder bei meinen Eltern im Keller noch bei uns auf dem Speicher, und damit sind die Möglichkeiten, wo es sein könnte, ausgereizt und total erschöpft. Ich vermute, es ist irgendwann achtlos entsorgt worden, wie eine x-beliebige Sozialkunde-Kladde. Ich finde, so etwas darf nicht sein. Papiere aus der Kindheit sollten weltweit und zentral archiviert werden. Und wenn man dafür eigens ein ganzes Land reservieren müsste, nur für Kinderpapiere, in der Größe Paraguays. Dann könnte man aber da anrufen und sagen, hier, mein Name ist A. Glumm, ich war 70/71, 71/72 und 72/73 Torschützenkönig in meiner eigenen Kinderzimmerbundesliga, sucht das mal raus und schickt das rüber, danke sehr.

Damit nie wieder so etwas trauriges passieren kann, wie mit dem RSV Kohlfurth und ihrem verlorenen Goalgetter.



*
"Eigentlich", sagt die Gräfin, "finde ich Säugetierdasein doof. Dieses Aufwachsen in einem fremden dominanten Mutterkörper. Irgendwie eklig. Auch faszinierend, mit der Nabelschnur und alles, klar. Aber so als Pflanze reifen, das ist doch ordentlicher. Oder als Ei."

(from The O-O-Leg by Senor Glumm.)
11.4.09 17:35


Langeweile mit 23

Als sie aus dem brackigen Wasser des Ententeichs steigt und ihr Fell schüttelt, gleicht Frau Moll einer Südseeperle, wie sie da in der Sonne steht, in ihrem grünen Hula-Hula-Röckchen voller Entengrütze.
Sie ist gemeinsam mit Taylor, einem stämmigen Schäferhund-Rüden aus der Nachbarschaft, in den Teich gesprungen, aber wo Taylor abgeblieben ist, weiß ich nicht, möchte ich auch nicht wissen, wie der aussieht, wenn der wieder auftaucht, der alte Schlick-Minister.

Wir verlassen die Spinatbucht und schlagen den Weg zur Margaretenstraße ein, entlang den alten Straßenbahnschienen. Erreichen bald einsames, vertrautes Terrain. Wo ich groß geworden bin.

Wo ich mit Pille Hilger und Wiwi Wupperbusch die erste Zigarette geteilt habe, eine überwürzte Attika, und einmal hing im Gebüsch dieser vollgewichste Pariser, der als Gesprächsthema für eine ganze Woche herhalten musste, bis sich endlich herausstellte, dass ich es gewesen war, der das Kondom aus der Schlafzimmerkommode seiner Eltern stiebitzt hatte, und mit Spucke aufgefüllt.

Was auch der Grund gewesen war, warum ich mich getraut hatte, den Pariser in den Mund zu nehmen und aufzublasen, vor den Augen von Pille und Wiwi, die sich abdrehten, weil ihnen sonst schlecht geworden wäre, und der dicken Patrizia, die, immerhin, hatte große Augen gemacht.

1969 war das, als die Straßenbahn ihrer rumpelnde Abschiedsfahrt absolvierte, die ganze Strecke war mit Wimpeln ausstaffiert, danach wurde der Linienverkehr eingestellt. Die Schienen sind verschwunden, aber Schottersteine liegen noch herum, auf diesem Teilstück, und wenn man sich mit der Schuhspitze durch das Geröll gräbt, hört man noch das metallische Quietschen der Straßenbahnräder, das freundliche Brummen der Schaffner, eine Mark bis Endstation, der Hund kost' extra.

Die Vergangenheit ist immer bloß eine Schuhspitze entfernt.

Frau Moll läuft gelangweilt voraus. Sie ist lieber querfeldein unterwegs, die Nase tief im Morast, ne Zecke im Pelz, hechelnd. Moment mal.. Die Fresse da vorne, ist das nicht..? ja klar ist der das! Das ist der blöde Malorney, den früher alle nur den Major genannt haben..

Der Major kommt mir übers Geröll entgegen, mit einem kleinen Hund an der Leine. Ich lach mich tot. Wohnt der immer noch hier, das alte Muttersöhnchen! Ist nicht einen Kilometer Luftlinie weiter weggezogen, so wie ich.

Ab und zu seh ich ihn auf seinem Zwanzig-Tonner-Diesel durch die Stadt brettern, dann grüßt er lässig, die Hand an der Schirmmütze.
Er fährt für eine Tiefbaufirma.
"Was macht dein Bruder?" fragt der Major. "Arbeitet der immer noch in der Klinik?"
"Du meinst meinen Cousin. Mein Cousin ist Arzt, nicht mein Bruder. Der ist kein Arzt."
Der Major ist irritiert.
"Ja.. der da."
"Nee, mein Cousin arbeitet nicht mehr in der Klinik. Der arbeitet woanders."
"Och, auch gut. Hauptsache Arbeit."

Malorney hat ein schiefes Gebiss, als hätte der liebe Gott eine Handvoll Zähne in einen Würfelbecher geschmissen und dann zum Major gesagt, "hier, sperr mal den Mund auf, du Blödmann."

Frau Moll beschnuppert den kleinen Hund, der brav beim Herrchen sitzen bleibt, und verschwindet hochnäsig im Gebüsch, in den Resten ihres spinatgrünen Hula-Hula-Röckchens, während der Major eine langsame Pirouette im Geröll dreht. Mh? Ist denn mit dem los? Hat der sie nicht mehr alle? Ob das vom Lastwagenfahren kommt? Von den vielen Kurven?

"Hier geht alles den Bach runter", höre ich ihn sagen, und da geht mir auf, dass er schon die ganze Zeit quasselt. Das sind keine Pirouetten, die er da dreht, das ist Gequassel. Der quasselt sich im Kreis. "Auf dem Bau ist tote Hose, und sogar das Turm-Hotel hat dicht gemacht."
"Turm-Hotel??"
Ich bin baff.
"Seit wann?!"
"Na, seit.. letztens", sagt der Major, überrascht von meiner Überraschung. "Stand doch gestern überall in der Zeitung. Der Pächter hat das Handtuch geworfen. Geht doch alles den Bach runter. Das wird doch sogar abgerissen, das Turm-Hotel. Kommt ein neues Einkaufszentrum hin."
Du Scheiße. Ich krieg nichts mehr mit in diesem Nest.

"Ich hab da mal gejobbt", sag ich, doch das interessiert den Major nicht.
"Ich fahr wieder für den Konitzka. Für den bin ich schon mal gefahren, acht Jahre lang. Und als ich mich letztens wieder vorgestellt hab, weißt du was der Alte da zu mir sagt?"
"Nee."
"Malorney, hat der Alte gesagt, du weißt ja, wo der Schnaps steht! Mahaaa!! Gut, ne?"

"Dann ist das Hotel also pleite", sinniere ich.
Ich glaub, sein Hund ist blind. Er guckt so stumpf.
"Ja klar. Wir haben auch Kurzarbeit. Ist ja nix zu tun", meint der Major, "auf dem Bau."
Er dreht sich wieder um die eigene Achse, dass das Geröll knarzt. Ein Gerölltänzer. Klare Sache.
"Nee, klar", nicke ich zustimmend.

Die dicke Patrizia wohnte am Ende der Margaretenstraße. Sie war das erste Wesen, das mir die Möse gezeigt hat, hier im Gebüsch an den alten Straßenbahnschienen. Dahinten, wo es früher zum Tunnel ging, den sie erst zugeschüttet haben und dann abgerissen.

Wahrscheinlich hatte die dicke Patrizia damals ein Tauschgeschäft im Sinn: ich zeig dir meins, du zeigst mir deins, aber dann hatte ich ihres gesehen, das reichte, also drehte ich mich um und ging verstört nach Hause, erstmal baden. Erstmal den Schmutz runterspülen, nach dem Sex.

"Morgen muss ich noch mal auf den Bock, dann ist Wochenende. Ich fahr Drei-Tage-Woche. Ist nix zu tun auf dem Bau."
"Nix zu tun, klar", sag ich in Gedanken.
Das Turm-Hotel ist dicht. Die olle Lulatsch-Bude. Das riesige Einwegfeuerzeug. Ich lach mich tot. Abgerissen.

Ha.

Die dicke Patricia hab ich mal angerufen, Jahre später. Erst druckste ich herum, dann rückte ich mit der Wahrheit raus.
"Ich wollte dich schon immer mal bumsen", sagte ich, da war ich dreiundzwanzig und immer scharf, wenn ich Langeweile hatte. Ich hatte andauernd Langeweile mit dreiundzwanzig.
"Dann komm doch vorbei", sagte sie, nachdem wir uns eine Weile unterhalten hatten. "Aber wer bist du überhaupt?"
"Wirst du dann schon sehen", antwortete ich, ein bißchen enttäuscht, dass sie mich nicht an der Stimme erkannte hatte.

Die Woche drauf besuchte ich sie. Ich hatte eine Trainingshose angezogen, als wäre ich als Jogger unterwegs. Nur zufällig in der Nähe.
"Ach, DU bist das..", meinte sie, als sie die Tür öffnete, und grinste. Ich grinste zurück. Wenn man zusammen aufwächst, hat man den gleichen Humor. Gottseidank. Auch später noch.

Wir kippten ein paar Schnäpschen und dann dauerte es auch nicht lang und wir waren nackt. Sie legte eine Platte mit Musik von Tschaikovsky auf.
"Kennst du Tschaikovsky?"
"Tschaikovsky? Schon. Aber nur den Namen."
Klassische Musik brachte mich zum Lachen, und Patrizia war noch dicker als früher.

Sie war so fleischig, ich wusste nicht, was gehörte wohin. Waren das noch Schenkel, die ich da knetete, oder gehörte das schon zum Buckel? Sie war ein freundliches riesiges Gebirge, ein Himalaya, aber ich war kein Alpinist. Überall lauerte Abgrund, es ging steil bergab. Ich sah sie vor mir, wie sie als kleines Mädchen im Gebüsch gestanden hatte, mit forscher Geste. Und jetzt das.

Sie hat mir dann erstmal einen geblasen, zur Auflockerung. "Musst keine Angst haben", sagte sie.
Ich war dreiundzwanzig. Mir war langweilig, andauernd. Ich kam insgesamt dreimal und sie zweimal, dann bin ich gegangen in meiner adidas-Trainingshose, mit einem 3:2-Auswärtssieg in der Tasche, im Lokalderby. Ich glaube, wir alle waren zufrieden.

Wir verabschiedeten uns mit Handschlag.
15.4.09 11:11


Why did you do it

In den frühen 80ern fuhr Alfredo einen staubigen alten Leichenwagen, den er einem pleite gegangenen Bestattungsunternehmer für anderthalb Tausender abgeluchst hatte.
Die Leiche, wie Alfredo den fast sechs Meter langen Mercedes taufte, hing hinten durch, vom Gewicht der vielen toten Seelen und schweren Särge, die Ledersitze waren brüchig und der hintere Sargraum übersät mit Zigarettenstummeln.

Eigentlich hatte Alfredo die Leiche hauptsächlich für Whiskey angeschafft, seinem imposanten irischen Wolfshund, damit der schön Platz hatte, wenn sie auf Reise gingen, doch kaum hatte sich Whiskey mit der Schaukelei auf dem Notsitz abgefunden, geschah ein Unglück.
Er sprang aus dem Fenster von Alfredos Erdgeschoßwohnung an der Schwertstraße und geriet unter die Räder eines Taxis. Er war auf der Stelle tot.

Alfredo starb zwanzig Jahre später, mit 42, und ich hab mir nie verziehen, dass ich ihn nicht grüsste, als ich ihn das letzte Mal in der Stadt sah. Dass ich nicht zu ihm rüber gegangen bin, dass ich nicht die Straßenseite wechselte, wie sonst auch, für ein paar Worte.

Er schleppte sich über die Straße, er war todkrank. Ich wusste von den horrend hohen Leberwerten, von der Zirrhose, warum bin ich nicht rübergegangen? Warum wollte ich dem Tod nicht ins Gesicht blicken?

Menschen, denen bewusst ist, dass keine Zeit mehr bleibt, die spüren, dass der Tod schon die ersten Knochen einsammelt und mahlt, werden leise. Und vielleicht war es das, was mich hinderte, rüberzugehen und hallo zu sagen. Hallo, Alfredo. Und er hätte nur geguckt, aus traurigen stillen Augen.

Samstags saß ich in der Küche und schlug die Wochenendausgabe auf, die Todesanzeigen, in denen der Tod sein rechteckiges Hemd trägt, bestickt mit Bibelzitaten und Namen von Angehörigen, eine saubere Sache. Todesanzeigen studieren ist wie Gaffen auf der Autobahn. So lange, bis man im Unfallgeschehen ein bekanntes Gesicht ausmacht, einen Freund, ein Familienmitglied. Und plötzlich hat der Tod sein schmutziges Hemd an, und es stinkt geheimnislos nach Pisse und Blut und Erbrochenem und einem letzten Schiss in die Hose.

Ich las den Namen, Alfredo und diesen blumigen Nachnamen, seine Mutter hatte in zweiter Ehe einen Pakistani geheiratet, und sofort schossen Tränen in mir hoch, "nein!", rief ich. Nein.. Alfredo.

(Später erfuhr ich, dass er im Krankenhausbett quasi ertrunken war: er hatte Wasser in der Lunge.)

In ein, zwei Geschichten ist Alfredo hier aufgetaucht, aber als Fleschkönigs. Das mit den Namen ist so eine Sache. Fleschkönigs ist kein schlechter Name, aber er klingt streng, zu streng, und Alfredo war alles andere als streng. Wenn er ans Telefon ging, meldete er sich mit "Müttergenesungwerk", und wer Alfredo kannte, sah ihn dabei vor sich, am anderen Ende der Leitung, in sich hineinglucksend.
Traf ich ihn auf der Straße, freute er sich.
"Her Graf!" lächelte er, "was machen die Hühner?"
Es war ein scheues, aber aufrichtiges Lächeln, und im Kinn steckte ein Grübchen.

Der Knackpunkt in Alfredos Leben war der Tod seiner großen Liebe, einer außergewöhnlich hübschen Frau, die Ende der 80er ein Cocktail aus Heroin und Koks nicht überlebte. Noch zehn Jahre später trübte sich Alfredos Blick, wenn die Sprache auf sie kam, er hat sich nie davon erholt.
"Seit sie tot ist.."

Sie war auch Anlass der einzigen Mißstimmung zwischen uns. Ich lernte sie im Knox kennen, einer winzig kleinen Pinte im Western Stil, und baggerte sie an, ohne zu wissen, dass sie Alfredos Flamme war. Als der Laden zu machte, teilten wir uns ein Taxi, weil wir in die gleiche Richtung mussten, und da ich sie unbedingt ins Bett kriegen wollte, ich seh den Taxifahrer noch vor mir, stöhnend, baggerte ich hartnäckig weiter, aber da war nichts zu machen, sie ließ mich abblitzen.

Alfredo bekam Wind von der Sache und war stinksauer. Er nahm mir auch meine Beteuerung nicht ab, dass ich nichts davon gewusst hatte, dass sie seine Braut war. Es dauerte lange, bis er mir verzieh, aber eines Tages war die Sache beigelegt.

Alfredo hatte etwas Trauriges im Wesen, etwas Resignatives. Er war der rothaarige Prinz, der in den frühen 80ern eine staubige schwarze Leiche gemächlich durch die Wupperberge kutschierte. Hinten im Sargraum saßen seine Kumpel, allesamt Drogenfreaks, und irgendwann vermengte sich der süßliche Duft von Haschisch mit den Seelen der Toten und es wurde still im Wagen, dessen Trennscheibe herausgenommen war, jeder hing seinen Gedanken nach, bis irgendwer einen fahren ließ und Alfredo vor Schreck zusammenfuhr, weil er glaubte, ein Zombie habe zu ihm gesprochen.

Alfredo hatte Karlos und mich eingeladen, auf eine Spritztour nach Amsterdam, schön einen Koksen. Ein alter Leichenwagen, der hinten durchhing und schwerfällig durch die engen Gassen manövrierte, mit deutschem Kennzeichen, als wären wir auf dem Weg zu einem Staatsbegräbnis: wir wurden dreimal gefilzt, davon nur einmal an der Grenze.

Das Kokain, das Alfredo schließlich auftreiben konnte, für 200 Mark, war großartig. Kein dreckiges Arbeiterkoks, sondern gesundes unverschnittenes Chef-Pulver aus Kolumbien. Wir parkten die Leiche an einer Gracht abseits der Altstadt und saßen bis in den Morgen hinten im Sargraum, die original schwarzen Gardinen zugezogen und lauschten "I won't let you down" von Ph. D. und irgendwas von den Pointer Sisters, immer nur die beiden Nummern, wie die Bekloppten.

An der Grenze nahm der Zoll den Leichenwagen kunstgerecht auseinander. Spaß hatten die Zöllner vor allem am hundert Liter fassenden Tank, in dem sie Rauschgift vermuteten und mit langen Stäben im Trüben fischten, doch wir hatten alles Weiße in die Nase gezaubert, sie mussten uns ziehen lassen.


*
Das Mumms war ein verrauchter Schuppen mit einem Herz Buben an der Tür, durchstochen von einem Stilett, es war düster und laut und brechend voll, besonders am Freitagabend, eigentlich war jeder Abend Freitagabend. Es wurde gezecht, als hätten wir Schiss gehabt, eine Tages aus diesem endlosen großspurigen Trinkgelage aufzuwachen und es wäre Montagmorgen und alles vorbei.

Ein Uhr, Sperrstunde. Der Schiffsgong wurde geschlagen und es hieß, was jetzt, wohin? Meist ging es runter ins Daddy, einem verschwitzten kleinen Soul-Club in Kohlfurth auf Wuppertaler Seite, oder nach Glüder ins Getaway. Oder wir rückten irgendjemand zuhause auf die Pelle und feierten da weiter, bis die Sonne aufging.

Wir standen mit sechs, sieben Mann vorm Mumms und konnten uns nicht einigen. Erstmal einen rauchen, klar. Der einzige, der was zu rauchen auf der Tasche hatte, war der dicke Hansen. Er war der Amerikaner, die Long Beach Version von Solingen. Immer eine große Fresse, besonders wenn er Drogen nahm.
"He, Fettsack, was ist jetzt, laß uns einen drehen!" rief Fluck, der kurz darauf nach München auf die Schauspielschule ging und Solingen auf immer ade sagte.

Hansen aber ließ uns zappeln, gab mal wieder die Diva. Genoß es, wie sein jüngerer Bruder und Karlos und Fluck und ich ihn beknieten, doch er blieb stur.
"Wieso habt ihr aus Amsterdam nix mitgebracht?" schnauzte er uns an. "Dann müsstet ihr jetzt nicht schnorren!"
"Im Leichenwagen?! Bist du doof? Die Schmiere hat uns dreimal klargemacht, bis in die letzte Ritze."
"Ihr hättet euch ja ne Tafel Türken in den Arch schieben können, hätte keiner gescheckt."

Wir beratschlagten, was zu tun war, wie wir ihn rumkriegen konnten, und diesen unbeachteten Moment nutzte der dicke Hansen. Er sprintete zu seinem Wagen, einem blauen Datsun, der gegenüber vorm Mumms parkte, und stieg ein.
"ICH ROLL MIR JETZT EINE SCHÖNE TÜTE, IHR PAPPNASEN!" brüllte er durchs runtergekurbelte Seitenfenster, "TSCHAU, BELLA!", und gab Stoff, dass die Reifen quietschten.

Fluck und ich verloren keine Zeit. Wir stürmten über die Strasse, rein in Flucks Citroen, der gleich hinterm Datsun geparkt hatte, und stochten los, hinterher! während Karlos und der Bruder vom dicken Hansen mal wieder alles verpennten. Es dauerte, bis sie realisierten, was der Tumult zu bedeuten hatte, dann starteten sie Wagen Nummer 3, den Renault von Hansens Bruder.

Flucks Cassettendeck spielte Stretch, "Why did you do it", als Fluck, kaum losgefahren, schon wieder in die Eisen musste, weil vor uns der blaue Datsun stoppte, an der roten Ampel, wo es links zur McDonalds-Filiale reinging.
"Den Dicken hol ich mir!" knurrte ich und stieg aus.

Auf der Straße legte ich den Gang mit den extrabreiten Säbelbeinen auf und stapfte auf den Datsun zu, dabei meine Brust betrommelnd wie ein Silberrücken. Ich blickte mich noch mal um und schnitt Fluck eine Grimasse, die dem dicken Hansen galt, dann trat ich vor die Fahrertür.
Ich latschte dreimal gegen das Blech, mit dem Schwung fester Schuhe.
"AUFMACHEN! POLIZEI!!"

In dem Augenblick, als ich zum dritten und letzten Tritt anhob, merkte ich, dass hier etwas nicht stimmte. Das Seitenfenster, aus dem Hansen kurz zuvor noch "TSCHAU, BELLA!" gebrüllt hatte, war zu. Wieso war es zu? Das Fenster auf Hansens Fahrerseite war nie zu. Der dicke Hansen liebte es, während der Fahrt in den Wind zu rotzen.

Die Tür ging auf, heraus schälte sich ein Zwei-Meter-Schrank, der mit Hansen nichts, aber auch gar nichts gemein hatte. Durchtrainiert, eisig, ohne Worte.

Hinter mir, durch die breite Frontscheibe seines Citröns, beobachtete Fluck das Geschehen auf der von Laternen ausgeleuchteten Kölner Straße und meinte später, das Grinsen auf meinem Gesicht hätte kurzfristig ausgesehen wie auf der Cinemascope-Leinwand im Autokino: eingefroren.

Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Ich hatte nur vor meinen Kumpel den Silberrücken geben wollen, und jetzt pumpte sich vor mir ein echter Silberrücken auf, da brauste im letzten Moment, bevor es Schläge gegeben hätte, der Renault heran und schob sich mit der Schnauze vor den blauen Datsun.

Der Bruder vom dicken Hansen, ein schläfriger Bursche, stieg aus.
"Hä..?! Wo ist der Dicke?" fummelte er an seiner Hornbrille herum, ohne den leisesten Plan, was Ambach war.

Auch Fluck war mittlerweile ausgestiegen und eilte zu Hilfe, (nur Karlos blieb sitzen, als ginge ihn das alles nichts an), und da standen wir nun auf der Linksabbiegerspur, mitten in der Nacht, alle Mann ausgestiegen (bis auf Karlos) und versicherten dem schlecht gelaunten Zwei-Meter-Möbel, es sei nur ein Missverständnis gewesen, die Tritte vors Auto, das Geschrei, die King-Kong-Trommelei auf der Brust..

Der Schrank kapierte in dem ganzen Durcheinander vermutlich nur die Hälfte, hörte nur irgendwas von "blauer Datsun" und "mein Bruder fährt auch so einen". Er begutachtete seine Fahrertür, keine Beule drin, "scheiß drauf", murmelte er, und "macht das nie wieder.." und stieg ein und weg war er, bei rot.

Wir standen noch eine Weile an der Ampel rum, (außer Karlos, der im Renault saß und gackerte), dann fuhren wir die paar Meter zurück vors Mumms, wo wir darauf warteten, dass der dicke Hansen zurückkehrte. Er hatte noch was zu rauchen auf der Tasche.


*
Der eiskalte Engel
15.4.09 19:10


Spießige Zeiten

So richtig das Kotzen krieg ich neuerdings, wenn Leute sich hinstellen und verkünden, irgendetwas, was ihnen nicht passt, wäre das absolute No Go!, und sich dabei aufführen, als hätten sie grade die Moderne entdeckt, dabei hab ich das gleiche schon vor vierzig Jahren gehört, als kleiner Junge, nur hieß das damals, "das tut man nicht!", und alles war am Kotzen.


*
Sie beschwert sich darüber, dass ich mich unaufmerksam durch den Alltag bewege. Dass ich Kleinigkeiten nicht beachte. Dass ich mir etwa zum Verrecken nicht merken kann, wo die Streichhölzer liegen, um die Kerzen anzuzünden.
"Am besten, ich bastle kleine Bildschirme um die Dinge herum", sagt sie, "damit du hinguckst."



*
Die Geschichte von der kleinen Fadenwarze: "Sie übertreibt natürlich. Wir übertreiben alle gern. Übertreibung ist wie Tinte: man könnte das Leben sonst nicht lesen."
18.4.09 17:47


Ein komischer Sheriff

Als der Dauerregen vormittags eine Pause einlegt, setz ich mich auf eine Kippe und ein paar Notizen in die Malteser Gründe, dem Stadtpark hinterm Haus der Jugend.
Hier haben wir früher gekickt, gesoffen, im Gebüsch gebumst mit Geräuschen: als Lena und ich aus den Sträuchern hervortraten, ihr tat der Rücken weh von den spitzen Steinchen, wurden wir mit freundlichem Applaus empfangen.

Viele Jahre später, ein Typ nähert sich, vorsichtig. Etwa mein Alter. Schütteres Haar unterm Käppi. Rötlicher Schnauzbart. Armee-Klamotten.

"Morgen", sagt er.
"Morgen", sag ich.
"Ist trocken?" fragt er.
"Hier ja", sag ich.
Unsicher wischt er mit der Hand über die Sitzfläche, bevor er sich auf der Bank niederlässt.

"Nix los heute, wa?"
"Keine Ahnung", sag ich. "Ich bin nicht oft hier. Nicht mehr. Früher haben wir hier viel rum gehangen. Ist aber schon lange her."
Ich zeige auf die andere Seite des Parks.
"Da war dahinten noch das große orangenfarbene Zeltdach, unter dem Pop-Gruppen auftreten sollten, ist aber nie eine aufgetreten. Haben wir immer nur rumgestanden und Karlsquell gesoffen. Dose neunundreißig Pfennig. Oder so."
Er nickt matt.
"Und?" fragt er, mir Blick auf das Notizbuch in meinen Händen. "Studium?"
"Nee, ich äh.. nein, nur so."
"Hast du vielleicht siebzig Cent übrig, fürn Bierchen?"

Normalerweise rück ich einen Euro raus, warum nicht, aber irgendwas wehrt sich in mir. Keine Ahnung, warum. Dabei ist mir der Typ nicht mal unsympathisch. Er könnte auch im Wilden Westen auf einer Bank sitzen, als ausgestorbener Dorf-Sheriff.
Sheriff Schmitz.

"Nee, hab ich nicht. Die Kohle brauch ich selbst."
Er zieht ein verknülltes Päckchen Tabak aus der Army-Jacke.
"Ist schon okay. Ich dachte ja nur. Ein Bierchen."
Er hat nikotingelbe Reval-Finger, auch wenn er gar keine Reval raucht. Kein Mensch raucht mehr Reval. Nur die Finger gibt es noch.

"Ich hab auch mal ein Buch geschrieben, vor zehn Jahren", schnauft er. "Als die Zeiten noch gut waren. War ein Bestseller."
Ich leg das Notizbuch weg.
"Hm? Du hast ein Buch geschrieben..?" Die Leute entsorgen immer dreister ihren Müll. "Was für ein Buch?"
Er stiert auf seine Hände.
"Was Frauen an Männern lieben. Das war der Titel. Vierhundertzwanzig Seiten. Mit Kreuzworträtsel und so. War alles drin. Aber ich schreib nicht mehr."
Mit Rätsel. So so.
"Und wo hast du das Buch veröffentlicht?"
"Bei Bertelsmann. Das Manuskript hab ich zuhause noch irgendwo rumfliegen. Ist damals sofort angenommen worden. Vierhundertzwanzig Seiten. War ein Bestseller."

Seine prompten Antworten überraschen.
"Und jetzt schreibst du nicht mehr?"
"Nee. Jetzt schreib ich nicht mehr."
"Und warum?"
"Na, ich weiß nicht. Ich hab.. den Faden verloren. Zuviel Tod.. überall. Erst ist meine jüngste Tochter gestorben. Blutkrebs. Mit sieben. Da machst du nichts. Dann meine Schwester. Mein jüngster Bruder. Und meine Frau. Und demnächst stirbt wahrscheinlich wieder jemand. Ich hab einen schwarzen Anzug zuhause. Den kann ich eigentlich an lassen."

Bei Trinkern ist oft nicht auszumachen, sind das nun Tränen, die sich in den Augen sammeln, oder ist das der noch nicht befriedigte Suff am Morgen.
Der Sehnsuff.

"Guck mal dahinten, die beiden kenn ich", sagt er, und sein Gesicht belebt sich. Zwei Mitarbeiter vom Ordnungsamt schreiten den Park ab, als schwarz gekleidete Majestäten. Eine trägt Zopf.
"Da hab ich mal gearbeitet, beim Ordnungsamt, aber die Stadt hat mir gekündigt, aus..", er lässt ein Lächeln erkennen, "..disziplinarischen Gründen. Ich hab nicht genug Leute angeschwärzt, du weißt schon. Ich hab ne soziale Ader. Wenn ich die Penner gesehen hab, hier im Park, hab ich sie nicht vertrieben, wegen dem Dreck oder so, nee, ich hab mich dazu gesetzt, ein Bierchen mitgetrunken, du weißt schon.."
Ja, weiß ich.

"Die Penner waren auch okay, mit denen bin ich gut ausgekommen, aber die ganzen Ausländer.."
(Jetzt kommt’s. Kommt ja immer. Die Ausländer.)
"..gibt zu viele Ausländer.. Guck mal, Solingen hat hundertsechzigtausend Einwohner, was glaubst du, wie viele davon Ausländer sind?"
"Vielleicht.. zwanzigtausend", schätze ich.
"Ja, früher mal vielleicht! Heute sind das locker..", er verfolgt seine ehemaligen Kollegen mit wässrigem Blick, "..bestimmt dreißig.. ach was, vierzigtausend! Das Doppelte! Und dazu noch die Illegalen. Wenn du das alles zusammenrechnest, kommst du auf.. hundertfünfundneunzigtausend..! Musst du dir mal vorstellen! Nur in Solingen! Alles Ausländer!"

Der ganze Schrott, der plötzlich aus ihm heraussprudelt, scheint sich zu einer Art metallenem Parfüm zu addieren.
Er schwitzt wie ein Altmetallhändler.
Altmetall Schmitz.

Als er merkt, dass ich angestrengt durch den Mund atme, rümpft er selbst die Nase und wechselt das Thema.
Eher nebenbei erwähnt er, dass er bis vor kurzem vier Jahre abgesessen habe.
"Am Simonshöfchen."
"Kenn ich", sag ich. "In Wuppertal, ne?"
Er nickt.
"War ein harter Klub."

Als ich ihn nach dem Grund frage, warum man ihn eingesperrt hat, "ich mein, vier Jahre sind ja nicht ohne", wird er einsilbig. Ich muss schon zweimal nachfassen.
"Was war los, wieso vier Jahre..?"
"Wegen versuchten Totschlag."
"Totschlag. Mh. Und wen wolltest du totschlagen?"
Er starrt in den Himmel.
"Siehst du das Loch da oben, in den Wolken? Wo die Sonne ist? Davon möchte ich jetzt so aufgesaugt werden, von da oben.."

Ich greif nach meinem Notizbuch. Es wird Zeit. Hinterher hab ich wieder alles vergessen. Ist alles weg.
"Ich war damals in der Hooligan-Szene.."
Pause.
"Welche Hools?" frag ich, ganz Reporter plötzlich. "Welcher Club?"
"Na, die Union!" antwortet er beinah empört.
Ich muss grinsen.
"Jo. Eisern Union. Klar."
Union Solingen hat schon immer einen harten Hooligan-Kern gehabt, in Kooperation mit den Fortuna-Hools aus Düsseldorf.

"Wir waren in St. Pauli, beim Auswärtskampf."
Pause.
"Und?"
"Was und?"
"Na, und? Was ist passiert? Wieso vier Jahre?"
"Na, was soll schon passiert sein! Der Pauli lag schon auf dem Boden und ich hab immer weiter geboxt. Ich hab die Sau fast totgemacht.. Scheiße."

Die schwarzen Majestäten vom Ordnungsamt erreichen uns. Sie sind im Gespräch, würdigen uns keines Blickes. Der Sheriff ist bleich. Ich steck ihm einen Euro zu. Ich hab, was ich wollte. So halbwegs. Neues Futter fürs Notizbuch, mehr krieg ich sowieso nicht aus ihm raus. Er braucht ein Bier. Ich verabschiede mich.
"Wie heißt du überhaupt?" frag ich.
"Mike."
Wir geben uns die Hand.

Keine zwanzig Minuten später, ich hab in der Stadt noch was zu erledigen gehabt, nehme ich auf dem Heimweg die Abkürzung über den Friedhof, und da steht Mike, vor einem Grab. Ganz still steht er da, den Blick zu Boden, als bete er.
Er sieht mich dennoch vorübergehen.
"Tja, so ist das..", sagt er zittrig.
"Ein Kumpel?" grinse ich blöd.
"Nee. Meine Frau."

Als ich mich am Ausgang noch mal umdrehe, seh ich ihn
liebevoll die akkurat gestutzte Hecke streicheln, die das Grab einfasst.



*
Ne dreiste Aktion starten,
und dann Glück haben.
Das isses.
Mehr kann man nicht erwarten.

Deutsch lernen bei Schäferhund. (Senor Glumm)
20.4.09 12:41


In Wahrheit

Die Welt ist eine Kirche, in der das Volk niederkniet und so tut, als ob es bete: In Wahrheit reiben sich alle die Hände.
20.4.09 17:12


Schinkenröllchen

"He, du alte Blutmaschine!" Ich hab Besuch im Schritt. Frau Moll bohrt ihr Köpfchen in meinen Schoß. Ich soll sie kraulen. Sie ist heiß. Zwei Wochen zu früh tropft sie uns die Hütte voll. Draußen bleibt sie alle paar Meter stehen und markiert das Gelände mit geharnischten Stellenangeboten: RÜDE GESUCHT (BIG BOY), VON 5JÄHRIGER HÜTEHÜNDIN. TRAU DICH. So weit alles wie gehabt. Aber, jetzt pass auf, komm ich eben in mein Zimmer, dieses Kinderbüro mit Steuerfahnderschreibtisch, steht das freche Aas mitten im Raum und streckt mir den Hintern entgegen, ihre Vulva pulsiert wie ein geschwollenes Schinkenröllchen!
"Gräfin!" ruf ich. "Die baggert mich an!"
Der eigene Hund. Muss man sich mal vorstellen. Schön ist das nicht. Schön ist was anderes. So ziemlich alles andere. Ein böser Hund.
21.4.09 12:05


Du bist so kalt!

"DU BIST SO KALT!" schrie sie. "ICH BRING DICH UM!"
Unter Tränen machte sie kehrt und lief in die Küche. Ich lag im Bett und hörte, wie die Besteckschublade aufgerissen wurde, wie Löffel, Messer und Gabeln wild durcheinanderpurzelten. Nein, dachte ich, scheiße, da kam sie schon in mein Zimmer zurück, auf nackten Füßen. Ich richtete mich auf. Sie hatte ein langes Messer in der Hand, das Brotmesser, soviel konnte ich im Halbdunkel erkennen.

"Ich bring dich um!!" schluchzte sie, stürzte aufs Bett zu und versuchte auf mich einzustechen.
"Bist du wahnsinnig!?" rief ich. "HÖR AUF!!"
Ich wehrte die Stöße mit der Hand ab. Stöße, die zum Glück nur aus halbem Herzen kamen. Haßerfüllt, aber ohne Wille zum Töten.
"HÖR DEN SCHEISS AUF!"

Irgendwie bekam ich das Messer zu packen, an der Klinge, und zog daran, während sie unablässig weiterschluchzte. Meine rechte Hand wurde warm. Blut floss. Ich ging ins Bad und machte Licht. Ich machte Licht im Bad, in der Diele, ich machte überall Licht und ließ kaltes Wasser über die Hand laufen.
Sie blieb in meinem Zimmer sitzen, auf dem Bett. Sie blutete aus der anderen Hand, der linken, und heulte wütend auf.
"Arschloch..!"
Die Bettwäsche war voller Blutflecken, das Messer lag auf dem Boden.

Später saßen wir uns gegenüber, ratlos. So heftig war es noch nie gewesen. Einmal hatte sie mir die schwere alte Schreibmaschine entgegen geschleudert. Die stolze Continental aus den 40ern, meine schwarze Lady, die danach kaputt war. Und da war dieser betrunkene Abend, der damit endete, dass eine volle Ketchuppulle von Heinz gegen die Wand krachte und die Küche in ein zähes Rot tauchte.

"WEISST DU, WARUM SU SOVIEL TRINKST?"
"KEINE AHNUNG. SAG ES MIR! DU WEISST DOCH SOWIESO ALLES!"
"WEIL DU MIT NÄHE NICHT KLARKOMMST! DU SÄUFST DIR DEINE DISTANZ ZUM LEBEN WEG, DU FEIGLING!"

In all den Jahren war manches hochgekocht, doch ein Messer war bislang nicht im Spiel gewesen.
Nicht bis zu diesem Tag.

Als ich morgens um halb acht vom Nachtdienst nach Hause gekommen war, hatte ich mich gar nicht erst hingelegt, es lohnte nicht. Um 11 Uhr 45 war ich als Zeuge geladen, vorm Landgericht in Wuppertal, wo gegen den Kerl verhandelt wurde, der mich ein halbes Jahr zuvor im Turmhotel überfallen hatte, während meines Nachtdiensts.

Die Gräfin hatte zwar Lust, mich zu begleiten, ("den Kerl muss ich sehen, der dich überfallen hat"), wollte aber nicht Autofahren, also nahmen wir den Obus bis Wuppertal-Vohwinkel, und ab da die Schwebebahn.

Schwebebahnfahren macht Spaß, ist aber eine lärmende Angelegenheit. Endstation Oberbarmen bremste der Zug mit einem Kreischen ab, als rutschte ein alter Arbeitselefant mit dem Bauch über heißes Metall. Schwerfällig kam das alte Muttertier zum Stehen, und wir stiegen aus.

11 Uhr 30, Landgericht Wuppertal. An Saal 10b klopfte ich an die schwere Eichentür. Laut Aushang lief der Prozess gegen Marc D. bereits seit zwei Stunden. Der Saaldiener öffnete die Tür und drängte uns auf den Flur zurück. Es roch nach frisch aufgetragenem Bohnerwachs.
"Name?"
"Glumm", sagte ich, und fügte vorsichtshalber hinzu, "Zeuge. Kein Angeklagter."
Der Saaldiener blickte auf einen Zettel.
"Mh.. ja. Sie werden hier nicht mehr benötigt."
"Ich werde nicht mehr benötigt..? Wieso das denn?"
"Auf Anordnung des Richters."

Er drückte mir ein Formular in die Hand, auf dem was von Verdienstausfall stand, Erstattung der Fahrtkosten. Die Gräfin war enttäuscht.
"Ich wollte das Monster doch live sehen.."
"Aber zugucken können wir doch", meinte ich zum Saaldiener. "Oder ist das nicht öffentlich?"
Er nickte und öffnete die Tür.

Wir waren die einzigen Zuschauer.
"Ist er das?"
"Ja, nehm ich an", sagte ich. Ich erkannte ihn kaum wieder. "Die Frisur ist ganz anders."
Er hatte einen wasserstoffblonden Igel gehabt, jetzt trug er das Haar schulterlang und dunkel, er sah er aus wie ein leicht verstimmter Steuerfachangestellter. Außerdem war er in meiner Erinnerung viel breiter, muskulöser. Das war doch ein Schrank von einem Kerl gewesen, ein gehetztes Ein-Mann-Überfallkommando, in dieser nebligen Novembernacht letztes Jahr, doch was jetzt da auf der Anklagebank hockte, das war nicht mehr als die abgespeckte U-Haft-Version eines Ladendiebstahls.

"Hast mal wieder übertrieben", meinte die Gräfin. "Der sieht doch sogar ganz nett aus. Ein bißchen traurig vielleicht."
"Ein bißchen traurig..! Tz, genau! Der Drecksack hätte mich glatt abgestochen, wenn keine Kohle in der Kasse gewesen wär."
"Siehste."
"Was, siehste?"
"Du übertreibst schon wieder. Der hatte doch gar kein Messer."

Der Saaldiener machte ein paar Schritte auf die Zuschauerbank zu, den Zeigefinger auf den Mund gelegt.
"Ja, schon gut", nickte ich.

Der Knabe hatte ein paar hundert Mark erbeutet, ganz ohne Waffe. Es hatte nur so ausgesehen, als wäre eine Knarre unter seinem Mantel gewesen, doch es war sein auf mich gerichteter Zeigefinger, wie sich später herausstellte.

Die Gräfin holte ihren Skizzenblock heraus. Sie zeichnete den Angeklagten, der Marc D. hieß, dann den Richter, die Holzvertäfelungen, die stämmige Gutachterin. Als die mit ihrem Gutachten durch war, folgte ein Betreuer der rheinischen Landeskliniken, der Marc D. psychatrisch behandelte. Der Mann schloss sich den Ausführungen der Gutachterin grundsätzlich an. Was alles falsch gelaufen war in seiner Jugend, und so.

Wie er einmal während eines Krankenhausaufenthalts im Kreißsaal eine schwarze Messe gelesen hatte, damit der Teufel keine Kinder in die Welt setzen konnte.
Wie er in der Dorfkirche des kleinen Nests, in dem er aufgewachsen war, Flaschenbier ins Weihwasser gekippt hatte.
So Sachen eben.
Alle keine strafbaren Handlungen, führte der Betreuer aus, aber Fingerzeige für eine schwere psychische Störung.

"Was ist mit dem Überfall?" flüsterte ich.
"Keine Ahnung", antwortete die Gräfin, "vielleicht wurde das schon verhandelt. Oder es spielt keine Rolle, wer weiß, was der noch alles angestellt hat."

Gutachterin und Betreuer waren sich einig, Marc D. wurde als unzurechnungsfähig eingestuft. Die Rede war von einer gespaltenen Persönlichkeit. Schizophrenie.
"Wenns danach geht, gehöre ich auch in die Klapse", meinte die Gräfin. "Manchmal sprechen vier Leute gleichzeitig in mir und ich weiß nicht, wem ich zuhören soll. Das ist Quadrofonie."
Der Saaldiener schaute böse herüber, den Zeigefinger auf die Lippen.

Sie war nicht zufrieden mit ihren Skizzen.
"Irgendwie kommt immer das gleiche Gesicht raus. Die ähneln sich doch alle."
"Blödsinn", sagte ich. "Das sieht gut aus."
"Ach du. Du findest doch alles gut, was ich male. Sagst du wenigstens."
Was war denn jetzt wieder los?!
"Ach, schon gut.. Ich hab schlechte Laune."

Und ich war müde. Übermüdet. Ich war seit vierundzwanzig Stunden auf den Beinen. Und nun saß ich hier und wurde nicht gebraucht.
Zuletzt wurde die Ex-Freundin des Angeklagten Marc D. in den Zeugenstand gerufen. Sie arbeitete als Aufsicht in einer Spielhalle und sagte aus, dass Marc D. sie eines Tages mit vorgehaltenem Messer zu erpressen versuchte.
"Entweder du kaufst mir die Sachen hier ab, oder ich stech dich ab!"
"Was für Sachen denn?" fragte der Richter.
"Na, so Sachen. Die hatte er in einem großen Koffer in die Spielhalle geschleppt. Der Koffer war so schwer, er konnte ihn nicht tragen, er musste ihn schieben. Und ich sollte ihm alles abkaufen."
"Na gut, aber was war drin im Koffer?!"
"Zeugs aus dem Haushalt. Irgendein Krempel. Weiß nicht."
Sie machte einen niedergeschlagenen Eindruck.
"Ich weiß nicht, was mit ihm los ist. Als wäre Marc von heute auf morgen ein anderer Mensch geworden."

Der Staatsanwalt schloss sich dem Antrag der Verteidigung an und der Richter war auch einverstanden: Marc D., der so teilnahmslos auf seiner Bank saß, als würde gegen irgendwen, aber nicht gegen ihn verhandelt, wurde wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen, aber für 30 Monate ins Rheinische Landeskrankenhaus eingewiesen.

Na toll. Es war Mittag. Wir waren hungrig. Im Treppenhaus folgten wir den Bediensteten des Landgerichts in die Kantine.
"Hier riecht's wie im Stall", meinte die Gräfin.
Wir entschieden uns für "Lamm-Ragout, weiß, Salzkartoffeln, Salat".
Verdächtig, dass die Kantinenwirtin an der Kasse, zu der ich unsere beiden Tabletts durchschob, ratlos glotzte, als ich "zwei mal Lamm" bezahlen wollte.
"Lamm..?"
"Ja", sagte ich, "da, das Lamm-Ragout.."
Ich deutete auf die Tafel, auf der handschriftlich die Tages-Menüs eingetragen waren.
"Ach.. DAS da.."
Genau so schmeckte der Fraß auch.

Zurück in Solingen. Es war grade mal früher Nachmittag. Auf der Mummstrasse beobachten wir einen Streit unter Eheleuten.
"Dann tu ich eben das, was ich schon immer tun wollte!"
Eine junge Frau stieg wutentbrannt in ihr Auto und knallte die Tür zu.
"Da reden wir heut Abend noch mal drüber", erwiderte ihr Mann, der im Hauseingang zurück blieb. Als ich ihm in die Augen blickte, guckte er schnell weg.

Mumms.
"Charlotte, zartes Wesen!" begrüsste mich Mickey, der Geschäftsführer. Die Gräfin verdrehte genervt die Augen. Das Mumms war zunehmend ein rotes Tuch für sie. Ich stieg als vierter Mann in eine Skat-Runde ein, und sie zog los, ihre Freundin Rita von der Arbeit abholen. Wir verabredeten nichts. War auch besser so. Ich war noch keine fünf Minuten im Mumms und hatte zwei Bier runtergestürzt.
"Nee, das tu ich mir nicht an", meinte die Gräfin noch, bevor sie den Laden verließ.

Ich soff wie ein Loch an diesem Abend, und irgendwann, es ging schon auf Mitternacht zu, schaute auch noch Kollege Heroin zur Tür rein, und ich machte mir ein fettes Näschen, in irgendeinem Auto auf dem Parkplatz.
Kurz vor der Sperrstunde war die Gräfin plötzlich wieder da. Allein.
"Wo warst du denn?"
"Na, bei Rita."
"Du riechst nach Fusel."
"Fusel..? Wir haben ein Fläschchen Wein getrunken, mehr nicht."

Wir hatten Hunger und gingen zum Amerikaner. Stress lag in der Luft.
"Ich kann deine kleinen Pupillen nicht mehr sehen", wendete sie sich ab. "Diese scheiß Opiumaugen."
Nach einigen Burgern und Apfeltaschen wankten wir heim. Sie war ziemlich neben der Kappe, ich komplett.

Zuhause ging sie gleich ins Bett. Wollte, dass ich mich zu ihr legte, doch in meinem bräsigen Schädel meinte ich unbedingt, noch ein paar Seiten lesen zu müssen.
"Nur ein paar Seiten, ne Viertelstunde, dann komm ich rüber."

Als ich rüber in mein Zimmer stolperte, riss ich einen Aschenbecher zu Boden, wovon sie aufwachte, war sie doch schon weinschwer weggedämmert.
Und von da an lief alles falsch.
Ihre Wut, ihr ganzer Zorn entzündete sich daran, dass ich nicht zu ihr ins Bett wollte. Und sie hatte ja recht: war ich erstmal bei mir drüben, schlief ich sowieso da ein.

Sie steigerte sich in erste Beschimpfungen, "du bist so kalt!", weil ich teilnahmslos in einer Illustrierten blätterte, ohne sie eines Blickes zu würdigen, während sie vor mir stand und mich abkanzelte.
"Was willst du eigentlich", sagte ich einmal, "ich komm doch gleich zu dir.."

Die ersten Gegenstände flogen. Erst nur ein Hut, dann der Korb, in dem meine Notizbücher gesammelt waren, schließlich krachte meine Zimmertür gegen die grüne Kommode und riss aus der Verankerung.
Stille.
Sie war in die Küche gelaufen.
Ich hörte ihr wütendes Heulen, ihre alkoholisierte Verzweiflung. All die vertanen Jahre an meiner Seite. Außerdem wollte sie jetzt ficken, hörte ich, und nicht mir beim Zeitunglesen zugucken. Ficken, ficken!

Als einen Moment Ruhe herrschte, und ich schon drei Kreuze machen wollte, hörte ich ihre entschlossenen Schritte, barfuß.
Sie stand vor mir.
"Guck dich doch an! Wo ist denn da noch was.. Menschliches?! Du Stück Scheiße!"

Je ausfallender sie wurde, desto kälter wurde ich. Ich konnte mich nicht rühren. Ich war kein Mensch mehr. Du hast etwas Komatöses in deinem Charakter, hatte sie gesagt.
Unter Tränen machte sie kehrt und lief in die Küche.
"DU BIST SO KALT!" schrie sie. "ICH BRING DICH UM!"



*
Nachmittag, 1983
21.4.09 18:06


Abends, im Park

Ich dreh eine letzte Runde mit Frau Moll. Die Wiesen, frisch gemäht, atmen aus. Es duftet nach Gärtnern, die gelangweilt ihrer Arbeit nachgehen, mit einem stoischen Hass auf alles Grüne.

Ben kommt mir entgegen, mit Kinderwagen und Hund. Ben, 23, ist ein kräftiger Personenschützer, der seit einem halben Jahr zuhause bleibt und sich um die kleine Pauline, 18 Monate, kümmert, während seine Freundin eine Ausbildung macht.
"Gleich kommt die Frau nach Hause, ich muß Essen machen!"
"Ist wahr?"
"Quatsch. Ich kann nicht kochen, Alter. Ich kann nur Strammer Max und für die Kleine das Fläschchen warm machen."

Da haben wir was gemeinsam. Ich kann auch nicht kochen, nur lecker essen. Dabei hat sich die Menschheit nur deshalb soweit entwickelt, weil sie irgendwann das Kochen angefangen hat. Wäre es nach Ben und mir gegangen, stünden wir jetzt nicht hier herum mit großen Gehirnen, wir zögen immer noch in Grüppchen durch die Savanne und kauten kalten Hirsch.

Seit es warm geworden ist, die Temperaturen lümmeln konstant im 20er-Bereich, seh ich Ben ständig den Kinderwagen durch den Park schieben. Was heißt schieben: er jagt über den Parcours mit seiner ganzen Personenschützerpower und brüllt Taylor hinterher, seinem bekloppten Hund, der immer irgendwo unterwegs ist und was ausfrißt, "TAYYLORRRR, HIERRR!!" Ein kastrierter Schäferhundrüde, der macht, was er will.

Wie das so ist mit dreiundzwanzig, Ben ist ein Kiffer vor dem Herren, und ein Näschen Speed am Wochenende, warum nicht.
"Alter, ich hab bei Ebay einen schwarzen Böhse Onkelz-Müllsack ersteigert, für 3 Euro 50!"
"Einen was?"
"Böhse Onkelz Müllsack, schwarz, vom vorletzten Auftritt der Onkelz, 2005 am Lausitz-Ring."
"Wieso, gibts die nicht mehr?"
"NÄH! DIE ONKELZ HABEN SICH AUFGELÖST, ALTER! 2005! WO LEBST DU DENN! AUFFEM ORION?"

Angeblich werden von den legendären beiden letzten Konzerten nicht nur die Müllsäcke mit Extra-Aufkleber, sondern auch die letzten Bierdosen versteigert, deren Mindesthaltbarkeit längst überschritten sein dürfte.
"Da zieh ich mir noch ne Palette Büchsen an Land, Alter! Granate!"
Ich will grade fragen, ob die Bierdosen auch spezielle Etikette tragen, da kommt Bens scheue Freundin in den Park, über den Kiesweg.
Taylor stürzt ihr jaulend entgegen.

Ein seltener Anblick, Bens Freundin im Park. Und ein klapperdürrer Anblick.
"Hallo", wispert sie.
"Na", meint Ben.
Sie guckt mir nie in die Augen. Ob aus Schüchternheit, keine Ahnung. Sie guckt wie durch mich hindurch, den Mund halb geöffnet. Man sieht winzige weiße Zähnchen. Sie wirkt wie ein Gespenst, das sich gleich die Zähne putzt, mit der Geisterzahnbürste.

Sie schaut kurz in den Kinderwagen, wo die kleine Pauline vor sich hinbrabbelt, und Ben erzählt ihr das gleiche wie mir zuvor, das mit dem schwarzen Böhse Onkelz Müllsack, den er für drei Euro fuffzig..
"Du mit deinen blöden Onkelz", sagt sie.
"BLÖDE Onkelz? Ich bin mit den Onkelz aufgewachsen. Fünfzehn Jahre hab ich nur Onkelz gehört!"
Sie verdreht die Augen.

Ich erinnere mich, wie ich Mitte der 80er Jahre erstmals Böhse Onkelz gelesen hab, an einer Straßenlaterne in Solingen-Wald, mit schwarzem Edding. Ich wusste nicht, dass es sich um eine Band handelte, dachte einfach, das hätte jemand aus Spaß geschrieben. Hab ich lange dagestanden und gelesen. Wieder und wieder.

Das Zuhause von Ben und seiner Freundin, sie wohnen um die Ecke, ist mit Kleintier-Terrarien zugestellt. Schlangen, Echsen, Kröten. Taylor wohnt auf dem Balkon.
"Weißt du nicht, wer ne Perserkatze kaufen will?" fragt Ben.
Ich schüttle den Kopf.
"Ich will einen Goldhamster", meint seine Freundin, was Ben mit einer Handbewegung abtut.
"Blödsinn. Der Taylor braucht nur das Maul aufmachen, dann war's das mit deinem Goldhamster."

"Sag mal, Taylor ist kastriert, stimmt doch, oder?" werfe ich ein.
"Klar."
Taylor und Frau Moll tollen nämlich über die Wiese, und Frau Moll hat immer noch die Hitze, sie ist sogar mitten in den ganz brisanten Tagen, der Standhitze, wo Hündinnen den Schwanz beiseite schieben und den Weg frei machen für lange dumme Hundepimmel.

Als ich das nächste Mal hingucke, besteigt Taylor Frau Moll und stößt zu, ein unrhythmisches theatralisches Scheinstoßen, als simuliere er den Akt nur. Blitzschnell das alles, wie im Spielfilm, nur nicht so schön geschnitten.
"Scheiße!"
Ben und ich eilen hinzu, und ich hole Taylor von Frau Moll runter. Wäre er wirklich in ihr drin gewesen, hätte das nicht funktioniert. Aber es ist nichts passiert. Taylor steht hechelnd im Gras, Frau Moll guckt sich um, als warte sie auf den Bus, kommt keiner mehr? Sie lächelt. (Später liegt sie im gemähten Gras, alle viere von sich gesteckt und so glücklich, als höre sie über Stereo-Kopfhörer Beifall auf sie niederprasseln, oder als liefe DAS SCHÖNE MÄDCHEN VON SEITE 1.)

"Der hat doch gar keine Eier", meint Ben's Freundin. "Kann doch gar nichts passieren."
"Wer weiß. Vielleicht hat Taylor noch einen versteckten Schuß frei", sag ich. "Der böse Onkel."
Ben nimmt mich beiseite.
"Alter, du bist doch im Internet. Kannst du nicht mal gucken, ob du was findest über Australische Beutelmäuse? Die will ich mir holen, Alter. Granate, die Viecher."

Während Frau Moll im Gras in Tagträumen Zuflucht sucht, erzählt Ben von Beutelmäuse-Männchen, die im Testosteronrausch draufgehen, sobald sie ausgewachsen sind.
"Die vergessen zu essen und zu schlafen, wenn sie Weibchen riechen. Die legen sich in Grüppchen auf die Lauer und fallen über die her. Nee, Moment. Andersrum. Also die Weiber über die Männchen. Ich weiß nicht genau. Jedenfalls sind die Männchen nach zwei Wochen völlig verausgabt vom Poppen und fallen tot um. Granate."
"Hm. Und die willst du haben?"
"Alter, logisch! Zwei Wochen volle Action im Käfig! Meinst du, wenn die knutschen, die verbrennen sich doch die Lippe, wenn die ihren Drive draufhaben! Alter!"

Zuvor will er aber wissen, wie teuer Australische Beutelmäuse sind, das soll ich recherchieren im Internet, Alter, wäre nett.
"Ein Terrarium haben wir ja noch frei."
Er hätte gern ein junges Pärchen, so ein Jahr alt. Bens Augen leuchten vor Begeisterung.
"In der Natur überleben die Männchen nicht, weil sie sonst den Weibchen die Nahrung streitig machen, und so viel Nahrung gibt der Busch nicht her in Australien."
"Hm. Dann fallen die gar nicht um vom vielen Poppen?"

Bens Freundin steht plötzlich vor uns, keinen halben Meter entfernt. Sie guckt durch mich hindurch, den Mund halb geöffnet. Ich seh kleine weiße Zähnchen. Sie wirkt wie ein Gespenst, das sich gleich die Zähne putzt mit der Geisterzahnbürste.
"Schön, ich werd sehen, was ich tun kann", verspreche ich Ben und schnippe eine ausgerauchte Zigarette ins Gebüsch. Taylor, der jedes Mal regelrecht krank wird, wenn Frau Moll läufig ist, seine Zähne klappern, er schläft nicht, er ist richtig gestört, jagt kläffend der Kippe hinterher, als wär's es ein Nikotinstöckchen.

"Der ist bekloppt, wa?" strahlt Ben.
22.4.09 17:46


Und wo ist das Problem?

Der Araber steht vor unserer Haustür, klein, dicklich, kaum Hals. Wie ein Küchelchen steht er da, ein Madeleine, aber mit feuchter Füllung.
"Und wo ist das Problem?" sagt er, die Brieftasche schon gezückt. "Ich zahle bar, hier, kein Problem."

Er läßt einen Packen Scheine erkennen. Gutes Argument. Aber eigentlich Sache der Gräfin. Sie fährt das Auto. Im Moment sitzt sie allerdings in der Küche und hat andere Interessenten an der Strippe.
"Tja, ich weiß nicht", sag ich, "wir haben schon zwei Besichtigungstermine für heut Nachmittag gemacht.."
"Und wo ist das Problem? Hier, wieviel, dreihundert Euro? Stand in der Zeitung, ja, dreihundert?"
Er zieht nacheinander sechs Fünfzig-Euro-Scheine aus der Brieftasche, und hält sie mir hin.
"Hier, nehmen Sie. Kein Problem."
Ich hab zwei Euro fünfzig in der Hosentasche. Heute ist der Dreiundzwanzigste. Ich bin achtundvierzig Jahre alt. Da sind dreihundert Euro.
"Moment", sag ich, "einen Moment", und geh rein.

Frau Moll, die ein tiefes Grollen an den Tag legt, wenn Fremde an der Haustüre klingeln, will sich an mir vorbeidrängeln, um dem Eindringling Guten Tag zu sagen mit den Fangzähnen. Ich schiebe sie mit den Beinen in den Hausflur zurück, "Klappe zu."

Die Gräfin sitzt am Küchentisch, verdreht genervt die Augen. Sie hat den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, während sie sich Notizen macht, und jetzt komm ich von draußen und zeige ihr die "nun leg schon auf!"-Geste, "hat sich erledigt."
"Wie, hat sich erledigt?" sagt sie und hält den Telefonhörer von sich weg. Eine Micky Maus Stimme verliert sich im Raum, wie in einem fernen, quengeligen Cartoon.
"Na, hat sich erledigt", sag ich.

Im Solinger, einem Anzeigenblättchen, das kostenlos an alle Haushalte verteilt wird, haben wir unseren schnittigen grauen alten Nissan Sunny zum Verkauf angeboten, Baujahr 90, TÜV Juli 09, VB 300 Euro, aber auch nur, weil wir einen Wagen geschenkt kriegen, Baujahr 92, Opel Astra Club, Kombi, erste Hand, 68.000km.

Mein Vater, 83, hängt das Autofahren an den Nagel. Erst will die Gräfin ihren Nissan Sunny nicht hergeben, die alte Haifischschnauze, die uns nie im Stich gelassen hat, doch die Frage ist, ob wir ihn im August nochmal anstandslos durch den TÜV kriegen, und das ist der Punkt, an dem sie schließlich einwilligt, ja sagt, ja zum dunkelblauen Opel Astra.
"Jetzt sind wir endgültig Spießer."
"Wird auch Zeit", entgegne ich, "wir können doch nicht ewig Bohemiens bleiben."
"Warum nicht?"
"Weil wir den ohne Reparaturen nicht mehr durch den TÜV kriegen."

Als ich mich letzte Woche bei Jimmy erkundige, dem kroatischen Schrauber von nebenan, wieviel man für eine japanische Haifischschnauze Baujahr 90 noch verlangen kann, lacht er nur kurz auf und meint, dass wir die Möhre schon zum Schrotthändler bringen müssten, um sie überhaupt loszukriegen.
"Und da zahlst du noch drauf, wenn du Pech hast."

"Blödsinn", meinte die Gräfin daraufhin, "der läuft immer noch super, der Motor ist tipptopp, muss nur ein neuer Topf drunter und paar Kleinigkeiten."
Sie glaubt, dass Jimmy einfach frustriert ist, weil seit Einführung der Abwrackprämie kaum noch jemand seine Reparaturwerkstatt aufsucht, außer für ein Schwätzchen.

Bevor wir den Wagen in die Zeitung setzen, 300 Euro VB, Versuchsballon, wird der einzige (sichtbare) Rostfleck an der hinteren linken Tür mit grauem Pflaster übergeklebt. Und dann: steht das Telefon nicht still. Von wegen Schrotthändler und noch was draufpacken. Über fünfzig Anrufe allein auf der T-Net-Box. Vor allem türkisch nuschelnde Händler versuchen, uns an den Apparat zu zwingen, und junge deutsche Frauen, Babygeschrei im Hintergrund, denen nur eins wichtig ist, "ist der viertürig?"

Am frühen Abend, der Araber. Klein, dicklich, kaum Hals, wie ein feuchtes Küchelchen, ein Madeleine, steht er vor unserer Haustür. Obwohl in der Annonce lediglich unsere Telefonnummer angegeben ist, aber wo ist das Problem, übers Internet die Anschrift rauszukriegen, heutzutage.

"Komm", sag ich in der Küche zur Gräfin, nachdem sie den Telefonhörer aufgelegt hat, "der wartet."
"Wer wartet?"
"Der Araber draußen. Der zahlt direkt. Dann haben wir Ruhe."
"Araber? Bestimmt ein Händler. Ich will nicht an einen Händler verkaufen."
"Ist doch egal, ob Händler oder nicht, er hat mir die Scheinchen schon hingehalten."
"Dann ist er bestimmt ein Händler. Wieviel?"
"Dreihundert."
"Hättest auch vierhundert sagen können, bei den vielen Leuten, die hier anrufen. Das nervt. Scheiße, bin ich froh, wenn das erledigt ist."
"Na, dann komm."

Frau Moll bleibt drin, ist besser so. Arabische Männer können es nicht gut mit Hunden, mit großen Hunden schon mal gar nicht, und Frau Moll, ein Hütehundmischling, kann es nicht gut mit Fremden. Frau Moll ist eine Rassistin. Auch Betrunkene mit Regenschirm grüßt sie gerne und ausdauernd mit Fangzähnen.

"Hallo", sagt die Gräfin und reicht dem Araber die Hand. Der hält freundlich sein fleischiges Patschehändchen hin, ohne wirklich zuzugreifen, wie ein Gemüsehändler.
"Ich hab heut morgen sechs, sieben Mal angerufen", sagt er beinah akzentfrei, Schweiß auf der Stirn. Er will nur eins wissen, "Ist der Motor okay?", und ob der Sunny Servolenkung habe.
"Nee, keine Servolenkung. Da muss man schon noch richtig kurbeln, beim Einparken."
"Macht nichts", winkt er ab, "wird sowieso verschifft, und denen da unten ist das egal."
"Verschifft?"
"Ja, nach Afrika. Nach Benin. Da läuft so ein Nissan Sunny noch zehn Jahre. Mein Bruder wohnt im Benin und verkauft deutsche Autos, und japanische. Die sind verrückt nach deutschen Autos da unten. Wo französisch gesprochen wird, gehen auch Citroen und Renault. Hauptsächlich Citroen."

Manchmal überrascht es mich, wie schnell die Gräfin die Seiten wechselt, wenn sie etwas überzeugt. Diesmal ist es Afrika. Afrika überzeugt die Gräfin.
"Welches Auto schafft es schon vom Bergischen Land nach Benin? He, du machst Urlaub in Afrika! Du kommst dahin, wo es lecker warm ist!" trommelt sie liebevoll auf dem Wagendach der alten Haifischschnauze. Sie lächelt den Araber an. "Der Hai hier hat es eh nicht mit Regen, dann klappern die Ventile, wenn die Straßen nass sind. Ich hab immer Karren gehabt, die Hitze mögen. Ich hatte immer heiße klapprige Karren. Die gehörten eigentlich alle nach Afrika."

Wo die beiden sich grade so schön verstehen, nehme ich schon mal die Asche in Empfang. Dreihundert, richtig.
"Dann kurvt unsere alte Dame also demnächst durch Rhodesien, durch Sand und so", sag ich wie nebenbei.
"Rhodesien? Benin", meint der Araber. Sein Gesicht ist ein Kinderbuch, mit viel Hefe drin und weichem Fleisch. Er trägt blau-graue Busfahrerkleidung. Ein gleichmütiger Mann. Er will den Wagen nicht mal probefahren.
"Sie geben mir Fahrzeugschein und Quittung, und ich hole den Wagen morgen ab, okay?"

Okay. Als wir reingehen, nimmt die Gräfin meine Hand.
"Her mit den Mücken, Ganove."
Ich bin 48 Jahre alt. Morgen ist der vierundzwanzigste. Ich hab 2 Euro 50 auf der Tasche.

Wo ist das Problem?

Am nächsten Vormittag, Punkt halb elf, steht der weiche Mondamin-Araber überpünktlich auf der Matte, man könnte glatt mißtrauisch werden, ob er uns nicht doch übers Ohr hauen will, irgendwie. Er fährt einen blütenweißen Hyundai, ("der kommt auch nach Benin, Hyundai laufen da als Taxi"), wir setzen uns einem Moment rein. Er hat seine kleines Töchterchen dabei, auf dem Kindersitz, die kleine Layla. Ein hübsches Ding, schwarzes gelocktes Haar.
"Schöner Name", sag ich, "Layla."
"Ist Layla deutscher Name?" Der Araber schaut abwechselnd zur Gräfin, die neben ihm sitzt, und in den Rückspiegel, um Kontakt zu mir zu halten, neben seiner Tochter.
"Nee, deutsch nicht unbedingt", sagt die Gräfin

Ich glaub, wir haben beide den Song im Ohr, Layla, von Eric Clapton geschrieben, im London der 60er Jahre, wo er als CLAPTON IS GOD gefeiert wurde, an den Hauswänden, während er heutzutage in Beverly Hills sitzt und goldene Blueshaufen scheißt.

"Wir müssen kurz zu meinen Eltern", sag ich, "und gucken, ob der Astra Starthilfe braucht, der steht schon seit Herbst in der Garage, vielleicht ist die Batterie leer. Nur zur Probe, der bleibt da stehen."
"Kein Problem", meint der Araber.
"Boh", grinst die Gräfin, "was du dir das alles merken kannst.. Starthilfe, Batterie.."
Sie spielt auf meine notorische Ahnungslosigkeit an, wenn es um Technik und Geldkreislauf und Godzilla und Geografie und Chinesisch und Anfang und Ende geht.

Dabei ist die Gräfin auch nicht grade, na, ich sage nur, Telefonbanking.
"Ich habe Sie leider nicht verstanden. Können Sie das bitte wiederholen?"
"Ich hab nur gehustet."
"Ich habe Sie leider nicht verstanden. Können Sie das bitte wiederholen?"
"ICH HAB NUR GEHUSTET!"
"Ich habe Sie leider nicht .."
"G-E-H-U-S-T-E-T!! DU MISTKASTEN!"

Schön, also. Wir gurken mit dem grauen Hai voraus, der Araber und Layla folgen im Hyundai. Es ist nur einen Katzensprung zu meinen Eltern. Vorbei an der stillgelegten Minigolfanlage an der Bleichstrasse, wo man unter großen bunten Lampions Minigolf spielen konnte bis tief in die Nacht, dann den steilen Klauberg hoch, wo das Ehepaar Kötting das schrägste Büdchen der Welt an einem Berg führte mit einem Gefälle von 20 %.

Wenn Karlos und ich sonntags Flaschenbier kauften, rief uns Henry Kötting, ein großer, gebeugt schlurfender Mann, zum Abschied hinterher, den steilen Berg hoch: "Durst ist schlimmer als Heimweh!", und ein melancholischer Glanz lag über seinen Augen.

Bei meinen Eltern angekommen, springt der Astra, seit Monaten in der Garage, problemlos an. "Ist ja auch ein Opel", klatschen zwei Nachbarn, männlich, weiß, 40, gar nicht mal ironisch Beifall, und wir lassen ihn in der Garage stehen und fahren weiter zum Araber nach Hause.

Er wohnt in der Nordstadt. Unsere letzte Fahrt im Nissan, kurz und schmerzlos, eine hastige Zugabe. Die im Kofferraum gestapelten Sommerreifen quietschen wie frischer Spargel, wenn es in die Kurven geht.

"Mach's gut, Schätzchen", ein letzter Klaps, dann bleibt der Haifisch im Hof des Arabers und wir fahren im unwirklich weißen Hyundai zur KFZ-Stelle an der Gas Strasse. Ich sitze hinten, neben der kleinen Layla.
"Schöner Name", sag ich, "Layla."
"Das hatten wir gestern schon", meldet die Gräfin. "Woher kommen Sie eigentlich aus Arabien?"
"Libanon", sagt der kleine dickliche Libanese, und in gleichem Moment, wir stehen an einer Ampel, kreuzt eine fette schwarze Hummel sein Gesichtsfeld, ein verirrter kleiner Helikopter, der einen Landeplatz sucht, es sich dann aber anders überlegt und durchs offene Fenster entschwindet, in Richtung Blumenbeete Innenstadt.

Die Gräfin begeistert sich immer noch dafür, dass es unser alter Haifisch nach Afrika schafft.
"Der kommt auf seine alten Tage noch richtig rum in der Welt, der kommt weiter rum als wir. Urlaub in Benin.."
"Na ja, Urlaub", werfe ich ein.


*
Nachtrag: In Benin liegt der Ursprung des afrikanischen Voodoo. Von Benin aus wurden die ersten Sklaven verschifft, und als deren Nachfahren zurückkehrten, brachte sie den Zauber aus Südamerika mit und mischten ihn mit Stammesbräuchen.

Richtig: die Gräfin hat eine Reportage darüber verfolgt auf Phoenix am späten Sonntagabend, Leben mit Göttern und Geistern.
"Aber soll ich dir was sagen? Ich hab in der ganzen Sendung nicht ein Auto gesehen.."

Und im Endeffekt, sagt sie, ist sie froh, dass wir bei den dreihundert Euro geblieben sind.
"Wieso?"
"Na, angenommen, wir hätten zu viel verlangt und die neuen Besitzer in Benin wären sauer geworden und hätten die Vorbesitzer in Deutschland mit einem bösen Fluch belegt, mit Voodoo-Nadeln in die Puppe stecken und so Sachen.."
Hm. Also. Na, sag mal.
"Mit dem linken Hinterreifen war doch soweit alles in Ordnung, oder?"
"Soweit schon. Wieso?"
"Ich hab seit Tagen komische Stiche im linken Ohr."
24.4.09 12:27


Ferienreport

3. August '94

Liege mit der dicken alarmroten Pferdewurst am Strand, irgendwo hinter Boulogne-sur-Mer, wo wir die erste Nacht im Hotel verbracht haben, in einer Art Wasserbett, aber ohne Wasser. Während ich im Halbschlaf das Doppelbett abwanderte, hat die Gräfin ruhig und entspannt vor sich hin geschnorchelt, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu bewegen, so erledigt war sie von der Fahrt.

"Puh.. deine Wurst riecht man bis zum Ufer unten", stänkert die Gräfin, die grade aus dem Meer gestiegen kommt und sich tropfend auf dem großen Handtuch niederläßt. "Als hätte einer die Tür zum Schweinestall aufgestoßen."

"Ist aber vom Pferd."

"Bist du sicher?"

Na, das nehme ich doch stark an. Wenn ich den Herrn von der Boucherie richtig verstanden hab, den mobilen Frikadellenhändler, der laut Aushang an der Rezeption jeden Vormittag den Campingplatz anfährt, ist das eine Pferdewurst, oui. Ich bin ein großer Fan von Pferdefleisch. Und dann noch dieses verwegene Rot, das animiert zum Kauf. Im übrigen sind wir in Frankreich, da sollte man kulinarisch schon mal eine farbmanipulierte Blutwurst in Kauf nehmen, oder nicht?

"Wenn du meinst", meint sie.

"Wir können ja mal Volleyball spielen", sagt sie, die Augen geschlossen, während ihre Haut in der Sonne knuspert. "Aber bei dir wird ja sowieso immer Fußball draus."

Sie plappert munter drauflos.

"Hier kannst du getrost ein gekochtes Ei mit ins Wasser nehmen, so salzig ist das."

Ich bin mundfaul. Schon auf der Hinfahrt gestern hab ich kaum das Maul aufgekriegt. Außer zum Husten. Die Gräfin ist gefahren, ich hab daneben gesessen, still, hustend.

Es ist immer das gleiche in den ersten Tagen, wenn wir von zuhause fort sind. Ich schiebe einen kleinen Affen, den mir meine latente Heroinsucht aufbindet, und nach vier, fünf Tagen ist es vorbei und der Urlaub geht los. Für mich. Da ist die Gräfin längst angekommen.

Heut morgen, in Boulogne-sur-Mer, im einzigen Hotel, das noch Platz hatte, haben wir uns nach dem Frühstück so gestritten, dass jeder für sich alleine weiter wollte. Sie mit dem Wagen, ich per Zug. Schließlich sind wir ein paar Kilometer aus Boulogne herausgefahren, durch französisches Surburbia, bis wir die Küstenstrasse erreichten, und da war diese unscheinbare Hinweistafel, die ich beinahe übersehen hätte, wäre da nicht dieses elektrisierende kleine Wörtchen gewesen, Suzanne, in CAMPING CHEZ SUZANNE.

"LINKS!!" brüllte ich.

Der Campingplatz, riesig groß und ziemlich leer, liegt in den Dünen. Wir zahlen 35 Franc die Nacht, für Zelt, Auto, zwei Menschen, Sonnenschein. Und am Vormittag hält die Boucherie. Man muß nämlich Selbstversorger sein. Am Strand gibt es weit und breit keinen Strandpavillon, auf dem Camping keinen Mini-Markt, das Hinterland ist Zones Industrielles.

Beim normannischen Wurst-Händler hing dieses Emaileschild, darauf ein Spruch, irgendwas mit Boudin.

"Die Blutwurst hängt im Haus rum", übersetzte ich der Gräfin, heißt boudin doch laut Schulwörterbuch Blutwurst und die Redewendung Il y a boudir = der Haussegen hängt schief, macht alles zusammen DIE BLUTWURST HÄNGT IM HAUS RUM.

"Deine Blutwurst kommt mir jetzt noch hoch, nur von dem kleinen Stück, das ich probiert hab", berichtet sie vom Sodbrennen und verbuddelt eine 1,5-Liter-Plastikpulle Wasser im feuchten Sand, damit es kühl bleibt. (Und ich dachte schon, sie wollte den Rest der roten Pferdewurst..!)

"Guck mal, Japaner", sagt sie, begleitet vom Knautschen der Luftmatratze, weil sie sich grade umdreht.

"Japaner, wo?"

Ich glaub, ich hab noch nie Japaner an einem westeuropäischen Strand gesehen.

"Ach nee, doch nicht. Sah nur so aus."

Ich schätze mal, man merkt uns das an, dass wir einen kleinen Joint geraucht haben. Ich halte einen bunten Sonnenschirm, der in zwanzig Metern Entfernung in der Mittagssonne flirrt, für ein Zirkuszelt weit hinten am Horizont. Dass es das nicht ist, merk ich erst im letzten Moment, als ich verblüfft ausrufen will, "guck mal dahinten, die bauen ne Manege auf!"

Allez.

Die rote Pferdewurstpelle liegt achtlos im Sand, bis eine Töle daherkommt und zuschnappen will, aber Frauchen macht französisch pfui.

"Wie heißt Toi, Toi, Toi auf französisch?" frag ich die Gräfin. Sie hat keine Ahnung. Logisch. Ist mir ja auch jetzt erst eingefallen.

"Twa, twa, twa", sag ich leichthin. Da hab ich sie aber da liegen! Vor Lachen! Na schön, sie liegt sowieso.

Als die Hitze auch mich ins Wasser drängt, es ist Ebbe mittlerweile und man muss ein schönes Stück laufen, um die See zu erreichen, seh ich die Töle von vorhin, die meine rote Pelle auf Anordnung verschmähen musste. Es ist ein weißer Pudel. Er sitzt angeleint an dem bunten Sonnenschirm, den ich bekiffterweise für ein Zirkuszelt gehalten hatte. Er sitzt aber nicht im Schatten, sondern in der prallen Sonne und hechelt sich um den Verstand.

Allez.

Abends, zurück auf dem Camping.

"Beim Metzger gibt's morgen früh irgendwas mit Schokolade", versteh ich die französische Lautsprecherdurchsage, die über den menschenleeren Platz hallt. Es ist so heiß, dass ich alle zwanzig Minuten eine 1,5-Liter-Flasche mit Wasser fülle und über mich auskippe. Grillen zirpen, Gewitterwürmchen. Ich höre Chet Baker über Walkman. Für den zweiten Tag clean bin ich nicht mal mies drauf. Ich vermisse kein Pulver. Nachteil beim Walkman: ich höre die periodischen Lautsprecherdurchsagen nicht.


4.8. '94

Hab Sonnenbrand an den Waden, als hätte ich die halbe Nacht am Lagerfeuer gesessen, ohne zu merken, dass ich mittendrin sitze.

(Fortsetz.)
27.4.09 12:22


Bloggen ist wie am Tresen stehen
mit dem besten Kumpel
und die ganze Kneipe
hört zu was es
Neues gibt -
ja sicher,
doch was,
wenn es nichts
Neues gibt und die
Kumpel sind tot? 

Blog-Pause die;-n
I. {frz.}: Rien ne vas nix da*
II. {dt.}: Schnüss komplett
III. {glm.}: Auf wordpress bleibt Andreas Glumm am Ball
IV.
{vielleicht stehen wir kurz vor der explosion es könnten die letzten tage die letzten töne im kornfeld sein wo grannen im wind sich verneigen wie blechbläser in einer blonden big band bis kometen mit bösartig funkelnden teddy-augen im erdball einschlagen und dunkelheit & nacht bricht heran mit schweinen & pest vielleicht bleibt auch alles hell - kann auch sein! mit roten trompeten! ihr pfeifen!}

*
27.4.09 13:14


s



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