Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Cool Schwung

Ich wusste nicht, dass Bilder aufhängen so eine Plackerei ist. Bei Dauerfrost und zwölf Grad minus, der Schnee kreischt durch die Straßen, geraten wir im beheizten Lichtsaal der Stadtbibliothek zunehmend ins Schwitzen.

"Dieses Leben, es ist ideal!" heißt die Ausstellung der Gräfin, vierundvierzig gerahmte Bilder und Zeichnungen, darunter auch die No. 26, Tusche/Aquarell: "RSV". Das Bild ist meinem alten Fußball-Club RSV Kohlfurth gewidmet, der sich Ende der 90er Jahre aufgelöst hat, als auf dem Platz (halb Schotter, halb Rasen) halbwilde Pferde weideten, und eigentlich ist es unverkäuflich.

Überhaupt sehe ich es nicht gern, wenn die Gräfin an Fremde ihre Bilder verkauft, deren Entstehungsprozess ich unmittelbar verfolgt habe und die ich von daher als meine eigenen betrachte. Als hätte ich selber mitgemalt. Mit anderen Worten, die Finger da weg!

"Na schön, dann klebe ich eben einen roten Punkt unters Bild", macht die Gräfin ein Zugeständnis, ausnahmsweise. Roter Punkt heißt: Verkauft.
"Gut", sage ich.

Zum Schluß klebt unter zwölf Bildern der rote Punkt, es ist bei jedem Bild ein Kampf. Ich kämpfe bis zum Umfallen. Das war schon früher so, auf dem Platz. Beim RSV. Wenn ich meine gefürchtete zweite Luft aus der Kabine mitbrachte. "Heh!" riefen die Torhüter aufgeregt, wenn ich in der letzten Spielminute in den gegnerischen Strafraum trabte, schnaubend. "Deckt den Stier mit den Locken!"
"Hängt immer noch schief", meckert die Gräfin.
"Hm?"
"Das Bild. Konzentriere dich, Mann, und träum nicht immer vom RSV."

Die Bilder hängen an Schnüren, die an dieser Laufschiene befestigt sind, oben an der Decke. Wie ein Dekorateur steh ich auf der Leiter, der ich nicht übern Weg traue. Sie macht regelmäßig einen gefährlichen Kicks übers rutschige Parkett, wenn man die dritte Stufe erklimmt. Da heißt es aufpassen. Die Sinne beieinander halten. Nicht so wie Al Bundy von vier Touchdowns in einem Spiel träumen.
"Besser so?"
"Nee."

Wir sind bei No. 22, "Basta, ich tanze!" Die Frau auf dem Bild (Tusche/Aquarell) legt eine Grätsche hin, wobei ein Bein verkürzt ist, das andere ultra-lang. Es ist mein Lieblingsbild. Die Gräfin malt permanent mein nächstes Lieblingsbild. (Sie hat zunehmend ein zärtliches Gefühl für ihre Malutensilien. Wenn ihre Pinsel, dicht gedrängt, im Sonnenlicht glänzen.)

Die blonde Dame, in der Stadt-Bibliothek zuständig für Kunst-Ausstellungen & Mahnwesen, hat jetzt zum Jahresende eine Menge anderer Sachen zu tun, kommt aber ab und zu vorbei und schaut uns beim Schwitzen zu. Dabei bemerkt sie, dass die Bilder wie ein Wellental hängen, mal in Kopfhöhe, mal niedriger, dann wieder hoch.
"Das ist eindeutig zu unruhig für die Augen. Das irritiert die Besucher."
Verdammt, ja - sie hat recht. Wir brauchen eine Linie. Wir müssen justieren, wie im richtigen Leben. Wo man auch dauernd Hand anlegen muß, damit es besser hängt.

"Ist immer noch schief", stöhnt die Gräfin. Sie ist erledigt. Geschlaucht. Zwei Tage Bilder aufhängen, abnehmen, die Laufschiene verfluchen, die Schnüre richten, neu hängen, verwerfen, das geht an die Substanz, das ist anstregend, sagt sie. Und neu. Wie in der Kindheit ist das, sagt sie, wo die Zeit so langsam verstreicht, weil alles neu ist und aufregend und nach Deckweiß aus der Tube riecht und hinter jeder Ecke ein indigoblaues Motiv lauert, ein Tuareg.

"Aber hauptsächlich ist es anstrengend. Mittlerweile bin ich froh, wenn die Tage alle gleich sind, wenn um mich herum Ordnung herrscht und die Zeit verfliegt, weil ich mit mir selbst beschäftigt bin. Vielleicht ist das älter werden: die Lust an sich selbst?"
Älter werden ist ihr Thema.
"Find ich nicht gut, wenn Hollywood-Stars auch alt werden. Es reicht, wenn ich alt werde."

Plötzlich ist sie verschwunden. Ich steh oben auf der Leiter, der ich nicht übern Weg traue, und halte Ausschau, aber es ist nichts zu sehen von ihr. Erst denk ich, sie ist vielleicht draußen vor der Tür, eine rauchen, doch sie raucht so wenig, ein Feuerzeug hält bei ihr ein halbes Jahr.
Ich finde sie schließlich in der Abstellkammer. Sie sitzt im Dunkeln.
"Nichts ist beruhigender als ein dunkler Abstellraum. Die Dinge schweigen so schön hier drin."
Ich schließe die Tür und setz mich einen Moment dazu. Es ist warm. Sie schweigt. Ich seh nichts.

Es sind ja nicht nur die 44 Bilder und Zeichnungen, für die sich die Gräfin letztendlich entscheidet, dass sie hängen sollen, es sind über hundert Bilder, die sie mitgenommen hat, in diversen Kisten und Taschen, und alle wollen mal an die Wand und gesehen werden. Bilder sind sehr zeigefreudig. Alles verdammte Exhibitionisten, und nicht eins trägt einen Mantel, schamloses Pack.

Endlich sind wir fertig. Sieht gut aus. Superb. Eine ältere Mitarbeiterin der Bücherei, die vorbeikommt und einen Blick auf die Ausstellung wirft, urteilt: "Cool". Eine andere höre ich was von "Schwung" flüstern.

Cool Schwung.

Als wir am Abend daheim sind, geht uns ein weiteres Licht auf: es ist Silvester. Meine Schwester hat eine Mail geschickt, ob wir Lust auf Fondue haben und ein Schälchen Wasser für Frau Moll, aber die Mail ist von vorgestern, und sind wir müde und geschlaucht. Besser wir bleiben zuhause. Es gibt doppelt gesüßten Baldriantee und einen Tierfilm. Als die Knallerei losgeht, steigt der Hund zu uns ins Bett. Die Gräfin schlummert schon, ich schnarche, der Fernseher läuft. Dann soll es so sein.

Erst als Gus, der Ex-Punk von oben drüber, und Tim, sein halbwüchsiger Sohn, auch noch um zehn nach eins Kanonenschläge in den frostigen Himmel schießen und kein Ende in Sicht ist, fängt es in unserem Bett bedrohlich an zu knurren.
Und es ist nicht der Hund, der knurrt.
"Macht das dumpfbackige Geschmeiß da oben auch mal Schluß?" knurrt die Gräfin.

Neujahr 2009. Wir schlafen lange. Dennoch ist die Gräfin so fickrig, ihr flutschen zwei Frühstückseier aus den Fingern, im hohen Bogen auf den Küchenboden.
"Elegant", sag ich.
Erst um halb zwölf sind wir mit dem Hund draußen. Zum Glück ist Frau Moll ein Hund aus Solingen, die haben Blasen aus Stahl.

Es ist blitzekalt und es schneit leicht, als uns am Zedernweg, inmitten einem Haufen abgebrannter Feuerwerkskörper, diese Rakete auffällt, festgebunden an einem Zaunpfahl: eine Römische Lichtbatterie, Effekthöhe 25 Meter, Brenndauer 60 Sekunden.
"Guck mal, die ist nicht abgefeuert! Da ist ja noch die Lunte dran."

Und so kommt es, dass wir am Neujahrstag 2009 noch zu unserem Feuerwerk kommen. NUR 1X ANZÜNDEN, tatsächlich: es macht P-PLONG!, eine schweflige Rauchsäule steigt auf, zehn Zentimeter hoch, fertig, aus.
"Wie? Das soll alles gewesen sein? Was ist denn das fürn Omen?" ruft die Gräfin enttäuscht, und da geht die Post ab. PJUH! PJUHH! PJUHHH! pfeift es in den schneegrauen Himmel, ein 210-Schuß-Feuersturm-Pyro-Leuchtspektakel, als würden sich silbrige Mini-Ufos um einen Platz zanken in den Wolken.

"Und das um Punkt zwölf Uhr mittags", freut sich die Gräfin. Endlich lächelt sie wieder. So sieht sie am besten aus. "High Noon, was hab ich den geliebt, den Film. Gary Cooper, einer gegen alle! Oder wie war das noch mal? Ich weiß nicht mehr. Es kann nur einen geben? Na, ich weiß nicht. Vielleicht gibt es auch mehrere. So Highlander."

Ist auch egal.
5.1.09 14:17


Das Loch im Fuß vom kleinen Twing

"Kleine Männer stinken beim Ficken!", das war der blöde Spruch, mit dem ich den kleinen Twing immerzu aufziehen wollte, wenn wir nebeneinander am Tresen standen, aber der kleine Twing hat nur krachend laut gelacht.

"Zieh Leine, du Lutscher!" schrie er, als ich nach dem zwanzigsten Kölsch rüberkam mit dem blöden Spruch.

Der kleine Twing war Dachdecker. Einmal hat er Pech gehabt. Ist in einen rostigen Nagel getreten, in seinen billigen Arbeitsschuhen, die nichts aushielten. Der Nagel ging glatt durch, fünf Zentimeter weit in den Fuß rein, und guckte oben wieder raus, aus dem Spann.

"Zuerst hab ich kaum was gemerkt. War ein Gefühl, als hätte ich auf eine morsche Katze getreten, die nicht wegläuft."

Im städtischen Krankenhaus haben sie dann ambulanten Murks gemacht: keine Röntgen-Aufnahmen, dumme Blicke, wieder nach Hause geschickt.

Nach ein paar Tagen wurden die Schmerzen unerträglich, trotz der Pillen für Krebskranke, die der kleine Twing sich auf der Platte besorgt hatte, beim dicken Methadonhändler.

Twing also zurück ins Krankenhaus. Die Wunde rund um das Loch hatte sich böse entzündet. Vorschlag des behandelnden Chefarztes: Amputation des Fußes, damit die Entzündung nicht noch mehr Schaden anrichtet und womöglich das ganze Bein ab muss.

Am selben Abend erreichte den kleinen Twing auf dem Zimmertelefon der Anruf eines Bekannten, der als Pfleger eine Station tiefer arbeitete.

"Such dir eine andere Klinik, Mann. Die schneiden hier zu schnell. Die sind messergeil! Das sind Solinger!"

Am nächsten Vormittag war Visite. Der kleine Twing teilte den versammelten Metzgern mit, dass er verlegt werden möchte, um von anderen Spezialisten eine zweite Meinung einzuholen.

"Zwei Stunden später wurde ich rausgeschmissen!"
"Rausgeschmissen?!"
"Na, rausgeflogen, mit dem Blaulicht-Hubschrauber nach Bocholt, in eine Spezial-Klinik."

Der Fuß konnte in letzter Sekunde gerettet werden. Doch bevor man das Loch, breit wie ein 5-Mark-Stück mittlerweile, mit Plastik auffüllen konnte, musste die Wunde zwei Tage lang offen bleiben.

Das Bein wurde auf ein medizinisches Kissen hochgelegt, so dass der kleine Twing in einer bestimmten Liegeposition durch das Loch im Fuß genau auf den Bildschirm des Münzfernsehers gucken konnte. Ganz bequem.

Die Schwester auf der Station konnte es nicht fassen, als sie mit dem Abendbrot ins Zimmer kam.
"Was um Himmels Willen machen Sie denn da!?"
"Hm..? Ich guck Sportschau."
9.1.09 09:29


Zuckerwürfel, Handy, Streunerseelen

1
Auf der Verpackung eines Zuckerwürfel lese ich, dass ein moderner Mensch durchschnittlich 12 Jahre seines Lebens vor dem Fernsehapparat verbringt.
"Na, geht doch noch", sag ich zur Gräfin. "In Zukunft wird man gleich nach der Geburt vor die Glotze gesetzt und 85 Jahre später wieder eingesammelt."
"Frauen nach 90 Jahren", ergänzt sie.


2
Es gibt Tage, da sehe ich nicht nur scheiße aus, da bin ich auch noch dünnhäutig. Da fang ich in der Fußgängerzone innerlich an zu brodeln, nur weil mich dieser Krawatten-Heinz vorm Nokia-Stand NICHT anspricht, ob ich ein Minütchen Zeit für ihn habe.

NICHT angesprochen zu werden von geschulten Augen, das ist eine moderne Form der Beleidigung.

Natürlich, hätte er mich angesprochen, ich hätte nur genervt die Augen gerollt und wäre weiter gehastet: Ich hab keine Zeit für dich, Handy-Hansi! Aus dem Weg! Weg da!

Aber an Tagen wie diesem scheine ich dem geschulten Handy-Andreh-Vertreter-Auge zu vermitteln: Finger weg von dem Knaben! Der ist nicht Zielgruppe! Der zählt nicht zur elektronischen In-Crowd! Der ist arm!

A-R-M-U-T!!

Tja, und wenn man dann auch noch zufällig auf dem Weg zur Kundenberaterin seiner Bank ist, um den Dispokredit ein weiteres Mal hochschrauben zu lassen, (aussichtsloses Unterfangen), dann kann man schon mal dünnhäutig reagieren, wenn man nicht angesprochen wird, ob man vielleicht ein Minütchen Zeit habe.


3
Seit dem Frühlingstag 1987, als die Gräfin an der Tür stand, einen winzigen Knäuel Collie im Arm, hab ich die verschiedensten Hunde kennengelernt, darunter auch zwei, die immer wieder stiften gingen, die Spaß daran hatten, auf eigene Faust loszuziehen.

Lothar war ein kauziger kleiner Mischling, der gelernt hatte, das Verhalten von Menschen zu deuten, die an Fußgängerampeln standen. Gingen sie los, konnte er die Straße ebenfalls überqueren, blieben sie stehen, blieb er auch stehen.

Es war tagtäglich dieselbe Strecke, die Lothar zurücklegte, man konnte die Uhr nach ihm stellen. Vom Marmorhandel seines Herrchens am Ufergarten quer durch die Stadt zur Parkanlage am Hippergrund ging es immer brav den Bürgersteig entlang. Lothar war die Bürgersteig-Variante eines Streuners.

Unterwegs sammelte er die belegten Brote auf, die Schulkinder achtlos weggeschmissen hatten und verdrückte sie samt der knisternden Butterbrottüten. Ein verfressener kleiner Kerl, aber immer top gebürstet und getrimmt, darauf legte Lothar Wert.

Mandy dagegen, schwarze Labradorhündin, war unberechenbar. Sie nutzte jede Gelegenheit, um auszubüxen. Und wenn sie Tage später wieder auftauchte, dann in den entlegensten Dörfern des Bergischen Landes.

Als Frau Moll noch Welpe war, gingen wir in Wuppertal-Cronenberg spazieren, und mitten im Wald kam dieser schwarze Hund auf uns zu. Er beschnupperte uns freundlich und trabte eine Weile neben uns her, wie ein gemütliches kleines Pony.

An seinem Halsband hing ein Clip. Ich heiße Mandy, und ich wohne Bertha-von-Suttner-Straße, Solingen.
"Wie..? Das ist doch ganz in der Nähe von uns, am Spielplatz den steilen Weg hoch", sagte ich.

Also fuhren wir sie heim, die kleine Globetrotterin mit dem unschuldigen naiven Blick, voller Vertrauen an das Gute im Menschen und an die Nachgiebigkeit von Autokarosserien.

Von-Suttner Strasse, Solingen. Flachdachbungalows, Familienkutschen vor der Tür, große umzäunte Grundstücke. Auf einem stand ein Mann im weißen Unterhemd, den spritzenden Wasserschlauch in der Hand.
"Ist unsere Dicke wieder ausgebüxt?" rief er ungerührt und wässerte weiter seinen Rasen, während Mandy schwanzwedelnd durch die offene Küchentür trat, ohne sich noch mal umzudrehen.

Wir haben sie noch mehrfach getroffen, guten Tag gesagt und sie dann ihres Weges ziehen lassen, (einmal im tiefsten Widdert), doch seit zwei, drei Jahren ist sie von der Bildfläche verschwunden.

Bis gestern, am späten Sonntagnachmittag, auf den Feldern am Theegarten. Die Sonne versank schon als blutroter Hüpfball am Horizont, als Mandy mit einem Mal vor uns steht, wie aus dem schwanzwedelnden Nichts.

Erst erkennen wir sie nicht und denken, es wäre ein alter Hund, der keine Kraft mehr hat und hinter seinem Herrchen zurückgeblieben ist, schließlich ist Sonntag und eine Menge Betrieb auf den Feldern. Doch bald ist weit und breit kein Herrchen und kein Frauchen mehr zu sehen.

"Oder ist das Mandy?" Die Gräfin schaut am Halsband nach. "Klar ist das Mandy. Mann, hat die abgenommen.. Ist die dünn geworden."

Vielleicht ist sie krank gewesen, oder ihr Herrchen im weißen Unterhemd (Männer im Unterhemd sind immer auf dem Sprung) hat sie im fortgeschrittenen Alter auf Diät gesetzt, wer weiß. Frau Moll schnuppert desinteressiert an ihrem Hintern, Mandy lässt fröhlich den Schwanz kreisen, wie ein Lasso.

"Na, kleine Globetrotterin", kraule ich ihr den Hals, und Mandy bedankt sich mit einem Blick aus ihrer tiefen und treuen Streunerseele.

"Ich kann doch nichts dafür, dass ich immer unterwegs sein muss", sagt dieser Blick, bevor sie über die verschneiten Felder verschwindet, in die Richtung, aus der sie gekommen ist.
13.1.09 14:42


Nachtstadion

1
Mitten in der Nacht schreckt sie hoch, aus einem höllisch lauten Traum. "Was ist denn mit meinen Ohren los!?" ist ihr erster Gedanke, als sie aufrecht im Bett sitzt, mit pochendem Herzen.
Und da sieht sie es.

Auf dem Kopfkissen, genau da, wo zuvor ihr Kopf gelegen hat, brennt eine Schneise grelles Licht, FLUTLICHT, vom Vollmond durchs Fenster geschickt: mit 100.000 Watt hat er ihr Trommelfell beknallt, um halb drei in der Nacht.


2
"Je älter man wird, desto seltener kann man mal so richtig ausschlafen", beschwert sie sich. "Was ist das, was einen immer früher aus den Federn treibt?"
"Das Unterbewusstsein", vermute ich. "Es könnte ja sein, dass man stirbt an dem Tag, und dann ist man zu spät aufgestanden."


3
Ich erzähle und erzähle, aber sie ist woanders. Sie hört überhaupt nicht hin.
"He!" sag ich.
"Was? Oh. Ich hab lauter gedacht, als du geredet hast."


4
Es gibt Zeiten, da bewege ich mich draussen dunkel und unauffällig, wie ein Donnerstag.
Der Typ, den ich unterwegs treffe, ein Künstler. Sagt er. Redet so verschwurbelt, als drohe er jeden Moment in seinem Schnauzbart zu ersaufen.
Später begegne ich einer Chinesin. Sie ist so dünn, dass sie im Stehen eine Kurve macht.
Ich guck sie mir genau an.


5
"Du kannst nichts dafür, da hast du einfach Glück gehabt", meint die Gräfin, als wir nebeneinander hergehen. "Du riechst auch heute noch nach Fußball und nach Camping in Holland mit deiner Familie. Du bist durchdrungen von deinen Kinderjahren."


6
Dem ältesten der 3 Rockettas drohte vom vielen Schnaps die Potenz zu entgleiten. Kurzentschlossen griff er zu den Gelben Seiten.
"Was suchste?" meinte sein jüngerer Bruder.
"Nen Handwerker."
"Handwerker? Was fürn Handwerker?"
"Egal, irgendnen Messing-Klempner, der mir untenrum einen hoch baut."


7
Sie habe so heiß gebadet, sagt sie, dass die italienische Gemüsesuppe, die wir zuvor gegessen haben, "in meinem Bauch noch mal hochgekocht ist."


8
"Seit 20 Jahren hört man in Deutschland nichts anderes als Krise, Arbeitsplätze und Milliarden Euro. Ich kann es nicht mehr hören."


9
In der Nähe wohnt die Großfamilie aus Somalia. Lauter kleine Burschen, bei denen man das Gefühl nicht los wird, dass sie einfach nicht wachsen. Und dann sieht man sie plötzlich nicht mehr. Sobald sie die 1 Meter 50 erreicht haben, sind sie weg. Es heißt, sie seien fortgezogen. Wohin? Keiner weiß es. Bis sie eines Tages zu Besuch kommen und zwei Meter lang sind. "He, Langer, wie ist die Luft da oben?!" Na ja. Aber wo waren sie zwischen 1 Meter 50 und 2 Meter? Ein afrikanisches Geheimnis, auf bergischem Boden.


10
"Ich bin so müde", sag ich zur Gräfin, "ich schlaf gleich um mich!"


11
Mehr von Glumm & Gräfin & Hund: Daphne P. bei Miss Tilly.
15.1.09 14:01


Sowieso Südsee

1
Liebste, nun fährst du für eine Woche an die Nordsee. Oder war's die Ostsee? Die Westsee? Egal. Wo auch immer du ankommst, ist sowieso Südsee. Dein Liebster.


2
"Zerfall hat was rührendes", sagt sie, als sie mich morgens am Kaffeetisch betrachtet.


3
Besser von unten kommen als von oben fallen.


4
Der Regen rast durch den Wald, als hätte er Räder. Niemand unterwegs, ausser mir und Frau Moll. Selbst im Homosexuellengebüsch am Panoramaweg herrscht Flaute. Der Regen spült gelangweilt die Wichse aus dem Erdreich. Der Hund? Steht verdrossen im Gebüsch, wie ein nasser Tankwart, der einem Wagen hinterherglotzt, der niemals anhält.


5
Rapaff!

14. STOCK
FIEL VON
BALKON!

Mieterin Maria Moll: "Das war recht knapp!"


6
"Die Seele ist Prosa", sag ich zu Karlos, wir stehen am Tresen, "da kannst du mit Poesie nix reissen."
Er stiert in sein Bier.
"Nee, wa."


7
Ich war schon immer ein Aussenseiter, ich hab nie wirklich irgendwo dazugehört, auch wenn ich noch so sehr oben war, auf dem Olymp der Kumpel.


8
Wir sitzen beim Griechen. Es gibt gebackenen Ziegelstein, der auf der Schiefertafel im Eingangsbereich als "Heute: Gebackenes Zieglein" angepriesen wird. Schätze, da muss auf dem Weg von der Küche bis zu unserem Tisch irgendwas schief gegangen sein. Schwere zähe Knoblauchkost, und die Kartoffeln hat der Koch einfach mit reingeschmissen in den Backofen und später mit der Schürze rausgeholt. Freut sich der Hund, wenn wir nach Hause kommen.

Eine Tante der Gräfin, lange Jahre als Altenpflegerin beschäftigt, erzählt beim Essen (mal wieder) von früher, als sie den alten Knaben auf Station die Rosinen vom Hintern geschnitten hat.
"Die waren schon ganz plattgesessen!"

Während ich auflache, ruft die Schwester der Gräfin, Chef-Laborantin beim Bayer-Konzern: "Och, Mensch, Tante Sigrid! Nicht beim Essen!"
"Wieso? Ist doch nichts schlimmes."
"Ja, vielleicht für dich nicht, du hast den Beruf ja auch gelernt! Ich aber nicht! Ich bin ja nicht umsonst mit Maschinen zusammen!"


10
Am nächsten Morgen. Die Gräfin hat einen fiesen Geschmack im Mund, "als wär ich wieder ein Stück gestorben heut Nacht."
"Man stirbt doch jede Nacht ein Stück", wende ich ein.
"Ja, klar. Aber man muss nicht so riechen."
16.1.09 11:23


Endlich 1976

Ich war zehn, als es losging, und zwanzig, als es endete: Die 70er Jahre.

Was in Nachhinein schrill und farbig erscheint und nach mächtig klappernden Plateausohlen klingt, war in Wirklichkeit ein dunkles, fremdes Jahrzehnt.

Jede Nacht, sobald Sperrstunde war und die Discos und Kneipen ihre Schlagläden schlossen, zogen wir durch die Strassen und hatten nichts Besseres zu tun, als Laternen auszutreten, eine nach der anderen, bis es dunkel war in der Stadt.

Es gab einen exakt definierten Punkt, den man treffen musste, damit das Natrium-Licht erlosch. Der Punkt befand sich in gut einem Meter Höhe, da, wo die Elektronik saß (oder wir sie zumindest vermuteten).

Natürlich gab es auch widerborstige Exemplare, die das Leuchten nicht lassen konnten, da waren wir als Gang gefragt. Wie eine Herde grimmiger Kung Fu-Bullen sprangen wir nacheinander den Mast an, ein Trommelfeuer an Tritten ging auf den Punkt nieder, HA! HU! HO! bis es geschafft war. Endlich Dunkelheit. Endlich Nacht.

Endlich 1976.



*
Frank hat in den Kommentaren darauf hingewiesen, dass es vermutlich gar nicht die Elektronik war, sondern.. na, lest selbst:

Ich würde mal vermuten, dass man an einem bestimmten Punkt (+/- einige Zentimeter) das obtimale Verhältnis aus Schwingungsverhalten der Laterne und Kraftentfaltung des Randalierers hat. Ich bin mir da aber nicht sicher.
Ich erinnere mich nur, dass wir eine Laterne hatten, die nur im Sprung zu killen war... Da diese in der DDR stand (und sicher noch steht), gehe ich davon aus, dass die verwendete Technologie der Laternen gleich war. Ebenso, wie die Austreter.
19.1.09 16:59


Du darfst nicht traurig sein

Nach zehn Tagen Schnee und strengem Frost ist der Boden wieder aufgetaut und so seifig, als wär ich auf weichgekochten Schuhen unterwegs.


*
Auch hübsch: In die Scheiße treten, obwohl man genau weiß, dass sie vor einem liegt, nur um hinterher schimpfen zu können, "wusst ich's doch!"


*
Im höchsten Haus am Platze, aber ganz unten, Parterre, diese kuriose Balkon-Familie, die sich Sommers wie Winters auf dem Balkon aufhält, inklusive der Waschmaschine, die im Schleudergang quer über den kleinen Erdgeschoß-Balkon rumpelt, vorbei am Sohn (17), der sich, die Konsole auf den Knien, ins Ballerspiel verbeißt, daneben die Mutter (42), das Handy am Ohr, und dann die drei spleenigen Schwestern (14, 14, 14), ständig granatenlaut am gackern vorm Laptop oder Passanten grüssend, die unten am Weg hergehen, mit dem Hund, hallo, alles gut, Alta? Lass ma Plasma abfließen!


*

Große Sprünge

sind kleines Fliegen




*
Am Tag gibt der Mensch durchschnittlich acht Stunden fürs Sterben aus, zumeist in den Nachtstunden.
Oder ist eine Bettdecke was anderes als ein warmer leichter Sargdeckel?


*
In einen Pferdeapfel zu treten ist nicht halb so schlimm wie in einen Hundehaufen.
Schon der Apfel darin macht es erträglich.


*
Deine Angst ist nicht Chef, deine Angst ist deine beste Mitarbeiterin. Gib ihr eine Aufgabe und sie wird sich den Arsch aufreißen, nur um dir zu Gefallen zu sein, verkleidet als Mumm.


*
Als Nachtportier hatte ich gelegentlich mit Volksmusikern zu tun, die in der Stadt waren. Ich erinnere mich an die Wildecker Herzbuben. Ihr "Herzilein" dudelte damals die Charts rauf und runter, und doch waren es zwei fette Trauerklöße mit langen Bärten, die spät am Abend ihre Zimmerschlüssel abholen wollten.
Ich wunderte mich, warum die Beiden so mies drauf waren, trotz ihres Monster-Hits, und warum zum Teufel standen sie so weit weg? Warum kamen sie nicht näher ran an die Rezeption, bis mir aufging: Es waren ihre massigen Trutzburgen, die das verhinderten, sie schafften es einfach nicht näher ran, keine Chance.
Ich musste mich schon weit rüberbeugen, um ihnen die Schlüssel zu überreichen.
Scheiße, waren die mies drauf.


*
Aus Versehen hat die Gräfin unter eine Mail statt Lieben Gruß Luben Grieß getippt.
Könnte der Renner werden.

Luben Grieß,
500
20.1.09 14:14


Romeo gegen Julia

Astrid war dünn und hatte große Möpse. Ich lernte sie im WM-Sommer 1986 kennen, an einem schwülen Abend im Keller, einer Szenekneipe mit angeschlossenem Programmkino. Der Keller lag in den Katakomben einer stillgelegten Brauerei auf der Schützenstrasse. Wenn man die Treppe hinunterstieg, schlug einem dieser feuchte Hefegeruch entgegen, vom jahrzehntelangen Einlagern der Bierfässer.
Es war wie in Liverpool, im Cavern Club. Auf Fässern, die als Stehtische dienten, brannten lange schwarze Kerzen, und El Loco, ein stadtbekannter Rock’n Roller, dem der Laden gehörte, war beseelt von der Surfmusik der frühen 60er Jahre.

Faster, faster. Feuchter, feuchter.

Das Kino war eine gemütliche kleine Sache. Das Publikum saß auf ausrangierten Sofas und Ohrensesseln voller Brandlöcher, es durfte geraucht werden während der Vorstellung. Jahre später, zu Beginn der 90er, als die halbe Stadt auf Morphinbase war, wohnte ein paar Häuser weiter ein hagerer Italo-Dealer, der seine Kundschaft gerne aus der Badewanne heraus bediente, ciao, ragazzi, und wenn ich von ihm kam, aus seinem Badezimmer, vergrub ich mich nicht selten mutterseelenallein im unterirdischen Kellerkino und schaute mir japanische Kunst- und Sexfilme an, bis ich wegdämmerte.

Im heißen Sommer 86 aber war in Mexiko Fußball-WM und die Zentren meiner Sucht regierte noch Bier und Marihuana, und Maradona. Ich fand diesen Job im Turmhotel, als Kofferträger für amerikanische Reisegruppen, die auf ihrer Heart of Europe-Tour Station in unserer Stadt machten.

Wenn der Reisebus mit den Amis ankam, meist am späten Nachmittag, verteilte ich das Gepäck auf die einzelnen Zimmer, und am nächsten Morgen, bei Abreise, schleppte ich alles zurück zum Bus. Dafür kassierte ich pro Gepäckstück einen Dollar, später einen Dollar fünfzig. Bei im Schnitt 50 Touristen machte das 75 Dollar, und da sich die Amis beim Trinkgeld freigiebig zeigten, vermutlich gingen sie davon aus, dass ich als Gepäckboy nur von ihrem tip lebte, wie in den USA üblich, waren 100 Dollar am Tag keine Seltenheit. Ich wurde Stammgast am Devisenschalter der Stadtsparkasse, wo ich jeden Morgen bündelweise die grüne Marie in D-Mark umtauschte.

In diesem Sommer war ich ein gemachter Mann. Ich war jeden Tag früh auf den Beinen, ich hatte Kohle auf der Tasche, ich war braungebrannt. Wenn die Sonne früh um neun auf die Dächer knallte, trug ich fingerdick Nussöl auf und legte mich hinters Haus in den Garten, in gewaltloser Koexistenz mit Bremsen, Bienen, Hornissen. Außerdem hatte ich mich dem Gedanken arrangiert, von nun an ohne Lena zu leben. Es war gar nicht mal so übel.

Nachmittags klingelte das Telefon. Es stand auf dem Fensterbrett, damit ich vom Garten aus bequem den Hörer abnehmen konnte. Mein erstes Mobiltelefon. Lena war dran. Die große, verflossene. Wir waren seit einem halben Jahr auseinander, nach einigem hin und her.
"Ladylover, sollen wir heute Abend was zusammen machen?" fragte sie.
Ich war überrascht.
"Klar", antwortete ich. "Warum nicht. Blöde Kuh."
Dann legte ich mich wieder auf die Decke im Garten und wartete, dass es Abend wurde. Beobachtete die alte Frau Kohl, der nebenan im Campingstühlchen beim Stricken der Wollknäuel aus der Hand fiel, und als er den kleinen Hang herunter rollte, na, da ließ ich ihn rollen.

Leben 1986, das war Verzetteln in Gesellschaft und Sortieren im Alleinsein, damals wie heute, aber Alleinsein musste auch Alleinsein bleiben, sonst kriegte ich mich nicht sortiert. Was ich damit meine? Woher soll ich das wissen. Motive sind längst verschollen, Gedanken über alle Berge.

Lena kam um acht. Mexiko spielte gegen Paraguay. Sie kam rein und schaltete rotzfrech ins Zweite um. Da lief Romeo gegen Julia.
"Romeo UND Julia!"
Ich schaltete wieder nach Mexiko, wo Diego Maradona gerade seinen Auftritt hatte. Nach einem spektakulären Sololauf blieb er stehen, bückte sich und applaudierte seinen Füssen. "Amorcito corazon!" schwärmte ich, "Blutsbruder!" Maradona war mein Held. Unverdorben, nicht korrupt, adelig.
"Du mit deinem dämlichen Fußball!" meinte Lena.
Wir endeten bei Shakespeare.

Als sie eher nebenbei verkündete, dass sie um elf noch mit ihrer Busenfreundin Britta verabredet war, wurde ich wütend.
"Wenn du nur zum Fernsehen hergekommen bist, kannst du auch gleich wieder abhauen!"
Sie ging nicht weiter darauf ein. War überhaupt ganz zutraulich an dem Abend. Küsste meine Hände. Legte den Kopf in meinen Schoß. Wir saßen gemeinsam auf einem Sessel und guckten Romeo gegen Julia. Ganz brav.
"Romeo UND Julia!"

Ich schaute sie mir von der Seite an. Es war sowieso besser, wenn sie in dieser Nacht nicht da blieb. Ich liebte diese Frau immer noch, aber mein Widerwille wuchs mit jedem Tag, den ich alleine war und mich besser sortiert bekam. Ich wusste nicht, woher dieses Gefühl kam, aber plötzlich war es da. So lange war ich ihr nachgelaufen.. komm zurück.. bleib.. Nun nervten ihre flüchtigen Küsschen. Die konnte sie sich an den Hut stecken.

Es schellte. Harry und Possehl flogen ein, mit zwei Plastiktüten voller Flaschenbier.
"Stören wir?" grinste Harry. Er mochte Lena nicht besonders, das beruhte auf Gegenseitigkeit.
"Nee, ist schon in Ordnung. Lena haut sowieso gleich ab", sagte ich und fühlte mich ganz wohl dabei.
Harry war betrunken und wollte unbedingt “Straße der Sehnsucht” hören, den Evergreen von Peter Kraus. Ich besaß die 45er-Original-Single, die ich in diesem Sommer so oft gespielt hatte, dass die Leute die zerkratzte Edelschnulze forderten, während ich sie nicht mehr hören konnte. Der Fluch des selbst angeschobenen Kults.

Ich hatte partout keine Lust, die Single aufzulegen, aber Harry ließ nicht locker und irgendwann wurde es mir zu doof und ich gab nach.
Lena verabschiedete sich.
"Nicht schon wieder die scheiß Schnulze. Ich hab Dienstag frei. Sollen wir noch mal was zusammen kochen?" flüsterte sie. "Dazu hätte ich Lust. Und auch zu anderen Sachen.."
"Meinetwegen", sagte ich.
"Na ja, lass uns noch mal telefonieren", sagte sie. "Ich ruf dich an."
Was war das denn jetzt?! Na, scheiß drauf. Mit den Jungs machte ich das Bier leer, dann riefen wir ein Taxi.

Auf der Fahrt ins Mumms, unserer Zentrale, gaben wir drei eine a-capella-Version von "Straße der Sehnsucht" zum besten. Ich zog vor, die Jungs zogen nach. Zum Schluss fiel sogar der Taxifahrer in den Refrain ein.
“Einmal heiß geliebt zu werden, einmal nicht beiseite stehen, ja, das.. wär schön.. Straße der Sehnsucht, einsam und still, dir muss ich folgen bis an mein Ziel..”
Das Mumms war tot an diesem Abend, die Leute hockten alle daheim und guckten WM. Harry und ich beschlossen, in den Keller zu fahren. Wir riefen ein Taxi. Es war derselbe Fahrer wie zuvor.
"Zur Straße der Sehnsucht?"
"Immer, Meister. Immer."

Und dann saß sie da im Keller, an diesem schwach beleuchteten Ecktisch. Astrid. Mit ihrer hochgesteckten dunklen Doo-Wop-Frisur, mächtigen Möpsen und einem Lächeln. Ich setzte mich zu ihr und baggerte drauflos, ich gab alles, was ich zu geben hatte, und als hätte El Loco, der Inhaber, es gerochen, legte er nur Balladen auf: This ole Devil called Love. Something (in the way she moves). Here comes the sun.

Endspielsonntag. Maradona und Argentinien waren Weltmeister geworden. Um zwei Uhr in der Nacht stand ich besoffen vorm Cafe Tijuana in Gräfrath, das einen Schlag Süden in die Stadt brachte, und hielt den Daumen raus. Tatsächlich hielt gleich der erstbeste Wagen an und nahm mich mit, bis in die Innenstadt. Auf der Schützenstrasse ruderte ich die letzten Meter an den Hauswänden entlang. Ich hatte nur eins im Kopf: Gucken, ob Astrid im Keller war. Ich hatte versprochen sie anzurufen, aber daraus war nichts geworden.

Im Keller stiefelte ich schnurstracks auf sie zu. Der Laden war rappelvoll an diesem Abend, und sie saß wieder in der dunklen Ecke. Ihrem Hafen.
"Hör zu", sagte ich. "Ich hab nicht angerufen, aber jetzt bin ich da. Nur wegen dir."
(Astrid meinte später, sie hätte es beinahe mit der Angst bekommen, wie ich da auf sie zugestiefelt kam, mit diesem irren Glanz in den Augen..)
Von da an waren wir zwei Tage zusammen. Sie wohnte in Wermelskirchen, einem Kaff im Oberbergischen, gut dreißig Kilometer entfernt. Sie hatte gerade ihr Studium abgeschlossen und war ohne Umweg ins mittlere Management einer Firma eingestiegen, die chirurgische Instrumente anfertigte.
"Bring mir doch mal eins mit", forderte ich sie auf.
"Mitbringen? Was denn mitbringen?"
"Na, irgendwas aus eurem Sortiment. Einen schönen Hobel vielleicht, oder so Klammern, die man braucht, wenn jemand am offenen Bauch operiert wird."
Ich nervte sie solange, bis sie mir endlich ein Reflexhämmerchen mitbrachte. Aber da hatten wir schon längst nichts mehr miteinander.

Montag früh um halb acht fuhr sie mich zum Turmhotel, wo ich meinen Job zu erledigen hatte. Sie wartete ein halbes Stündchen im Wagen, bis ich fertig war mit dem Gepäck aus Kansas und Chicago. Weil der Devisenschalter der Sparkasse erst um neun öffnete, hatten wir noch Zeit und bumsten im Auto. Es war so schwül, mir rann der Schweiß in die Augen und ich sah alles wie durch einen flirrenden Vorhang. Sie hatte Möpse wie im Kino. Danach fuhren wir zurück nach Wermelskirchen und frühstücken mit Sekt, wobei ich die Hälfte des Schampus über meine Hose verspritze.

Nachmittags tauchten Bekannte von Astrid auf, ein Pärchen aus Köln, eine dicke Matrone und ihr Feuerwehrmann. Sie konnten nichts mit mir anfangen, weil ich die ganze Zeit im Bett blieb mit einer Latte, die zwar niemand sah, die aber die Atmosphäre bestimmte. Jedenfalls waren Astrid und ich heilfroh, als die Beiden sich endlich verabschiedeten.

In der folgenden Nacht kühlte es nicht ab, es blieb so warm, dass wir ohne Decke schliefen, und als ich wach wurde, mitten in der Nacht, war es stockdunkel und ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand. Ich meine, normalerweise, wenn man sagt, es ist stockdunkel, dann ist doch irgendwo ein Spalt, durch den etwas Licht einfällt, man sieht die Ziffern eines Digitalweckers leuchten, irgendetwas, hier aber gab es nichts zu sehen, um mich herum nur bodenlose Schwärze. Von Panik erfasst griff ich um mich, ins Leere, bis ich neben mir einen Arm erwischte. Ich beugte mich runter, hörte ein Atmen, aber ich wusste nicht, wer das war, wer das sein sollte. Alles strebte fort von mir, ich suchte verzweifelt einen Punkt in der Finsternis, der mir Nähe vermittelte, Orientierung. Ich geriet so durcheinander, dass ich aufsprang vom Bett und mich der Länge nach hinlegte, wobei ich noch den Ventilator mit zu Boden riss, der sofort ansprang und Wind machte und Lärm.

"ICH BIN BLIND! ICH SEH NICHTS MEHR! HILFE!"

Noch am selben Vormittag nahm ich den Überlandbus von Wermelskirchen nach Hause. Ich nahm mir vor, ein paar Tage lang nichts zu trinken. Die alte Frau Kohl saß in ihrem zerschlissenen Campingstühlchen im Garten und zog sich Obsttorte rein mit Sahne. Sie winkte freundlich, als sie mich am Fenster stehen sah. Ich winkte zurück und trat aus Versehen auf die 45er Single Straße der Sehnsucht, die vor mir auf dem Teppichboden lag.

Dummerweise war es aber nur das Cover.
27.1.09 10:43


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