Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Wilddiebe

Als wir am ersten Advent früh zum Waldspaziergang aufbrachen, wusste weder der Fuchs, dass er gleich einen Tannenzapfen abbekommen würde, noch wusste die Gräfin, dass sie einen Tannenzapfen werfen würde. Nicht, um einen Fuchs zu treffen, der gerade seine Nase aus seinem Bau streckte, sondern um im von herbstlichen Farn überwucherten Dickicht ein Karnickel aufzuscheuchen, für den Hund.

Was mich betrifft, ich hab von all dem überhaupt nichts mitbekommen. Ich stand ein paar Meter hinter der Gräfin, in der schattigen Tannenschonung, und machte mir gerade eine Notiz. Wir hatten zuvor ein bißchen rumgealbert, dass Frau Moll, wäre sie Schriftstellerin, vermutlich ein schonungsloses Enthüllungsbuch auf den Markt drücken würde, "Was ich gerne aß und wen ich gerne jagte (und dann aß)".

Das waren exakt die Zeilen, die ich im Notizbuch festhielt, als die Gräfin, drei Meter entfernt, rief: "Guck mal. Ein Fuchs." Ganz unspektakulär kam das rüber, nicht so eindringlich wie sonst, wenn etwas Fantastisches geschieht, das ich mal wieder nicht mitkriege, weil ich die Nase im Notizbuch hab.
Es kam sogar so unaufgeregt rüber, dass ich zunächst zu Ende schrieb, das Notizbuch einsteckte und erst dann zu ihr aufschloss.

Und da war alles schon vorbei.

"Ich hab gerade einem Fuchs einen Tannenzapfen auf den Deetz geworfen..", sprach sie verdattert. Frau Moll sprang ums Dickicht herum, ohne genau zu wissen, warum. Sie hatte den Fuchs auch nicht gesehen. Sie hatte grade woanders hingeguckt, als der Fuchs aus seinem Bau getreten war, spürte aber nun am Klang der Stimme ihres Frauchens, dass etwas Unerhörtes geschehen sein musste. Sie hat ja feinere Ohren als ich. Sie hört verärgert die Croissantkrümel in den Staubsaugerbeutel einsickern während ich sauge.

"Ein Fuchs?" sagte ich.
"Ja, ein Fuchs..! Erst hab ich ihn für einen riesigen roten Kater gehalten, aber dann hat er sich geschüttelt, ganz verdutzt, seit wann regnet's Tannenzapfen vom Himmel? Ist doch Sonntag! Aber als er sich dann umdrehte und mich taxierte, erkannte ich ihn. Groß wie ein Hund und eine Farbe wie der Farn um ihn herum. Und dann ist er in seinen Bau verschwunden, in aller Seelenruhe. Ohne jegliche Hast."

Wir entfernten uns von dem Dickicht, den Abhang hoch, und warteten. Lagen geduldig auf der Lauer, wie Naturfilmer, doch der Fuchs, schlau geworden, ließ sich nicht mehr blicken. Dafür preschte Frau Moll mit einem Mal los. Ein Karnickel hatte sich entschieden, den ersten Advent für etwas Lauftraining zu nutzen und fegte über die Lichtung, Frau Moll jaulend hinter her.

Wir hörten das Knacken von Zweigen, das Umnieten von Sträuchern, das sich immer weiter entfernte und von den weiten Wupperbergen zurückhallte, doch plötzlich schien die Karnickeljagd in eine wilde Rehhatz überzuwechseln. Erfahrene Hundehalter erkennen das am Grad der Erregung ihres Hundes, auch aus weiter Entfernung: Das Gejaule erinnert mit einem Mal an einen durchdrehenden Truthahn.

Wir riefen Frau Moll zurück, wir brüllten ihr hinterher, aus entschlossener Lunge, und weil sie gut erzogen ist, brach sie die Jagd tatsächlich ab und kam mit über den Boden schleifender Zunge und das Fell verklebt mit Kletten und Zweigen aus dem Wald getrottet.

"Alter Wilddieb", lobten wir sie dafür, und sie freute sich.

Es war allerhand los in den Wupperbergen. Keine dreihundert Schritte entfernt vom Fuchsbau trafen wir auf einen Mann, der verzweifelt auf der Hundeflöte spielte. Sein Jagdhund hatte ebenfalls die weiße Witterung eines Kaninchens aufgenommen und war nun über alle Berge, und über uns schwang sich ein mächtiger Bussard von Baum zu Baum, souverän lächelnd.

"Ein richtiger Wildbretsonntag", leuchtete die Gräfin. Sie hatte dem einzigen Fuchs weit und breit einen Tannenzapfen auf den Pelz gebrannt.

Pock.
1.12.08 10:10


Unter Null

7. Januar 1987 *

Das frühe Aufstehen gestern und zwanzig Quittenschnaps waren zu viel für mich. Ich penne durch bis mittags.

Weil nichts zum Frühstücken da ist, mach ich mich auf in die Stadt. Zufällig läuft mir Wild über den Weg, Regisseur des Theater-Ensembles, bei dem Karlos spielt. Wir gehen auf zwei Tassen Kaffee ins unterirdische Stehcafe. Ich bin völlig neben den Schuhen, Wild dagegen ist wie immer hellwach, er blitzt aus seinen rattigen Äuglein und der Mantelkragen bleibt hochgestellt, auch im überheizten Stehcafe.

Er hat eine Weile fürs Düsseldorfer Plattenlabel atatak gearbeitet, das schräge Bands wie Der Plan unter Vertrag hat, dann verschlug es ihn ans Solinger Theater.
Er spricht leise und lispelt ein bißchen, jedenfalls glaubt man das. Hört man nämlich genauer hin, ist davon nichts mehr zu merken. Ich vermute, er tut nur so, als lispele er. Kleiner Trick, damit die Leute genauer hinhören. Ein verschmitzter Bursche. Er trägt schwarze Künstlerklamotten und hat stets wechselnde, blutjunge Freundinnen, rekrutiert aus den Anfänger-Workshops am Stadt-Theater.

"Und? Was macht das Theaterstück?" fragt er, als hätte ich bereits mit dem Schreiben begonnen. Dabei haben wir nur darüber gesprochen. Das heißt, er hat gesprochen und ich skeptisch genickt. Er lässt einfach nicht locker. Jedes Mal, wenn wir uns über den Weg laufen, hakt er nach.

"Schreib doch ein Theaterstück", sagt er.
"Wir führen das auf", sagt er.
"Mach das", sagt er.

Natürlich hat die Vorstellung ihren Reiz, dass Texte von mir auf die Bühne kommen. Und was Karlos betrifft, könnte ich ihm direkt ins Maul reinschreiben. Ich bräuchte ihm nur zuzuhören, was er so alles an Bonmots von sich gibt, wenn wir zusammen abhängen, und ins Stück einbauen. Doch welches verdammte Stück? Welche Dialoge? Ich weiß nicht mal, was ich für Geschichten schreiben soll.

Aber vielleicht wäre es einen Versuch wert, ein Stück langsam zu entwickeln, in Probenarbeit, und nicht alleine am Schreibtisch, was zunehmend nervt. Sollte Schreiben irgendwann mal wie ein Kumpel sein, mit dem ich am Tresen stehe, dann ist gut. Und sollte ich irgendwann mal am Schreibtisch nicht mehr das Gefühl haben, da draussen gerade die glücklichste Party der Welt zu verpassen, dann ist noch besser. Vorher bleib ich ein versoffener Taugenichts, der ab und an ein paar Zeilen aufs Papier hackt, wenn er zornig ist. Die Frau weggelaufen, meine ich.

Aus seinem LP-Fundus hat mir Wild im Sommer für kleines Geld einen ganzen Stapel Soul-Sampler aus den USA verkauft (For Collectors Only), zum Bersten voll mit Girl-Groups-Perlen der frühen sechziger Jahre. Seitdem fühle ich mich ihm gegenüber ein bißchen verpflichtet. Aber nur ein bißchen. Und ich hab nie ein Theaterstück versprochen.
"Mal gucken", war das Äußerste, was ich mir abgerungen hab. Ich weiß nicht mal, wie man einen Einakter hinkriegt. Nur die Überschrift steht schon, Komma ich blute.

Im Bücherladen in der Fußgängerzone hol ich mir Unter Null ab, das Buch vom neuen Wunderkind Bret Easton Ellis, das ich vor ein paar Tagen bestellt hab, und schlag mich wieder nach Hause. Leg mich ins Bett. Und da bleib ich auch.

Unter Null handelt von neureichen Kids in Los Angeles, die den ganzen Tag Koks-Partys feiern und am Pool rumhängen und Champagner saufen. Im Gegensatz zu anderen Drogenromanen, die einem den Mund wässrig machen, fuckt Unter Null komplett ab.

Ich hab mit Kokain eh nichts im Sinn. Zwar ist das Pulver im ersten Moment ein mit Euphorie betankter Flugzeugträger, so breit dockt er an, doch wieder auf hoher See kann er seinen Kurs nicht halten. Legt man keine Nase nach, treibt man schnell in depressiven Gewässern, die sind tief und schwarz und von trister Weite.

Oder, wie der dicke Hansen mal gemeint hat: "Koks, da bist du für ne halbe Stunde wie Elvis, und für den Rest des Abends das letzte Arsch."
Wäre der Absturz so kurz wie die erste Euphorie, das wäre okay. Aber der Absturz will und will nicht enden. Da stimmt die Relation einfach nicht.

Kokser höre ich auf hundert Meter heraus. Sie reden nicht, sie hacken. Als würden sie beim Sprechen eine Zwiebel auf einem Holzbrett zerkleinern, takk, takk, takk, geht das, takk, takk, takk, takk, aus einem malmenden Kiefer heraus. Eine Art Presswehen im Sprachzentrum.

"Ich bin unheimlich weiß und ich komm aus dem Beton", hat der Twing mal zu mir gemeint, ein süchtiger Krankenpfleger, als er voll auf Koks war. Ein schönes Sätzchen. Dummerweise malmte es an diesem Abend mindestens 400 begeisterte Mal aus ihm heraus.

Solche Vorbehalte bedeuten natürlich nicht, dass ich nicht kokse. Auch wenn das Zeug mich depremiert und die Depression den ganzen Abend anhält, auch wenn meine Nasenschleimhaut sich grundsätzlich entzündet und ich für den Rest der Woche mit einer verstopften Nase durch die Gegend renne, ich probiere es doch immer wieder. Ist schließlich ein geiles Pülverchen.

Ich liege im Bett und hab den chewing-gum-ähnlichen Geschmack von Koks auf der Zunge. Ist ja nicht so, als koksten nur kalifornische Kids mit ordentlich Zaster auf der Tasche und eins der Kids hieße Bret Easton Ellis. Es gibt im Bergischen Land nur nicht so viele Swimming-Pools wie in L.A., unser Champagner heißt Kölsch und die Turnschuhe haben noch echte Löcher und werden nicht von spezialisierten Designern rausgenäht.

Ein gutes Buch. Jedenfalls kein schlechtes. Ich mag die knappen Sätze. (Ich zünde mir eine Zigarette an und schalte MTV ein und drehe den Ton ab. Eine Stunde vergeht.)


*
Davor: 6. Januar '87 und 5. Januar '87.
2.12.08 12:48


Bin nie drin

8. Januar '87 *

UNTER NULL verfolgt mich, bei Temperaturen um den Nullpunkt und leichtem Schneefall. Ich könnte mir so eine Linie Koks reinziehen. Am späten Nachmittag hab ich die cleane Schnauze voll und tanke drei Gläser von dem klebrigen griechischen Likör, der seit Silvester im Küchenregal steht.

Modell Hamburg klingelt. Angela ist dran, aus dem Krankenhaus. Unterleibsgeschichte. Angela war meine erste feste Freundin, noch vor Lena, das liegt 10 Jahre zurück. Ab und zu meldet sie sich. Die Spirale hat sich entzündet, erzählt sie.
"Oder besser gesagt, die Möse drumherum."

Da ich heut Abend sowieso im Krankenhaus bin, ich hab dem Burgfräulein leichtfertigerweise angeboten, sie vom Spätdienst abzuholen, (zu Fuß!), verspreche ich auch Angela, kurz bei ihr reinzuschauen. Mir doch egal.

Ich sollte ein Mir-doch-egal-Buch schreiben. Eine schöne Scheiß-drauf-Novelle. Die müsste mir doch so aus dem Ärmel purzeln.

Einfach am Schreibtisch sitzen und ohne Motiv drauflosklimpern in die Continental, die schwarze alte Dame, als würde ich einhändig Improvisieren auf einem Piano, mich treiben lassen, bedrängt nur von den Geräuschen der Strasse, vom Knacken des Kohleofens, von den Stimmen der Fernsehmenschen, wenn Karlos nebenan die nordmende-Glotze anglotzt.

Ich seh die halbvolle Flasche Kraft-Ketchup im Küchenregal und hab plötzlich Lust, die Pulle zu nehmen und sie gegen die frisch geweißte Wand zu schmettern. Einfach nur so, damit hier mal was passiert, damit ich Glas splittern höre, die neue Behausung beschmutze, ZUM ZEITVERTREIB.

Ach, wie schad, dass niemand weiß, wie fertig ich bin. Dann bräuchte ich der Welt kein Buch zu klimpern.

Ich geh in mein Zimmer, setz mich an den Schreibtisch und hacke drauflos. Rop pop pop. Rop pop pop. Ergebnis: Ein Einakter.

ER: (kommt rein.)
SIE: Isses kalt draussen?
ER: Weiß nich. Bin nie draußen.
SIE: Wieso? Du bist doch gerade rein gekommen.
ER: Nee. Bin nie drin.

Großartig. Damit wäre sogar das versprochene Theaterstück geschrieben. Ich bin ein gottverdammtes Genie.

Am Abend besuch ich Angela im Krankenhaus. Sie sieht blass aus. Bedürftig. Für einen kurzen Moment ist sie die kleine Angie von 1974, als wir Blues und Rock'n Roll getanzt haben auf den Feten in der alten Beckmann-Brauerei. Ihr kleiner strammer Busen, nass vom Sommerregen, ihre lächelnde Teenie-Stimme, aber nein, Blödsinn, sie ist fünfundzwanzig und entzündet.

"Was macht Lena?" ist ihre Hauptsorge. Dass wir nicht mehr zusammen sind, findet sie gut. "Du kommst schon drüber weg."

Sie war immer der Meinung, dass Lena Gift für mich sei. Dass wir nicht zusammen passen. Genau wie meine Mutter. Nicht umsonst verstehen sich meine Mutter und Angela prächtig, bis heute. Ich soll sie schön grüßen.

Um neun hol ich das Burgfräulein vor der Kinderstation ab. Sie ist mit dem Wagen da. Wir fahren schweigend ins Mumms. Das erste Mal dieses Jahr. Kaum was los. Schwarte hängt besoffen am Geldspielautomat. Mit Marina, der Bedienung, hat er es so eingerichtet, dass sie alle Viertelstunde unaufgefordert ein Bier auf seinen Deckel platziert, oben auf dem Geldautomat.

"Alle Viertelstunde, das zehrt", lallt Schwarte. Er trägt seine schwarze Ray Ban und die froschgrüne Beatjacke mit den Silbernöpfen. Ein ulkiger Vogel. Hat immer irgendeine Scheisse am dampfen, Schulter ausgekugelt, Läuse am Sack, so Sachen.

"Und ich hab niedrigen Blutdruck. Deswegen verpenn ich auch alles. Wahrscheinlich verpenn ich noch meinen Tod. Dann sitz ich hier am Tresen und frag, wie spät isses, dabei schmor ich längst in der Hölle, mit nem fetten Dreizack im Hintern und sing Hosianna.."

Weil das Bier nicht läuft, hau ich zwei, drei Leute auf einen Brösel an, ergebnislos. Charly, der schielende Junkie, ("ich bin breit wie ein Esel, Alter"), hat die Taschen voller Packs, sträubt sich aber, ein Pack auf Kommi rauszurücken."Nur gegen Bares, Alter."
Mir auch nicht so wichtig. Als Marina ihn erblickt, schmeißt sie ihn sofort raus. Er hat Hausverbot, wie alle Junkies.

Später mit dem Burgfräulein zu mir. Ich erzähl ihr von UNTER NULL, dass es eines der deprimierendsten Bücher sei, die ich je gelesen habe. Warum erzähl ich ihr das? Kann sie überhaupt lesen?
"Kannst mir das Buch ja mal leihen", sagt sie.
"Klar", sag ich.

Obwohl ich anfangs überhaupt keine Lust hab, schlafen wir zusammen. Vielleicht gelingt es deshalb so gut. Der zweite Versuch geht daneben. Ich schlafe schlecht.
5.12.08 11:21


Das Weihnachtskegeln findet in der Filiale statt.
9.12.08 15:42


Buchbesprechung: 6 Herrengedecke & 1 Sessel aus Plüsch
Solingen: Quatschkopf (RP ONLINE, 06.12.2008)
9.12.08 16:42


Hoffentlich erkennt mich keiner

1
An manchen Tagen sind meine Nerven
ein Indianerfriedhof, und
ich opfere eine
Erinnerung.


2
Das Rezept der Gräfin gegen die zunehmende Dezemberkälte: heißen Tee trinken und mollige Damen zeichnen. Das wärmt die Finger und das Herz.
„Mopsige Männer zeichnen kommt aber auch gut“, wende ich ein.
„Kann sein“, sagt sie. „Muss ich ausprobieren.“


3
Die Relikte des Sommers stehen noch im Garten, als Zeugen von warmen, luftigeren Tagen. Ein verlassener Campingtisch, die weißen Stühle und all die Fußbälle von Frau Moll, eine stattliche, plattgebissene Sammlung.


4
Als ich am Morgen die neblige Korkenzieher-Trasse überquere, steht da dieses Grüppchen Teenies und raucht Zigaretten und hat mächtig Spaß, um 7 Uhr 50.

In einer Parallelklasse, so höre ich, hat am Vortag die alte Kunstlehrerin, genervt vom ständigen Handy-Geklingel, sämtliche Handys einkassiert, dabei aber nicht bemerkt, dass alle Schüler bloß ihren Taschenrechner abgegeben haben.

Ich glaub, ich bin auch eine alte Kunstlehrerin, und geh schnell weiter.

Hoffentlich erkennt mich keiner.


5
Ich hänge an den Lippen von Leuten, die von auswärts einreisen in meine verhasste heilige Heimat. Was die zu sagen haben. Wie die Solingen finden, diese Klitsche von einer Stadt.

„Solingen riecht muffig, nach aufgehangener Wäsche, die niemand abgenommen hat“, meint die Schwester der Gräfin. Sie wohnt nicht weit, in Düsseldorf. Und dennoch scheint das eine andere Welt zu sein.
„Wenn ich nach Solingen komme, bin ich nur am husten. Als würden hier noch alle mit Kohle und Briketts heizen.“

Dabei gibt es in Solingen gar keine großen Schornsteine. Hat es nie gegeben. Solingen ist nicht Ruhrgebiet. Solingen ist Babylon und ein doppelter Rittberger, vielleicht. Und alle hundert Jahre brennt ein Haus. Aber Solingen ist nicht der Pott. Und Düsseldorf müffelt nach Mini-Pizza, immer noch, nach all den Jahren. (Und einem Whiskey Cola im Lord Nelson 1975).


6
Ich weiß gar nicht, wie wir auf das Thema kommen, plötzlich ist es auf dem Tisch. Tapetenwechsel. Mal umziehen. In eine andere Stadt. Warum eigentlich nicht. Ich tu so, als wäre Solingen der Nabel der Welt, mein New York: wer es hier schafft, schafft es nirgendwo.

Ich häng an Solingen wie eine Klette. Was soll das überhaupt?
Die Gräfin ist anderer Meinung. Jedenfalls heute. Das ändert sich schon mal, je nach Laune, Witterung und ob der Espresso lecker schmeckt.

„Aus der Wohnung hier kriegen mich keine zehn Pferde raus!“ sagt sie.
„Und was, wenn die mit elf Pferden kommen?“
„Na, dann sag ich: da habt ihr aber Glück gehabt! Dass ihr zu elft seid! Bei zehn Pferden wäre ich nicht ausgezogen!“


7
Solingen. Am Kannenhof. Das Kannen kommt nicht etwa von Milchkannen, sondern vom legendären Käptn Canne, der sich nach ausgedehnten Fischzügen über die sieben Weltmeere hier niederließ, in einem stattlichen Fachwerkhaus, das heute noch Bestand hat und der Siedlung ihren Namen gab, damals, im 17. Jahrhundert.

Was uns betrifft, wir leben am Alten Kannehof. Es gibt auch einen Neuen Kannenhof, da stehen Hochhäuser und Flachdach-Bungalows mit Veranden, die wie leere Schubladen hervorstehen.

Aber der Geburtskanal der Kurzfilme um die Gräfin, Frau Moll und mir ist der Alte Kannenhof, hier flutscht alles zur Welt und wird in nassforscher Nacht wieder verschluckt vom diffusen Licht der Laternen, wenn der Nebel naht wie ein Echo, noch’n Kurzen, Jung?

Aber eines Tages, das steht fest, horche ich am Fenster und höre Bugwellen durch die Siedlung schwappen, Land ho! Käptn Canne ist zurück!!
"He! Is los, ihr Asse!?"


8
Als wir im Autoradio eine Oldie-Station reinfummeln, läuft „Sealed with a kiss“, dieser Edel-Heuler von Brian Hayland.
"Yes it's gonna be a cold, lonely sum-mer.."

"Hm? Wie heisst das? Was singst du da?" fragt die Gräfin.
"Sealed with a kiss", sag ich.
"Sealed with a kiss?"
"Ja. Versiegelt mit nem Kuss."
"Ja..? Ich hab immer See you with a kiss verstanden."

Macht doch nix, sag ich. Wen interessiert, was Brian Hayland gesungen hat vor 50 Jahren. Und sie will auch nichts davon wissen. Im Gegenteil. In einer ausladenden Rechtskurve singt sie den Refrain so vehement falsch, das ist schon keine Schnulze mehr.

Das ist eine Kampfansage an die Wirklichkeit.


9
„Mann, ist das ein hässlicher Vogel“, findet die Gräfin, als uns am Straßenrand eine aufgetakelte Frau auffällt. „Die sieht aus wie Dennis Quaid, wenn der nachts aufsteht und mal pissen muss.“


10
„Ich muß so dermaßen aufs Klo“, klagt die Gräfin unterwegs, „ich krieg schon Muschi-Visionen.“


11
Ich treffe einen Bekannten auf der Strasse, den ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hab: Jimmy, den Junkie.
Jimmy ist eine krude Mischung aus Averell Dalton und Rantanplan, und wenn er mit seinen langen Zotteln und Zahnreihen ohne Zähnen das Karstadt betritt, schlagen prompt alle Kaufhaushunde Alarm.

Was Jimmy nie davon abgehalten hat, sofort die Parfüm-Abteilung aufzusuchen und sich zu bedienen in die Manteltaschen.

Jimmy, die personifizierte Platte.

Dass ich ihn so lang nicht gesehen hab, liegt an seinem zehnten Aufenthalt am Siemonshöfchen in Wuppertal wegen fortgesetztem Ladendiebstahl; 12 Monate ohne Bewährung, dieses Mal.

Jetzt, wo er wieder für ne Weile draußen ist, sucht er seine treuen Stammkunden auf, in den Kneipen rund um den Neumarkt, alles alte Hartz 4-Knaben, die sich aufgrund Jimmy’s selbstlosem Einsatz auch mal einen Flakon Joop! für das Eheweib daheim leisten können.

So weit also alles wie immer.
„Bist du im Methadon-Programm?“ frag ich.
„Nee“, sagt Jimmy glücklich. Sein Rucksack ist bis obenhin voll mit Aluminiumfolie, zum Blowen.

Eines aber treibt ihm, wie er nun vor mir steht, eins neunzig lang, Beine dünn wie Zündhölzer, die Zornesröte ins Gesicht. Hat er doch zufällig was von Borderline-Syndrom gelesen, von schwerer Persönlichkeitsstörung, in den Akten des Gefängnisarztes, als der für ein paar Minuten aus dem Zimmer war, einen Tag vor seiner Entlassung.

„Und das nur, weil ich seit zwanzig Jahren heroinsüchtig bin, Alter! Ja, wie sind die denn drauf?! Ich und Borderlein?“


12
Keiner ruft an, Post kommt nicht.
„Wir sind Gottes vergessene Kinder!“ ruft die Gräfin glücklich.
Hoffentlich hält dieser Zustand noch was an.


13
Meine Worte, Schmuck in euren Köpfen.


14
An manchen Tagen sind meine Nerven
ein Indianerfriedhof,
und ich opfere
einen Rührkuchen.


15
"Eigentlich freu ich mich für die Erde", meint die Gräfin, "wenn wir Menschen endlich von der Bildfläche verschwunden sind. Dann kann die Erde mit der Arbeit beginnen und aufräumen. Wie nach einer Riesenparty."


16
"Hauptsache, ICH lach über meine Witze!" meint sie. "Schön laut!"


17
„Weißt du was? Am besten, wir schleichen uns in irgendeine Außenwohngruppe ein. Dann haben wir den Kopf frei für die wirklich wichtigen Dinge. Dann haben wir die Zeit.“


18
Unsere Form von Autismus:
So viel wie möglich mitkriegen
ohne behelligt zu
werden.


19
Sie hat einen Schluckauf, als würde ihre Atemluft Aufzug fahren und auf jeder Etage anhalten und Leute steigen ein und aus und grüßen nett.


20
„Die schlichten Schicksale sind die traurigen.“


21
„Liebst du mich auch noch, wenn ich berühmt bin? Und Brokat trage?“


22
„Meine Oma hätte dich gemocht. Bestimmt. Die mochte alle Männer, die man füttern kann.“


23
Sie malt, wie sie guckt, sie redet, wie sie malt: „Die Klitschkos. Die sehen aus wie sibierische Großrehe.“


24
„Frauen.. Da blickst du nicht durch.. Auch als Frau nicht. Das ist die wichtigste Erkenntnis meines Lebens.“


25
11.12.08 15:43


Schräg gegenüber

1
Wenn man vom Küchenfenster aus scharf nach rechts blickte, hatte man genau die Wohnung im Visier, in der Tag und Nacht dieser Fernsehapparat lief, ohne Unterbrechung, Entfernung gut zwanzig Meter.

Das Merkwürdige an der Sache: weder die Gräfin noch ich hatten in dieser Wohnung jemals eine Menschenseele gesehen. Da war niemand, der mal durchs Zimmer ging oder das Fenster öffnete, um frische Luft einzulassen.

"Dann wohnt der Fernsehapparat eben alleine", war die achselzuckende Erklärung, mit der wir einige Jahre gut lebten. Bis eines Abends im Winter 2005. Da war die Wohnung plötzlich grell ausgeleuchtet, und der Bildschirm dunkel. Dramatisch dunkel.

"Komm schnell!" rief ich.
Die Gräfin, die gerade in ihrem Zimmer an der Staffelei stand und über und über mit molligen Damen beschmiert war, die sie so gern malte, kam sofort angelaufen.
"Ach, du Schande.."
Wir standen nebeneinander, die Nasen platt ans Fenster gedrückt.
"Hoffentlich kein Todesfall."

Auch als die Nacht heranbrach, war das Bild unverändert. Die Wohnung lag da wie ein Tatort, in ein gespenstisch hartes Licht getaucht, der Fernsehapparat wie tot. Kein Flackern mehr, nur eine mausetote matte Fläche, mitten im Wohnzimmer aufgebahrt.

Still nahmen wir Abschied.
"War kein schlechter Nachbar.."
"Nein, war kein schlechter.."

Wir verzogen uns ins Malzimmer der Gräfin und sahen aus Solidarität eine späte Runde fern, doch es wollte keine rechte Stimmung aufkommen, wenn zwanzig Meter entfernt ein verstorbener Kollege nicht mehr in der Lage ist, Signale zu empfangen.
Eine traurige Angelegenheit.

Lange nach Mitternacht trat ich nochmal ans Küchenfenster. Als sei nichts geschehen, war die Wohnung wieder abgedunkelt, nur das blaue TV-Licht kreiselte fröhlich die Wände rauf und runter!
"Er lebt!" rief ich und die Gräfin kam angelaufen und dann standen wir da und konnten uns gar nicht Sattsehen am gewohnten Spektakel.

Natürlich fragten wir uns, was die ganze Veranstaltung sollte, nun, wo alles wieder in Ordnung war.

Ganz nüchtern betrachtet: eine kleine Unterbrechung.


2
Winter 2008. In der merkwürdigen Wohnung schräg gegenüber, wo lange Jahre ein einsamer, aber nicht unglücklicher Fernsehapparat gewohnt hat und im Anschluß eine lebhafte polnische Familie, ist wieder was Merkwürdiges im Gange. (Im Nachhinein kommt mir das Zwischenspiel mit den Polen wie ein Störfeuer vor, das nur der Ablenkung diente.)

Die neuen Mieter nämlich, sie scheinen lediglich aus Lampen und einer Vase auf der Fensterbank zu bestehen. Einen Menschen haben wir seit den Polen in der Wohnung nicht mehr gesehen, dabei hat definitiv ein Umzug stattgefunden: Polen raus, neue Lampen und Vase rein. Seither sind die Lampen mal an und mal aus, und in der Vase am Fenster steckt mal eine rote Rose drin, mal nicht.

Wohin es die Polen verzogen hat, ist nicht bekannt, doch im Kleingartenverein um die Ecke haben sie ein Blockhäuschen mit Garten gepachtet und zu einer komfortablen Datscha umgebaut, wo jedes Wochenende Remmidemmi ist mit Grillen und Wodka; eine große, feierwütige Sippe, die mir abends, wenn ich die letzte Runde drehe mit Frau Moll, schon mal entgegentorkelt, der Patriarch vorneweg, altmodisch hicksend.

Ich glaub nicht, dass die viel fernsehgucken, so wie die saufen.
17.12.08 19:10


Pelle

9. Januar '87

Ich starre aus dem Küchenfenster und beobachte die Regentropfen, die von der Wäscheleine hängen wie Lichterketten von der durchsichtigen Art, als das Telefon klingelt.

"Ich bin auffem Pott!" schreit Karlos.

Na, der ist gut. Als würde er ans Telefon gehen, wenn er nicht auf dem Pott säße. Er geht ja nicht mal ran, wenn er allein zu Hause ist und jemand ohne Ende durchläutet. Karlos hasst es zu telefonieren. Was schreit er dann so?

Der dicke Hansen ist am Apparat.

"Was is los bei euch?"

"Was soll sein. Karlos hockt auffem Pott, ich bin in der Küche."

"Wir kommen auf einen Sprung vorbei. Können wir schön einen rund machen."

Bevor ich so etwas wie grünes oder rotes Licht geben kann, hat Hansen schon aufgelegt. Keine fünf Minuten später stehen er und Gina vor der Tür.

"Wer isn da?" schnauft Karlos, der immer noch seine Sitzung hält.

"Der dicke Hansen und Gina", sag ich.

"Mh", meint Karlos, und brütet weiter.

Ich nehm mein nagelneues Diktiergerät, drücke record und verstecke es hinter der Yucca-Palme auf der Fensterbank, dann öffne ich die Tür. Das Diktiergerät hab ich mir tags zuvor im Kaufhof zugelegt, um heimlich Leute aufzunehmen. Das ist mein Plan. Ein vorläufiger Geniestreich.

Dummerweise dauert es keine halbe Minute, schon hat der dicke Hansen, immer neugierig, immer am schnuppern, seine Griffel auf der Fensterbank und macht einen Strich durch meinen Plan.

"He! Was haben wir denn hier schönes..?" Er zieht das Diktiergerät hinter der Palme hervor. "Micro Notizbuch.. Sanyo. Hm, bestimmt von dir, Glumm, oder? He, das Gerät ist ja an! Das läuft ja!!"

"Der Glumm spioniert uns aus", kichert Gina.

Sie sieht ein bißchen aus wie Meg Ryan, ist aber nicht so puppig, dafür bekiffter. Sie studiert Reklame in Düsseldorf und amüsiert sich gern. Dass der dicke Hansen sie Wurst nennt, so wie früher alles ULLAH war für ihn, stört sie nicht weiter.

"Wo isn der Karlos? Nich da?" fragt sie lächelnd.

"Doch, sicher", sag ich, "am Kacken."

Der dicke Hansen holt sein Piece raus und dreht eine Tüte. Es gibt Leute, die sind Pechvögel, und weil sie das wissen, sehen sie sich vor, und es gibt Leute, die sind auch Pechvögel, aber sie tun so, als wäre alles in bester Ordnung. Mindestens einmal im Jahr wird der dicke Hansen an den entlegensten Plätzen der Erde beim Kiffen ertappt. Am Canyon, einem einsamen Baggerloch nahe Düsseldorf, wo er der einzigen Polizei-Fußstreife des ganzen Sommers in die Arme läuft, mit einer dampfenden Riesen-Lolle im Maul. Oder während eines USA-Trips in New Orleans. Er wird im Hotel verhaftet, als er von einem getarnten Drogenfahnder Marihuana kaufen will. Nach einer Nacht in der Zelle läßt der zuständige Sheriff ihn genervt laufen, fat stupid german, go ahead.

Während Hansen einen rollt, spricht er bekifftes Zeugs in das eingebaute Mikrofon des Diktiergeräts.

"Dummes Zeug quasseln und nach Fisch stinken, so kenn ich den Glumm!"

"Soziale Cornflakes und Wurst, auch lecker!"

Mich fragt er: "Essen Sie gerne Wurst?"

"Aber nur ohne Pelle", sag ich.

"Ohne Pelle? Wie soll ich das verstehen?" Aus Versehen stößt er mit dem Ärmel gegen die halb volle Kaffeetasse, die seit Tagen auf dem Küchentisch steht und irgendwie keinem gehört, und der kalte Kaffee ergiesst sich über den Tisch. "Och nö! Der schöne Joint! Der ist ganz nass!"

"Kannst du doch trocken föhnen", meint Gina, die praktisch veranlagt ist wie alle Frauen.

"Der Föhn ist im Bad", sag ich, "da kommst du nicht ran, solange Karlos am kacken ist."

"Nee, besser nich", meint Gina.

"Mach hin, Karlos!" ruft Hansen. "Notfall! WIR BRAUCHEN DEN FÖHN, DU RÖHRENWURM!"

"Kannst du dir abholen", gibt Karlos schnaubend zurück. "Oder, Momemt noch.. ein Minütchen noch."

Er betätigt die Klospülung dreimal hintereinander und zwar so laut, dass sich jeder von uns solange selbst beschäftigen muss, um nicht die dicke Kackwurst vor Augen zu haben, die sich da gerade weigert, in die Kanalisation zu gelangen. Die nicht durch das Abflussrohr passt. Ein Monster von Kackwurst.

"Mann, ist der Karlos laut", meint Gina. "Macht der immer so einen Krach?"

Ich vermute, dass der erste und der letzte Sinneseindruck im Leben eines Menschen ein Geräusch ist. Deshalb ist das so feierlich, manchmal, wenn irgendetwas leise vonstatten geht. Leise ist ein schönes Geräusch. Leise und bekifft vor sich hindenken, wie eine Meduse, die durch die Tiefsee stromert und sachte Klingelmännchen spielt am Riff bei den Röhrenwürmern.

Die Tür geht auf. Die WC-Tür. Karlos stromert in die Küche. Er riecht frisch gewaschen. Auf dem Weg zum Klo muss ich nachts schon mal an seinem Zimmer vorbei und höre sein Herz strampeln.

"Vorsicht. Man kann mich nicht ärgern, ich weiß, wie ich ausseh", meint Karlos. Er spielt auf den Röhrenwurm an und grüsst Gina, hallöchen. Dann zeigt er mit dem frisch gewaschenen Finger auf den dicken Hansen. Die Beiden sind seit jeher ein bisschen wie Katz und Maus. "Na, da schau her. Der fette Bub ist auch da."

Hansen läßt sich nicht aus dem Konzept bringen.

"Ich bin nicht fett, ich bin gemäßigt breit", meint er und wendet sich mir wieder zu, mit dem Diktiergerät. "Wo waren wir stehengeblieben..?"

"Keine Pelle."

"Richtig. Eine Wurst ohne Pelle ist doch keine reguläre Wurst. Ich mein, wenn ich in eine Metzgerei geh, Entschuldigung, ich hätte gern ein viertel Pfund von der groben Leberwurst, dann.."

"Moment mal..". sag ich und nehm Hansen das Diktiergerät aus der Hand. "Da stimmt was nicht. Das läuft ja gar nicht. Das ist ja gar nicht an!" Ich fummle hektisch an den chromblitzenden Tasten herum, bekomm das Ding aber nicht ans Laufen. "Scheiße. Ist das Mistding schon kaputt!!"

"Nee! Is wahr?" meint Gina.

Karlos reisst mir das Diktiergerät aus der Hand. "Das kann man ja nicht mitansehen!" Er drückt eject, dreht die Micro-Cassette um, legt sie wieder ein, drückt record. "Die Cassette war am Ende, du Null! Das war alles! Musst du nur rumdrehen, wenn die Seite voll ist!"

Alles lacht.

"Kaputt, das Gerät.. kaputt!" prustet Karlos vergnügt. "Oh, das wär mir jetzt aber peinlich, Sie Spion, Sie!"

"Ist es mir auch", sag ich. "Andererseits muss ich aber sagen: Es ist mir sehr, sehr peinlich!"

Karlos faucht das Diktiergerät an: "Schade, dass du nicht kaputt bist! So kaputt wie der Glumm!"

Der dicke Hansen steht derweil im Bad, um den Joint trocken zu föhnen. Stößt dabei im engen Badezimmer Flaschen um, Wasch-Lotionen, etc. Es scheppert reichlich.

"He, Hansen! Mach nich son Lärm!" schreit Karlos. "Du bist nicht nur dick, du bist auch schwerfällig!"

Hansen föhnt ungerührt weiter. Kommt dann zurück in die Küche.

Karlos: "Ist der Johann trocken?"

Hansen: "Ist fast trocken."

Karlos: "Fast? Wieso fast? Wieso föhnst du nicht solange weiter, bis er ganz trocken ist?"

Hansen: "Der ist zu heiß geworden, euer Sport-Föhn. Der muss eine Runde nickern. Abkühlen. Der ist ja schon alt. Hinfällig. Ein hinfälliger alter Sportföhn."

Karlos (gähnt): "Schade." (Überlegt). "Na schön. Wir können uns ja solange gegenseitig mit Papier bewerfen, ohne Schaden zu nehmen."

"Was ist eigentlich mit eurem Leberwurst-Interview?" fragt Gina. "Ist schon zu Ende?"

So was muss man Hansen nur ein Mal sagen. Er reibt mir das laufende Diktiergerät unter die Nase.

"Womit begründen Sie Ihre Abneigung gegen Wurstpelle, Herr?"

"Keine Ahnung. Ich.."

"Tschuldigung, dass ich Sie unterbreche! Aber ist global gesehen Wurstpelle an kalten Wintertagen nicht.."

Karlos verdreht die Augen.

"Wenn ihr so einen Stuss auf Band aufnehmt, könnt ihr mir das Diktiergerät auch gleich mit aufs Klo geben, für ne schöne Sitzung. Ich hab jeden Sound, den ihr braucht, Glumm! Verschiedene Knattertöne, ich kann fiepen wie ein Topf Muscheln, alles!"

"Bei mir wär das gefährlich, ich hab von Zeit zu Zeit gefährlichen Spritzkot", wirft Hansen ein.

"Aber akustisch hochinteressant", sag ich.

"Darfst du nur nicht direkt durch den Arsch wischen, das Diktiergerät", giffelt Gina.

Alle: "Ja, das wär schlecht!"

Ich erkläre das Interview für beendet. Hansen fummelt an der Telefonanlage rum, dem legendären Modell Hamburg mit den Riesentasten für Sehbehinderte.

"Wir können ja den Telefonweckdienst anrufen, die sollen uns in fünf Minuten wecken", schlägt er vor. "Wir sagen aber nicht unsere Nummer. Und wenn die Tussi danach fragt, sagen wir, was geht Sie unsere Telefonnummer an?? Unverschämtheit!"

"Dienstaufsichtsbeschwerde!" ruf ich.

"Disziplinarverfahren!" (Karlos.)

Zwei Tüten später ist endlich Stille in der Bude, alle Schnauzen sind still gekifft.

Karlos (in die Stille rein): "Ginalein, lass du dir doch noch einen Scherz entpurzeln."

Die dritte Tüte.

Hansen: "Gina, sag: Wie sind die Frauen?"

Sie (lässt sich Zeit mit der Antwort). Dann, leise giggelnd: "Bekifft."

Ich: "Versteh ich." (Pause.) Dann: "He! Ich werde verrückt! Ich versteh die Frauen! Endlich!"

Karlos: "Machen wir ein Fass zu!"

(Vorhanf.)
17.12.08 19:59


Hoden Hip Hop

Wir begegnen einem Mann mit Hund. Der Mann kann ganz gut erzählen. Er konzentriert sich auf das Wesentliche. Die meisten Leute müllen einen mit soviel beiläufigem Material zu, das man zuhause erstmal auf die Spüle wuchten muss, zur Sichtung.

Der Hund von dem Mann heißt Bosco, ein kräftiger Colliemischling.
"Außerdem halte ich zwei indische Laufenten in meinem Garten, um der Schneckenplage Herr zu werden. Die haben einen langen Hals, die indischen Laufenten, doppelt so lang wie normale Enten, und ganz spitze winzige Zähnchen. Damit können die ganz schön zulangen. Die knabbern Schnecken wie andere Leute Erdnüsse."

Die weibliche Ente, erzählt er, sei friedlich, der Erpel hingegen dominant und aggressiv.
"Um die Augen rum hat er eine Zeichnung wie eine schwarze Sonnenbrille. Der sieht aus wie ein Gangsta-Rapper. Wir nennen ihn Chucky."

Neulich hat Chucky seinen Colliemischling Bosco an den Eiern gekriegt. Wie in einem bösen Donald Duck-Sonderheft muß das ausgesehen haben, als Bosco jaulend durch den Garten flitzte, auf seinen Fersen Chucky, den Schnabel fest in Boscos Hodensack verbissen.

Der Hund versuchte verzweifelt, die Gangster-Ente abzuschütteln und über die Terrasse zu entkommen, ohne Erfolg.

Erst als der Hausherr mit einem Baseballschläger auf den Erpel einklopfte, bis die Federn flogen, hat er von Bosco abgelassen.

"Na, war ja kein richtiger Baseballschläger, sondern einer von den großen Mikado-Stäben aus Kunststoff, die ich im Garten stehen hab, zur Zierde", meint der Mann und fügt hinzu, dass der Erpel immer frecher werde und mittlerweile sogar seine Ehefrau attackiere.
"Zwickt der Halunke ihr doch gestern volle Lotte hinten in die Kniekehle rein!"

"Nun ja", sag ich, "was ein echter Rapper ist, der verbeisst sich schon mal in fremde Hoden und Frauenkniekehlen. Was der braucht ist eine reinrassige Teichschlampe im Garten, die ihm mal ordentlich zeigt, wo die Bronx hängt. Dazu einen goldenen Hip Hop Gürtel."
So was in der Art.
18.12.08 11:42


Hundegeburtstag

Gestern ist Frau Moll 5 Jahre alt geworden. Sie gibt 2mal Pfötchen, einmal dem Frauchen, einmal dem Herrchen, und zur Feier des Tages wird ein Glas rosa Kitschwasser gereicht.
"He, stehen lassen. Das ist meins", sagt die Gräfin. "Da ist ne Tablette Zink drin."
"Zink? Wofür soll das denn gut sein?" frag ich und hab sofort T. Rex im Hinterkopf, Think Zinc, einen der dämlicheren Songs von Marc Bolan, aber immer noch gut genug für meinen Hinterkopf, wenn das Wort Zink auftaucht.
"Zink ist für alles gut, hab ich irgendwo gelesen", sagt sie. "Für Fersen, Kniekehlen, Armbeugen und leckere Halspartien."
"Gut", sag ich. "Nehm ich auch."


*
Frau Moll ist am 18. Dezember 2003 geboren, früh am Morgen. Sie war die Nummer 5 in einem 8er-Wurf. Sagen wir mal acht, denn wir wissen es nicht genau. Und ob sie wirklich die Nummer 5 war, wer weiß das schon.

Scheiß der Hund drauf.


*
Nach Adam Hunderiese ist ein Menschenjahr = 7 Hundejahre, also ist sie 35 geworden. Damit ist sie noch immer die jüngste in unserem Trio.

Wenn man dreißig wird, denkt man, Scheißdreck, jetzt ist es vorbei, jetzt wirst du alt - aber dann passiert gar nichts. Man bleibt Ende zwanzig, auf unbestimmte Zeit.

Und so vergehen die Jahre und man wird vierzig und denkt zurück an damals, als man dreißig geworden ist und Angst hatte, alt zu werden und nichts geschah, also hofft man, dass sich das wiederholt und man dreißig bleibt auf unbestimmte Zeit, oder auf bestimmte Zeit, reicht ja auch, aber so läuft das nicht, mein Freund, denn wenn du vierzig wirst, ändert sich alles. 40 ist die Pforte.

Ab jetzt darfst du offiziell eingehen ohne zu meckern.



*
Einmal im Monat macht die Gräfin ein Riesenfass Hormone auf. Und wenn dann zufällig auch noch Vollmond ist, womöglich der hellste Vollmond des Jahres, 30 % heller als der normale Vollmond, dann steigt sie in die Badewanne und lässt Wasser einlaufen, 44 Grad heiß.

"Ich bin ein Hummer", summt sie.

Sinkt die Wassertemperatur unter 44 Grad, lässt sie heißes Wasser nachlaufen. Eine Prozedur, die sich so lange wiederholt, bis eine Stimme ihr befiehlt, aus der Wanne zu steigen. Lobsterrot bis hinter die Ohren, verbrüht, froh, roh, und niemand weiß, warum.


*
Am Bolzplatz um die Ecke haben die Maulwürfe zu Ehren von Frau Moll unzählige Geburtstagshäufchen aufgeworfen. Da hat sie was zu buddeln. Ich sing ihr ein kleines Lied. Ich bin ein verkappter Schlagersänger. Ein Adamo, der Inch Allah schmettert im Wald, auf französisch, ohne gesicherte Textkenntnisse. Ich singe irgendwas von Robespierre, während die Gräfin Frau Moll ein Geburtstagsstöckchen wirft. Als der Hund es in Arbeit hat, übertönt das Knack, Knirsch, Knurpsel mein Lied, und die Baumstämme, noch nass vom Regenguss, schillern im Licht wie schöne Neger.


*
Halb zehn. Wir haben so lange geschlafen, wir sehen aus wie Kraut und Rüben. Auch Frau Moll, 16 Stunden nicht mehr vor der Tür gewesen, verharrt auf ihrer Lieblingsdecke, als wäre ein Sessel in sie eingebaut. Darauf sitzt eine struppige Gouvernante (35).

"Lass sie doch in den Garten", gähnt die Gräfin, "kann sie mal eben Pipi machen."

Ich öffne die Haustür und der Hund sprintet wie eine Kurvenläuferin durch meine Beine hindurch, rücksichtslos rempelnd, WEG DA!

Während der Frühstücks-Espresso auf dem Herd köchelt, stehen die Gräfin und ich zerknittert am Küchenfenster und beobachten Frau Moll. Ob und wo sie Pipi macht, oder ob sie gleich das ganze Morgengeschäft erledigt, auf dem Grundstück der Nachbarn.

Stattdessen steht sie auf der Wiese, bewegungslos, den Blick stur nach oben gerichtet, zum Küchenfenster, wo wir stehen, genauso starr nach unten glotzend.

Wir taxieren uns gegenseitig wie zwei faule Armeen.

(Siehe auch: Herbert W. Franke, Übereinstimmungen im menschlichen und tierischen Verhalten, Stuttgart 1968.)


*
Die Abendrunde mit dem Hund ist traditionell meine Sache, und es kommt vor, dass ich mich langweile. Dann halte ich mir die Nase zu und ruf mit quäkender Bademeisterstimme, "Frau Bückeburg, bitte zur Kasse! Frau Bückeburg, bitte!"
Da Frau Moll als Hütehund-Mischling allergisch reagiert auf fremde Stimmen, bleibt sie wie vom Schlag getroffen stehen. Rührt sich nicht von der Stelle. Bellt zur Sicherheit zweimal in meine Richtung, das Köpfchen zur Seite geneigt, ein Zeichen höchster Irritation: Wieso spricht eine fremde Stimme aus dem Herrchen? Hat der einen Knall in der Kehle? Hat sich ein Vögelchen darin verfangen? Und mir ist nicht mehr so langweilig.


*
Wenn Frau Moll entspannt auf dem Rücken liegt und alle viere von sich streckt und sich kraulen läßt, wo die Haut intim und rosa ist und kein Fitzel Fell mehr, da riecht es nach den abgetragenen Damenstrümpfchen einer kleinen Lady (5).
19.12.08 19:02


Bleib einfach

1
Für einen Künstler gibt es nur eine goldene Regel: sei einfach. Das erfolgreichste Lied aller Zeiten baut auf zwei Akkorden auf, A-Dur, E-Dur. Und dazu La Paloma pfeifen. Mehr nicht. Das reicht.


2
Die kleine Schwester der Gräfin war sehr wählerisch, wenn es ums Essen ging. Königsberger Klöpse etwa ging gar nicht, wegen der Kapern. Sie hasste Kapern.
"Das sieht aus, als hätten da Kaninchen reingeschissen."


3
Wagner, 23, hatte diesen vierschrötigen, von schwerer Akne gezeichneten Zinken im Gesicht, seine Stimme erinnerte an einen tiefer gelegten Manta vor der roten Ampel; immer ungeduldig den Fuß am Bass.

Er arbeitete in einem Hifi-Geschäft als Techniker und ging in seiner Freizeit gerne Tauchen, im übrigem sympathisierte Wagner mit den Roten Zellen. Nicht direkt mit der RAF, das war ihm zu blutig und zu viel Politgeschwafel, doch kleine symbolische Aktionen gegen Wirtschafts-Bonzen oder deren Vertreter fand er gut. Das bewunderte er. Da wollte er mitmischen.

Er hatte Pläne.

Einmal standen wir im Mumms am Tresen und steckten konspirativ die Köpfe zusammen, als er mit dem Plan herausrückte, den Luxusdampfer Queen Mary von unten mit dem Handbohrer anzubohren.

"So dass es zunächst gar nicht auffällt", flüsterte er über sein Bier gebeugt und guckte sich mißtrauisch um. "Kein Eisberg wie bei der Titanic, sondern ein winziges Löchlein, das peu a peu zum langsamen Absaufen der besseren Gesellschaft führt."

Bei dieser Vorstellung lief ihm das revolutionäre Wasser im Mund zusammen.
Er kicherte.
"Höhö."

Keine Ahnung, was aus dem Plan geworden ist.


4
Die Gräfin ist mit dem Hund über die Felder spaziert, anderthalb Stunden bei Nieselregen. Danach steht sie mit jüdischen Schäfchenlocken in der Küche, summt Oh Tannenbaum und bereitet Finocchio alla toscana zu, überbackenen Fenchel auf toskanische Art.

Und da es für unseren Hund kaum etwas schöneres gibt, als dem Frauchen beim Kochen zuzugucken, steht Frau Moll wie angewurzelt daneben, die linke Seite dem Backofen zugewandt, weil es da so schön knistert und heiß ist und nach Futter riecht.

(Frau Moll ist ja ein getarnter Cocker Spaniel. Denen sagt man nach, dass sie ihr Fressen nicht kontrollieren können. Sie fressen bis sie platzen. Manch ein Cocker Spaniel rülpst noch frech in den leeren Kühlschrank, kurz vorm Platzen, erzählt man sich unter Cocker-Geschädigten, fast ein bißchen stolz.)

Halbe Stunde später steht Frau Moll unverändert vorm Backofen. Die linke Seite ist schön trocken mittlerweile, während ihre rechte Seite immer noch pitschnass ist wie ein Aufnehmer, vom Regenspaziergang, anderthalb Stunden über die Felder.

"Sollen wir den Hund nicht mal umdrehen?"


5
Jedes Mal, wenn die Gräfin ihre Tage hat, sind Chips fällig. Das ist ein Ritual. Ungarische Chips, mit Paprika. Ohne die geht es nicht. Das muss sein. Schon das Knistern der Tüte beruhigt ihre Nerven.
"Ich hab schöne Periodenkartoffeln mitgebracht!" ruf ich, wenn ich vom Einkauf zurückkehre.


6
"Hör mal", sagt sie.
"Ja?"
"Ich glaub, das Jahr 2002 hat es nie gegeben."
"Wieso?"
"Na, das ist mir so aufgegangen, als ich die TV-Zeitung durchforstet hab. Die neueren Spielfilme sind aus dem Jahr 2000, oder 2001, 2003, 2004 und so weiter, aber 2002? Nichts. Null. Niente. Das Jahr hat einfach nicht existiert."
Hm. Ehrlich gesagt, ich hab auch keinerlei Erinnerung an 2002.


7
Das war gar keine richtige Party, auf der ich 1985 gelandet war, das war eins dieser Besäufnisse zwischen Weihnachten und Neujahr, wo alle frei haben und wo es ununterbrochen regnet und schon deshalb kein Mensch nach Hause will.

Ich stand grade mit einem großen Bier in der Küche und stimmte Moni zu, die meinte, dass sie immer ein bißchen kotzen müsse, wenn Deutsche im Fernsehen cool wirken wollen, als der dicke Hansi ("WAS DENN, WAS DENN?! ZU ESSEN IST SCHON ALLES WEG?!") plötzlich vom Sofa aufsprang und "DANN HOL ICH MIR EBEN EINEN TELLER PFIFFERLINGE, HÖR MAL!!" durch den Hausflur schaukelte, die Türe aufriss und entschlossen im Stadtwald verschwand, in Richtung Uhu, dem berüchtigten Rund um die Uhr-Restaurant an der Burger Landstraße.

Erst weit nach Mitternacht, als niemand mehr an den dicken Hansi dachte, stand er mit einem Mal wieder auf der Veranda und klopfte an die Tür, die Hose voller Schlamm und klatschnass, aber mit gesunden roten Bäckchen.

"PFIFFERLINGE WAREN AUSVERKAUFT", grölte er, "HAB ICH MIR IM WALD PAAR PFIFFERLINGE AUSGEBUDDELT! HOFFENTLICH WAREN DAS AUCH PFIFFERLINGE, HÖR MAL!"
22.12.08 12:29


Geht doch um nix

1. Kapitel

Funktaxi


1
Seit dem frühen Nachmittag lauf ich durch die Gegend und versuch sie zu erreichen. Ich steh im Mumms, trink Bier, wähle ihre Nummer. Ich stapfe durch den verschneiten Malteser Grund runter ins Kamikaze. Trinke Bier, wähle die Nummer. Umsonst. Wo zum Teufel steckt sie?! Ich hab seit Tagen nichts von ihr gehört. Vielleicht steckt sie mit Britta zusammen, ihrer besten Freundin. Wäre nicht das erste Mal. Die Beiden suchen ja schon eine gemeinsame Wohnung.

Als es dunkel wird, steh ich in der nächsten Telefonzelle, dieses Mal am Werwolf, wähle mit einem mulmigen Gefühl im Bauch die Nummer, und endlich - es hebt jemand ab.

„Ja..?“
“Lena..! Endlich..“
Sie sagt nichts.
“Was ist?” frag ich.. „Wie geht’s?“
Ich höre ein Klicken. Ein Feuerzeug. Warum sagt sie nichts? Ist noch jemand da? Britta? Nein. Dann wäre sie nicht so.. komisch.

Ich kann nicht anders: “Sag mal, sind wir eigentlich noch zusammen?”
Sie zieht an einer Zigarette.
“Ich glaub.. nicht. Nein..”
“Du glaubst.. nicht..?”
Ein Plakat starrt mich an: FUNKTAXI.
“Und warum..?“ frag ich und wundere mich, wie normal ich klinge. „Wegen einem anderen?”
Sie zögert.
“Ja..”
“Ist er da?”
“Ja schon.. aber du kennst ihn nicht..”
“Gib ihn mir mal!”
“Was, jetzt?”
“Natürlich jetzt!”

Ich hab selbst keine Ahnung, was ich von ihm will. Ich kenne ihn nicht mal.. Auf der Straße stürmen Autos vorüber. Die Scheiben der Telefonzelle, beschlagen von meinem Atem.
“Schreiber”, meldet sich eine Stimme, so förmlich, als säße der Mann im Büro, und seine Sekretärin hätte gerade durchgestellt.
“Hör zu, Junge. Lena ist seit fünf Jahren meine Freundin. Warst du schon mit ihr im Bett?”
“Spielt das ne Rolle?”
Ich werde wütend.
“HAST DU SIE GEFICKT ODER NICHT?”
“Spielt das ne Rolle?”
“Wenn es keine Rolle spielt”, äffe ich ihn nach, “dann gib es doch zu! Feigling!”

Lena ist wieder am Apparat.
“He, jetzt bleib mal cool..”
“Ich soll cool bleiben!? Ich komm jetzt bei dir vorbei und wehe, du bist nicht da! Der Typ kann meinetwegen da bleiben..”
“Ja, komm vorbei”, meint sie beschwichtigend, “Aber soll der echt hier bleiben?”
“Er kann auch verschwinden.”

Ich stürze aus der Telefonzelle ins Kamikaze. Kölsch und 103er auf ex, Videoclips auf dem Bildschirm. Madonna. Like a virgin.
Like the very first time.

Auf dem Weg zur Teufelsinsel pocht es ununterbrochen in mir. Wieso macht sie Schluss? Wegen einem Anderen? Unvorstellbar. Von einem Tag auf den nächsten soll alles vorbei sein. Und ihre Stimme klang irgendwie.. entschlossen.
Gleich wird sie mir sagen, warum es aus ist, und ich werde ihr ausgeliefert sein.
Lena zittert mindestens genauso. Wir sitzen vorm Nachtstromspeicher und schauen uns kaum in die Augen. Was neues will sie. Nicht jedes Wochenende fernsehen, baden, bei meinen Eltern Mittagessen.
“Immer der gleiche Streifen.”

Ihre Jugend habe sie mit mir verbracht. Jetzt sei dieser Hunger da. Dieser Lebenshunger. Es gebe keine Zukunft.
Alles, was sie sagt, zerreißt mich in Stücke, nur die Klamotten halten mich beieinander.
“Was ist mit dem Typ?”
“Der ist nett.”
“Bist du verliebt?”
“Ich glaub. Ja..”

Sie will mich in die Arme nehmen, doch ich stoße sie fort. Stürme aus der Wohnung. Wie oft bin ich aus der Wohnung gestürmt, wenn wir Streit hatten, jedes Mal ist Lena mir nachgerannt, sogar nachts auf Strümpfen, auf Asphalt, im Winter, jetzt kommt sie nicht.
Ich seh sie am Fenster stehen, und stiefle los.

Stiefle durch die Winternacht. Der strengste Winter seit Jahren. Zwanzig Grad unter Null. Vereiste Dächer.
Schneehaufen türmen sich.
Als ich vor meiner Tür stehe, halbe Stunde später, sträube ich mich aufzuschließen. Die meiste Zeit haben wir hier verbracht. Wegen der Buntkiste, der Badewanne, überhaupt.
Die Schillerstrasse war unser Quartier.

Ich knall mich aufs Bett. Wünsch mir, dass alles nur ein böser Traum ist, doch Morgen, wenn ich wach werde.. ist es vorbei.. mit der Zeit.. in der wir zusammengehalten haben.. jetzt ist sie zwanzig.. und hat den Streifen satt.. hat lange genug.. Sonntag für Sonntag.. Gulasch gekaut.

Ich wälze mich von einer Seite auf die andere.
Immer wieder taucht Lena auf. Ihr kleiner Busen. Die Schenkel, in die irgendein gesichtsloses Schwein eindringt.
Ihre zärtlichen Worte.
Es schnürt mir die Kehle zu.

Ich spring aus dem Bett, zieh mir den Parka über und laufe durch den Schnee zur Telefonzelle auf der Margaretenstraße.
Ich muss mit ihr reden!
Ich brauche einen Hoffnungsschimmer.
Es kann doch nicht einfach so vorbei sein!
Knall - und aus!

Ich werfe ein Markstück in den Schlitz. Sie hat meinen Anruf erwartet.
Befürchtet.
Ich frage, ob es denn keine Möglichkeit mehr gebe für uns.
“Es gibt immer eine Möglichkeit”, sagt sie. Sie ist genervt. Sie weiß selbst nicht, was Sache ist. Trotzdem jammere ich wie ein kleiner Junge, dem man sämtliches Spielzeug weggenommen hat.
“Was soll ich denn machen ohne dich?!”
“Pack meine Sachen zusammen.. Stell ein paar Möbel um. Ich weiß nicht..”
Wieder starrt mich dieses FUNKTAXI-Plakat an.

“Du musst stark sein. Du bist nicht so schwach, wie du jetzt glaubst. Und lass mir Zeit, ich blicke selbst nicht durch, was in meinem Kopf abläuft. Es ist so.. ich bin so durcheinander..”
Ich schleiche nach Hause und hau mich hin.
Bete, dass die Nacht bald ein Ende hat, doch als es hell wird, kommt die Angst vor dem Sonntag.
Ohne Lena. Ohne Liebe. Ohne Film.


2
Sonntag. Der magische Sonntag. Im Tierpark.
Sie trug ihr braunes Indianerkleid und war gut gelaunt.
“Los, zu den Kamelen!”
Im Freigehege rekelten sich Lamas in der Nachmittagssonne und kauten Gras, gelassen, synchron.
“Beiß mich”, flüsterte Lea, die mal behauptete, ein Fußkettchen hätte ihr gesamtes Leben verändert.
Ich lugte hinüber zu den Lamas und biss zu.
Das Kettchen knirschte.

Vorm Gehege der Stachelschweine wartete ein Tierpfleger mit Harke in der Hand und Pfeife im Mund. Er versuchte uns irgendetwas zu erklären, nuschelte dabei aber so unverständlich, wir kapierten kein Wort.
Da erkannte ich ihn wieder.
“Der hat hier schon vor ein paar Jahren gearbeitet”, flüsterte ich Lena ins Ohr, “als Arsch für alles.”
“Früher?” fragte Lena.
“Ja, als ich hier mit Pepe Arbeitsstunden machen musste. Wegen dem bißchen Brösel, dass die Bullen vorm Keller bei uns gefunden haben.”

Ich zeigte Lena den Stall der schwarzen Zwergziegen, den Pepe und ich jeden Morgen ausmisten mussten. Einmal ist uns ein kleiner Bock abgehauen, ich hatte vergessen, das Gatter zu schließen.
“Vergessen?” meinte Lena. “Ihr ward wahrscheinlich wieder bekifft bis zum Kragen.”
“Ist ja auch egal. Jedenfalls ist der durchs Gehege der Pfauen und Truthähne geflüchtet, das gab ein Mordsaufruhr und hat bestimmt ne Stunde gedauert, bis wir ihn endlich wieder in den Stall gescheucht hatten.”
“Hast du wieder die Hosen voll gehabt, wa?”
“Baby, ich zeig dir gleich, wie voll meine Hosen sind.”
“Angeber.”

Auf Kieselsteinen weiter zum Exotenhaus. Javaneraffen turnten an einem nackten Stahlgerüst.
Früher, auf Bali, in ihrer Heimat, galten sie als heilig. Unantastbar.
“Wir bleiben uns ewig heilig”, schworen wir uns.

Weiter unten im Wildgatter, zwischen Mufflon und Rehkitz, fanden wir eine einsame, schattige Bank. Wir hörten Esel wiehern, Störche klappen. Lena zog die Nylonstrümpfe aus und warf sie ins Gebüsch. Sie stieg auf meinen Schoß. Schob ihren Slip beiseite. Ich schmeckte ihren Hals. Es war alles sehr eng und aufregend. Jederzeit hätte ein Besucher um die Ecke kommen können. Fast flog die Bank um.

„Los, du Vieh!“ feuerte sie mich an, und wir mussten lachen.
Küsse. Papageienschreie.
Rote Flecken.
Und dann kippte die Bank im richtigen Moment.


3
Bis in den Nachmittag hinein bleib ich im Bett liegen. Ich bin wie gelähmt. Rauche tausend Marlboros.
Dann bade ich, doch ich weiß nicht, wie oft wir Platznot hatten in dieser Wanne, jetzt ist sie eine Arena und verschlingt mich.
Immerzu muss ich an sie denken.
An ihr Lachen. An ihr Gefühl zu mir.
Es schmerzt und macht wütend.

Lena ist natürlich fein aus dem Schneider. Hat einen neuen Kerl und demnächst zieht ihre beste Freundin zu ihr, Britta. Nahtloses Timing. Wozu braucht sie mich noch?! Ich bin wie Gulasch. Gekaut. Verdaut. Abgezogen. Mein Selbstbewusstsein liegt auf dem Klo und schielt zur Uhr.
Wenn das Mumms wenigstens schon auf hätte..
Margaretenstraße, die Telefonzelle.

Ich ruf Karlos an. Er klingt verpennt.
“Was ist los?”
“Lena hat Schluss gemacht.”
“Oh.. Scheiße.”
“Ich komm vorbei.”
“Ja, klar.. Mach das.”

Ich laufe eine halbe Stunde durch den Schnee, ein ausgelaugter Körper, der sich von alleine bewegt. Eine pure Beinmaschine. Ich jedenfalls hab damit nichts am Hut. Ich funktioniere nur. Fühle mich wie ein halber Mensch und frage mich, wie ich das aushalten soll in nächster Zeit.
Finkenstraße.

Drei Stunden sitzen Karlos und ich uns im Sessel gegenüber, und ich rattere mir alles aus der Seele.
Karlos hört zu, sagt nicht viel, wirft nur zwischendurch Sachen ein.
“Chaos im Kopf ist nie umsonst”, sagt er.
Oder:
“Vielleicht musste das passieren. Vielleicht musste mal was Unglaubliches in dein unverschämt sicheres Leben platzen, damit du langsam mal aufwachst und anfängst das zu tun, was der liebe Gott für dich vorgesehen hat.”
Ich guck ihn an.
„Ja.. wahrscheinlich.“

Wir trinken schwarzen Tee und ich bin froh, dass es Karlos gibt.
Dass ich einen Freund habe.
Dass jemand da ist, der sich mein Gejammre anhört.
Er kennt Liebeskummer nur zu genau. Ist zwar schon zwei Jahre her, dass Biene ihn verlassen hat, seine große Liebe, aber so richtig ist er immer noch nicht darüber hinweg.
“Die Sache ist noch längst nicht gegessen.”

Er erzählt, dass es keine vier Wochen her ist, da stand er mitten in der Nacht unter ihrem Fenster und hat nach ihr gepfiffen wie ein Fünfzehnjähriger.
“Und?” frag ich.
“Was, und?”
“Na, hat Biene aufgemacht? Oder nicht?”
“Nee. Die war gar nicht hat da. Die war im Urlaub..”

Wir verabreden uns für sieben Uhr im Mumms. Ich geh solange nach Hause, müde und aufgekratzt zugleich.

Ich leg mich hin und versuch zu lesen. „Uns verbrennt die Nacht“, geschrieben von einem Indianer, der angeblich eine Weile mit Jim Morrison rumgezogen ist, im Los Angeles der 60er Jahre, doch ich kann mich nicht konzentrieren.

Um kurz vor sieben, im Mumms. Karlos und ich saufen Bier und Tequila. Ich hab dieses aufputschende Gefühl, alles rauszulassen, mit jedem Glas mehr.
Benzini, eine Kinnlade wie ein Balkon, Säbelbeine, stellt sich dazu.
“Du blutest aber gut”, sagt er mit einem süffisanten Lächeln. “Versteh mich nicht falsch, aber du machst sonst so einen coolen und abgewichsten Eindruck, hätte ich dir gar nicht zugetraut, dass dich das so fertig macht mit Lea.”
Cool und abgewichst. Darauf saufen wir einen.

Kunststoß, der mit Nachnamen Huntzock heisst und den nur ich Kunststoß nenne, weil ich seinen Namen mal fasch verstanden hab, ist ein Leidensgenosse: Auch seine Alte hat ihm gestern Abend den Laufpass gegeben, nach sechs Jahren, konsequent.
Wir grinsen uns dämlich an, Kunststoß und ich. Wir sind beide unterm gleichen Sternzeichen geboren, Jungfrau, im Jahr der Ratte, er hat blondes krauses Haar wie ich und er ist genauso im Eimer wie ich. Irgendwie tröstlich.

Um halb drei ist Sperrstunde, das Mumms macht zu.
Inge Fitting, die Wunderbare, streckt mir die Zunge raus.
“Wird Zeit, dass du mir mal über die Hüfte rutscht, hör mal!”
Sie lässt ein Lachen dröhnen, als würde eine schmutzige kleine Lokomotive in ihre Kehle einbiegen, und baut sich vor mir auf.
“Ich trag heute meine Kontaktlinsen, hör mal! Ich weiß genau, was hier abgeht!”

Karlos kommt von hinten und fischt ihr die Schachtel Camel aus der Jackentasche.
Er steckt sich eine an.
“Kippe jemand?”
“Her damit..”, lalle ich.
“He, seit wann raucht ihr beiden Camel!?”
Inge dreht sich um und tippt Karlos, der sich auch umdreht, auf die Schulter.
“Sag mal, hast du etwa in meiner Tasche gewühlt?”
“Ich??! Ja, sicher. Du merkst doch nix mehr, Inge. Ich hab dich schon gefickt, ohne dass du was gemerkt hast!”
“Jetzt übertreibst du aber, hör mal!” lacht sie, und die Lok dröhnt im Tunnel.

“RAUS HIER JETZT!” brüllt Michael, der Geschäftsführer mit dem roten Schürzchen.

Karlos und ich torkeln rüber zum Taxistand, die ganze Breite der Kölner Strasse nutzend. Wir wollen zur Finkenstraße, noch einen rauchen. Karlos hat einen Hunni Gras klar gemacht. Plötzlich taucht ein Streifenwagen auf, wie aus dem Nichts, und hält an.
Ein Polizist steigt aus, ein anderer bleibt sitzen.
“Augenblick mal, die Herren!”

Wegen Überqueren der Strasse und Behinderung eines Streifenwagens sollen wir jeder zehn Mark berappen.
“Hier ist doch überhaupt kein beschissenes Auto unterwegs!” ereifert sich Karlos. “Und wo haben wir euch behindert?! Ihr seid behindert!”
“Keine Diskussion, meine Herren! Jeder zehn Mark, und die Sache ist erledigt!”
Kohle haben wir keine mehr, alles versoffen, auch keinen Ausweis dabei, also müssen wir mit zur Wache.

Unterwegs, wir sitzen auf der Rückbank, stimmen wir “Fahr mit im grün-weissen Bullenbus!” an, nach der Melodie von Kli-Kla-Klawitter, der Kindersendung. “Wir nehmen jeden mit, wir haben sehr viel Platz!”
“Na, da haben wir aber zwei Witzbolde aufgegabelt”, meint der lange Polizist auf dem Beifahrersitz. “Passt nur auf, dass es keine Backpfeifen hagelt.”
“Was willst du grüner Wicht?!” geb ich zurück, und der Bulle wird böse und droht mit einer Anzeige wegen Beamtenbeleidigung.

Auf der Wache werden unsere Personalien aufgenommen.
Da Karlos letztes Jahr umgezogen ist, sich aber noch nicht umgemeldet hat, gibt es Ärger. Er weigert sich Mietparteien zu nennen, die ebenfalls in dem Haus an der Finkenstraße wohnen.
“Finkenstraße 9 wohn ich! Und ich hab ne cholerische neurotische Lady zu Hause, die mir dauernd ins Bett pisst. Mehr sag ich nicht! Müsst ihr schon aus mir herausprügeln!”
Lady ist seine Katze.

Karlos schraubt seinen cholerischen Schädel ins Neonlicht.
“Na, kommt schon her! Hier, schön auf die Nuss! Könnt ihr doch so gut!!”
Natürlich spielt Karlos seine Wut nur. Als wäre das eine Theaterprobe. Er macht es aber so gekonnt, sogar ich bin froh, als er endlich die Klappe hält.

Der lange Bulle steht kurz vorm Überkochen und kündigt an, uns bis morgen früh in Gewahrsam zu nehmen. Dann will er mir den Hintern versohlen, weil ich erneut mit dem grünen Wicht rüberkomme.
“Jetzt macht doch nicht so einen Öschekk hier!” versucht sein Kollege einzulenken und zu beschwichtigen, worüber ich lachen muss, weil ich das lange nicht mehr gehört hab, einen Öschekk machen.
“Sagt doch kein Mensch mehr.”
“Ein Mensch vielleicht nicht”, kräht Karlos, “aber ein Bulle!”

Trotzdem, die Situation entspannt sich etwas, bis wir uns weigern das Präsidium zu verlassen. Wir wollen es uns lieber auf den harten Bänken bequem machen, wie früher in den 70ern, als wir jedes zweite Wochenende Ärger mit der Schmiere hatten.

Da platzt dem Langen der Kragen.
“Ihr kriegt gleich wirklich was auf die Fresse!”
“Ja, ja! Komm nur mit nach draußen!” rotzt Karlos zurück, schon in der Tür stehend. Tatsächlich hätte der lange Bulle Lust dazu, doch sein Kollege hält ihn zurück.
“Jetzt macht endlich, dass ihr wegkommt!”
“Ich hab mal die härteste Knallplättchenpistole
der Welt gehabt!” brüllt Karlos noch, als wir schon unten auf der Strasse sind. “Und ihr?! Was habt ihr? Ne Schlampe zuhause habt ihr, und sonst gar nix!”

Von der ganzen bescheuerten Aktion ernüchtert, gehen wir um die Ecke in die feuchten Malteser Gründe und setzen uns auf die Bank.

Zum Glück haben die Bullen versäumt, Karlos zu durchsuchen. Schließlich hat er einen Beutel Marihuana dabei. Wir dampfen ein mächtiges Dreiblatt. Der ganze Malteser Grund stinkt nach Gras und frisch gemähter Wiese.
“Wer außer einem Rasenmäher braucht schon einen Rasen?!” grunzt Karlos.

Wir schalten einen Gang zurück.
“Sag mal, was wollte Lena eigentlich?”
Sie hatte um Mitternacht herum im Mumms angerufen und sich erkundigt, wie ich die letzte Nacht überstanden habe.
“Ich hab kein Auge zugetan, aber dafür mach ich mich jetzt zu. Weißt du eigentlich, dass du mir das Herz gebrochen hast?” hab ich gesagt.
“Ich weiß”, hat sie kleinlaut geantwortet. “Ich mir auch..”

Halbe Stunde später verschwindet Karlos in Richtung Finkenstraße, ich zur Schillerstrasse. Aufgeladen wie ich bin, hebe ich einen Pflasterstein vom Wegesrand auf und schmettere ihn in die rückwärtige Fensterfront des Gesundheitsamtes.

Das Klirren der Scheibe potenziert sich in der Stille der Nacht, aber ich latsche weiter den Park runter, als sei nichts geschehen.

Dauert keine Minute und auf der gegenüber liegenden Seite biegt ein Streifenwagen in den Malteser Grund ein. Geistesgegenwärtig ducke ich mich, versteck mich im dichten Gebüsch am Hochhaus, das wie ein Leuchtturm den Park überragt.

Der Wagen rollt ohne Licht im Schritttempo vorüber. Hinter dem Gesundheitsamt bleibt er stehen, mit ausgeschaltetem Motor.
Nicht passiert.
Er fährt ab.
Ich warte zwanzig Minuten, bis ich mich aus der Deckung wage und in der Dunkelheit nach Hause wanke.


5
Ich werd mit einem Geschmack wach als wäre mir eine Kippe unter der Zunge eingeschlafen.
Verkatert hocke ich auf der Heizung und rauche. Vielleicht hat sie ihren Entschluss schon bereut..!?
Ich peitsche zur Telefonzelle und ruf in der Zahnarzt-Praxis an.
“Ich muss mit dir sprechen, Lena. Können wir uns treffen?”
“Ja.. klar. Doch.”
“Heut Abend im Mumms?”
Sie zögert einen Moment.
“Gut, ich bin da. Gegen fünf Uhr. Bist du traurig..?”

Traurig? Was eine Frage.. Ich geh in die Stadt, such mir im Karstadt-Cafe einen Fensterplatz und nehm mein Notizbuch raus. Versuch zu schreiben. Die Sachen festzuhalten. Schreiben ist wie sich selber essen. Ich hab zwei Tagen nichts mehr gegessen. Nur gesoffen.

Eine dicke Frau im weißen Kittel räumt die Tische ab, leert die Aschenbecher. Leute kommen und gehen, trinken Kaffee, schielen neugierig auf mein Notizbuch.
„340 bittäh!“ tönt eine Frauenstimme aus den Deckenlautsprechern. „340 bittäh an 608!“

Ein Rentner hustet und steckt sich mit zittriger Hand und gebrochenen Fingernägeln eine Overstolz an, putzt sich die Nase. Ein einsamer alter Mann. Als er meinen Blick entdeckt, guckt er rasch weg.

Jeder Einsame denkt, er fällt auf in seiner Einsamkeit., schreib ich ins Notizbuch.

Neben mir bereitet sich eine grauhaarige alte Frau mit Brille auf ein Kassler mit Sauerkraut und Püree vor, steckt sich eine Serviette in die Hose. Der Rentner hustet, liest in der BILD-Zeitung.
NEUE KÄLTEWELLE. SCHON 250 TOTE.
Geschäftsleute mit Schlips und Kragen in grauen Anzügen, alle sehen ungewohnt gut aus heute. Aus irgendwelchen Gründen empfinde ich eine große Sympathie für sie alle hier, möchte sie drücken, in die Arme schließen. Nur junge Frauen nicht. Die nicht.

Dann geh ich zur Jobvermittlung auf der Goerdeler Strasse. Ich brauche Ablenkung. Ich muss irgendwas tun. Die Tage hinter mich kriegen. Ich hab zu viel Zeit. Da kann ich mir auch einen Job suchen.
Frau Düstersiek (”Na, Sie As! Was macht Ihr Kumpel, wie heißt er noch gleich..?” “Karlos.” “Ja, genau, Karlos! Was ist Sache mit Karlos?! Warum kommen Sie alleine?”) hat so gut wie nichts im Köcher, rückt schließlich aber doch die Telefonnummer einer kleinen Firma heraus, die in Türklinken macht.

Türklinken. Firma Weidner, am Schaberg. Ich ruf an und sage, dass ich auf der Stelle anfangen kann.
Gut. Ja. Ich soll vorbeikommen.
“Jetzt sofort?”
“Ja, natürlich. Wenn Sie Zeit haben.”
“Äh.. ja, natürlich.”
Scheiße.
Andererseits, ein Job, das wird Lea gefallen. Es wurmt sie doch immer, dass sie früh raus muss und ich kann ratzen bis in die Puppen.
Ich kaufe einen Strauß Blumen, klemme ihn an ihre Wohnungstür. Mit einem Zettel.
„Liebe dich mehr als alles andere auf der Welt.“

Der Betrieb am Schaberg ist eine üble Hinterhofklitsche. Ich werde sofort in der Endmontage eingesetzt. Meine Aufgabe: Türbeschläge aus Messing montieren, Klinken polieren, Kartons falten.
Meine Hände flattern. Von Ablenkung keine Spur. Was ich auch tue, ich hab nur Lena im Sinn.
Lüttkenhorst, der Kollege, der mich einarbeitet, meint, ich solle nicht andauernd doof in der Gegend herumsitzen und ordentlich die Kartons falten. Heut Abend im Mumms werd ich alles auf eine Karte setzen. Ich hole sie mir zurück.

Endlich halb Fünf. Feierabend.
Mit dem Bus ins Mumms.
Sie ist schon da. Sitzt in der hintersten Ecke. Mit einem Glas Tee.
Sie sieht umwerfend aus.

Ich hol mir ein Bier, setz mich zu ihr.
Ich hab keine Zeit für Tändeleien.
“Ist wirklich Schluss?”
Ängstlich schaut sie mich an. Und nickt.

Ich reiße mich zusammen. Bestehe darauf, dass ich eines schon kapiert habe, in den letzten äh vierundzwanzig Stunden: ohne gemeinsame Zukunft keine Beziehung.
“Ich werde für dich arbeiten gehen und ein Buch schreiben.”
Sie ist überrascht.
“Ein Buch..? Na, das ist ja ein Ding. Da reden sich alle den Mund fuselig und der Herr tut nix, aber kaum kriegt er mal einen Schuss vor den Bug, bewegt er seinen Arsch. Guck einer an.“
Sie nimmt einen Schluck Tee.
„Du sollst es nicht für mich, sondern für dich tun.”
“Für uns! Ich möchte mit dir meinen Weg gehen, mit dir glücklich sein.”

Ich spüre, dass sie nachgibt. Damit hat sie nicht gerechnet.
“Und wenn wir wollen, schaffen wir das auch. Wir gehören doch zusammen..”
Wir blicken einander in die Augen.
Dieses Bauchgefühl.
Dann sagt sie es. Ganz leise. Fast unhörbar. Gehaucht.
“Ja.”

Ich fliege ihr um den Hals. Vergrabe ihren Kopf an meiner Brust.
“Hast du wirklich ja gesagt?!”
“Von dir Wahnsinnigem komm ich ja sowieso nicht los.”
Ich drifte zum Tresen. Glaub es gar nicht. Dass es so schnell geht. So ohne viel Widerstand. Wollte sie mich nur prüfen?
Ich bestelle Tequila. Wir lachen.
Küssen uns.

“Ich bin stolz darauf, dass ich auch ohne dich klarkomme. Und ich möchte, dass du das auch kannst, damit wir nicht mehr wie an einer Nabelschnur zusammenhängen”, stellt Lea klar.
“Ja”, sag ich, immer wieder ja. Ich würde ihr einen Bestseller versprechen, wenn sie es nur ernst meint.
“Wann machst du mit dem Typ Schluss?`”
“Ich werd.. es ihm gleich sagen.”

Wir verabreden uns für morgen Nachmittag um Fünf, bei mir.
Ich bleib im Mumms und besauf mich.

Karlos taucht auf. Er ist aufgebracht.
“Die Schmiere hat mich heut Nacht auf dem Nachhauseweg noch mal klargemacht, weil so ein Idiot im Malle ein Fenster eingeschmissen hat!!”
Und dabei ist er dummerweise wieder an dieselbe Streifenwagenbesatzung geraten, die uns zuvor schon in der Mache hatte.
Mit dem Unterschied, dass Karlos dieses Mal die Taschen leeren musste.

“Da waren achtzehn Gramm im Beutel!” schimpft Karlos.
Der lange Bulle muss vor Freude nur so geglüht haben.
“Wie ein scheiss Lampion. Und das nur wegen irgend so einem Vollidioten!”
“Aber echt!” sag ich.
Als ich Karlos von Lena erzähle, dass wir wieder zusammen sind, warnt er mich, “Freu dich nicht zu früh”, aber ich freu mich.


6
Die Maloche am nächsten Tag nervt. Ich kann kaum noch meine Schweißausbrüche unter Kontrolle halten. Der Alkohol setzt mir zu. Aber ich liebe Lena und habe sie wieder. Das ist die Hauptsache.
“Mann, Mann! Die Kartons sind aus Pappe!” blökt Lüttkenhorst. “Die kann man biegen! Die kann man schön falten, hier, so! Und nicht einfach nur in die Ecke werfen! Wenn das der Chef sieht, war’s das aber! Da kannst du aber Gift drauf nehmen, Männeken!”
Punkt fünf Uhr bin ich zu Hause. Vielleicht wartet sie schon vor der Tür.
Tut sie nicht.
Ich rauche und höre Radio. Mach ein Bier auf. Viertel nach Fünf, halb Sechs.
Ich werde unruhig. Wenn sie wirklich mit mir zusammenbleiben will, müsste sie doch pünktlich sein. Überpünktlich.
Vielleicht ist was mit Britta dazwischen gekommen. Ihrer besten Freundin. Wäre nicht das erste Mal.
Ich steh am Fenster und warte.
Watching and waiting.
Sechs Uhr, halb Sieben.
Autos fahren vorüber, Autos halten. Türen schlagen zu.
Nur die Strasse zählt.
Um sieben Uhr ist Lena immer noch nicht da.
Ich tiger von einem Zimmer ins andere und wieder zurück, ich gerate in Panik.
Schreie “Lea, was machst du mit mir?!” Raufe mir die Haare und schleuder mich gegen die Wand.
Bleib liegen. Steh auf. Kann es einfach nicht fassen, wie ich verarscht werde.
Knall mich gegen den Türpfosten.
Es schellt. Nicht ihr Schellen. Es ist der lange Eli, mein Nachbar von gegenüber.
Ich zerre Poster von der Wand, trete Tassen durch die Küche.
Sie zersplittern unter dem Spülstein.
Eli begreift gar nichts.
“Du kommst wegen Lena so drauf? Gibt es das? Ich dachte immer, die wäre total in dich verknallt..”
Ich lass ihn stehen, klockere auf Hollandblotschen zur Margaretenstraße, durch den Schnee. Zur Telefonzelle.
Britta hebt ab.
“Ist Lena da?!” ruf ich.
“Die ist schon lange weg.”
“Hat sie nichts gesagt? Dass sie zu mir kommen wollte?”
“Lea hat gar nichts gesagt. Keine Ahnung, wo sie hin ist.”
Ich hetze durch die Strassen. Guck in die vorübersausenden Autos, ob Lena irgendwo drinsitzt. Auch im Mumms ist sie nicht. Natürlich nicht.
Das Mumms ist mein Wohnzimmer.
Nicht ihres.
Cobra hockt am Tresen.
“Hallo.”
Cobra wollte mich mal anmachen, nicht lange her, da hab ich abgewunken. Zu gefährliche Augen. Zu große Titten.
Jetzt bin ich froh, dass sie da ist. Frage, wie es ihr geht und so. Spendiere Bier und Schnaps.
Klaus und seine neue Braut kommen rein, trinken einen mit.
Dauert nicht lange, und wir beschließen, aus dem Mumms zu verduften. Wir rufen ein Taxi, kaufen unterwegs an der Tankstelle zwei Flaschen Ouzo, fahren dann zu Klaus nach Hause und versinken in den Ledersesseln.
Klaus erzählt von seiner zerstreuten Tante, die ihm innerhalb eines Jahres dreimal zum Geburtstag gratuliert hat, jedes Mal mit einem neuen Geschenk.
“Das sind die Tanten, die wir brauchen!” wiehert Cobra. Sie und Klaus verstehen sich prächtig. Das gefällt mir nicht. Muss ich mich notgedrungen mit seiner Freundin befassen. Eine seltsame Person. Ihre Nase ist zu groß, schief und spanisch, wie eine vergeigte Steinmetzarbeit.
Wir reden über Musik. Im Radio laufen Bronski Beat. It ain’t necessarily so.
Muss doch alles nicht sein.
“ACH, GEHT DOCH UM NIX!” brüllt Klaus.
Irgendwann in der Nacht liegen wir zu viert im geräumigen Ex-Ehebett, doch zwei Frauen sind zuviel für mich. Ich bin sturzbetrunken und hab Lenas Körper im Kopf.
Cobra und Klaus verschwinden ins Wohnzimmer.
Während sie auf dem Eichentisch vögeln, hantiere ich an seiner Braut herum.
Die Musik scheppert. Irgendein amerikanischer Heckmeck.
Cobra kommt wieder ins Schlafzimmer.
“Na, gut abgespritzt?!”
Ich sag gar nichts und penn ein.
Als der Morgen dämmert, pocht mein Herz wie verrückt. Ich steh auf und such das Telefon.
Cobra folgt mir mit den Augen.
“Vergiss es”, sagt sie, “das Telefon ist gesperrt.”
Ich zieh mich an und mach mich auf die Suche nach einer funktionierenden Telefonzelle.
Lena, klöpft es in meinem Bauch, sei bitte zu Hause und habe eine Ausrede. Sag nicht das, was ich weiß. Bitte!
Es ist arschkalt. Pisse im Schnee. Hundepisse. Ich friere. Als ich eine Brücke überquere bleib ich stehen und guck runter. Frag mich, ob die Höhe ausreichen würde, um mich zerschellen zu lassen.
Endlich eine Zelle. Ich wähle die Nummer. Es dauert. Ich leg auf und wähle nochmal.
Lea hebt verschlafen ab.
“Wo warst du gestern?! Du wolltest doch zu mir kommen..!”
“Es ging nicht.”
“WIESO GING ES DENN NICHT?”
“Weil ich aus der Beziehung raus will! ICH WILL NICHT MEHR!”
Meine Stimme schnappt über.
“IST DER TYP DA?”
“Ja”, sagt sie. “Er ist hier.”
“Du hast es mir doch versprochen, dass wir es noch mal versuchen! DU HAST ES MIR DOCH VERSPROCHEN!!”
Lena seufzt.
“Ich weiß.. Aber ich kann nicht.”
“WIESO HAST DU ES DANN GESAGT?!”
“Weil du mich so gequält hast..”
Ich raste aus. Erkenne mich selbst kaum wieder. Beschimpfe sie.
Sie legt auf.
Ich stapfe zurück durch den Schnee. Cobra macht mir die Tür auf.
“Ich muss mit dir reden”, sag ich.
Wir holen Bier am Kiosk und fahren mit dem Bus zu mir.
Wir verstehen uns plötzlich. Gleiche Wellenlänge. Ich spiele ihr sogar Jonathan Richman vor.
Sie muss lachen.
“Was ist das denn für einer?”
“Na, der sitzt am Rand vom Sandkasten und sucht sein Förmchen.”
Er gefällt ihr. Ich interessiere sie. Schade, dass ihre Titten so dick sind.
6
Am nächsten Mittag geht Cobra nach Hause und ich ins Mumms. Karlos ist auch da und legt den Leuten die Karten. Hat er gestern erfunden. Mir prophezeit er, dass ich immer Checkerei haben werde mit der Herz Dame. Na so was.
Abends ist Cobra wieder da. Die Karo Dame.
“Flüchtige Liebschaft”, flüstert sie.
“Du hast mich verwirrt”, sagt sie.
Karlos ordert Tequila und entwickelt das Kartenlegen weiter.
“Kreuz As und Pik As gibt Mofaführerschein.”
Cobra erzählt, dass sie schon mal fünf Seiten lang ICH BIN STARK geschrieben habe. Danach sei sie zusammengeklappt.
Pik Sieben ist die geheime Triebkarte. Die paraintuitive Kraft.
“Liebe ist nicht alles”, tröstet mich Cobra.
Ich bin geknickt. Geschlaucht. Die ganze Sauferei. Und immer wieder Lena.
Cobra schleppt Tequila an. Tequila baut auf.
“Liebe ist nur Spinnerei im Kopf”, sagt sie.
Zitronenscheiben rutschen unter den Tisch.
Kreuz Zehn bedeutet: Entziehungskur. Folgt darauf die Herz Zehn, wird man: rückfällig.
“Heut bin ich in dich verknallt”, summt Cobra in mein Ohr, “und
morgen ist alles wieder vorbei. Lass uns noch was trinken.”
Der nächste Tequila.
Endzeithunger.
Mad dog days.
Zwei dunkelhäutige Frauen setzen sich an unseren Tisch. Eine sieht aus wie eine Brasilianerin.
“Du hast schöne Augen”, sagt sie zu mir.
Karlos legt ihr die Zukunft. Verlegen stehe ich daneben und überlege, wie ich sie anbaggern könnte, doch andauernd drängelt sich ihre Freundin dazwischen und funkelt mich böse an.
“Mein Zug ist abgefahren”, schreibt Cobra in mein Notizbuch, das offen auf dem Tisch liegt. Ich hol das nächste Tablett Bier und wende mich Karlos zu.
“Ich weiß überhaupt nicht mehr was Trumpf ist..” sag ich.
Sturzbesoffen redet er auf mich ein.
“Ich hab lang nicht mehr so an dich geglaubt wie jetzt. Du hast soviel Möglichkeiten, du wirst es schaffen. Du musst nur schreiben.. dann wirst du es schaffen.”
Mein Kopf hängt geknickt an seinem Mund.
Samstagmorgen werd ich früh wach.
Detonierter Bauch.
Vollrauschnerven.
Das Klingeln des Telefons aus der Nachbarwohnung bohrt sich in meinem Gehörgang fest.
Ich hol mir einen runter.
Zünde mir eine Marlboro an. Die erste von den nächsten Tausend.
Draußen regnet es. Tauwetter.
7
Samstagmittag. Ich geh zu meinen Eltern rüber zum Essen.
Beim Nachtisch erzählt Mutter eine Geschichte aus meiner Kindheit, und wie sie so erzählt, ist es mir, als lüfte sich ein Schleier und dahinter taucht der Kern auf, der Kern von mir.
Vage erinnere ich mich daran, dass ich bis zum siebten Lebensjahr Nacht für Nacht ins Bett meiner Eltern kletterte, auf die Seite meiner Mutter, und dort blieb bis zum Morgengrauen.
“Ich hab schon ganz automatisch die Bettdecke angehoben wenn ich deine leisen Schritte hörte, und schon kamst du angekrabbelt und schmiegtest dich an mich.”
Dann, 1967, die Beatles waren gut im Geschäft und die Doors beschlossen, nicht nur eine Million sondern zehn Millionen Dollar zu machen, wurde mein Bruder geboren. Es war im Jahr der Ziege.
Ein Dezemberabend, als das Telefon ging. Ich war mit meiner großen Schwester allein zu Hause, sie hob den Hörer ab.
Mein Vater war dran, er rief aus dem Krankenhaus an.
Mutter hatte ihr drittes Kind geboren.
“Was?! Ein Junge..?” rief meine Schwester entsetzt, und ich rannte jubelnd durch die Wohnung an der Hasseldelle, von Zimmer zu Zimmer, im Schlafanzug.
“Ich hab einen Bruder! Ja! Einen Bruder! Ich hab einen Bruder!!”
Was ich nicht wissen konnte, worüber ich aber sehr bald Bescheid kriegen sollte: Der Platz im Bett, an der Seite meiner Mutter, war fortan belegt.
Mein kleiner Bruder beanspruchte nun den Thron an ihrem Busen.
“Die ersten Nächte bist du trotzdem zu mir gekommen, aber es war zu eng. Es ging einfach nicht. Ich.. musste dich abweisen.”
Bedauern klingt durch, bei einem Schälchen Joghurt mit Schokoraspeln, Bedauern, dass sie mich nicht darauf vorbereitet hatte.
“Es war ein Schock für dich. Ich weiß nicht, wie oft du nachts schreiend wach wurdest, im Albtraum, mit Schaum vorm Mund.”
“Schaum vorm Mund?”
“Ja. Es quoll regelrecht aus dir heraus..”
Wie sie so erzählte, spürte ich in mir das Kitzeln einer tiefen Erinnerung, auch wenn es mehr ein Kitzeln war als ein tatsächliches Bild vor Augen.
Immerhin, nun war klar, warum ich so heftig reagierte, wenn eine Frau fort ging, die ich liebte, eine Frau mich verließ mit ihrem Busen.
“Und warum du so viel Bier trinkst, Andreas”, meint Karlos mit trocken erhobenem Zeigefinger, als ich ihm Bericht erstatte, am Tresen im Mumms, mit Schaum am Pils-Glas, auch bekannt als: Blume.








1
Den ganzen Tag lauf ich mit einem mulmigen Gefühl durch die Gegend und versuch sie zu erreichen. Ich steh im Mumms, trink ein paar Bier, telefoniere. Ich latsche runter zum Werwolf, ins Kamikaze. Trinke Bier, telefoniere.
Umsonst.
Wo zum Teufel steckt sie?

Gegen acht steh ich mal wieder in irgendeiner Telefonzelle, am Ufergarten diesmal, wähle die Nummer und endlich, sie hebt den Hörer ab.

„Ja?“
"Hallo“, sag ich. „Ich bin’s..“
Schweigen.
Wieso sagt sie nichts? Sonst sagt sie immer was. Freut sich, dass ich mich melde. Ich höre ihr Radio im Hintergrund.
"Wie geht’s?" frag ich, beiläufig wie möglich.
Nichts.

"Sag mal, sind wir eigentlich noch zusammen?"
Ich höre, wie sie an einer Zigarette zieht.
"Ich glaube nicht."
"Was..? Du glaubst nicht.."
Ich starre auf das Plakat. FUNKTAXI.
"Und warum..? Wegen einem anderen?"
Sie zögert.
"Ja."
"Ist er da?"
"Ja schon.. aber du kennst ihn nicht.."
"Gib ihn mir mal!"
"Was, jetzt?"
"Natürlich jetzt!"

Ich weiss selbst nicht, was ich von ihm will. Draussen stürmen die Autos vorüber.
"Schreiber", meldet sich eine Stimme, so förmlich, als säße er im Büro.
"Hör zu, Junge. Lea ist seit fünf Jahren meine Freundin. Warst du schon mit ihr im Bett?"
"Spielt das ne Rolle?"
Ich werde wütend.
"HAST DU SIE GEFICKT ODER NICHT?"
"Spielt das ne Rolle?"
"Wenn es keine Rolle spielt", äffe ich ihn nach, "dann gebs doch zu! Feigling!"

Lea ist wieder am Apparat.
"He, bleib cool.."
"Cool bleiben!? Ich komm jetzt bei dir vorbei und wehe, du bist nicht da! Der Typ kann meinetwegen da bleiben.."
"Ja, komm vorbei", meint sie beschwichtigend, "Aber soll der echt hier bleiben?"
"Er kann auch verschwinden."

Ich stürze aus der Telefonzelle in die nächstbeste Kneipe. Kölsch und Cognac auf ex. Videoclips auf dem Bildschirm. Madonna. Like a virgin. Like the very first time.

Auf dem Weg zu Lea pocht es ununterbrochen in mir. Wieso macht sie Schluss? Wegen einem Anderen? Unvorstellbar. Von einem Tag auf den nächsten soll alles vorbei sein. Und ihre Stimme klang irgendwie.. entschlossen.
Gleich wird sie mir sagen, warum es aus ist, und ich werde ihr ausgeliefert sein.

Lea zittert mindestens genauso. Wir sitzen vor der Nachtstromheizung und schauen uns kaum in die Augen.
Was neues will sie. Nicht jedes Wochenende fernsehen, baden, bei meinen Eltern Mittagessen.
"Immer der gleiche langweilige Streifen."

Ihre Jugend habe sie mit mir verbracht. Jetzt sei dieser Hunger da. Dieser Lebenshunger. Es gebe keine Zukunft.

Alles, was sie sagt, reisst mich in Stücke, und nur die Klamotten halten mich beieinander.
"Was ist mit dem Typ?"
"Der ist nett."
"Bist du verliebt?"
"Ich glaub. Ja."

Sie will mich in die Arme nehmen, doch ich stosse sie weg. Renn aus der Wohnung. Wie oft bin ich aus der Wohnung gestürmt, wenn wir Streit hatten, immer ist Lea mir nachgerannt, sogar nachts auf Strümpfen, auf Asphalt, im Winter, weil sie nicht wollte, dass ich gehe, jetzt kommt sie nicht.

Ich seh sie am Fenster stehen, und stiefle los.

Stiefle durch die Winternacht. Der strengste Winter seit langem. Zwanzig Grad unter Null. Vereiste Dächer.
Die Schneehaufen türmen sich.

Dann steh ich vor meiner Tür. Ich sträube mich aufzuschliessen. Die meiste Zeit haben wir hier verbracht. Wegen der Buntkiste, der Badewanne, ach, überhaupt.
Die Wohnung war unser Quartier.

Ich knall mich aufs Bett. Wünsch mir, dass alles nur ein böser Traum ist, doch Morgen, wenn ich wach werde.. ist es vorbei.. mit der Zeit.. in der wir zusammengehalten haben.. jetzt ist sie zwanzig.. und hat den Streifen satt.. hat lange genug.. Sonntag für Sonntag.. Gulasch gekaut.
Ich wälze mich von einer Seite auf die andere.

Immer wieder taucht Lea auf. Ihr schöner kleiner Busen. Ihre Schenkel, in die nun irgendein gesichtsloses Schwein eindringt.
Ihre zärtlichen Worte.

Es schnürt mir die Kehle zu.

Ich spring aus dem Bett, zieh mir den Parka über und laufe durch den Schnee zur Telefonzelle auf der Margaretenstrasse.
Ich muss mit ihr reden. Ich brauche einen Hoffnungsschimmer. Es kann doch nicht einfach so vorbei sein! Knall und aus!
Ich werfe ein Markstück in den Schlitz.

Sie hat meinen Anruf erwartet. Befürchtet. Ich frage, ob es denn keine Möglichkeit mehr gebe für uns.
"Es gibt immer eine Möglichkeit."
Trotzdem jammere ich wie ein kleiner Junge, dem man sämtliches Spielzeug geraubt hat.
"Was soll ich denn machen ohne dich?!"
"Pack meine Sachen zusammen, oder stell ein paar Möbel um."
Wieder starrt mich ein FUNKTAXI-Plakat an.
"Du musst stark sein. Du bist nicht so schwach, wie du jetzt glaubst. Und lass mir Zeit, ich blicke selbst nicht durch, was in meinem Kopf abläuft. Es ist so durcheinander.."

Ich schleiche nach Hause und hau mich hin. Bete, dass die Nacht bald ein Ende hat, doch als es endlich hell wird, kommt die Angst vor dem Sonntag.
Ohne Lea. Ohne Liebe. Ohne Film.

Sonntag. Der magische Sonntag. Im Tierpark.
Sie trug ihr braunes Indianerkleid und war gut gelaunt.
"Los, zu den Kamelen!"
Sie zog mich zum Freigehege. Ein Lama rekelte sich einsam in der Nachmittagssonne und schob Gras im Maul von links nach rechts.
"Beiß mich", flüsterte Lea, die mal behauptet hat, ein Fußkettchen hätte ihr gesamtes Leben verändert.
Ich lugte hinüber zu dem Lama und biss zu. Das Kettchen knirschte.

Auf Kieselsteinen weiter zum Exotenhaus. Javaneraffen turnten an einem nackten Stahlgerüst. Früher auf Bali waren sie heilig.
"Wir bleiben uns ewig heilig", schworen wir uns.

Weiter unten im Wildgatter, zwischen Mufflon und Rehkitz, fanden wir eine einsame, schattige Bank.
Lea zog die Nylonstrümpfe aus und warf sie im hohen Bogen ins Gebüsch. Sie stieg auf meinen Schoß. Ich schmeckte ihren Hals.
Küsse. Papageien schreien.
Rote Flecken.

Die Bank kippte im richtigen Moment.

Bis in den Nachmittag hinein bleibe ich im Bett. Ich bin wie gelähmt. Rauche tausend Marlboros. Dann bade ich, doch ich weiß nicht, wie oft wir Platznot hatten in dieser Wanne, jetzt ist sie riesig wie eine Arena und verschlingt mich.

Immerzu muss ich an sie denken.
An ihr Lachen. An ihr Gefühl zu mir.
Es schmerzt und macht wütend.

Lea ist natürlich fein aus dem Schneider. Hat einen neuen Kerl und demnächst zieht ihre beste Freundin Britta zu ihr. Nahtloses Timing. Wozu braucht sie mich noch?! Ich bin überflüssig. Wie Gulasch. Gekaut. Verdaut. Abgezogen. Mein Selbstbewusstsein liegt auf dem Klo und schielt zur Uhr.
Wenn das scheiß Mumms wenigstens schon auf hätte..

Ich latsch mal wieder zur Telefonzelle und ruf Karlos an. Er klingt verpennt.
„Was ist los?“ fragt er.
"Lea hat Schluss gemacht."
"Oh.. Scheisse.“
„Ich komm vorbei."
„Ja, klar.. Mach das.“

Ich latsch eine halbe Stunde durch den Schnee, ein ausgelaugter Körper, der sich wie von alleine bewegt.
Ich jedenfalls hab da nichts mit zu tun.

Karlos wohnt auf der Finkenstrasse. Ich sitz drei Stunden im Sessel, ihm gegenüber, und rede mir alles aus der Seele. Karlos hört zu, sagt eigentlich nicht viel.
Zwischendurch wirft er Sachen ein wie „Chaos im Kopf ist nie umsonst“.

Was soll er auch sonst sagen. Da muss jeder alleine durch. Trotzdem fühl ich mich besser. Wir trinken schwarzen Tee und ich bin froh, dass es Karlos gibt. Dass ich einen Freund habe.

Er kennt dieses Gefühl nur zu genau. Ist zwar schon zwei Jahre her, dass Biene ihn verlassen hat, seine große Liebe, aber so richtig ist er immer noch nicht darüber hinweg.
„Die Sache ist noch längst nicht gegessen.“

Er erzählt, dass es keine vier Wochen her ist, wo er mitten in der Nacht unter ihrem Fenster stand, und gepfiffen hat.
„Nach zwei Jahren..“
„Und?“ frag ich.
„Was, und?“
„Na, hat Biene aufgemacht?“
„Nee. Die war nicht hat da. Die war im Urlaub. Aber das hab ich erst später erfahren.“

Wir verabreden uns für sieben Uhr im Mumms. Ich geh solange nach Hause, müde und aufgekratzt zugleich.
Ich leg mich hin und versuch zu lesen. „Uns verbrennt die Nacht“, geschrieben von einem Indianer, der angeblich eine Weile mit Jim Morrison herumgezogen ist, im Los Angeles der 60er Jahre.
Aber ich kann mich nicht konzentrieren.


Um sieben bin ich im Mumms, Karlos auch. Wir saufen Bier und Tequila. Ich hab dieses aufputschende Gefühl, alles herauszulassen, mit jedem Glas mehr.
Benzini stellt sich dazu.
„Du blutest aber gut“, sagt er mit diesem süffisanten Lächeln in der Kinnpartie, das sein Gesicht prägt wie der Balkon das Haus.
Er will gar nicht glauben, was er da hört.
"Versteh mich nicht falsch, aber du machst sonst so einen coolen und abgewichsten Eindruck, hätte ich dir gar nicht zugetraut, dass dich das so fertig macht mit Lea."
Cool und abgewichst.
Darauf versaufe ich mit Karlos und Benzini die Nacht.

Als ich aufwache, hab ich einen Geschmack im Mund, als wär mir eine Packung Kippen unter der Zunge eingeschlafen.
Verkatert hock ich auf der Heizung und rauche.
Vielleicht hat sie ihren Entschluss schon bereut..!

Ich peitsche zur Telefonzelle und ruf in der Zahnarzt-Praxis an.
"Ich muss mit dir sprechen. Können wir uns treffen?"
"Klar. Doch."
"Heut Abend im Mumms?"
Sie zögert einen Moment.
"Gut, ich bin da. Gegen fünf Uhr. Bist du traurig..?"

Ich geh in die Stadt. Such mir beim Amerikaner einen Fensterplatz und blättere im alten Notizbuch, in den Geschichten, die passiert sind..

..dieser Abend in der Pizzeria. Eine Karaffe Lambrusco und zwei Calzone mit mächtig scharfer Bolognesesauce. Nachher schoben wir unsere schweren Mägen Richtung Matratze, schliefen ein.

Mitten in der Nacht wurde ich wach, weil Lea dauernd was von "Durst" murmelte.
Noch im Halbschlaf stellte ich mir vor, ich würde sie sanft aufwecken und eine Flasche Orangensaft an ihre Lippen führen, Marke HITCHCOCK.

Plötzlich richtete sie sich im Bett auf.
"Wir sind grade im Hubschrauber über eine Seenplatte geflogen, und du hast mir Orangensaft eingeflösst.. HITCHCOCK.."
Noch ganz verstrickt in den Traum blickte sie mich an.
"Ich glaub, wir blättern zu oft in derselben Illustrierten", murrte ich und holte uns ein Glas Leitungswasser aus der Küche.

Ich packe das Notizbuch wieder weg. Kein Strom mehr. Zwei junge Frauen nehmen Platz an meinem Tisch. Ich kann ihnen nichts abgewinnen. Herzen aus Stahl.
Dann geh ich zur Jobvermittlung. Ich brauche Ablenkung. Muss irgendwas tun.
Die gute Frau Düstersiek ("Na, Sie As! Was macht Ihr Kumpel, wie heisst er noch gleich, das andere As?" "Karlos." „Ja, genau! Was ist Sache mit Karlos, Sie As?!“) hat kaum was im Angebot, rückt dann aber doch die Telefonnummer einer Türklinken-Fabrik heraus.

Türklinken. Firma Weidner, am Schaberg. Ich ruf an und sage, dass ich auf der Stelle anfangen kann.
Gut. Ja. Ich soll vorbeikommen.
„Jetzt sofort?“
„Ja, natürlich. Wenn Sie Zeit haben.“
„Äh.. ja, natürlich.“

Ein Job, das wird Lea gefallen. Es wurmt sie doch immer, dass sie früh raus muss und ich kann durchratzen bis in die Puppen.

Ich kaufe einen Strauss Blumen, klemme ihn an ihre Wohnungstür.
Mit einem Zettel.
„Liebe dich mehr als alles andere auf der Welt.“

Die Firma am Schaberg ist eine üble Hinterhofklitsche. Ich muss Türbeschläge aus Messing montieren, Klinken polieren, Kartons falten. Meine Hände flattern. Von Ablenkung keine Spur.
Was ich auch tue, ich hab nur Lea im Sinn.

Lüttkenhorst, der Kollege, der mich einarbeitet und eine Narbe auf der Stirn hat wie eine Vogelkralle, meint, ich solle nicht so doof in der Gegend herumsitzen und ordentlicher die Kartons falten. Heut Abend im Mumms werd ich alles auf eine Karte setzen. Ich hole sie mir zurück.

Endlich halb Fünf. Feierabend.
Mit dem Bus ins Mumms.

Sie ist schon da. Sitzt in der hintersten Ecke. Mit einem Glas Tee.
Sie sieht umwerfend aus.
Ich hol mir ein Bier, setz mich zu ihr.
Ich hab keine Zeit für Tändeleien.
"Ist wirklich Schluss?"
Ängstlich schaut sie mich an. Und nickt.

Ich reiße mich zusammen. Bestehe darauf, dass ich eines schon kapiert habe, in den letzten äh vierundzwanzig Stunden: ohne gemeinsame Zukunft keine Beziehung.
"Ich werde für dich arbeiten gehen und ein Buch schreiben."
Sie ist überrascht.
"Ein Buch..? Na, das ist ja ein Ding. Da reden sich alle den Mund fuselig und der Herr tut nix, aber kaum kriegt er mal einen Schuss vor den Bug, bewegt er seinen Arsch. Guck einer an.“

Sie nimmt einen Schluck Tee.
„Du sollst es nicht für mich, sondern für dich tun."
"Für uns! Ich möchte mit dir meinen Weg gehen, mit dir glücklich sein."
Ich spüre, dass sie nachgibt. Damit hat sie nicht gerechnet.
"Und wenn wir wollen, schaffen wir das auch. Wir gehören doch zusammen.."

Wir blicken einander in die Augen.
Dieses Bauchgefühl.
Dann sagt sie es. Ganz leise. Fast unhörbar. Gehaucht.
"Ja."
Ich fliege ihr um den Hals. Vergrabe ihren Kopf an meiner Brust.
"Hast du wirklich ja gesagt?!"
"Von dir Wahnsinnigem komm ich ja sowieso nicht los."

Ich drifte zum Tresen. Glaub es gar nicht. Dass es so schnell geht. So ohne viel Widerstand. Wollte sie mich nur prüfen?
Ich bestelle Tequila. Wir lachen.
Küssen uns.

"Ich bin stolz darauf, dass ich auch ohne dich klarkomme. Und ich möchte, dass du das auch kannst, damit wir nicht mehr wie an einer Nabelschnur zusammenhängen", stellt Lea klar.
"Ja", sag ich, immer wieder ja. Ich würde ihr einen Bestseller versprechen, wenn sie es nur ernst meint.

"Wann machst du mit dem Typ Schluss?`"
"Ich werd.. es ihm gleich sagen."

Wir verabreden uns für morgen Nachmittag um Fünf, bei mir.
Ich bleib im Mumms und besauf mich tierisch, und Karlos kommt rein und warnt mich, "Freu dich nicht zu früh", aber ich freu mich.

Die Maloche am nächsten Tag nervt. Pausenlos muss ich an Türklinken herumdoktern und meine Schweißausbrüche unter Kontrolle halten .Der Alkohol setzt mir zu. Aber ich liebe Lea und habe sie wieder. Das ist die Hauptsache.

„Die Kartons sind aus Pappe!“ blökt Lüttkenhorst. „Die kann man biegen! Die kann man schön falten, hier, so! Und nicht einfach nur in die Ecke werfen! Wenn das der Chef sieht, war’s das aber! Da kannste Gift doch nehmen, Männeken!“

Punkt fünf Uhr bin ich zu Hause. Vielleicht wartet sie schon vor der Tür. Tut sie nicht.
Ich rauche und höre Radio. Mach ein Bier auf. Viertel nach Fünf, halb Sechs.
Ich werde unruhig.
Wenn sie wirklich mit mir zusammenbleiben will, müsste sie doch pünktlich sein. Überpünktlich.
Vielleicht ist was mit Britta dazwischen gekommen. Ihrer besten Freundin. Wäre nicht das erste Mal.

Ich steh am Fenster und warte.
Watching and waiting. Sechs Uhr, halb Sieben.
Autos fahren vorüber, Autos halten. Türen schlagen zu.
Nur die Strasse zählt.

Um sieben Uhr ist Lea immer noch nicht da.
Ich tiger von einem Zimmer ins andere und wieder zurück, ich gerate in Panik.
Schreie "Lea, was machst du mit mir?!" Raufe mir die Haare und schleuder mich gegen die Wand.
Bleib liegen. Steh auf. Kann es einfach nicht fassen, wie ich verarscht werde.
Knall mich gegen den Türpfosten.

Es schellt. Nicht ihr Schellen. Es ist der lange Eli, mein Nachbar von gegenüber.
Ich zerre Poster von der Wand, trete Tassen durch die Küche.
Sie zersplittern unter dem Spülstein.
Eli begreift gar nichts.
"Du kommst wegen Lea so drauf? Gibt es das? Ich dachte immer, die wäre total in dich verknallt.."

Ich lass ihn stehen und renne zur Margaretenstrasse.Zur Telefonzelle. 441638.
Britta hebt ab.
"Ist Lea da?!"
"Die ist schon lange weg."
"Hat sie nichts gesagt? Dass sie zu mir kommen wollte?"
"Lea hat gar nichts gesagt. Keine Ahnung, wo sie hin ist."

Ich hetze durch die Strassen. Guck in die vorübersausenden Autos, ob Lea irgendwo drinsitzt. Auch im Mumms ist sie nicht. Natürlich nicht.
Das Mumms ist mein Wohnzimmer.
Nicht ihres.

Cobra hockt am Tresen.
"Hallo."
Cobra wollte mich mal anmachen, nicht lange her, da hab ich abgewunken. Zu gefährliche Augen. Zu grosse Titten.
Jetzt bin ich froh, dass sie da ist. Frage, wie es ihr geht und so. Spendiere Bier und Schnaps.
Klaus und seine neue Braut kommen rein, trinken einen mit.

Dauert nicht lange, und wir beschliessen, aus dem Mumms zu verduften. Wir rufen ein Taxi, kaufen unterwegs an der Tankstelle zwei Flaschen Ouzo, fahren dann zu Klaus nach Hause und versinken in den Ledersesseln.

Klaus erzählt von seiner zerstreuten Tante, die ihm innerhalb eines Jahres dreimal zum Geburtstag gratuliert hat, jedes Mal mit einem neuen Geschenk.
"Das sind die Tanten, die wir brauchen!" wiehert Cobra. Sie und Klaus verstehen sich prächtig. Das gefällt mir nicht. Muss ich mich notgedrungen mit seiner Freundin befassen. Eine seltsame Person. Ihre Nase ist zu gross, schief und spanisch, wie eine vergeigte Steinmetzarbeit.

Wir reden über Musik. Im Radio laufen Bronski Beat. It ain't necessarily so.
Muss doch alles nicht sein.
"Geht doch um nix!" brüllt Klaus.

Irgendwann in der Nacht liegen wir zu viert im grossen Ex-Ehebett, doch zwei Frauen sind zuviel für mich. Ich bin sturzbetrunken und hab Lenas Körper im Kopf.
Cobra und Klaus verschwinden ins Wohnzimmer.
Während sie auf dem Eichentisch vögeln, hantiere ich an seiner Braut herum.
Die Musik scheppert. Irgendein amerikanischer Heckmeck.
Cobra kommt wieder ins Schlafzimmer.
"Na, gut abgespritzt?!"
Ich sag gar nichts und penn ein.

Ich werd erschrocken wach, als der Morgen dämmert. Mein Herz schlägt wie verrückt.
Ich steh auf und such das Telefon. Cobra folgt mir mit den Augen.
"Vergiss es", sagt sie, "das Telefon ist gesperrt."
Scheisse. Ich zieh mich an und mach mich auf die Suche nach einer funktionierenden Telefonzelle.

Lea, pocht es in meinem Bauch, sei bitte zu Hause und habe eine Ausrede. Sag nicht das, was ich weiss.

Es ist arschkalt. Pisse im Schnee. Hundepisse. Ich friere. Als ich eine Brücke überquere bleib ich stehen und guck runter. Frag mich, ob die Höhe ausreicht, um mich auf dem Boden zerschellen zu lassen.

Endlich eine Zelle. Ich wähle die Nummer. Es dauert. Ich leg auf und wähle nochmal.
Lea hebt verschlafen ab.
"Wo warst du gestern?! Du wolltest doch zu mir kommen..!"
"Es ging nicht."
"WIESO GING ES DENN NICHT?"
"Weil ich aus der Beziehung raus will! ICH WILL NICHT MEHR!"
Meine Stimme schnappt über.
"IST DER TYP DA?"
"Ja", sagt sie. "Er ist hier."
"Du hast es mir doch versprochen, dass wir es noch mal versuchen! DU HAST ES MIR DOCH VERSPROCHEN!!"
Lea seufzt.
"Ich weiss. Aber ich kann nicht."
"WIESO HAST DU ES DANN GESAGT?!"
"Weil du mich so gequält hast.."

Ich raste aus. Erkenn mich selbst nicht wieder.
Beschimpfe sie.
Sie legt auf.

Ich stapfe zurück durch den Schnee. Cobra macht mir die Tür auf.
"Ich muss mit dir reden", sag ich.
Wir holen Bier am Kiosk und fahren mit dem Bus zu mir.
Wir verstehen uns plötzlich. Gleiche Wellenlänge. Ich spiele ihr sogar Jonathan Richman vor.
Sie muss lachen.
"Was ist das denn für einer?"
"Na, der sitzt am Rand vom Sandkasten und sucht sein Förmchen."
Er gefällt ihr. Ich interessiere sie. Schade, dass ihre Titten so gross sind.

Am nächsten Mittag geht Cobra nach Hause und ich ins Mumms. Karlos ist auch da und legt den Leuten die Karten. Hat er gestern erfunden. Mir prophezeit er, dass ich immer Checkerei haben werde mit der Herz Dame. Na so was.
Abends ist Cobra wieder da. Die Karo Dame.

"Flüchtige Liebschaft", flüstert sie.
"Du hast mich verwirrt", sagt sie.
Karlos ordert Tequila und entwickelt das Kartenlegen weiter.
"Kreuz As und Pik As gibt Mofaführerschein."
Cobra erzählt, dass sie schon mal fünf Seiten lang ICH BIN STARK geschrieben habe. Danach sei sie zusammengeklappt.
Pik Sieben ist die geheime Triebkarte. Die paraintuitive Kraft.
"Liebe ist nicht alles", tröstet mich Cobra.

Ich bin geknickt. Geschlaucht. Die ganze Sauferei. Und immer wieder Lea.
Cobra schleppt Tequila an. Tequila baut auf.
"Liebe ist nur Spinnerei im Kopf", sagt sie.
Zitronenscheiben rutschen unter den Tisch.
Kreuz Zehn bedeutet: Entziehungskur. Folgt darauf die Herz Zehn, wird man: rückfällig.
"Heut bin ich in dich verknallt", summt Cobra in mein Ohr, "und morgen ist alles wieder vorbei. Lass uns noch was trinken."
Der nächste Tequila. Endzeithunger. Mad dog days.

Zwei dunkelhäutige Frauen setzen sich an unseren Tisch. Eine sieht aus wie eine adelige Brasilianerin.
"Du hast schöne Augen", sagt sie zu mir.
Karlos legt ihr die Zukunft. Verlegen stehe ich daneben und überlege, wie ich sie anbaggern könnte, doch andauernd drängelt sich ihre Freundin dazwischen und funkelt mich böse an.
"Mein Zug ist abgefahren", schreibt Cobra in mein Notizbuch, das offen auf dem Tisch liegt. Ich hol das nächste Tablett Bier und wende mich Karlos zu.

"Ich weiss überhaupt nicht mehr was Trumpf ist.." sag ich.
Sturzbesoffen redet er auf mich ein.
"Ich hab lang nicht mehr so an dich geglaubt wie jetzt. Du hast soviel Möglichkeiten, du wirst es schaffen. Du musst nur schreiben.. dann wirst du es schaffen."
Was schaffen? Ich hänge an seinen Lippen.

Samstagmorgen werd ich früh wach.
Detonierter Bauch.
Vollrauschnerven.
Das Klingeln des Telefons aus der Nachbarwohnung bohrt sich in meinem Gehörgang fest.
Ich hol mir einen runter.
Zünde mir eine Marlboro an. Die erste von den nächsten Tausend.
Draussen regnet es. Tauwetter.


*
Samstagmittag. Ich geh zu meinen Eltern rüber zum Essen.
Beim Nachtisch erzählt meine Mutter eine Geschichte aus meiner Kindheit, und wie sie so erzählt, ist es mir, als lüfte sich ein Schleier und dahinter taucht der Kern auf, der Kern von mir.

Vage erinnere ich mich daran, dass ich bis zum siebten Lebensjahr Nacht für Nacht ins Bett meiner Eltern kletterte, auf die Seite meiner Mutter, und dort blieb bis zum Morgengrauen.

"Ich hab schon ganz automatisch die Bettdecke angehoben wenn ich deine leisen Schritte hörte, und schon kamst du angekrabbelt und schmiegtest dich an mich."

Dann, 1967, die Beatles waren gut im Geschäft und die Doors beschlossen, nicht nur eine Million sondern zehn Millionen Dollar zu machen, wurde mein Bruder geboren. Es war im Jahr der Ziege.

Ein Dezemberabend, als das Telefon ging. Ich war mit meiner großen Schwester allein zu Hause, sie hob den Hörer ab.
Mein Vater war dran, er rief aus dem Krankenhaus an.
Mutter hatte ihr drittes Kind geboren.

"Was?! Ein Junge..?" rief meine Schwester entsetzt, und ich rannte jubelnd durch die Wohnung an der Hasseldelle, von Zimmer zu Zimmer, im Schlafanzug.
"Ich hab einen Bruder! Ja! Einen Bruder! Ich hab einen Bruder!!"

Was ich nicht wissen konnte, worüber ich aber sehr bald Bescheid kriegen sollte: Der Platz im Bett, an der Seite meiner Mutter, war fortan belegt.
Mein kleiner Bruder beanspruchte nun den Thron an ihrem Busen.

"Die ersten Nächte bist du trotzdem zu mir gekommen, aber es war zu eng. Es ging einfach nicht. Ich.. musste dich abweisen."
Bedauern klingt durch, bei einem Schälchen Joghurt mit Schokoraspeln, Bedauern, dass sie mich nicht darauf vorbereitet hatte.

"Es war ein Schock für dich. Ich weiß nicht, wie oft du nachts schreiend wach wurdest, im Albtraum, mit Schaum vorm Mund."
"Schaum vorm Mund?"
"Ja. Es quoll regelrecht aus dir heraus.."

Wie sie so erzählte, spürte ich in mir das Kitzeln einer tiefen Erinnerung, auch wenn es mehr ein Kitzeln war als ein tatsächliches Bild vor Augen.

Immerhin, nun war klar, warum ich so heftig reagierte, wenn eine Frau fort ging, die ich liebte, eine Frau mich verließ mit ihrem Busen.

"Und warum du so viel Bier trinkst, Andreas", meint Karlos mit trocken erhobenem Zeigefinger, als ich ihm Bericht erstatte, am Tresen im Mumms, mit Schaum am Pils-Glas, auch bekannt als: Blume.
23.12.08 16:54


Kacken, bellen, laufen

Roswitha im Wald getroffen, mit Shiva, ihrer devoten dünnen Hündin.
Ob Roswitha wirklich Roswitha heißt, wir wissen es nicht, aber sie sieht aus wie Roswitha, und sie hat immer schlechte Laune. Sie ist voller Zorn. Sie fühlt sich betrogen. Sie glaubt, ihr Leben wäre anders verlaufen, hätte sie jemals eine Chance erhalten, oder wenigstens eine zweite.

Ihre Augen liegen tief in den Höhlen, wie eine Eule, grade vom Baum gestiegen, stiert sie mich an, an diesem frühen Morgen im Dezember, als sie mit Schaum vorm rissigen Mund von den Sheriffs vom Ordnungsamt erzählt, die sie ertappt haben, als Shiva nicht angeleint war. Fünfundzwanzig Euro Strafe, bar zu berappen.

Was sind fünfundzwanzig Euro in einem Land, das kein Land ist für Verliererinnen, in einer Welt, die keine Welt ist für Verliererinnen, auf einer Milchstraße, die keine Milchstraße ist für Verliererinnen. Wo Siegerinnen gerne oben schwimmen und tote Frau spielen, damit keine Verliererin rankommt.
"Fünf-und-zwanzig Euro!" rupft Roswitha die Zahl empört auseinander.

Die Sache mit dem Ordnungsamt hat Roswitha bereits zweimal der Gräfin erzählt, mit Schaum vorm rissigen Mund, was wiederum die Gräfin mir erzählt hat. Ich weiß also Bescheid, tue aber so, als wüsste ich nicht Bescheid, damit Roswitha was zu erzählen hat, was zum abladen, wir brauchen alle hin und wieder jemanden zum abladen, drei Tage hintereinander oder ein Leben lang.
Ich bin eine fröhliche Müllhalde, als ich weiter ziehe.


*
Immer das gleiche.
Wenn Frau Moll in der kleinen überhitzten Lottobude ihr Leckerchen in Empfang nimmt, beißt sie fast in die Finger, die sie füttern. Die beiden Damen von der Lottoannahmestelle müssen schon fix sein, wollen sie auch nach der Fütterung Lottoscheine in den deutschen Lottokreislauf einspeisen, per Hand.

Während Frau Moll ihren Ruf als die "Schnapperin" weg hat, ist der dicke Akku als "Sabberer" verrufen.
Akku, zwölf Jahre alt, erinnert an eine lahm gewordene Fleischwurst mit reichlich Pelle, doch kaum ist er an der Reihe, sein Leckerchen entgegen zu nehmen, das in dieser tierfreundlichen Filiale jedem Hund zusteht, sprudelt ihm die Vorfreude dermaßen heftig aus der Schnauze, dass sich unter ihm eine Pfütze bilden würde, wären da nicht die Damen, von denen die eine schon mit dem feuchten Aufnehmer parat steht und die andere plappernd in die Leckerchen-Box greift, "hach, nee, wir hatten früher auch einen Hund, den Bobby."


*
Das waren noch Zeiten, als Hunde so liebevolle ruhige Namen hatten wie Bobby, Bella oder Benny. Nicht so wie heute, wo die Viecher Akku heißen, Siemens, oder Stick. Kann natürlich auch sein, dass Herrchen vermehrt mit dem Laptop Gassi gehn.


*
Hunde geben immer alles, sie können nicht anders, das ist ihr Wesen. Und wer lange unter Menschen war und kommt heim, dem zeigt der Hund, was wirklich wichtig ist im Leben: Kacken. Bellen. Laufen.


*
Zum Schluß noch ein Makel, der mich eine Weile begleiten wird,
eine unentschuldbare Tat.

Als ich in der Nacht am Tisch sitze und die Tastatur behacke, löst sich durch die Vibration eine Kippe im Aschenbecher, macht sich selbständig und fällt runter, genau auf die Fernbedienung des Fernsehers. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen, hätte ich sofort reagiert, doch vor lauter Gehacke und Strudel & Sog in meinem Schädel krieg ich es erst mit, da hat sich schon eine bräunliche Kerbe eingeschmolzen in die Fernbedienung, gleich oberhalb des Lautstärkereglers.

Und so werd ich wohl für ne lange Zeit an diese durchhackte Nacht Ende 08 erinnert werden, jedes Mal, wenn ich BRINGT MIR DEN KOPF VON RANDOLPH STUTTGARD lauter drehen will oder irgendeinen anderen schönen ZACK!-BUMM!-HAU!-REIN!-Film zum Mitsingen.


*
Was ich vergaß zu sagen (in 08): Ob nun jemand ein Marihuana-Schlitzohr ist oder ein Drogenarschloch, alles Ansichtssache, um 6 vor zwölf.


*
Alles gut. Ich hol Euch nächstes Jahr hier ab.
31.12.08 23:54


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