Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
  Startseite
  Über...
  Datenschutz
  Impressum
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   
   Wer war 500beine
   Glumm auf Wordpress
   Susanne Eggerts Citronenbusen
   Blogroll
   Twitter 500beine

kostenloser Counter



https://myblog.de/500beine

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Sechs Herrengedecke und ein Sessel aus Plüsch

Ein Buch steht zum Verkauf, ab dem 10. November! Wenn die Sonne schön niedrig steht und beim Lesen die Tränen vor Lachen in den Himmel schießen! Super Sache! 6 joggende Blogger und 1 Bloggerin auf 320 rasanten Seiten!

Trailer:



Autoren:
der grob, Erdge Schoss, Frau von Welt, MC Winkel, Nachrichten aus Absurdistan, Taubenvergrämer, 500beine.

Geordert werden kann "Sechs Herrengedecke und ein Sessel aus Plüsch" inklusive knalligem Cover, 320 Seiten, 7 Fotos, für 15 € (zuzügl. 2 € Versand) bei Frau von Welt.
4.11.08 12:11


Transportschaden

Als ich wach werde, nicht vor Mittag, ist sie verschwunden, nur ihre Freundin liegt neben mir, tief in den Decken und Kissen versunken.
Sie schnarcht immer noch, sie hat die ganze Nacht geschnarcht, doch nun klingt es wie unter Wasser.
Ein Schnorcheln.

Ich warte, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, dann raff ich meine Klamotten zusammen und geh nach nebenan, ins Wohnzimmer.

Von der tagelangen Sauferei bin ich nicht mal mehr verkatert, ich bin einfach nur platt. Leer. Grau. Jemand hüstelt. Der Schuss.
Die Beine angezogen hockt sie auf dem Ledersofa und stiert durch die mächtigen Panoramafenster in den Garten. Sie trägt einen schwarzen Slip, ein schwarzes Spitzenhemdchen.
Sie raucht. Es nieselt. Es ist still. Trostlos. Nur das Ticken einer Uhr ist zu hören, von irgendwoher.

Ich zieh mich an, sie guckt mir dabei zu, ungeniert, rauchend. Ich hab Mühe mit den Strümpfen. Ob sie erwartet, dass ich ihn noch mal reinstecke?
Jetzt hab ich die Strümpfe schon an.
"Termin?" fragt sie der Ordnung halber.
Ich nicke und murmle irgendwas.
Wir geben uns ein Küsschen.

Draußen versuch ich mich zu orientieren. Ich bin in der gleichen Gegend wie tags zuvor, als ich bei der Unordentlichen gelandet bin, doch wo genau, keine Ahnung.
Ich blick da manchmal nicht mehr durch, was ist Gegenwart, wo Vergangenheit, alles gerät durcheinander, das Jetzt ist immer nur Transport, wo bin ich. Es macht mir zu schaffen. Dass fast schon Zukunft ist, was immer man auch tut.

Ich biege in einen Heckenweg ein, der mir bekannt vorkommt. Er mündet in eine Parkanlage. Stiehl's Teich.. Stiehl's Teich?! Ich gackere. Da bin ich in 25 Jahren nicht ein einziges hier gewesen am westlichen Arsch der Stadt, jetzt an zwei verkaterten Morgenden hintereinander. Meine Nase blutet. Transportschaden.

Eine Joggerin kommt mir entgegen, knackiger Hintern, federnder Laufstil: Das Glück in zwanzig Schrittfolgen. Nur im Gesicht sieht sie aus, als würde sie lieber poppen.

Vom Rest-Alkohol befeuert male ich mir aus, wie ich sie ins Gebüsch schubse, wie ich sie kurz und heftig von hinten nehme, die Jogginghose reißt während ich Blut rotzend durch den Park stiefle, die Arme verschränkt und dem verärgerten Blick eines Anglers standhaltend, der auf einem Steg am Fischteich hockt, in einem grün glänzenden Regencape. Er ist scharf auf stillen Fisch. Der das Maul hält.

Stunde später bin ich zu Hause. Karlos ist ausnahmsweise da. In Unterhose und grünem OP-Hemd stochert er im Kohleofen, als ich reinkomme.
"Da schau her", sag ich, "das Kripogesicht."
"Herr Geheimrat", antwortet er. "Tässchen Mocca?"

Wir trinken Kaffee. Er ist erkältet. Wir brauchen neue Briketts. Das Telefon klingelt. Babsi, das Burgfräulein. Ob ich ihre Kreditkarte gefunden habe.
"Nein", sag ich.
Ob ich was dagegen hätte, wenn sie am Nachmittag vorbei käme.
"Nein", sag ich.
"Was denn jetzt? Ja oder nein?"
Ich weiß nicht. Ich hab doch einen Kater. Ich hab Blut gerotzt im Park.
"Ja", sag ich. "Komm."

Karlos grinst, als ich ihm davon erzähle.
"Kreditkarte liegen lassen", prustet er.
Wieso prustet er?
"Na, glaubst du im Ernst, die hat hier ihre Kreditkarte vergessen? Die braucht nur einen Grund, um hier anzurufen."
"Quatsch. Die ruft auch so an."
"Aber nicht in letzter Zeit. Die weiß doch gar nicht mehr, was Sache ist."
"Da ist auch nichts.. Sache."
"Na, eben."

Er hat recht. Was für mich bloße Spielerei ist, scheint für sie mehr zu sein. Sonst würde sie nicht so komische Fragen stellen. Was ich gerade denke. Ob ich sie gern habe. Wo ihre Kreditkarte sei. Warum ich so wenig rede. "Mit Karlos hast du doch andauernd was zu bequatschen."

Karlos und ich sind ja auch Freundinnen.

Ich häng mich mit dem neuen Stern in die Badewanne. Wenn das Wasser kalt wird, lasse ich heißes Wasser nachlaufen. Nach zwei Stunden löst sich meine Haut allmählich auf, ich bin eine eingeweichte alte Tapete.
"Eh, Glumm!" ruft Karlos. "Ich muss aufs Scheißhaus! Dringend!"
Ruckzuck bin ich draußen, tropfnass.

Ich hacke ein paar Absätze in die schwarze alte Dame, die Continental aus den vierziger Jahren, die einen infernalischen Eisenlärm veranstaltet beim Tippen, beim HACKEN, und dann kommt sie auch schon, die blonde Barbara. Sie trägt heute Zöpfchen.

Mit dem Rücken zur Wand lümmeln wir auf meinem Bett, erzählen uns Unwichtiges. Die Küsse sind klein und zart, überhaupt ist alles sehr unschuldig, und niedlich.
"Ich hab Lust auf Popcorn", sagt Babsi und wir beschließen, uns einen Film anzusehen.
7-Uhr-Vorstellung im Keller, dem Programmkino auf der Schützenstrasse. "Rote Küsse", eine Liebesgeschichte. Wir sind die einzigen Besucher.

Weil ich den ganzen Tag nichts gegessen hab, gehen wir anschließend zum Chinesen. Ich nehm Ente süß-sauer, sie Schweinefleisch.
"Rindfleisch ist mir zu glitschig", sagt sie.
Sie isst mit Stäbchen, nicht ungeschickt.

Weil wir uns nichts zu erzählen haben, schielen wir zum Nachbartisch rüber, wo eine eingedeutschte chinesische Kleinfamilie mit Messer und Gabel speist. Der Sohnemann verwechselt Sojasauce mit Maggi, und als die Familie aufbricht, deutet er auf das Aquarium und fragt, ob die Fische darin eines Tages so groß sind wie das Aquarium und ob es dann platzt und wohin das Wasser läuft.

Na, da haben wir zwei Hübschen endlich was zum schmunzeln, die blonde Barbara und ich. Anschließend lade ich sie auf ihre Aufforderung hin zu mir auf einen Kaffee ein, sie nimmt an und bleibt über Nacht.
Der Alkohol besetzt immer noch mein Blut, ich krieg ihn kaum hoch, wir einigen uns darauf, Silvester zusammen zu feiern.

Am nächsten Morgen bin ich sofort in ihr drin. Sie hat eine so rosige, gesunde Gesichtsfarbe, dass ich denke, ich stoße ein Burgfräulein, und ich bin der Kerkermeister.


*
"Der Stift ist super! Man weiß nie genau, was passiert!"
4.11.08 14:55


5.11.08 11:03


Silvester

31.12. 86

Mittags geht das Burgfräulein nach Hause und ich ins Mumms, das an Silvester ein Trinkaus veranstaltet: Zu jeder vollen Stunde wird ein Gong geschlagen und das Bier einen Groschen billiger, solange, bis die angeschlagenen Fässer leer sind, dann ist Feierabend.

Ziemlich albern das ganze, aber die Leute saufen, als wäre es das letzte, was sie jemals zu saufen kriegen.
Na schön, was das Mumms betrifft, stimmt das ja auch, für dieses Jahr.

Wenn gegen vier Uhr der letzte Nösel Kölsch aus dem Hahn gelaufen ist und Alt und Pils schon lange weg sind, bleibt zum Schluß nur noch Guiness vom Fass und alles ist am Kotzen.

Die Atmosphäre ist dieses Jahr übel unterkühlt. Selbst draußen auf dem Bürgersteig, wo wegen des Andrangs zusätzliche Bierwagen aufgestellt sind und das blaue Dixie-Klo Olympus, kommt nur schleppend Stimmung auf.

Im Gedränge entdecke ich Karlos, er hat sich einen Platz am Tresen erkämpft. Ich wühle mich zu ihm durch. An seiner Schulter lehnt ein Besoffener mit Nickelbrille. Er pennt im Stehen. Typischer Fall von zu schnell zu früh zu viel.

"Na Karlos", ruf ich, "hast du dein neues Haustier mitgebracht? Ein schönes Vieh!"
Der Bursche schnellt hoch, richtet seine verrutschte Nickelbrille und taucht rudernd in der Menge unter.
"Na also", meint Karlos, "wird auch Zeit."

Er ist seit zwölf Uhr hier und schon reichlich abgefüllt. Er glüht im Gesicht, als habe er Himbeeren direkt vom Strauch gefressen.
Saftige Himbeeren.
"Schon was aufgetan?" frag ich.
"Ja, hier, ne Ecke Libanesen."
Er zeigt mir einen Brösel.
"Nee, ich meine ne Fete."
"Nee, ist mir auch schnuppe. Mit dem Brösel lass ich das verschissene Jahr genauso ausblenden wie es war: Mit der Purpfeife vor der Buntkiste."

Außerdem muss er morgen früh raus, seinen Vater vertreten. Der ist Küster an der evangelischen Stadtkirche und verreist, also ist Karlos für den Neujahrs-Gottesdienst verantwortlich. Für Gesangsbücher auslegen, Kollekte einsammeln.
"Scheiße, irgendein Schwein muss doch ne Fete machen."
Karlos zuckt nur die Schulter.

Es ist wie verhext. Die Karten für die Silvester-Parties in den Szenekneipen sind längst vergriffen und die einzig mir bekannte Groß-Fete organisiert ausgerechnet mein alter neureicher Intimfeind Von den Steinen, ein Wuschelkopf mit häßlicher Knollennase.

Wir sind jahrelang in dieselbe Schulklasse gegangen, aber er hat mir bis heute nicht verziehen, dass ich jeden Morgen gegen seinen Porsche gerotzt hab. Nicht weil er Porsche fuhr, sondern weil er schon Ende der 70er Jahre ein gottverdammter Popper war.

Popper sind die Leute, die zwei Mal im Monat einen trinken gehen, danach gegen einen Baum fahren und mit absolut heiler Haut aus dem Wrack gekrochen kommen, mit Aktenköfferchen, Kaschmir-Schal und Föhnfrisur: Anstatt einen Heldentod zu sterben. So was kann man nur hassen.
Ich überwinde mich trotzdem und drängle mich zu ihm durch.

"Eh, Glumm!" ruft der kleine Paco mit der schrillen Stimme aus der Ecke, wo der Flipperautomat steht, "ich krieg noch Kohle von dir!", aber es dröhnt gerade das unvermeidliche "Marmor, Stein und Eisen bricht" aus den Boxen, ich versteh keinen Ton.

Ich frag die Knollennase, ob er was dagegen hätte, wenn ich heut Abend auf seiner Fete auftauchen würde, in Begleitung einer Frau.
"Darauf haben mich heute schon tausend Leute angesprochen", antwortet er, nicht unfreundlich übrigens, "denen hab ich auch schon absagen müssen. Wir haben nur für sechzig Leute zu fressen und zu saufen eingekauft, und es sind jetzt schon mehr. Tut mir leid. Geht nicht."

Schön, Pech gehabt, ich hake erst gar nicht nach, die Bettelei ist mir zuwider. Dass ich das überhaupt probiert hab liegt nur an der Vorstellung, Silvester mit dem Burgfräulein und Karlos vor der Glotze verbringen zu müssen. Keine schöne Vorstellung.

Nachhauseweg. Die ganze Oststraße runter tritt Karlos den vorüber fahrenden Wagen hinterher, und ein Mal trifft er sogar den Kofferraum.
Der Escortfahrer bremst ab, sieht im Rückspiegel einen Choleriker, der wirres Zeug schreit und scheinbar in einen Himbeerstrauch gestürzt ist, da gibt er Gas.

Ich hab Karlos selten so aggressiv erlebt. Er kickt gegen am Straßenrand parkende Autos, "ihr verdammten Arschkisten!", er läuft pinkelnd um eine Litfass-Säule herum, damit es auch ja jeder sieht.

In der griechischen Fetthalle an der Wupperstraße versorgen wir uns mit einer 2-Liter-Bombe zuckersüßen Likörwein.

Kaum zu Hause, schmeißt sich Karlos vor die Glotze und stopft die erste Purpfeife des Abends. Es ist halb acht. Um acht will das Burgfräulein kommen. Ich krieg langsam schlechte Laune. Denke an Flucht. Doch wohin? Mumms hat dicht, mit Party ist Essig.
Ich höre die Enten lachen im nahen Park.

"Was ist mit Schore?" frag ich Karlos. "Keinen Bock?"
Er guckt mich an, als würde er gleich wieder um sich treten.
"Ruf an."
Schön, aber wen? Ich probiere es mit Fleschmüller. Vielleicht haben wir Glück und er ist da. Er ist da. Ob er ein Pack da habe, für uns zwei Hübschen.

"Wer isn da?"
"Ich."
"Wer isn ich?"
"Locke", sag ich.
"Locke..?" Moment Stille. Dann ein Lacher.
"Ich komm vorbei, Riemen. Halbe Stunde."

Dauert keine zehn Minuten, schon fährt Fleschmüller vor.
"Riemen, ich bin nur am Liefern. Jeder will auf den letzten Drücker noch was klarmachen."
Keine Ahnung, warum er mich Riemen nennt. Er hat mich immer Riemen genannt. Und Karlos den Puppenspieler. Weiß der Kuckuck, warum. Ist auch egal. Die Menge geht in Ordnung für einen Fuffie, Karlos und ich ziehen jeder eine fette Line vom Spiegel.

Das Burgfräulein kommt pünktlich um acht mit einer Flasche Moselwein. Sie steht da wie die Unschuld vom Lande, frisch geduscht, duftend, während Karlos und ich immer bräsiger werden. Das Pulver steigt auf die Knochen und die Kifferei tut ihr übriges.

Sie hat natürlich keinen Schimmer, was wir drin haben, wundert sich aber, warum wir so wenig trinken.
"So kenn ich euch ja gar nicht."

Wir schalten einen Louis de Funes-Schinken ein, der ist aber nicht lustig. Auf dem Küchentisch machen wir Platz für eine Partie Malefiz, die sich bis weit nach Mitternacht streckt.
Als um zwölf das Feuerwerk startet, bin ich gerade mit dem Würfeln an der Reihe. Den Kopf müde aufgestützt murmle ich "ein frohes neues", Karlos reagiert überhaupt nicht, das Burgfräulein knufft mich freundlich in die Seite.

In einem kurzen Anfall von Übermut reiss ich das Fenster auf, "He! Nich son Lärm da draußen, ich ruf die Bullen! Ruhestörung!", dann werf ich den obligatorischen China-Kracher in den Hinterhof.
Bevor er auf dem feuchten Rasen landet, ist die Zündschnur schon erloschen.
"Verreck doch", brüllt Karlos dem Knaller hinterher, Echos von Raketen peitschen durch die Siedlung.

Um halb eins zeigt die ARD einen Monty Python-Film, und Karlos kocht einen Riesenpott Spaghetti. Als der Film aus ist, verzieht er sich in sein Zimmer, und das Burgfräulein und ich in meins.
Langsamer, gut durchbluteter Heroinfick. Der beste Start ins neue Jahr seit langem.
7.11.08 18:12


Das Blut der Nacht

17. Mai 94.

Kein Wochentag ist schlimmer als der Montag. Entweder es beginnt meine Nachtschichtwoche und ich muss die nächsten sieben Nächte im Hotel abhängen, oder aber die sieben Nächte sind gerade um und es wartet der erste freie Abend auf mich. Das ist dann mein Absturz-Montag. Auch keine schöne Sache.

Ich steh etwas früher auf an diesem Montag, weil wir Karten für die Kindertheater-Premiere haben. Karlos spielt einen Hallodri, der mit seinem Kompagnon eine Würstchenbude mitten im Wald eröffnet. Eine spritzige Geschichte, in der Karlos sehr entspannt einen Riesendummkopf gibt.
Es macht Spaß, ihm dabei zuzusehen.

Nachdem ich ihm kurz in der Maske gratuliere, verschwinde ich in die Kneipe.
Es ist ja Montag.
"Sauf nicht soviel", warnt die Gräfin noch und geht nach Hause. Sie kennt meine Montage zur Genüge, das muss sie nicht mehr haben.

Heute lass ich es besonders schnell angehen. Ich saufe wie ein Loch. Irgendwann im Laufe des Abends steuert jemand auf mich zu, den ich lange nicht mehr gesehen hab. Ich weiß nicht mal mehr, wie er heißt. Blödmann wahrscheinlich.

"Hör mal", flüstert er zur Begrüßung, "ich hab hier ein eins a Stöffchen, das musst du probieren."
Was soll ich da sagen? Besoffen und immer auf der Suche nach dem Kick, der noch breiter macht?
Ich versuche es mit: "Dann lass uns mal hier verschwinden."

In seinem stinkigen kleinen Honda Civic drehen wir eine Runde um den Block. Ich hab noch einen Fuffie auf der Tasche. Weil er keine Aluminiumfolie dabei hat, von der ich die Schore rauchen könnte, zieh ich das Pulver durch die Nase. Das halbe Pack. In einem Haps.

"Und sonst so?" fragt der Kerl ohne Namen.
"Was sonst so?"
"Na, was weiß ich. Ob du einen Job hast.."
"Ich mach Nachtdienst. Im Hotel."
"Was denn? Immer noch? Derselbe Job?!"

Als Zugabe streut er mir eine kleine Strasse auf die aktuelle PENTHOUSE-Ausgabe, die ich gierig vom Hochglanzpapier sniefe.

"Das ist bestimmt psychisch bedingt", meint er noch, als er mich vor der Kneipe wieder raus läßt, und ich hab zwar keine Ahnung, was er damit meint, finde aber, dass er Recht hat und lass den Satz so stehen. Unkommentiert.

Wieder am Tresen setzt meine Erinnerung aus. Zwei Nasen auf zwanzig Bier, das tut Wirkung. Ich weiß nur noch, dass Karlos plötzlich da ist und ich ihm mindestens drei Mal hintereinander hoch erfreut versichere, "wir können uns gleich noch einen blowen.."

Am nächsten Morgen werd ich bei Karlos wach. Sandy, seine Freundin, ist auf einer Messe in Nürnberg, deshalb ist genug Platz in seinem Bett. Mir ist speiübel. Mein ganzes Gesicht ist knallrot. Überall geplatzte Adern, bis zum Haaransatz. Als hätte ich Essig gespritzt.

Karlos berichtet, dass wir uns nach der Sperrstunde in seinen Wagen gesetzt haben und ich mir noch eine dicke Nase gemacht hab.
"Junge, tu dir nicht soviel drauf!" hat er mich noch gewarnt, aber ich hab nur abgewunken. Und dann muss ich für mindestens zwanzig Minuten das Bewusstsein verloren haben.

"Dein Atem ging ganz flach, und ich hab deine Augenlider hoch geschoben, aber da war nur noch das Weiße zu sehen. Ich hab auf dich eingeprügelt, ich hab dir in die Nase geblasen, ich hab voll die Panik gekriegt."

Zunächst wollte er mich in die Notfallaufnahme bringen, ist dann aber in der letzten Sekunde Richtung Gräfin abgebogen.
"Ich dachte, vielleicht kriegt die dich wach."
Just in den Moment, als wir vor unserer Tür parkten, hab ich die Augen aufgemacht.
"Mann, lass mich in Ruh, Karlos..!"

Wie das so ist, wenn man eine Weile durchgerüttelt wurde, wenn man Ohrfeigen kassiert und Reanimation genossen hat. Dann ist man nämlich erstmal sauer. Dass man aus seinem Rausch geholt wird.
"Aber blau angelaufen bin ich nicht?"
"Nee", meint Karlos.

(Eins hab ich ganz vergessen ihn zu fragen. Was das für ein Gefühl ist, wenn auf dem Beifahrersitz der beste Kumpel den Löffel abzugeben droht.)

Nachdem er von dem Absturz erzählt hat, lauf ich zum Klo und kotze Blut. Erst denk ich, das wäre vielleicht Kaffee, was da in die Kloschüssel platscht, aber ich hab noch gar keinen Kaffee getrunken.

Als ich mir die sämige Brühe näher angucke, muss ich gleich noch mal kotzen, tief aus dem Inneren meines Körpers heraus.
Das Blut der Nacht.

Na super. Vierzehn Tage lang war ich clean gewesen, hab die Finger vom Pulver gelassen. Hab keine Heroinbriefchen zu Hause versteckt wie winzige Hardcore-Magazine. Hab keine böse Telefonnummer gewählt. Aber mit welchem Ergebnis? Kaum bietet sich die erstbeste Gelegenheit, schmiere ich dermaßen ab, dass mir der Tod die Klinke in die Hand drückt. Zum Probieren.
"Du, fass mal hier an."

Weil ich niemals satt werde. Weil ich immer mehr will. Weil dieses "Immer mehr" aber irgendwann nicht mehr serviert wird, nicht in dieser Welt..

Dabei hätten es zwanzig Bier auch getan. Aber erzähle das mal deiner Seele, wenn die abends den Tresen nach Euphorie absucht und dann kommt einer ohne Namen rein und flüstert was von einem Bombenstöffchen und du hast noch fünfzig Mark auf der Tasche: DEN TARIF..!

Zwei fette Brandblasen hab ich mir geholt. Sie heilen schlecht. Am Mittel-und am Zeigefinger der rechten Hand. Dazwischen hat die Zigarette gelegen, die bis auf die Haut niedergebrannt ist als ich bewusstlos in Karlos Wagen gesessen hab.

Bewusstlos scheint überhaupt mein Wort zu sein. Meine aktuelle Zustandsmeldung. Gestern nämlich, ich hab der Gräfin von dem Vorfall noch nichts erzählt, (außer natürlich, dass ich in der Nacht bei Karlos gelandet bin), brüllt sie mich während eines Streits an, ich wäre in letzter Zeit richtig bewusstlos geworden, meiner Umwelt gegenüber.

"Pass auf, dass du nicht eines Tages ins Koma fällst!"



*
Stiefelwetter.
12.11.08 10:46


Der bergische Klippenwolf

Ihr Fell ist so wuschelig geworden, man weiß manchmal nicht mehr, wo ist hinten bei dem Hund, wo fängt vorne an. Besonders im Dunkeln keine leichte Angelegenheit. Einmal hab ich Frau Moll liebevoll das Köpfchen getätschelt, jedenfalls dachte ich das, dabei war ich längst tief in ihrem Hintern drin. "Das Vieh muss zum Frisör!" rief ich bitter enttäuscht.

*
Wäre ich darauf angewiesen, ich könnte die Uhr danach stellen: 10 Tage nach Beendigung ihrer Hitze gerät Frau Moll in eine schwere Depression. Sie schleicht hinter einem her wie ein Kombüsenmädchen, das die Nase gestrichen voll hat vom Landgang. Das endlich wieder hinaus will aufs offene Meer, mit angehobenem Kombüsenröckchen.

*
Ein Hund hat keine Vorstellung von seinem Körper. Für ihn endet der eigene Körper ungefähr in der Mitte. Wenn er zum Beispiel einen fahren läßt, tut er so, als ginge ihn das gar nichts an, was dahinten vor sich geht:
"Ich wohn hier vorne!"

*
Sie hat mal wieder zugelangt wie ein Scheunendrescher, wir dachten schon, die geht gleich k.o. vor lauter Fresserei, doch dann dauert es keine fünf Minuten, da steht sie wieder vorm Napf, ein bisschen wackelig vielleicht, nach Leckerchen quengelnd.

*
Im Dezember wird sie fünf. Als sie noch ein Welpe war mit rabenschwarzem Fell und Kupferkinn, schubberte immer mein Herz, wenn ich sie beim Toben beobachtete. Sie sah aus wie eine übermütige Gouvernante. Da wusste ich, ich liebe einen Hund.

*
Wenn wir beim Essen beieinander sitzen, hockt Frau Moll aufmerksam unterm Tisch wie die Chefsekretärin höchstpersönlich. An ihr kommt kein Krumen unangemeldet vorbei. Alles, was in ihren Hoheitsbereich fällt, rauscht gleich weiter in ihre Schnauze, ohne große Prüfung. Sie schlingt einfach alles runter. Vor allem an Tagen wie heute, wo wir nah am Teller gebaut haben.

*
Zum Geburtstag werde ich Frau Moll einen Ball werfen, und von der Gräfin bekommt sie eine schöne Schüssel Grünen Pansen gereicht.
"Kontrollierte Abgabe von Stink", wie sie das nennt.



*
Weil ich es leid bin, die ellenlange Straßenkötermischung runterzuleiern, von der Frau Moll abstammt, beantworte ich die Rassenfrage neuerdings mit "Bergischer Klippenwolf". Funktioniert.

*
Beim ausgiebigen Sonntags-Frühstück liegt der Klippenwolf still unterm Tisch. Keinen Mucks hören wir von ihm. Bis die Gräfin das Thema "wie man ordentlich kaut" anschneidet. Sie hat gelesen, dass man jeden Bissen mindestens 40mal kauen soll bis man ihn dann als Brei runterschluckt. Nicht nur wegen der besseren Verdauung, auch wegen des Geschmacks, der sich erst nach 40maligem Durchkauen in seiner ganzen Fülle eröffnet. Und genau in diesem Moment stöhnt Frau Moll ein Mal kurz und energisch auf, als wolle sie sagen: "SO EIN STUSS!!"

*
Hunde haben einen Nachteil: Diskutieren kann man mit ihnen nicht.
"Ich würde gern mal die Argumente meines Hundes hören", meint die Gräfin. "Vielleicht kann er mich ja überzeugen."
Zum Beispiel, dass Kuhfladen eine Delikatesse sind, an der man nicht achtlos vorübergehen sollte. Oder dass 50stündiges Gassigehen in keinem Fall jemals schadet.

*
Bäume, Büsche, Dickicht - für einen Hund ein turbulenter Kriminalfilm. Da werden Geruchsproben genommen und gespeichert. Der Tatort wird abgeriegelt mit einem flirrenden Band aus Eigenurin. Indizien werden verschleppt und sorgsam an anderer Stelle verbuddelt.
Dabei liegt nicht einmal eine Anzeige vor. Kein Raub, kein Diebstahl, nicht mal ein Mord oder ein Hundebiss.
Die 160 Geruchsproben werden rein auf Verdacht genommen. Zur Not kann man ja alles in der Nacht verträumen.

*
Yes!
12.11.08 13:13


Das neue Jahr

1987 beginnt gleich mit einem Rekord: Als das Burgfräulein und ich wach werden, ist es 16 Uhr und fast schon dunkel. Wir vertrödeln den restlichen Tag im Bett, wagen uns nur zum Zigarettenziehen aus dem Haus. Dabei müssen wir durch die Küche, die ist ein Schlachtfeld. Und draußen hallt das Schnattern der Enten durch den Park.
"Die lachen nur", sag ich. "Das machen die immer, wenn die mich sehen. Die können nicht anders."

Es ist seltsam mit diesem Mädel. Sie erscheint mir wie ein Wesen aus einer heileren, drogenfreien Welt. Als hätte sie hundert Jahre geschlafen und wäre nun wach geworden mit der gleichen Frisur, in der sie eingeschlafen ist, mit ihrem langen Rapunzel-Zopf.

Der Job als Kinderkrankenschwester macht ihr Spaß, allein das ist schon merkwürdig. Ich kenn sonst nur Leute, die genervt sind von der Arbeit, es sei denn, sie haben was eigenes auf die Beine gestellt. Leute, die mit Antiquitäten handeln, mit Autos, oder Musiker, Schauspieler. Aber ein richtiger Job, wo man morgens um halb acht erscheinen muss und der trotzdem Spaß macht? Erstaunliche Geschichte.

Sonst macht sie nicht viel. Zweimal die Woche in den Fitnesscenter, ein bißchen stricken. Wir reden kaum miteinander. Kuscheln uns aneinander, sie reibt ihren Hintern an meinem Schwanz.

Ein paar Mal fordert sie mich auf, etwas von mir zu erzählen, aber ich hab keine Lust dazu. Da sagt sie, dass es das ja auch interessanter mache, wenn sie nicht wüsste, was in meinem Kopf so vorgehe. Und zur Not könne sie ja auch ein wenig Gedanken lesen.

Ihr träger Hintern ist es, der mir zu schaffen macht. Wenn ich ihr morgens ein frisches Badetuch zuwerfe und sie dann beobachte, wie sie ins Bad watschelt, wird mir ganz anders. Ich liebe sie nicht. Ich mag sie nicht mal besonders. Ich mag keinen trägen Hintern.

Karlos lässt sich den ganzen Tag nicht blicken, er hat in der Kirche zu tun. Ich hole die transportable Schwarz-Weiß-Kiste aus seinem Zimmer rüber und stelle sie so auf, dass wir vom Bett aus fernsehen können. Wir gucken Pippi Langstrumpf. Und gehören somit zu den 11% (Einschaltquote), die an diesem Neujahrstag 1987 die zeitlose Anarchistin feiern. 11 %. Es ist zum Heulen. Was auch immer ich tue, ich gehöre einer Minderheit an.

Wir machen uns die restlichen Nudeln von letzter Nacht warm, mit Butter und Maggi, und trinken schweigend Kaffee. Wir spielen drei Partien Backgammon und werden etwas gesprächiger.

Ob ich wisse, dass schwarze Babies weiss geboren werden? fragt sie mich. Nein. Echt? Warum das denn? Keine Ahnung. Das ist so. Die Haut wird erst nach einigen Wochen dunkel. Gibt's das.

Gegen Mitternacht tun wir uns einen US-Spielfilm rein. Ficken schön langsam, das macht Spaß. Wenn ich in sie eindringe, hat sie die Augen geöffnet. Immer entrückter wird ihr Blick, von ganz weit her, sie will mich sehen.

Später ruf ich ihr ein Taxi.
13.11.08 17:01


Der Mond, ein blauer Abendpropeller

18 Uhr, Feierabend. Als ich durch den Süd-Park gehe, klebrige fünfzehn Grad draußen, wie Winter in Italien, humpelt jemand vor mir her, mit einem schwarzen Hund an der Leine. Ist das nicht der Harry? Könnte sein, von der Statur her, aber seit wann humpelt der?

Ich schließe zu ihm auf.
Klar ist er das.
"Harry, alter Humpelbaron", quatsch ich ihn von der Seite an, "was hast du angestellt?"

Der Hund, ein junger Labrador, dreht sich um und springt an mir hoch, die Steuermarke klimpert in der einbrechenden Dunkelheit, pling.
Pling.
"Alter, du bist das! Du krummer Parkettleger!"
Erleichtert reicht Harry mir die Hand, wobei er sich mit den Beinen in der Leine verheddert und beinahe ins Straucheln gerät.
"Das hätte noch gefehlt, Alter, dass ich mich aufs Maul lege.. Tuborg! Nicht anspringen!"
"Macht nichts, der riecht nur Frau Moll."
"Frau Moll? Hast du ne neue Olle?"
"Quatsch.. Meinen Hund."
"Ach so. Der Strubbel. Frau Noll?"
"Moll. Und der hier heißt Tuborg?"
Harry fasst seinen Labrador enger, und nickt.
"Und ich dachte schon, wer marschiert da hinter mir her? Ich hab schon meinen Schlagring parat gehabt.."
"Ist wahr?"
"Denkst du denn, Alter. Abends im Süd-Park, die aggressiven Skater, da weißt du nie. Die fahren dir die Hacken ab, und weg sind sie."

Tuborg schnuppert an mir, ich tätschle sein Köpfchen.
"Hast du den schon lange?"
"Dreiviertel Jahr.. Eigentlich wollt ich einen belgischen Schäferhund, aber dann stand eines Tages der Tuborg vor der Tür, hat Pfötchen gegeben und da war's um mich geschehen."
"Klingt wie ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch", sag ich. "Nur die Nase könnte er so langsam aus meinem Sack nehmen."
"Er weiß eben, was gut ist", sagt Harry.
"Auch wieder wahr. Was hast du angestellt?"
"Na, Arbeitsunfall!"

Er ist ein bißchen empört, dass ich davon nichts gehört habe. Dass die Post nicht mehr funktioniert. Die Hast-du-schon-gehört?-Post, als wir noch am Tresen standen und uns flapsig die Bälle zugeworfen haben.

"Ich krieg schon seit August Verletztengeld, Alter. So lang ist das schon her. Mittlerweile bin ich wieder richtig gut zu Fuß. Ich kann schon wieder die Dancing Queen machen, hier.."

Tap, tap - deutet er einen Tanzschritt an mit einer Frau im Arm, die nicht da ist, und lässt dabei dieses merkwürdig spitze Lachen durch den Süd-Park hallen, als habe jemand gleichzeitig Bulimie während er singt. Wie am Tresen, früher.

"Nee, Scheiße - im Betrieb hat sich ne Stahlwalze selbständig gemacht und ist mir von hinten ins Bein gerutscht, hat mir das Bein fast zerquetscht. Mein erster Gedanke war, nein! kann ich nicht mehr mit dem Hund raus.."

Not-Operation, das linke Bein mit Stahlplatten und Schrauben verstärkt, "ich bin ein einziges Ersatzteillager. Wenn du mal was brauchst, ruf an. Vielleicht kann ich dir was vom Lager holen."
"Wo warst du, in welcher Klinik?"
"Na, hier bei uns. Im Städtischen. Kannst du einen Roman drüber schreiben. Die Gips-Ärztin, Mann, hat die Mist gebaut. Der war viel zu weit der erste Gips, da konnte man drin verstecken spielen, soviel Spiel war da, aber da musste erst der Chefarzt kommen - ruckzuck war der Gips runter, neuer dran, schön eng, super. Aber die kochen auch nur mit Wasser, die Ärzte. Oder wie ich immer sage: Das Oval Office ist auch nur ein Eierzimmer, wa?"

Es ist 18 Uhr und ein paar Zerquetschte, der Mond ein blauer Abendpropeller, Krähenwetter.

"Harry, du weißt doch: Nur das Malheur bringt einen voran", versuch ich schön Wetter zu machen, doch er glotzt mich an, als hätte ich sie nicht mehr alle.
"Wenn du wochenlang auf Krücken rumhumpelst, erklär das mal deinem Hund, der hält dich für übergeschnappt, wenn du nach hundert Metern schlapp machst und umkehren musst, weil du nicht mehr kannst."

"Was ist denn mit deinem Bruder? Könnte der den Hund nicht ne Zeitlang nehmen?"
"Mein Bruder? Erst war er irgendwo in Belgien verschollen und seit er wieder hier ist, hat er auch das Bein kaputt. Der kann überhaupt nicht laufen."
"Wieso?"
"Na, nicht das Bein kaputt, den Fuß. Hat sich ein Abzess entzündet und jetzt kann er keinen Schritt mehr geradeaus machen. Der liegt zuhause bei Muttern und lässt sich pflegen. Der Arsch. Aber einen Excel-Kurs fürs Arbeitsamt, das geht. Da kann der Herr dann nächtelang nur von S-Verweisen und Tabellen träumen, in denen Menschen sich gegenseitig wegklicken. Horror, Alter."
"Vielleicht hat sich ja Excel entzündet bei ihm, und nicht Abzess", sag ich, doch Harry ist woanders mit den Gedanken.
"Klar, Alter, kann sein."

(Manchmal seh ich den Herrgott förmlich da oben sitzen, auf seiner Himmelstribüne, wie er sich erwartungsfroh in die Hände spuckt, "mal sehn, wer heute was vor den Latz kriegt da unten.")

Unter einer Laterne bleiben wir stehen. Stolz zeigt mir Harry, wo genau in seinem Bein die zwei Stahlplatten und zwölf Schrauben sitzen.
"Demnächst soll ich probeweise wieder arbeiten, zwei Stunden am Tag."
"Zwei Stunden am Tag? Ist das denn fürn Blödsinn?"
"Vorschrift von der Berufsgenossenschaft. Die wollen sehen, ob ich Fortschritte mache. Ich hab ja noch ein zweites Bein, können sie mir auch noch einquetschen. Und dann sollen sie mich kaputtschreiben. Soll mir recht sein."
"Kaputtschreiben?" murmle ich. "Lange nicht mehr gehört."

Das war früher gang und gebe, dass Leute sich vom Vertrauensarzt kaputtschreiben ließen, um früh in Rente gehen zu können. Heutzutage funktioniert das kaum noch. Das muss man schon selbst in die Hand nehmen.

Kaputt schreiben.
Und zwar kräftig kaputt schreiben!
Genau!

"Tschö, Harry. Mach's gut - und danke."
"Wofür?"
"Für den Hinweis."
Die Steuermarke klimpert, als Tuborg zum Abschied mich anspringt, pling.
Pling.


*
Zu spät.
15.11.08 16:46


Geschichten aus 1000undeinem Chef-Sessel

Mitte der 90er stellte ich das Schreiben praktisch ein. Ich hatte das Gefühl, dass alles, was ich in der Lage war zu schreiben, schon geschrieben worden war, von anderen, und das auch noch besser. Wozu also sich anstrengen. Wozu die ganze Plackerei.

Weil ich es aber nicht ganz lassen konnte, beteiligte ich mich gelegentlich an Literatur-Wettbewerben. Da gab es einen festen Einsendeschluß, bis dahin musste man einen Text zustandebringen - oder auch nicht. Das war wie Sport. Jeder bekam seine Chance, jeder Text wurde von einer Jury gelesen. Jedenfalls bildete ich mir das ein.

Beim Wettbewerb von Montblanc war ein Thema vorgegeben: Der Termin. Im Jahr zuvor hatte ich es immerhin in das Buch geschafft, in dem die besten Geschichten versammelt waren. Das Thema war Der Gipfel gewesen, und ich hatte einfach eine ältere Geschichte ein bißchen umfrisiert bis es halbwegs zum Thema passte. Diesmal war ich ratlos. Ich hatte noch genau vier Tage Zeit, dann war Einsendeschluß.

"Verdammt, ich hab doch kaum Termine", klagte ich, als der dicke Hansen mich während des Nachtdienstes im Turm-Hotel besuchte.
Er hatte gute Schore auf der Tasche. Gute Schore und Gesichtszüge, eine tragische Partnerschaft. Ergebnis: ein alter Hund.
Oder zwei in der Nacht.
"Na und?" entgegnete der dicke Hansen. "Du musst doch nicht immer über dich schreiben!"
"Nee, natürlich nicht. Aber worüber denn?"
"Über mich."

Hansen hing lässig im Drehstuhl und rauchte eine Winston nach der anderen. Wenn er mal keine Winston rauchte, fielen ihm prompt die Augen zu.

"Im Gegensatz zu dir hab ich ständig Termine. Ich hab Proben-Termine, ich hab Rendesvouz-Termine. Ich hab Arzt-Termine."
"Noch was?"
"Nee. Sonst nichts. Worüber möchtest du was hören? Rendesvouz-Termine?"
"Laß hören."

"Ein Termin hatte schönes dickes blondes Haar. Sah jetzt nicht supergut aus, aber gut. Bißchen schiefe Nase vielleicht. Eine Klavier-Schülerin von mir. Sie meinte, sie will mal koksen. Okay, hab ich gesagt, mal gucken was sich machen lässt."
"Krumme Nase immer gut", warf ich ein.
"Genau."

Den dicken Hansen kannte ich seit Jugendtagen. Er ließ nichts anbrennen, er nagelte alles. Er war der Typ deutscher Tourist, der am Flughafen von Bangkok von einheimischen Schleppern sofort als "eh, du neckermanngeile Sau!??" begrüßt wurde, andererseits bekam er auch daheim die schönsten Frauen. Er musste gar nicht erst nach Bangkok.

Besonders seine Klavier-Schülerinnen hatten es ihm angetan. Ich fragte mich, wie er die Mädels rumkriegte. Er hatte kaum noch Haare auf dem Kopf und zwanzig Kilo zu viel auf den Rippen. Aber er hatte Charme. Einen zupackenden Drive.

"Und.. weiter?" fragte ich.
"Weiter? Nur, wenn ich in den Chef-Sessel darf."
"In den Chef-Sessel?"
"Ja.. auf dem scheiss Drehding hier krieg ich Rückenschmerzen. Also, was ist? Termin gegen Chef-Sessel."

Na schön. Ich überließ ihm das braune Kunstleder-Exemplar, das beim Aufstehen laute Furzgeräusche von sich gab, weil dann die Luft aus den Bezügen entwich.

Hansen steckte sich eine Kippe an.
"Also, die wollte koksen, die junge Dame. Ein lustiges Wesen. So vielfältig. Hab ich sie also angerufen. Sie war aber nicht da, hab ich ihr auf den Anrufbeantworter gesprochen. Ob wir nicht endlich die Nase Koks nehmen sollen."
"Und? Hat sie zurückgerufen?"
"Na, ich weiß nicht. Bei mir ruft andauernd einer an und legt wieder auf."
"Das ist sie!"
"Sicher. Mh."

Er fläzte sich tiefer in den Chef-Sessel, so tief, ich wusste gar nicht, dass man sich so tief fläzen konnte in dem alten knautschigen Ding. Er verschwand beinahe darin, wie in den Geschichten aus 1000undeinem Chef-Sessel.

"Hast du schon mal ne Frau gefesselt und dann gefickt?" fragte er.
"Nee."
"Ich doch. Ich glaub, zwischen dreißig und vierzig hat man nur Sex im Kopf. Sex und Geld."

Aus dem Radio in der Küche wehte leise Nachtarbeitermusik zu uns rüber. Jazz von Chet Baker, der mit seinem Saxofon aus dem Fenster gefallen war, in Amsterdam, paar Jahre zuvor.
Hansen paffte Kringel in die Luft. Und schwieg. Dann schlief er ein.

"He!" Ich rüttelte ihn wach. "War das alles? Was soll denn das für eine Story sein?"
"Ach so.. Die Story.."

Das war so. Hansen suchte einen Nebenjob, für vormittags. Er las ein Inserat im Wochenblatt.
'Fahrer für tgl. 5 Std. gesucht.'
Er rief an.

"Veroonika, halloo..?"
"Ja. Hallo. Ich bin .. Hansen. Ich hab Ihre Anzeige in der Zeitung gelesen."
"Jaa? Schöön."
"Äh ja. Da wollt ich mal fragen, worum es sich dabei handelt."
"Ja, Herr.. Hans, darf ich Sie so nennen? Herr Hans?"
"Hans? Na klar."
"Gut, Herr Hans. Es verhält sich wie folgt. Sie würden mich morgens gegen 8 Uhr 30 abholen und dann fahren Sie mich.. wohin.."
"Mh? Wohin?"
"Ja, das.. ist abwechselnd. Innerhalb des Stadtgebiets, in aller Regel. Die Fahrt würde ungefähr 10 Minuten dauern, dann haben Sie frei. Anschließend holen Sie mich wieder ab und wir fahren zum nächsten ääh Punkt, wieder ungefähr zehn Minuten Wegstrecke, und wieder haben Sie frei, so eine, anderthalb Stunden. Das geht bis.. etwa 12 Uhr 30, maximal 13 Uhr. Dann ist Schluß. Sie verstehen?"
"Gut. Und mit welchem Wagen?"
"Herr Hans, das ist auch wieder so ein Problem. Ich hab nämlich einen schöönen Wagen, der hat einen Neuwert von vierzigtausend D-Mark, und wenn Sie dann Leerlauf haben zwischen den ääh Einsätzen, das wäre mir natürlich nicht recht, wenn Sie in meinem Wagen ääh rumlümmeln würden, sag ich mal. Sie müssten schon Ihren eigenen Wagen nutzen."
"Na, okay", meinte Hansen. "Kein Problem. Was ist mit Bezahlung?"
"Ääh.. das ist ganz einfach. Sie müssten täglich von 8 Uhr 30 bis 13 Uhr für mich erreichbar sein, Ihre eigentliche Arbeitszeit ist aber maximal eine Stunde.. oder auch nur 30 Minuten.. Ich würde Ihnen daher wöchentlich ein Entgelt von ääh hundert Mark zahlen."
"Hundert Mark..? Für eine Woche?? Ist das Ihr Ernst?"
"Ähhm, ja?"
Hansen überlegte.
"Und wenn Sie mich in Naturalien auszahlen?"
"Nanu.. Wie das denn?"
"Na ja. Mit Nümmerchen."
"Nümmerchen?"
"Ja. Nümmerchen, genau."
"Das wäre dann.. nun, nicht mal ein Nümmerchen pro Woche, Herr Hans.."
"Dann legen Sie halt noch was drauf."
"Was drauflegen.. das wäre mir aber nicht recht."
"Wir könnten aber sofort einen Termin ausmachen.. auf der Stelle. Einen Vorschuß, quasi. Hätte ich kein Problem mit."
"Na, ich suche erst für Anfang Januar.."

Herr Hans drückte die Kippe aus.
"Und ?" fragte ich schnell, bevor er wieder einschlief.
"Nix."
"Wie, nix?"
"Die Kuh wollte sich auf einen Vorschuß nicht einlassen. War also ein Beinahe-Termin. Ist ja auch ein Termin. Oder nicht."
"Darüber soll ich schreiben? Da war das ja mit deiner Schülerin noch spannender."
"Mit der gab's aber Ärger. Also mit den Eltern. Die haben nämlich den Anrufbeantworter abgehört. Mit meiner Nachricht."
"Das mit dem Koksen?"
"Genau. Wusst ich ja nicht, dass die Kleine noch zu Hause wohnt. Jetzt hat sie natürlich Stubenarrest."
"Stubenarrest? Wie alt ist die denn??"

Hansen war plötzlich gereizt.
"17. Oder 15. Nichts schlimmes. Aber eben ein Nesthäkchen. Wie die jungen Dinger heute so sind. Große Fresse, dicke Möpse, aber wenn's drauf ankommt, kriegst du keinen Termin."

Draußen ging die Sonne auf. Der Job ging mir allmählich auf die Nerven.


*
Die Zeit.
18.11.08 09:29


Silberrücken

2. Januar 87

Freitag. Hol die erste Knete des Jahres von der Bank. Geh wieder stark auf tausend Miese zu. Fühl mich grau und vergammelt, als ich durch die Stadt laufe, ins Bodenlose trete, obwohl meine Schuhe schöne grüne Schnürsenkel haben, die niemandem auffallen.
Und wenn ich mir eine Zigarette anzünde warte ich nur darauf, dass das Einwegfeuerzeug in meiner Hand explodiert.

Wo zum Teufel steckt eigentlich der Stenz in mir? Wo ist der hin?
Gibt es den noch?

"Der ist wie Elvis", hatte Karlos Lena mal gesteckt, als die mich noch nicht so gut kannte.
"Wie Elvis? Was meinst du damit?"
"Na, wie der in die Kneipe reinkommt. Wie Elvis in Las Vegas. Wie Harald Juhnke die Showtreppe runter", gackerte Karlos.

Dabei war das mit Juhnke die Treppe runter nur an meinen schlechten Tagen. Und für den Elvis in mir, dafür kann ich nichts. Das ist der Stenz in mir. Der Silberrücken. Der liegt in der Familie.

Mein Onkel Fitting etwa. Wo er auftaucht, steht er im Mittelpunkt. Auch auf dem Fußballplatz. Als Mittelstürmer tut er nichts anderes, als neunzig Minuten lang in der Nähe des Elfmeterpunktes rumzulungern. Wenn die Pille dann kommt, zack! macht er die Hütte und lässt sich feiern. Er ist der Star. Dass er 89 Minuten nur rumgestanden hat, lauthals motzend, wo der Ball bleibt - geschenkt.

Oder der Großonkel. Der saß noch im Altenheim während der Besuchszeit locker im Club-Sessel und ließ seinen Lümmel raushängen.
"Jetzt packen Sie endlich Ihr verfluchtes Ding da weg!" zischelte die Stationsschwester böse, wenn sie mit dem Vordruck der Pflegeversicherung über den Flur hastete.
"Kindchen", antwortete mein Großonkel, "den kann man nicht einfach wegpacken. Das ist meine Fröhlichkeit."

Noch im gesegneten Alter von neunzig Jahren hat er in sein Gehwägelchen Leuchtdioden einbauen lassen, damit die Puppen ihn besser sehen konnten, wenn die Dämmerung einsetzte, auf Station.

Die Puppen, das waren drei Pflegerinnen aus Thailand. Mit denen war mein Großonkel so dicke, die vier haben sich seine Pension jahrelang gerecht geteilt, bis die Stationsschwester dahinter kam und es Abmahnungen hagelte.

Klar, wer solche Vorfahren hat, der wächst in dem Glauben auf, automatisch Vorfahrt zu genießen im Leben, ist logisch. Aber es gibt auch andere Tage. Es gibt zunehmend andere Tage. Tage wie heute. Da hat mein Gang nichts von Elvis, da stoße ich nicht breitbeinig die Kneipentür auf, richte mir die Klöten und zwinkere, "Is los, Puppen?!" Da drück ich mich trostlos hinter den Marktständen herum, damit mich niemand sieht.

Und dann erwischt mich doch einer.
"Stückchen Fleischwurst, Kollege?" fragt mich ein feister Wurstwarenhändler mit aller ihm zur Verfügung stehenden Abschätzigkeit. Er spürt einfach, wie schwach ich bin an diesem Tag.
Ein zertrümmerter Zaungast am eigenen Leben.

Wenn ich wieder in Ordnung bin, werd ich mit Elvis-Schwung und gänzlich anderen Augen an seine Metzgerbude treten und fünfundzwanzig Tonnen Bockwurst ordern, noch für denselben Nachmittag, 15 Uhr, Graceland, Lieferanteneingang!
Mahlzeit, Arschloch!

Bei Bücher Bäcker bestelle ich ein Taschenbuch, Unter Null von Bret Easton Ellis, einem US-amerikanischen Kultautor. Ich lese nur Amerikaner. Ich mag keine Europäer. Die sind mir zu grau, vergammelt. Vielleicht mal einen Engländer. Ich geh heim und verzieh mich ins Bett. Lese den ganzen Tag John Fante. Lesen und rauchen, den Finger in der Nase.

Ich glaub, ich bin erkältet.
19.11.08 16:48


Öfen

3. Januar '87.

Samstag. Wir haben drei Öfen. In der Wohnküche einen Dassel-Dauerbrenner, ein gusseisernes Mordsding mit einem komplett verkohlten Sichtfenster, und je einen kleineren Ofen in meinem und in Karlos Zimmer.

Mein Ofen ist nur in Betrieb, wenn die Temperaturen unter null sinken und ich den ganzen Tag im Bett bleibe und ein Buch lese mit einem Geschmack im Maul, als würde ich mich durch eine Aktenordnerwand rauchen, Ordner für Ordner, Seite für Seite, das kommt von der Ofenluft.

(Ich guck sowieso lieber Filme. Bei Romanen muss man sich zu viele Namen merken und ständig kommen neue hinzu und dann muss man zurückblättern und nachsehen, welcher Name zu welcher Figur gehört. Im Film ist das besser. Da merke ich mir ein Gesicht, und gut ist. Ich glaub, ich fände Bücher mit Gesichtern besser als mit Namen. Ich kann mir keine Namen merken. Auch nicht im Film.)

Gestern hat der Ofen in meinem Zimmer über Nacht gebrannt, ohne dass ein Fenster geöffnet war. Und dann lieg ich nachts im Bett und höre in der Finsternis die Briketts und das Koks knispeln wie hungrige kleine Schlangen und mir fällt diese Zeitungsnotiz ein: Vor ein paar Tagen ist im benachbarten Wuppertal ein Rentner-Ehepaar an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung gestorben, weil die Öfen in ihrer Wohnung über Nacht an waren und alle Fenster geschlossen.

Ich lieg da und krieg es mit der Angst zu tun. Ersticken, was ein läppischer Tod. Fast schon ein Lapsus. Schön auf der höchsten Eisenbahnbrücke Deutschlands stehen, der Müngstener Brücke, die Solingen und Remscheid miteinander verbindet, und 110 Meter in die Tiefe segeln und beim Aufprall noch cool das Dach eines Andenkenstandes durchschlagen und die Stützpfeiler mitreissen, das geht in Ordnung. Das hat was. Aber ersticken??

Dennoch riskiere ich lieber mein Leben als mal eben aufzustehen und das Fenster zu öffnen in dieser Nacht. Würde ja schon reichen, ein bißchen Sauerstoff, auf Kipp. Doch ich bin zu träge. Bleib einfach liegen und warte ab, ob ich draufgehe.
20.11.08 13:35


Manchmal stehen sich zwei Leute gegenüber

Manchmal treffen sich zwei Leute und stehen sich gegenüber in der Mittagspause und der eine hat da was am Mundwinkel, vielleicht Essensreste oder getrocknete Salbe, ein irritierendes kleines Fleckchen nur, von dem sein Gegenüber aber nicht die Augen lassen kann, was wiederum den Angestarrten zutiefst verunsichert, wieso? glotzt der mir so aufs Maul, hab ich da Essensreste oder getrocknete Salbe oder was anderes ekliges? kleben? und so werden Blicke böse hin und her geworfen, als wären Krümel am Mundwinkel ein Vergehen, das mit sozialem Gefängnis bestraft wird nicht unter sechs Blicken! - dolle Sache.
21.11.08 10:36


Ich kann nicht immer alles gut finden

4. Januar '87

Elf Uhr, Bahnhofsgaststätte. Ich sitz allein am Tresen. Der Wirt, Hosenträger, Bleistift hinterm Ohr, streitet mit seiner Frau.
Es geht irgendwie um die Versicherungspolice.

"Die ist doch schon bezahlt für dieses Jahr!"
"Nein!" stemmt sich die Wirtin ihm entgegen. "Für dieses Jahr eben nicht!"
"Na, und ob! Das weiß ich hundertprozentig! Guck mal in den Unterlagen nach."
"Ich?? Woher soll ICH wissen, wo DEINE Unterlagen sind!?"
"MEINE Unterlagen?? DU schließt die doch immer weg!"
"ICH..!??"

Ich frag mich, ob ich wirklich nach Düsseldorf fahren soll, in den Puff. Aber ich weiss zum Verrecken nicht, was ich mit meiner Zeit sonst anstellen soll. Ich komme an nichts mehr richtig ran. Ich entferne mich zu Tode. Ich muss was anfassen. Für Geld.

Ich zahl den Kaffee und geh durch den Tunnel zum Bahnsteig Richtung Düsseldorf. Es ist kalt, und zugig. Mann, was zieht das hier. Ich bewege mich an den Wartenden vorbei. Ein kleiner Junge wird von seiner Mutter ermahnt, nicht so laut so sein. Da ist der Nächste, der aufwächst in der deutschen Angst-Gesellschaft, immer nur pass auf! pass auf! Tu dies nicht, tu das nicht!

Die Schnellbahn rollt ein. Sie ist orangefarben und vollbesetzt, hat kein Raucherabteil. Ich krieg nichts mit und ich will nichts mitkriegen. Die meisten lesen. Keiner redet, nirgendwo ein Walkman. Krieg ich also doch was mit.
Dass nichts mitzukriegen ist.

Düsseldorf Hauptbahnhof. Die Türen der Schnellbahn spreizen sich automatisch und ich falle auf den Bahnsteig. Unschlüssig, ob ich gleich hintern Bahndamm soll. Fühle mich eher nach.. na, was? Bewegung? Aber wo ich schon mal hier bin, geh ich erst mal zur Nordstraße, in einen der vielen Sex-Shops.

Düsseldorf ist Paris geteilt durch vierzig. Ich steige über schmutzige kleine Schneehaufen, mit Rollsplitt verbacken und hastig zusammengeschoben. Wie über schwarzes kühles Püree. In den Laden. Bonbonluft. Einsame Ständer, vor Schaukästen mit Spezialwerkzeug, so unbeholfen wie Jungs vor der Fleischtheke.

“Ich hätt gern.. ähm.. von dem.. da..”
“Von dem hier, kleiner Mann?”
“Genau, ja! Von dem.. da!”
“Das ist Gehacktes, mein Junge. Rindergehacktes.”
“Gehacktes? Ja.. ein.. Pfund..”
“Ein Pfund, wird gemacht. Für die Mutti, hm? Sonst noch ein Wunsch?”
“N- nein. Auf Wiedersehen!”

Hinten durch die Videokabinen. Eine ist frei. Ich geh rein und schließe ab. Es riecht nach Dixie-Klo, trotz cws air control. Rolle Kleenex. ENG. Der Video-Bildschirm hat 64 Programme, per Knopfdruck abrufbar und zwar “zur richtigen Zeit”, wie ein Aufkleber suggeriert: Spürt der Wichser, dass es ihm gleich kommt, muss er den Knopf nur so lange drücken, bis er in einem der 64 Programme auf eine Szene stößt, in der es dem Akteur ebenfalls kommt, zur dekorativen Ejukalala.

Ich hab eine Knast-Szene drin. Wärter rammelt Inhaftierte, zweiter Wärter stößt hinzu, selbst rammelnd, wortlos. Ich höre nur das Stöhnen aus der Nachbarskabine.

“..endlich kümmert ihr euch um mein Fötzchen.. hab ich auch was davon.. blas ihn mir wieder hoch.. und jetzt.. zwei Schwänze.. ooh Mann.. das hat es ja nicht mal.. in Paris gegeben..!“

(Dabei war es in Paris genauso.)

“..super.. jaaa.. spritz alles raus.. gleich.. jaa.. jeeetzt.. hast du es geschafft.. He! Ich bin auch noch da..!“

Ich auch. Ich will aber gar nicht spritzen. Will nur meine Konstitution prüfen. Pimmel-TÜV. Er ist so dreiviertel. Schlechtes Zeichen. Zuviel gesoffen gestern. Kommt es mir im Puff gleich zu schnell. Kann ich mir auch gleich einen runterholen lassen. Einen kloppen! Kommt billiger. Fragt sich bloß, wo der überhaupt ist, der Puff.

Ist schon ein paar Jahre her. Besoffen war ich und die Nutte war noch besoffener und wollte immer nur MEHR GELD, doch ich hatte kein MEHR GELD, da hat sie sich meine weiße Kapitänsmütze gekrallt, als Trophäe, mir war's egal.

Kann mich ansonsten nur daran erinnern, dass der Kasten Hinterm Bahndamm hieß, also lauf ich durchs Bahnhofsviertel, Hände in den Hosentaschen, mies drauf wegen Lena, alleine, auf der Suche nach dem Puff, nach einer Hure, Schwachsinn alles, doch es treibt mich voran unter dichten fleckigen Wolken.

Eine Stunde irre ich im Kreis herum, ohne Mumm, jemanden nach dem Weg zu fragen.

Einmal begegnen mir zwei Asis mit einem Kasten Bier in der Mitte, sie sind unrasiert und erzählen sich einen Witz, die hätte ich fragen können, doch dann sind sie schon weg.

Wie ich so rumlaufe, kommt es mir vor, als wäre ich hier in der Gegend schon mal gewesen, vor ein paar Jahren, mit dem dicken Hansen, Haschisch kaufen.. Na klar. Der Dealer wohnte in einer Sozialwohnung und Parterre war ein Kiosk, das weiß ich noch, die verkauften nämlich Kölschbier in Düsseldorf.

Nachdem der Dealer, ein hektischer langer Kerl, endlich geöffnet hatte, auf Klingelzeichen, verrammelte er die Etagentür gleich wieder, mit einer schweren Kette und diversen Sicherheitsschlössern. Und das bei meiner Bullen-Paranoia.

Die Wohnung war ein Loch, das Licht gelb und spärlich, aus mannshohen Boxen wummerte Rodigan’s Rockers, die wöchentliche Reggae-Show auf BFBS, dem englischen Soldatensender.

Ein Reggae nach dem anderen, knüppellaut. Wir sitzen am Tisch. Der Dealer meint, er habe kiloweise Material im Haus, das aber noch gepresst werden müsse.
"Is noch Pulver."
Er bietet uns Rauchproben an. Er hat zwei verschiedene Sorten da, Türke und Libanese. Ich würde am liebsten wieder abhauen, auf der Stelle, doch das Geld ist Hansens Geld und der hat ein dickes Fell.
Er zieht einen Bong und reicht ihn zu mir rüber. Als das Bong-Wasser blubbert, steht der Dealer plötzlich auf und tigert hin und her, bleibt stehen, späht nervös aus dem Fenster, als erwarte er jeden Moment ein Sondereinsatzkommando, da implodiert es in mir, das Haschisch.
Ich krieg Platzangst.

Der Typ hat doch nicht umsonst so eine Action gemacht mit seiner Wohnungstür! Dieses Gefühl, dass etwas reißt in mir, irreparabel, ich auf ewig schief bleibe, während der dicke Hansen ("ich hab einseitige Bulimie. Ich kann nur fressen, nicht kotzen") mit seinem Autoschlüssel spielt, unbeeindruckt, und der Dealer den nächsten Bong stopft, durchsticht dieser gottverfluchte Reggae meinen Bauch, das Herz kracht auseinander, komm, Glumm, komm runter, sag was, sag irgendwas, irgendwas belangloses, befrei dich,

jetzt scheint der Dealer was zu merken, er guckt so komisch, “kennste auch Soul Train..?” frag ich endlich, er versteht nicht, ich werd lauter mit ausrutschender Stimme, “..Soul Train.. auf BFBS.. immer mittwochs..”, da stiert er in seinen Bong und meint desinteressiert, “Soul? Nee, Soul find ich nicht gut. Ich kann nicht immer alles gut finden.”

Ich kann nicht immer alles gut finden.

Ich kann jetzt auch nicht gut finden, dass ich hier so blöd durchs Bahnhofsviertel stiefle, aber ich stiefle blöd rum, also frag ich endlich einen Typ in meinem Alter, wo der Puff ist.
“Da vorn durch den Tunnel, dann rechts und immer geradeaus.”
Hinterm Bahndamm. Da ist es. Ich erkenn es wieder.

Vorm Eingang zum Kontakthof steht eine Gruppe türkischer Männer, unterdrückt lamentierend, rauchend.
Im Hof. Zwei Nutten lehnen an der Backsteinmauer.
“Kommste mit?”
Ich grinse.
“Da grinst der nur.”

Ich streife die unterste Fensterreihe ab. Die meisten Vorhänge sind zugezogen. Auf den Scheiben Zimmernummern, manchmal ein Name. Gabi.
In der Hofmitte, an den Münzgeldautomaten, scharen sich die Freier, die den ganzen Tag hier herumlungern, sich einen runterglotzen.

Dann steht sie neben mir.
“Magst du dich verwöhnen lassen..?”
Lederstiefel, dunkles Haar, freundliche Augen.
“Weiß nicht”, krieg ich raus.
“Komm.”
Sie hakt sich bei mir unter.
Mit dem Lift ruckeln wir drei Etagen hoch, ihr Zimmer hat Nummer 59.

“Das erste Mal hier?” fragt sie, als ich in dem engen Kabuff stehe, die Hände in den Hosentaschen.
“Was.. nein.”
“Wieso guckst du dich dann so um?”
Ein Bett mit brauner Decke, zwei Stühle, eine Schale mit Präservativen und Bonbons.
“Und? Schön bumsen und blasen?”
Ich bin zu nervös zum bumsen.
“Nur runterholen.”
“Och”, sagt sie enttäuscht und zieht sich nicht weiter aus.
“Vierzig Mark. Warum nicht schön bumsen und blasen?”
Ich lege zwei Zwannis auf den Tisch, die sie sich gleich grabscht und in eine Dose steckt.

Ich setz mich auf den Bettrand.
“Schwanz waschen?” fragt sie noch.
“Nein..”
Ich lass die Jeans runter, sie setzt sich dazu, ihren Pullover bis knapp über die Brüste hoch geschoben.
“Wirklich nur wichsen.. hallelujah? Nicht schön bumsen und blasen?!”
“Ha, ha.. Nur wichsen.. hallelujah.”
“Dann mach es dir mal bequem.”

Ich leg mich zurück, mit aufgestützten Ellbogen, und sie nimmt ein Kleene und breitet es in Spritzrichtung über meinem Bauch aus.
“Magst du geile Bilder sehen?”
Ich mag nicht. Dann macht sie es. Ich guck zu. Sie guckt zu. Ihre Finger glänzen. Sie macht es gut. Gekonnt.
“Spritz in die Luft”, ruft sie, als ich komme.
Sie lächelt und tupft das Teil ab.
“Ging schnell..”, sag ich, halb fragend.
“Naja. Bei manchen muss man das Ding nur berühren, schon explodieren sie.”
Sie geht zum Waschbecken.
“Komm, Schwanz waschen.”
“Nee”, sag ich.
“Na, okay. Jetzt hast du schön leer gespritzt und du weißt, dass ich gut bin. Kommst du später noch mal wieder, schön bumsen und blasen.”
“Mh”, sag ich und nehme die Treppe.

Im Kontakthof schnitze ich mir was markantes um den Mund rum, wer weiß, ob nicht einer von den Pennern hier mitgekriegt hat, wie ich mit der Kleinen im Puff verschwunden bin und jetzt, keine zehn Minuten später, bin ich schon wieder draußen. “Schnellspritzer!” höre ich sie mich verhöhnen, “Dreimal hoch, dreimal runter, hahaha!”, also schnitz ich mir was markantes, will sagen: Ich hab mit der kleinen Nutte nur ein Geschäft abgewickelt oder sie erdrosselt oder was weiß ich.

So lüge ich mich bis zum Ausgang, wo die Türken stehen und lamentieren, lebhafter mittlerweile und Pistazienschalen spuckend, und natürlich hat niemand etwas mitgekriegt von meiner Schnitzarbeit, geschweige denn mich ausgelacht, Männer im Puff interessieren sich für alles mögliche, nur nicht für andere Männer.
Will jetzt auch nur noch raus aus dem Bahnhofsviertel.

Mit der Straßenbahn Richtung Altstadt.
Morgen ist Heiligabend, die Menschen haben es eilig. Schieben sich in Kolonnen durch die Fußgängerzone, vorm Horten ein dicker ruhiger Junge mit Brille und Sheriffstern, zu seinen Füßen eine Zigarrenkiste mit Münzen, er trällert ein Adventslied, fünf Minuten vorm Stimmbruch.

Ich stoppe an einer Bratwurststube.
"Drei Reibekuchen", sag ich.
Das einzig wahre nach einem nietigen Bordellbesuch.
"Mit Apfelmus?"
"Ja."
Der Chef, er trägt eine weiße Kochmütze, schiebt mir den Pappteller über den Tresen und erkundigt sich bei dem Mann neben mir, "May I help you?"
"Yes, Sir. Wurst. We want wurst."
Die Kochmütze nickt in Richtung Schwenkgrill, auf dem Thüringer Bratwürstchen kokeln.
"A long one?"
Der amerikanische Tourist schaut sich unsicher um, sucht seine Frau, die in einiger Entfernung das Gepäck hütet.
"Mh, from Heidelberg, this wurst?"
"Heidelberg?" Der Koch nickt. "Yes. Heidelberg."

Apfelmusbekleckert reihe ich mich wieder ein in den Strom der Passanten, verhätschelte Gesichter, andere wie aus der Asservatenkammer.
Von der Helligkeit eines Schaufensters eingefangen bleib ich vor einem Frisörsalon stehen. Guck mir die Portraits an, den steilen neuen Look, die Dreadlocks.

Könnte mir eigentlich auch noch mal die Haare schneiden lassen. Immer nur Locken, dicke unordentliche Locken, wie ein wildgewordener Handfeger. Komm mir überhaupt so siffig vor. Keine Alte guckt mich mehr mit dem Arsch an.

Ich geh rein.
“Womit kann ich dienen?”
Na, Haare schneiden.
Ob ich einen Termin habe?
Nein. Ich habe nicht oft Termine.
Der Geschäftsführer, schmaler roter Lederschlips, mustert mich geringschätzig und überfliegt eine offen liegende Kladde.
“Siebzehn Uhr hätte ich etwas frei.”
“Jetzt gleich geht’s nicht?!”
“Nein, leider. Sie sehen ja, alles besetzt. Tut mir leid.”
Mir nicht. Ich finde, er stinkt, und probiere es in zwei, drei anderen Salons, bei Gina schließlich habe ich Glück.

Kleiner Palast. Gina hilft mir aus der Jacke und bietet mir einen Platz an, an einem Bistro-Tischchen.
“Möchtest du Kaffee?”
“Warum nicht.”
Sie serviert ihn postwendend und lauwarm, ich schnapp mir ein Stadtmagazin, Zeitgeseier von Leuten, die für eine Szene schreiben, die längst verreckt ist, an ihren eigenen Leuten.
Was red ich hier überhaupt?

Gina hilft mir da raus.
“Kommst du mit?”
Vor einer Galerie von zwanzig Spiegeln versink ich in einem ledernen Drehstuhl, gepolstert wie ein Pilotensitz.
Gina greift mir ins Haar.
“Schau mal. Steht dir doch viel besser, kommen deine Augen mehr zur Geltung.”
Augen? Die ist gut. Trübe Glubscher seh ich. Rotunterlaufenes Material. Ich bin unrasiert und blass. Junge, bin ich lädiert. Bin ich froh, wenn der Mist runter ist.
“Stehst du mal auf?”
Sie bindet mir einen Kittel um.
“Noch einen Kaffee?”
Bloß nicht. Ich setz mich und guck mir ein bisschen die Stylisten an, wie sie um die Kundschaft herumwieseln und dabei gesellig plaudern, mit flatternden Augenlidern.
“Kommst du mal mit?”
Ich bin hier nur am Mitkommen. Diesmal nicht mit Gina, sondern mit einer dezent Rothaarigen.

Es geht eine Etage höher, zum Haare waschen.
“Such dir ein Waschbecken aus.”
Ich nehme das erstbeste.
Behutsam drückt sie meinen Kopf in die Nackenschale, Wasser braust durch mein Haar.
“Temperatur angenehm?”
"Hm.. ja."
Es gluckert leise im Abfluss.

Sie legt Shampoo auf und massiert meine Kopfhaut. Ich schließe die Augen und entspanne, zum ersten Male heute, fast scheint es, als mache sie es zärtlicher als nötig, vermutlich ist es nur der Hygiene wegen, egal, ich bin für alles am löhnen, erst für die Hure, dass sie mir einen runterholt, jetzt für die Frisöse und ihre Finger.
“So”, sagt die Rote und rubbelt mein Haar trocken, “fertig.”

Ich wendle die Treppe runter, zurück auf meinen Pilotensitz.
“Magst du noch einen Kaffee?” kommt Gina an.
Will die mich verscheißern? Sie reicht mir das Stadtmagazin, das ich wortlos ablege, und dann fängt sie an. Sie redet und schneidet und redet und schneidet, dass ich mich genötigt sehe, auch mal was zu sagen, bloß - was?

Ihr französisches Aussehen verleitet mich zu der originellen Frage, ob sie Französin sei.
Sie lacht.
“Nein. Italienerin.”
Gott sei Dank.
“Aber meine Mutter stammt aus Frankreich.”
Scheiße.

Sie trägt ein schwarzes Leibchen, das viel Bauch herzeigt, und während sie mit scharfem Schnitt in meine Locken fährt, versuch ich ein Stück von ihren Titten zu erhaschen, aber die sind gut und fest verpackt.
Schließlich ist der Struwwel entpetert, Gina rasiert meinen Nacken aus. Bin hart an der Grenze zum Hautkopf. Wie ein schwuler Berliner. Doch, sehr diszipliniert.
Gina föhnt, Gina gelt.

“Pass nur auf”, sagt sie. “Gleich auf der Straße guckt sich jedes Mädel nach dir um.”
“Ich nehme dich beim Wort”, sag ich, und zahle vierzig Mark.
"Hier", Gina reicht mir ihre Visitenkarte, “falls du mich weiterempfehlen möchtest.”

Draußen beißt es mir im Nacken, sehr ungewohnt, der freie Zugang zur Kälte, ich taxiere die schönen Frauen, he, alle herschauen, der Glumm war beim Frisör, doch die Resonanz ist dürftig. Was möglicherweise an meinem Outfit liegt. Der zu weiten Cordhose, mit Apfelmus bekleckert.
Also - keine halbe Sachen! Eine neue muss her! Hose!

Warenhaus. Hier gibt's die neuen ganzen. Sachen. Hosen. Herrenmieder. Stangenware.
Aus Jux probiere ich eine Nadelstreifenhose an, die passt sogar, ist mir aber doch zu dösig.
Was mir gefällt sind schwarze verwaschene Jeans in Karottenform. Ich nehm ein paar mit in die Umkleidekabine, die riecht nach grober Leberwurst. Oder sind das meine Schweißfüsse? Eine Hose ist mir zu weit, schlabbert an der Taille, die nächste ist zu kurz, eine weitere zu eng.
Ich komm einfach nicht zurecht mit den amerikanischen Größen.
Geb entnervt auf.

Stolpere durch die einbrechende Dunkelheit, die vorweihnachtliche Asservatenkammer. Kein Schwein nimmt Notiz von mir. Leere Blicke überall. (Der wirkliche Killer-Blick ist der leere Blick. Der macht Angst.)
Ich versuch es im Kaufhof.
Gehe zielstrebig auf den Verkäufer zu, ein Asiate.
“Meine Bundweite”, sage ich, "brauch ich."

Er versteht nicht, ich wiederhole, er versteht und holt ein Zentimeterband.
“Was suchen Sie denn?”
“Schwarze Jeans in Karottenform”, erkläre ich bündig, er nickt und verschwindet und schleppt wenig später einen Haufen Hosen an, nur die nicht, die ich meine.
Ein deutscher Oberverkäufer stößt hinzu.
“Kann ICH Ihnen weiterhelfen..?”
Er bedeutet dem Chinamann, dass er sich vom Acker machen soll, und ist oberfreundlich. So Typen kenn ich. Tun energisch, aber wenn man ihnen die Hand drückt, greift man in einen Pudding.

“Mein Kollege ist ganz neu hier”, sagt er entschuldigend, und ich trage dem Oberarsch auf, mir eine Karotte zu besorgen, er bringt drei Stück in verschiedenen Größen, ich mache Leberwurst aus der Kabine, die Jeans passen alle drei, mehr oder weniger, ich entscheide mich für die engere und behalte sie gleich an.

Mittlerweile ist es dunkel geworden, trotzdem versuch ich das weibliche Düsseldorf zu provozieren, mit flackerndem Blick, an der Straßenbahnhaltestelle Richtung Hauptbahnhof gelingt tatsächlich ein Flirt mit einer hinreißenden Dunkelhaarigen, bis sie einsteigt und abrauscht, ohne sich noch mal umzudrehen, die blöde Kuh.

Schnellbahn zurück nach Solingen. Ich starre nur noch aus dem Fenster. Dingsda e pericoloso. Bitte nicht hinauslehnen. Ja genau.
Mein Gegenüber, ein Türke, macht mich per Handzeichen auf das Kärtchen aufmerksam, das mir aus der Jackentasche gerutscht ist.
Ich heb es auf.

Endstation. Noch vom Bahnsteig aus rufe ich die Nummer an und frage, was sie mir denn da versprochen habe, so leichthin.
“Wie..? Wer.. spricht denn da?”
“Der Typ, dem du eben die Locken vom Kopf geholt hast.”
“Ah.. ja. Und was hab ich dir versprochen?”
“Na, dass sich jedes Mädel nach mir umdreht. Das haut nicht hin. Lüge!”
Gina gackert.
“Du darfst nicht aufgeben.”
“Ja”, sag ich, und leg auf.



*
Andere lustige Sachen, die das Leben spielt mit einem.
24.11.08 13:25


Stange

5. Januar '87.

Montagmittags mach ich mich auf zu meinen Eltern. Mal was essen, so ausnahmsweise.
"He, da kommt ja ein Igel!" ruft Mutter erstaunt, als sie mich mit kurzen Haaren sieht. Immer noch besser als Karlos, der heut morgen meinte, ich sähe aus wie ein schwuler Berliner, bevor er sich gackernd vom Acker machte, Richtung Friedhof, Menschen beerdigen.

Es gibt Linsensuppe zu Mittag. Linsensuppe, das ist wie Stöbern in einem kleinen Bergsee, ich grase schweigend den Grund ab bis zur letzten Linse.
Welch eine Löffelpartie.

Zum Nachtisch karrt Mutter einen schlammigen, noch warmen Schokoladenpudding an und ich erkundige mich bei meinem Vater, warum das mit dem Ofen-Unglück in Wuppertal passiert ist.
Das ist was für ihn. Da kennt er sich aus. Das ist sein Metier. Und er hat diese angenehme Art, sich nicht aufzupumpen, wenn er ausholt.

Er erklärt es mir so, dass Unfälle durch eine Kohlenmonoxidvergiftung meist nach langen Wärmeperioden geschehen, wenn der Kamin von einer Kaltluftschicht verstopft wird, der sogenannten "Stange".

"Plötzlich wird es draußen kalt und die Leute machen den Ofen an, aber die Stange läßt die giftigen Abgase nicht durch den Schornstein hoch, also entweichen sie peu a peu ins Zimmer.."
"Und?"
"..und fressen Sauerstoff und Menschen."

In unserer Wohnung am Kannenhof sei die Gefahr einer solchen Vergiftung eher gering, da es hauptsächlich bei Kaminen passiere, die selten benutzt würden. In unserem Haus aber wird noch überall mit Kohleofen geheizt, das sorgt für Durchzug.
Ich bin beruhigt und seither knistert der Ofen in meinem Zimmer Tag und Nacht bis zur Bewußtlosigkeit.

Nachmittags kommt das Burgfräulein. Wir würfeln eine Runde Yazoo, was mich wehmütig daran erinnert, wie ich mit Lena Mensch ärgere dich nicht gespielt hab, damals, in unseren goldenen Zeiten. Vor einem halben Jahr. Der Verlierer musste dem Gewinner einen blasen. Manchmal hab ich extra verloren und auf eine schnelle Revanche gepocht. Am Ende gab es meist 69.

Wenn ich in das Burgfräulein eindringe, ist da immer noch die Sache mit den offenen Augen. Ihr entrückter Blick, wie aus einem fernen Shangri-La, zu dem nur Frauen Zutritt haben, die gerade penetriert werden.

Wir kämpfen uns durch dichtes Schneetreiben zum Chinesen am Werwolf, die Böen stechen ins Gesicht. Ich bestelle wie gehabt Ente, sie Schwein, beides süß-sauer. Rindfleisch sei ihr zu glitschig, wiederholt sie sich und wird rot. Ich tue so, als hätte ich nichts gehört und trink mein definitiv erstes Bier 1987.

Nachher zurück zu mir. Schlecht ficken, schlecht schlafen, weil ich viel zu viel gefressen hab.
Ich glaub, ich muss mir mal wieder einen ansaufen.



*
Montags, im Büdchen von Ali
25.11.08 12:22


Louisiana 1927

1
Ich bin abergläubisch. Jedes Frühjahr warte ich nur darauf, dass endlich ein Marienkäfer angeflogen kommt und sich auf mir niederläßt. Auf meinem Arm, der Schulter, Hose, egal. Dann weiß ich, ich bin bereit. Der Frühling kann kommen. Aber erst dann.

Oder dieser Zwang, rote Gummiringe vom Boden aufheben zu müssen. Die Dinger, mit denen zum Beispiel Illustrierte eingerollt werden. Im gröbsten Matsch bücke ich mich nach ihnen, nur weil da diese Stimme in mir ist, die mir seit Jahren eintrichtert: Dir wird Böses widerfahren, wenn du dieses Gummi nicht aufhebst. Heb es besser auf.. heb es auf.. bück dich.. du Bückling.. nun mach schon!

Dass ich also Angst habe, ein Unglück trifft ein, wenn ich etwas bestimmtes unterlasse, damit kann man immerhin umgehen. Doch was ist mit einem Pop-Song, den man lange Jahre nicht gehört hat und der plötzlich in deinem Schädel auftaucht und du singst und summst und schmetterst ihn den ganzen Tag, ohne auch nur zu ahnen, dass sich der Text bald mit einer Wucht bewahrheiten wird, die jeglichen Gummiring-Hokuspokus in den Schatten stellt?

"Ja, ja.. man ist ahnungslos erfüllt von Vorahnungen", meint die Gräfin dazu, in ihrem düster-wissenden Ton und dem Lächeln einer Regenmacherin.


2
Das Lied tauchte an diesem bemerkenswerten Ferien-Spaziergang Ende August 2005 auf, einige Tage bevor der Hurrikan Katrina New Orleans zertrümmerte.

An diesem Sonntag, wir waren mit dem Hund unterwegs, begannen wir aus heiterem Himmel "Louisiana" zu singen, einen der schönsten Songs von Randy Newman, mit einer warmen einfachen Melodie.

In dem Song besingt er die große Flut in Mississippi, Arkansas und Louisiana von 1927 und beklagt, wie die Bevölkerung erst von der blindwütenden Natur geschlagen wird und dann von einer hartherzigen Regierung, der das Leid der Menschen (poor crackers) egal ist. (wikipedia)

"What has happened down here?" beginnt der Song. "Is the wind have changed? Clouds roll in from the north, and it started to rain.."

An unserem Sonntag 2005 dagegen war der Himmel ein riesiger blauer OP-Saal, überzogen von weißen Tupfern, und es herrschte völlige Stille, die ganze Stadt war ausgeflogen. Selbst die Vögel schienen in fernen Übersee-Hotels untergekommen zu sein, so still war es.

So leer die Strassen, die Gräfin beschlich schon das Gefühl, dass wir uns im Auge des Ferien-Hurrikans befänden. (Wo bekanntlich Stille herrscht.)

Dass überhaupt jemand in der Stadt war, merkten wir erst, als wir uns spaßeshalber flach auf einen Gully legten, das Ohr am Deckel, und warteten. Warteten auf eine Klospülung. Auf eine schnuckelige Sonntagswurst, die vielleicht dahergeschwommen käme.
Auf ein Zeichen also, dass wir doch nicht allein waren in der Stadt.

"Da ist eine! Schnell weg hier!" riss die Gräfin mich und den Hund fort, als eine Flutwelle durch die Kanalisation schwappte. Ganz kurz nur. Wie eine akustische Halluzination. Und dann war wieder Stille.

"Was war das denn..??" klopfte sie sich den Staub vom Mini-Rock .
"The river rose all day, the river rose all night", summte ich ein Stück von Louisiana, und als ich beim Refrain angekommen war, fiel auch die Gräfin ein:

"Loo-eez-ee-ann-a,
Loo-eez-ee-ann-a,

they're tryin' to wash us away
they're tryin' to wash us away.."

Weiter durch Weizenfelder, durch hohes Brot, in denen sich die Hitze staute, und durchs benachbarte Maisfeld, wo die Frucht so üppig und supergolden stand, dass ich ein neuartiges Gen vermutete.
"Ihr seid doch alle manipuliert!" fuchtelte ich mit erhobenen Zeigefinger ins Feld.
"Du doch auch!" schallte es dumpf zurück.

Als wir zwei Stunden später zu Hause ankamen, wurde der große königsblaue OP-Saal über uns überfallartig schwarz, ein schwerer Regen setzte ein. Es blitzte und donnerte, das Wasser schoß so den Kannenhof runter.
Und wir standen am Fenster und hörten Randy Newman, den ich rasch aufgelegt hatte,

"they're tryin' to wash us away.."


3
Als Tage später Bilder der großen Flut über den Bildschirm liefen, erinnerten wir uns natürlich an den merkwürdig stillen Sonntag und an Louisiana 1927, das wir so lange nicht gehört hatten und das uns nun wie ein Menetekel erschien.

Seither sind wir vorsichtiger geworden, was das Absingen von Oldies betrifft. "Manic Depressions" (Jimi Hendrix) etwa kommt mir nicht mehr über die Lippen. "Walk on the wild side" von Lou Reed dagegen?
Na sicher!!



*
Nach dem Hurrikan Katrina wurde Louisiana 1927 die inoffizielle und emotionale Hymne des Staates Louisiana.

*
Randy Newman Louisiana 1927 lyrics

What has happened down here
is the wind have changed?
Clouds roll in from the north and it started to rain

Rained real hard and rained for a real long time
Six feet of water in the streets of Evangeline
The river rose all day
The river rose all night
Some people got lost in the flood
Some people got away alright
The river have busted through cleard down to Plaquemines
Six feet of water in the streets of Evangelne

CHORUS
Louisiana, Louisiana
They're tyrin' to wash us away
They're tryin' to wash us away
Louisiana, Louisiana
They're tryin' to wash us away
They're tryin' to wash us away

President Coolidge came down in a railroad train
With a little fat man with a note-pad in his hand
The President say, Little fat man isn't it a shame
what the river has done to this poor crackers land?

CHORUS
27.11.08 10:11


Einen vom Handy

Ich hab kein Handy. Handys sind moderne Kirchenglocken, die alle Gläubigen zum Dienst rufen. Ein Gläubiger bin ich auch. Ich werde nur nicht gern zum Dienst gerufen.
28.11.08 15:24


Kleine Haschdiebe

6. Januar '87

Na, immerhin, auf den Telefon-Weckdienst ist Verlass. Punkt 5 Uhr 30 schrillt Modell Hamburg, unser Spezial-Telefon für Sehbehinderte. Es hat Tasten groß wie Boxhandschuhe und stand im Telefonladen im untersten Regal. Eigentlich wollten Karlos und ich nur, dass der dicke Verkäufer sich mal ordentlich bücken musste, doch als er Modell Hamburg dann hervorgeholt hatte, tat es uns irgendwie leid, das arme Ding, das niemand wollte, und seither steht es in unserer Küche und versieht treu seine Dienste, potthässlich, riesig, und schrill klingelnd.

Das Burgfräulein hat bei mir übernachtet und muss raus zum Frühdienst auf Station, zu den Säuglingen mit den butterweichen Schädeln. Ein krampfender Epileptiker ist auch darunter. Er heißt Jan-Christopher.

Ich setz dem Frollein und mir einen Kaffee auf, das mach ich ganz prima mittlerweile, nicht so schnell schnell, und bestelle ihr ein Taxi für sechs Uhr.

Und während sie unter der Dusche verschwindet, zieh ich mich doch tatsächlich an, zum Schneeschüppen. Ich! Freiwillig! Schneeschüppen! Das muss man sich mal auf der Zunge vorstellen! Obwohl, so ganz sicher bin ich mir noch nicht. Aber ein Witz wär es schon.

Da liegen zwei schneeintensive Winter hinter mir in der alten Wohnung an der Schillerstrasse, wo diese Liste im Hausflur aushing, in der jeder Hausbewohner seinen Räumdienst eintragen musste. Kein einziges Mal hab ich meinen oberfaulen Hintern aus der Koje gekriegt, hab alles die Omas machen lassen, nur hin und wieder bei einsetzendem Tauwetter einen Strich hinter meinen Namen gepfuscht.

Das Burgfrollein nimmt ihren Kaffee mit geronnener Dosenmilch, ich zieh mir die Boots an und geh in den Keller, die Schneeschaufel suchen. Normalerweise ist Manfred dafür zuständig, Liebhaber der asthmakranken Frau Fischer, die über uns wohnt und die kalte Witterung verflucht. ("Fieses Kreislaufwetter is dat! Geht mir auf die Pumpe! Kipp ich um, wenn ich Pech hab. MAMMMFREEED!!")

Manfred, der ein Toupet trägt, das ihm spätabends schon mal quer in die Stirn rutscht, wenn er besoffen nach Hause kommt und der Schlüssel einfach nicht ins Schloss der Haustüre will, sieht aus wie ein Kombüsenjunge von der Küste, den es mit Mitte Fünfzig ins Bergische Land verschlagen hat.

Als wir vor drei Monaten eingezogen sind, hatte Frau Fischer ihn noch als ihren Gärtner vorgestellt.
"Ja genau", meinte Karlos nur.

Statt der Schaufel finde ich im Waschkeller einen mickrigen alten Spaten ohne Griff, und höre oben das Taxi kommen. Treppe hoch, Küsschen, wir sehen uns. Genau in dem Moment kreuzt Karlos auf. Er muss aufs Klo. Das Burgfrollein winkt, weg ist sie.

"Was machst du denn da?" fragt er schlaftrunken, er meint den Spaten in meiner Hand. "Grab ausheben?"
Dann geht er strullern, als hätte ein Gaul eine Woche lang bis zum Hals im Bier gestanden.

Ich seh das Taxi den steilen Kannenhof hochschlingern, durch den frisch gefallenen Schnee, wie ein gemütlicher dicker Kapitän, der es nicht eilig hat und die ganze Breite der Strasse ausnutzt. Würde das Taxi Toupet tragen, es hieße Manfred.

Der Schnee ist nass, klumpig, schwer. Ich schaufle den Gehweg vorm Haus frei. Der ist nicht besonders lang. Trotzdem, auf Dauer wird die Schüpperei mit dem Spaten lästig und ich schlag nur noch kleine Schneisen in den Schnee und dann dauert es auch nicht mehr lange und ich sitz wieder in der warmen Bude.

Mit dem Tag heute kann ich anfangen, was ich will. Das ist ja das Schlimme. Vielleicht sollte ich was Kiffen. Karlos hat garantiert ne Ecke. Er ist wieder im Bett verschwunden. Vorsichtig öffne ich seine Zimmertür. Das Flurlicht reicht bis zu seinem Bett, es riecht nach Schnaps und Nikotin. Ich pirsche um das Bett herum, das so groß ist wie die halbe Wohnung, und suche das Tischchen ab, auf dem er normalerweise seinen Brösel deponiert.

Karlos ist der kleinste Haschdieb Deutschlands. Nicht von der Statur her, sondern vom Umfang der Brösel, die er klarmacht. Wird er zum Kiffen eingeladen, beißt er grundsätzlich eine kleine Ecke ab. Allerdings nicht heimlich. Man weiß um seine manische Haschischbeißerei und akzeptiert sie.
Bröselknirschend.

Vom Lichtstreifen irritiert, setzt sich Karlos im Schlaf auf. Er trägt sein grünes OP-Hemd, der alte Herzchirurg. Dann legt er sich wieder hin, Löffelchenstellung, und aktiviert das Schnarchzäpfchen.

Auf dem Tischchen, auf einer weißen Untertasse, glänzt tatsächlich ein Piece. Ich beiße die Hälfte ab und schließe leise die Zimmertür. Geschafft. Wenn Karlos der kleinste Haschdieb Deutschlands ist, bin ich der allerkleinste. Irgendwo wartet immer noch eine Steigerung nach unten. Manchmal sogar in unmittelbarer Freundschaft.

Es ist dreiviertel sieben, ich häng bekifft am Küchentisch. James Last hat mal ein Stück geschrieben, das hieß Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung. Mag sein. Aber was ist um dreiviertel sieben? Bekifft, am Küchentisch.

Mittags ruft Harry an. Er und Picard brauchen einen dritten Mann zum Skatspielen. Ob ich Lust hab. Wir treffen uns im Mumms. Abends runter ins Haus Rüden, wo irgendwelche Yuppies ein Spanferkelessen veranstalten. Es gibt eine Runde Quittenschnaps nach der anderen, und auf meine Frage, was eine Quitte denn nun genau sei, schlägt die Kellnerin extra im Duden nach: eine Mischung zwischen Apfel und Pflaume.

Das Ferkel wird auf einem riesigen Silbertablett serviert, von Köchen mit weissen Mützen, und Picard erzählt mir, dass er nächste Woche Montag ein Vorstellungsgespräch hat, in einem großen Autohaus, als Verkäufer. Er sei schon in der engeren Wahl, mit vier Anderen.
"Das ist mein letzter Versuch. Wenn das nicht klappt, mach ich das große Fressen. Bist du dabei?"

Ich kenne sonst niemanden, der immer Geld auf der Tasche hat, den ganzen Tag in Kneipen rumsitzt und keinen Handschlag dafür tut. Keiner weiß genau, wie Picard sich finanziert. Ein rätselhafter Bursche. Dass er sich nun nach einem Job umsieht, bedeutet wohl, dass seine Quelle allmählich versiegt.

Ich bin mal nachts mit ihm durch die Stadt gezogen, und irgendwann mal führte er mich in ein Innenstadt-Büro. Kärglich möbiliert, wie in einem amerikanischen Film noir-Thriller, kein Schild an der Türe, nicht mal eine Klingel. Auf meine Frage, wem das hier gehöre, hat er nur milde gelächelt. In eine Schublade gegriffen und einen Bündel Geldscheine rausgezogen. Dann sind wir wieder los. Ein rätselhafter Bursche.
28.11.08 15:56


s



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung