Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Engel und Indianer planen sich selbst

Heute war ein Indianer zu Besuch in der Bibliothek. Er war sehr scheu. Er trug einen langen Zopf, pechschwarz glänzend, und er sprach spanisch. Er war nicht alleine. Er hatte eine Frau dabei. Die war schmal und wirkte ein wenig verloren, wie in einer fremden Kindheit abgegeben, und nun fand sie nicht zurück. Na, was weiß ich denn.

Irgendwie so was.


Wie immer, wenn die Sonne draußen ist, hab ich die Tür zum Hof aufgesperrt, wie eine große Einladungskarte für Leute, die sonst keine Bibliothek betreten.
Zufallspublikum.

Da mein Schreibtisch aber im Raum nebenan steht, krieg ich nicht unbedingt mit, wenn jemand über den Hof in die Bibliothek kommt.

Als ich Schritte höre, blick ich automatisch auf. Ein Räuspern, nebenan.
Zischeln.
Weitere Schritte.
Dann scheint jemand ein Buch aus dem Regal zu nehmen, und es fällt zu Boden.
"Oh", höre ich.

Ich geh nachschauen. Ein junger Mann mit Zopf, er hebt ein Buch auf, mit dem Rücken zu mir. Daneben die Frau. Ein Mädchen fast noch.
"Hallo", sagt sie.
Großes Mädchen, und so schmal, dass es im Stehen eine Kurve macht.
"Hallo", sag ich irritiert.
Ist die dünn.

Es ist halb sechs durch.
Um sechs mach ich Feierabend.

Die beiden Besucher krieg ich kaum mit. Ich höre hauptsächlich mein eigenes Tippen, wenn ich das nächste Buch in die elektronische Maske eingebe, und ab und an Schritte. Mehr ein Schleichen. Als wären Bücher Beute.

Viertel vor sechs. Ich geh rüber in Raum 2, wo ein Ensemble zum Lesen einlädt: Designer-Stühle, deren Rücken aus strammen, silbrigen Seilen geflochten sind, wie bei Harfen, aus denen Silbermusik tönt, wenn man sich anlehnt. Ist aber niemand da.
Lehnt sich niemand an.

Die Beiden sind schon weiter, in Raum 3. Wo die Kunstbücher sind. Meine Schätzchen.
"In zehn Minuten ist Feierabend", sag ich.
Die Beiden, vor einem Stahlregal hockend und lesend, blicken verstört auf.
"Klar", sagt die junge Frau.
Der Mann sieht aus wie ein junger Indianer. Er guckt weg.

Zurück an den Schreibtisch. Ich gebe ein Buch über Konrad Felixmüller ein, während in Raum 3 betriebsames Aufräumen startet.
Ich steh wieder auf.
"So war das nicht gemeint. Ihr könnt euch ruhig Zeit lassen. Ich wollte nur Bescheid sagen, dass um sechs geschlossen wird. Interessiert ihr euch für Design?"

Ist ja eine Designer-Bibliothek.

Die Frau nickt, und der Indianer blickt wie gebannt auf den schwarzen Granitboden, auf die gleiche Stelle, von der ich eine Stunde zuvor ein weißes Fitzel Papier aufheben wollte, doch als ich danach griff, hatte ich plötzlich zwei kleine Flügel in der Hand und eine Motte flatterte empört zur Decke.

Der Fährtenleser löst den Blick.

"Ja", sagt die Frau. "Er studiert Design. Aber er spricht nur spanisch. Habt ihr auch spanisch-sprachige Bücher?"
Ich denk nach.
"Hm, ja."
Dieser Schrank in der Ecke. Darin verstauben Ordner mit aufgeklebten Etiketten. USA, Ungarn, UDSSR.
Die Beiden folgen mir.
"Vielleicht hier drin", sag ich.

Tatsächlich, zwei Ordner mit dem Etikett "Spanien".
"Und was ist mit dem Nicaragua-Ordner?" fragt die Frau. (Sind so Frauen, bei denen denkt man: Die sind noch nie gestorben. Die haben schon immer gelebt. 1940, 1990. Und sie sind immer jung. Verstörend jung, verstörend dünn.)
"Nicaragua? Wo?"
"Na, da", sagt sie, mit dem Zeigefinger.
Ich hol den Ordner hervor.
"Er kommt aus Nicaragua?" frage ich.
"Ja", sagt sie.

Der Indianer lächelt mich an. Ich lächle zurück. Wir haben das Wort Nicaragua benutzt. Und da ist dieser rote Ordner, auf dem das Wort Nicaragua steht.
Ich halte seine Heimat in den Händen.
Er ist stolz.

Er kommt aus dem Hochland.

Als die Beiden wenig später aufbrechen, reicht er mir die Hand. Wir sind jetzt Verbündete. Ich hab einen Indianer zum Freund. Die Frau sagt Aufwiedersehen. Sie lässt in der Eile einen DIN-A-4-Umschlag liegen. Da drin sind Fotos, und Bewerbungsunterlagen.
Ich geh in den Hof, ich rufe nach ihnen, doch sie sind bereits fort.


Ich räume die Ordner zurück in den Schrank. Und dabei fällt mir diese magische kleine Moment ein, vor Jahren, als der Bruder vom dicken Hansen, ein begnadeter Percussionist, von einem zweijährigen Aufenthalt am Konservatorium Havanna zurückgekehrt war und, angesteckt vom Voodoo-Glauben auf Kuba, heimlich einen kleinen Hausaltar aufgebaut hatte.
Nicht mal sein Bruder wusste davon.
Niemand.

Nicht, dass er sich dafür geschämt hätte. Nein, er fürchtete, der Zauber könnte verfliegen, der Altar entweiht werden, sollte ein Ungläubiger davon erfahren.

Und "Schnickschnack" denken.

In einer Sommernacht in den späten 90ern waren der kleine Bruder vom dicken Hansen und ich mal wieder so stoned, dass wir nicht wussten, wohin mit all der heiß-bräsigen Zuneigung, die man empfindet, so lange das Pulver wirkt.

Kurz vorm Verpuffen führte er mich in den Keller, wo früher einmal das Schwimmbad gewesen war und nun ein leerer Pool vor sich hintrocknete und allmählich Risse bekam.
"Ich zeig es dir", sagte er.
"Was zeigst du mir?"
"Das."

In einer Ecke stand ein alter Schrank. Das unterste Fach war abgeschlossen. Er öffnete es - und gestattete mir Einblick in seine kleine karibische Welt, zwanzig Sekunden lang:

Blickte ich in eine sehnsüchtig flackernde Installation elektrischer Kerzen, die ihr Licht gegen ein mit rotem Glanzpapier ausgekleidetes Schrankfach warfen, ein Mini-Plüsch-Club, in dessen Mitte ein winziger Weihwasser-Kessel schaukelte - ich sah angestrahlte Amulette, rote Gebets-Zettel, Lametta, ich sah..

nichts mehr, Türe zu.
"Ahora es mejor", sagte er.

Wir haben nie ein Wort über diese Szene verloren. Ich hatte auch keinerlei Fragen.

Ahora es mejor.


Als ich um sechs Uhr die Bibliothek abschließen will, kommt die junge Frau angespurtet, außer Atem.
"Ich hab.."
"..den Umschlag vergessen", sag ich.
"Ja."

Ich reiche ihn rüber.
Draußen im Hof wartet der Indianer. Er steht in der prallen Sonne und winkt mir fröhlich zu.
Ich winke zurück.



*
Die Gräfin hat eigene Vorstellungen.
1.10.08 18:08


Nur ein paar dumme Stunden*

29. 12. 99

Zwei Tage vorm nächsten Jahrtausend sitzt Pepe abends in der Küche, mit dem Rücken zur Heizung. Er friert.

“Was machst du?” ruft seine Frau. Sie hat es sich schon im Bett gemütlich gemacht, der Fernseher läuft.

“Lesen”, antwortet Pepe matt.

“Was?”

“Lesen..”

“Ja. Aber was liest du?”

“Zeitung.”

Tatsächlich liegt die Zeitung vor ihm auf dem Teppich, doch unterm Lokalteil stecken die drei Pillen, die Paco ihm letztens in die Hand gedrückt hat, samt Beipackzettel.

Paco, der kleine Spanier.

“Hier, wenn du einen Affen schiebst. Aber sei vorsichtig. Das Zeug wirkt nur, wenn es dir richtig dreckig geht. Zum Antörnen ist das nichts.”

“Warum hast du mich nicht gefragt?” meinte Sherry später, seine Frau, als alles vorüber war. “Ich hätte dich vor Subutex gewarnt, und alles wäre nicht passiert.”

“Klar hätte ich dich fragen können. Aber du hättest sowieso gesagt, lass die Finger davon! Nimm bloß kein Subutex, solang du keinen richtigen Affen schiebst, da geht der Schuss nach hinten los. Also hab ich es heimlich gemacht. Damit du mir nicht reinredest. Damit ich.. ach, Scheiße. Ist doch logisch, oder?”

“Na, super logisch.. Weißt du was? Du bist wie ein Mono-Plattenspieler, der seit hunderttausend Jahren dieselbe langweilige Single abnudelt.”

Noch liegen die Pillen vor ihm. Noch hadert Pepe. Schließlich ist Subutex nicht irgendein Medikament, soviel ist klar. Wenn man Pech hat, wird der Affe, den man vom Baum holen will, nur noch angefüttert. Dann wird den Zellen noch das letzte Quentchen Opium entzogen und man sitzt da, roh und nackig und auf eine brachiale Art clean, von einem Moment zum nächsten. Dann kannst du nur noch abwarten bis die Attacke vorüber ist.

(Bei der Substitutionstherapie opiatabhängiger Patienten mit Buprenorphin, dem Wirkstoff in Subutex, ist zu beachten, dass es bei der Umstellung auf Buprenorphin – vor allem wenn noch signifikante Mengen anderer Opiate im Körper sind – aufgrund seines partiell antagonistischen Charakters zur Entzugssymptomatik kommen kann.)

Partiell antagonistischer Charakter..? Entzugssymptomatik? Ja, leck mich doch! denkt Pepe. Mir ist jetzt schon kalt..!

Subutex, soviel hat er kapiert, ist Opiat und Opiatblocker zugleich. Es dockt an der Stelle im Gehirn an, wo Opiate wirken, doch erst wenn die Rezeptoren wirklich frei sind, erlegt Subutex den Affen und man fühlt sich wohl.

Wobei, ein richtiger Affe ist das eh nicht, der Pepe durch die Knochen geistert. Es ist eher das Grauen vor der Nacht, die vor ihm liegt. Die ganzen Stunden, bis endlich der Morgen dämmert und er zum Doc latschen und das Rezept abholen kann für die Wochenration Methadon. Für seinen über alles geliebten Apothekenzustand. Der keinen Gott neben sich duldet.

Paco hat mal gesagt, dass er das nicht kapiert.

“Was kapierst du nicht?”

“Dass du von einem Ersatzmittel abhängig geworden bist. Methadon ist doch nur Ersatz. Warum bist du nicht gleich beim Original geblieben?”

Da ist Pepe wütend geworden.

“Ich sag ja auch nichts zu deiner dämlichen Sauferei”, hat er geantwortet. Er kann es auf den Tod nicht ab, wenn ein Süchtiger dem anderen seine (andere) Sucht vorhält.

“Selbst am saufen wie ein Loch, aber mir Vorhaltungen machen, dass ich Metha nehme! So ein Mist, Paco.”

Da hat der nur überrascht aufgeguckt und nichts mehr gesagt.

Und warum zum Teufel soll ich mich auch erklären? denkt Pepe. Wem gegenüber? Alten Freunden, der Staatsanwaltschaft? Der Schmiere? Und wie oft hätten die es denn gern!?

Natürlich ist das alles eine Riesenscheiße. Der ewige Druck, genug von dem Stoff zu besitzen, damit es einem nicht schlecht geht. Diese ewige Verstopfung. Die Müdigkeit. Und die ganze Kohle, die dafür drauf geht, weil der Doc nicht so viel Methadon verschreibt, wie er es gern hätte, er also jede Woche noch dazu kaufen muss, auf der Platte, beim dicken Methadonhändler.

Und: Wenn Heroin, das Original, schon kein Publikumsknaller ist, dann ist Methadon, der Ersatz, wirklich ein einsames Geschäft.

Man sitzt schließlich nicht in trauter Runde zusammen und kippt ein Töpfchen Metha und lacht sich schlapp.

Pepe wiegt die Pillen in der Hand. Kann sich nicht entscheiden. Die Küchentüre ist einen Spalt geöffnet, er sieht das blaue Licht des Fernsehapparats durch Sherrys Zimmer flackern. Sie lacht. Sie ahnt nichts von seinem Dilemma. Sie ahnt nicht, dass er in den letzten Tagen mal wieder zuviel Methadon geschluckt hat und daher auf dem Trockenen sitzt.

Auf dem Teppich in der Küche, wo er sich den Hintern an der Heizung verbrennt, aber weil die Kälte tief in den Knochen steckt, kann das Erdgas aus Russland noch so bullern, es erreicht ihn nicht.

Pepe ackert den Beipackzettel ein drittes Mal durch. Er kann sich kaum konzentrieren. Die Worte fliehen wie Pferdchen über den faltigen Zettel und werfen Pünktchen auf; schräge Striche.

Ich reite mich mal wieder nur selbst über den Oxer in die nächste Scheiße, mit den Nüstern stürz ich. Meine ganz spezielle Spezialität, denkt er.

Paco hatte schon Recht: “Du machst immer und immer wieder den gleichen Fehler!” Nein, gar nicht wahr. Das war nicht Paco, der das gesagt hat. Das war Sherry gewesen. Oder sein Doc? Der auch. Scheiß der Hund drauf.

Auf dem Beipackzettel von Subutex entdeckt Pepe was von “mindestens vier Stunden Abstand” zur letzten Einnahme eines Opiats.

Wie jetzt, doch nur 4 Stunden?! Pepe ist verwirrt. Es ist gleich 22 Uhr, und den letzten Rest Metha hat er letzte Nacht um 3 Uhr genommen. Das ist achtzehn Stunden her. Und viel war es ja auch nicht gewesen. Lausige 5 ml. Der Rest vom Fest. Was also kann da schief gehen, wenn er jetzt Subutex einwirft? Damit ihm wärmer wird. Damit die Nacht ihren Schrecken verliert.

Vier Stunden..

Andererseits weiß Pepe von Leuten, die auf Subutex umgestiegen sind, dass sie vor der ersten Einnahme mindestens 36 Stunden clean bleiben mussten. 36 Stunden, und nicht vier. JA WAS DENN JETZT!??

Es bleibt ein Vabanquespiel. So schlimm wird es schon nicht werden, denkt Pepe. Selbst wenn es schief gehen sollte, morgen früh kann ich ja zum Doc und mein Metha holen. Mein gelbes Saufopium. Meine Big Arznei.

Aber was ein dämlicher Gedanke. Kann ich ja gleich die Finger davon lassen und bis morgen früh warten.

Er nimmt die erste der drei Subutex-Pillen à 2 mg in die Hand. Jetzt nicht mehr lange fackeln. Jetzt sublingual, jetzt unter die Zunge legen.. jetzt.. ist es schon passiert.

Als sich die erste Tablette aufgelöst hat und bitter durch seinen Schlund sickert, blättert er die Zeitung durch und wartet. Horcht in sich hinein. Ob da was klingelt. Warm anflutet.

Nein, natürlich nicht. Was sind schon 2 mg? Ist ja nicht mit 2 mg Metha zu vergleichen. Ist ja nur ein Klacks. Was bringt ein Klacks?

Er wartet keine Viertelstunde, dann legt er die beiden restlichen Pillen unter die Zunge. Wenn schon, denn schon. Das Herz eines Junkies schlägt nicht, es reitet. Sich selbst. Über den Oxer.

Pepe sitzt vor der Heizung. Es wird wärmer. Etwas lichter ums Herz. Oder..? Nein.

Keine Ahnung. Aber schlechter geht’s ihm auch nicht. Oder doch!?

Eine halbe Stunde ist vergangen seit der ersten Pille, als er sich zu Sherry legt. Der Fernseher läuft, doch er ist woanders mit seinen Gedanken. Allein mit meiner Sucht. Einsam.

Einsam, weil er mal wieder das Maul nicht aufkriegt.

Sie wundert sich, warum er so still ist. “Ist was?” fragt sie, doch Pepe winkt nur ab. “Ich bin müde.” Er dreht sich zur Wand und schläft auf der Stelle ein.

Als er wach wird, steckt sein Brustkorb in Stahl-Zwingen. Er ist nass geschwitzt. Oh Gott.. oh mein Gott..!! Er flüchtet aus dem Bett. Raus hier. Bloß raus..!

“Was ist denn los?” wundert sich Sherry.

Pepe ist voll auf Affe. Auf Grund gelaufen. Der Schweiß pläddert an ihm herunter. Er hat nicht mal eine halbe Stunde geschlafen.

“Ich fühl mich.. scheiße..”

“Wie, du fühlst dich scheiße!? Was hast du angestellt!?”

Pepe ist es, als wälze er durch ein großes, überwürztes Feuer, als brenne er lichterloh.

Er flüchtet ins Bad, steht vorm Spiegel. Riesige schwarze Bratpfannen glotzen ihn an! Wie lang hat er nicht mehr solche Pupillen gehabt. Sein Herz rast. Er lässt sich auf den Wannenrand nieder. Sherry kommt hinzu.

“Was hast du gemacht?”

“Ich hab.. Scheiße gebaut. Ich hab Subutex genommen..”

“Du hast.. was!? BIST DU BESCHEUERT!?? Da kommst du voll auf Affen, wenn du nicht clean bist!”

“Ich weiß..”

“Wie, du weißt!? Warum hast du es dann gemacht??”

“Ich dachte, also.. ich weiß nicht, was ich gedacht hab. Ich hatte zu wenig Metha für heute.. Scheiße. Was mach ich jetzt??!”

So jedenfalls halt ich die Nacht nicht aus, schreit Pepe, doch kein Ton dringt heraus.

Er rennt durch die Wohnung, panisch, in Auflösung.

“Ich halt das nicht aus..”

“Du hältst das aus”, versucht Sherry ihn zu beruhigen. “So schlimm ist das auch wieder nicht..”

Ihr zweifelnder Blick straft ihre Worte Lügen.

Die ganze Nacht. Die ganzen Stunden.

“Ruf den Doc an”, sagt sie, und wartet erst gar keine Antwort ab. Sie sucht die Telefonnummer von Doktor Hilten heraus, der Pepe substituiert.

Es ist kurz vor Mitternacht, als sie die Nummer wählt. Natürlich springt nur der Anrufbeantworter an.

“Was hast du denn gedacht?” sagt Pepe. “Dass der Hilten nur darauf wartet, dass ich anrufe!?”

“Nee, aber dass eine Nummer genannt wird für Notfälle, was weiß ich..”

Sie versucht es bei der Auskunft. Fragt nach der Privat-Nummer von Doktor Hilten. Tatsächlich erhält sie eine Handy-Nummer. Sie wählt. Hält Pepe den Hörer hin.

“Ich.. kann doch jetzt nicht reden..”

“Du kannst. Natürlich kannst du. Du kannst reden. Rede mit ihm. Frag, was du machen sollst.”

Er nimmt den Hörer in die Hand. Dauert nicht lang, und der Doktor nimmt ab.

“Ja..?”

“Doktor Hilten? Hab ich Sie.. gestört? Schlafen Sie schon?”

“Hmm.. Wer is da?” Es klingt, als habe er ein Kissen im Mund. Er räuspert sich.

“Ich bin’s, Pepe. Ich hab Scheiße gebaut.. Ich hab.. mit Subutex experimentiert..”

“Experimentiert? Mit Subutex? Was redest du da? Ja, das ist Scheiße.” Doktor Hilten ist ein voluminöser Mann. Er liegt im Bett. Er spricht leise. Es raschelt im Hintergrund.

“Da hast du jetzt ein paar.. dumme Stunden vor dir. Hast ein paar Manschetten. Klapperst ein bißchen. Kann aber nichts passieren.”

“Ich fühl mich aber scheiße.. extrem. Könnten Sie nicht..? Ich mein.. sollte ich nicht Methadon nehmen, damit..”

“DU SOLLST NICHTS NEHMEN!! DAMIT MACHST DU ALLES NUR SCHLIMMER!”

Pepe sagt nichts mehr. Hat eh keinen Sinn. Sherry beobachtet ihn.

“Du schaffst das schon”, meint der Doc leise. “Kommst du morgen früh in die Praxis. Dann hast du es schon hinter dir. Nur ein paar dumme Stunden. Kann nichts passieren..”

Pepe legt auf. Tigert durch die Wohnung. Weiß nicht, was er machen soll. Die ganze verfluchte Nacht..

“Das halt ich nicht aus bis acht Uhr..!”

“Ich denk bis sieben.”

“Um sieben macht der Doc auf. Aber das Rezept in der Apotheke kann ich erst um acht einlösen.”

Abwechselnd hockt er zitternd vor der bullernden Heizung oder tigert ins Bad, wo ihn schwarzen Bratpfannen anstieren. Wo sind seine harten kleinen Opium-Pupillen hin!? Wieso hab ich alle drei Pillen auf einmal genommen?! Du Idiot! Trottel! Und jetzt hier Rumheulen! Er steigert sich immer mehr rein.

“Jetzt steigere dich nicht noch mehr rein..! Komm, bleib ruhig. Ich mach dir ne Wärmflasche. Ich lass dir ne Wanne ein. Ja, leg dich einfach in die heiße Wanne und entspann dich.”

Pepe hört sie reden, sie meint es gut, aber sie spürt nicht den Abgrund, an dem er sich befindet. In seinem Kopf wirbeln die Möglichkeiten. Was er noch machen kann. Wo man jetzt was auftun kann, um die Uhrzeit. Pulver, Metha, irgendwas, das hilft.

Vier Stunden.. WIESO STAND AUCH AUF DIESEM SCHEISS BEIPACKZETTEL WAS VON VIER STUNDEN!!?

Er holt seine Brieftasche vom Schrank. Da ist zwar kein Geld drin, aber Telefonnummern.

“Wohin willst du..?” fragt Sherry.

“Ich.. weiß nicht. Raus hier. Ich halt das nicht aus, hier drinnen. Die ganze Nacht.. Vielleicht kann ich Angelo anrufen.”

“Angelo?”

“Ja. Von dem besorg ich mir schon mal was..”

“Was denn?”

“Na, Metha..”

“METHA?? BIST DU VÖLLIG BEKLOPPT?”

Er steckt die Brieftasche ein. Auch wenn das Blödsinn ist, denn selbst falls Angelo was Methadon übrig hat, tut er es nur gegen Bargeld raus. Angelo verleiht nichts. Und Pepe ist blank. Was soll es also? (Andererseits, es ist ja ein Notfall..)

“Wenn du jetzt auf Subutex noch Metha nimmst, machst du alles nur noch schlimmer! Dann ist das jetzt ein Zuckerschlecken gegen das, was dich DANACH erwartet!!”

Pepe hat sie lang nicht mehr so zornig erlebt.

“Wenn du das machst, bin ich morgen weg!”

Scheiße. Scheiße!! Tatsächlich heißt es in der Szene, dass man einen miesen Subutex-Trip aushalten muss. Dass jede Form von Morphium, die man zusätzlich einwirft, alles nur noch schlimmer macht..

Die Nummer von seinem Psycho-Doc fällt Pepe in die Hand. Der psychosozialen Betreuung. Die liegt auch dem Schrank. “Ruf an, wenn was ist”, hat er mehrfach angeboten. Es ist Mitternacht durch. Alles wird immer enger, je länger Pepe wartet und nichts unternimmt. Es ist zwölf Uhr durch. Da geht doch kein Schwein mehr ans Telefon. Kein Junkie, der was abdrücken kann, kein Psycho-Doc, der.. ja, was ? Niemand!

Und Angelo kann ich von hier aus eh nicht anrufen, denkt Pepe, dann brennt die Hütte. Ich muss in die Telefonzelle. Ich hab keine Telefonkarte. Auf der Klingenstrasse steht eine Telefonzelle, die nimmt Münzen. Wenn Angelo überhaupt ans Telefon geht. Wenn der überhaupt zu Hause ist. Wenn der noch nicht pennt. Wenn der überhaupt was Metha zum Abgeben hat. Zum Verleihen! Wenn, wenn, wenn.. Scheißdreck! SCHEISSDRECK!!

Er wählt die Nummer vom Psycho-Doc. Eine Art Hippiedoktor. Der wohnt in Bonn. Was will Pepe überhaupt von ihm? Metha hat der sowieso nicht. Seine Frau hebt ab.

“Ja..?”

“Ja, hier ist .. Kann ich..?”

“Oh. Mein Mann ist oben, der schläft schon. Worum geht es denn?”

“Äh.. nee, das bringt jetzt nichts. Wenn er schon schläft..”

“Ja, der schläft schon..”

“Frag sie doch wegen Subutex, was du da machen kannst”, flüstert Sherry eindringlich, aber Pepe legt den Hörer auf.

“Woher soll die das denn wissen?!”

Wieder tigert er durch die Zimmer.

“Ich halt das nicht aus hier heut Nacht. Ich muss raus.”

Er muss was unternehmen. Aber er will Sherry auch nicht mit ihrer Angst zu Hause lassen, dass er sich womöglich etwas antut. Er sagt, dass er ins Städtische gehe, in die Notaufnahme.

“Ich setz mich einfach da hin, damit ein Arzt in der Nähe ist, wenn was passiert.”

“Was soll passieren?”

“Dass ich durchdrehe. Umkippe. Was weiß ich. Keine Ahnung.”

“Ich kann dich doch fahren.”

“Nein..! Ich muss.. gehen. Unterwegs sein. Die Zeit umkriegen. Wenn du mich ins Städtische fährst, sind wir in zehn Minuten da, und dann? Sitz ich da.”

“Wenn du zu Fuß durch die Kälte marschierst, sitzt du auch gleich da.. in ner dreiviertel Stunde.”

“Ja, aber nicht in zehn Minuten. Ich geh langsam, dann brauch ich ne Stunde bis dahin. Dann hab ich die Stunde schon mal um..”

Er sitzt auf dem Bettrand und schnürt schwerfällig die neuen Stiefel. Hab ich die Brieftasche, die Handynummern?

“Bau keinen Scheiß”, fleht sie. “Bitte..”

“Ich hab keine Kohle für Scheiße bauen.”

“Seit wann brauchst du Kohle, um Scheiße zu bauen..”

Pepe ist so blank, er kann nichts vom Konto abheben. Keine Chance. Es ist alles sinnlos. Und es wird immer später. Gleich ein Uhr. Da geht doch kein Schwein mehr ans Telefon.

In seinem Kopf baut sich die Müngstener Brücke auf, die höchste Eisenbahnbrücke in Deutschland, oben am Schaberg. Er muß es nur die steile Klingenstrasse hoch schaffen, dann ist er da. An der Brücke. 110 Meter hoch, eine Million Nieten. Wo man den Scheiß hinter sich lassen kann. Die Verwüstungen. Die inneren Debakel.

Nur ein bißchen Fallen.

“Mach dir keine Sorgen”, sagt Pepe zu Sherry an der Haustüre, trotz dicker Winterjacke und Weste vor Kälte und Angst und Schwäche bibbernd. “Ich lauf einfach ins Städtische, setz mich dahin..”

“Soll ich dich nicht doch fahren?”

“Nein.”

Es ist fünf Grad unter Null. Wenn ich durch den Park gehe, in Richtung Klingenstrasse, zur Telefonzelle, riecht sie sofort Lunte, dass ich nicht ins Krankenhaus will, denkt Pepe. Und so müht er sich erst in entgegengesetzter Richtung den Berg hoch. Und dreht sich um. Sieht die gemeinsame Wohnung, hell erleuchtet. Sie steht nicht am Fenster. Pepe dreht ab und geht durch den Park.

Die Enten schnattern wütend, als sich seine Schritte nähern. Die Beine tun es nicht richtig. Sie sind schwach. Er ist allein. Es ist kalt. Kaum Autos unterwegs. Das belgische Autobahnlicht der Laternen. Motorräder in der Ferne, eine Sirene. Schnee.

Richtung Telefonzelle ist Richtung Angelo ist Richtung Brücke ist Richtung 110 Meter Höhe.

Als Pepe die Telefonzelle erreicht, die in der Dunkelheit erstrahlt wie ein altes gelbes Juwel, hat er kaum noch Kraft in den Beinen. Er zieht die Türe auf, holt die Brieftasche aus der Jacke und legt sie auf dem Fernsprecher ab. Da ist ein einziges 50 Pfennig-Stück drin. Der Rest ist unbrauchbar. Kupfergeld. 50 Pfennig. Er hat nur einen einzigen Schuss. Der muss sitzen.

Und dann.. findet Pepe die Telefonnummern in der Brieftasche nicht. Da sind dutzende von Zetteln drin, aber nicht der Zettel, auf dem die Telefonnummern drauf sind. Oh mein Gott.. er hat ihn zu Hause liegen lassen.. Er ist zu schwach, um Scheiße zu brüllen. Er versucht sich an Angelos Handynummer zu erinnern, wie betäubt. Die Scheiben der Zelle sind beschmiert mit knappen Edding-Botschaften. Ich liebe, ich hasse. Er wirft das 50 Pfennig Stück ein. Probiert ein paar Nummern, aber er hat dauernd einen Zahlendreher drin. Er kriegt es nicht hin. Drückt jedes Mal die Gabel runter, bevor es zum Anschluss kommt, damit kein Geld flöten geht.

Und dann versucht er es doch. Mit der Nummer, die er für richtig hält. Es hebt tatsächlich jemand ab. Es ist halb zwei in der Nacht. Donnerstagnacht. Eine fremde weibliche Stimme.

“Schuldigung”, flüstert Pepe und leg sofort auf. 20 Pfennig sind weg. Runtertelefoniert. Er kriegt diese scheiß Handy-Nummer nicht zusammen! Aber ’schuldigung sagen.. das geht, du Scheißer!

Plötzlich fällt ihm Ringo ein. Was ist mit Ringo..? Ringo hat Handy und Festnetzanschluss. Pepe hat ihn lang nicht gesehen. Bestimmt ein Jahr. Oder ein halbes. Sie sind zusammen aufgewachsen.

Eine Menge Leute sind damals zusammen aufgewachsen.

An die Handy-Nummer erinnert sich Pepe nicht, aber Ringos Festnetznummer steht wie eine 1 auf seinem inneren Display. Fragt sich nur, ob das was bringt. Er hat vor einigen Tagen Simone getroffen, mit der Ringo lange zusammen war, und sie erzählte, dass Ringo aus Angst vor der Schmiere nur noch selten das Telefon abhebt. Das Festnetztelefon..

Pepe hat die Nummer schon gewählt. Nach dem zweiten Läuten hebt Ringo ab.

“Mhhjaa..?” Verpennt. Von ganz weit her.

“Ich bin’s”, schnappt Pepe auf. Als hätte er sich verschluckt. “Wie sieht’s aus, Alter..? Kannst du mir.. weiterhelfen?”

“Alter, nee. Bei mir ist auch übel. Sieht nich gut aus. Übel sogar..”

Ringo atmet schwer.

“Moment mal.. Ist da der..? Bist du das, Pepe.?”

“Ja, sicher”, beeilt er sich. Er hat noch einen Groschen drauf. Die letzten 10 Pfennig.

“Ich bin in einer Telefonzelle, mir geht’s dreckig. Ich weiß nicht, wie ich über die Nacht komm. Ich brauch.. nicht viel.”

Ringo schwenkt um.

“In Ordnung, Alter. Dann komm vorbei. Aber mach schnell.”

“Ich beeil mich. Aber ich bin zu Fuß unterwegs. Ne halbe Stunde brauch ich..”

“Halbe Stunde..? Mach hin. Ich hab Schlaftabletten drin.” Klick. Weg ist er.

Pepe packt die Brieftasche ein und schleicht los. Er hat keine Kraft mehr. Die Nacht ist so eiskalt, er friert und schwitzt abwechselnd, dann gleichzeitig, und schließlich kann er es nicht mehr auseinander halten, ob er nun schwitzt oder ob er friert. Er ist froh, dass er sich noch auf den Beinen halten kann.

Als er die Abkürzung über den alten Güterbahnhof nimmt, kriegt er kaum noch einen Fuß vor den anderen. Dichter Schneefall setzt ein. Pepe hält sich an einem Bauzaun fest. Ein Wagen fährt im Schritttempo vorüber. Der Fahrer glotzt herüber. Pepe erkennt die Taxi-Beleuchtung auf dem Autodach.

Hoffentlich sieht der Fahrer das, wenn ich jetzt umkippe. Und hoffentlich ist Ringo nicht eingepennt, auf seinen Schlaftabletten, so bräsig, wie seine Stimme klang. Falls er mein Klingeln nicht hört, bin ich geliefert. Ich hab kein Kleingeld mehr zum Telefonieren. Ich hab überhaupt keinen Pfennig Kohle in der Tasche.

Pepe schellt zwei Mal kurz hintereinander. Dann eine Pause - und noch zwei Mal kurz. Das Zeichen, das Ringo ihm mal anvertraut hat. Und das sonst nur seine Mutter kennt..

Es dauert keine fünf Sekunden, da summt der elektrische Türöffner. Gott sei Dank. Pepe schleppt sich die Treppe hoch. Erste Etage. Ringo, in Unterhose und T-Shirt. Auf langen, dünnen Beinen.

“Schliess ab”, sagt er knapp und geht schon mal vor. Der Schlüssel der Etagentür steckt von innen, und Pepe dreht ihn um.

“Schliess zwei mal ab! Ist besser.”

Als Pepe die Bude betritt, steht Ringo vorm Rechner und singt laut vor sich hin. Irgendeinen Blödsinn.

“Ich hab eine Affinitäääät.. zu Pförtnern..!” Überdrehter Ringo-Blödsinn. Seine Nase läuft. Er grinst.

“Der Pepe, mitten in der Nacht.. Mann, dir muss es ja schlecht gehn..”

Seine Bude ist überhitzt. Nicht gelüftet seit Tagen. Aber aufgeräumt. Wie immer. Ringo ist penibel. Und Pepe könnte kotzen vor Knochenschwäche.

“Als würd ich von innen verfeuert.”

Ringo wackelt, ist aber nicht bräsig, trotz all dem Schnaps, der Schore, dem Koks, den Pillen, all den Sachen, die er intus hat.

“Erzähl. Was is los?”

“Ich hab Subutex genommen, auf Metha. Also auf Reste von Metha..”

“Alter! Subutex auf Metha! Wie bist du denn drauf!? Da fährt man einen gewaltig üblen Streifen. Scheiße..”

Ringo setzt sich auf den Bettrand und kratzt sich am Sack.

“Mir ist das mal passiert, da hab ich voll die Panik gekriegt, hör mal. Ich hab mich bekotzt und beschissen, so derb bin ich abgefahren..!”

Pepe zieht die dicke Jacke aus und setzt sich aufs schwarze Ledersofa. Ringo ist laut. Wunderbar laut. Hauptsache laut, und Leben..

“Da war ich nur am Kotzen, Alter! Und weil ich vorher noch Rotwein gesoffen hab, war das ganze Klo ne fette rote Lache. Mann, war das übel! Subutex auf Metha.. Scheisse. Wie bist du denn drauf..”

Er setzt sich an den gläsernen Schreibtisch, auf dem sein Notebook steht und wo er seine Schore verwaltet. Er zieht ein Säckchen aus der Schublade.

“Ich hab aber keine Kohle”, sagt Pepe.

“Kein Thema, Alter. Aber so gut bestückt bin ich nicht. Ich muss mich morgen wieder frisch machen. Wärst du besser gestern übel abgefahren, da hätte ich dich richtig fett breit gemacht, Alter. Na, mal sehn..”

Ringo zieht mit der Rasierklinge eine Line braunes Pulver über die Glasplatte. Chkkkrrr..

“Hier.. zieh das erst mal weg.”

Er überlässt Pepe den Chef-Sitz, und verzieht sich ins Bett. Der Fernseher läuft. “Außer Atem, Alter. Das Original.. mit Belmondo. Geil.”

Seine Augen klappen zu. Pepe sitzt unentschlossen vor der Line. Weiß nicht, ob er es wagen soll. Wenn das stimmt, was alle sagen, wenn also alles noch schlimmer wird..? Manchmal reden die Leute auch große Scheiße. Diese Art von “vier-Stunden”-Scheiße. Er kann sich nicht entscheiden.

“Was ist, Alter?” bellt Ringo. “Keinen Bock?”

“Ich weiß nicht, ob ich damit nicht noch übler drauf komm.”

“Mh. Nimm doch erst mal nur die Hälfte.. oder ein Drittel, und warte ab, was passiert.”

Die Line liegt vor Pepe, er hat den Strohhalm schon in der Hand. Wie immer hat Ringo sich nicht lumpen lassen. Die Strasse ist gut zwanzig Zentimeter lang. Ein Gramm. Dafür könnte er locker einen Fuffie verlangen, auf der Strasse. Pepe steht auf, ohne gesnieft zu haben, und läuft durch die überheizte Bude. Holt nacheinander die Hieronymus Bosch Figuren aus dem Regal, die Ringo aus Holland mitgebracht hat, wo sie an Tankstellen verkauft werden. All diese verrückten Figuren aus der verrückten Welt von Hieronymus Bosch, der auf LSD war, ohne es jemals genommen zu haben. Mittelalter-LSD.

Pepe irrt umher, setzt sich an den Schreibtisch, steht wieder auf.

„Alter, du machst mich kribbelig!“ ruft Ringo und bietet Pepe Beeren-Schnaps aus der großen Pulle an.

“Hier, Baby, Artilleriefeuer! Alter, ich dachte, das wäre Beerenwein, du weißt schon, so ne laue Nummer, ein Oma- Schnäpschen zum Kaffee.. Aber Teufel, das Zeugs tut es wirklich. Hier, vierzig Prozent. Kommt so ziemlich dem nahe, warum ich irgendwann mal das Jägermeistersaufen angefangen hab. Artilleriefeuer, Baby! Nimm einen Schluck! Mach dich locker, Alter!”

Pepe winkt ab.

“Nee, lass mal, keinen Schnaps. Bloß nicht.”

“Also, langsam werd ich böse. Ich streu dir ne schöne Nase – willst du nicht. Ich biete dir Artilleriefeuer an - auch keinen Bock. Mann, warum holst du mich mitten in der Nacht aus dem Bett??”

Pepe steckt den Strohhalm ins Nasenloch und zieht die Strasse in einem einzigen Haps weg, so gewaltsam, dass es in der Nase lodert.

“So kenn ich dich”, wiehert Ringo, “den dicken Rüssel ausgefahren, Alter..!”

Die nächsten zwei Stunden liegt Ringo im Bett und plaudert und singt und guckt Video, während Pepe gegenüber auf dem schwarzen Ledersofa hockt und ununterbrochen radelt, so sehr zucken seine Beine. Er strampelt wie ein Hamster im Rad und nur allmählich, ganz allmählich, wird ihm etwas wärmer, und der Affe klingt ab.

Einmal legt Pepe sich auf dem Sofa lang und versucht ein wenig zu schlafen. Ringo kommt leise rüber und deckt ihn mit einer Baumwolldecke zu. Dann sucht er auf seinem Rechner die Datei mit den Songs von Jonathan Richman, die er vor Jahren aus dem Internet gezogen und auf CD gebrannt hat, nur für Pepe. Der ist fast gerührt, wie sehr Ringo sich um ihn bemüht.

Irgendwann sitzen die Beiden nebeneinander im Bett und gucken Video: Außer Atem.

“Den schieb ich glatt noch zehn Mal in den Rekorder, Alter..”, meint Ringo. “So cool ist der.”

Belmondo sitzt 1959 im Bett, in Unterhose und Hut.

“Das Schlimmste im Leben ist Feigheit”, sagt er zu seiner amerikanischen Geliebten und nuckelt an einer Mais-Zigarette. Dann wechselt er den Hut gegen ein kariertes Tweed-Käppi.

“Cool!” johlt Ringo. “Alter!”

Um fünf Uhr morgens ruft er für Pepe ein Taxi, das er auch gleich bezahlt.

“Hier, das müsste reichen.”

“Kriegst du wieder, die Kohle”, sagt Pepe.

“Kein Thema, Alter. Kein Thema..”

* Für
Ringo
(1961-2007).

_____________________________________

Wo immer dein Rom liegt.
4.10.08 16:03


Die ultimativen 5%

Ja, sie kann mir sogar beim Denken zuhören, solch extrem sensible Ohren besitzt Frau Moll als Hütehund-Mischling. Das hängt mit den Aufgaben eines Hütehundes zusammen, der in der Lage sein muß, auch über eine Entfernung von Hunderten von Metern die Kommandopfiffe ihres Hirten wahrnehmen zu können. Und wenn ich dann still und heimlich "ist es nicht langsam Zeit für die Abendrunde mit dem Hund?" andenke, kommt die Dame schon angerobbt und streckt fiepend alle viere von sich:

Chef, wir können!!

Es kann natürlich auch passieren, dass in meinem Kopf überhaupt nichts los ist, bloß leere Frequenzen, die im Schädel stehen und nicht zu senden haben, und Wüste: Da gibt es auch für die sensibelste Super-Hündin nichts zu lauschen, logisch.

Wobei: Ich geh sowieso davon aus, dass nur fünf Prozent aller Gedanken etwas taugen. Es ist nur eine Vermutung, klar, aber es ist eine Vermutung, die auf stabilen Beinen daherkommt: Meiner lebenslangen 5%-Erfahrung.

Über die Jahre, die ich auf diesem Planeten gastiere, hat sich eine Annahme verfestigt, die ich als ultimative 5%-Regel bezeichnen möchte, ja, die als ultimative 5%-Regel Eingang in den allgemeingültigen Kosmos meiner Ideen gefunden hat, und eben dort selbst gastiert.

Es sind nicht nur 5 % aller Gedanken, die etwas hermachen, ich hab mal nachgerechnet, dass man lediglich mit 5% aller Leute wirklich etwas anfangen kann.

Die Rechnung, Herr Glumm!

Wenn man davon ausgeht, dass ein halbwegs kommunikativer Mensch in seinem Leben etwa 1000 Leute näher kennenlernt, so bleiben nach der 5%-Regel am Ende 50 Leute übrig, mit denen man in Urlaub fahren würde. Aufs ganze Leben gerechnet. Wirklich für eine enge Freundschaft indes taugen von diesen 50 wiederum nur 5%, das macht dann exakt 2,5 Freunde. Das haut hin.

Doch zurück zu den Gedanken. Nun könnte man sagen, dass bei fünf Prozent aller Gedanken, die was taugen, im Laufe eines Lebens trotzdem so einiges zusammen kommt, doch dazu müsste man erst mal wissen, wieviel man überhaupt so denkt am Tag.

Dazu klemme ich mir gleich nach dem Aufwachen den Kilometerzähler vom Rennrad an die Schläfe. Schließlich, was dem Rad die Anzahl der Meter, ist dem Kopf die Summe der Gedanken.

Als ich abends ins Bettchen steige, lese ich den Zählerstand ab: 3600.
Davon 5% = 180.
Wiederum davon 5% = 9.
9 Gedanken am Tag taugen was, der Rest ist Füllstoff, Routine.

Und so geht es weiter und weiter. Probiert es aus. Es haut hin.
Die ultmimative 5% von 5%-Regel.
Oder nich?

Ich hab absolut null Ahnung!
11.10.08 12:22


Jede Heimkehr bringt Fieber

Verliebt sein ist wie eine unerwartete Heimkehr, und jede Heimkehr bringt Fieber.

Als wir im Winter 79 zum ersten Mal verabredet waren, saßen Lena und ich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt einen ganzen Nachmittag lang am Busbahnhof, zu schüchtern für einen ersten Kuss, aber mit löchrigen Turnschuhen und der Gewissheit: das ist es.

Noch in derselben Nacht bekam ich vierzig Grad Fieber, mir taten alle Knochen weh. Drei Wochen lang lag ich mit einer schweren Nierenbeckenentzündung flach, und Lena, nicht mal fünfzehn, kam mich besuchen, den Poncho übergeworfen, und neben meinem Bett dampfte der Haschischtee.

Im Februar 87, nachdem ich beim Tucholsky-Abend über der alten Stadtbücherei die Gräfin kennen gelernt hatte, wankte ich spät in der Nacht heim, und unten im Park spürte ich es schon den Rücken hoch kriechen, das erste Fieber nach sieben Jahren, ein Eingehülltsein in die ureigene Hitze, und da wusste ich: das ist sie.

Verliebt sein ist wie eine unerwartete Heimkehr, und jede Heimkehr bringt Fieber.


*
Überarbeitet:
Arztbesuch.
14.10.08 11:41


Johnny Guitar

Wir kannten uns noch nicht lange, als wir im Frühjahr 87 vom Kaff der guten Hoffnung (Solingen) aus in Richtung Hoek van Holland aufbrachen, in ihrem blauen Auto, das ich lange Zeit für einen Peugeot hielt, es war aber ein rostiger Renault 12.

Auf dem Kofferraum glitzerte ein Ausrufezeichen.

"Will dein Spiegel uns eigentlich verarschen?" murrte ich auf der Autobahn, "Wieso?", "Weil die Sonne im Rückspiegel untergeht, und das auf der Hinfahrt!"
"Oh ja?" sagte sie, "wie gemein."

Das Kassettendeck im R 12 hatte einen chronischen Schluckauf. Spätestens nach vier oder fünf Songs begann das Gerät sich zu verschlucken am eigenen Chromdioxid, es hickste und eierte bis man mit der flachen Hand unter das Laufwerk haute, dann war funky Johnny Guitar Watson wieder dran, "A Real Mother": uhuhuh-uu ba-bee! blue mountains. I need you, girl! be by my side.

Wir kriegten nicht genug davon.
Es war unser Soundtrack.
Johnny Guitar Watson.
A real Mother.

Die Kassette steckte vom ersten Tag an im blaupunkt drin, zu meiner Überraschung. Denn natürlich hatte ich die Platte auch zu Hause, von funky Pepe geliehen.

Wir klapperten Zeeland ab bis zur Gemeinde MONSTER, und wir machten einen Abstecher rüber nach Belgien. Ich seh es noch vor mir, das Ortsschild NAZARETH, als ein Mofa vorüber schoss, mit im Wind flatternder adidas-Turnhose.

So etwas vergisst mein nicht.

Es waren sonnige, innige Tage, und auch wenn ich sie kaum jemals essen sah, sie brutzelte wie ein Erdnussbutterkraftwerk.
Sie lief auf höchster Priorität.

Manchmal schossen Pistolenworte aus ihr heraus, mit heftigem Wangenrouge aufgetragen, wenn ich sie von der Seite ansprach während sie noch ihren Gedanken nach hing, WASS??!, mit Fragezeichen wie Gewehrsalven.

Beinah täglich wechselten wir das Hotel.
Als wären wir auf der Flucht.
Eine entspannte, sechs Tage lange, süße Flucht.

FLÜCHTEN UND SONNE SAMMELN!

Ihre Hüften glühten in den Dünen, mein Sack voller Sand.
"Die seitlichen Frauentaschen aber auch."

Das letzte Hotel hieß De rote Leeuw und stand in Sluis, Süd-Holland. Sluis, das Nest hatten wir auf der Landkarte gefunden. Dreißig Kilometer vom Meer entfernt, "da müssen wir die letzte Nacht verbringen", war sie sich schnell einig, "in Sluis."

"Sluis", sagte ich, "das heißt Schluss?"
"Denn nicht?"
"Weiß nicht. Wenn man es slüss ausspricht, ja. Aber sprich es mal sleuss aus."
"Du meinst Schleuse?"
"Ja."

Hotel de rote Leeuw. Smakkelijk. Die durchgelegene Matratze im Doppelbett eine prima Kuhle für zwei, das Zimmer direkt über der Straßenkreuzung.

Am nächsten Morgen, es war ein Sonntag, probte die Dorfkapelle früh im Hinterzimmer, hemdsärmelige Posaunenstöße, Holzpantinen:
SABRE DANCE!

"Hui, ne Tuba!" "Is meine!"

Wir rückten zwei Sessel ans Fenster und blickten schweigend hinunter auf die Hauptverkehrsader von Sluis, Süd-Holland. Da war aber nichts los. Kein Fahrzeug, nur ferne Geräusche, nicht mal Sonne.

Also, wir drehten den Spieß herum. Spielten Kommissar und Kommissarin, die ein steckbrieflich gesuchtes Paar verfolgen, das halb Kontinentaleuropa verfrühstückt hatte.

Brutale Sonnensammler.
Peugeothippies, Watson Institute.

Auf einen vagen Tipp hin lagen wir auf der Lauer, über der Kreuzung von Sluis, Süd-Holland, der Kommissar Keesebreek und die neue Kommissarin.

Doch das gesuchte, ultra-brutale Pärchen schien wie von der Küstenstraße: verschluckt.
"Hau mal unters Deck", sagte die Kommissarin zu Keesebreek und zog an ihrer weißen Kent Filter. "Eiert wieder."

(Sluis.)
16.10.08 15:42


Mittelmaß

(Schlimmer als die Mittelmäßigen sind nur diejenigen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als dazu zu gehören, zum Mittelmaß. Die alles dafür geben.)
18.10.08 12:45


Furzen ist wie Applaudieren auf engstem Raum!

Mein armer alter Rechner (Siemens) braucht mittlerweile geschlagene zehn Minuten bis er hochgefahren ist. Dabei verursacht er Geräusche, als würde Ali Baba durchs Gehäuse reiten, mit seinen 40 Räubern auf dem Weg ins Freudenhaus von Virus City.

“Da stimmt doch was nicht!” meint mein Chef hellsichtig, als ich davon erzähle. “Das ist doch verseucht, das Ding! Das kann doch nicht sein!”
“Ach, das hat der von Anfang an gemacht”, sage ich. “Also, vielleicht nicht zehn Minuten, aber zwei oder drei hat der immer gebraucht.”

Der ist wie ich. Ich brauch auch Zeit, bis ich auf Touren komme.
Oder, wie die Gräfin mal gemeint hat, treffend:
“Du hast etwas Komatöses im Charakter.”


(Außerdem: Man muss auch mal ohne Ortswechsel sechs Wochen lang seelisch auf Montage gehen können.
Unbedingt.)
20.10.08 11:19


Was bleibt? (Zum ersten Todestag von Ringo)

Gestern Abend, vor einem Jahr.
"Ich bin müde", murmelte Ringo und drehte sich zur Seite.
Es waren seine letzten Worte, Mary hatte sie gehört.


*
Vierzehn Tage später. Es war schon dunkel, als mich die Gräfin und Frau Moll zu Fuß vom Institut abholten, begleitet von einem Tross Glühwürmchen, die wie kleine, grüne Ufos über die Trasse sausten.

"Glühwürmchen im November", wunderte ich mich, "haben die kein Quartier?", aber die Gräfin war mit den Gedanken woanders.
"Was würdest du tun, wenn du wüsstest, du hast noch eine Stunde zu leben?"
"Noch eine Stunde?"

Seit Ringo's Tod ging er uns nicht mehr aus dem Kopf, der Tod. Mit welcher Nüchternheit er zuschlug. Und wieso es immer die Falschen traf. Obwohl, das stimmte ja nicht. Auch die Richtigen erwischte es, irgendwann.

"Da würd ich mich erst mal ne Viertelstunde ärgern, glaub ich. Blieben noch 45 Minuten.. genau eine Halbzeit. Lang genug, um noch ein Tor schießen."
"Ein Tor? Wo?"
"Na, unten im Klauberg, auf dem alten Sportplatz. Wo jetzt Kunstrasen liegt. Ich würde ein paar Kumpel anrufen und sagen, macht schnell, ich hab's eilig. Bringt einen Ball mit. So einen alten, aus richtigem Leder. Obwohl, nee, das dauert zu lang. Bis die Penner einen richtigen Lederball aufgetrieben haben, ist Schlußpfiff.. Tja, keine Ahnung. Was würdest du tun, wenn du noch ne Stunde hättest?"
"Nichts."
"Wie, nichts?"
"Na, nichts. Einfach da sitzen und auf die Uhr gucken, wie sie schlägt. Und dann, kurz vor Ablauf, mich verabschieden von allen, die ich liebe. Ganz flott."
Sie zündete sich eine Zigarette an, und die grün blinkende UFO-Kolonne löste sich erschrocken auf, in alle Dunkelheit.
"Andererseits sollen die sich ja nicht aufregen. Also nee, ich weiß nicht.. Blöde Frage, eigentlich."

Am nächsten Tag, elf Uhr fünfzehn.
"Trauerfeier Ringo G.", stand in weißer Kreide geschrieben auf der Schiefertafel vor der Kapelle.

Was bleibt am Ende eines Lebens?

"Er war ein Lieber, aber er war ein Armer", hatte seine Mutter gesagt. Mütter dürfen so etwas sagen, wenn sie weinen. Und auch wenn sie nicht weinen.

"Ringo war ein toller Typ", kondolierte ich ihr hernach und drückte ihre überraschend warme Hand.
Er war ein Aufrechter.
Er hat sich niemals klein gemacht.
Er hat sich nie für seine Sucht geschämt.
Er hat sich nie für irgendetwas geschämt.

An diesem windstillen Freitag, als der Nebel sich einfach nicht auflösen wollte und die ganze Stadt aussah wie England, lag der Sarg, merkwürdig klein für so ein langes Elend, aufgebahrt in der Kapelle des evangelischen Friedhofs, den ich so gern als Abkürzung nutzte, wenn ich in die Stadt ging.

Es war eine große, ratlose Gesellschaft, die sich eingefunden hatte. All die Bekannten seiner 87jährigen, beinah blinden und wunderbaren Mutter, die ihm so sehr ähnelte, die Verwandschaft, Freunde, die hübsche 24jährige Tochter, seine Verflossenen und Mary, die Aktuelle, alle waren sie noch mal aufmarschiert.
Selbst zwanzig verhuschte Junkies tauchten aus dem Nebel auf, einige mit Blumen in der Hand, und verschwanden nach der Trauerfeier wie sie gekommen waren, im Nebel.

Nachdem der Pfaffe seinen Psalm heruntergemümmelt hatte, wurde ein Ghettoblaster gestartet, verschämt aus der hintersten Ecke heraus. Das Stück hatte Mario, ein Bekannter, am Abend zuvor noch aus dem Internet gefischt - von einer Band namens MASTERS OF REALITY.
"Kenn ich nicht", sagte ich zu Mario.
"Kannte ich auch nicht", sagte Mario.

Was folgte, war wie ein groteskes, letztes Störfeuer von Ringo. Als baumelten seine langen Beine von Wolke 9 runter, die knallrote Ted Nugent-Gitarre geschultert, das kantige Grinsen. Kaum, dass der Song der Masters Of Reality eingesetzt hatte, eine harte Southern Rock Nummer, so wie Ringo es liebte, begannen die Glocken der Kapelle zu läuten, wie Artilleriefeuer übertönten sie den Song, minutenlang. Selbst, als die CD längst gestoppt war, läuteten die Glocken munter weiter.

Ich sah die Gräfin an, die neben mir saß, und auch sie wusste nicht, ob sie weinen oder lachen sollte - wir entschieden uns für beides.

Was bleibt, am Ende? Was bleibt nach dem Abstrampeln für ein Schäufelchen voll Anerkennung? Für die Momente des Durchatmens? Für die paar Highlights? Es bleiben Erinnerungen und ein allerletzter Wunsch, der nicht mehr in Erfüllung gehen sollte.

"Ringo wollte noch mal einen Drachen steigen lassen", vertraute uns Mary an, seine Freundin, als wir mit leeren Augen vor der Kapelle standen, an diesem Freitag im November 2007, an dem nicht der leiseste Windhauch ging und das Laub satt und mirabellengelb von den Ästen hing, an dem der Nebel nicht weichen wollte, der Nebel.
21.10.08 15:09


21. Okt 08

Heute ist Ringo ein Jahr tot, und ich sitze auch schon im Wartezimmer des Todes, jedenfalls fühlt es sich so an, zwischen dem vierten und fünften Lendenwirbel, dahinten, wo es weh tut. Im Rücken.

"Nehmen Sie schon mal Platz, Herr Glumm. Sie werden dann aufgerufen."

Normalerweise kann es mir ja nicht schnell genug gehen, dass ich an der Reihe ist, in diesem speziellen Wartesaal allerdings.. im Wartezimmer des Todes, also, ich hätte durchaus noch etwas Zeit mitgebracht..

"Herr Schiwandowski, bitte..!"

Poh, noch mal Glück gehabt.

"Herr Löw?"

Mann, Mann, Mann.. was geht das ab hier,

"Herr Aykan!",

einer nach dem Anderen! Malocht der Tod im Akkord? Kriegt der ne fette Zulage? Und immer werden nur wir Männer aufgerufen, niemals Frauen, obwohl hier doch ne Menge Frauen rumsitzen, aber die werden nicht aufgerufen, im Gegenteil. Sie schnattern angeregt miteinander, tauschen sich aus, während die Männer, jeder für sich, ängstlich auf die Schuhspitze starren.

"Herr Koggert!"

Ein Aufstöhnen. Wieder einer weg. Und dann ist es so weit: ich bin allein, allein mit 7 Weibern im Wartezimmer! Und nicht nur das! Da kommt auch schon die achte auf hohen Hacken vom Klo zurück! Eine aufgetakelte Supertussi, die sich zu ihren beiden aufgetakelten Tussifreundinnen gesellt, die sie zum Arzt begleiten, in den Tod, so wie sich das gehört in dem Alter!

Ich unter 8 Frauen, und.. da kommt noch eine! Die laufende Nummer 9 tritt ein in den Warteraum! Schande auch! Der Himmel ist ein Männerdomäne, das Wartezimmer ein Frauenzimmer!

"Frau Höttges?"

Nein! Ist nicht wahr! Die Dame neben mir erhebt sich ächzend, sie trägt ein Handarbeitskörbchen in den Händen.

(Hier ist vielleicht was los. Was eigentlich?)

"Morgen zusammen."

Na, das war ja klar! Kaum ist eine Frau ins Niemandsland verschwunden, sofort ist Nachschub da! Eine Dickmadam, schwarzer Rock und Sandaletten, in denen sie sich schühchenweise vorwärts bewegt, Packung Tempo in der Handtasche, schnaubend.

Auch die Girlies lassen mächtig Dampf ab. Sie nehmen ihre nicht anwesenden Top-Boys auseinander.

"Charakter hat der Simon bis zum Gehtnichtmehr, echt, ist wahr, und Top-Muskeln auch - aber fette hässliche Pickel in der Fresse!"

Eine der Kandidatinnen schätze ich auf höchstens fünfzehn, sie ist viel zu jung fürs Wartezimmer des Todes. Oder ist sie vorsorglich schon mal hier? Lässt sich beraten, falls sie womöglich von einem besoffenen LKW-Fahrer überrollt wsird morgen und übrig bleiben nur Trümmer und Urin.

"Herr Glumm?"

NEIN!! ES IST SOWEIT! ICH BIN JETZT DRAN! DER SCHNITTER GREIFT NACH MIR..!

"Ihre Krankmeldung.. bitte sehr."
21.10.08 18:34


Trümmer und Urin

Ich bin hier nur noch am löschen. Ich schreib irgendwas, lese es am nächsten Tag und denke, was ein Müll, wo ist die Löschfunktion, weg damit.

Nächster Versuch.

Wenn es einen Satz gibt, der Gift ist für mich, dann: "Das geht von alleine weg." Der Satz ist wie ein Freibrief für: Dann kann ja alles bleiben, wie es ist. Dann muss ich ja nur ein bißchen warten.
Viertelstunde, sieben Jahre, bis Donnerstag.

Vive la Trott!

Es war natürlich der Orthopäde, der "Das geht von alleine weg" zu mir gesagt hat, der drahtige kleine Sport-Orthopäde ganz in weiß.

(Früher hab ich Leute getroffen, die hatten ihre Spendierhosen an, heute treff ich Leute, die tragen Sprechstundenhosen. Welch ein Niedergag. Niedergang.)

Was er meinte: meinen "leichten" Bandscheibenvorfall zwischen dem vierten und fünften Lendenwirbel, und den stechenden Schmerz im linken Bein.
"Da ist ein Nerv eingeklemmt. Aber das geht von alleine weg."

Ja, super. Von allein! Wie damals in der 7a, als mich alle Pickelfresse riefen und ich nur darauf wartete, dass die fiesen stacheligen Gesichts-Früchte endlich von alleine runterfallen oder aufplatzen.

Wie konnte das überhaupt geschehen, der Vorfall in den Bandscheiben, ich hab keine Ahnung, vom vielen Sitzen vermutlich, klar vom Sitzen, woher denn sonst: Ich bin besessen und ich sitz viel, ich bin ein Bildschirmarbeiter, die sitzen alle viel, die sind besessen, das ist so.

Aber wenn ich mich mehr bewege und, etwa, mit dem Hund raus geh, das kann auch ins Auge gehen. Ins Kreuz.
Wie neulich, als ich mit dem Frau Moll die letzte Abendrunde drehen wollte und mich dabei so böse hingelegt hab, ich hätte auch tot sein können.

So tot, wie jeden Tag in den letzten 48 Jahren.

Ich kann ja nur von Glück reden, auf dem engen Zedernweg (zum Beispiel) nicht mal einem Autofahrer begegnet zu sein, der 1,88 Promille im Blut hatte und keine Lust mehr, seine Homosexualität zu kaschieren. Der lebensmüde war und das Lenkrad herum riss und frontal ich mich reindonnerte, weil ich zufällig der Strasse entlang ging.

"ÜBRIG BLIEBEN NUR TRÜMMER & URIN!"
(Solinger Morgenpost)

(Jammern gehört zum Handwerk. Ja, der Herrscher muss jammern und wehklagen, heißt es im I-Ging. So stellt er sich seine Problemen.)

Aufs Kreuz gelegt hatte ich mich aber nicht am Zedernweg, sondern bei uns im Hinterhof, eine Häuserreihe weiter Richtung Wald, wo es so feucht und dunkel ist, dass sich kleine Inseln aus Moos gebildet haben, auf dem alsphaltierten Weg, und das war nicht zufällig, das war in echt.

Seifiger Untergrund, nasses Tee-Wetter am Abend - ZIMMP! - rutsch ich mit den Schlappen weg! (Ich wollte ja nur auf einen Sprung zum Bolzplatz, hinter dem Frau Moll eines ihrer diversen Klos unterhält, in dem dichten Gebüsch, in dem die Niete begraben liegt, unser erster Hund. So fügt sich eins zum anderen.)

Auf Schlappen. Ich rutsch auf dem seifigen Untergrund aus und knall wie ein Brett nach hinten weg, lande auf den Rücken, so ansatzlos und schnell, dass ich den Sturz kaum mit den Ellbogen auffangen kann, titsch' mit dem Hinterkopf auf wie ein Flummi, tapp-tapp. Zwei Mal.
Ganz trocken.

Flapp.
Falapp.

(Mit welcher Lässigkeit dagegen Tiere fallen. Die versuchen gar nicht erst sich abzufangen, die fallen einfach. Sie LASSEN fallen.)

Ich blieb einen Moment liegen, versuchte zu realisieren, was passiert war. Bewegte ein paar Sachen, ob die gelähmt waren. Und ob da Blut kam, aus dem Hinterkopf, voll am sickern. Da war aber nichts. Da tat auch nichts weh. Ich war nur abgegangen wie die runtersausende Schranke.

Ich stand auf und ging weiter, aufmerksam, auf Schlappen, über grüne moosige Inselchen, zum Gartentor, wo der Hund auf mich wartete, der währenddessen Schnuppern gewesen war und jetzt nur darauf wartete, dass ich endlich das Törchen öffnete.

Ich hätte gelähmt sein können, oder tot, mit weniger Glück. Ohne jegliches Glück. Im Schicksalsmoos. Und was zählt da schon, dass ich das hier morgen lese und denke, was ein Müll, wo ist die Löschfunktion, weg damit, vielleicht auch nicht.


*
"Schreib deinen Roman und hör endlich mit dem scheiß Bloggen auf. Wie oft soll ich das noch sagen? Das hindert dich nur noch."
"Aufhören?? Was denn! Jetzt schon!?"
22.10.08 13:01


Das hätten wir denen in den 70ern nicht durchgehen lassen!

Wieso entführt eigentlich niemand den Ackermann, um ihm mal mal ordentlich die Fresse zu ent-polieren!!?


*
Slip.
22.10.08 15:44


Kreidezeit

Seit ich lesen kann steht es an den Häuserwänden geschrieben, mit weißer Schulkreide,
S-E-X.
Und was machen die aktuellen Teenies daraus?
A-N-A-L-S-E-X.
Diese Schlitzohren.
23.10.08 11:05


Ich liebe das heiße Leben! (Komplett)

1
Es war die dritte Nacht hintereinander, dass sie bei mir geschlafen hatte, und jeden Morgen ließ sie sich mehr Zeit, bis sie unter die Dusche stieg. Die Geschichte wurde allmählich lästig.

"Ihr habt ne komische Brause. Mal ganz heiß, dann ganz kalt, und der Strahl ist so hart."
Sie stand tropfnass in der Küche. Ich holte ein Handtuch aus meiner Kommode und warf es ihr rüber.
Wir tranken einen Mocca am Küchentisch. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Sie auch nicht. Es war düster in der Küche, aber ich hatte keine Lust, Licht zu machen.

"Wer von euch beiden trinkt denn Kaffee beim Duschen?" beendete sie das Schweigen.
"Wieso?"
"Weil da ne Kaffeetasse rumsteht, im Bad."
"Ach so. Der Karlos. Aber beim Kacken, nicht beim Duschen."
Endlich war es so weit und das Burgfräulein begab sich zum Dienst in die städtische Klinik, wo sie als Kinderkrankenschwester arbeitete.

Ich setzte noch einen Mocca auf, guckte ob Karlos in seinem Zimmer war, (war er nicht), kurz darauf ging das Telefon.
Lena.

"Ich hab dich gestern in der Stadt gesehen, du hast ja die Haare ab.."
"Ja, schon seit ein paar Tagen."
"Das siehst ja furchtbar aus, wie ein entflohener Sträfling."
"So? Findest du? Mir gefällt's."
"Nee, gefällt mir nicht. Geht's dir so schlecht?"
"Wieso? Nur weil ich die Haare ab hab?!"
"Nee, wegen uns mein ich. Willst du dich damit selber strafen?"
"Ach, hör auf. Ich hab mich beschissen benommen letzte Woche im Nordpol, tut mir echt leid, das war überflüssig, aber ich komm schon klar."
"Na ja, wenn du meinst.."

Mir ging es natürlich nicht gut. Aber Lena war die letzte, der ich das auf die Nase binden wollte. Entflohener Sträfling.. Da war ja Karlos Kommentar noch besser gewesen, der gemeint hatte, ich sähe aus wie ein schwuler Berliner.

Karlos kam am frühen Nachmittag vom Friedhof. Mit sechs gestandenen Sargträgern hatten sie Mühe gehabt, eine hundertfünfzig-Kilo-Bombe in die Erde einzulassen.
"Und gestunken hat die fette Sau wie Arschritze ganz unten. Kennste?"

Wir schalteten die Glotze an, die in der Küche stand, die große Buntkiste von nordmende, und glotzten da rein.
Kinderstunde.

"So."
Karlos machte sich auf zur Probe. Das Ensemble hatte in vierzehn Tagen Premiere, "In der Einsamkeit der Baumwollfelder" von einem Franzosen, der an AIDS gestorben war, ein öder Text. Aber guter Titel. Die dreiviertel Miete.
"Warte", sagte ich, "ich komm mit in die Stadt."

Wir stiefelten schweigsam nebeneinander her. Die Weihnachtstage waren um und die Stadt voller Leute, die ihre Gutscheine einlösten. Vielleicht liefen sie auch nur durch die Strassen und taten so, als ob. Vielleicht hatten alle nur Langeweile.
Es nieselte. Graues Krähenwetter. Viel zu warm für Ende Dezember.
"Da kannste ja im Röckchen rumrennen", murmelte ich.
"Was?"
"Nix."

Mummstrasse.
"Sag mal, Glumm, was machen wir denn jetzt mit dem angebrochenen Leben?"
Ich zuckte mit den Schultern.
Die Stimmung unter uns war auf einem Tiefpunkt. Es hatte keinen besonderen Grund. Es war nur so, dass wir jetzt zusammen wohnten, aber die Dinge änderten sich dadurch nicht grundlegend.
Nein, sie änderten sich überhaupt nicht.
"Weiterbrechen", antwortete ich lapidar und zog die Tür zum Mumms auf. "Bis später."

Nachmittage im Mumms waren tödlich. Kaum Publikum, kalter Rauch vom Vorabend, Skatrunden. Vor neun, zehn Uhr abends konnte man den Laden vergessen. Andererseits konnte es immer mal passieren, dass plötzlich ein bekanntes Gesicht auftauchte und das Ruder herum riss, mit einem Hunderter in der Tasche. Oder zwei.

Ich versuchte langsam zu trinken, damit ich nicht zu schnell hinüber war, ich wollte den Abend noch erleben. Das Burgfräulein hatte erst Spät-, dann Nachtdienst, ich hatte einen freien Abend. Ha! Ich war nicht mal mit ihr zusammen und freute mich schon auf einen freien Abend..

Zwischendurch verschwand ich mit dem Spanier eine Runde nach draußen, unter die überdachte Bushaltestelle, einen Stickie rauchen.

Der Spanier war ein hübscher Junge mit prächtigen schwarzen Locken, für den alle Deutschen Fische waren, obwohl er selbst auch in Deutschland geboren war.
"Dann bist du auch ein Fisch."
"Ja, aber ein spanischer Fisch! Die sind nicht so nass!"

Einmal hatte er "Ich liebe das heiße Leben!" in mein Notizbuch gekritzelt, an einem Freitagabend im Mumms, im Gedränge, im Stehen, übers ganze Gesicht strahlend.
Ein glücklicher Bursche, eigentlich, der Spanier, hätte er nicht zwei Jahre zuvor im Übermut eine Handvoll Papers eingeworfen, auf Löschpapier geträufelte LSD-Säure, das war nicht so gut. Zwei Wochen lang irrte er durch die Landschaft, ohne Schlaf. Folge: eine handfeste Psychose.
Mal bildete er sich ein, das TV-Programm manipulieren zu können, mal war er Jesus und lief nackig über die Autobahn und versuchte den Verkehr zu regeln.
Da griff ihn die Autobahn-Polizei auf und brachte ihn nach Langenfeld.

Nach Langenfeld bringen ist bis heute ein Begriff in der Region, in Langenfeld steht das Landeskrankenhaus. Die Auslastung der Betten, sagt man, sei sehr gut bis ausgezeichnet.

Zwei Jahre verbrachte der Spanier in der geschlossenen Abteilung, es kursierten die reinsten Schauergeschichten über seinen Zustand. Fett sei er geworden, erzählte man sich, fett und aufgequollen aufgrund der starken Medikamente, willenlos und apathisch.
"Der kriegt keinen Piep mehr raus."

Einmal half ich Freunden bei einem Umzug zur Teufelsinsel, da sah ich den Spanier zufällig, als er zu Besuch bei seinem Bruder war. Er tippelte auf der anderen Straßenseite über den Bürgersteig, mit winzigen Schritten schob er er sich schühchenweise vorwärts. Ich winkte ihm zu, doch er erkannte mich nicht.
Damals hätte niemand auch nur einen Pfifferling auf seine Genesung gesetzt.

Nun war er seit einigen Wochen schon aus dem LKH entlassen und lebte vorübergehend bei seinem Bruder. Es war erstaunlich, er hatte sich tatsächlich erholt. Er wirkte wie eh und je, war vielleicht ein bißchen gesetzter geworden, ansonsten kiffte und bumste der kleine Spanier mit den stolzen Augen sich wieder durch die Gegend.
"Nur Langenfeld lass ich aus. Da kriegt mich keiner mehr hin."

Wir rauchten den Stick und er erzählte aus der Zeit in der Klapse. Ich riet ihm, mit dem Kiffen aufzupassen, "hinterher drehst du wieder ab."
"Nee nee", sagte er, "ich pass schon auf."

Bekifft im Mumms rumstehen hatte den Vorteil, dass das Bier besser lief, das war der Nachteil. Ich war viel zu schnell blau.
Schwarte kam rein. Er spielte Bass bei Phonebone, einer stadtbekannten Boogieband, und war schon angetrunken, er kam aus dem Proberaum am alten Nordbahnhof.
"Schwarte, wat is los? Spielste noch Bass?"
"Wass?!"

So ging das den ganzen Abend: Während der Laden sich allmählich füllte wie ein Karnickelbau, fragte ich Schwarte, ob er immer noch Bass spiele, und Schwarte glotzte zurück durch die dicken Brillengläser (Ray Ban) und schrie:
"WAASS!??"

Sperrstunde. Der Kellner schlug den Gong, "LETZTE RUNDE!"
Da grinste mich vom Tresen diese komische Tussi an, mit den unordentlichen Zähnen, ganz unverfroren guckte sie rüber, einer Aufforderung gleich, dann stand sie auch schon neben mir. Sie war irgendwie euphorisch drauf, gekünstelt, und lud mich ein, mit zu ihr zu kommen. Ich zögerte keine Sekunde. Ich hatte keine Lust, die Nacht allein zu verbringen.

Halb zwei, Rausschmiss. Vor der Tür kriegte ich mit, dass sie zwei weitere Kerle eingeladen hatte: Den langen Hoips und einen dumpfen Langhaarigen ohne Namen. Die Beiden hatten in einer Nische gehockt und stundenlang gequatscht. Na schön - aber was wollte sie mit drei Kerlen?

Der lange Hoips sah aus wie ein verkrachter Intellektueller, war aber nur ein harmloser Quasselkopf, der die meiste Zeit daheim auf dem Sofa saß und Haschischplätzchen futterte. Dann konnte er stundenlang auf irgendeinem Blödsinn herumreiten, auf dem Eigenleben von Industrieroboterschrauben zum Beispiel, das war auf Dauer ermüdend, nicht ganz so ermüdend vielleicht wie "Schwarte, spielste noch Bass!?", aber ermüdend.
"WAAAAAAAAAAAASSSSS!!!!???"

Taxi ins Villenviertel am Rande der Stadt. Da kam ich nicht oft hin. Eigentlich gab es gar keine reinen Villenviertel in Solingen. Es gab vereinzelte Spots, wo reiche Leute lebten.
Vereinzelter Reiche-Leute-Spot am Rande der Stadt. Rosenstöcke im Vorgarten.
Die Eltern der Unordentlichen waren verreist.
"Deine Eltern? Du wohnst noch bei den Eltern?",

Sie war mindestens Ende zwanzig. Sie sah jedenfalls so aus, die Unordentliche. Und sie war wirklich unordentlich. Unordentliche Zähne, unordentliches Haar und zwei hässliche große falsche Augen, unsexy wie nur was.

Wir hockten im riesigen Wohnzimmer und nippten an blitzblanken Weingläsern, gefüllt mit einem erlesenen Tropfen, wie sie mehrfach versicherte, dabei warf sie schwärmerisch ihr beknacktes Haar in den Nacken und zeigte ein riesiges Pferdegebiss.

"Dieses Jahr Heiligabend", überschlug sie sich, "bin ich soo glücklich gewesen.. WIE NOCH NIE! Ich hab das Gefühl gehabt, die ganze Welt liegt im Freudentaumel..! Ach nei-ein.. nicht liegt! Läge im Freudentaumel..! LÄGE, Kinder! Haach.. huiih!"

Hoips und der stumpfäugige Hippie, hellblödes Schlotterhaar vom vielen Trinken, wie Krautsalat, saßen ratlos nebeneinander und stierten in ihr Glas.
Sie wussten nicht, was sie von der Situation halten sollten.
Aus einer offenen Karaffe kippte ich etwas, was wie roter Campari aussah, in meinen Weißwein, danach hatte ich die Nase gestrichen voll, das war kein Campari! Das war Tri-Top!

"Ich leg mich was aufs Ohr", sagte ich. Das war alles, was ich von dieser Nacht noch wollte. Irgendwo in einer fremden Villa in einem fremden Bett knacken, das den Eltern einer Beknackten gehörte, und am nächsten Morgen woanders wach werden, als hätte ich mich verlaufen.
"Wo kann ich mich hier hinlegen?"
"Bedien dich, Cherie", flötete sie. "Im ganzen Haus sind genug leere Betten, such dir eins aus."

Ich steuerte gleich das erstbeste Zimmer an. Ein schmuckes Schlafzimmer. Ich zog die Schuhe aus, die Hose, und knallte mich aufs breite Ehebett. Tagesdecke mit Rosenmotiven, Tulpen, auf dem Nachttisch eine Schachtel Pralinen. Ich riss das Zellophan von der Packung und stopfte mir ein paar erlesene Böhnchen ins Maul, dazu spähte ich in einen Welt-Atlas, der lag auch auf dem Nachttisch, aufgeschlagen: Afrika.

Die Tür ging auf. Die Fregatte sah mich im Bett, lachte, doch schnell schlug ihre Stimmung um, sie wurde böse.
"Wie würdest du das denn finden, wenn ICH im Bett DEINER Eltern mit Schokolade rumsauen würde??"
Ihr Gesicht nahm gefährlich zickige Züge an.
"He, nu mach mal keinen Trouble, ich kann auch woanders hin.."

Ich schnappte mir die Klamotten, die Schachtel Pralinen und den Welt-Atlas, und verschwand eine Tür weiter in ein kleineres Zimmer. Es sah weitgehend unbenutzt aus, wie ein Gästezimmer, und nach sechs, sieben weiteren Ferrero Röchels ratzte ich auf der Stelle ein.

Als ich erwachte, stieß ich mit der Nase ans Kap Hoorn.

2
Mein Kopf brummte, das Bett war übersät mit Konfektpapier. Ich schob den Atlas weg und guckte mich um. Was war das hier? Das Gästezimmer? Wirkte eher wie das Nähzimmer, bloß dass nirgendwo ein Nähmaschine zu sehen war. Nur ein veralteter HiFi-Turm, darunter ein Hügel minderwertiger Eisenoxid-Kassetten.

Gegenüber vom Bett stand ein prächtiger Art deco-Schrank mit einem noch prächtigeren Spiegel. Ich war fasziniert von meiner Nacktheit, von meinen O-Beinen besonders, die mein Kapital waren, wie Karlos mal versichert hatte, ohne näher darauf einzugehen.
Lena fand sie sexy. Aber die war über alle Berge. Jetzt fand sie einen Soldaten sexy.
"Hat der O-Beine?" hatte ich sie gefragt.
"Blödmann."

Ich stand mit gespreizten Beinen auf dem Bett, wie ein Turner, der gerade falsch gelandet war, (Sport ist Mord, kam mir in den Sinn, und Turnen ist Totschlag), und versuchte vor dem Spiegel zu wichsen, aber da war noch zuviel Restalkohol im Blut, und zu wenig Schlaf. Ich legte mich wieder hin.
Kaum hatte ich die Augen geschlossen, hörte ich, wie die Tür einen Spalt geöffnet wurde. Jemand warf einen raschen Blick ins Zimmer, und die Tür schnappte wieder zu. Die Unordentliche. Wäre sie eine halbe Minute früher gekommen, hätte sie mich mit dem Schwanz in der Hand vorm Spiegel ertappt. Jetzt war die Morgenlatte da, und ich schlief beruhigt ein.

Der Digitalwecker zeigte 12 Uhr 00, als ich das zweite Mal wach wurde. Ich setzte mich auf den Bettrand und zog mir die Strümpfe an. Die kleinste Bewegung verursachte ein Stechen im Kopf, als stießen Stühle mit hoher Lehne gegen die Schädeldecke. Die Trinkmöbel. Mir war übel. Der Geschmack im Mund war eine Mixtur aus den Nougatpralinen der Nacht, der Bier-Gischt und Nikotin.

Als ich die Hose anziehen wollte, ging die Tür auf. Die Unordentliche lugte ins Zimmer. Ich sah nur ihr verschlafenes Gesicht, der Rest ihres Körpers blieb auf dem Flur.

Sie würde sich krankschreiben lassen, sagte sie, und sich noch mal für zwei Stunden aufs Ohr hauen. Kaffee wäre in der Küche, ein Brot könnt ich mir auch schmieren. Ich solle mich wie zu Hause fühlen.
Ich hörte, wie sie die Treppe runter ging.

Im Wohnzimmer, das mir kleiner vorkam als am Abend zuvor, aber immer noch größer war als die gesamte Bude von Karlos und mir zusammen, griff ich mir eine Camel ohne vom Tisch, und ging scheißen.
Stöberte im Bad nach ungebrauchten Rasierklingen, so was konnte man immer gebrauchen, ich fand nicht mal gebrauchte.

Die Hose hatte ich immer noch nicht an. Ich schleifte sie hinter mir her wie Linus von den Peanuts seine Lieblingsdecke, nur dass ich nicht den Daumen im Mund hatte und nuckelte.
In der Küche goss ich mir einen Kaffee ein, der so gräßlich schmeckte, ich spuckte ihn im hohen Bogen in die Spüle.

Auf einem Sideboard entdeckte ich Weihnachtspost. Zweimal aus der DDR, plus Grüße aus Braunschweig. Drei Karten, dreimal der gleiche Tenor: Wieso die Familie nichts mehr von sich hören ließe. Man lebe ja schließlich noch. Da war ich mir nicht so sicher. Im ganzen Haus hing ein leichter Fäulnisgeruch, ein unsichtbares, engmaschiges Netz des Todes.

Auf der Couch, zwei nagelneue Porzellan-Puppen, Weihnachtsgeschenke, lieblos in die Kissen gedrückt, und auf einem Teewagen ein Porzellanpuppen-Bildband. Ich blätterte darin wie in einem Hochglanzporno. Versuchte mir die Puppen nackig vorzustellen, es war zu lächerlich.
Es war wie immer nach einem versoffenen Abend, wenn ich aufwachte, war ich geil. Aber es war keine wirkliche Geilheit. Es war wie schnell ein Glas runterstürzen, wenn man Durst hat. Na schön, auch das konnte geil sein. Geil, und schnell.

Der Regen klatschte gegen die Fenster. Im Garten miaute eine fette graue Katze, sie wollte rein. Ich versuchte, die Veranda-Tür zu öffnen, kam aber mit dem Mechanismus nicht zurecht. Die Tür knarrte, bäumte sich auf. Ich fluchte, die Katze fluchte, der Regen flutete den Rasen.
Endlich ging die Tür auf. Das Vieh musterte mich skeptisch, kam rein.

Sie schlich um mich herum. Ich hockte mich nieder, auf den flauschigen Teppich, der alle Geräusche schluckte. Nur das Ticken einer Wanduhr war zu hören.
(In großen Häusern, in denen nichts anderes zu hören ist als das Ticken einer Uhr, ist es immer, als greife der Tod nach einem.)

Ich holte meinen Schwanz raus und ließ die Katze schnuppern. Ich spürte ihre Schnauzhaare, sie miaute. Sie war zu fett. Sie schnappte mit den Tatzen nach mir, und trollte sich.

Ich war ein einsamer Bauer in den Pyrenäen, der seinen Esel bumsen wollte. Verdammt. Ich saufte zu viel. Ich soff. Siff. Himmel! Ich wußte nicht mal mehr die Vergangenheit von saufen, weil sich alles immer nur in der Gegenwart abspielte!
Himmel, half!

Die Katze kam wieder. Ich saß auf dem Teppich. Sie hatte Vertrauen gefunden, schlich um mich herum. Einen Moment lang stellte ich mir vor, wie ich sie bespritzen würde. Muschis anwichsen.. pff. Außerdem hätte es ein Kater sein können. Kastrierte Kater, sind die nicht immer so fett? Mein Schwanz war endgültig am Boden, meine Phantasie streikte.
Phantasie?
War das nicht irgendwas mit ph am Anphang?
Ein Phallus am Morgen?
Ein ph-Wert?

Es dauerte keine fünf Minuten, da hatte ich das Haus verlassen und war draußen im Schnürregen.
Ein sanftes Geräusch, als stünden Engel vorm Urinal.
Ich stand am Eingang und versuchte mich zu orientieren. Jemand schneuzte sich so laut, ich zuckte zusammen. Im Erdgeschoß war ein Fenster geöffnet, auf Kipp. Die Unordentliche. Sie schneuzte noch mal, und ich knöpfte den Mantel zu und zog Leine.

Irgendwo am Weyer, in einem anderen Stadtteil. Um die Ecke war ein Park. Stiehl's Teich, stand auf dem Schild. Ich ging durch den Park, es regnete nicht mehr.
Zwei Gärtner überholten mich auf ihren Elektrokarren, eine Raupe fiel vom Baum. Hallo. Hallo, antworteten die Gärtner. Sie machten Pause auf ihrem Karren, mit von Nässe und Kälte steifen Arbeitshandschuhen.

"Wie heißen die Dinger?" fragte ich den Gärtner auf dem ersten Bock. Er hatte eine Halbglatze. Ich zeigte auf seine Maschine. Er zuckte mit der Schulter.
"Karren?" sagte er.
Dann tuckerten sie weiter.

Fünfzig Meter weiter stoppten beide, sprangen von ihren Karren. Der Halbglatz zog eifrig seinen Spaten runter und begann, Mutterboden zu schaufeln. Er schien sich zu amüsieren. Er zeigte auf mich, ich kam näher. Sie hatten Spaß. Und ich immer noch keine Ahnung, wie so ein Gefährt hieß.

"Maschinengespann", sagte der Andere, als ich sie erreicht hatte. "Firma Polder."
Ich antwortete nicht.
"Wollen Sie so ein Ding nachbauen?"

Ich ging weiter, umrundete den Teich, bis mir warm wurde. Auf dem Rasen kickten zwei Jungs. Ich setzte mich auf die Bank und zündete mir eine Camel ohne an.
Einer der Jungs stand abwechselnd im Tor, der andere schoß drauf. Der Kleine war talentiert, hatte Witz im Fuß, der Ältere war eine Niete, er trug eine Brille und machte einen Riesenanlauf für einen harmlosen, pomadigen Roller, der im Gebüsch verendete. Doch der Kleine gab sich loyal und zerrte die Pille hervor, wie Kleine eben sein müssen, bis sie die Großen überrunden und endgültig in die Tasche stecken.

Vom Weyer über Solingen-Wald, dann den langen Frankfurter Damm entlang. Ich ließ sämtliche Haltestellen links stehen, die Trolley-Busse vorüberfahren. Die eisige Luft tat gut, holte die Stühle aus meinem Schädel. Ich stellte sie vor die Tür, auf den Rasen. "Zum Mitnehmen" pinselte ich drauf. Niemand wollte sie mitnehmen, und doch, sie waren bald verschwunden.

Unterwegs kaufte ich Brötchen, Brombeermarmelade und einen Topf Fleischsalat.
Zwei Stunden später war ich endlich zu Hause.
Ich setzte einen Pott Mocca auf. Karlos war nicht da. Karlos war mittags nie da. Entweder er hatte Probe, oder er ging vom Friedhof direkt zu seinen Eltern, was essen.

Ich hatte den ersten Kaffee noch nicht auf, da schellte das Telefon.
"Hier ist Manu. Erinnerst du dich?"
"Na sicher", sagte ich, obwohl ich im ersten Moment "Und ob!" sagen wollte. Manu, in informierten Kreisen als "Der Schuß" bekannt, war Anfang Dreißig, geschlauchtes Gesicht, eigentlich hübsch, aber Lederhaut. Make up zwecklos, aber aufgetragen. Langes blondes Haar, Bombenfigur. Große Klappe, kiffte und trank zu viel.

"Was machst du gerade?" fragte sie.
"Frühstücken."
"Das trifft sich prima. Kannst du ja gleich einen Frühschoppen dranhängen. Wir sitzen hier mit ein paar Leuten, dreißig Liter Bier sind noch da und Gulaschsuppe. Keine Lust?"
"Hm.. ja. Warum nicht."
"Kannst auch noch Leute mitbringen, kein Thema."
Sie nannte mir die Bushaltestelle, wo ich aussteigen musste, und erklärte den restlichen Fußweg.

3
Ich kannte den Schuss vom Sehen und vom Hörensagen schon länger, kennengelernt aber hatte ich sie erst auf einer Party kurz vor Weihnachten, als ich ihr im besoffenen Kopf die Ohren voll sabbelte, dass ich zwar ein Mädel für die Nacht suchte, aber nicht zum Ficken.
Sie war entsetzt.
"Wie, nicht zum Ficken? Wofür dann?"
"Damit ich nicht allein bin."
Das wollte ihr nicht in den Kopf.
"Glaubst du, ich will dich auffressen, oder was?"

Sie war mit zu mir gekommen, hatte mir zwei Mal einen runtergeholt, ich ihr zweimal einen geblasen. Am nächsten Morgen, es lag eine dünne Schicht Neuschnee, hatte sie sich in dünnen schwarzen Strümpfen, knappem Leder-Rock und auf Stöckelschuhen vom Acker gemacht, nicht ohne mir noch Frohe Weihnachten gewünscht zu haben.

Ich saß am Küchentisch und glotzte in den Garten. Dicke Regentropfen hingen aufgereiht an der Wäscheleine, wie eine Lichterkette.
In der Wohnung oben drüber rief Frau Fischer ihren Liebhaber.
"MANNNNNFRED!"
Ich hörte ein schnelles Rumpeln, von einem Zimmer zum anderen, dann nichts mehr. Ich löffelte den Fleischsalat aus dem Plastiktöpfchen, nahm noch ein Brötchen dazu und machte mich auf die Socken.

Erst mal in die Stadt, ins Mumms. Das Bier lief mühsam. Ich schüttete ein paar Gläser Beaujelais drüber.
Possehl, der auf seinem Stammhocker am Tresen saß, (wenn man rein kam, links), meinte, dass viele Alkoholiker Gelbsucht bekämen nicht vom Trinken, sondern vom Ekel vor den ersten paar Gläsern am Tag.
"Ist wahr?"
"Keine Ahnung. Ja sicher."

Possehl war ein undurchsichtiger Bursche. Obwohl er nie einen Job hatte, kleidete er sich wie ein Geschäftsmann, der Popcorn-Maschinen verlieh oder bunte Party-Zelte, und er hatte immer Geld in der Tasche.
Vom vielen Saufen war seine Bauchspeicheldrüse hinüber. Weil nun jedes Schnäpschen ein Schnäpschen zuviel sein konnte, soff er kübelweise Sekt, dem er zuvor durch ständiges Rühren mit einem Teelöffel den Sprudel entzogen hatte, zum Warmwerden allerdings nahm er gerne einige Altbier mit einem Alibischuß Malzbier drin. Private Plirre, wie er gern sagte.
"Alles meine private Plirre."

"Komm, trink was Plirre mit mir", forderte er mich auf. Er meinte Sekt.
"Nee, da wird mir schlecht von."
"Ach was, trau dich."
Ich hatte Skrupel. Um die Uhrzeit Sekt, da war ich schnell hinüber.
"Ich will noch ein bißchen leben.. heute."
"Heute?" echote er. "Muß das unbedingt heute sein?"
"Nee, nicht unbedingt."
Er lachte.
"Eben!"

Possehl war voller Marotten und Tics. Er musste ständig Dinge berühren, anfassen. Man ging mit ihm durch die Stadt, runter zur Chinesischen Mauer, was essen, und Possehl blieb alle Nase lang stehen und spürte mit den Fingerspitzen der Hauswand entlang. Oder der Litfaßsäule. Ganz leicht nur, wie eine Spinne, mit einem seligen Lächeln im Gesicht, als lausche er einer Mauern-Arie.

Er war auf eine solch unschwule Weise schwul, dass kaum jemand davon wußte.
Das Schwulsein war ihm unangenehm.
"Aber was soll ich machen?" sagte er mal zu mir. "Ich würde sogar das Saufen an den Nagel hängen, Hauptsache, ich wär nicht schwul."
"Ist wahr?"
"Keine Ahnung. Ja sicher."
"Blödsinn", sagte ich . "Kann doch kein Mensch was dafür, was ihm antörnt."
"Ja.. trotzdem."

Weil er seine eigene Sexualität nicht mochte und keiner Arbeit nachging, hatte er sich ganz dem exzessiven Trinken verschrieben. Alles wurde dem Trinken untergeordnet, drumherum organisiert. Selbst der Vorgang des Trinken an sich war auf soldatische Art ritualisiert: Glas vom Tresen gezogen, (wie ein Zauberer die Tischdecke unterm Geschirr wegzieht), und dann zack, zack, runter mit dem Gesöff.
Kein langes Federlesen.
"JETZT MÜSSTE ES EINEN KNALL GEBEN - UND ICH BIN VOLL!" war sein größter Traum.
Er sollte tausend Mal in Erfüllung gehen.

Weil Possehl nichts besseres vor hatte, kam er mit zur Party. Die lief seit genau vierundzwanzig Stunden, wie wir als erstes erfuhren, als wir in dem Ohligser Reihenhaus ankamen. Anderer Stadtteil. Fast schon Düsseldorf.
Ich mochte Düsseldorf.

"Meine Eltern sind verreist", meinte der Schuß zur Begrüßung. Sie trug einen Mini-Rock. Ihre Beine waren der Knaller. Sonst war nicht viel los. Nicht mal sieben, acht Leutchen waren übrig geblieben von der letzten Nacht, und die waren aufgeputscht von wenig Schlaf, Schnaps und endloser Kifferei. Darunter drei Kölner, die gut aufeinander eingespielt um den Tisch herum saßen und einen Joint nach dem anderen bauten.

"Weisste, warum die Leute so hart und viel arbeiten? Weil die glauben, dass sie dann langsamer sterben."
Die beiden Kumpel stimmten zu. Das Trio stimmte ein Lied an, einen Kanon. Die Arbeit ist kein Frosch, sangen sie, sie hüpft, sie hüpft, sie hüpft uns nicht davon.
Dann schlugen sie sich auf die Schenkel.

"Weisste was die Erde ist? Die Erde ist der Versuchsballon in unserem Sonnensystem. Jedes Sonnensystem hat seinen Versuchsballon."
"Seinen Furzballon?"
"VERSUCHSBALLON!"
"Furzballon? Ich find Furzen gut. Nich so leise heiße Schleicher, die sind scheiße, nee, harte laute Kracher. Furze, weisste, wenn die Kleider wären, das wären Röhren-Jeans. Und nich son Ballkleid."
"Versuchsballonkleid?"
Waren die witzig.

Leon, seit Wochen im Dauerrausch, kam zu mir und entschuldigte sich, dass er mich und das Burgfräulein aus dem Ehebett seiner Eltern geschmissen hatte, auf seiner Heiligabendparty.
"Ein übler Fauxpas!" krakeelte er, weil leise sprechen war Leon nicht gegeben. Was er auch sagte, er tat es laut, und sein Lachen konnte eine ganze Party mitreißen. "Ein ganz übler Fauxpas, hör mal! Ich störe sonst NIE bei der Liebe, aber ich war SOO besoffen..!"

In der Küche saß der dicke Hansen auf dem Fußboden rum, wie eine einsame fette Trankugel. Er war blass und unrasiert. Scheiße, sah der demoliert aus.
"Was is los, Hansen?"
"Ich bin mit dem Wagen unterwegs und rühr keinen Tropfen an, Mann. Deswegen."
"Nee, is klar."

Nur ein Mal taute er auf, das war, als der Schuß ein Pizza-Taxi orderte. Da spuckte er sich in diebischer Vorfreude in die Hände, und als der Pizza-Bote endlich klingelte, stand er schon mit Messer und Gabel bewaffnet im Flur.
"MAHLZEIT, MEISTER!"
Essen war Hansens große Liebe. Er wurde mit jedem Bissen glücklicher.

Ich saß die meiste Zeit blöd rum und bekam kein Wort raus. Die Kölner mit ihrer aufgesetzten rheinischen Fröhlichkeit gingen mir auf den Sack. Ich mochte Kölner nicht besonders. Kölner meinten immer, Köln sei die lockerste Stadt im Universum. Dabei waren sie nur aufdringlich plappernde Plapperkloaken.

Die Arbeit ist kein Frosch, sangen sie wieder und der Joint kreiste, sie hüpft, sie hüpft, sie hüpft uns nicht davon. Sogar Possehl verdrehte die Augen.
"Obwohl der Text ist gut."
"Eines Tages mach ich es wie du", sagte ich zu ihm.
"Was, wie ich? Was meinst du?"
"Ich kauf mir schwarze Business-Schuhe und ein schönes Sakko, und jedes Mal, wenn ich in die Tasche greife, ist da Geld drin."

Weil nicht nur die Gulaschsuppe längst auf war, sondern auch die (angeblichen) 30 Liter Fassbier, hielt ich mich an Flaschenbier und versuchte mein Level zu erreichen. Es war die reinste Plackerei.
Ich fragte mich, warum der Schuss mich überhaupt angerufen hatte. Sie war in ein Gespräch mit Leon vertieft, doch als Hansen meinte, er wäre jetzt mal weg, ins Mumms, und ich sofort sagte, "Ich komm mit", da war sie ganz schnell bei mir und packte mich am Ärmel.

"Wo willst du hin? Warum bleibst du nicht?" funkelte sie mich böse an.
"Ich komm wieder", sagte ich. "Ich muss nur auf einen Sprung weg, was erledigen."
Völliger Blödsinn. Aber ich versprach, wieder zu kommen.

Im Mumms verlor ich mich zwischen all den vertrauten Gesichtern, zu denen ich keinen Draht hatte, und von meinen Freunden war niemand da. Kein Karlos, kein Schnaat, kein Mitsubishi Boy, kein Harry. Ich trank die Bier, die noch rein gingen.

Dann ging ich rüber in den Stahlhof. Der Stahlhof war eine harte Trinkerkneipe. Die Loserkneipe für die älteren Semester. Ich hatte mal mitten in der Nacht ein besetztes Taxi angehalten und gefragt, ob ich mitfahren könne.
"Sicher, Jungchen", lallte die Alte auf dem Beifahrersitz, stockbesoffen.
Auf der Fahrt, ich saß hinten, konnte ich die Augen nicht von ihren knochigen faltigen Händen lassen, dem Nagellack. Es war sexy, sexy und brutal. Die Adern traten hervor wie blauen Schlangen.

"Wo kommt die denn her?" fragte ich den Fahrer, nachdem er sie raus gelassen hatte.
"Aus dem Stahlhof", antwortete er, "die ist jeden Abend so blau."

Stahlhof, Montagnacht. Lauter versoffene Mehlfressen. Nur die Kellnerin hinterm Tresen machte was her, eine mittelprächtige Blondine, Pumphose, hohe schwarze Reiterstiefel, sehr resolut. Ein Bier kriegte ich gerade noch runter, dann setzte ich mich am Taxistand in das erstbeste Taxi und ließ mich nach Ohligs kutschieren, obwohl mit schwante, dass der Schuss wahrscheinlich längst nach hinten losgegangen war.

So war es denn auch. Sie lag betrunken im Bett, doch als sie mich im Türrahmen stehen sah, war sie sofort munter.
"Damit hab ich nicht mehr gerechnet.."
Ich legte mich zu ihr, (nebenan hingen die drei Kölner vor der Glotze), wir knutschten was rum und standen dann auf.

"Da ist noch was drin im Fass", sagte sie. "Lass uns noch was trinken."
"Ich denk, das wär leer."
"Fürn paar Bier reicht das noch."
Endlich lief es bei mir. Jetzt machte Trinken Spaß. Es war ein schmaler Grat, zwischen dem zwanzigsten und dreiundzwanzigsten Bier.

"Mir gefällt nicht, was du schreibst", sagte sie.
"Mir auch nicht", sagte ich. "Hast du überhaupt schon mal was gelesen von mir?"
"Klar. Bei dir auf der Schreibmaschine."
"Ach so. Ja."

Wir landeten eine Etage tiefer im Ehebett der verreisten Eltern. Diesmal zu dritt. Während ich nämlich mit dem Schuss zugange war, lag zur Linken ihre Busenfreundin, die in meiner Abwesenheit gekommen war und sich sofort ins Bett verzogen hatte. Ich kannte sie vom Sehen. Ein hübsches Ding, selbstverliebt, aber im Kern unsicher: Eine vertrackte Mischung.
Außerdem schnarchte sie.

Ich bearbeitete den Kitzler vom Schuss nach ihren Instruktionen mit der Zunge, sie kam heftig und sprudelte wie ein kleiner Zimmerspringbrunnen.
"Schlaf mit mir", forderte sie mich auf.
"Nee", sagte ich, "ich bin zu voll", dabei ging bumsen nur mit Frauen, die ich liebte.
Sie nahm meine Eier in die Hand, spielte damit, sie versuchte mir einen runterzuholen.
"Mach dir keinen Stress", meinte sie, aber schließlich lohnte sich die Ackerei, ich spritzte in den Dienstag rein.

Als ich wach wurde, war es später Vormittag. Die blonde Freundin vom Schuss lag neben mir, fast vollkommen verschwunden in den Decken. Sie schnorchelte immer noch, leise, wie unter Wasser.
Ich schnappte mir meine Klamotten und ging nach nebenan, in ein Wohnzimmer. Der Schuss hockte, die Beine angezogen, im Sessel und stierte durch die großen Fenster in den Garten. Sie trug einen schwarzen Slip und ein schwarzes Spitzenhemdchen. Es regnete. Es war still. Nicht mal eine Uhr tickte.

Ich zog mich an, sie guckte mir dabei zu.
"Termin?" fragte sie der Ordnung halber.
Ich nickte.
31.10.08 12:27


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